Karl Kraus' Protest gegen die Belanglosigkeit Jung-Wiens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

20 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erklärung der Begrifflichkeit der Kaffeehaus literatur
2.1. Kramersche Kaffeehaus.
2.2. Café Neuner / Silbernes Kaffeehaus von 1808 — 1855
2.3. Café Griensteidl von 1847 — 1897

3. Jung — Wien.

4. Wie wurden die Polemik und die Satire bei Kar1 Kraus dargestellt?.

5. Die Motivation Karl Kraus gegen Jung-Wien zu polemisieren?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Die erste große Skizze des Autors Karl Kraus ist das 1897 in Wien veröffentlichte Pamphlet „die demolirte Literatur“. Bereits im Jahr zuvor war die Schrift in einer milderen und abgekürzten Form in der von Rudolf Strauss verlegten Wochenzeitschrift „Wiener Rundschau“ erschienen. Dieses sorgte fiir ein breites Aufsehen unter der Leserschaft.' Thematisch befasst sich die Satire mit der Schließung des Cafés „ Griensteidt’, das symbolisch für den Zerfall der Wiener Dekadenz steht. Der Verfasser beschreibt in seiner sprachkritischen Skizze eine Realität, die in ihren Erklärungen und Ausdrucksformen ihrer selbst spottet. In seiner Beschreibung benutzt er satirisch-polemische Mittel. Mit dem Tite1 der „demolirten Literatur“ verwies Kraus auf seine ein Jahr zuvor gemachte Äußerung: „Wien wird jetzt zur Großstadt demolirt. Mit den alten Häusern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen und bald wird ein respektloser Spaten auch das ehrwürdige Café Grienstefdl dem Boden gleichgemacht haben 2.

Ausgehend von der in der Satire behandelten Thematik wird sich die vorliegende Arbeit mit der Fragestellung: „Karl Kraus’ Protest gegen die Belanglosigkeit Jung-Wiens“ beschäftigen. Für die Untersuchung wird zunächst ein Überblick über den historischen Hintergrund gegeben. In diesem Zusammenhang ist eine Erläuterung der Begrifflichkeit der „Café Haus Literatur“ zu definieren. Diese ergibt sich aus der Bedeutung der Kaffeehäuser als ein wichtiger Treffpunkt der Gruppe „Jung Wien“ und anderer Literaten. Nicht nur in Wien, sondern auch in anderen Meeopolen der Welt, gabes die Tradition eigene Werke in Cafés zu verfassen. Ein Kaffeehaus war der beste Rückzugsort für Autoren und gleichzeitig ein Ort abseits von der Hektik des Alltags. Wien ist sowohl heutzutage als auch früher besonders berühmt für seine Kaffeehäuser. In der „demolirten Literatur“ thematisierte Kaffeehaus ist das Café Grienste idl. Dort nahm die Gruppe der Jung-Wiener ihren Anfang. Nebst Griensteidl werden im Ver lauf dieser Arbeit auch andere Kaffeehäuser, die damals gesellschaftlich von großer Bedeutung waren, untersucht. Das dritte Kapitel befasst sich mit der Literatengruppe

„Jung-Wien“, zu deren Kern Hugo von Hofmannstah!, Arthur Schnitzler, Richard Beer-

Hofmann und Felix Salten gehörten. Das damalige literarische Feld wird von der Theoretikerin Dagmar Lorenz wie folgt zusammengefasst: „In Wien dominierte noch die

