Ethik auf den globalen Finanz- und Kapitalmärkten. Die Bedeutung moralischer und nachhaltiger Investments


Diplomarbeit, 2010
119 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise

2 Analyse von Ethik und Nachhaltigkeit
2.1 Moral und Ethik
2.2 Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung
2.2.1 Historische Entwicklung
2.2.2 Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit
2.2.3 Starke und schwache Nachhaltigkeit
2.3 Ethisch-nachhaltige Investments
2.3.1 Begriffsabgrenzung und historische Einordnung
2.3.2 Investoren
2.3.3 Interessengruppen
2.3.4 Renditeerwartung
2.3.5 Anlagehorizont
2.3.6 Auswahlverfahren
2.3.7 Marktentwicklung

3 Nachhaltige Investmentprodukte
3.1 Grundlagen Investment
3.1.1 Rentabilität, Risiko, Liquidität
3.1.2 Portfolio-Selection Model
3.2 Nachhaltige Investmentinstrumente
3.3 Nachhaltige Investmentfonds
3.3.1 Begriffsabgrenzung
3.3.2 Überblick Fondsarten und Kategorisierung
3.3.3 Auswahl Publikumsfonds
3.3.3.1 Charakteristika Publikumsfonds
3.3.3.2 Pioneer Funds - Global Ecology
3.3.3.3 Sarasin OekoSar Portfolio
3.3.3.4 Chancen und Risiken von Publikumsfonds
3.3.4 Auswahl geschlossener Fonds
3.3.4.1 Merkmale geschlossener Fonds
3.3.4.2 Windenergiefonds
3.3.4.3 Solarfonds
3.3.4.4 Chancen und Risiken von geschlossenen Fonds
3.3.5 Entwicklung nachhaltiger Investmentfonds

4 Finanzrating versus Nachhaltigkeitsrating
4.1 Finanzrating
4.1.1 Definition Rating
4.1.2 Bewertungskriterien bei Finanzratings
4.1.3 Bekannte Finanzratingagenturen
4.2 Nachhaltigkeitsrating
4.2.1 Begriffsabgrenzung Nachhaltigkeitsrating
4.2.2 Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden
4.2.3 Beispielhafte Nachhaltigkeitsratingagenturen
4.3 Gegenüberstellung Finanzrating und Nachhaltigkeitsrating
4.4 Nachhaltigkeitsrating - Auswirkung auf Unternehmen
4.4.1 Corporate Citizenship, Corporate Social Responsibility
4.4.2 Nachhaltigkeitsberichterstattung
4.4.3 Wettbewerbsfaktor

5 Künftige Marktentwicklung
5.1 Mainstreaming - vom Trend zur Notwendigkeit
5.1.1 Transparenzaspekte
5.1.2 Innovationsaspekte
5.1.3 Faktor Verantwortung
5.1.4 Risikoaspekte
5.1.5 Marktchancen
5.2 Globalisierung
5.2.1 Begriffsabgrenzung Globalisierung
5.2.2 Globalisierung der Finanz- und Kapitalmärkte
5.2.3 Nachhaltige Investments und Globalisierung
5.3 Auswirkungen der Krisen
5.3.1 Immobilien-, Banken- , Finanz- und Wirtschaftskrise
5.3.2 Shareholder- und Stakeholder-Value-Ansatz
5.3.3 Regulierung der Banken

6 Fazit
6.1 Zielerreichung
6.2 Perspektiven

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Drei-Säulen-Konzept Nachhaltigkeit

Abbildung 2: Ein-Säulen-Konzept Nachhaltigkeit

Abbildung 3: Ethische Konzepte

Abbildung 4: Nachhaltige Publikumsfonds deutschsprachiger Raum

Abbildung 5: Nachhaltige Publikumsfonds Europa

Abbildung 6: Magisches Dreieck

Abbildung 7: Magisches Viereck

Abbildung 8: Nachhaltige Investmentfonds und Schwerpunkte

Abbildung 9: Performance Pioneer Funds - Global Ecology vs. MSCI World Index ...

Abbildung 10: Performance Sarasin OekoSar Portfolio vs. MSCI Europe Index

Abbildung 11: Beteiligungsmodell geschlossene Fonds

Abbildung 12: Bankinternes vs. externes Rating

Abbildung 13: Struktur des oekom Corporate Ratings

Abbildung 14: Corporate Rating am Beispiel der BMW Group

Abbildung 15: Krisenverlauf

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Negativ- oder Ausschlusskriterien im nachhaltigen Investment

Tabelle 2: Auswahl nachhaltiger Finanzprodukte

Tabelle 3: Kategorisierung nachhaltige Investmentfonds

Tabelle 4: Stammdaten und Kennzahlen Pioneer Funds - Global Ecology

Tabelle 5: Stammdaten und Kennzahlen Sarasin OekoSar Portfolio

Tabelle 6: Entwicklung Fondsvolumen 2008 - 2009

Tabelle 7: Übersicht Ratingklassen

Tabelle 8: Quantitative und Qualitative Ratingkriterien

Tabelle 9: Kriterien zur Beurteilung von Finanzkrisen

Tabelle 10: Weitere Ratingkriterien

Tabelle 11: Kriterien des oekom Corporate Ratings

Tabelle 12: Klassifizierung Anlageformrisiken

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

In der medialen Berichterstattung finden aktuell sehr unterschiedliche Diskussionen über wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Problemfelder eine verstärkte Berücksichtigung. Die folgenden Aussagen stellen hierzu eine exemplarische Auswahl dar.

- Die Staatsverschuldungen von Ländern wie Irland, Griechenland, Spanien oder den Vereinigten Staaten von Amerika zeigen auch drei Jahre nach den ersten Insolvenzen US-amerikanischer Hypothekenbanken, dass die Auswirkungen der globalen Finanzkrise noch heute deutlich spürbar und existent sind
- Boni-Zahlungen in Millionenhöhe an Bank- und Unternehmensmanager trotz gleichzeitiger Massenentlassungen und Umsatzeinbrüchen führen zu kontroversen Debatten über Managergehälter bzw. über die Modelle zur Gratifikation von Mitarbeitern
- Drei US-amerikanische Ratingagenturen, deren Marktanteile über 90 Prozent der weltweit durchgeführten Finanzratings ausmachen und vor wenigen Jahren mitverantwortlich für die Entstehung der Finanzkrise waren, bewerten Unternehmen, Staaten und Finanzprodukte weiterhin nach gleichem Prinzip und ohne nennenswerte externe Kontrollen
- Umweltkatastrophen wie die von dem britischen BP Konzern zu verantwortende Ölpest im Golf von Mexiko stehen beispielhaft für eine rücksichtslose und unkontrollierte Ausbeute ökologischer Ressourcen zum Zweck der Gewinnerzielung
- Steigende soziale Unruhen und Streiks aufgrund unmenschlicher Arbeits- bedingungen und geringer Entlohnung führen zu Stilllegungen von Produktionsstätten in der Volksrepublik China

Die Auflistung fehlender ökonomischer, ökologischer, sozialer und ethischer Verantwortung ließe sich beliebig fortsetzen. Für sich allein betrachtet erscheinen alle aufgeführten Szenarien lösbar oder zumindest beherrschbar. Gratifikationsmodelle können überarbeitet, Ratingagenturen kontrolliert, Umweltverschmutzungen vermindert und soziale Unruhen durch Anpassungen der Arbeitsbedingungen bzw. durch Lohnerhöhungen beseitigt werden. Doch zum einen sind wirtschaftliche Zusammenhänge komplex und insbesondere mit Berücksichtigung global- ökonomischer und politischer Verflechtungen aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Zum anderen würden reaktionäre Maßnahmen zur Beseitigung von fehlerhaftem Verhalten oder Zuständen zu keinen Lerneffekten oder reflektierendem Verhalten der Wirtschaftssubjekte führen.

Demnach gilt es einen geeigneten, grenzüberschreitenden Ansatz und existierende Instrumente zur Beeinflussung der Wirtschaftsbeteiligten zu finden, die einen Anspruch auf Lösung der vorgenannten Problemsituation bieten können. Eine mögliche Option bietet in dieser Hinsicht die Betrachtung der global ausgerichteten Kapital- und Finanzmärkte unter Berücksichtigung der Bedeutung moralischer und nachhaltiger Investmentprodukte.

