Das Fremde in uns. Die Fremdenfeindlichkeit im pädagogischen Kontext


Essay, 2016
12 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

„ Weil der Umgang mit Fremdem für viele Menschen so schwierig und die Angst vor Fremdheit so großist, ist das Fragen ( … ) nach den eigenen Gefühlen gegenüber Fremdem und Fremden und das Fragen nach eigener Aggression wichtig. Denn das Anerkennen und Zugestehen eigener Gefühle von Angst, Bedrohung und Ohnmacht, von Empörung, Zorn und Aggression erhöht die Be- reitschaft, sich mit fremdenfeindlichem oder gar gewalttätigem Verhalten anderer auseinanderzusetzen. Diese Bereitschaft verhindert, diese anderen gleich mora- lisierend zu verurteilen und die Phänomene Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu personalisieren, zu biologisieren oder zu pathologisieren. “ (ARTHURFRISCHKOPF (1993). In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): Fremden- feindlichkeit und Gewalt. Soester Materialien zur Weiterbildung. 1. Auflage. Soest: Soester Verlagskontor, S. 36)

Wir alle begegnen dem Fremden oft zurückhaltend oder gar ängstlich. Doch macht uns das gleich fremdenfeindlich und können wir eventuell gar nichts dafür, weil es in unseren Genen verankert ist? Diese Frage könnte aktuell nicht besser in den gesellschaftlichen Kontext passen: In Zeiten der Flüchtlingskrise werden die Diskussionen um die Integration von Flüchtlingen immer lauter und extremer, Menschen versammeln sich zu Organisationen wie „PEGIDA“ oder „LEGIDA“ und auch die Frage, ob sich unser Bildungssystem an diese neuen Umstände an- passen muss, wird debattiert. Auf Grund dessen soll im folgenden Essay disku- tiert werden, ob Fremdenfeindlichkeit genetisch bedingt ist und warum es wichtig ist, dieses Thema auch in der Pädagogik zu berücksichtigen. Schon der Autor Wolfgang Klafki setzte sich in seiner didaktischen Analyse unter anderem damit auseinander, welchen Gegenwarts- und Zukunftsbezug der Stoff, der im Unter- richt vermittelt werden soll, für Schülerinnen und Schüler haben kann. (vgl. KLAFKI, 1985/2007, S. 270-284) Daraus ergibt sich auch für uns als angehende Lehrkräfte die Frage, ob wir davon ausgehen können, dass die Angst vor etwas Fremdem beeinflussbar ist, oder durch genetische Vorprogrammierung sowieso nicht verhindert werden kann, denn gerade als Lehrer/in darf man nicht blind für die menschliche Natur sein.

Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst sachlich betrachtet werden, was unter Fremdenfeindlichkeit zu verstehen ist und wie sie entsteht. Der Begriff der Fremdenfeindlichkeit wird in Wissenschaft und Öffentlichkeit heute zunehmend als Ablösung des Begriffes der Ausländerfeindlichkeit angesehen. Unter Fremden- feindlichkeit versteht man heute eine Ablehnung des Fremden, die sich sowohl durch Vorsicht, Voreingenommenheit und Angst, als auch durch Abschottung von Lebensräumen und eine aggressive Abwehr, wie zum Beispiel durch Diskrimi- nierung zeigen kann, die sich an Hautfarbe, Kultur und Religion orientiert. (vgl. JASCHKE, 1994, S. 64-65) Des Weiteren wird oft versucht, Fremdenfeindlichkeit als eine, aus der Natur entstandene Antwort auf die verschiedenen Merkmale von Ausländern anzusehen und sie somit als eine biologische Prädisposition, also eine Voranpassung des Menschen zu erklären. (vgl. WÖHL, 1987, S. 7) Erwähnenswert ist an dieser Stelle die Xenophobie als eine Form von Fremdenfeindlichkeit. Unter Xenophobie versteht man eine grundsätzliche ablehnende Haltung gegenüber allem Fremden. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass Xenophobie eher als unbewusste Angst, also als Phobie gesehen wird, die durch Bewusstmachung lösbar ist und im Gegensatz zur Ausländerfeindlichkeit steht, die eine bewusste Entscheidung darstellt, gegen welche eine Bewusstwerdung nicht möglich ist. (vgl. DOHLEMANN, 2003, S. 204) Die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit bildet in der Literatur einen überaus weitreichenden Diskurs, der sich über verschiedenste wissenschaftliche Perspektiven, wie zum Beispiel die philosophische, psychologi- sche, anthropologische oder auch die verhaltensbiologische erstreckt und so auf unterschiedlichen Wegen versucht zu erklären, wie sich eine Ablehnung oder gar eine Angst vor dem Andersartigen entwickelt.

