Rhetorik zwischen Didaktik, Philosophie und praktischer Umsetzung in der Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
21 Seiten, Note: 2

Leseprobe

1. Einleitende Gedanken

Mit dieser Arbeit habe ich mir zum Ziel gesetzt, die Rhetorik von verschiedenen Perspektiven her zu betrachten. Zunächst möchte ich auf die historische Entwicklung des Begriffs eingehen, um anschließend den Zusammenhang zwischen der Geschichte des Rhetorikbegriffs und der Didaktik herauszuarbeiten. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir ebenso wichtig auf die Verbindung von Rhetorik und Philosophie einzugehen.

Im zweiten Hauptteil der Arbeit möchte ich mich mit der Anwendung von Rhetorik in der Schule beschäftigen und dabei sowohl den Unterricht im Allgemeinen, als auch den Ethikunterricht im Speziellen fokussieren.

2. Rhetorik – Begriff und Grundlagen

Unter dem Begriff der Rhetorik versteht man seit der Antike die Fertigkeit des angemessenen und wirkungsvollen Redens. Als Teilgebiet der Stilistik hat die Rhetorik sowohl die Praxis des Redens selbst, als auch die Gestaltung von Texten beeinflusst.

Die klassische Rhetorik geht von einem fünfstufigen Textherstellungsmodell aus. Der erste Schritt wird als „inventio“ bezeichnet, wobei es die Aufgabe des Redners ist, argumentatives Material zu sammeln.1 Der Übergang vom Denken zum Sprechen wird somit eingeleitet.

Der darauffolgende Schritt ist notwendig, um die gesammelten Argumente in der richtigen Reihenfolge

anzuordnen. „Dispositio“ ist demzufolge die Stufe, welche die Lehre von den Redeteilen einschließt.2 Die Einleitung, der erste Teil der Rede, muss die Aufmerksamkeit des Zuhörers erwecken, erst dann folgt der Hauptteil, in welchem die Argumente untergebracht sind, und schließlich folgt der Schlussteil der Rede. Der Hauptteil selbst besteht wiederum aus den einzelnen Teilen „propositio“, „narratio“ und „argumentatio“. „Propositio“ umfasst die Darlegung des Redeziels, während unter „narratio“ die Erzählung des Sachverhalts zu verstehen ist und „argumentatio“ die eigentliche Argumentation als auch die Erörterung der Argumente meint.3

Als dritter übergeordneter Schritt im rhetorischen Prozess der Textherstellung gilt „elocutio“, hier wird die aus den ersten beiden Schritten gewonnene argumentative Gestalt sprachlich umgesetzt. Dabei müssen die verwendeten stilistischen Mittel auf den Gegenstand und das Publikum abgestimmt sein.4

Im vierten Hauptschritt gilt es die sprachlich umgesetzte Rede auswendig zu lernen, dieser Schritt wird mit „memoria“ bezeichnet.5

Der abschließende fünfte Schritt im Produktionsstadium ist schließlich der Vortrag selbst, dieser wird sowohl „pronuntiatio“ als auch „actio“ genannt.6

3. Die Geschichte des Rhetorikbegriffs und der daraus resultierende Zusammenhang von Didaktik und Rhetorik

Ihre Blütezeit erlebte die Rhetorik zur Zeit der griechischen und römischen Antike. Die Rhetorik gilt seit der Antike als eine der „Sieben freien Künste“ als Unterrichtsdisziplin von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Die Ausbildung der rhetorischen Fähigkeiten war Aufgabe eines jeden Gebildeten, vor der Aufnahme eines Studiums war es notwendig im wirkungsvollen Reden unterrichtet zu sein.

Die Geschichte der Rhetorik ist eng mit der Geschichte der Republik verbunden. Seit der Antike lässt sich der Zusammenhang zwischen Staatsform und Rhetorik herstellen.7 Die lehrbare Disziplin „Rhetorik“ entstand im 6. bis 5. Jh. v. Chr. im attischen Stadtstaat. Die Entstehung dieser Fachrichtung gilt es über die Bedingungen der klassischen Demokratie zu verstehen. Die politische Entscheidungsrede sollte demzufolge dazu beitragen, die Volksversammlung zu einer Entscheidung zu bringen, wie die Gerichtsrede das Ziel der Verteidigung oder Anklage vertrat oder die Lobrede einen Amtsträger hervorheben sollte.8

