Sozial unsicheres Verhalten ist kein Begriff, der nur ein bestimmtes Verhalten von Kindern umschreibt, sondern beinhaltet verschiedene Verhaltensweisen, die auf die spezielle Familiensituation und erfahrene Sozialisation zurückgehen und ist somit ein Sammelbegriff.1 Was genau sind aber sozial unsichere Kinder? Petermann und Petermann geben eine beschreibende Definition ab: „Sozial unsichere Kinder werden häufig als schüchtern, sozial isoliert, kontaktängstlich, trennungsängstlich, gehemmt und sozial inkompetent bezeichnet.“2 Auffallend ist oft das Verhalten dieser Kinder in sozialen Interaktionen, bei denen sie Schwierigkeiten haben, anderen Personen in die Augen zu schauen, sehr leise sprechen oder auch stottern, „dass sie sich nicht behaupten können und Sozialkontakt vermeiden oder verweigern, d. h. sie können keinen Kontakt zu anderen Kindern, manchmal auch nicht zu Erwachsenen außerhalb der Familie aufnehmen, aufrecht erhalten oder angemessen beenden.“3 In engem Zusammenhang mit sozial unsicherem Verhalten steht laut Petermann und Petermann die Angststörung.
Verschiedenste Ängste treten bei fast allen Kindern auf und gehören zur alltäglichen Lebensbewältigung und zum Sammeln von Erfahrungen mit dazu. Aber kindliche Ängste, die das Sozialverhalten stören, beeinträchtigen die Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes enorm. Zu unterscheiden sind bestimmte Angstformen, wie sie auch Hillenbrand auflistet: „Trennungsangst, Kontaktangst und Überängstlichkeit“.4 Soziale Angst, die eng verwandt ist mit den genannten Ängsten, ist bei fast allen sozial unsicheren Kindern gegeben und kann auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommen, z. B. die Angst vor der Kritik von Personen, Angst vor Autoritätspersonen, Angst, sich in sozialen Situationen nicht angemessen verhalten zu können, Angst, den Erwartungsvorstellungen der Personen nicht gerecht werden zu können.
1 Vgl., Petermann, Ulrike, Petermann, Franz, Training mit sozial unsicheren Kindern. Einzeltraining, Kindergruppen, Elternberatung, 6., überarbeitete und veränderte Auflage, Weinheim 1996, S. 13.
2 Ebd., S. 11.
3 Ebd.
Inhaltsverzeichnis
1. THEORIE
1.1 ERKLÄRUNGSKONZEPTE
1.2 THEORIE DER ERLERNTEN HILFLOSIGKEIT
1.2.1 Darstellung der Theorie
1.3 ÜBER DEN ZUSAMMENHANG VON ERLERNTER HILFLOSIGKEIT UND SOZIAL UNSICHEREM VERHALTEN
2. DER BESONDERE ASPEKT DER PRAXIS
2.1 ELTERNSITZUNG
3. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert das von Petermann und Petermann entwickelte Trainingskonzept für sozial unsichere Kinder unter besonderer Berücksichtigung kognitionspsychologischer Ansätze. Ziel ist es, den theoretischen Hintergrund, insbesondere die Theorie der erlernten Hilflosigkeit nach Seligman, mit der praktischen Umsetzung und der Einbeziehung der Eltern zu verknüpfen und kritisch zu reflektieren.
- Grundlagen und Definitionen von sozial unsicherem Verhalten
- Einfluss von Angststörungen auf die kindliche Entwicklung
- Anwendung der Theorie der erlernten Hilflosigkeit
- Rolle des Eltern- und Umfeldtrainings
- Kritische Würdigung des Interventionsansatzes
Auszug aus dem Buch
1.2 Theorie der erlernten Hilflosigkeit
Martin Seligman hat in seiner Studie über Hilflosigkeit verschiedene Experimente durchgeführt und den Zusammenhang von Angstkonditionierung und instrumentellem Lernen untersucht. Er kam dabei zu der Entdeckung, „daß ein Organismus, der traumatische Bedingungen erfahren mußte, die er nicht kontrollieren konnte, die Motivation zum Handeln verliert, wenn er später erneut mit traumatischen Bedingungen konfrontiert wird. Mehr noch, selbst wenn er reagiert und es ihm gelingt, durch seine Reaktion den Stress zu reduzieren, so hat er Schwierigkeiten zu lernen, wahrzunehmen und zu glauben, daß seine Reaktion dies bewirkte.“
Durch die Erfahrung eines Menschen, dass sein Verhalten in seiner Umwelt keine Nachwirkungen oder gewünschten Effekte erzielt, entsteht das Gefühl der Hilflosigkeit. Wenn die Anstrengungen ohne absehbare Wirkung bleiben, lernt der Organismus, dass seine Handlungsmöglichkeiten nicht ausreichen, um eine Situation zu verändern. Durch diesen Lernprozess wird das Antriebsverhalten heruntergesetzt und Vorgänge in der Umwelt falsch eingeschätzt.