Bei dieser Vielfalt an Ansätzen werden neben der von Siegmund Freud geprägten Psychoanalyse vor allem zwei grundlegende Theorien deutlich, auf die wir uns wegen der Vielschichtigkeit dieses Themas im weiteren Text beschränken wollen, da dies sonst über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen würde. Die erste The- orie, welche zum Beispiel von dem Autor Irenäus Eibl-Eibesfeldt unterstützt wird, besagt, dass die Erbsubstanz eines Menschen den bestimmenden Faktor für sein Verhalten bildet. Das hieße, dass Fremdenfeindlichkeit von Geburt an in unseren vererbten Genen verankert ist und somit also nicht erst durch gesellschaftliche Einflüsse erworben wird. Die zweite Theorie, die betrachtet werden soll, besagt, dass Fremdenfeindlichkeit nicht genetisch in uns Menschen verankert ist, sondern durch den Einfluss sozialer Konstrukte und gesellschaftlicher Prozesse erworben werden kann. Vertreter dieser Theorie ist zum Beispiel der Autor Georgios Tsiaka- los. Ausgehend von diesen zwei gegensätzlichen Ansätzen kann nun die Frage entwickelt werden, ob Fremdenfeindlichkeit ausschließlich auf genetischer Ver- ankerung beruht oder nicht und wie man bei der Bildung eines Menschen mit dem daraus resultierenden Ergebnis umgehen kann oder muss. Unserer Meinung nach kann daraus die These entwickelt werden, dass die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit nicht ausschließlich auf der genetischen Ausprägung eines Menschen beruhen kann, da in der Bildung eines Menschen sonst keinerlei Verantwortung und Möglichkeit mehr bestünde, diese Fremdenfeindlichkeit zu unterbinden, beziehungsweise sie von vornherein zu vermeiden, da die Erbsubstanz eines Menschen nicht durch Bildung verändert werden kann. Diese These soll nun im Folgenden überprüft und diskutiert werden.