1.2 Zielsetzung

Daher ist es das Ziel dieser Arbeit die strukturelle Bedeutung moralisch- und nachhaltig-motivierter Kapitalanlagen aufzuzeigen. Dabei sollen Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken dieser Investments herausgearbeitet werden. Es gilt zudem zu belegen, dass nachhaltige Kapitalanlagen Möglichkeiten bieten, pro aktiv auf Unternehmen, Umwelt und Individuen einzuwirken, ohne dabei gleichzeitig die monetären Zielfunktionen von Investitionen zu vernachlässigen. Gleichzeitig soll dabei die Verantwortung privater und institutioneller Investoren bei der Anlageentscheidung und in der Auswahl entsprechender Anlageprodukte hervorgehoben werden.

Insbesondere soll diese Arbeit ein generelles Verständnis für diese Art der Investments schaffen und die Bedeutung nichtbilanzieller und kennzahlenunabhängiger Kriterien bei der Kapitalanlage hervorheben. Letztlich soll dadurch ein Ausblick in die zukünftige Berücksichtigung nachhaltig geprägter Geldanlagen erfolgen können.

1.3 Vorgehensweise

Zu Beginn der Betrachtung erfolgt in Kapitel 2 zunächst eine detailliertere Eingrenzung von Moral, Ethik, Nachhaltigkeit, nachhaltige Entwicklung sowie von ethischnachhaltigen Investments zur Schaffung eines umfassenden und generellen Begriffsverständnisses. Gleichzeitig erfolgt dabei eine Einordnung in den historischen Zusammenhang durch die Darstellung der jeweiligen Begriffsentwicklung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart. Dabei wird ein besonderer Fokus auf den Bereich der ethisch-nachhaltigen Investments gelegt.

Das Kapitel 3 gibt einen Überblick über die Vielfältigkeit nachhaltiger Kapitalanlagemöglichkeiten, wie sie derzeit auf den Finanzmärkten existieren. Neben einer kurzen Grundlagenlegung im Investmentbereich erfolgt eine Abgrenzung von Investmentinstrumenten nachhaltiger Prägung verbunden mit einer notwendigen Eingrenzung. So wird der Fokus auf nachhaltige Investmentfonds gelenkt, die wiederum auf Publikumsfonds und geschlossene Fonds eingegrenzt werden. Hierbei werden die einzelnen Fondscharakteristika sowie deren individuelle Chancen und Risiken ermittelt, bevor ein Rückblick auf die Entwicklung nachhaltiger Investmentfonds erfolgen kann.

Gegenstand des darauf folgenden Kapitels ist die Gegenüberstellung von konventionellen Ratingmethoden und nachhaltigen Ratingansätzen. Hierzu werden das klassische Finanzrating und der Ansatz des Nachhaltigkeitsratings definiert und analysiert. Danach liegt das Augenmerk auf den unterschiedlichen Bewertungskriterien beider Ratings, bevor beispielhafte Ratingagenturen der unterschiedlichen Ansätze vorgestellt werden. Abschließend wird dann die Bedeutung und Einflussnahme des Nachhaltigkeitsratings auf Unternehmen betrachtet.

Das Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Ausblick in die zukünftige Entwicklung nachhaltiger Investments unter Einbeziehung der aktuellen Tendenzen und Strukturen dieses Anlagebereiches. Dabei wird insbesondere eine mögliche Entwicklung des Trends dieser Kapitalanlagen verfolgt, indem auf charakteristische Aspekte wie Transparenz, Innovation oder Verantwortung eingegangen wird. Im Weiteren erfolgt eine Fokussierung auf das Potenzial des Themengebietes der Globalisierung, wobei neben der Schaffung begrifflicher Leitlinien besonders die Globalisierung der Finanzund Kapitalmärkte und die Beziehung von nachhaltigen Investments zur Globalisierung betrachtet werden. Zum Abschluss erfahren Tendenzen und Konsequenzen aus der aktuellen Finanzkrise eine nähere Betrachtung. Änderungen in der Präferenz von Shareholder und Stakeholder-Value-Ansätzen sowie Regulierungstendenzen gegenüber Banken werden hier inhaltlich beleuchtet.

2 Analyse von Ethik und Nachhaltigkeit

2.1 Moral und Ethik

Im alltäglichen Sprachgebrauch finden die Begriffe Ethik und Moral oftmals eine synonyme Verwendung.1 Aus der Übersetzung des griechischen Wortes ethos und des lateinischen Wortes mos, aus denen sich Ethik und Moral herleiten lassen, ergeben sich jeweils die Begriffe Sitte, Gewohnheit, Ü blichkeit oder Brauch.2 Gemäß der vorherrschenden wissenschaftlichen Praxis ist es relevant, zwischen den jeweiligen Ausdrücken zu differenzieren.

Anhand selbstbestimmter Werte wie z.B. Freiheit, Sicherheit, Gesundheit oder auch Reichtum definiert jede Gesellschaft und jedes Individuum übergeordnete Ziele, die für ein friedvolles Zusammenleben wichtig sind.3 Erfahren diese Werte weiterhin Regelungen hinsichtlich ihrer Handlungsausrichtung, so spricht man von Normen.4 Normen entstehen somit in der praktischen Umsetzung der Wertevorstellungen und bilden eine Verhaltensrichtlinie.5 Beispielhaft kann hier die Formulierung der zehn biblischen Gebote genannt werden, die ein bestimmtes Tun bzw. ein Unterlassen aus ihrem Werteverständnis heraus fordern. Im Weiteren umfasst der Begriff der Moral die in einer Gesellschaft existierenden, unreflektierten Werte und Normen und beschreibt damit die im Menschen vorherrschende Vorstellung guten bzw. schlechten Handelns.6

Moral kann somit als Summe von Regeln verstanden werden, die unser Handeln in gut, schlecht, richtig oder falsch klassifizieren.7

Mit der Begründung der Moral beschäftigt sich hingegen die Ethik, welche als eine philosophische Grunddisziplin verstanden werden kann.8 Sie gilt als Wissenschaft der Moral, deren Ursprung in den Lehren der griechischen Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles zu finden ist und sich in der prinzipiellen Frage nach der Art des Handelns kristallisiert.9 In der Abgrenzung zur Moral befasst sich Ethik mit dem Sollzustand einer Kultur und nicht mit dem Istzustand, welcher bereits in der Gesellschaft existiert.10

Ethik und Moral spielen heute eine wichtige Rolle im Verständnis wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder politischer Zusammenhänge, besonders im Zeichen der fortschreitenden Globalisierung. Durch den Wegfall althergebrachter Strukturen, Standards und Grenzen entsteht vermehrt der Bedarf an Orientierungsrichtlinien und somit nach Ethik, unter denen insbesondere die wirtschaftlichen Handlungsspielräume in ihren kulturellen, sozialen und religiösen Dimensionen abgestimmt werden können. In Form der Unternehmensethik und Wirtschaftsethik, welche als Teildisziplinen der Ethik verstanden werden können, findet der Wunsch nach Orientierung heute ihren Ausdruck.11

In Anbetracht der aktuellen globalen Finanzkrise und ihren Auswirkungen auf die internationalen Wirtschaften findet langsam auch eine Thematisierung der Ethik des Bank- und Börsenwesens statt, wenn auch der Begriff der Finanzethik bislang wenig Beachtung fand. Dabei bildet die ethische Ökonomie zumeist einen Gegensatz und damit einen Optimierungsansatz zu der reinökonomischen Ökonomie, in der sich prinzipiell die ethische Dimension widerspiegelt. So geht die ethische Ökonomie beispielhaft davon aus, dass Märkte bei egoistischer Motivation der Marktteilnehmer ohne ethische Motivation kein Optimum erreichen können und dass Verträge gebrochen werden, sobald vorteilhaftere Vertragskonditionen einseitig möglich sind. Auch das Problem existierender Informationsasymmetrien, besonders in der Finanzwelt, kann nach der ethischen Ökonomie nur schwerlich überwunden werden, ähnlich der Lösung von Interessenskonflikten durch Incentivierung. Daraus abgeleitet ist ein ethischer Handlungskodex, ähnlich dem Prinzip des ehrbaren Kaufmanns, auch für die Finanzund Kapitalmärkte notwendig.12

2.2 Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den Themen der Nachhaltigkeit und der nachhaltigen Entwicklung, wobei zuerst eine geschichtliche Herleitung der beiden Begriffe erfolgt. Im Weiteren wird das Nachhaltigkeitsverständnis durch die Unterscheidung von ökologischer, ökonomischer, sozialer, starker und schwacher Nachhaltigkeit präzisiert.