„Realistenschule“ mit Vertretern wie Ludwig Anzengruber, Marie von Ebner- Eschenbach oder Ferdinand von Saar. Dieser gegenüber hätten die Jung Wiener neue literarische Konzeptionen“ entwickelt, für die Bahr als „einflussreicher Mittler zwischen Literaturen und Literaten Europas“.' Hermann Bahr, als Mentor des „Jung Wiens“, hatte die Aufgabe ausländische Literatur in Wien zu vermitteln und somit die Wiener mit neuen literarische Richtungen vertraut zu machen. Bahr war dafür bekannt neue Autoren zu entdecken und sie zu fördern. Im vierten Kapitel werden die satirisch-polemischen Mittel, deren Karl Kraus’ sich bedient, analysiert. „Die demoliite Literatur“ vereint in sich die Satire und die Polemik. Die Einzelheiten werden ausfillirlich im Kapitel vier erläutert. Im fiinften Kapitel geht es um die Auseinandersetzungen und Konflikte zwischen Jung-Wien und Karl Kraus. Dabeisoll auch die mögliche Motivation von Kraus zu der Verfassung des Pamphlets analysiert werden. Die Kernaussagen werden im letzten Kapitel, dem Fazit dieser Arbeit, zusammengeführt und dargestellt.

2. Erklärung der Begrifflichkeit der Kaffeehauslite ratilU

Als Kaffeehausliteratur beschreibt man die Werke, die ganz oder zum Teil in Kaffeehäusem geschrieben wurden. Autoren, die solche Literatur verfassen, nennt man Kaffeehausliteraten. Wien war das Zentrum dieser literarischen Art, obwohl es auch in anderen Städten diese Tradition gab.’ Zum Stammpublikum der Wiener Kaffeehäuser gehörten die Schriftsteller Alfred Adler, Peter Altenberg, Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Hermann Broch, Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Anton Kuh, Robert Musil, Leo Perutz, Ernst Polak, Alfred Polgar, Joseph Roth, Felix Salten, Arthur Schnitzler, Friedrich Torberg und Franz Werfel. Auch Maler, wie Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka, Architekten, wie Adolf Loos und Otto Wagner und die Komponisten Franz Lehär und Alban Berg gehörten zu dem Bild des Publikums der Kaffeehäuser.’ Das Aufsuchen eines Kaffeehauses um seine Werke zu verfassen hat einen historischen Ursprung. Da die Heizkosten sehr hoch waren und ein beheiztes Zimmer ein Luxusgut, wichen viele Autoren auf die Kaffeehäuser aus. Der Josefstädter Journalist und Schriftsteller Joseph Richter berichtete in einem seiner berühmten Eipeldauerbriefe, einem satirischen Stück des josephinischen Zeitalters, das er ab 1785 ausarbeitete:

„Darauf sind wir in ein Kaffmhaus gangen, das isf dges aufgeicht worden, darrit sich d’Leut, die kdn Oft und Holz z Haus haben, warrrm können. \/\B›n de Her \/ te da dn Kaffe ode Tschokoladitrinken will, s:› rixiß der Herr Blätter est bitten, daß d“Herm, die ’Arend Stefanie. „Wiener Moderne im Dialog mit Frankreich“ In: Innere Form Heidelberg 2010 S.12 sich da warnen, den Herrn hätten Platz machen. Aber einige mü gar sehr afroren seyn; denn wie ich und de Herr \ tte Kafe trunken haben, so haben sie sich rrit den Hintern auf unsern Tisch gsetzt und habe sich am Kafedunst gwarmt.

Ein anderer Aspekt war die Tatsache, dass die Kaffeehäuser als ein Rückzugsort, gar als ein Fluchtraum, vor dem geschäftigen Leben fundierten. Die Autoren konnten dort alleine mit ihren Gedanken bleiben und sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Heimito von Doderer schrieb diesbezüglich in seinem Roman „Strudlhofstiege“: " l n V\to geht man ins Gafe um sich zurücI‹zuziehen, und join setzt sch, insei bildmd, so wät wie möglich von jwiwn anderen." Nebst der Arbeit an ihren literarischen Werken, stellten viele Autoren ihre Arbeiten in einer Literaturrunde vor. Diese diente vor allem einem Feedback und galt der kritischen Betrachtung der einzelnen Ausführungen.

