Kindesmisshandlung. Ursachen und Auswirkungen


Bachelorarbeit, 2017

38 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Kindesmisshandlung
2.1 Physische/körperliche Kindesmisshandlung
2.2 Psychische Kindesmisshandlung
2.3 Sexueller Missbrauch
2.4 Vernachlässigung

3. Ursachen von Kindesmisshandlung

4. Folgen von Kindesmisshandlung

5. Prävention von Kindesmisshandlung
5.1 Drei Arten der Prävention
5.2 Prävention von sexuellem Missbrauch
5.3 Schutzkonzepte
5.4 Frühe Hilfen
5.5 Kritik an den Präventionsmodellen

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

״Berlin: Stiefvater prügelt 12-Jährige bewusstlos“[1]
״Carrie, 5, gequält, ausgehungert, im Wald verscharrt“[2]
״Mutter schlug Baby krankenhausreif“[3]
״Missbrauch eines Säuglings“[4]

Solche und andere Schlagzeilen prangern immer wieder auf den Seiten von Zeitungen oder Internetportalen. Die meisten Leser reagieren darauf mit Entsetzen und mit Wut auf die Täter, doch hält dies nur kurze Zeit an und es wird sich nicht weiter mit der Thematik befasst.

In Deutschland sterben pro Woche drei Kinder an den Folgen von körperlichem Missbrauch oder Vernachlässigung, (vgl. Tsokos, Guddat 2014: 8) Das sind etwa 150 bis 160 Kinder im Jahr. Und dies sind nur die offiziellen Zahlen. Kindesmisshandlung ist kein Phänomen einer sozial schwachen Schicht, sondern lässt sich in allen gesellschaftlichen Ebenen finden.

Schon bevor ich mich mit diesem Thema beschäftigte, wurde ich des öfteren damit konfrontiert. So möchte ich ein Szenario schildern, welches ich in einem Praktikum in einer Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen erlebt habe. Eine Dame mittleren Alters kam täglich als Klientin in die Einrichtung. Sie hatte einen Rollstuhl bei sich, in dem sie entweder saß oder diesen vor sich herschob — immer verbunden mit einem Karabinerhaken am Handgelenk und dem Griff des Rollstuhles. Er gab ihr eine gewisse Sicherheit. Auffällig war zudem, dass die Frau an sichtbaren stellen wie Arme, Dekolletee oder an den Beinen entzündete Geschwüre hatte. Im Gespräch mit der Einrichtungsleitung erfuhr ich die Hintergründe zu dieser Klientin. Sie selbst spricht mit keinem über ihre Erlebnisse, und die pädagogische Leitung musste mit den behandelnden Ärzten Kontakt aufnehmen, um genaueres über sie zu erfahren. Hier wurde die Einrichtungsleitung informiert, dass die Frau als Säugling und Kleinkind von ihrem eigenen Vater sexuell missbraucht wurde. Doch hierbei blieb es nicht, denn das kleine Mädchen wurde auch im Freundeskreis ,herumgereicht‘ und war regelmäßig den sexuellen Übergriffen verschiedener Männer ausgesetzt. Die Mutter schaute stillschweigend zu. Darüber hinaus erfuhr die Klientin in ihrer Kindheit viel Gewalt.

Diese prägenden Ereignisse führten zu psychischen Erkrankungen und unerklärlichen körperlichen Auffälligkeiten. Laut dem behandelnden Arzt wurden viele Untersuchungen durchgeführt, um den Grund für die eitrigen Auswölbungen auf ihrer Haut zu erklären. Doch es konnten keinerlei Krankheiten, die ein solches Bild auslösen, gefunden werden. Die Erklärung, die der Arzt der Einrichtungsleitung geben konnte, war folgende: ,In Frau Müller (Name anonymisiert) wurde als Kind so viel Sperma hineingespritzt, sodass es nun auf diese Art und Weise wieder nach draußen kommt.‘ Diese Aussage schockierte mich und beschäftigte mich noch lange nach meinem Praktikum. Ich stellte mir die Frage, wie ein Vater und die anderen Männer dem kleinen Mädchen solch schlimme Dinge antun konnten.

Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl an Romanen, die Kindesmisshandlung oder -missbrauch als Thema behandeln. So habe ich selbst das Buch ״Papas kleiner Liebling“[5] gelesen, welches mich sehr beeindruckt und lange Zeit beschäftigt hat. Wenn der Hintergrund nicht so traurig und entsetzlich gewesen wäre, könnte man sagen, dass es eines meiner ,Lieblingsbücher‘ war. Voller Aufmerksamkeit habe ich dieses Buch verschlungen. Es handelt sich hierbei um einen autobiographischen Roman, in dem die Geschädigte von ihren Erlebnissen in der Kindheit berichtete, wie sich ihr eigener Vater an ihr mehrfach vergangen hat und welche Folgen sie nun als Erwachsene mit sich trägt.

All diese Konfrontationen bewegten mich dazu, das Thema Kindesmisshandlung für diese Arbeit zu wählen. Neben einer Definition und der Beschreibung der verschiedenen Formen von Misshandlung liegt der Schwerpunkt auf den Ursachen und Auswirkungen. Im letzten Teil möchte ich einige Präventionsmöglichkeiten vorstellen, die bestmöglich so eingesetzt werden sollen, um die Zahl der misshandelten, missbrauchten oder vernachlässigten Kinder zu verringern.

2. Definition von Kindesmisshandlung

Es gestaltet sich schwer, eine genaue Definition von Kindesmisshandlung zu verfassen, da man sich nicht einig darüber ist, welches Verhalten schon als Misshandlung gilt und welches noch nicht. Einerseits stellt das Thema Kindesmisshandlung einen allgemeinen Problembereich dar, andererseits auch ein konkretes Verhalten mit unterschiedlichem Ausmaß. Die Misshandlung von Kindern kann auf verschiedene Weisen erfolgen und man unterscheidet zwischen physischer und psychischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung. ( vgl. Amelang, Manfred; Krüger, Claudia 1995: 7) Oftmals treten diese jedoch nicht getrennt voneinander auf, sondern greifen ineinander über. Hierauf wird im späteren Verlauf dieser Arbeit detaillierter eingegangen.

Wegner differenziert in seinem Buch ״Mißhandelte [sic!] Kinder - Grundwissen und Arbeitshilfen für pädagogische Berufe“ zwischen einer normativen und pädagogischpsychologisch-medizinischen Definition. Innerhalb der normativen Definition werden ״einmalige oder relativ harmlose Übergriffe [...] erfaßt [sic!]“ (zit. Wegner 1997: 23), wie beispielsweise das Aufeinandertreffen von Kindern mit einem Exhibitionisten. Hier findet keine direkte Misshandlung statt, jedoch handelt es sich in Deutschland um einen Übergriff auf Schutzbefohlene und ist strafbar, (vgl. ebd.) Die normative Definition erfasst in der schwedischen Gesetzgebung sogar jede abwertende Bemerkung gegenüber dem Kind oder auch eine Ohrfeige. An dieser großen Reichweite lässt sich das Problem dieser Art von Definition erkennen. Es wäre fast jedes Kind Opfer von ״körperlichen, seelischen oder sexuellen Übergriffen“ (zit. ebd.), da diese in jedem Fall der Normvorstellung widersprechen würden.

Die pädagogisch-psychologisch-medizinische Definition wird auch als deskriptive Gesundheitsdefinition von Misshandlung bezeichnet. Wie von dem Namen schon ableitbar, beschreibt diese pädagogische, psychologische und medizinische Befunde bei Kindern. Hier wird eine ״Mißhandlung [sic!] unter dem Gesichtspunkt negativer Folgen für Kinder untersucht“ (zit. Wegner 1997: 23). Die Definition soll beschreiben, durch welche Bedingungen ein Fehlverhalten bestimmte Folgen, wie zum Beispiel Beeinträchtigungen in der persönlichen Entwicklung des Kindes, hervorruft. Ob aber ein dem Kind gegenüber gezeigtes Verhalten auch schädlich ist, hängt davon ab, welche Erfahrungen es in seinem bisherigen Leben gemacht hat. Wird dem Kind allerdings dauerhaft keine Liebe zugewandt, so kann dies stark negative Folgen für die Entwicklung der eigenen ״Beziehungs- und/oder Arbeitsfähigkeit [haben und] bis hin zu massiver Suizidgefährdung [führen]“ (zit. Wegner 1997: 24).

