Ganz normale Menschen als Massenmörder. Handlungs- und Rechtfertigungsmotive aus sozialpsychologischer Sicht


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Forschungsstand

3 Massenmord aus sozialpsychologischer Sicht
3.1 Durchführung und Rechtfertigung von Massenmord durch Befehlshierarchien und soziale Zugehörigkeit
3.2 Massenmord als moralisches Projekt

4 Harald Welzer: Wie und warum man Feinde vernichtet
4.1 Beispiel Vietnam
4.2 Beispiel Ruanda
4.3 Beispiel Jugoslawien

5 Kritik bzw. Gegenpositionen zu der sozialpsychologischen Interpretation
5.1 Persönlichkeit der Täter
5.2 Überzeugungen als wichtige Triebquelle für verbrecherisches Handeln

6 Schlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Das Töten und die Begehung von Greueltaten im Krieg ist eine Erscheinung, die wir aus der Vergangenheit gut kennen. Auch Verbrechen wie Mord, Totschlag und Vergewaltigung sind bekannte Verbrechen, die in der Menschheitsgeschichte immer schon vorhanden waren. Weniger plausibel ist die Gegebenheit, dass auch ganz durchschnittliche Menschen - wenn die richtigen Umstände vorhanden sind - in der Lage sind, Gewalttaten zu begehen und diese auch rechtfertigen und mit dem eigenen Gewissen vereinbaren können. Das 20. Jahrhundert wurde häufig als das „Jahrhundert des Totalitarismus“ bezeichnet, da die totalitären Systeme - Kommunismus und Nationalsozialismus - viele Jahrzehnte das politische Klima dominierten. Auch die Verbrechen der totalitären Diktaturen zeigte eine neue Dimension. Im Nationalsozialismus kam es beispielsweise zu unvorstellbaren Exzessen, die von der NS-Führung befohlen wurden, aber (auch) von ganz gewöhnlichen Menschen - sie unterschieden sich nicht von dem gesellschaftlichen Durchschnitt - durchgeführt bzw. begangen wurden. Jedoch beschränkt sich ein solches Verhalten nicht auf autoritäre oder totalitäre Regime, sondern es zeigt sich beispielsweise auch bei Menschen, die in freiheitlichen Demokratien sozialisiert wurden, wie Harald Welzer am Beispiel von Greueltaten US-amerikanischer Soldaten in Vietnam zeigt.

Diese Arbeit will dem Phänomen nachgehen, warum scheinbar ganz normale Menschen zu Massenmördern werden - verbrecherisch handeln - sofern sie in eine Befehlshierarchie eingebunden sind, die das Töten erlaubt und sogar ausdrücklich honoriert.

Diese sozialpsychologische Sichtweise wird anhand von Gustave Le Bons, Hannah Arendts und besonders Harald Welzers Thesen untersucht.

Den sozialpsychologischen Handlungs- und Rechtfertigungsmechanismus näher zu verstehen, ist für die (Sozial-)Wissenschaft von großer Bedeutung, da ein Verständnis von Handlungs- und Rechtfertigungsfaktoren auch Interventionsmöglichkeiten in Aussicht stellt. Entsprechend kann die Frage gestellt und beantwortet werden, unter welchen Bedingungen dieser Denkmechanismus nicht funktioniert. Dies ist beispielsweise für die Erziehungswissenschaft bzw. für pädagogische Berufe von Relevanz, da eine (aufklärerische) Erziehung und Bildung die manipulative Einbindung in eine soziale Hierarchie und die gewünschte Ausführung von (verbrecherischem) Verhalten verhindern kann.

In Kapitel 2 wird ein Überblick über den Forschungsstand des Phänomens gegeben.

Neben Autoren, die sich theoretisch mit dieser Erscheinung beschäftigt haben (Le Bon, Freud, Arendt, Browning, Welzer) werden auch Sozialexperimente erwähnt, die diese Thematik behandeln (Milgram-Experiment, Stanford-Prison-Experiment). Kapitel 3 untersucht den sozialpsychologischen Ansatz näher und geht auf die Erkenntnisse von Harald Welzers Analyse ein. (3.1). Schließlich wird die These aufgenommen, inwiefern Massenmord als moralisches Projekt eingestuft werden kann (3.2).