Nach Seligman können Menschen jedoch lernen, dass Konsequenzen von ihren Reaktionen unabhängig voneinander auftreten. Sinnvoll ist das Arbeiten an erlernter Hilflosigkeit deswegen, weil „eine einmalige Erfahrung unkontrollierbarer traumatischer Ereignisse Auswirkungen hat, die mit der Zeit verschwinden.“ Es ist möglich durch gezieltes Training erlernte Hilflosigkeit auf ein unproblematisches Maß zu reduzieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. THEORIE: Dieses Kapitel definiert sozial unsicheres Verhalten als Sammelbegriff und führt zentrale psychologische Erklärungskonzepte wie Modelllernen, Verstärkungslernen und klassische Konditionierung ein.
1.1 ERKLÄRUNGSKONZEPTE: Hier wird erläutert, wie soziale Angst und Fertigkeitsdefizite das Verhalten beeinflussen und wie Lernprozesse zur Entstehung bzw. Modifikation sozialer Kompetenz beitragen.
1.2 THEORIE DER ERLERNTEN HILFLOSIGKEIT: Das Kapitel stellt Seligmans Modell vor, das beschreibt, wie unkontrollierbare traumatische Erfahrungen zu motivationalen und kognitiven Defiziten beim Individuum führen.
1.2.1 Darstellung der Theorie: Es werden die drei Komponenten (Kontingenz-Information, Kognitive Repräsentation, Verhalten) sowie die zentralen Begriffe Unkontrollierbarkeit und Unvorhersagbarkeit detailliert dargelegt.
1.3 ÜBER DEN ZUSAMMENHANG VON ERLERNTER HILFLOSIGKEIT UND SOZIAL UNSICHEREM VERHALTEN: Anhand eines Fallbeispiels wird illustriert, wie Kinder durch wiederholte negative Interaktionserfahrungen "Reaktionsunabhängigkeit" erlernen und soziale Unsicherheit entwickeln.
2. DER BESONDERE ASPEKT DER PRAXIS: Dieser Teil beleuchtet die praktische Umsetzung des Trainingskonzepts von Petermann und Petermann, insbesondere die Strukturierung in Einzelsitzungen und Elterntraining.
2.1 ELTERNSITZUNG: Der Fokus liegt hier auf der diagnostischen Einbindung der Eltern und deren Schulung zur Förderung der sozialen Kompetenz des Kindes durch veränderte Erziehungsmethoden.
3. FAZIT: Das Kapitel reflektiert das Konzept als kognitionspsychologisch fundiert und sinnvoll, merkt jedoch an, dass die Einbindung des Schulumfeldes zur Erzielung nachhaltiger Ergebnisse fehlt.
Schlüsselwörter
Sozial unsichere Kinder, Petermann und Petermann, erlernte Hilflosigkeit, soziale Angst, Fertigkeitsdefizite, Modelllernen, Verstärkungslernen, unkontrollierbare Situationen, Elterntraining, soziale Kompetenz, kognitive Psychologie, Interaktionsmuster, Angststörungen, Erziehungsmethoden, Verhaltensmodifikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Trainingskonzept von Petermann und Petermann für sozial unsichere Kinder und setzt es in Bezug zur Theorie der erlernten Hilflosigkeit nach Martin Seligman.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Felder sind die Ursachen sozialer Unsicherheit, die psychologischen Lernkonzepte, der Zusammenhang mit Angststörungen sowie die praktische Interventionsarbeit mit betroffenen Kindern und deren Eltern.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit analysiert, wie das Training von Petermann und Petermann theoretisch fundiert ist und wie durch die Behandlung mentaler Strukturen sowie die Einbindung der Eltern soziale Fertigkeiten gezielt verbessert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf Fachliteratur der Verhaltenspädagogik und Kognitionspsychologie basiert und das Trainingskonzept in den wissenschaftlichen Diskurs einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen des sozial unsicheren Verhaltens, die Darstellung der Hilflosigkeitstheorie, die Verknüpfung dieser Ansätze mit der kindlichen Lebenswelt sowie die Darstellung des praktischen Elterntrainings.
Was charakterisiert die Arbeit inhaltlich?
Die Arbeit ist durch den Fokus auf die kognitive Seite von Angststörungen und die Verbindung von Theorie mit praktischer Elternberatung charakterisiert.
Warum wird die "Theorie der erlernten Hilflosigkeit" besonders hervorgehoben?
Sie dient als Erklärungsmodell dafür, warum Kinder in sozialen Situationen trotz Handlungsfähigkeit eine Blockade erleben und sich hilflos fühlen, was das Kernproblem der sozialen Unsicherheit darstellt.
Welche Rolle spielen die Eltern laut dem Autor?
Eltern fungieren nicht nur als Informationsquelle für die Diagnose, sondern werden aktiv in das Training einbezogen, um Erziehungsmethoden zu hinterfragen und soziale Kompetenz aktiv zu fördern.
Welche kritische Anmerkung macht der Autor am Ende?
Der Autor bemängelt, dass das Schulumfeld in dem ansonsten abgerundeten Konzept zu wenig Berücksichtigung findet, obwohl es einen großen Teil der Erfahrungswelt der Kinder ausmacht.
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- Benjamin Kristek (Author), 2002, Training mit sozial unsicheren Kindern nach Petermann und Petermann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41360