Mit seinem Aufsatz über das Verhältnis von „Rhetorik und Didaktik“ wendet sich Eberhard Ockel den Ursprüngen beider Disziplinen zu, um so den Entstehungszusammenhang von Rhetorik und Didaktik zu begründen. Unter dem Begriff „Didaktik“ wird demnach zunächst „eine Form epischer Dichtung lehrhaften Inhalts“ verstanden und erst weit später wird der Begriff in der Bedeutung, die uns heute geläufig ist gebraucht.9 Seit dem 17. Jahrhundert versteht man unter Didaktik die „wissenschaftliche Reflexion des Lehrens und Lernens“.10

Dem Entstehungszusammenhang von Didaktik und Rhetorik setzt Ockel, gestützt auf Lonni Bahmer, in seinem Aufsatz drei Grundannahmen voraus. Zum ersten geht er davon aus, dass die Didaktik „ihre Existenz der Rhetorik [verdankt]“ und ohne die „Rhetorik als Grundlage und Basis nicht denkbar“ wäre.11 Zur Erklärung dieser Annahme verweist Ockel auf die Antike, bis zu welcher Zeit Wissen und Können noch als von Gott gegeben angesehen wurden.12 Erst im antiken Zeitalter beginnt die Reflexion bezüglich der Lern- und Lehrvorgänge. Wie bereits erwähnt galt die Unterrichtung der attischen Bürger in Rhetorik dem Ziel, diese Bürger demokratiefähig zu machen.13 Das Lehrgespräch galt damals als weitverbreitete Lehrmethode, welche die Sophisten selbst etablierten. Diese waren es auch, die sich erstmals mit der Methodenreflexion auseinander setzten und somit die erfolgreiche Wissensvermittlung hinterfragten.14 Im Prozess der Hinterfragung sind demnach auch die Wurzeln der Didaktik selbst zu finden. In diesem Zusammenhang zitiert Ockel Bahmer, welcher sagt, dass „Redekunst, Lehren und Lernen, Erziehung und Philosophie [...] in ihren Anfängen miteinander verwoben“ sind.15 Diese Verbindung von Rhetorik und Didaktik rührt vor allem daher, dass es im Zeitalter der Antike vordergründig um die Vermittlung rhetorischer Fähigkeiten ging und sich die Didaktik vor diesem Hintergrund entwickelte, indem man sich Gedanken darüber machte, inwieweit die Lehre der Rhetorik verbessert werden könne.

Ab dem 18. Jahrhundert differenziert sich der Didaktikbegriff, es erscheint nicht mehr grundlegend bedeutend zu sein rhetorische Bildung zu vermitteln. Das Hauptaugenmerk wird nun auf die Vermittlung von anthropologischen Wissenschaften gelegt und somit gerät die ursprüngliche Verbindung von Rhetorik und Didaktik zunehmend in Vergessenheit.16 Heute ist es demzufolge oft schon so, dass der Didaktikbegriff mit dem Verständnis von Pädagogik gleichgesetzt wird.

Als zweite Grundannahme setzt Ockel voraus, dass Didaktik und Rhetorik Parallelen aufweisen, die sowohl die Definition, als auch die Wirkungsbereiche beider Gebiete betreffen.17 Ockel geht zudem davon aus, dass „die Didaktik ebenso wie die Rhetorik auf Handeln bezogen ist und insofern menschliches Handeln als Vermittlungshandeln reflektiert“.18 Sowohl die Rhetorik, als auch die Didaktik sind erst „innerhalb menschlicher Beziehungen“ wirksam, beide sind mit kommunikativem Handeln verbunden.19 Das Erreichen der didaktischen oder rhetorischen Aufgabenstellung kann mithilfe des Lernziels bzw. des Redeziels überprüft werden. Im weiteren Verlauf seiner Darlegung versucht Ockel eine Verbindungslinie zwischen didaktischer und rhetorischer

Zielvorstellung herzustellen. Muss der Redner

beispielsweise den Redestoff im Hinblick auf die Hörer

[...]


1 Vgl. U. Neumann 2001, S.225.

2 Ebd., S. 226ff.

3 Vgl. G. Braungart 1997, S.290ff.

4 Vgl. U. Neumann 2001, S.225ff.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Vgl. H. Schlüter 1991, S.15f.

8 Ebd.

9 Vgl. E. Ockel 1998, S.1.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd., S.2.

13 Ebd.

14 Ebd., S.2ff.

15 Ebd.

16 Ebd., S.5.

17 Ebd., S.1.

18 Ebd., S.6.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Rhetorik zwischen Didaktik, Philosophie und praktischer Umsetzung in der Schule
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie und Rhetorik
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V41321
ISBN (eBook)
9783638396073
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rhetorik, Didaktik, Philosophie, Umsetzung, Schule
Arbeit zitieren
Tina Kretzschmar (Autor), 2005, Rhetorik zwischen Didaktik, Philosophie und praktischer Umsetzung in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41321

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