Einige Autoren unterscheiden auch zwischen einer engen und weitgefassten Definition, so auch Anette Engfer.[6] Bei einer Misshandlung im engeren Sinne handelt es sich in den meisten Fällen um Verhaltensweisen, bei denen Kinder körperlich verletzt werden. Andere Misshandlungsformen können mit dieser Auslegung nicht richtig verfolgt werden, da diese keine sichtbaren Schädigungen mit sich bringen, (vgl. Engfer 2005: 3f.) Vor allem im Rahmen von strafrechtlichen Verfahren wird die enge Begriffsdefinition angewandt, um Fehlentscheidungen vermeiden zu können, wenn Verletzungen aus Krankheiten oder Unfällen resultieren und nicht aus einer Misshandlung, (vgl. Eifer 2005: 4) Eine Auffassung von Missbrauch im weiten Sinne schließt all die Handlungen ein, die nicht unbedingt zu schädigenden Folgen führen, sondem vielmehr als Normabweichung gelten. Hierzu zählen Verhaltensweisen wie Bestrafungen, Schlagen oder Beschimpfungen. Ebenso werden in einer weiten Definition all die sexuellen Geschehen, die ohne direkten Körperkontakt stattfinden, als Missbrauch gewertet, (vgl. ebd.)

Zusammenfassend ist ״Kindesmisshandlung [...] ein das Wohl und die Rechte eines Kindes (nach Maßgabe gesellschaftlich geltender Normen und begründeter professioneller Einschätzung) beeinträchtigendes Verhalten oder Handeln bzw. ein Unterlassen einer angemessenen Sorge durch Eltern oder andere Personen in Familien oder Institutionen (wie Z.B. Kindertagesstätten, Schulen, Heime oder Kliniken), das zu nicht-zufälligen, erheblichen Verletzungen, zu körperlichen und seelischen Schädigungen und/oder Entwicklungsgefährdungen eines Kindes führt.“[7]

2.1 Physische/körperliche Kindesmisshandlung

Wie es für den allgemeinen Begriff der Kindesmisshandlung keine einheitliche Definition gibt, so kann auch der Bereich der körperlichen Gewalt nicht genau bestimmt werden. Als körperliche beziehungsweise physische Kindesmisshandlung können all die Handlungen gezählt werden, die eine nicht-zufällige körperliche Verletzung des Kindes zur Folge haben.[8] Es ist zu beachten, ob einem Elternteil einmalig die Hand ausrutscht, was nicht nicht als Misshandlung zu werten gilt, oder ob wiederholte oder dauerhafte Angriffe stattfinden.

Eine Gewaltanwendung gegenüber einem Kind kann in Form von Schlägen (oft auch mit Gegenständen), Tritten oder Schütteln stattfinden. Daneben lassen sich thermische Schäden (Verbrühen, Verbrennen oder Unterkühlen), Kneifen oder Ersticken beobachten. Welche Folgen ein solcher Missbrauch verursacht, ist von dem Alter des Kindes abhängig. So kann das Schütteln eines Säuglings zu starken Hirnverletzungen führen, wohingegen bei einem größeren Kind überhaupt keine Schädigungen eintreten würden.[9] (vgl. Engfer 2005: 7) Bei den anderen Gewalteinwirkungen können körperliche und psychische Folgen eintreten und im schlimmsten Falle zum Tod des Opfers führen. Die physische Kindesmisshandlung lässt sich durch die sichtbaren Verletzungen leichter identifizieren, als ein sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung, und es gibt für Ärzte, aber auch für Personen ohne fachlichen

Bezug, deutliche Hinweise und Verletzungsstrukturen, die auf eine Misshandlung hinweisen.

