Ein industrieökonomischer Ansatz zur Erklärung und Eindämmung von Korruption


Seminararbeit, 2009
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Ein industrieökonomischer Ansatz zur Erklärung von Korruption
2.1 Das Grundmodell von Shleifer und Vishny
2.2 Variation des Grundmodells
2.3 Zwischenfazit zum industrieökonomischen Ansatz

3. Eindämmung von Korruption im öffentlichen Sektor
3.1 Ein industrieökonomischer Ansatz zur Eindämmung von Korruption
3.2 Das Prinzipal-Agent-Modell oder Anreizsysteme zur Eindämmung von Korruption
3.3 Zwischenfazit zur Eindämmung von Korruption

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

Abstract:

Korruption ist ein weltweites Phänomen, das insbesondere den öffentlichen Sektor betrifft. Die vorliegende Seminararbeit erklärt anhand eines industrieökonomischen Modells, warum Korruption negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Volkswirtschaft wirkt. Aus dem Blickwinkel eines institutionenökonomischen Modell soll darüber hinaus gezeigt werden, welche Möglichkeiten zur Korruptionsbekämpfung existieren.

Vorgelegt von:

Matthias Benner

1. Einführung

München, Dezember 2006. Nach einer Großrazzia der Münchner Staatsanwaltschaft werden mehrere Top-Manager der Siemens AG verhaftet. Der Vorwurf: Schmiergelder, schwarze Kassen, dubiose Zahlungen in Höhe von mehreren hundertmillionen Euro. Bis zu 420 Millionen Euro sollen veruntreut worden sein. Unter anderem seien jährlich 10 Millionen Euro in ehemalige Staaten der Sowjetunion und nach Nigeria geflossen. Mit diesen Zahlungen seien wichtige Informationen und lukrative Aufträge gekauft worden[1].

Jedoch sollte dieser Skandal nicht der einzige im Jahre 2006 bleiben. In Wuppertal stellt ein Stadtrat über dessen Scheinfirma einer Baufirma fingierte Rechnungen aus. Diese werden vom Bauunternehmer auch regelmäßig als Dank für die Durchsetzung einer neuen, unkomplizierteren Bauleitplanung beglichen[2].

Korruption ist also nicht nur ein Problem der Privatwirtschaft. Im Gegenteil, die Auswertung des Bundeslagebildes 2007 des Bundeskriminalamtes zeigt, dass der Schwerpunkt aller Korruptionsfälle mit 79 Prozent bei der öffentlichen Verwaltung liegt. Demgegenüber treten nur 15 Prozent aller Fälle im privaten Wirtschaftssektor auf[3].

Weil Korruption also vor allem im öffentlichen Sektor evident ist, wird sich die vorliegende Seminararbeit auf die Betrachtung dieses Sektors beschränken. Korruption wird dabei als Missbrauch öffentlicher Macht für den privaten Nutzen verstanden[4].

Grundsätzlich ist Korruption ein globales Phänomen, das in allen Ländern der Erde auftaucht. Jedoch zeigen Messungen, dass das Ausmaß der Korruption zwischen den Ländern stark variiert. Beispielsweise erstellt Transparency International seit 1995 für mittlerweile 180 Staaten dieser Erde jährlich einen sogenannten Corruption Perception Index (CPI). Dieser CPI beruht als Meta-Index auf empirischen Befragungen von Geschäftsleuten, Investoren, Länderanalysten und Staatsangehörigen. Dabei kann der CPI Werte zwischen 0 und 10 annehmen. Die Korruption ist umso höher, je niedriger der CPI liegt. Der aktuelle Corruption Perception Index von 2008 zeigt, dass die Bandbreite von nahezu korruptionsfreien Ökonomien wie beispielsweise Dänemark (9,3) bis hin zu extrem korrupten Ländern wie beispielsweise Somalia (1,0) reicht. Deutschland befindet sich derzeit mit einem CPI von 7,9 gemeinsam mit Norwegen nur auf Platz 14. Auffällig ist, dass gerade die ärmsten Ländern dieser Erde am unteren Ende dieses Rankings zu finden sind[5].

Zwischen Wirtschaftskraft und Korruption scheint also eine gewisse Korrelation vorzuliegen. Jedoch ist fraglich, in welche Richtung diese Korrelation wirkt – ist die Wirtschaftskraft aufgrund der Korruption so niedrig oder ist es gerade umgekehrt, dass Korruption aufgrund der geringen Wirtschaftskraft so hoch ist? Dass Korruption tatsächlich schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung ist, zeigen einige empirische Studien. So dränge Korruption Investititionen der Privatwirtschaft zurück[6] und wirke negativ auf ausländische Direktinvestitionen[7].

