Festivalisierung der Stadtentwicklung. Auswirkungen von Megaevents auf die Wohnraumversorgung im Globalen Süden


Hausarbeit, 2016
16 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Festivalisierung der Stadtpolitik: Gründe, Ziele und Folgen

3. Mega-Events im Globalen Süden: Die FIFA-Weltmeisterschaften 2010/2014.
3.1. Strukturelle Besonderheiten
3.2. Die FIFA-Weltmeisterschaft 2010: Südafrika
3.3. Die FIFA-Weltmeisterschaft 2014: Brasilien

4. Festivalisierung und Wohnraumversorgung
4.1. Informelle Siedlungen als zentrale Herausforderung projektbezogener
Stadtentwicklung.
4.2. Fallbeispiel Südafrika: N2 Gateway Housing Project
4.3. Fallbeispiel Brasilien: Favela Pavão-Pavãozinho-Cantagalo
4.4. Auswirkungen

5. Fazit

6. Quellen

1. Einleitung

Ob Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaft - Megaevents erregen globale Aufmerksamkeit. Und wo Aufmerksamkeit ist, ensteht auch Raum für Veränderungen: Sportliche und kulturelle Großevents bestimmen zunehmend Image, Politik und Zukunft ihrer Ausrichterstädte und -staaten. Vor allem Schwellenländer des Globalen Südens setzen zunehmend auf die Wirkung globaler Großveranstaltungen, um stadtpolitische Entwicklungen anzustoßen.

In der folgenden Arbeit werden zunächst Gründe, erhoffte Ziele und Folgen der zunehmenden Festivalisierung der Stadtpolitik erklärt. Anhand der politischen Ausgangslage und erhoffter eventinduzierter Entwicklungen der Gastgeberländer der FIFAWeltmeisterschaften 2010 und 2014, Südafrika und Brasilien, wird näher auf die besonderen Bedingungen und Schwierigkeiten der Festivalisierung im Globalen Süden eingegangen. Abschließend soll durch Betrachtung wohnungspolitisch relevanter Maßnahmen im Eventkontext eine Beurteilung der gesellschaftspolitischen Wirkung stadtpolitischer Festivalisierung ermöglicht werden.

2. Festivalisierung der Stadtpolitik:

Gründe, Ziele und Folgen Ob Bundesgartenschau in Bayreuth, Eurovision Song Contest in Stockholm, EXPO in Antalya oder Olympische Spiele in Rio de Janeiro: Sportliche und kulturelle Großevents bestimmen zunehmend Image, Politik und Zukunft ihrer Ausrichterstädte und -staaten. Bereits 1993 beschrieben Häußermann und Siebel das Phänomen der stadtpolitischen Instrumentalisierung von Großveranstaltungen in ihrer Festivalisierungsthese. So wird der Eventkontext zunehmend zur konzentrierten, beschleunigten Mobilisierung von Geldern, Arbeitskräften und Medienaufmerksamkeit auf ein räumlich und zeitlich begrenztes, thematisch fokussiertes Prestigegroßprojekt genutzt, dessen Auswirkungen weit über die bloße Ausrichtung des Events hinausreichen. (Häußermann/Siebel, 1993)

Dabei hat sich die politische wie wirtschaftliche Bedeutsamkeit dieser Megaevents bis heute nur weiter verstärkt. Die Gründe für diese Entwicklung sind untrennbar mit ab den 1980er Jahren einsetzenden wirtschaftlichen Veränderungen in Folge neoliberaler Globalisierungsprozesse verbunden. Städte sehen sich im Zuge der Öffnung der Weltmärkte und der Internationalisierung des Kapitalverkehrs immer mehr in einem nationalen wie internationalen Wettbewerb um staatliche Subventionen, privatwirtschaftliche Investitionen, qualifizierte Arbeitskräfte und Produktionsstandorte. Um diesem Konkurrenzkampf standhalten zu können entwickelte sich eine unternehmerische Form der Stadtpolitik mit Ziel der privaten Kapitalakkumulation. Im Zuge dessen veränderten und erweiterten sich auch Kompetenzen und Aufgabenbereiche kommunaler Politik - von der bloßen Verwaltung nationalstaatlicher Politik, die sich maßgeblich auf die Durchführung sozialer und infrastruktureller Maßnahmen wie etwa dem Wohnungsbau und der Stadterweiterung beschränkte, hin zur verstärkten Steuerung des Wirtschaftswachstums durch Initiierung von Unternehmensansiedlungen und Förderung des Immobilienmarktes. Städte agieren dabei immer mehr nach den Prinzipien der privaten Marktwirtschaft. Im Rahmen von Kooperationen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, den Public Private Partnerships, erhalten private Wirtschaftsakteure, und somit auch privatwirtschaftliches Kapital, zunehmend Zugang zu potentiell rentablen, zuvor rein staatlichen Aufgabenbereichen, wie etwa dem öffentlichen Nahverkehr oder dem Wohnungsbau (Heinz, 2004). Es erfolgt ein Wandel von einer rein staatlich-hierarchisch geprägten Regierung hin zu einem partnerschaftlichen Verhältnis von privaten und öffentlichen Akteuren bei der Bewältigung öffentlicher Aufgaben, das die Grenzen zwischen Staat und Markt immer mehr verschwimmen und undurchsichtiger werden lässt: „government“ wird abgelöst von „governance“. (Heeg/Rosol, 2007)

