Körper und Resilienz. Zur Bedeutung des Körpers in der psychosozialen Beratung


Bachelorarbeit, 2014

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Erschließung des Resilienzbegriffes
2.1 Allgemeine Bedeutung und Gebrauch
2.2 Exkurs: Resilenz in der Ökologie und Humangeographie
2.3 Resilienz in der psychosozialen Literatur
2.4 Exkurs soziologische Kritik der psychosozialen Resilienzdebatte

3 Zum Verständnis des Körperbegriffs

4 Schnittstellen von Resilienz und Körper
4.1 Resilienz und körperliche Aspekte in renommierten Studien
4.2 Perspektivwechsel auf Resilienz
4.3 Der Körper und das Erfahren der (krisenhaften) Situation
4.4 Resilienzfaktor „Problemlösen“ und die Bedeutung von Emotion und Körper...
4.5 Resilienz und Erfahrung
4.6 Resilienz und der Körper an einem Beispiel
4.7 Zwischenfazit zum Verhältnis von Körper und Resilienz

5 Die Bedeutung des Körpers in der psychosozialen Beratung
5.1 Psychosoziale Beratung
5.1.1 Was will Beratung?
5.1.2 Was verbindet und was unterscheidet Therapie und Beratung?
5.2 Der Körper in der psychosozialen Beratung
5.2.1 Begegnung in therapeutischen und Beratungs-Settings
5.2.2 Der Körper als Ansatzpunkt des Verständnisses des Klienten
5.3 Der Körper als Ansatzpunkt zur Gestaltung der Beratung
5.3.1 Bewältigung durch Haltungsziele
5.3.2 Entspannungs- und Besinnungsübungen
5.3.2.1 Reise durch den Körper
5.3.2.2 Atementspannung
5.3.2.3 Reise zu den Stärken

6 Beratung und Resilienz

7 Zusammenführung von Resilienz, Körper und psychosozialer Beratung

Literatur und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Körper als die primäre Quelle der Erfahrung der Welt begleitet den Menschen durch das ganze Leben und stellt den Rahmen dar, in dem neue Erfahrungen gemacht, verarbeitet, emotional bewertet und gespeichert werden (vgl. Fuchs 2008, Damasio 2002). Für Merleau-Ponty (1974, 174) ist der Körper1 zudem „unsere Verankerung in der Welt“. Auf der einen Seite birgt die Metapher des Ankers Halt, Stabilität und Sicherheit. Auf der anderen Seite verweißt sie auch darauf, dass der Körper das Individuum auch in einer Krise in der Welt verankert, was in einigen schmerzhaften Situationen vielleicht gerne vergessen würde, jedoch unausweichlich fortbesteht, da der Mensch sich nicht ungehindert physisch auflösen kann.

In der Debatte um Resilienz, in der Resilienz vielfach als „psychische Widerstandfähigkeit“ gegenüber Krisen verstanden wird, bleiben körperlich-leibliche Aspekte bisher weitestgehend unberücksichtigt (vgl. Wieland 2011, 193). Die Betrachtung der Fähigkeit, Krisen, trotz großer Risiken, zu bewältigen, scheint aus dieser Perspektive heraus unvollständig. Das Herausarbeiten der Schnittmengen von Resilienz und Körper, zur Erweiterung und Ergänzung der Resilienzdebatte, stellt das Ziel des ersten inhaltlichen Teils dar. Deshalb soll, nachdem der Resilienzbegriff umfassend erläutert wurde (zweites Kapitel) und das Verständnis des Körperbegriffs aufgezeigt wurde (drittes Kapitel), herausgearbeitet werden, in welcher Beziehung Resilienz und Körper stehen (viertes Kapitel).