Man sollte nicht vernachlässigen, dass ein echtes Wiener Kaffeehaus auch ein Zeitungshaus war. Die Lektüre der Zeitung war dem Kaffeegenuss fast gleichzusetzen.’ Eine Tageszeitung war oft nur in Kaffeehäusern verfügbar, denn ein Abonnement war meistens sehr teuer und nicht jeder Kiosk verfügte Über eine Lizenz für den Verkauf. Somit hatten die Besucher der Wiener Kaffeehäuser die Möglichkeit mit Gleichgesinnten oder auch geistigen Opponenten zu kommunizieren und kulturelle Diskussionen zu fiihren.9 Laut Stefan Zweig war das Cafe die So wußten wir alle, was in de \/\AIt vorging, aus este Hand, wir afuhrec von jenem Buch, das erschim, von ja:le Aufführung, wo immer sie stattfand, und veglicher\ in alle Zeitungen die Kritiker; nichts hat vielleicht so viel zur inteIId‹tueIIen Bez/eglichket und intenationalen Orientierung dv Österdches bdgdragen, als dass e im Kaffeehaus sich über alle \örgänge de \/\éIt so umfassend orientieen und sie zugldch im fraJndschaftlichen Kreis diskutiert konnte.”

Die Doppelfunktion des Kaffeehauses ermöglichte den 'Gästen einen Blick auf die Politik, Wirtschaft und Kultur ihrer Zeit und gewährleistete einen Platz und Ruhe zum Schreiben. Bereits seit dem 18. Jahrhundert war das Kaffeehau* ein Ort fiir viele wichtige Anlässe. Durch die Koexistenz von Stille und Lärm, Konzentration und Lebendigkeit und der Möglichkeit zum Essen und Trinken war das Kaffeehaus eine „Heimstätte“ vieler Schriftsteller.'2 Im Rorrenischm Oaf5 in Berlin wurden Vemäge geschlossen, Zeitschriften geplant und Karrieregespräche geführt. Eine so zentrale Rolle in einer Stadt nahm nicht jedes Café ein." Sowohl in der Vergangenheit als auch in der heutigen Zeit sind Kaffeehäuser und Kaffeehausrunden somit eine ideale Mischung aus Privatem und Öffentlichkeit. Die „Kaffeehausliteraten“ bauten eine enge Verbindung zu ihren Literatuminden, verfassten mit anderen Mitglieder gemeinsame Texte, die primär nicht der Veröffentlichung, sondern dem Vergnügen dienten. 15 Als Kaffeehausliteraten galten in Wien vor allem die Autoren des „Jung- Wien“ und Schriftsteller wie Peter Altenberg, Alfred Polgar, Egon Friedell und Anton Kuh.

Peter Altenburg hatte sogar das Café Central als seine Heim-Anschrift angegeben.

Nebst den bereits erwähnten Eigenschaften verfügte ein Kaffeehaus über eine einzigartige Atmosphäre, die durch Zufälle und Unvorhergesehenes beherrscht wurde. Wie Alfred Polgar beschrieb, waren die Treffen in den Kaffeehäusern oft nicht vorab organisiert. Die Unbeständigkeit der Gäste, deren unregelmäßige Zusammentreffen und der Verzicht auf formale Beschliisse wie Teamregeln, hatten zu spontanen Gesprächsbereitschaften beigetragen.

2.1. Kramersche Kaffeehaus

Das Kramersche Kaffeehaus, das erste literarische Kaffeehaus, wurde 1719 von Jakob Kramer gegründet und wurde gerne auch Gelehrtes Kaffeehaus genannt.'

2.2. Das Neune rsche Kaffeehaus

Café Neuner, das von 1808 bis 1855 existierte, war wegen der eleganten Ausstattung weitaus bekannter als andere Häuser, wie z.B. das Neunersche Kaffeehaus, und erhielt den Beinamen Silbernes Kaffeehaus. Hier trafen sich die Dichter Lenau, Grillparzer, Bauernfeld, Castelli, sowie die Komponisten Strauß, Beethoven und Lanner. ' Das Neunersche Café war bei der Regierung nicht erwünscht, da man die Atmosphäre des Kaffees für das Bestehende bedrohlich fand. Zudem darf man nicht vergessen, dass das Neunersche Café in gewissem Maße dazu beigetragen hat die revolutionären Begebenheiten des Jahres 1848 vorzubereiten."

