Eine psychische Erkrankung hat nicht nur Auswirkungen auf das eigene Leben, sondern betrifft immer auch die Familie. Vor allem die Kinder psychisch Kranker nehmen eine besondere Rolle ein. Obwohl sie eigentlich abhängig von ihren Schutzbefohlenen sind, schlüpfen sie nicht selten in die Rolle des Fürsorgenden. Die Kinder versuchen so, das Familiensystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren.
Dieses Paradoxon der Rollenumkehr nennt sich Parentifizierung. Lisanne Hilker untersucht in dieser Publikation den Einfluss der Parentifizierung auf die Entwicklung von Kindern. Wie wirkt sich eine psychische Erkrankung der Eltern auf das Verhalten der Kinder aus?
Die Autorin stellt in ihrem Buch ein lange nur stiefmütterlich behandeltes Forschungsthema in den Mittelpunkt. Mit Blick auf die Bindungstheorie untersucht sie die Wechselbeziehung zwischen psychisch kranken Eltern und deren Kindern. Hilker kommt so zu wichtigen Erkenntnissen über das Eltern-Kind-Verhältnis und liefert Ansätze für den Umgang mit psychisch kranken Familienangehörigen.
Aus dem Inhalt:
- Parentifizierung;
- Bindung;
- psychisch kranke Eltern;
- Rollenumkehr;
- Coping
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kinder psychisch kranker Eltern
2.1 Geschichtliche Entwicklung
2.2 Gedanken und Gefühle Kinder und Jugendlicher mit psychisch erkrankten Eltern
2.3 Kinder als Kraftquelle für ihre Eltern
3 Parentifizierung
3.1 Formen der Parentifizierung
3.2 Rollenzuweisungen parentifzierter Kinder
4 Der Einfluss der psychischen Erkrankung der Eltern auf die Entwicklung des Kindes – Risiko und Schutz
4.1 Resilienz bei Risiko-Kindern
4.2 Risikofaktoren für die Parentifizierung
5 Parentifizierung und Bindung
5.1 Die Fremde Situation und dieBindungstypen
5.2 Effekte mütterlicher Depression auf die frühkindlichen Bindungserfahrungen
5.3 Coping
6 Parentifizierung als Bindungsstörung
6.1 Die Besonderheiten des desorganisierten Bindungsmusters und elterlicher Kompetenz
7 Definition des DMM
7.1 Die Entwicklung eines Bindungssystems als Anpassungsleistung
7.2 Verhaltensindikatoren der A+-Bindungsstrategie
7.3 D-Bindung: Um- statt Desorganisation?
8 Phasen der frühkindlichen Parentifizierung bis ins Vorschulalter
9 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Parentifizierung bei Kindern psychisch erkrankter Eltern und analysiert, inwieweit sich bindungstheoretisch fundierte Phasen der Parentifizierung bis ins Vorschulalter bestimmen lassen. Ziel ist es, Parentifizierung aus ihrem Dasein als nebensächliches Phänomen zu lösen und ihre Relevanz im Kontext von Bindung und Anpassung theoretisch zu fundieren.
- Bindungstheoretische Analyse der Parentifizierung
- Einfluss mütterlicher Depression auf frühkindliche Bindungserfahrungen
- Rolle von Resilienz und Coping-Strategien
- Einsatz des Dynamischen Reifungsmodells der Bindung und Anpassung (DMM) nach Crittenden
Auszug aus dem Buch
3.1 Formen der Parentifizierung
Parentifizierung lässt sich in zwei Definitionskriterien einteilen. Zum einen darin, wie sie sich auf das Kind auswirkt und zum anderen, welche Aufgaben das Kind hauptsächlich übernehmen muss. Sind die Aufgaben des Kindes eher funktional, wie die Führung von Haushalt und Finanzen, sowie die körperliche Pflege Angehöriger, spricht man von instrumenteller Parentifizierung. Die emotionale Parentifizierung bezieht sich auf Aufgabenzuweisungen auf emotionaler Ebene, wenn Kinder Liebe und Zuneigung im Sinne eines Partnerersatzes schenken, in die persönlichen Probleme der Eltern miteinbezogen werden und zu den Hauptverantwortlichen für den familiären Frieden werden. Aufgrund der emotionalen Grenzüber-schreitung sei die emotionale Parentifizierung die destruktivere Form.