Des Weiteren ist Resilienz ein Phänomen, welches sich in der groß angelegten Kauai- Längsschnittstudie bei rund einem Drittel der risikobelasteten Kinder im Laufe ihres Lebens zeigte: Diese Menschen waren trotz der Belastungen in der Kindheit als erwachsene Menschen leistungsfähig, zuversichtlich und fürsorglich (vgl. Werner 2007). Zwei Drittel der risikobelasteten Kinder entwickelten jedoch über den Verlauf ihres Lebens erhebliche Probleme psychischer oder sozialer Art. Für diese zwei Drittel könnte psychosoziale Beratung, als „Bewältigungshilfe“ (Engel et al. 2004, 37), eine Unterstützung darstellen. Inwieweit der Körper in der Beratung von Bedeutung sein könnte, ist die übergeordnete Fragestellung des zweiten Teils. Ziel des zweiten Teils stellt die Herausarbeitung der Bedeutung des Körpers als Ansatzpunkts in der Beratung dar (fünftes Kapitel).

Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Resilienz und psychosozialer Beratung (sechstes Kapitel), wird anhand der Frage, welche Möglichkeiten der Körper als Ansatzpunkt bietet in der Beratung Resilienz zu stärken, die drei Bereiche Resilienz, Körper und Beratung zusammengeführt und dabei die Ergebnisse zusammengefasst (siebtes Kapitel).

Die Herangehensweise kann Anhand eines Venn-Diagramms verdeutlicht werden (Abbildung 1), welches die drei Schlüsselbegriffe als Bereiche abbildet und Aufschluss über die Strukturierung der Arbeit gibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Darstellung der inhaltlichen Schnittgrößen dieser Arbeit

Anhand des Diagramms können insgesamt sieben Fragen formuliert werden, die sich in drei Fragen der Begriffsklärung, drei Fragen zum Verhältnis der Konstrukte untereinander und einer Kernfrage differenzieren lassen. Diese Fragen geben den Verlauf der Arbeit vor. Entsprechend der Hinleitung (siehe oben) wird die besondere Gewichtung auf der ersten, dritten, fünften Frage liegen. Die siebte Frage wird als Kernfrage der Arbeit verstanden und verknüpft die Ergebnisse der Arbeit.

(1) Was wird unter Resilienz verstanden?
(2) Was wird in dieser Arbeit unter Körper verstanden?
(3) In welchem Verhältnis stehen Resilienz und Körper?
(4) Was wird unter psychosoziale Beratung verstanden?
(5) Welche Bedeutung hat der Körper in und für die psychosoziale Beratung?
(6) In welchem Verhältnis stehen psychosoziale Beratung und Resilienz?
(7) Welche Möglichkeiten bietet der Körper als Ansatzpunkt in der Beratung für die Stärkung von Resilienz?

Zur Beantwortung dieser Fragen wird auf bestehende Forschungsergebnisse und Publikationen zurückgegriffen. Im Bereich der Resilienzforschung besteht dafür ein große Bandbreite einschlägiger, wissenschaftlicher Werke, wie beispielsweise das „Handbuch Resilienzförderung“ (Zander 2011), das zusammenfassenden Grundlagenwerk „Resilienz“ (Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse 2011), sowie das Einblick in die empirische Resilienzforschung darbietende Sammelwerk „Was Kinder stärkt“ (Opp/Fingerle 2007). Um die Bereiche Resilienz und Körper zusammenzuführen, wird zum einen leibphänomenologische Literatur herangezogen, sowie darüber hinaus, psychologische Literatur aus dem Interessensbereich des Embodiment und der Neurobiologie. Biologische Faktoren, wie Stoffwechsel oder genetische Veranlagungen, werden thematisch ausgeklammert. Zur Klärung der Frage, was unter psychosozialer Beratung verstanden wird, sowie zur Zusammenführung von Körperaspekten und Beratung werden insbesondere das Handbuch der Beratung (Nestmann et al. 2004), sowie verschiedene Fachbücher aus den Bereichen Psychotherapie und psychosoziale Beratung (z.B. Marlock/Weiss 2007, Görlitz 2001, Schnoor 2013) herangezogen.

