Faktoren und Auswirkungen des zweiten niederdeutschen Schreibsprachenwechsels im Generellen mit einem Blick auf Lübeck


Hausarbeit, 2017

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Mittelniederdeutsche

3. Der zweite deutsche Schreibsprachenwechsel
3.1 Generelle Faktoren
3.2 Entwicklung des zweiten Schreibsprachenwechsels
3.2.1 Schreibsprachenwechsel bei den Fürsten
3.2.2 Schreibsprachenwechsel bei der Bevölkerung
3.2.3 Die drei Phasen des zweiten deutschen Schreibsprachenwechsels ..
3.2.4 Die Rolle Lübecks
3.3 Auswirkungen des Schreibsprachenwechsels

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der zweite deutsche Schreibsprachwechsel ist eine der prägendsten und bedeutendsten sprachlichen Veränderungen in der deutschen Sprachgeschichte. In einer vergleichsweise kurzen Zeit wurde das Mittelniederdeutsche, welches durch die Vormachtstellung im norddeutschen Raum ein breites Einzugsgebiet besaß, vom Neuhochdeutschen ersetzt. In nahezu allen Bereichen wurde die Zweigliederung des Mitteldeutschen aufgehoben und das Niederdeutsche verdrängt.

Ziel dieser Hausarbeit ist es den zweiten Schreibsprachenwechsel vom mittelniederdeutschen zur neuhochdeutschen Schriftlichkeit in einem allgemeinen Überblick über die komplette „Niederdeutsche“ Region zu beleuchten. Eine detaillierte Analyse verschiedener Faktoren und Ursachen findet außerdem an ausgewählten Beispielen der Region Lübeck statt. Lübeck ist hierbei für eine genauere Analyse besonders prädestiniert, da die Stadt das Handelszentrum der Hanse war und die Vereinheitlichung der mittelniederdeutschen Schriftsprache, welche auch lübische Norm genannt wird, in eben dieser Stadt vorangetrieben wurde. Entscheidend ist nun, inwiefern die Schwächung der Hanse mit dem zweiten Schreibsprachenwechsel in Lübeck zusammenhängt.

Fundament ist jedoch ein genereller Überblick über den zweiten Schreibsprachenwechsel des Niederdeutschen, welcher im 16. und 17. Jahrhundert stattfand. Hierbei handelt es sich um eine der bedeutendsten sprachlichen Veränderungen im deutschen Sprachraum, welche in zahlreichen Fachliteraturen Erwähnung fand. Als Grundlage dieser Hausarbeit dient insbesondere der Text Die Veränderung der mittelniederdeutschen durch die neuhochdeutsche Schriftsprache von Artur Gabrielsson.

Als Einstieg dient hierbei eine kurze Einführung in das Mittelniederdeutsche und die Entstehung der lübischen Norm. Darauf aufbauend werden die Faktoren des zweiten Schreibsprachenwechsels und dessen Ablauf genauer betrachtet. Im Anschluss wird dann die spezielle Situation in Lübeck begutachtet und es werden verschiedene Faktoren herausgearbeitet.

2. Das Mittelniederdeutsche

Beschäftigt man sich mit dem zweiten deutschen Schreibsprachenwechsel, ist es entscheidend die vorige Sprachsituation zu erläutern. Während der Zeit vor dem Schreibsprachenwechsel wurde in Norddeutschland Mittelniederdeutsch gesprochen.

Generell beschreibt der Begriff Mittelniederdeutsch die Phase, welche zwischen dem Altsächsischen/Altniederdeutschen und dem Neuniederdeutschen liegt. Dennoch dient dieser Begriff „vielmehr als Sammelbegriff für eine Gruppe nahe verwandter Schreibsprachen“ (Peters, 2000 B: 1478). Diese haben jedoch teilweise einen Vereinheitlichungsprozess durchlaufen. Robert Peters verwendet hierbei den Begriff des klassischen Mittelniederdeutsch. Dieser Zeitraum „in der die lübische Varietät über Norddeutschland hinaus als überregionale Verkehrssprache fungiert, reicht von etwa 1370 bis etwa 1530“ (Peters, 2000 B: 1483). Trotz des Ziels der einheitlichen mittelniederdeutschen Schriftsprache kam es zu keiner Unterdrückung der regionalen Varietäten. Dies ist zum Beispiel im Magdeburger Schriftverkehr durch das Schreiben des mik und juk anstelle des schriftsprachlichen mi und ju zu erkennen (vgl. Bischoff, 1983: 115).