2.3. Café Grie nsteidl von 1847 — 1897

Spätestens seit Karl Kraus 1869 anlässlich des Abrisses des Cafés Grimstä dl sein Feuilleton „die demolierte Literatur“ benannte, besteht ein fester Zusammenhang zwischen dem Kaffeehaus und der Literatur. In Wien sind diese beiden Begrifflichkeiten so eng miteinander verwoben, dass es die Meinung gibt wer das Kaffeehaus zerstört, zerstöre gleichzeitig auch die Literatur.2’

Das nach dem Apotheker Heinrich Griensteidl benannte Gafe Griendeidl war die Nachfolge des Litaaturcafé Nenner . Zunächst war das GtieDdei dl ein politisches Kaffeehaus. Wegen seiner zentralen Lage am Michaelerplatz entwickelte es sich zu einem Treffpunkt für Schauspieler des Burgtheaters, sowie flir die Dichter Franz Grillparzer und Ludwig Anzengruber.

BerÜhmt als ein literarisches Kaffeehaus wurde das Griwldei dl mit Hermann Bahr und seiner Literaturgruppe. Die Mitglieder dieser Runde waren Persönlichkeiten wie Arthur Schnitzler, der junge Hugo von Hofmannstahl, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann, Felix Dörmann und Leopold von Andrian.2' Wien unterschied sich während der letzten Jahre der Habsburgermonarchie vor allem auf dem kulturellen Gebiet und durch die große Anziehungskraft von anderen Großstädten. Das Café erlebte zu dieser Zeit seinen Höhepunkt als ein literarischer Ort. Die wichtigsten Kaffeehäuser befanden sich im Zentrum der Stadt.2' Wien war für das geistige Leben ein Ort von einer außerordentlichen Stärke und sehr gefühlsbetont. Außer durch die mehr oder weniger berühmten Schriftsteller und Künstler, wiirde die eigentliche Publikumssubstanz der Kaffeehäuser von der intellektuellen Schicht gebildet. Laut Dubrovic waren diese Leute verschiedenen Alters und aus unterschiedlichsten

Berufsgruppen. Durch ihr Bedürfhis hoben sich diese jedoch von der durchschnittlichen - Bevölkerung ab. Sie hatten das Bedürfnis über die Vorgänge in der Literatur, Kunst und der Wissenschaft einen Meinungsaustausch zu führen.'3 Das Kaffeehaus war, wie Alfred Zöhner so aussagekräftig gesagt hatte, der „Hauptstapel und Umschlagplatz von Zeitideen“. Bei diesen Gesprächen „sprühten Gedanken und Erkenntnisse, Geistigkeiten köstlicher Art wurden verschwenderisch und mit der Achtlosigkeit großen inneren Reichtums verstreut, und wer diese Unterhaltungen am Kaffeehaustisch, in denen Hoßnannstahl, Schnitzler, Beer- Hofmann mit höchster Grazie und blendender Bravour gleichsam geistig manschettierten, damals festgehalten und in ein Buch gedrängt hätte, könnte sich rühmen,eines der künstlerisch freiesten, anmutvollsten, offenbarendsten Dokumente der modernen Seele aufbewahrt zu

haben. 2‘ Diese Aussage betont die ehrfürchtige Einstellung und das Geliihl geehrt zu sein sich im selben Raum mit den „Jung Wienem“ zu befinden. Nach dem ersten Weltkrieg wurden diese alten Wertvorstellungen erodiert. Es bildete sich ein Vakuum in der Gesellschaft und es herrschte eine Orientierungslosigkeit.2’ Bei den Intellektuellen dieser Zeit herrschte ein Gefühl von Sinn und Wertekrise.

In der heutigen Zeit spielen Kaffeehäuser in der literarischen Gesellschaft keine so große Rolle wie damals. Das einzige Überbleibsel dieser Zeit sind die manchmal in Kaffeehäusem stattfindende Autorenlesungen.