2 Erschließung des Resilienzbegriffes

In diesem Kapitel wird ein möglichst weitreichendes Verständnis des Resilienzbegriffes angestrebt. Da der Begriff Resilienz im Allgemeinen weniger geläufig erscheint, als die beiden anderen zentralen Begriffe der Arbeit, Körper und Beratung, wird die Klärung und Diskussion des Resilienzbegriffs im Verhältnis etwas umfangreicher ausfallen.

2.1 Allgemeine Bedeutung und Gebrauch

Die Herkunft und allgemeine Bedeutung des Wortes Resilienz zu bestimmen, ist zunächst nicht ganz einfach. So geht beispielsweise die Suche nach Resilienz im Deutschen Wörterbuch Wahring (Wahring-Burfeind 2006), in älteren Ausgaben des Universalwörterbuchs Duden (Dudenredaktion 1989) und in Herkunfts- und Fremdwörterbuch der deutschen Sprache (Dudenredaktion 2007a, Dudenredaktion 2007b) leer aus. Erst die Suche in der siebten Auflage des Deutschen Universalwörterbuchs Duden bringt ein Ergebnis: Resilienz ist abgeleitet von dem lateinischen Verb „resiliere“, das mit „zurückspringen“ übersetzt wird. Im deutschen Sprachraum bedeutet Resilienz „psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“ (Dudenredaktion 2011). und wird laut duden.de sehr selten und besonders in der Psychologie verwendet (Dudenredaktion 2013). Einen anderen Eindruck bezüglich der Häufigkeit der Nutzung erweckt die Suche im Bücherbereich des Versandhändlers amazon.de. Hier ergibt die Suche nach „Resilienz“ 646 Treffer. Die meisten der angezeigten Treffer, erstrecken sich über den Bereich der Ratgeberliteratur, mit Titel wie „Phönix aus der Asche. Resilienz - Wie erfolgreiche Menschen Krisen für sich nutzen“, aber auch der pädagogischen und psychologischen Fachliteratur. Hervorzuheben sind hier die durchwegs jungen Erscheinungsdaten der Bücher, welche zwischen 2009 und 2014 liegen.

Die Suchmaschine der Marburger Universitätsbibliotheken, „OPAC“, bietet 73 Ergebnisse zum Suchbegriff „Resilienz“ (Stand 30.05.2014). Diese können in zwei übergeordnete Themenbereiche gegliedert werden. Zum einen in den psychosozialen und darunter in die Bereiche Psychologie, Pädagogik und Personalentwicklung, und zum anderen in das Feld der Geographie. Auch hier liegen die Erscheinungsdaten größtenteils zwischen dem Ende des letzten Jahrzehnts und dem vergangen Jahr. Auf den ersten Blick scheint es so, als ob der Begriff Resilenz erst im Verlauf der letzten Jahre einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird.

Was wird nun jedoch in der Fachliteratur unter Resilienz verstanden, ist die Resilienzforschung tatsächlich so „jung“, und was bedeutet es im Bezug auf die Fragestellung, dass sich der Begriff sowohl in der Geographie als auch im psychosozialen Bereich finden lässt?

Begonnen wird mit dem kurzen Exkurs in den Bereich der Humangeographie und Ökologie, sodass ein umfassendes Verständnis von Resilienz möglich wird und interdisziplinäre Erkenntnisse erschlossen werden können. Anschließend wird der Diskurs des Begriffs im psychosozialen Bereich aufgezeigt.