Generell ist zu erwähnen, dass sich das Gebiet des Mittelniederdeutschen im Vergleich zum Sprachgebiet des Altsächsischen deutlich erweitert hat. Gründe hierfür sind die Verdrängung des Friesischen im westlichen Bereich und die Verdrängung des Jütischen in Schleswig. Ein weiterer äußerst wichtiger Grund ist die Erweiterung des deutschen Sprachgebietes im Osten. „Holsten, Nordniedersachsen, Ostfalen, Westfalen und Niederländer sind als Siedler eingezogen und haben Städte und Dörfer angelegt und ausgebaut“ (Bischoff, 1983: 99). Diese wurden übrigens im späteren Verlauf hauptsächlich durch den Anschluss von Preußen in einen hochdeutschen Sprachraum zusammengeführt. Da die Kolonialisten jedoch aus unterschiedlichen Dialekträumen der niederdeutschen Region stammten, entstand eine Ausgleichssprache, welche durch ihre gleichermaßen starke Nähe zu allen Dialekten des Niederdeutschen besonders geeignet war, als Schriftsprache zu dienen. Durch die Vormachtstellung der Hanse und ihre wirtschaftliche und regionale Bedeutsamkeit lag das Zentrum dieser Entwicklung in Lübeck. In dieser Zeit fungierte diese lübische Varietät als überregionale Verkehrssprache. Durch verschiedene Einflussfaktoren verringerte sich jedoch der Rang des Mittelniederdeutschen als Schriftsprache im Ost- und Nordseeraum. Diese Einflussfaktoren gilt es nun im folgenden Abschnitt zu benennen und zu erläutern. Durch die Bedeutsamkeit der Stadt Lübeck in der Festigung des klassischen Mittelniederdeutschen als Standardschriftsprache wird es besonders interessant sein, Faktoren in Bezug auf die Stadt Lübeck zu nennen.

3. Der zweite deutsche Schreibsprachenwechsel

Im folgenden Abschnitt werden sowohl die Faktoren als auch die Entwicklung des zweiten deutschen Schreibsprachenwechsels beschrieben. Des Weiteren werden verschiedene Auswirkungen benannt. Generell vollzog sich der Schreibsprachenwechsel über vier bzw. fünf Generationen. Diese Zeitspanne ist bemerkenswert kurz, wenn man bedenkt, dass es sich beim Hochdeutschen um eine nahverwandte, jedoch im regionalen Sprachgebrauch nicht übliche Sprache handelte. Entscheidend ist hierbei die genaue Analyse verschiedener Faktoren und deren Wechselwirkungen.

3.1 Generelle Faktoren

Artur Gabrielsson nennt vier verschiedene Faktoren, welche zum Niedergang der mittelniederdeutschen Schriftsprache führten. Eine der benannten Ursachen war das Erstarken der europäischen Nationalstaaten, welches den Niedergang der Hanse und damit auch den Niedergang der Hansesprache herbeiführte. Wie bereits im vorherigen Abschnitt beschrieben, erlangte das Mittelniederdeutsche hauptsächlich durch die Vormachtstellung der Hanse und die daraus folgende Ausweitung ihres Einflussgebietes ihre größte Ausbreitung.

„Mit dem Rückgang ihrer Bedeutung mu[ss]te auch die Sprache der Hanse gefährdet sein“ (Gabrielsson, 1983: 120). Hauptgrund des Rückganges der Hanse waren insbesondere die „nationalstaatlichen Interessen im Norden und Westen Europas“ (Gabrielsson, 1983: 120). Die Könige aus Dänemark und Schweden folgten eigenen nationalen Interessen und trafen damit auch zukunftsträchtige Entscheidungen die gegen die Hanse waren, wie zum Beispiel die Begünstigung der Sunddurchfahrt und des Handels im Ostseegebiet für die Niederländer. 1565 betrug der prozentuale Anteil der niederländischen Sunddurchfahrten von allen Schiffen bereits 86 %. Auch der Versuch „die alte Vormachtstellung mit Waffengewalt im Alleingang gegen Dänemark zurückzugewinnen, scheitert[e] kläglich“ (Gabrielsson, 1983: 121). Diese Niederlage sicherte Dänemark endgültig die Macht im Ostseeraum. Auch im Westen erstarkte die Konkurrenz der Hanse, was sich auch negativ auf die Stellung des Mittelniederdeutschen als führende Handelssprache im nördlichen Raum auswirkte. Die eigentliche Rolle der Hanse wurde hierbei von staatlich unterstützten Handelsgesellschaften ausgeführt, welche teilweise, wie zum Beispiel die Merchant Adventures, Handelsstützpunkte im hansischen Gebiet besaßen. 1598 wurde dann endgültig die Hanse durch die Schließung des Londoner Hansekontors aus England und aus dem Tuchgeschäft verdrängt.