Andere Autoren werten auch eine fötale Misshandlung als körperliche Gewalt gegen Kinder. Hierunter fallen gewalttätige Handlungen gegen eine schwangere Frau, so zum Beispiel das bewusste Treten oder Boxen in den Bauch oder der Missbrauch durch die Schwangere selbst, wenn diese raucht, Alkohol trinkt oder Drogen konsumiert.[10] Mit der Einführung des Paragrafen 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches wurde das Recht für Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung eingeführt. Der Gesetzestext lautet wie folgt:

1)״) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

(3) Das Familiengericht hat die Eltern auf Antrag bei der Ausübung der Personensorge in geeigneten Fällen zu unterstützen.“[11]

Hiermit ist festgeschrieben, dass Eltern in der Pflicht stehen, sich um ihre Kinder zu kümmern und eine Gewaltanwendung verboten ist. Doch trotz des Gesetzes findet Kindesmisshandlung weiterhin statt. Wie hoch die Zahl der Fälle von Missbrauch ist, lässt sich nur anhand der eingegangen Anzeigen messen. Da aber körperliche Gewaltanwendung vorwiegend innerhalb der Familie stattfindet, bleibt ein großer Teil der Vorfälle unentdeckt. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2014 3.649 Fälle von Kindesmisshandlung erfasst und im Jahr 2015 3.441.[12] So scheint im ersten Moment die Zahl der Opfer also leicht gesunken zu sein. Wirft man einen Blick auf die Opferstruktur, so liegt der männliche Anteil mit 57,3 Prozent nur minimal über dem der weiblichen Geschädigten. Ähnlich verhält es sich bei den Tatverdächtigen im Jahr 2015, hier wurden 1.990 männliche und 1.631 weibliche Tatverdächtige gezählt. Im Bereich der Täter-Opfer-Beziehung sind nach der Kriminalstatistik knapp 92 Prozent der betroffenen Kinder mit dem Tatverdächtigen verwandt, vier Prozent mit dem Tatverdächtigen bekannt oder befreundet und die restlichen vier Prozent lassen sich auf eine flüchtige Bekanntschaft, keinerlei Beziehung und eine ungeklärte Beziehung aufteilen.[13]

2.2 Psychische Kindesmisshandlung

Die psychische, oder auch emotionale oder seelische Misshandlung genannt, ist im Gegenteil zu einem körperlichen Missbrauch, von außen nicht direkt sichtbar und eine Aufklärung oder Messung gestaltet sich schwieriger. Zur psychischen Misshandlung zählen all die Handlungen, ausgehend von Eltern oder Betreuungspersonen, ״die Kinder ängstigen, überfordern [oder] ihnen das Gefühl der Wertlosigkeit vermitteln“ (zit. Engfer 2005: 6). Außerdem umfasst ein emotionaler Missbrauch ungeeignete und inadäquate Handlungen und Beziehungsformen, das Isolieren und Terrorisieren des Kindes, als auch die Verweigerung von liebevoller Zuwendung, (vgl. Kinderschutz­Zentrum Berlin 2000: 29) Allgemeiner formuliert, zählen alle Verhaltensweisen zu einer psychischen Misshandlung, die bei einem Kind Gefühle wie Angst, Wertlosigkeit und Ablehnung hervorrufen und zu einem Kontrollverlust führen, (vgl. Amelang; Krüger 1995: 17)

Die folgenden Handlungen lassen sich als emotionalen Missbrauch werten: (vgl. Engfer 2005: 6; Amelang; Krüger 1995: 17f.)

- Ignoranz des Kindes und emotionale Unerreichbarkeit der Eltern
- die Ablehnung und Abwertung des Kindes durch die Zuschreibung negativer Eigenschaften oder das Bevorzugen eines anderen Kindes, durch andauerndes Nörgeln und herablassende Haltungen
- unangemessene und widersprüchliche Verhaltensweisen wie zum Beispiel überfordern oder überbehüten des Kindes, verhindern der kindlichen Entfaltungsmöglichkeit, unzureichender Schutz vor negativen Erfahrungen
- die Isolation des Kindes von sozialen Kontakten, durch Einsperren oder dem Verbot von Treffen mit Gleichaltrigen
- Respektlosigkeit gegenüber der individuellen Persönlichkeit des Kindes
- unzureichende Förderung der kindlichen Kompetenzen
- emotionale Erpressung, oft in Verbindung mit sexuellem Missbrauch Z.B. der Zwang zur Geheimhaltung

Anhand der hier dargestellten Formen psychischer Misshandlung zeigt sich, dass diese starke seelische Verletzungen auslösen können und oft schlimmer sind, als körperliche Schmerzen.