2.2.1 Historische Entwicklung

Der englische Begriff sustain lässt sich von dem lateinischen Wort sustiner ableiten, welches im Deutschen mit aufrechterhalten übersetzt werden kann.13 In der heute üblichen Verwendung wird Nachhaltigkeit als mögliche Übersetzung des englischen Wortes sustainability akzeptiert, wobei auch Assoziationen in Richtung Dauerhaftigkeit, Gerechtigkeit und Umweltverantwortung gängig sind.14

Historisch betrachtet ist die Herkunft des Begriffs der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft begründet. Der Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1640-1714) erkannte in seinem Werk Sylvicultura Oeconomica (1713) die Notwendigkeit der nachhaltigen und beständigen Nutzung.15 Dies ist im Kontext des damaligen Raubbaus an der Natur zu Zwecken des Bergbaus bzw. der Verhüttung und der daraus resultierenden Holzknappheit nachvollziehbar.16 Carlowitz forderte ferner die Übernutzung der Ressource Holz zu vermeiden, indem der Verbrauch von Holzeinheiten auf das Niveau einzuschränken sei, welches im gleichen Zeitraum nachwachsen könne. Damit begründete er das in der Wissenschaft weitgehend anerkannte ressourcen-ökonomische Prinzip, aus dem hervorgeht, dass sowohl ökonomische Interessen als auch ökologische Gesichtspunkte einander bedingen.17 Im weiteren zeitlichen Verlauf der Geschichte erfuhr der Gedanke der rohstoffbasierten Nachhaltigkeit einen eindeutigen Aufschwung, blieb jedoch weitgehend auf den Bereich der Holznutzung beschränkt, erst im 20. Jahrhundert änderte sich das wissenschaftliche Interesse an dem Gebiet der Nachhaltigkeit grundlegend.18

Zu Beginn stand die aufkommende Erkenntnis ökologischer Verantwortung in den 1960er Jahren. Stellvertretend für die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Umweltschutz kann beispielhaft die Veröffentlichung des Buches Silent Spring (1962) der Biologin Rachel Carson (1907-1964) aufgeführt werden, in welchem die Autorin über den Einsatz von Pestiziden und deren Auswirkungen auf Flora und Fauna und somit auch auf den Menschen eingeht.19 Die vorher zumeist national geführten Debatten erfuhren durch den Bericht The Limits to Growth (1972) von Dennis und Donella Maedows an den Club of Rome eine weltweite Beachtung. Inhaltlich prognostizierten die Autoren anhand von einfachen Computersimulationen, dass auf Basis eines global fortschreitenden wirtschaftlichen und human-populistischen Wachstums eine dramatische Verknappung der nichtregenerativen Ressourcen eintreten wird und in dessen Konsequenz Krisen und Konflikte wahrscheinlich werden.20 Der Erfolg des Berichtes beruhte zwar hauptsächlich auf der damals aktuellen gesellschaftlichen Thematik schwindender Ölvorräte, welche insbesondere bei den Industriestaaten zu existentiellen Sorgen führte, förderte in diesem Kontext aber die Notwendigkeit der weitergehenden Betrachtung nachhaltiger Lösungsansätze. Auch die heute allgemein akzeptierte Kritik an der wissenschaftlichen Basis der Studie, welches insbesondere die Nichtbeachtung der fortschreitenden technischen Entwicklung oder die Möglichkeiten der Umweltpolitik einschließt, führte nicht zu einer Bagatellisierung der möglichen Gefahren.21

Eine weitere Diskussionsebene eröffnete sich mit dem Konzept der nachholenden Entwicklung.22 Die privilegierte Entwicklung der Industriestaaten, sowohl wirtschaftlich als auch in Form der Gesellschaftordnung, sollte durch die Nationen der Dritten Welt kopiert werden, um ihrerseits in den Genuss von Wohlstandserfolgen zu kommen.23 Die Kluft zwischen den reichen und armen Nationen sollte dadurch verringert werden. Auf Basis der weltpolitischen Lage in den 1960er und 1970er Jahren entstand die Dependenz-Theorie als Antwort auf die Theorie der nachholenden Entwicklung.24 In Form von self-reliance-Konzepten wurde die Selbstbestimmung und Eigenständigkeit der Entwicklungsländer gefordert, welches z.B. der Ecodevelopment- Ansatz der Hammerskjöld-Foundation aus den 1970er Jahren belegt.25 Ökonomische, ökologische und besonders auch soziale Leitlinien bildeten hierbei den linkspolitischen Gegenpol zu allen kapitalistisch motivierten Ansätzen. Beispielhaft kann hier die Vermeidung der westlichen Lebensweise oder die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Industrieländern genannt werden.26 Weitere Faktoren fernab der ökologischen Dimension in der Entwicklung der Nachhaltigkeitsabgrenzung wurden hiermit bereits vorweggenommen.

Fünfzehn Jahre nach Veröffentlichung von The Limits to Growth sollte der Begriff der Nachhaltigkeit einen bedeutenden internationalen Stellenwert erfahren. Der Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (World Commission on Environment and Development, WCED) Our Common Future (1987) gilt heute als prägend für die Entstehung des Leitbildes Nachhaltige Entwicklung.27 Besser bekannt als Brundtland- Bericht, benannt nach der Vorsitzenden der Kommission Gro Harlem Brundtland, gelang es hier eine Definition nachhaltiger Entwicklung zu formulieren:

„Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“28

Diese Formulierung impliziert einen Idealzustand in Form eines Gerechtigkeits- gedankens zwischen den jeweiligen Generationen, in denen die gegenwärtige Generation so nachhaltig zu handeln hat, dass die ihr folgenden Generationen in den Möglichkeiten ihrer Bedürfnisbefriedigung nicht eingeschränkt sind. In der Literatur ist dieses Prinzip als intergenerative Gerechtigkeit beschrieben, wobei der generelle Gedankengang dem Werk des amerikanischen Philosophen John Rawls (1921-2002) geschuldet ist, der in seinem Hauptwerk A Theory of Justice (1971) belegt, dass eine Schlechterstellung zukünftiger Generationen nicht zulässig sei.29 Ergänzend beschreibt die intragenerative Gerechtigkeit die Verhältnisse innerhalb einer Generation und fordert für die Menschheit insgesamt gleichlautende Grundrechte hinsichtlich der Existenz einer natürlichen Umwelt respektive das Recht auf einen annehmbaren Lebensstandard.30 Auch in der ökonomischen Betrachtung spielt die Generationen- gerechtigkeit eine wichtige Rolle. Auf Basis der Hicks‘schen Einkommensdefinition des Nobelpreisträgers John R. Hicks (1904-1989), welche den Begriff des Einkommens nur dann als zulässig betrachtet, solange es nicht auf Kosten des Kapitalverzehrs entsteht, wird noch heute in den aktuellen Nachhaltigkeitsdebatten argumentiert.31 In der Konsequenz sind z.B. Schulden, die heute verursacht und den folgenden Generationen als Bürde auferlegt werden, ein Widerspruch zu den Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung.32 So gilt es festzuhalten, dass eine nachhaltige Entwicklung nur in Verbindung mit einer inter- und intragenerativen Gerechtigkeit einhergehen kann.33