In Kapitel 4 werden Beispiele aus den Ländern Vietnam, Ruanda und Jugoslawien genannt, in denen auch „normale Menschen“ zu (Massen-)Mördern wurden. Die Bedingungen, die Harald Welzer hierbei ausmacht, werden dargestellt.

Kapitel 5 thematisiert Gegenpositionen und Kritik am sozialpsychologischen Ansatz bzw. stellt andere Erklärungen für das verbrecherische Verhalten der Täter vor. Bei anderen Ansätzen spielen die Persönlichkeit und Überzeugungen der Täter eine wichtige Rolle.

In der Schlussbetrachtung werden die wesentlichen Erkenntnisse aus der Arbeit zusammengefasst und der sozialpsychologische Ansatz in seiner Bedeutung bewertet.

2 Forschungsstand

Gustave Le Bon veröffentlichte 1895 sein Werk „Psychologie der Massen“, in dem er behauptete, dass der Einzelnde - das Individuum - sich in der Masse verliere und sich sein Verhalten einer Massen- bzw. Gruppendynamik anpasse (vgl. Le Bon 1964). Insofern tritt in der Massendynamik die Persönlichkeit des Einzelnen in den Hintergrund und die Gefühle und Gedanken der Gruppe sind in eine Richtung orientiert und bilden eine „Gemeinschaftsseele“ aus. In diesem Fall spricht Le Bon von einer „organisierten“ oder „psychologischen“ Masse (vgl. Le Bon 1964: 12f.). Le Bons Erkenntnisse wurden seinerzeit interessiert aufgenommen, um das „Zeitalter der Massen“ (Le Bon) besser zu verstehen und eine Vielzahl von Denker haben Le Bons Ansatz aufgenommen und weitergedacht. Sigmund Freud beschäftigt sich in seinem Werk „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921) ebenfalls mit dem Phänomen und nimmt Le Bons Buch als Grundlage. Nach Freud ist die Masse „impulsiv, wandelbar und reizbar“, sie wird vom Unbewussten geleitet und denkt in „Bildern“. Die Masse ist v.a. kritiklos, stark beeinflussbar und leichtgläubig. Die Masse kann so sehr geformt werden, dass „Antipathie“ zu „wildem Hass“ werden kann, sie ist intolerant und autoritätsgläubig (vgl. Freud 1921: 72f.).

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt beschäftigt sich in ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) mit dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts - für sie ausschließlich Stalinismus und Nationalsozialismus - und leistet neben einer Geschichte auch eine Strukturanalyse der beiden „totalen Herrschaften“ (vgl. Arendt 2015). Sie arbeitet die Elemente und Ursprünge heraus, die zu den beiden totalitären Systemen geführt haben und macht verschiedene Faktoren für die Verbrechen der Herrschaftsträger aus: Totalitäre Bewegungen als Massenbewegungen, deren führende Köpfe bestimmte Persönlichkeitsmerkmale bzw. „Ausgestoßene“ aller Schichten darstellen, und die von Arendt als „Mob“ bezeichnet werden, und schließlich ein Bündnis mit der Elite eingegangen sind (vgl. Arendt 2015: 663, 720ff.). Eine totalitäre Ideologie, die die Ideologieträger und einen großen Teil der Bevölkerung in ihren Bann zieht und eine neue fiktive Welt erschafft (vgl. Arendt 2015: 964f.). In dieser neuen Welt der Massenbewegung wird das Töten der Feinde nicht nur erlaubt, sondern praktisch gefordert und honoriert. Würde man die Logik der NS- Ideologie in „positives Recht übersetzen“, so könnte das Gebot nur „du sollst töten!“ heißen (vgl. Arendt 2015: 951).

Die Existenz eines absoluten Feindbildes und das Selbstverständnis der Anhänger der totalitären Ideologien (bei den Kommunisten der Kapitalist, bei den Nationalsozialisten der Jude) führen zu zwei großen Blöcken in der Gesellschaft: Eingeschlossene und Ausgeschlossene. Das Eingeschlossen-Sein und das Selbstverständnis, die (bösen) Ausgeschlossenen zu vernichten, löst eine sozialpsychologische Dynamik aus (vgl. Arendt 2015: 793).