Dr. med. Mathias Hirsch, Facharzt für Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychotherapie, beschreibt in seinem Buch ״Realer Inzest. Psychodynamik des sexuellen Mißbrauchs [sic!] in der Familie“ (zit. Hirsch 1990) weitere Bereiche, in denen eine emotionale Ausbeutung erfolgt. Findet ein psychischer Missbrauch statt, so nutzen Eltern ihre Machtstellung aus. Sie verletzen die Rechte des Kindes und verunsichern dieses in seiner Wahrnehmung, (vgl. Hirsch 1990: 50) Hirsch ist der Annahme, dass dem ausbeuterischen Verhalten eine narzisstische Störung zugrunde liegt. Narzissmus wird als übertriebene Selbstliebe eines Menschen definiert. Der Begriff kann in einen gesunden und einen krankhaften Teil aufgespalten werden. Ein gesunder Narzissmus umfasst Elemente wie Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstachtung. Diese Eigenschaften sind nützlich, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können und um auf seine inneren Bedürfnisse zu achten. ״Das streben nach Selbstverwirklichung und Anerkennung ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis [...] [und ein] gesunder Narzissmus ist der Motor jeder Entwicklung, Leistungsfähigkeit, Widerstandskraft, Kreativität und jedes Fortschritts.“[14]

Der krankhafte Narzisst besitzt kein Selbstwertgefühl und ist sich selbst zugewandt. Auslöser für diese negative Form ist eine nicht funktionierende Säugling-Eltern­Beziehung, innerhalb welcher dem Säugling unzureichend Aufmerksamkeit, Bestätigung und Einfühlungsvermögen zugewandt wurden.[15] Solche Personen sind dauerhaft auf der Suche nach Anerkennung, sie gehen Beziehungen ein, um selbst geliebt zu werden und werten oftmals andere Personen ab, um sich selbst überlegener zu fühlen, (vgl. ebd.)

In Bezug zu einem emotionalen Missbrauch befindet sich das Elternteil in einem ״Stadium, in dem die Bedürftigkeit nach Selbstbestätigung von außen besonders groß ist“ (zit. Hirscher 1990: 50) und er diese auf Kosten des Kindes versucht zu befriedigen. Hirsch unterscheidet die emotionale Ausbeutung in drei verschiedene Bereiche. Zum einen, dass narzisstische Eltern ihre Kinder dazu bringen wollen, gewisse Fähigkeiten zu entwickeln, die sie selbst nicht verwirklichen konnten. Hier soll das eigene Kind zum Abbild der Eltern werden, da diese es nicht ertragen können, dass das Kind anders ist, als sie selbst, (vgl. Hirscher 1990: 52) Soll es kein genaues Abbild darstellen, so ist es möglich, dass es dennoch die Wünsche und Bedürfnisse der Eltern erfüllen soll. Oder dem Kind werden die negativen Anteile der Eltern zugeschrieben, welche diese an sich selbst nicht mögen, um angreifbar zu werden. Der zweite Bereich umfasst die Anforderung, dass ein Partner ersetzt werden soll. Es werden verschiedene Arten der Partnerersatzbeziehung unterschieden: Einerseits soll das Kind die eigenen Eltern repräsentieren, wenn beispielsweise die Mutter eine unerfüllte Sehnsucht nach der Liebe ihrer eigenen Mutter hat und versucht, diese durch das eigene Kind zu kompensieren, (vgl. Hirscher 1990: 53) Als eine weitere Form sieht Hirscher, dass das Kind als Ehepartnerersatz dient und diesen im Idealfall übertrumpfen soll. Ursache hierfür ist eine ״Unfähigkeit der Eltern [...], sich auseinanderzusetzen, d.h. ihre gegenseitigen Ansprüche kompromissartig abzustimmen [...] [oder gleichzeitig die Unfähigkeit] sich voneinander zu lösen“ (zit. Hirscher 1990: 53). Die hier entstehende Idealisierung des Kindes als Partner kann ein erster Schritt in Richtung eines realen oder latenten Inzestes sein. Unter einem realen Inzest versteht man einen Partnerersatz mit sexuellem Kontakt, bei einem latenten Inzest handelt es sich um sexuelle Wünsche und Phantasien auf Seiten des Elternteils, (vgl. ebd.) Diese Art legt somit einen Grundstein für einen sexuellen Missbrauch, auf den im weiteren Verlauf noch eingegangen wird. Im letzten Bereich des Partnerersatzes wird das Kind als Geschwisterteil gesehen und erlebt oftmals eine feindselige Haltung von Vater oder Mutter, da dieser/diese in der eigenen Kindheit den Geschwisterteil als Konkurrenz erlebt hatte. Als letzte und dritte Dimension der seelischen Misshandlung ist der ״Terrorismus des Leidens“ (zit. Hirscher 1990: 56) zu nennen. Hierbei wird das Kind für die chronischen Krankheiten eines Elternteils verantwortlich gemacht und durch die entstehenden Schuldgefühle gezwungen, sich um die Eltern zu kümmern und ״wird als ,lebenslängliche Pflegerin‘ an die Eltern gebunden“ (zit. Hirscher 1990: 57).