Eingesetzt wurde die Brundtland-Kommission 1983 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, welche wiederum 1980 von den Vereinten Nationen (United Nations, UN) gegründet wurde.34 Ihr Ziel war die Schaffung eines dauerhaften Entwicklungsansatzes, welcher Antworten und Lösungsansätze zu den herrschenden ökologischen, wirtschaftlichen sowie sozialen Problemen aufzeigen sollte.35 In der Formulierung von drei normativen Prinzipien zur Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung legte die Kommission hierfür den Grundstein.36 Die Aufrechterhaltung eines natürlichen, funktionierenden Ökosystems, die Abschaffung sozialer Ungerechtig- keiten und die Verpflichtung der Politik zur Schaffung der entsprechenden Rahmenbedingungen sollten demnach die Basis des Prozesses der nachhaltigen Entwicklung darstellen.37 Aufgrund der weit gefassten Formulierungen und den dadurch geschaffenen Raum an Interpretationsmöglichkeiten war es möglich, die sehr differenzierten und z.T. konträren Positionen zu vereinen.38 Hier sind beispielhaft die unterschiedlichen entwicklungstheoretischen Ansätze oder die sich gegenüberstehenden weltwirtschaftlichen Ordnungskonzepte zu Zeiten des Kalten Krieges zu nennen.39 Diese Interpretationsspielräume einerseits, als auch zu optimistische Annahmen von Wirtschaftswachstumsraten in Industrie- und Entwicklungsländern sowie des technischen Fortschrittes andererseits, gelten als Kritikpunkte des Brundtland- Berichtes.40 Fest steht aber auch, dass dieser Bericht der weltweiten Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung zuträglich war und die Grundproblematik verbunden mit den notwendigen Änderungsprozessen deutlich aufzeigen konnte.41

Der Brundtland-Report aus dem Jahr 1987 markiert somit den Beginn des modernen Verständnisses der nachhaltigen Entwicklung und damit verbunden des Begriffs der Nachhaltigkeit.42 Die dem Bericht vorgelagerten Konferenzen, Abkommen und Entwicklungsgrundlagen, wie z.B. die Weltumweltkonferenz (United Nations Conference on Human Environment, UNCHE) 1972 in Stockholm oder der 1980 erschienene Bericht der Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen (auch Nord-Süd-Kommission) Das Ü berleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer sollen hierbei nicht unerwähnt bleiben, so stehen sie exemplarisch für den gesamten Entwicklungsprozess der Nachhaltigkeitsdebatten im Laufe der Jahre bis zum Brundtland-Bericht.43 Auf eine detaillierte Betrachtung wird an dieser Stelle jedoch verzichtet, um die Argumentationsfolge nicht unnötig auszuweiten.44

Eine Steigerung zum Brundtland-Bericht stellte die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (United Nations Conference on Environment and Development, UNCED) 1992 in Rio de Janeiro dar, welche bereits von der Brundtland-Kommission 1987 vorgeschlagen wurde.45 Auf dem bis dahin weltweit bedeutendsten Zusammentreffen von Staatsoberhäuptern zum Thema Nachhaltigkeit überhaupt, gelang es trotz der bereits erwähnten konträren Ansätze der Nachhaltigkeitsbetrachtung von Industrie- und Entwicklungsländern, politisch gehaltvolle Ergebnisse zu präsentieren.46 In der Summe wurden fünf Dokumente unterzeichnet; die Rio-Deklaration, die Agenda 21, die Klimarahmenkonvention, die Biodiversitätskonvention sowie die Walderklärung.47 Insbesondere die Rio-Deklaration, die in 27 Grundsätzen Entwicklung und Umwelt präzisiert und die Agenda 21, welche ihrerseits in 40 Kapiteln das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung hinsichtlich der Ziele, Möglichkeiten und Mittel zur Umsetzung eingrenzt, prägen ein fortgeschrittenes Nachhaltigkeitsverständnis.48 Mit Ausnahme der Klimarahmenkonvention sowie der Konvention zur Bewahrung der Biodiversität gelang es jedoch nicht eine völkerrechtlich verbindliche Vertragssituation unter den Teilnehmerstaaten zu schaffen, welche möglicherweise ein höheres Verbindlichkeitspotential zu sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Lösungen erzeugt hätte.49 Dennoch gilt die Rio-Konferenz noch heute als Erfolg im Sinne der Vision der nachhaltigen Entwicklung, welcher unter dem Einfluss des global-medialen Interesses und einem generellen Verhandlungsgeschick der teilnehmenden Regierungs- vertreter begründet scheint.50

Bis zu der Folgekonferenz 2002 in Johannesburg, welche bereits 1992 in Rio de Janeiro beschlossen wurde, folgten weitere Konferenzen und internationale Treffen zum Thema Nachhaltigkeit wie z.B. die Weltbevölkerungskonferenz 1994 (International Conference on Population and Development; ICPD), der Weltgipfel für soziale Entwicklung (World Summit for Social Development, WSSD) sowie die UN-Klimakonferenz 1997 (Conference of the Parties, COP).51

Während der zweiten UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung konnte dann ein Aktionsplan zur Bekämpfung von Armut und zum Erhalt der Umwelt entwickelt werden, welcher bis dahin neue Zielsetzungen und Umsetzungsstrategien beinhaltete.52 Hintergrund war die Erkenntnis, dass die erhofften Verbesserungen in den bereits in Rio de Janeiro benannten Gebieten u.a. der Klimaerwärmung, der Biodiversität oder der Armut nicht eingetreten waren und sogar eine weitere Verschlechterung der Gesamtlage festgestellt werden musste.53 So sollte sich nach neuer Definition der Johannesburg- Konferenz z.B. bis 2010 die biologische Vielfalt weniger stark rückläufig entwickeln, bis 2015 der Anteil der Weltbevölkerung ohne Zugriff auf sauberes Trinkwasser halbieren und der Anteil an erneuerbaren Energien wesentlich steigen.54 Die in diese Richtung formulierten Erklärungen und Absichtserklärungen gelten heute ebenfalls als zu unverbindlich, welches als Preis der Notwendigkeit des politischen Konsenses betrachtet werden kann, doch ist die weltpolitische Bedeutung des Nachhaltigkeits- diskurses spätestens zu diesem Zeitpunkt erkennbar.55 Das spiegelt auch die Forderung zur Implementierung nationaler Nachhaltigkeitsstrategien wider, welche in Johannesburg erneuert wurde.56 Dieser Schritt kann als Notwendigkeit zur Basislegung verstanden werden, um die bis dahin weitgehend internationalen Absprachen zukunftsgerichtet auf das Fundament von länderbezogenen, nationalen Nachhaltigkeits- grundlagen aufbauen zu können. Gleichzeitig wäre eine tatsächliche national-politische Umsetzung des Nachhaltigkeitsansatzes auch eine Teilzielerreichung, hin zu einem gesellschaftlich akzeptierten Verständnis des Leitbildes der Nachhaltigkeit.

Das Beispiel der Bundesrepublik Deutschland macht deutlich, wie eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie formuliert werden kann. Noch im Jahr 2002 verabschiedete die damalige Bundesregierung die Nachhaltigkeitsstrategie Perspektiven für Deutschland, welche auf Basis von Generationengerechtigkeit, Lebensqualität, sozialem Zusammenhalt und von internationaler Verantwortung ein Leitbild für Deutschland skizziert und ebenfalls Maßnahmen in Form von Produktivitätsverbesserungen, Emissionseinsparungen und Substitutionslösungen sowie eine Konzeption zur Zielsetzung, Steuerung, Kontrolle und Verpflichtung zur regelmäßigen Veröffentlichung beinhaltet.57

Das deutsche Nachhaltigkeitsverständnis in der Implementierung des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung in nationale Rechtsverbindlichkeit kann hierbei symbolisch für das Grundproblem des Nachhaltigkeitsgedankens betrachtet werden. Der Begriff der Nachhaltigkeit oder der nachhaltigen Entwicklung ist nicht einheitlich definiert und kann somit sehr unterschiedlich ausgelegt werden.58 Der Schluss liegt nahe, dass auf der politischen Ebene genau diese Interpretationsfähigkeit auch in Zukunft problematisch in der Konsensbildung sein kann. Eine Antwort auf diese Frage kann u.U. auf der im Jahr 2017 (Rio-Konferenz plus 25 Jahre) geplanten Bestandsaufnahme der unerreichten bzw. erreichten Ziele der Nachhaltigkeitsbewegung gegeben werden.59 Klarer scheint hingegen die allgemeine Akzeptanz der ökologischen, ökonomischen und sozialen Zieldimensionen als Basis des heutigen Nachhaltigkeitsverständnisses, wenn auch diese differenzierter betrachtet werden müssen.60

2.2.2 Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit

In dem heute gängigen Verständnis des Leitbildes der Nachhaltigkeit stehen die ökologischen, wirtschaftlichen und sozial-kulturellen Zieldimensionen in direktem Zusammenhang miteinander.61 Dies wird unter anderen ersichtlich in der Betrachtung eines Drei-Säulen-Konzeptes oder auch Magischen Dreiecks der Nachhaltigkeit, welches die unterschiedlichen Dimensionen gleichberechtigt nebeneinander stellt.62 Die Abbildung 1 stellt dieses Gleichstellungsverhältnis graphisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Drei-Säulen-Konzept Nachhaltigkeit

Quelle: In Anlehnung an: Renn, O., Deuschle, J., Jäger, A., Weimer-Jehle, W. (2007), S. 27.