Jedoch bleibt die Frage nach dem Grund der Schädlichkeit unbeantwortet. Die zentrale Fragestellung der Seminararbeit muss also lauten: „Warum ist Korruption schädlich für eine Volkswirtschaft?“. Hierbei stehen in Kapitel 2 der Seminarbeit die industrieökonomischen Überlegungen von Shleifer und Vishny im Mittelpunkt. Wenn aber Korruption schädlich für eine Volkswirtschaft ist, dann reicht es nicht aus, nur den Grund dieser Schädlichkeit zu erforschen. Vielmehr gilt es herauszufinden, wie Korruption erfolgreich bekämpft werden kann. Daher wird sich die vorliegende Arbeit in Kapitel 3 folgender Forschungsfrage widmen: „Welche Möglichkeiten gibt es, Korruption im öffentlichen Sektor zurückzudrängen?“ Neben der Industrieökonomie soll hierfür die Institutionenökonomie mit dem zentralen Prinzipal-Agent-Modell bemüht werden.

2. Ein industrieökonomischer Ansatz zur Erklärung von Korruption

In diesem Kapitel wird - basierend auf dem industrieökonomischen Ansatz von Shleifer und Vishny[8] - versucht, die Frage nach dem Grunde der Schädlichkeit von Korruption zu beantworten.

2.1 Das Grundmodell von Shleifer und Vishny

Shleifer und Vishny definieren Korruption analog zur Abhandlung in der Einführung als „the sale by government officials of government property for personal gain“[9]. In ihren Überlegungen beschreiben sie also das gewinnmaximierende Verhalten eines Beamten. Ausgangspunkt für ihre Theorie ist ein einfaches Monopolmodell. So gehen sie davon aus, dass ein einziger Beamter ein einzelnes homogenes Gut (z.B. Personalausweis, Importlizenz etc.) anbietet, für das es eine entsprechende Nachfrage N gibt. Der Beamte hat die Möglichkeit, die angebotene Menge dieses Gutes (Verwaltungsgut) künstlich zu verknappen, um so seinen Bestechungsbetrag b zu maximieren[10].

Bei diesem Optimierungsproblem handelt es sich grundsätzlich um einen „Lehrbuchfall des Monopols“[11]. Daher gilt: Der Monopolist (Beamte) wählt seinen optimalen Bestechungsbetrag so, dass der Grenzerlös des letzten verkauften Verwaltungsgutes den Grenzkosten des Kaufs durch einen Bürger entspricht.

Jedoch unterscheiden Shleifer und Vishny zwischen „corruption without theft“[12] (Korruption ohne Diebstahl) und „corruption with theft“[13] (Korruption mit Diebstahl).

Korruption ohne Diebstahl bedeutet, dass der Beamte das Verwaltungsgut zum offiziellen Preis p verkauft. Dabei entspricht p gerade den Grenzkosten des Beamten. Auf diesen Preis schlägt der Beamte eine Bestechungszahlung in Höhe von b auf, so dass der Grenzerlös MR gerade den Grenzkosten GK entspricht[14].

Der Gewinn des Beamten entspricht der Fläche ABCD in Abbildung 1. Die Fläche ABE in Abbildung 1 stellt dagegen einen Wohlfahrtsverlust dar, da diese Lösung ineffizient ist. Denn anstelle von x0 wurden nur x* Verwaltungsgüter verkauft. Durch den geforderten Bestechungsbetrag werden also all jene Nachfrager (Bürger, Unternehmen etc.) aus dem Markt gedrängt, die bereit wären, einen Preis zwischen B und E zu zahlen. Die Ineffizienz besteht somit nicht in der Umverteilung der Wohlfahrt vom Nachfrager (Bürger, Unternehmer) zum Anbieter (Beamter), sondern vielmehr in einem zu geringen Markteintritt[15].

Abbildung 1: Korruption ohne Diebstahl[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Falle der Korruption mit Diebstahl betrügt bzw. bestiehlt der Beamte seinen Dienstherrn und verkauft das Gut unterhalb des offiziellen Preises. Dabei gibt er den Verkauf gegenüber seinem Vorgesetzten nicht an und leitet keinerlei Gelder weiter. In diesem Falle belaufen sich die Grenzkosten des Beamten auf Null. Der Bestechungsbetrag b liegt hier also unterhalb des offiziellen Preises p. Korruption mit Diebstahl existiert beispielsweise wenn „custom officials […] let goods through the border for less than the official duty, but then give nothing at all to the government“[17].