Bei allen Formen des emotionalen Missbrauchs werden die Bedürfnisse der Eltern über die des Kindes gestellt, welche dieses zu erfüllen hat. Durch das Angewiesensein auf die Eltern und die oftmals angedrohte Gewalt ist es für das Kind meist unmöglich, sich gegen die psychische Misshandlung zu wehren.

2.3 Sexueller Missbrauch

Wie auch bei den bereits beschriebenen Missbrauchsformen, ist es schwer, die sexuelle Misshandlung mit einer einheitlichen Definition zu erklären. Sie Überschneiden sich meist in der Auffassung, dass sexueller Missbrauch sowohl körperliche als auch nicht-körperliche Handlungen einschließt, dass ein Machtgefälle zwischen Täter und Opfer besteht und die Übergriffe meist gegen den Willen des Kindes stattfinden. ״Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Der Täter oder die Täterin nutzt dabei seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“[16] Im rechtlichen Sinne wird die sexuelle Gewalt als Ausnutzung der Autorität eines Erwachsenen oder Jugendlichen bezeichnet, der die körperliche Überlegenheit als auch die Unwissenheit und Abhängigkeit eines Kindes missbraucht, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen oder Macht zu demonstrieren. Bei dieser Definition sind alle Kinder unter 14 Jahren eingeschlossen.[17] Einige Autoren, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, unterscheiden die Handlungen von sexueller Gewalt anhand der Intensität. Eine leichtere Form der Misshandlung umfasst all die Verhaltensweisen, in der kein Körperkontakt stattfindet. Hierzu zählen Exhibitionismus, anzügliche Bemerkungen, Darbietung pornographischer Medien oder das Beobachten des Kindes beim Duschen und Umziehen, (vgl. Engfer 2005: 12) Handlungen im Bereich eines wenig intensiven Missbrauchs umfassen die Versuche die Genitalien des Kindes anzufassen oder sexualisierte Küsse. Berührt der Täter die Genitalien des Opfers, während dieses vor ihm masturbieren muss oder er vor dem Opfer masturbiert, so wird dieser Übergriff als intensiver Missbrauch definiert. Als intensivster Missbrauch wird die anale, orale oder vaginale Vergewaltigung gewertet, (vgl. ebd.) Diese Kategorisierung erfasst schon einige Formen des sexuellen Missbrauchs. Darüber hinaus stellt die Kinderpornografie, welche als Austausch unter Gleichgesinnten genutzt oder zu kommerziellen Zwecken verwendet wird, eine weitere Art des sexuellen Übergriffs dar. Zudem sind laut UNICEF etwa zwei Millionen Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren in der Kinderprostitution zu finden. Grund hierfür ist möglicherweise die in vielen Ländern vorherrschende Armut und die sozialen Problemlagen, wohingegen der Sextourismus auch in einigen europäischen Ländern zu finden ist. Oftmals wird dieser durch den Kinderhandel ermöglicht, bei dem Kinder entführt oder gekauft werden, um sie Erwachsenen zum sexuellen Vergnügen anzubieten.[18]

Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden im Jahr 2015 in Deutschland 11.808 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch erfasst.[19] Somit ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um knapp tausend Fälle gesunken. Diese Statistik bezieht sich jedoch ausschließlich auf angezeigte Fälle und es ist davon auszugehen, dass es eine deutlich höhere Zahl an Missbrauchsopfern gibt. Dies liegt daran, dass sexuelle Gewalt oftmals innerhalb der Familie oder im näheren familiären Umfeld zu finden ist und die Kinder zum Schweigen verpflichtet werden. ״Nationale und internationale Dunkelfeldstudien (Befragungen, die die stattgefundenen, aber nicht angezeigten Delikte erfassen) berichten, dass 15-30% aller Mädchen und 5-15% der Jungen in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch werden.“[20] Der größte Anteil der Übergriffe umfasst jedoch

[...]