2.2 Exkurs: Resilenz in der Ökologie und Humangeographie

Christman et al. (2011) setzten sich aus „sozio-räumlicher“ bzw. aus humangeographischer Perspektive mit Resilienz auseinander. Ihnen zufolge, stammt der Begriff Resilienz ursprünglich aus dem Feld der Ökologie. Seit den neunziger Jahren habe der Begriff einen starken Aufschwung in der Häufigkeit der Verwendung gefunden, werde seither vermehrt in der Humanökologie, darauf folgend in anderen Feldern der Geographie verwendet und schließlich auch in sozialwissenschaftlichen Disziplinen aufgegriffen (vgl. Christman et al. 3f.). Das Pendant zu Resilienz ist Vulnerabilität, die „Anfälligkeit“ oder „Exponiertheit“ gegenüber Krisen, im Gegensatz zur „Bewältigungsfähigkeit“ Resilienz (ebd. 5). Der „wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU), der sich mit der Prognose von und dem Umgang mit ökologischen Herausforderungen im Kontext des Klimawandels auseinandersetzt, nutzt den Begriff beispielsweise, um damit „die Fähigkeit eines Systems, sich von Veränderungen aufgrund einer exogenen Störung zu erholen und in den Ausgangszustand zurückzukehren“ (WBGU 2000, 53) zu beschreiben und verwendet ihn synonym mit „Elastizität“. Weiterhin wird der Begriff im Feld der Ökologie in den Zusammenhang mit „Robustheit“, „Bewältigungskapazität“ und „Anpassungskapazität“ von Systemen gebracht, die sozialer, sozio-ökonomischer, oder sozio-ökologischer Natur sein können (Birkmann et al. 2013, 18).

Der habilitierte Ökonom Niko Paech, dessen Einsatz für die Etablierung einer Postwachstumsökonomie ökologische (aber auch soziale) Gründe hat, versteht Resilienz

- im Sinne einer Widerstandsfähigkeit gegenüber ökologischen und ökonomischen Krisen - als Ergebnis von einerseits Subsistenz, d.h. Regional-, Lokal- oder Selbsterzeugung und Suffizienz andererseits, womit eine genügsame, konsumarme Lebensweise gemeint ist (Paech 2013, 113, 121, 145). Diese resiliente, also suffiziente und subsistente Lebensweise, würde Paech (2013, 149) zufolge zu „aufgeklärtem Glück“ führen, welches frei von Ausreden für ökologische Verantwortungslosigkeit ist. Die geforderte „Selbsterzeugung“, aber auch das Durchhalten des Durchbrechens von omnipräsent durch Werbung erzeugten Konsumzwängen könnte hier Zugänge zur leiborientierten Perspektive von subjektzentrierter Resilienz zulassen. Paechs Perspektive auf Resilienz erscheint dabei auch deshalb als bemerkenswert, weil sie räumliche Aspekte und individuellen Aspekte zusammenführt.

2.3 Resilienz in der psychosozialen Literatur

Im Feld Sozialwissenschaft und Psychologie ist der Begriff Resilienz teilweise umstritten. So ist beispielsweise für Grossmann/Grossmann (2007, 29) das Wort Resilienz „kein deutsches Wort“, da sie es nicht in einschlägigen deutschen Wörterbüchern finden konnten und bemängeln deshalb die fehlende Verwurzelung des Begriff im deutschen Sprachgebrauch. Des Weiteren erachten es Grossmann/Grossmann (2007, 30) als schwierig, Resilienz, übersetzt als „Elastizität“, auf den Menschen zu übertragen, da Menschen nicht „elastisch“ sein können, das heißt fähig in den Ausgangszustand zurück zu kommen, sondern sich stets weiterentwickeln. Demgegenüber definiert die systemische Psychotherapeutin Welter-Enderlin, die den Begriff Resilienz einer „radikalen Ressourcenorientierung“ im Feld der systemischen Therapie gegenüberstellt, als „Fähigkeit von Menschen […], Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklungen zu nutzen“ (Welter-Enderlin 2008, 13) und betont mehrfach, dass für sie Resilienz „gedeihen trotz widriger Umstände“ bedeutet. Der zweidimensionale Aspekt von Resilienz der in dieser Definition bereits deutlich wird, zum einen die Bewältigung einer gegenwärtig gegebenen Krise und zum anderen die Nutzung der Krise für die persönliche Entwicklung, wird auch in anderen Definitionen betont. Der Soziologieprofessor Bruno Hildenbrand beschreibt Resilienz beispielsweise als „spezifische Handlungs- und Orientierungsmuster der Krisenbewältigung einerseits, ihre Entwicklung in immer neuen Erfahrungen der Bewältigung von Krisen andererseits“ (Hildenbrand 2008a, 205).