Mitunter werden auch weitere Dimensionen genannt, so z.B. Wissen, demokratische Kultur oder Kunst, die in der weiteren Betrachtung jedoch keine Rolle spielen sollen.63 Eine alternative Betrachtung bietet hingegen das Ein-Säulen-Konzept, welches die Dimension der Ökologie gegenüber den anderen priorisiert und als Grundlage für wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit verstanden werden kann.64 Dies verdeutlicht Abbildung 2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ein-Säulen-Konzept Nachhaltigkeit

Quelle: In Anlehnung an: Renn, O., Deuschle, J., Jäger, A., Weimer-Jehle, W. (2007), S. 27.

Unter Beibehaltung der bereits unter 2.2.1 beschriebenen Chronologie der Nachhaltigkeitsentwicklung bedarf es zuerst der näheren Betrachtung der ökologischen Nachhaltigkeitsdimension und damit verbunden auch des Ein-Säulen-Modells. Hintergrund ist hier das Primat der Ökologie vor den ökonomischen und sozialen Dimensionen, denn ohne die Grundlage der Natur für das menschliche Leben, d.h. der Existenz einer natürlichen Umwelt inklusive eines funktionierenden Gesamt- ökosystems, würden die wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeitskomponenten trivialisiert.65 In gleichem Zuge wäre die intergenerative Gerechtigkeit, die wie vorher beschrieben eine Grundvoraussetzung der nachhaltigen Entwicklung darstellt, ebenfalls nicht umsetzbar. Kritiker dieses Konzeptes verweisen auf die Anpassungsmöglichkeiten des Menschen und begründen dies durch Erfahrungen aus der Vergangenheit, wo unbeabsichtigte ökologische Probleme, wie der Artenverlust oder die Bodenerosion, durch Anpassung, Migration oder technologischen Fortschritt bewältigt werden konnten.66 Einschränkend ist jedoch darauf zu verweisen, dass diese vormals lokalen oder regionalen Lösungsansätze im Kontext der Globalisierung und bei den heutigen massiven Umweltveränderungen kaum noch gelingen können.

Ein weiteres Problem besteht in der Messbarkeit der Belastungsfähigkeit des vorhandenen Ökosystems. So beschäftigt die Wissenschaft gegenwärtig im Kontext der weltweiten Klimaveränderungen z.B. die Frage nach der Belastbarkeit der vor UV- Strahlen schützenden Ozonschicht in der Erdatmosphäre, ohne mit Sicherheit sagen zu können, welche zusätzliche Emissionen wie Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW) oder Kohlendioxid (CO2) in die Erdatmosphäre noch zulässig sind, um die globale Erwärmung nicht weiter voran zu treiben bzw. unumkehrbar werden zu lassen. Zur Lösung dieser Eingrenzungsproblematik soll u.a. ein Leitplanken-Konzept helfen, welches den Grad von zulässigen Schadensgrenzen an der Umwelt in Form von Toleranzwerten definiert, um die zukünftige Nutzung der betrachteten Ressource nicht zu gefährden.67 Dennoch gilt es nicht nur den ökonomischen Wert der Umwelt zu beziffern, sprich abzuwägen, welche Nutzintensität der jeweiligen Ressource zulässig ist, um auch zukünftig von ihr im gleichen Umfang partizipieren zu können. Auch ästhetische Ansätze und kulturell bedingte Eigenheiten in der Betrachtung der Umwelt sind demnach notwendig und zulässig, wenn auch nur ein Nebenaspekt im ökologischen Nachhaltigkeitsansatz.68

Demgegenüber kann als Ziel der ökonomischen Nachhaltigkeit die Gewährleistung einer bestimmten Lebensqualität genannt werden, welche ihrerseits durch Produktions- und Konsumverhalten definiert wird.69 Die Verantwortung dieser Zieldimension liegt in dem Umgang mit den Umweltressourcen verwurzelt, welche insbesondere durch die von Produktion und Verbrauch generierten Folgeerscheinungen, wie Emissionen oder Abfallentstehung, ersichtlich ist.70 Eine weitere Ebene erschließt sich mit der Betrachtung des Wirtschaftwachstums. Einerseits wird ökonomisches Wachstum sowie der technische Fortschritt als ein Eckpfeiler in der Bekämpfung der Armut in den Entwicklungsländern angesehen, andererseits steigt der in dem Wachstumsprozess notwendige Bedarf an Umweltressourcen und belastet so in der Folge das Ökosystem.71 Damit ist auch das Kernproblem der ökonomischen Nachhaltigkeit beschrieben, welches sich in der Suche nach Entkopplungsmöglichkeiten von Ressourcenverbrauch und Wachstum ausdrückt.72 Gleichzeitig macht dies auch deutlich, dass wirtschaftliche Nachhaltigkeit immer auch in Wechselwirkung zu den ökologischen, aber auch den sozialen Dimensionen steht.73

Die Dimension der sozialen Nachhaltigkeit wiederum beschäftigt sich mit der gerechten Verteilung, Weiterentwicklung und Weitergabe sogenannter sozialer Grundgüter an zukünftige Generationen.74 Hierunter fallen individuelle Güter, wie das Recht auf Leben, Kleidung oder Nahrung, welche dazu dienen, dem jeweiligen Individuum die Möglichkeit auf ein selbst bestimmtes Leben zu gewähren.75 Zusätzlich bedarf es sozialer Ressourcen z.B. in Form von Toleranz, Solidarität oder der Fähigkeit zur Integration, um das Leben in einem Gesellschaftssystem erst dauerhaft möglich zu machen.76 Damit lässt sich auch das wichtigste Ziel der sozialen Nachhaltigkeits- dimension erklären, der generellen Erhaltung des sozialen Friedens.77 Die Schwierigkeit besteht insbesondere in der Gestaltung dieses Ziels und den dabei zu berücksichtigen Ebenen. So sollen in dem Verständnis der sozialen Nachhaltigkeit sowohl die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt und das Armutsproblem beseitigt, als auch die Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte sichergestellt werden.78 Die Vielfalt und Komplexität dieser Sozialziele vermag einen deutlichen Hinweis auf die möglichen Problemfelder in der praktischen Umsetzung geben, insbesondere mit der Erkenntnis der globalen Notwendigkeit.

So differenziert die einzelnen Dimensionen der Nachhaltigkeit voneinander getrennt betrachtet werden können, so wichtig ist jedoch ebenso die Berücksichtigung der Beziehung aller Dimensionen zueinander. In diesem Zusammenhang sind nach und nach integrative Nachhaltigkeitskonzepte entstanden, die auf den Grundprinzipien nachhaltiger Entwicklung in Form von Zukunftsverantwortung und Verteilungs- gerechtigkeit basieren.79 Letztlich beschreibt dieser Ansatz die Verpflichtung zur ganzheitlichen Erfassung aller Nachhaltigkeitsdimensionen, unter Verzicht eines priorisierenden Dimensionsverständnisses.80 Besonders im Prozess des politischen Konsenses, sei es national oder auf internationaler Ebene, gestaltet sich genau diese Forderung aufgrund unterschiedlicher Interessenlagen jedoch oft als schwierig.81