[1] zit. http://www.spieqel.de/panorama/iustiz/12-iaehriqes-maedchen-aus-berlin-schwer- misshandelt-haftbefehl-qeqen-stiefvater-a-1127557.html [Zugriff: 14.01.2017]

[2] zit. https://www.welt.de/vermischtes/article160470152/Carrie-5-qequaelt-ausqehunqert-im-Wald- verscharrt.html [Zugriff: 14.01.2017]

[3] zit. http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/mutter-schlug-baby-krankenhausreif- aid-1.2029510 fZuoriff: 14.01.2017]

[4] zit. http://www.spieqel.de/panorama/iustiz/paar-zeuqte-kind-fuer-missbrauch-a-820979.html [Zugriff: 14.01.2017]

[5] Latchem-Smith, Julia (2007): Papas kleiner Liebling. 4. Auflage 2008. Verlagsgruppe Weltbild GmbH: Augsburg.

[6] ״Formen der Misshandlung von Kindern - Definitionen, Häufigkeiten, Erklärungsansätze“ veröffentlicht in: Egle; Hoffmann, Joraschky: Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen. 3. Auflage. Schattauer GmbH: Stuttgart.

[7] zit. http://www.kinderschutz-zentrum-berlin.de/download/e&h auflaae9 red.pdf: [Zugriff: 10.12.2016]

[8] vgl. http://www.kinderschutz-zentrum-berlin.de/download/e&h_auflage9_red.pdf [Zugriff: 10.12.2016]

[9] vgl http ://www, bund esaerztekammer.de/fi lead min/user upload/downloads/ LeitfadenKinderschutzBB2013.pdf [Zugriff: 13.12.2016]

[10] vgl. Bundesministenum für Familien und Jugend: Gewaltbericht 2. Gewalt gegen Kinder. S.82 https://www.bmfj.gv.at/familie/gewalt/forschung/gewaltbericht.html [Zugriff: 14.12.2016]

[11] zit. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, https://www.aesetze-im-internet.de/ bab/ 1631.html [Zugriff: 13.12.2016]

[12] vgl. http://www.polizei-beratuna.de/presse/infoarafiken.html [Zugriff: 13.12.2016]

[13] vgl. ebd.

[14] zit. http://umgang-mit-narzissten.de/definition-narzissmus/ [ Zugriff: 16.12.2016]

[15] vgl. http://arbeitsblaetter.stanql-taller.at/KOGNITIVEENTWICKLUNG/Narzissmus.shtml [Zugriff: 16.12.2016]

[16] zit. https://beauftraqter-missbrauch.de/praevention/was-ist-sexueller-missbrauch/ [Zugriff: 19.12.2016]

[17] vgl. http://www.polizei-beratunq.de/opferinformationen/sexueller-missbrauch-von-kindern.html [Zugriff: 19.12 2016]

[18] vgl. http://www.dksb.de/imaaes/web/PDFs/ SN%20Gevyalt%20aeaen%20Kmder%20Entwurf%202012-11-14%20CLT.pdf s.7f [Zugriff: ; vgl. http://www.polizei-beratunq.de/themen-und-tipps/sexualdelikte/kindersex- tourismus/faktenľhtml [Zugriff: 22.12.2016]

[19] val, http://www.polizei-beratuna.de/presse/infoarafiken.html [Zugriff: 19.12.2016]

[20] zit. http://www.mikado-studie.de/index.php/sexueller-missbrauch.htm [Zugriff: 20.12.2016]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Kindesmisshandlung. Ursachen und Auswirkungen
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
38
Katalognummer
V413603
ISBN (eBook)
9783668652354
ISBN (Buch)
9783668652361
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindesmisshandlung, ursachen, auswirkungen
Arbeit zitieren
Eva Stephan (Autor), 2017, Kindesmisshandlung. Ursachen und Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413603

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