Vor allem Loyalitätskonflikte und Schwierigkeiten bei der Abgrenzung würden eine besondere Belastung darstellen und seien entwicklungsbeeinträchtigend für das Kind. In einzelnen Fällen wird die emotionale Parentifizierung im Sinne eines Partnerersatzes körperlich erweitert, es kann zu einer „sexuellen Parentifizierung“ kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Parentifizierung im Kontext der Geschichte der Psychiatrie und Herausarbeitung der Forschungsfrage.
2 Kinder psychisch kranker Eltern: Darstellung der Belastungen, Gedanken und Gefühle betroffener Kinder sowie deren Rolle als Kraftquelle für die Eltern.
3 Parentifizierung: Definition und Abgrenzung der Parentifizierung sowie Analyse von Rollenzuweisungen und Auswirkungen auf das Kind.
4 Der Einfluss der psychischen Erkrankung der Eltern auf die Entwicklung des Kindes – Risiko und Schutz: Analyse von Risiko- und Schutzfaktoren (Resilienz) bei Kindern psychisch erkrankter Eltern.
5 Parentifizierung und Bindung: Untersuchung der Bindungstheorie, der Bindungstypen und des Einflusses mütterlicher Depression auf die frühe Bindungsqualität.
6 Parentifizierung als Bindungsstörung: Diskussion der Parentifizierung als Bindungsstörung und der Rolle des desorganisierten Bindungsmusters.
7 Definition des DMM: Vorstellung des Dynamischen Reifungsmodells der Bindung und Anpassung (DMM) zur Erklärung selbstprotektiver Strategien.
8 Phasen der frühkindlichen Parentifizierung bis ins Vorschulalter: Herleitung eines hypothetischen Phasenmodells der Parentifizierung basierend auf dem DMM.
9 Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Ausblick auf zukünftige Forschungserfordernisse.
Schlüsselwörter
Parentifizierung, Bindungstheorie, DMM, psychisch erkrankte Eltern, mütterliche Depression, Resilienz, Coping, Kindesentwicklung, Rollenumkehr, desorganisierte Bindung, Familienpsychologie, Kindeswohl, Bindungsstörung, Anpassungsleistung, Kindheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Parentifizierung, einem Prozess der Rollenumkehr, bei dem Kinder psychisch kranker Eltern Aufgaben übernehmen, die eigentlich den Eltern zukommen, und welche Folgen dies für die kindliche Entwicklung hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Auswirkungen elterlicher psychischer Erkrankungen, insbesondere Depressionen, auf die Bindungsqualität zwischen Kind und Eltern sowie die Entwicklung von Parentifizierung als selbstprotektive Bindungsstrategie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Fragestellung lautet: „Lassen sich bindungstheoretisch fundierte Phasen frühkindlicher Parentifizierung bis ins Vorschulalter bestimmen?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die den aktuellen Forschungsstand zur Bindungstheorie, insbesondere das Dynamische Reifungsmodell (DMM) nach Patricia Crittenden, mit Studien zur Parentifizierung und psychischen Erkrankungen von Eltern kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Parentifizierung, die Auswirkungen auf die Bindung, die Bedeutung von Resilienz und Coping sowie die theoretische Fundierung durch das DMM.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Parentifizierung, Bindungstheorie, DMM, mütterliche Depression, Resilienz, Rollenumkehr und desorganisierte Bindung.
Wie unterscheidet sich adaptive von destruktiver Parentifizierung?
Adaptive Parentifizierung kann sich unter bestimmten Bedingungen positiv als Resilienzfaktor auswirken, während destruktive Parentifizierung die Entwicklung des Kindes einschränkt und zu langfristigen Störungen führen kann.
Was besagt die Hypothese zum Phasenmodell der Parentifizierung?
Die Arbeit stellt die Hypothese auf, dass bei früher Parentifizierung eine Desorganisation aus einem gescheiterten Versuch einer ersten Bindungsstrategie hervorgeht und sich bei ausreichenden Ressourcen eine Umorganisation zu einer „zwanghaft fürsorglichen“ (A3) Strategie vollzieht.
- Arbeit zitieren
- Lisanne Hilker (Autor:in), 2017, Wenn Kinder die Rolle der Eltern übernehmen. Phasen der Parentifizierung von Kindern psychisch kranker Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414032