Weniger euphorisch und entwicklungsorientiert sehen jedoch andere Autoren und Autorinnen Resilienz. Hagen und Röper (2007, 15) zeigen auf, dass Resilienz im Kontext psychologischer Definitionen häufig als eine „relative Widerstandsfähigkeit gegenüber pathogenen Umständen und Ereignissen“ verstanden wird - kurz gesagt, eine psychische Widerstandsfähigkeit - und halten fest, dass Resilienz einerseits das Vorhandensein hoher Risiken und Belastungen und zum anderen ein hohes Anpassungsniveau voraussetzt. Dass ein hohes Anpassungsniveau, bzw. Resilienz auch in bedenklicher Form in Erscheinung treten kann, dass zeigt der Psychologe und Professor am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster Norbert Wieland auf. Für Wieland (2011, 199f.) impliziert Resilienz unter Umständen auch das Brechen mit moralischen Geboten, um den eigenen Vorteil, bzw. das eigene Überleben zu sichern. Auch dissoziatives Verhalten, kann aus seiner Perspektive heraus, eine Form der Resilienz sein, wenn so Krisen erfolgreich ausgeblendet und der Erhalt im sozialen System gesichert wird.

Die von Wieland (2011, 185) dargelegte Definition von Resilienz: „Resilienz liegt vor, wenn jemand eine extrem bedrohliche, d.h. hoch riskante Situation unerwartet gut bewältigt“, ist zwar aufgrund der zunächst nicht weiter spezifizierten Bewertung „gut“ schwer mit den zuvor dargelegten Aspekten, dass resilientes Verhalten nicht immer moralisches oder aufmerksames Verhalten bedeutet, zu vereinbaren. Dennoch weist diese Definition in die Richtung der Schwerpunktsetzung von Resilienzforschung.

Diese setzt sich insbesondere mit der Frage auseinander, wie es kommt, „dass manche Personen trotz vielfältiger Risikofaktoren bzw. anhaltender extremer Stressbedingungen keine psychischen Störungen entwickeln bzw. in der Lage sind, sich vergleichsweise schnell von traumatischen Erfahrungen wie Naturkatastrophen, Kriegserlebnissen oder dem Tod eines nahe stehenden Menschen zu erholen“ (Hagen/Röper 2007, 15). Mit „gut“ ist also weniger, ein moralisches umweltorientiertes, als vielmehr ein erfolgreiches, subjektzentriertes Bewältigen einer vermeintlich traumatisierenden Situation gemeint. „Extrem bedrohlich“ bedeutet für Wieland (2011, 185) beispielsweise „ökonomische Deprivation“, die häufig mit Arbeitslosigkeit und beengten Wohnverhältnisse einhergeht. Unter „unerwartet“ versteht Wieland (2011, 185), dass eine große Mehrheit, etwa 70%, eine ähnliche bedrohliche Situation nicht „meistert“. „Bewältigen“ wird zum einen positiv im Sinne, trotz der Umstände konnte ein erfolgreicher Einstieg ins Berufsleben erreicht werden, oder negativ, trotz der Umstände ist keine psychische Erkrankung entstanden, verstanden (vgl. Wieland 2011, 185).

Weiterhin zeichnet sich Resilienz für Wieland (2001, 190) als eine „gute und stabile Kontrollüberzeugung“ aus und kommt umgangssprachlich dem Begriff der „Lebenstüchtigkeit“ sehr nahe.