Die Eingeschlossenen, z.B. die NS-Volksgemeinschaft, sind eine integrierte Gruppe, die den Ausgeschlossenen (z.B. den Juden) gegenüberstehen:

„Um das esoterische Prinzip des ‚ausgeschlossen ist, wer nicht ausdrücklich eingeschlossen ist‘ auf eine Massenorganisation zu übertragen, gingen die Nazis über den einfachen Ausschluß von Juden hinaus und errichteten eine komplizierte Bürokratie, deren einzige Aufgabe es war, achtzig Millionen Deutsche dabei behilflich zu sein, ihre Ahnen auf jüdisches Blut hin zu untersuchen. Als sich besagte achtzig Millionen auf die Suche nach dem gefürchteten jüdischen Großvater machten, war eine Art Einweihungsritual erreicht: Jedermann kam aus der Sache mit dem Gefühl heraus, zu einer Gruppe von ‚Eingeschlossene‘ zu gehören, denen eine imaginäre Massen von ‚Ausgeschlossenen‘ gegenüberstand.“ (Arendt 2015: 793)

Diese soziale Dynamik war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass viele Menschen - die zuvor unauffällige Bürgerinnen und Bürger waren - ein absolutes Feindbild in den Ausgeschlossenen sahen und nicht nur bösartig über die Feinde dachten, sondern auch, dass Gewalt gegen sie angewendet werden durfte.

Dies macht Hannah Arendt auch am Beispiel von Adolf Eichmann deutlich, indem sie von der „Banalität des Bösen“ (1963) spricht. Eichmann ist de facto als Verwalter und Organisator der nationalsozialistischen Verbrechen zu sehen. Hannah Arendt - die beim Eichmann-Prozess für die amerikanische Zeitung The New Yorker aus Israel berichtet hat, sprach Eichmann ab, ein wirklicher Überzeugungstäter und selbstständig denkender Mensch zu sein. Eichmann betonte immer wieder, dass er nur Befehle ausführen musste und keine andere Möglichkeit gehabt hätte, als diese zu befolgen. Er selbst habe dazu keine Entscheidungen getroffen, sondern nur die Entscheidungen der Vorgesetzten ausgeführt. Hannah Arendt sprach ihm den glühenden Fanatismus anderer Nationalsozialisten ab, und bemerkte, dass er - wie viele andere zur Zeit des Nationalsozialismus - nicht pervers oder sadistisch war, sondern „erschreckend normal“. Hannah Arendt wurde v.a. allem in Israel für ihre Interpretation der „Banalität des Bösen“ kritisiert und ihre Einschätzung bzw. Wahrnehmung stieß überwiegend auf Unverständnis und Ablehnung (vgl. Arendt 1992).

Im Jahr 1961 wurde ein Experiment durchgeführt, dass von dem Psychologen Stanley Milgram entwickelt wurde, um durchschnittliche Menschen darauf zu testen, ob sie autoritäre Anweisungen auch dann befolgen, wenn sie nicht im Einklang ihres Gewissens stehen. Dieses Sozialexperiment, das als „Milgram-Experiment“ bekannt wurde, bestand darin, dass ein Lehrer einem Schüler immer dann einen (angeblichen) elektrischen Schlag versetzt, wenn er einen Fehler macht. Dazu gab es von einem Versuchsleiter Anweisungen an den Lehrer. Schüler und Versuchsleiter waren Statisten des Experiments, während die Lehrer die Probanden waren, deren Verhalten bzw. Reaktionen beobachtet werden sollten. Das Experiment wurde in verschiedenen Variationen durchgeführt und insgesamt war es so, dass 65 Prozent der Lehrer (der Probanden) den Anweisungen der Versuchsleiter gefolgt sind und die Schüler bis zuletzt mit hoch frequentierten elektrischen Schlägen bestraft haben (vgl. Milgram 1997).