2.2.3 Starke und schwache Nachhaltigkeit

In der Entwicklung des Nachhaltigkeitsgedankens spielt eine zusätzliche Sichtweise bzw. Grundhaltung eine wichtige Rolle. Die Differenzierung des Nachhaltigkeits- begriffes in eine starke bzw. schwache Ausprägung ist der unterschiedlichen Betrachtung zukünftiger ökologischer und technologischer Entwicklungstendenzen geschuldet. Hierbei berufen sich etwa die Vertreter der starken Nachhaltigkeit auf die Endlichkeit natürlicher Ressourcen sowie auf das Erreichen der ökologischen Belastbarkeit, welches unumgänglich in einen ökologischen Kollaps unter Abschöpfung aller natürlichen Ressourcen führen soll.82 Eine Substitution sowohl natürlicher als auch künstlicher Ressourcen wird hierbei als nicht möglich angesehen.83 So gilt der Brundtland-Report etwa als Beleg für die Sichtweise des damals vorherrschenden starken Nachhaltigkeitsverständnisses. Dem gegenüber argumentieren die Vertreter der schwachen Nachhaltigkeit mit den Möglichkeiten der fortschreitenden technologischen Entwicklung sowie mit den Möglichkeiten der Substitution, unter welchen die ökologischen Belastungen und die Abnahme der nicht erneuerbaren Rohstoffe essentiell verringert werden können.84 Hierbei wird insbesondere vorausgesetzt, dass unter den existierenden Kapitalarten wie z.B. Sachkapital, Naturkapital, Sozialkapital oder Humankapital ein ungehinderter Austausch erfolgen kann, ohne eine Gefahr für das übergreifende Nachhaltigkeitsprinzip darzustellen.85 Aus der Portfolio-Perspektive ist dieser Optimierungsprozess durch den Wechsel von einer Kapitalposition in eine andere nachvollziehbar, doch besteht die Möglichkeit der Vernachlässigung etwa des Naturkapitals, aus einer gewinnmaximierenden Legitimation heraus.86 Eine Welt ohne Naturkapital wäre demnach möglich.

In Form der neoklassischen Ökonomie als Verfechter der schwachen Nachhaltigkeit und der ökologischen Ökonomie als entsprechenden Gegenpol werden noch aktuell gegensätzliche Positionen vertreten. Es haben sich jedoch zwischenzeitlich gemäßigte Positionen herausgebildet, die unter der Prämisse der Erhaltung der Naturfunktionen eine eingeschränkte Substitution von Naturkapital durch künstliches Kapital möglich machen.87

2.3 Ethisch-nachhaltige Investments

Das folgende Kapitel dient der Charakterisierung ethischer und nachhaltiger Investments, wobei neben einer ersten Begriffseingrenzung und neben der geschichtlichen Entwicklung ein Überblick über die klassischen Investoren- und Interessengruppen erfolgt. Im Weiteren können Aussagen zu den Themen der Performance und der Anlagedauer dieser Investments getroffen werden. Abschließend finden auch die Arten von Auswahlverfahren und die Marktentwicklung ethischnachhaltiger Kapitalanlagen eine entsprechende Berücksichtigung.

2.3.1 Begriffsabgrenzung und historische Einordnung

In der begrifflichen Eingrenzung ethisch-nachhaltiger Investments begegnet man im angelsächsischen Sprachraum oftmals Bezeichnungen wie Responsible Investments (RI) oder Ethical, Social, Governmental (ESG), die in ihren unterschiedlichen Nuancierungen darauf hinweisen, dass keine allgemeingültige Definition existiert und vielmehr erkennbar ist, dass neben rein ökonomischen Kriterien weitere Aspekte bei der Kapitalanlage berücksichtigt werden müssen.88

Ethische Geldanlagen befassen sich hierbei mit den Bereichen der Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Nachhaltige Geldanlagen orientieren sich demgegenüber in ihrer Ausrichtung gemäß dem Prinzip des Drei-Säulen-Models (vgl. Kapitel 2.2.2) und umfassen die Bereiche Wirtschaft, Umwelt und Soziales, was die ethischen Aspekte der vorgenannten Bereiche ebenfalls mit einschließt. So können sowohl ethische als auch nachhaltige Investments als inhaltlich weitgehend deckungsgleich betrachtet werden.89

Eine differenziertere Betrachtung eröffnet hier weitere Unterteilungsmöglichkeiten etwa in ethische, ethisch-ökologische und ethisch-nachhaltige Kapitalanlagen, die die Bereiche Soziales und Kultur, Ökologie sowie Ökonomie stärker sprachlich aufgliedern. Wie in Abbildung 3 ersichtlich werden ethische Investments dabei auf das sozialkulturelle Gebiet eingegrenzt. Unter Hinzunahme der Umwelt spricht man von ethischökologischen Geldanlagen und letztendlich unter der weiteren Berücksichtigung der Ökonomie von ethisch-nachhaltigen Investments.90

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Ethische Konzepte

Quelle: Entnommen aus: Pinner, W. (2003), S. 21.

Unter Berücksichtigung der gängigen Praxis in der Literatur wird der Begriff des nachhaltigen Investments im weiteren Verlauf synonym für ethisch-nachhaltiges Investment verwendet, wobei dieser Begriff allen zuvor genannten Dimensionen gerecht wird und ein einheitliches Gesamtbild der Arbeit erzeugen soll. Nachhaltiges Investment ist demnach die Berücksichtigung der Summe aller sozialen, ökologischen, ökonomischen und ethischen Kriterien.

Der Ansatz nachhaltiger Investments lässt sich bis in das 17. Jahrhundert zurück verfolgen. Hierbei spielen insbesondere religiöse Wertvorstellungen und Lebensregeln eine große Rolle, aus denen sich ein differenziertes Verständnis von Geld bzw. von Geldanlagen entwickelte. So lässt sich nachweisen, dass die religiösen Gruppen der Quäker und Methodisten auf Geschäfte im Bereich des Sklavenhandels bzw. aus dem Bereich der Rüstung kategorisch verzichteten. Daraus kann sowohl der Ursprung des Trends nachhaltiger Kapitalanlagen als auch die Entwicklung ethischer Kriterien zur Eingrenzung von Investments auf die Länder der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und Großbritannien eingegrenzt werden. Hierbei sind jedoch unterschiedliche Ausprägungen innerhalb der Nachhaltigkeitsdimensionen zu berücksichtigen. Während in den USA, hauptsächlich begründet durch die dort vorherrschende Gesellschaftsordnung, die soziale Zieldimension das Verständnis von nachhaltigen Geldanlagen dominiert, geht die Sichtweise in Europa mehr in Richtung der ökologischen Dimension. So wird die Gesamtheit der nachhaltig ausgerichteten Kapitalanlagen in Amerika als Socially Responsible Investments (SRI) bezeichnet, was als Beleg des Priorisierens der sozialen Kriterien angesehen werden kann.91

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich ebenfalls aus der religiösen Motivation der methodistischen Kirche der Begriff der Sündenaktien (Sin Stocks).92 Sie beinhalten das Verbot von Kapitalanlagen in Unternehmen, die Geschäfte im Bereich Alkohol, Tabak oder Glücksspiel aufweisen.93 Wenige Jahrzehnte später entstand aus diversen, globalen Protestbewegungen die nachhaltige Erkenntnis der besonderen Verantwortung bei Geldanlagen. Dies sei etwa durch die Sanktionierung des U.S. Konzerns und Napalm-Herstellers Dow Chemical zu Zeiten des Vietnam Krieges veranschaulicht, dem aufgrund des öffentlichen Drucks viele Investoren ihre Beteiligungen aufkündigten und dem Unternehmen sogar Probleme in der Personalbeschaffung einbrachten.94 Aber auch in der Anti-Apartheid-Bewegung drückte sich die ethische Verantwortung der Kapitalgeber aus. Apartheid-Gegner kauften sich gezielt in Unternehmen ein, die mit dem damaligen Regime in Südafrika Geschäftsbeziehungen unterhielten und erzwangen über ihre Stimmanteile auf den Aktionärsversammlungen eine entsprechende Änderung der Unternehmenspolitik. Dieses Prinzip, als Shareholder Advocacy bekannt, findet auch heute regelmäßig Anwendung.95