Eibl-Eibesfeldt geht zunächst davon aus, dass Vorprogrammierungen im Verhal- ten, also Anpassungen, die sich im Laufe der Stammesgeschichte entwickelten, existieren, welche bei der Verhaltensforschung im Tierreich nachgewiesen wur- den und sich auch auf menschliches Verhalten übertragen lassen können. Der Mensch sei also eine stammesgeschichtlich vorprogrammierte Konstruktion, die von ererbten Programmen angetrieben und gesteuert wird. (vgl. EIBL-EIBESFELDT, 1976, S. 10) Als ultimativen Beweis dafür führt er die Fremdenablehnung in so- genannten primitiven Völkern an. (vgl. WÖHL, 1987, S. 10) Dies ist eine Schlussfolgerung, die dafür spricht, dass unser Verhalten und damit auch die Fremdenfeindlichkeit in unserer Stammesgeschichte durch Anpassung und deren Vererbung genetisch vorherbestimmt sein muss. An diese Verbindung zum Ver- halten von Tieren knüpft auch Thomas Wöhl an. Er beschreibt, dass eine bei Vo- gelarten beobachtete angeborene (aggressive) Reaktion auf Fremde besteht, die wir als Fremdenfeindlichkeit oder Fremdenfurcht auslegen können und die auch aus Beobachtungen beim Umgang von Säuglingen mit Fremden abgeleitet wer- den kann, da diese auf Kommunikationspartner desto abweisender reagiert haben, je unbekannter sie waren. (vgl. WÖHL, 1987, S. 9) Dies lässt sich somit als Argument dafür anbringen, dass in unserem angeborenen Verhalten schon eine gewisse Grundabneigung gegenüber unbekannten Kontaktpersonen besteht. Ein weiteres Argument von Wöhl für die Vorprogrammierung des Menschen ist, dass sich diese von Säuglingen ausgehende Scheu gegenüber Fremden unab- hängig von bestimmten Bedingungen und ohne vorangegangene (schlechte) Er- fahrungen mit Unbekannten äußert. Beweis dafür sei, dass dieses Verhalten bei Säuglingen unterschiedlichster Herkunft nachgewiesen werden konnte. (vgl. WÖHL, 1987, S. 9) So begegnet ein Baby in Deutschland einer Annäherung durch einen Unbekannten genauso mit Geschrei, wie zum Beispiel ein Baby aus Indien oder Kanada. Weiterhin kann dies dadurch gestützt werden, dass beim Versuch des Nachweises von angeborenem Verhalten erkannt wurde, dass diese Verhal- tensweisen schon perfekt beherrscht werden, ohne sie zuvor ausgeführt zu haben und ohne, dass alle Organe komplett ausgeprägt sein müssen. Im Gegen- satz dazu müssen erlernte Verhaltensweisen im Vorhinein geprobt oder geübt werden, sie sind immer der jeweiligen Situation angepasst und variabel sowie davon abhängig, was der/die Ausführende zuvor erlebt hat. (vgl. FLOTH, 2004, S. 74) Das bedeutet also, dass das Fremdeln von Säuglingen angeboren sein muss, da es ohne vorhergehende Übung sofort und gleichermaßen ausgeführt wird, ohne dass das Kind zuvor ein Erlebnis mit einem Unbekannten gehabt haben muss. So wird ein Baby zum Beispiel immer den gleichen abwertenden Gesichts- ausdruck verwenden, wenn es Kontakt mit einer ihm unbekannten Person hat, obwohl es diesen Ausdruck vielleicht noch nie zuvor erprobt hat, da es noch keine Erfahrung mit der Begegnung mit einem Fremden gemacht hat. Zuletzt besteht als Indiz dafür, dass fremdenfeindliche Veranlagungen in der Erbsubstanz bestehen, die Angst. Angst hat in unseren Anlagen die Funktion eines Warn- mechanismus zur Überlebenshilfe, damit sich Flucht- und Meldeverfahren bei uns in Gang setzen, um unser Leben zu erhalten. Das bedeutet, haben wir vor etwas Angst, wird dadurch signalisiert, dass wir uns vor etwas schützen müssen, um unsere Lebenserwartung nicht zu verkürzen. Haben wir also Angst vor etwas Fremdem, dann setzen wir damit Schutzmechanismen in Gang, die sich letztlich auch in Form von Feindseligkeit gegenüber dem Fremden äußern können. (vgl. TEMBROCK, 2000, S. 165)

Damit einher geht jedoch, dass sich unsere Ängste mit der Ausprägung unseres Bewusstseins verändern. Und diese Bewusstseinsausprägung erfolgt durch indi- viduelle Lernvorgänge/Bildung, also auch durch die Einflüsse aus unserem gesellschaftlichen und sozialen Kontext, was der Behauptung entgegensteht, dass Fremdenfeindlichkeit ausschließlich genetisch bedingt sein kann. (vgl. TEM- BROCK, 2000, S. 183) Unserer Meinung nach kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass unser Verhalten ausschließlich auf unsere Veranlagungen zurückge- führt werden kann. Dafür spricht neben der Bewusstseinsentwicklung durch den individuellen Lernprozess jedes Menschen auch, dass das von Eibl-Eibesfeldt und Wöhl beschriebene Fremdeln von Säuglingen nicht als universell gesehen werden kann, sondern sich laut neueren Untersuchungen sehr wohl unterschiedlich und individuell äußert. Es ist also durch verschiedene soziale Umwelteinflüsse, wie zum Beispiel die Häufigkeit der Treffen mit Freunden oder Verwandten bedingt.

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Fremde in uns. Die Fremdenfeindlichkeit im pädagogischen Kontext
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Grundschulpädagogik)
Note
1,7
Autoren
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V413429
ISBN (eBook)
9783668645998
ISBN (Buch)
9783668646001
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genetik, Fremdenfeindlichkeit, Sachunterricht
Arbeit zitieren
Anne Katzbach (Autor)Dörte Wechsler (Autor), 2016, Das Fremde in uns. Die Fremdenfeindlichkeit im pädagogischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413429

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