Das Experiment wird öfter als Beleg dafür verwendet, dass Menschen unter gewissen Bedingungen bereit sind einer übergeordneten Autorität zu folgen, obwohl sie ihr Handeln sonst nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten.

Ein weiteres Experiment, dass sich mit der Thematik beschäftigt - aber weitaus kritischer gesehen wird als das Milgram-Experiment - ist das sogenannte „Stanford- Prison-Experiment“, das im Jahre 1971 durch die US-amerikanischen Psychologen Philip Zimbardo, Craig Haney und Curtis Banks durchgeführt wurde. In diesem Experiment wurde eine Gefangenschaft simuliert und ausgewählte Studierende (Probanden) wurde in Wärter und Gefangene eingeteilt. Die Versuchsleiter waren übergeordnet, haben den Wärtern jedoch sehr viele Freiheiten in ihren Entscheidungen gelassen. Nach sechs Tagen wurde das Experiment - es sollte insgesamt zwei Wochen dauern - abgebrochen, da es schnell außer Kontrolle geriet und einige Wärter sadistische Verhaltensweisen zeigten und das Experiment für die Gefangenen nicht mehr zumutbar war (vgl. Zimbardo 2005).1

Im Jahr 1993 veröffentlichte der US-amerikanische Historiker Christopher R. Browning ein Buch mit dem Titel Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ‚Endlösung‘ in Polen. Der Autor beschreibt ein Hamburger Polizeireserve-Bataillon (bestehend aus durchschnittlichen Reservepolizisten), das in Polen unter der NS- Herrschaft einen Spezialauftrag erhalten hat: In polnischen Dörfern sollte die jüdische Bevölkerung aufgespürt werden und die arbeitsfähigen Männer von der restlichen jüdischen Bevölkerung separiert werden. Alle anderen jüdischen Menschen (Frauen, Kinder, Kranke) sollten umgehend erschossen werden. Der Kommandant der Einheit bot denjenigen Mitgliedern des Bataillons an, die sich für die Aufgabe als nicht geeignet ansahen, ihr Gewehr abzulegen und eine andere Aufgabe zugeteilt zu bekommen. Nur 12 von 500 Mann nahmen dieses Angebot an. Im Laufe des Krieges operierten viele Polizeibataillone in Polen und Russland und waren an zahlreichen Verbrechen beteiligt. Der Autor hat nicht den Anspruch vollständig zu klären, warum „ganz normale Männer“ zu Massenmördern wurden, aber er möchte zumindest Gründe für „beeinflussende Umstände“ aufzeigen (vgl. Browning 2002). Der Autor ist der Meinung, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken und unterschiedlich stark wirken können: Brutalisierung in Kriegszeiten, Rassismus, arbeitsteiliges Vorgehen verbunden mit wachsender Routine, besondere Selektion der Täter, Karrierismus, blinder Gehorsam und Autoritätsgläubigkeit, ideologische Indoktrinierung und Anpassung.

[...]


1 Experimente bilden nicht die Realität ab, sondern sie sind künstlich erzeugte Situationen, die der Realität in einigen Punkten entsprechen soll. Bei der Durchführung von Experimenten ist es wichtig, dass das Ausgangswissen ausreichend ist und richtig platziert wird. Andernfalls können experimentelle Resultate fehlbar sein oder aufgrund von „Veränderungen im theoretischen Verständnis“ obsolet werden. Viele wissenschaftliche Theorien sollten jedoch durch Experimente überprüft werden; die Geschichte der Wissenschaft liefert uns hierfür viele positive Beispiele (vgl. Chalmers 2007: 28, 34).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ganz normale Menschen als Massenmörder. Handlungs- und Rechtfertigungsmotive aus sozialpsychologischer Sicht
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V413427
ISBN (eBook)
9783668644557
ISBN (Buch)
9783668644564
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Massenmörder, Nationalsozialismus, Kommunismus, Harald Welzer, Ganz normale Menschen, Täter
Arbeit zitieren
Alexander Fichtner (Autor), 2017, Ganz normale Menschen als Massenmörder. Handlungs- und Rechtfertigungsmotive aus sozialpsychologischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413427

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