Ab den 1980er Jahren erfuhren nachhaltige Investments aufgrund der globalen Umweltbewegung einen weiteren Entwicklungsschritt, der bis heute andauert. Über spezielle Anlageformen hinaus, die sich in ihrer Ausrichtung auf ökologisch ausgerichtete Unternehmen und umweltschonende Technologien definieren, ist das Themengebiet der Umwelt und besonders des drohenden Klimawandels bis heute aktuell, was sich ebenfalls in dem Anlageverhalten institutioneller und privater Geldgeber widerspiegelt.96 Die Bereitschaft der Gesellschaft bzw. der Investoren, ethische, ökologische und soziale Kriterien in die Investitionsentscheidung mit einzubeziehen, sorgte für Veränderungen auf den Kapitalmärkten. Zwar gelten die Anlageziele wie Rentabilität, Sicherheit und Liquidität weiterhin, es wird jedoch ein zusätzliches Kriterium im nachhaltigen Anlageprozess entscheidend: die Mittelver- wendung.97 Dabei bedienen sich nachhaltige Investments der vollständigen Anlagemöglichkeiten der traditionellen Märkte, d.h. sie investieren in alle existierenden Assetklassen unter Verwendung gängiger Anlageinstrumente, jedoch unter der Vorgabe bestimmter Nachhaltigkeitsthemen als Abgrenzung zu klassischen Investments.98

2.3.2 Investoren

Als die ersten Investoren in nachhaltige Investments können zu Beginn des 20. Jahrhunderts amerikanische Pensionskassen aufgeführt werden, die gleich der Motivation der zuvor bereits genannten Quäker und Methodisten, keine Geldanlage in Firmen tätigen wollten, die mit Waffen, Alkohol oder Glücksspiel Geld verdienen. Ab den 1960er Jahren folgten vermehrt Kirchen, Stiftungen aber auch Universitäten, die nach spezifischen Anlageprodukten gemäß der jeweiligen ethischen oder ökologischen Vorstellung suchten.99 Hierbei bedarf es einer terminologischen Unterteilung der Anlegergruppen. Zu dem Bereich der institutionellen Investoren gehören treuhänderische Vermögensverwalter wie etwa Versicherungen, Fondsgesellschaften oder eben Pensionskassen sowie die unter den Oberbegriff der Non-Profit- Organisationen gefassten Kirchen, Stiftungen oder Wohlfahrtsorganisationen.100 Heute sind institutionelle Anleger die international größte Anlegergruppe in nachhaltige Investments, wobei besonders Pensionskassen und Pensionsfonds aufgrund ihres hohen Anlagevolumens hervorzuheben sind.101

Über die Anpassung des Marktes für nachhaltige Geldanlagen konnte im Laufe der Jahre für fast jedes klassische Finanzprodukt ein entsprechendes Pendant mit nachhaltiger Ausrichtung angeboten werden, was besonders auch privaten Anlegern die Möglichkeit zur Partizipation in diesem neuen Anlagenbereich eröffnete, wenngleich der prozentuale Anteil der Privatinvestitionen noch als sehr gering angesehen werden muss.102 Es gilt demnach festzuhalten, dass aufgrund der positiven Marktentwicklung beiden Anlegergruppen ein entsprechender Marktzugang gegeben ist und damit nachhaltige Geldanlagen sowohl für institutionelle Anleger als auch für Privatanleger verfügbar sind.

2.3.3 Interessengruppen

Prinzipiell können alle Investoren, seien es institutionelle oder private Anleger, zu den Interessengruppen nachhaltiger Investments gezählt werden. Dies bedingt jedoch unterschiedliche Motive und Interessen, auf die im Folgenden weiter eingegangen wird.

Zunächst ist die Gruppe der Versicherer zu nennen, die zur Verringerung ihres Versicherungsrisikos durch mögliche Umweltgefahren sowie sozialer und kultureller Risiken an einer Bewertung von Unternehmen anhand von nachhaltigen Kriterien interessiert sind. Banken als Anbieter nachhaltiger Finanzprodukte haben ein Selbstinteresse an dieser Art der Geldanlagen, aber auch in den Ethik- und Ökoratings zur Bewertung von Unternehmen, etwa zur Einschätzung möglicher Marktchancen der betrachteten Unternehmen. Eine weitere Gruppe bilden kirchliche Institutionen, die aus ihrem Selbstverständnis heraus eine nachhaltige Kapitalanlage unter Berücksichtigung der Art der Mittelverwendung fordern.103

Eine besondere Rolle, besonders im aktuellen weltwirtschaftlichen Kontext, übernimmt die Institution des Staates. Zum einen ist er oftmals selbst als Investor in nachhaltige Investments tätig, wie es in Deutschland etwa über die KFW-Bankengruppe geschieht.104 Zum anderen fordert der Staat, als Lehre aus der globalen Finanzkrise und zur Vermeidung zukünftiger Risiken, mehr Nachhaltigkeit und Einschränkungen unter den Teilnehmern der Kapitalmärkte, wie es derzeit u.a. in den USA und in der EU diskutiert wird.

Wenngleich diese Aufzählungen nur exemplarisch sind, so können sie doch einen ersten Eindruck über das vielfältige Feld politisch-, sozial-, ökologisch- und ökonomischmotivierter Interessengruppen nachhaltiger Investments vermitteln.

2.3.4 Renditeerwartung

Die Frage nach der Performance eines nachhaltigen Investments spielt in der Anlageentscheidung institutioneller und privater Anleger eine wichtige Rolle.105 Eine gängige Vermutung diesbezüglich lautet, dass nachhaltige Kapitalanlagen in der Renditeentwicklung schlechter abschneiden als klassische Investments, damit also ein Renditeverzicht verbunden ist.106 Richtig ist, dass der Aufwand zur Entwicklung und Bewertung nachhaltiger Anlageprodukte durch die Erweiterung um die Dimension der ethischen, ökologischen und sozialen Kriterien bzw. deren Implementierung im Vergleich zu konventionellen Finanzprodukten, die diese Kriterien nicht berücksichtigen müssen, höher ist. Dies betrifft insbesondere die Erfassung der relevanten Informationen allgemein und deren Bewertung im speziellen. Dies vermag das Beispiel eines fiktiven börsennotierten Unternehmens belegen. Anhand der in der

Bilanz ausgewiesenen Informationen lassen sich Kennzahlen wie z.B. das Kurs- Buchwert-Verhältnis (KBV), das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder der Cash-Flow zur Bewertung der Aktie bzw. des Unternehmens ermitteln.107 Schwieriger ist aber die Bestimmung der Nachhaltigkeit des Unternehmens anhand sozialer, ökologischer bzw. ethischer Kriterien. Auch aus diesem Grund weisen heute viele Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte aus, die dieser Problematik entgegen wirken können (vgl. Kapitel 4.4.2).

Ein weiteres Argument einer möglichen Underperformance nachhaltiger Investments liefert das reduzierte Anlageuniversum, welches durch die Einbeziehung nachhaltiger Kriterien bei der Anlagenauswahl erfolgt und aufgrund dessen eine Risikostreuung innerhalb eines Portfolios ggf. nicht optimal genutzt werden kann.108 In Form vieler internationaler Studien wurde die Performance nachhaltiger Geldanlagen gegenüber klassischen Investments untersucht, mit dem Ergebnis einer mehr und weniger vergleichbaren Wertentwicklung beider Anlagen.109 Einen Überblick über durchgeführte Studien zur Wertentwicklung ökologischer Fonds bietet beispielhaft Fondsmanager und Autor Wolfgang Pinner in seinem Buch Ethische Investments.110

2.3.5 Anlagehorizont

Geldanlagen, d.h. sowohl nachhaltige Investments als auch klassische Investitionen, können in ihrem Anlagehorizont kurz-, mittel- oder langfristig ausgerichtet sein. Von einer längeren Frist spricht man bei einer Veranlagungsdauer ab fünf Jahren und länger, mittelfristige Geldanlagen können zwischen zwei und fünf Jahren angelegt sein, wobei kurzfristige Investments den Zeitraum bis zu zwei Jahren ausfüllen können.111 Der Anlagehorizont des Investors ist neben der Wahl des Assets, der persönlichen Risikobereitschaft und der jeweiligen Portfoliostruktur ein wichtiges Kriterium.112 So werden finanziell gut ausgestattete Pensionskassen oder Versicherungen in ihrem Anlagehorizont eher an langfristigen Investments interessiert sein, als vergleichsweise ein Privatanleger, der auf eine kurzfristige Fungibilität angewiesen ist. Insbesondere aber durch die stärkere Berücksichtigung nachhaltiger Investments auf den Finanz- und Kapitalmärkten und den damit verbundenen Anpassungen im Finanzproduktbereich, bietet der Finanzmarkt eine zunehmende Anzahl an Optionen zur Ausgestaltung der jeweiligen Anlagepräferenzen, auch in Form des Anlagehorizontes, was sowohl institutionellen als auch privaten Investoren in ihrer Investitionsentscheidung entgegen kommen kann.