Auch der immer größere Einfluss von süddeutschen Städten auf den Handelsmarkt schwächte die Hanse und die Stellung Lübecks als Handelszentrum. Besonders die Niederlassung der Fugger in Leipzig bewirkte einen hohen Stellenwert und löste Lübeck allmählich als Handelszentrum ab (vgl. Gernetz, 1980: 65). Dies trifft auch das Mittelniederdeutsche, welches in der einheitlichen Form auch als lübische Norm/Varietät bezeichnet wird. Weitere Gründe, welche auch die oben genannten Auswirkungen als Konsequenz haben, „sind schließlich die wachsende, durch divergierende Interessen bedingte Uneinigkeit unter den Mitgliedern der Hanse [...]“ (Gabrielsson, 1983: 122). Tragend hierbei war, dass diese Uneinigkeit zwischen verschiedenen Handelsstädten wie zum Beispiel Danzig und Lübeck, den Fuggern verschiedene Geschäfte in Danzig ermöglichte. Verschiedene norddeutsche Städte verloren das Vertrauen in Lübeck als Vertreter ihrer Interessen, da Lübeck besonders um die Wahrung der hansischen Privilegien bemüht war. Abseits vom wirtschaftlichen und politischen Abstieg kam es auch zu einem kulturellen Niedergang in der Hanseregion. Letzte literarische Werke vom hohen künstlerischen Rang“ (Gabrielsson, 1983: 124) wie zum Beispiel der Reynke de Vos und der Lübecker Totentanz sind während der Wende vom 15. Jahrhundert zum 16. Jahrhundert entstanden und fanden auch ihren Zuspruch als hochdeutsche Fassung. Besonders auch dieser kulturelle Niedergang schwächte das Selbstbewusstsein der Bewohner und sensibilisierte diese für humanistische Strömungen aus dem Mittel- und Süddeutschen Bereich. Auch aufgrund dieser Tatsache erhielt „der Humanismus in der religiösen Färbung, die er vor allem durch das Wirken Phillip Melanchthons in dem Zentrum der Reformation, Wittenberg, erhalten hat, seinen Einzug in Norddeutschland [...]“ (Gernetz, 1980: 65).

Eine weitere Ursache für den zweiten Schreibsprachenwechsel ist die Verdrängung des Mittelniederdeutschen in den Kanzleien und im amtlichen Schriftverkehr. Diese Entwicklung fand ihre Anfänge Ende des 15. Jahrhunderts, als das römische Recht eingeführt wurde, da das Niederdeutsche im römischen Recht nicht anerkannt wurde. Der daraus entstandene Schriftverkehr zwischen den norddeutschen Kanzleien und dem Reichskammergericht in Speyer musste in Hochdeutsch abgehalten werden, da in Speyer kein Niederdeutsch verstanden wurde. Ausnahme fand dies in Texten, welche auch von der norddeutschen Bevölkerung verstanden werden mussten, wie zum Beispiel die EmdenerFuhrleuteverordnung von 1656.

Der Kompetenzbereich für Juristen erweiterte sich um das Sprechen und Schreiben der hochdeutschen Sprache. Dies führte auch zu einer Abwanderung von Studenten des Rechts in hochdeutsche Sprachgebiete, da Juristen gefragt waren, welche das Hochdeutsche verstanden und mit allen fürstlichen und städtischen Kanzleien kommunizieren konnten. Während der Phase des Mangels an geeigneten norddeutschen Juristen wurden Juristen aus anderen Regionen nach Norddeutschland gesandt. Keine primären Faktoren für den zweiten Schreibsprachenwechsel waren, anders als in Fachliteratur von Kluge und Beese erwähnt, nach Gabrielsson die Reformation und der Buchdruck (vgl. Gabrielsson, 1983: 122). Sicherlich war die Reformation im Zusammenhang mit dem Buchdruck und dem Veröffentlichen von Flugblättern jedoch ein wichtiger Grund, da es so zu einer grundlegenden Konfrontation mit der neuhochdeutschen Sprache und einer entsprechenden Vereinheitlichung kam.

3.2 Entwicklung des zweiten Schreibsprachenwechsels

Der zweite deutsche Schreibsprachenwechsel entwickelte sich während eines Zeitraumes von vier bis fünf Generationen, bis das Neuhochdeutsche in Norddeutschland komplett anerkannt und geschrieben wurde (vgl. Gernetz, 1980: 50). Abgesehen von den an mitteldeutsche Sprachräume grenzende Regionen wie beispielsweise Berlin, dauerte der Schreibsprachenwechsel in der Regel im städtischen Bereich ungefähr 100 - 120 Jahre.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Faktoren und Auswirkungen des zweiten niederdeutschen Schreibsprachenwechsels im Generellen mit einem Blick auf Lübeck
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V412993
ISBN (eBook)
9783668643536
ISBN (Buch)
9783668643543
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
faktoren, auswirkungen, schreibsprachenwechsels, generellen, blick, lübeck
Arbeit zitieren
Christian Schmidt (Autor), 2017, Faktoren und Auswirkungen des zweiten niederdeutschen Schreibsprachenwechsels im Generellen mit einem Blick auf Lübeck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412993

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