Bevor weiter der Frage nachgegangen wird, was der Körper mit Resilienz zu tun hat und welche Bedeutung dem Körper zur Förderung von Resilienz beigemessen werden kann, wird in Tabelle 1 auf der nächsten Seite kurz und strukturiert zusammengefasst, welche Aspekte unter dem Begriff Resilienz zusammenfließen. Dafür werden die bereits aufgeführten Definitionen gekürzt und den Forschungsfeldern des Autors/der Autorin der Definition zugeordnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Definitionen von Resilienz

Neben diesen Definitionen lassen sich einige weitere Definitionen von Resilienz im psychosozialen Feld finden. Als gemeinsamer Nenner lässt sich jedoch zusammenfassen, dass Resilienz erstens: das Bestehen einer Krisensituation voraussetzt, zweitens: das Individuum, trotz Risikobelastung die Krise bewältigt, und aus einigen Perspektiven heraus drittens: das Bewältigen der Krise als Entwicklungsanlass genutzt wird.

Die Krisen können dabei biologischer, psychologischer oder psychosozialer Natur sein (vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse 2011, 10)

2.4 Exkurs soziologische Kritik der psychosozialen Resilienzdebatte

„Nach vierzig Jahren wissenschaftlicher Arbeit und Forschung im Frankfurter Institut für Sozialforschung ist mir der Glaube an die ‚positive Sprengkraft’ von wissenschaftlicher Theorie und Forschung gründlich abhanden gekommen. Ich halte - zumindest in unseren modernen Gesellschaften - Wissenschaft, Forschung und Technologie für die bedeutsamsten und gefährlichsten Brutstätten herrschaftslegitimierender Ideologien; sie sind rationalisierter Religionsersatz; mit ihrer Autorität werden heute die modernste Formen von Barbarei, Unterdrückung und Ausbeutung begründet und Menschen wie Institutionen zur grausamen und unmenschlichen Handlungen verführt.“ Thomas von Freyberg (2011, 238)

Für von Freyberg bietet die Debatte um Resilienz erheblichen Anstoß zu Kritik. Resilienz ist aus seiner Perspektive heraus ein Begriff, der aus einer ressourcenorientierten Pragmatik stammt, die deshalb so viel Anklang auch auf politischer Ebene findet, da mit Hilfe einer ressourcenorientierten Formulierungsweise strukturelle Probleme ausgeblendet werden können. Der konzeptionell schwach verankerte Resilienzbegriff sei hierfür ein Idealbeispiel. Statt darüber zu sprechen, weshalb der große Teil einer betroffenen Gruppe an Risiken scheitert und mit erheblichen Einbußen zurück bleibt, werden über den Resilienzbegriff die wenigen in den Mittelpunkt gerückt, die trotz der widrigen Umstände nicht scheitern (vgl. von Freyberg 2011, 232). Ungleiche Privilegienverteilung, Abhängigkeiten und strukturelle Verantwortungslosigkeit, die für von Freyberg (2011, 235) unter anderem die Ursachen der Risiken darstellen, würden dank der ressourcen- und resilienzorientierten Blickrichtung nicht weiter Gegenstand der kritischen Auseinandersetzung, wodurch auf staatlicher Ebene der Weg für weitere finanzielle Kürzungen und die Erhöhnung von Druck geebnet würde (ebd., 233)

3 Zum Verständnis des Körperbegriffs

Der Titel dieser Arbeit „Körper und Resilienz?“ lässt vielfältige Interpretationsmöglichkeiten offen, welche Dimensionen von Körper und Resilienz untersucht werden könnten. So könnte beispielsweise auch an die Untersuchung von Körper und Resilienz auf biologische oder genetische Zusammenhänge gedacht werden. In dieser Arbeit wird jedoch der Körper vielmehr, in Anlehnung an Fuchs (2008) leibphänomenologische Perspektive, als Medium menschlicher Welterfahrung verstanden, über welchen zum einen die Umwelt und der eigene Körper erlebt wird (vgl. Abraham 2010, 23) und zum anderen der Mensch sich selbst zum Ausdruck bringt und somit Gegenstand des Erlebens für andere wird. Im Gegensatz zu dualistischen Betrachtungsweisen wird der Körper weiterhin als wechselseitig wirkende Instanz zwischen einerseits der Umwelt und andererseits der eigenen Psyche verstanden (vgl. Tschacher 2011).