3. Jung — Wie n

„Damals, vor fünf, sechs Jahren als der Hermann Bahr von uns fortging, da gabes ein Jung- Wien noch nicht ' 6, mit dieser Aussage macht sich der Berliner Journalist Franz Servaes auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Jung-Wien! ?“ seit wann gibt es das?‘ 27 Sein zu

Beginn des Jahres 1897 erschienener Aufsatz macht deutlich, dass die Anfänge des Jung Wiens mit Hermann Bahr verbunden sind. Die Suche nach der Lösung der Frage lässt sich auf die späten achtziger Jahre zurückführen und beinhaltet Persönlichkeiten wie Schnitzler, Hofmannstahl, Beer-Hofmann, Salten, Dörmann, Goldmann, Specht, Lothar, Ebermann, Schwarzkopf, Robert Fischer und Paul Fischer, die Ende 1890 zusammengefunden haben. Die

Literaten trafen sich in Wiener Kaffeehäusern, dem Cafe Central, Union. Pfob und der Kugel. Jedoch war das Café Griensteidl ihr beliebtester Treffpunkt. 28 Auch Privatwohnungen der

Literaten dienten der gemeinsamen Treffen, man unternahm gemeinsame Ausflüge und ‘

verbrachte Zeit miteinander.2’ Bei den Treffpunkten besprach man die neusten Nachrichten aus Europa, neue literarische Werke oder besuchte Theatörauffiihrungen. 30

Die Grundstütze des Jung Wiens bildeten die Autoren Schnitzler, Hofmannstaht Beer- Hofinann und Salten. Diese wurden von Anton Lindner, einem deutschsprachigen Lyriker,

„Clique“ im Zusammenhang mit der Gruppe, der sich 1893 Leopold von Adrian anschloss, auf Auch wenn man die Gruppe als ein fest miteinander verbundenes Glied ansehen konnte, gabes auch viele Spannungen unter den Mitgliedern.’ In „Einführung in die Literatur der Wiener Moderne“ werden die Jung Wiener eher als ein „loser Verbund junger Schriftsteller mit gemeinsamen Vorstellungen darüber, was Literatur jenseits des Realismus und Naturalismus zu leisten imstande sein könnte, als eine eingeschworene Gruppe“ bezeichnet.

Ein geeignetes Beisp ie[ um die angespannten Verhältnisse zu verdeutlichen, ist die Beziehung von Hugo von Hoffmannstahl und Schnitzler. Obwohl sie durch den Literaturzirkel eng miteinander verbunden waren und gemeinsame Interessen hegten, verdeutlicht der gemeinsame Briefäustausch die bestehende Distanz zwischen den Beiden. Besonders das Siezen ist ein geeignetes Beispiel hierfür.” In einem Tagebucheintrag schreibt Schnitzler, dass die Gesprächsthemen stets „das rein intellectuelle“ thematisierten und nie das Persönliche.3‘ Seine Ehefrau fänd jedoch für die Beziehung zwischen Schnitzler und von

Hoffmannsthal andere Worte: „eine tiefere Bindung, die sich fast in kleinen Antällen von Eifersucht bemerkbar machte.“3’

Anfang der neunziger Jahre kam es zu Abschirmung der Jung Wiener von der herkömmlichen österreichischen Literatur. Diese Trennung konnte man v.a. in den Zeitschriften und im Verlagswesen beobachten. Es gab nur wenige Zeitschriften bzw. Publizisten, die die Jung Wiener Literatur veröffentlichen wollte. Die Zeitschrift „Moderne Dichtung/Moderne Rundschau“ stand den Autoren als einzige Option zur Verfügung. Die Auflage der Zeitschrift und das mangelnde Interesse des Publikums machten eine zufriedenstellende Resonanz und

eine eigene Veröffentlichung unmöglich.36

Jüngere, modernere Autoren, wie Karl Kraus, der seine Kritik am deutlichsten hervorbrachte, gingen auf Distanz zu der Gruppe.