Im Kampf um globale Sichtbarkeit entwickelte sich das City Marketing als gängige Strategie der unternehmerischen Stadtpolitik. So soll durch selektive Hervorhebung natur- oder kulturräumlicher Eigenschaften und Besonderheiten die Stadt inszeniert und ein bleibendes Image geprägt werden (Mayer, 1990). Als besonders effektives Mittel des City-Marketings etablierte sich aufgrund der großen medialen Aufmerksamkeit die Ausrichtung von Megaevents.

Die Ausrichtung von Megaevents ist als öffentlich-private Kooperation, also als Public Private Partnership, zu verstehen, bei der sich national- und stadtpolitische Interessen der Ausrichterstaaten und -städte mit Profitinteressen wirtschaftlicher Akteure, der global players, für das gemeinsame Ziel der erfolgreichen Eventausrichtung vermengen. (Steinbrink et al., 2015)

Mit der Ausrichtung eines Events auf globaler Skala versprechen sich Ausrichterstaat und stadt durch das erhöhte Maß globaler Sichtbarkeit eine Profilierung als kulturelle, politische und wirtschaftliche Macht, sowie die Generierung von Einnahmen aus ausländischen Direktinvestitionen, staatlicher Subventionierung, steigenden Touristenzahlen und positiven Effekten auf den Arbeitsmarkt. Der durch das fest definierte Zeitlimit generierte planerische und politische Handlungsdruck, sowie die neu vorhandenen finanziellen Mittel können als Anstoß und Legitimation ohne notwendige Zustimmung der Bevölkerung für die schnelle und kurzfristige Durchführung politisch erwünschter Projekte, wie etwa in der Verkehrsinfrastruktur, eingesetzt werden, die oft ohne das Event nur schwer durchsetzbar wären. So können politisch gewünschte Stadtentwicklungen selektiv beschleunigt werden, während anderen, meist sozialpolitisch relevanten, Handlungsfeldern notwendige Finanzen entzogen werden. (Steinbrink et al., 2015; Heeg/Rosol, 2007)

Die Austragungsrechte eines solchen Events sind an umfangreiche Vorgabenkataloge geknüpft, die massive, kostenintensive Eingriffe in die Stadtentwicklung verlangen. Hohe Investitionskosten in spezialisierte Infrastruktur, wie etwa Sportstadien, teurer werdende Sicherheitsmaßnahmen sowie steigende Durchführungskosten bei der Ausrichtung von Großveranstaltungen bergen zusammen mit der allgemeinen Überschätzung erzielbarer Einnahmen sowie langfristiger Effekte auf den Arbeitsmarkt das reele Risiko einer hohen Verschuldung des öffentlichen Haushalts des Gastgeberstaates (Bussler, 2013). Die ungebrochene Bereitschaft vieler Staaten dieses Risiko einzugehen steht in starkem Kontrast zu dem meist als grundlegendes Argument für die Ausrichtung eines globalen Megaevents angeführten erhofften ökonomischen Aufschwungs und lässt die Funktion der Events als politisches Instrument für die Legitimierung bestimmter Entscheidungen als übergeordnetes Motiv hinter der zunehmenden Festivalisierung der Stadtpolitik vermuten.

Diese Form der projektbezogenen Stadtentwicklung ist im Gegensatz zu früheren Stadtentwicklungssprojekten nicht notwendigerweise Teil einer übergeordneten Stadtentwicklungsplanung, obwohl die Ausrichtung eines Megaevents langfristige Folgen weit über den Eventkontext hinaus hat. So werden etwa durch attraktivitätssteigernde Aufwertungsprozesse in zuvor vernachlässigten Stadtvierteln in vielen Fällen - teilweise erwünschte - Gentrifizierungsprozesse ausgelöst. Da die projektbezogene, unternehmerische Stadtentwicklung allerdings in der Regel von fehlender langfristiger Planung geprägt ist, birgt sie Tendenzen der Vernachlässigung von Problemstellungen, die nicht durch kurzfristige medienwirksame Projekte gelöst werden können, vor allem im eher unrentablen sozialen Sektor.