2.3.6 Auswahlverfahren

Mit der Entscheidung für ein Investment in nachhaltige Anlageprodukte ist eine Auseinandersetzung mit den ethischen, ökologischen und sozialen Kriterien zur Mittelverwendung notwendig, die jedoch aufgrund einer fehlenden allgemeingültigen Definition nicht einfach abgearbeitet werden können.113 In Form von Screening- Ansätzen wird der Nachhaltigkeitswert von Unternehmen beurteilt, wobei in Positive-, Negative- und Best-In-Class-Screening unterschieden wird.114 Die Erhebung des Datenmaterials, welches bei den Screening-Konzepten verwendet wird, erfolgt hierbei sowohl durch Fragebögen an die zu bewertenden Unternehmen als auch durch externe Quellen wie beispielsweise Medienanalysen oder Interviews.115 Das Negative-Screening ist davon die älteste Ansatzform, in der mittels Negativkriterien Unternehmen oder Branchen, zur Vermeidung von Risikoaspekten des Investments beispielsweise in Form von Umweltrisiken, ausgeschlossen werden können.116 Kritiker dieses Ansatzes verweisen auf einen möglichen Renditeverzicht durch die selbstbestimmte Reduktion von Anlagemöglichkeiten.117

[...]


1 Vgl. Gabriel, K., Schlagnitweit, M. (2009), S. 46.

2 Vgl. Birnbacher, D. (2007), S. 1.

3 Vgl. Noll, B. (2002), S. 9.

4 Vgl. Dietzfelbinger, D. (2008), S. 67.

5 Vgl. Noll, B. (2002), S. 9.

6 Vgl. Dietzfelbinger, D. (2008), S. 61.

7 Vgl. Noll, B. (2002), S. 11.

8 Vgl. Maikranz, F. C. (2009), S. 14.

9 Vgl. Karmasin, M., Litschka, M. (2008), S. 14.

10 Vgl. Noll, B. (2002), S. 13.

11 Vgl. Dietzfelbinger, D. (2008), S. 34-37.

12 Vgl. Koslowski, P. (2009), S 21-24.

13 Vgl. Rogall, H. (2008), S. 40.

14 Vgl. Pinner, W. (2003), S. 20-21.

15 Vgl. Ott, K., Döring, R. (2008), S. 22.

16 Vgl. Ott, K., Döring, R. (2008), S. 22.

17 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 3.

18 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 4.

19 Vgl. Luks, F. (2002), S. 21.

20 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 4-6.

21 Vgl. Luks, F. (2002), S. 21-23.

22 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 23.

23 Vgl. Rostow, W. W. (1960), o. S.

24 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 23-24.

25 Vgl. Ott, K., Döring, R. (2008), S 30-31.

26 Vgl. Ott, K., Döring, R. (2008), S 30-31.

27 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 5.

28 Hauff, V. (1987), S. 46.

29 Vgl. Luks, F. (2002), S. 28-30.

30 Vgl. Pinner, W. (2003), S. 91.

31 Vgl. Luks, F. (2002), S. 30-31.

32 Vgl. Heubach, A. (2008), S. 61-62.

33 Vgl. Rogall, H. (2008), S. 42.

34 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 6.

35 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 6.

36 Vgl. Littig, B. (2004), S. 17.

37 Vgl. Littig, B. (2004), S. 17.

38 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 7.

39 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 21-22.

40 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 22.

41 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 7.

42 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 25.

43 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 25-27.

44 Eine Übersicht der Aktivitäten vor Erscheinen des Brundtland-Berichtes bietet z.B. das Lexikon der Nachhaltigkeit (http://www.nachhaltigkeit.de).

45 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 22.

46 Vgl. Luks, F. (2002), S. 25.

47 Vgl. http://www.un.org/geninfo/bp/enviro.html, Stand 30.06.2010.

48 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 27.

49 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 24.

50 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 22-24.

51 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 8.

52 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 25.

53 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 28.

54 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 25.

55 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 28.

56 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 8.

57 Vgl. http://www.bmu.de/nachhaltige_entwicklung/stategie_und_umsetzung/nachhaltigkeitsstrategie/ doc/38935.php, Stand 30.06.2010.

58 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 28.

59 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 26.

60 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 8.

61 Vgl. Luks, F. (2002), S. 16.

62 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 32.

63 Vgl. Ott, K., Döring, R. (2008), S. 38.

64 Vgl. Renn, O., Deuschle, J., Jäger, A., Weimer-Jehle, W. (2007), S. 27.

65 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 41.

66 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 42.

67 Vgl. http://www.wbgu.de/wbgu_jg2004.pdf, S.28, Stand 30.06.2010.

68 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 18.

69 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 18-19.

70 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 47-49.

71 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 19.

72 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 48-49.

73 Vgl. Luks, F. (2002), S. 17.

74 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 49.

75 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 20.

76 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 49.

77 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 21.

78 Vgl. Waltenbauer, G., Wiese, C. (2008), S.187.

79 Vgl. Rogall, H. (2008), S. 42-43.

80 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 53.

81 Vgl. Luks, F. (2002), S. 17.

82 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 34.

83 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 38.

84 Vgl. von Hauff, M., Kleine, A. (2009), S. 26-29.

85 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 35.

86 Vgl. Ott, K., Döring, R. (2008), S. 111-112.

87 Vgl. Grunwald, A., Kopfmüller, J. (2006), S. 39.

88 Vgl. Schneider, H. (2008), S. 12.

89 Vgl. Gabriel, K. (2007), S. 83.

90 Vgl. Pinner, W. (2003), S. 20-21.

91 Vgl. Pinner, W. (2003), S. 79-81.

92 Vgl. Maikranz, F. C. (2009), S. 66.

93 Vgl. Gabrio, D. (2001), S. 10.

94 Vgl. Maikranz, F. C. (2009), S. 66.

95 Vgl. Gabrio, D. (2001), S. 11.

96 Vgl. Kempf, A. (2008), S. 292.

97 Vgl. Balz, B. C. (1999), S. 61-63.

98 Vgl. Schneider, H. (2008), S. 12.

99 Vgl. Balz, B. C. (1999), S. 58-61.

100 Vgl. Werner, T. (2009), S. 36.

101 Vgl. Wilhelm, A. (2008), S. 225.

102 Vgl. Riedel, S. (2008), S. 159-160.

103 Vgl. Hoffmann, J., Scherhorn, G. (2002), S.56-61.

104 Vgl. Czichowski, F., Marinov, M. (2009), S. 230-239.

105 Vgl. Von Rosen, R. (2009), S. 86-87.

106 Vgl. http://www.handelsblatt.com/finanzen/aktienanalysen/analyse-anleger-sind-bei-nachhaltigen- anlagen-zu-opfern-bereit;2557763, Stand 30.06.2010.

107 Vgl. Schwanfelder, W. (2007), S. 109-117.

108 Vgl. Kempf, A. (2008), S. 294-296.

109 Vgl. Pinner, W. (2008), S. 133.

110 Vgl. Pinner, W. (2003), S. 51.

111 Vgl. Werner, T. (2009), S. 43-44.

112 Vgl. Peterreins, H. (2008), S. 68-71.

113 Vgl. Werner, T. (2009), S. 44-45.

114 Vgl. Kempf, A. (2008), S. 293.

115 Vgl. Kohrs, T., Grün, A. (2008), S. 133-134.

116 Vgl. Faust, M., Scholz, S. (2008), S. 150.

117 Vgl. Gabrio, D. (2001), S. 55-56.

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Ethik auf den globalen Finanz- und Kapitalmärkten. Die Bedeutung moralischer und nachhaltiger Investments
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,8
Autor
Jahr
2010
Seiten
119
Katalognummer
V413288
ISBN (eBook)
9783668640887
ISBN (Buch)
9783668640894
Dateigröße
1431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethik, finanz-, kapitalmärkten, bedeutung, investments
Arbeit zitieren
Jochen Vieten (Autor), 2010, Ethik auf den globalen Finanz- und Kapitalmärkten. Die Bedeutung moralischer und nachhaltiger Investments, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413288

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