4. Wie wurde n die Pole mik und die Satire bei Karl Kmus dargestellt?

Karl Kraus beschreibt in seiner sprachkritischen Skizze eine Realität, welche durch ihre Erklärungen und Ausdrucksformen ihrer selbst diffamiert. Dabei behilft sich der Verfasser satirisch-polemischer Mitteln." Es bedarf einer Definition des Begriffen der „Polemik“, wobei diese literarische Form seit der Zeit der Gebrüder Grimm keine große Beachtung in der Germanistik bekam. In literaturwissenschaftlichen Wörterbüchern fehlt jede Erwähnung der Polemik. Auf den Begriff der „Poetik“ folgt zumeist die „Politik“." In dem Fremdwörterbuch

„Duden“ wurde die geisteswissenschaftliche und die umgangssprachliche Bedeutung von dem Begriff der Polemik separat erklärt:

„ Polerrik -die ; en 1. Literarische oder wissenschaftliche Auseinandersetzung, wissenschaftlicher Meinungsstreit, literarische Fehde.2, unsachlicher Angriff, scharfe Kritik“ "

Der Theoretiker Arntzen benennt wie folgt ebenfalls zwei Arten der Polemik. Die Eine, die Individuen und Zustände angre ift und die Zweite, die den Angegriffenen in eine satirische Figur verwandelt. Dabei verwendet er die Begriffe der „Intensivierung“ und der

„Komprimierung 4’

Der Unterschied zwischen Satire und Polemik besteht darin, dass die Satire die Diskrepanz zwischen der wahren Wirklichkeit und dem aktuellen Zustand der menschlichen Dinge behandelt. Sie beschränkt sich nicht auf einzelne Tatbestände und prangert den Zeitgeist der L iteratur. Die Polemik hingegen wählt einen bestimmten Gegner, der zu einem Gegenpart wird." Das Ziel der Polemik ist begrenzt, eindeutig und klar. Die Polemik ist an ihr Objekt gebunden." Satire ist allgemein, bei ihr geht es nicht um den Einzelfall, sondern um das Allgemeine. So wird in der „demolierten Literatur“ mit der Bezeichnung des Kellners ein Typus gemeint, der ein repräsentativ belustigendes Bild seines Berufes darstellt.4' Es herrscht in der Literatur so eine Meinung, dass jede Zeit ihren eigenen Satiriker verdient. In der Person von Kraus sehen wir die Bestätigung dieser Meinung. Der Zustand von einer Zeit stellt die Satire und Satiriker her.4’ Polemik ist immer eine Ausdrucks form der Aggressivität, die verbal bedingt ist. Solange brutale Gewalt und Ungerechtigkeit in einer Gese llschaft herrschen wird, wird die Polemik ihren Fortbestand finden. Karl Kraus kommt dieser brutalen Gewalt am schärfsten wörtlich entgegen und äußerte sich stets kritisch über seine nichtsatirischen Kollegen. Ein geeignetes Beisp ie1 stellt die Gewaltanwendung der Polizei während der Julidemonstrationen 1927 in Wien und der Maidemonstrationen 1929 in Berlin dar. Seine kritischen Leistungen wurden bewusst vernachlässigt und als „widerlich“ empfunden." Eine derartige Beurteilung kann man als feindselig empfinden, da der Me inung der anderen Seite kein Gehör geschenkt wird. Durch die massive Abneigung gegen Kraus wurde eine ablehnende und falsche Einstellung gegenüber seiner Arbeit bei den Menschen hervorgerufen. Laut Kraus ist liegt der größte Teil der Schuld bei der Presse. Demiuch zerstörte die Presse den zentralen Wert der Kultur, sowie auch die Identität des Wortes und der Wahrheit.“ Charakteristisch für Kraus war, dass seine Kritik nicht pauschale Verallgemeinerung, sondern konkrete Negation war. Seine Rezensionen gewannen nur dann Interessen, wenn sie gegen etwas geschrieben waren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Karl Kraus' Protest gegen die Belanglosigkeit Jung-Wiens
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
1.7
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V412856
ISBN (eBook)
9783668639348
ISBN (Buch)
9783668639355
Dateigröße
5939 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
karl, kraus, protest, belanglosigkeit, jung-wiens, Wiener Moderne
Arbeit zitieren
Gulara Heydarova (Autor), 2017, Karl Kraus' Protest gegen die Belanglosigkeit Jung-Wiens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412856

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