3. Megaevents im Globalen Süden:

Die FIFA-Weltmeisterschaften 2010/2014

Die Ausrichtung von Megaevents mit internationalem Gewicht verlagerte sich in den vergangenen Jahren immer mehr in den Globalen Süden. So fanden etwa die vergangenen FIFA-Weltmeisterschaften 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien statt - und auch die kommenden Gastgeberstaaten sind mit Russland 2018 und Katar 2022 sogenannte emerging nations: Länder, die in den letzten Jahren ein enormes Wirtschaftswachstum erfahren haben, gleichzeitig aber von schwerwiegenden sozioökonomischen Disparitäten geprägt sind. (Steinbrink et al., 2015)

Die Schwellenländer verbinden mit Ausrichtung eines solchen Megaevents neben den klassischen inneren und äußeren Zielebenen die Hoffnung, sich so global endgültig als wirtschaftlich und politisch ernstzunehmende Partner zu positionieren, das Image als Entwicklungsland abzustreifen und somit Armut nachhaltig zu überwinden.

Die Schwellenländer erhoffen sich somit noch weitaus tiefgreifendere Wirkungen als die traditionellen Gastgeber solcher Prestigeprojekte im Globalen Norden und sind auch bereit, ihren wirtschaftlichen Partnern massive politische Einflussnahme zu gewähren und für die Erfüllung der Vorgaben Maßnahmen durchzuführen, die, aufgrund bestimmter struktureller Besonderheiten von Gesellschaften im Globalen Süden, gravierende und nachhaltige politische Veränderungen für den Gastgeberstaat zur Folge haben.

3.1. Strukturelle Besonderheiten

Die Ausrichtung von globalen Events ist mit hohen Kosten verbunden. Um die Austragungsrechte eines solchen Megaevents zu erhalten, müssen Bewerberstaaten die Erfüllung umfangreicher Vorgaben zur Reproduktion eines international vergleichbaren Eventstandarts garantieren, die den kommerziellen Erfolg für die wirtschaftlichen Partner also der global players - sicherstellen sollen (Steinbrink et al., 2015). Anders als in den alten Industriestaaten ist die notwendige Infrastruktur für die Ausrichtung eines Events mit globalem Gewicht oft schlicht nicht vorhanden. Um den verbindlichen Standarts zu entsprechen sind somit tiefergehende Eingriffe in die Stadtstruktur sowie umfangreiche Investitionen notwendig, die, anders als etwa in Deutschland, fast komplett durch den öffentlichen Haushalt getätigt werden, und die in Folge in anderen öffentlichen Bereichen fehlen (Bussler, 2013). Zudem steht die neu geschaffene Infrastruktur meist in keinem Verhältnis zu der im Alltag benötigten und verursacht somit entweder weitere Kosten für Betrieb und Instandhaltung die den Staat nachhaltig belasten, oder aber verfällt ganz.

Städte im globalen Süden sind zumeist geprägt von schnellem Wachstum einer sozial stark fragmentierten Bevölkerung mit ausgeprägten informellen Wirtschafts- und Siedlungsaktivitäten (Steinbrink et al., 2015). Vor allem der einkommensschwächere Teil der Bevölkerung sieht sich im Eventkontext mit weitreichenden Negativfolgen konfrontiert: So werden im Zuge der Umschichtung öffentlicher Gelder zumeist Einsparungen im sozialen Bereich getroffen, es erfolgen belastende Preis- und Mieterhöhungen bei gleichzeitiger Ausgrenzung des informellen Wirtschaftssektors von gewinnversprechenden Bereichen des Eventkontexts durch Lizensierung des Merchandiseverkaufs und Abschirmung veranstaltungsrelevanter Gebiete vor informellen Geschäftsaktivitäten, und auch durch den Eventkontext legitimierte Umsiedlungen und Vertreibungen im Zuge einer an der Auflösung von informellen Siedlungen orientierten Wohnungspolitik treffen fast ausschließlich die wirtschaftlich schwache Bevölkerungsgruppe (Ley, 2010).

Gleichzeitig sind die Möglichkeiten einer demokratischen Mitgestaltung von Stadtentwicklungsprozessen für die breite Bevölkerungsmasse vor allem im Eventkontext meist quasi non-existent: kostenintensive und tief in die Stadtentwicklung einschneidende Entscheidungen werden von einer politisch-wirtschaftlichen Elite getroffen, während demokratische Legitimierungsprozesse durch Bürgerbeteiligung mit Verweis auf den durch den Eventkontext initiierten Handlungsdruck großteilig eingeschränkt oder umgangen werden (Häußermann/Siebel 1993; Steinbrink et al., 2015). Unter diesen Bedingungen begünstigen die Dynamiken eventbezogener Stadtentwicklungspolitik somit leicht die weitere Verschärfung tief verwurzelter sozialer Ungleichheit in Ländern des Globalen Südens. Die beschriebenen Hintergründe und Dynamiken werden bei Betrachtung der FIFAWeltmeisterschaft 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien verdeutlicht.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Festivalisierung der Stadtentwicklung. Auswirkungen von Megaevents auf die Wohnraumversorgung im Globalen Süden
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V413171
ISBN (eBook)
9783668640085
ISBN (Buch)
9783668640092
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Festivalisierung, Stadtentwicklung, Weltmeisterschaft, Großevent, Brasilien, Südafrika
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Festivalisierung der Stadtentwicklung. Auswirkungen von Megaevents auf die Wohnraumversorgung im Globalen Süden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413171

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