Eine der vielfältigen „Entscheidungskrisen“ (Oevermann 2004, 165) - Situationen, die nicht ohne Entscheidung gelöst werden können - deren Bewältigung für das Schreiben dieser Arbeit notwendig ist, ist die Entscheidung, ob in der Arbeit von der Bedeutung des Körpers oder des Leibes gesprochen werden soll. In der Phänomenologie bei Merleau-Ponty (1974, 234) wird der Begriff des Leibes verwendet, um auf die Untrennbarkeit von Körper, Geist und Umweltfaktoren aufmerksam zu machen und zur Überwindung cartesianischer Denktraditionen hinzuwirken, die, aus Merleau-Pontys (1974) Perspektive, dem Körper absolute Objekthaftigkeit und dem Geist und dem Denken losgelöste Subjekthaftigkeit zusprechen. In Werken mit phänomenologischem Hintergrund, wird deshalb nach wie vor insbesondere der Leibbegriff verwendet, um das zu beschreiben, was der Mensch subjektiv ist und nicht nur physisch, objektiv hat (vgl. Plessner 1975).

In anderen Werken findet der Leibbegriff keine Erwähnung, dennoch wird dort der Körper als etwas gedacht, das über das objektiv Dinghafte hinausgeht und im Wechselverhältnis zu Psyche und Umwelt stehend verstanden wird (vgl. Tschacher 2011). Auch Abraham (2010, 23) beschreibt Körpererleben beispielsweise als, „ein Erleben vom Körper“, „ein Erleben über den Körper“, „ein Erleben des Körpers (im fundamentalen Sinne, dass der Körper als eine eigenständige Empfindungseinheit etwas gewahren, registrieren, merken kann)“ und misst dem Körper somit zentrale subjektive Erlebensmomente zu. Der Körper und der Leibbegriff wird also in unterschiedlichen Werken mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung mitunter gleichbedeutend verstanden. Trotz einer Vielzahl von Anknüpfungspunkte an phänomenologische Theorien, wird im Folgenden der Körperbegriff anstelle des Leibbegriffs verwendet, da die Perspektive dieser Arbeit nicht ausschließlich phänomenologisch ist und der Körperbegriff allgemein hin anschlussfähiger erscheint.

Die subtilen Differenzierungen von Leib und Körper, beispielsweise dass unter dem Leib auch das verstanden wird, was der Mensch „in der Gegend seines Körpers von sich spüren kann, ohne sich [dabei] auf das Zeugnis der fünf Sinne (Sehen, […]) und des perzeptiven Körperschemas (d.h. das aus Erfahrungen des Sehens und Tastens abgeleiteten habituellen Vorstellungsbildes vom eigenen Körper)“ stützen zu müssen (Schmitz/Hermann 2007 zit. n. Abraham 2010, 18.), verstanden wird, sind bekannt, sodass falls auf diese Aspekte Bezug genommen wird, der Leibbegriff Erwähnung findet.

[...]


1 Zur Verwendung des Leib bzw. Körperbegriffs siehe Kapitel 3.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Körper und Resilienz. Zur Bedeutung des Körpers in der psychosozialen Beratung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Erziehungswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
41
Katalognummer
V413326
ISBN (eBook)
9783668642423
ISBN (Buch)
9783668642430
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Körper, Leib, Psychologie, Soziologie, Kritische Perspektive, Psychosoziale Beratung, Therapie, Ganzheitlichkeit
Arbeit zitieren
Lukas Clobes (Autor), 2014, Körper und Resilienz. Zur Bedeutung des Körpers in der psychosozialen Beratung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413326

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