Wie in Abbildung 2 dargestellt, führt hier Korruption zu einer deutlichen Ausweitung der Markteintritte (x0 => x*). Jedoch generiert der Staat keinerlei Einnahmen, da die Gewinne in gänze dem korrupten Beamten zu gute kommen. Somit führt Korruption mit Diebstahl zu einem Staatsdefizit im Umfang ABCD.

Für Anbieter und Nachfrager liegt demgegenüber eine klassische Win-Win-Situation vor. Der Verwaltungsbeamte erhält eine Bestechungszahlung in Höhe der Fläche AEFG, der Nachfrager erhält die Leistung günstiger als auf legalem Wege. Da im Gegensatz zur Korruption ohne Diebstahl beide Seiten, Anbieter und Nachfrager, einen Vorteil generieren, hat die Variante mit Diebstahl deutlich größere Beharrungs- und Ausbreitungskräfte[18]. Auch in der Realität ist Korruption mit Diebstahl weitaus schädlicher für die wirtschaftliche Entwicklung als Korruption ohne Diebstahl. Wenn beispielsweise Unternehmer A eine Importlizenz durch Bestechung eines Beamten günstiger erwerben kann als Unternehmer B, so hat A einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber B. Um diesen Vorteil auszugleichen ist B ebenfalls gezwungen, diesen Beamten zu bestechen[19].

[...]


[1] Vgl. http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/977/342819/text/; 28.09.2009, 21:16 Uhr.

[2] Vgl. Kalbfell, Carl-Gustav: Kommunale Mandatsträger und Wahlbeamte im Spannungsfeld zwischen Kooperation und Korruption. Dissertation an der Juristischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universtität Tübingen, Tübingen 2009, S. 2

[3] Vgl. Bundeskriminalamt: Korruption – Bundeslagebild 2007, November 2008, S. 8

[4] Diese Definition ist in der wissenschaftlichen Literatur weit verbreitet. Vgl. hierzu auch Shleifer, Andrei und Vishny, Robert W.: Corruption. In: Quarterly Journal of Economics, Nr. 108/1993, S. 599; Thum, Marcel: Korruption. In: Dresden Discussion Paper in Economics, Nr. 11/2004, S. 2

[5] Vgl. http://www.transparency.org/policy_research/surveys_indices/cpi/2008; 28.09.2009, 22.33 Uhr und http://www.transparency.de/Korruptionsindices.382.0.html; 28.09.2009, 22.33 Uhr

[6] Vgl. Mauro, Paolo: Corruption and Growth. In: Quarterly Journal of Economics, Nr. 110/1995, S. 681 - 712

[7] Vgl. Wei, Shang-Jin: How Taxing is Corruption on International Investors? In: Review of Economics an Statistics, Nr. 82/2000, S. 1 - 11

[8] Shleifer, Andrei und Vishny, Robert W.: Corruption. In: Quarterly Journal of Economics, Nr. 108/1993, S. 599 - 617

[9] Shleifer, Andrei und Vishny, Robert W.: Corruption. In: Quarterly Journal of Economics, Nr. 108/1993, S. 599

[10] Vgl. ebd. S. 600 – 601

[11] Thum, Marcel: Korruption. In: Dresden Discussion Paper in Economics, Nr. 11/2004, S. 7

[12] Shleifer, Andrei und Vishny, Robert W.: Corruption. In: Quarterly Journal of Economics, Nr. 108/1993, S. 601

[13] ebd. S. 601

[14] Vgl. ebd. S. 602

[15] Vgl. Thum, Marcel: Korruption. In: Dresden Discussion Paper in Economics, Nr. 11/2004, S. 7

[16] Vgl. Shleifer, Andrei und Vishny, Robert W.: Corruption. In: Quarterly Journal of Economics, Nr. 108/1993, S. 602 u. Thum, Marcel: Korruption. In: Dresden Discussion Paper in Economics, Nr. 11/2004, S. 8

[17] ebd., S. 601 - 602

[18] Vgl. Shleifer, Andrei und Vishny, Robert W.: Corruption. In: Quarterly Journal of Economics, Nr. 108/1993 S. 604

[19] Vgl. ebd. S. 604

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ein industrieökonomischer Ansatz zur Erklärung und Eindämmung von Korruption
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V413387
ISBN (eBook)
9783668644595
ISBN (Buch)
9783668644601
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ansatz, erklärung, eindämmung, korruption
Arbeit zitieren
Matthias Benner (Autor), 2009, Ein industrieökonomischer Ansatz zur Erklärung und Eindämmung von Korruption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413387

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