Während meiner gesamten religiösen Sozialisation begegneten mir viele verschiedene biblische Themen und Geschichten. Vor allem waren es die religiösen Feste, die nicht nur das Kirchenjahr, sondern auch das Kalenderjahr prägen. Doch nie wurde die Themen der fleischlichen Liebe oder der Sexualität thematisiert. Weder hörte man zu diesen Themen etwas einem Gottesdienst, noch wurde es in unseren Jugendstunden thematisiert. Irgendwann stellte ich mir die Frage, ob Liebe und Sexualität vielleicht gar nicht in der Bibel behandelt werden?
Nach meiner Konfirmation besuchte ich mit einigen gleichaltrigen Freunden die Junge Gemeinde unseres Ortes. In diesem Alter spielte auch das Thema Sexualität eine neue und wichtige Rolle in unserem Leben. Wir sprachen untereinander offen darüber. Allerdings fiel es uns sehr schwer, die Fragen, die wir hatten, laut zu stellen. Oft fehlten uns die Ansprechpartner für diese Themen - auch bzw. besonders in der Kirche. Ich blieb der jungen Gemeinde treu und wurde schließlich Mitarbeiterin.
Vor ca. drei Jahren kamen einige Konfirmanden während unserer Rüstzeit auf mich zu. Ihnen lag etwas auf dem Herzen, jedoch ging es ihnen wie mir in ihrem Alter. Sie wollten über Liebe und Sexualität sprechen, denn sie hatten Fragen. Es interessierte sie, ob und was die Bibel zu diesem Thema zu sagen hat. Nun waren wir alle in eine vollkommen neue Situation geraten. Ich selbst konnte damals als ehrenamtliche Helferin auch nicht genau sagen, was dazu in der Bibel steht. Aber dass sie etwas dazu sagt, wusste ich. Wir kamen ins Gespräch. Es war sehr vertraulich, offen und intim.
Seit dem Beginn meines Studiums in Weingarten werden mir noch öfter solche Fragen gestellt. Um zukünftig ein kompetenterer Gesprächspartner sein zu können, der mir vor meinem Studium der Religionspädagogik fehlte, möchte ich in dieser Hausarbeit der Frage nachgehen, ob Liebe, insbesondere die fleischliche Liebe, und Sexualität tatsächlich nicht in der Bibel thematisiert werden. Und, wenn dies doch der Fall sein sollte, herausfinden, welche Problematiken thematisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Liebe und Sexualität - Was ist das?
3. Liebe in der Bibel
3.1 Wie wird Liebe im Alten Testament definiert?
3.2 Wie definiert das Neue Testament Liebe?
4. Als Mann und Frau erschuf er sie
5. Sexualität in der Bibel
5.1 Sexualität mit dem Ziel der Nachkommen zu zeugen
5.2 Dreiecksverhältnisse und Fruchtbarkeit
5.3 Ehebruch
5.4 Gescheiterter Verführungsversuch
5.5 Inzest
5.6 Vergewaltigung
5.7 Prostitution
5.8 Innige Begegnung zwischen zwei Männern
5.9 Freuden der Sexualität - Das Hohelied
5.10 Rechtstexte im Alten Testament
5.11 Sexualität im Neuen Testament
5.12 Vielfalt der genannten Stellen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Forschungsfrage, ob Liebe – insbesondere die fleischliche Liebe – und Sexualität in der Bibel thematisiert werden. Ziel ist es, diese Aspekte anhand ausgewählter biblischer Texte zu beleuchten, um die teils vorherrschende Wahrnehmung der Leibfeindlichkeit der Heiligen Schrift kritisch zu hinterfragen und die Komplexität dieser Themenfelder aufzuzeigen.
- Grundlagen der Liebesbegriffe im Alten und Neuen Testament
- Die biblische Schöpfungsgeschichte und das Bild von Mann und Frau
- Vielfältige Erscheinungsformen von Sexualität im Alten Testament (u.a. Fruchtbarkeit, Ehebruch, Gewalt, Erotik)
- Vergleich der Thematisierung von Sexualität in Altem und Neuem Testament
Auszug aus dem Buch
4. Als Mann und Frau erschuf er sie
Im ersten Schöpfungsbericht in Gen 1,27 heißt es: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.“ „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ steht es nur vier Verse weiter in Gen 1 geschrieben. Auf diesem Vers basierend kann die geschlechtliche Verschiedenheit von Mann und Frau als von Gott beabsichtigt betrachtet werden.
Im eben genannten ersten Schöpfungsbericht werden Mann und Frau zeitlich parallel geschaffen. Im zweiten und älteren Schöpfungsbericht wird zuerst der Mann (Gen 2,7) und dann die Frau erschaffen (Gen 2,18,21-22). Von Beginn des biblischen Menschen an besteht eine von Gott selbst geschaffene „geschlechtliche Differenzierung“. „Denn Während der Mann bei den Tieren keine Partnerschaft finden kann, findet er sie bei der Frau.“
Eine Interpretation in Bezug auf eine Unter-, Über- oder Gleichordnung zwischen Mann und Frau soll an dieser Stelle nur insoweit vorgenommen werden, dass dem Bericht in Gen 2 eine Unterordnung der Frau unter dem Mann zugeordnet wird, während der Bericht aus Gen 1 wohl eher eine Gleichordnung vorsieht.
In zwei Formen besteht der Mensch. Sie sind nicht gleich in ihren Geschlechtern, darum kann der Mann nicht in gleicher Weise berechtigt sein wie die Frau und umgekehrt. Das hat zur Folge, dass Mann und Frau aufgrund der verschiedenen Geschlechter anders berechtigt sind. Allein kann keiner den ,ganzen Menschen’ darstellen, denn nur gemeinsam repräsentieren sie das vollkommene Bild Gottes. „Deshalb ist der Bibel nichts so fremd wie eine Verwischung und Gleichmachung der Geschlechter.“
Schließlich segnet Gott Mann und Frau und spricht zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde“ (Gen 1, 28). Hier wird erkennbar, dass eine sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau gewollt ist. Eine sinnstiftende Beziehung, die darin besteht Nachkommen zu zeugen. In Gen 2,24 wird dieser Vorgang konkretisiert. Der Vers beschreibt, wie ein Mann seine Eltern verlässt, um mit seiner Frau „ein Fleisch“ zu werden. Die Bezeichnung „ein Fleisch“ zielt auf die Vereinigung der Geschlechter von Mann und Frau ab und stellt den Geschlechtsakt bildlich dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Die Verfasserin beschreibt ihre persönliche Motivation und die Entstehung der Forschungsfrage zur Thematisierung von Liebe und Sexualität in der Bibel.
2. Liebe und Sexualität - Was ist das?: Dieses Kapitel definiert die Begriffe Liebe und Sexualität sprachlich sowie inhaltlich und hinterfragt, warum diese Themen in kirchlichen Kontexten oft gemieden werden.
3. Liebe in der Bibel: Es wird analysiert, wie Liebe im hebräischen Alten Testament und im griechischen Neuen Testament begrifflich differenziert und definiert wird.
4. Als Mann und Frau erschuf er sie: Das Kapitel erläutert die biblischen Schöpfungsberichte hinsichtlich der geschlechtlichen Differenzierung und der Bedeutung der Vereinigung von Mann und Frau als „ein Fleisch“.
5. Sexualität in der Bibel: Dieser Hauptteil bietet eine detaillierte Untersuchung verschiedener Aspekte von Sexualität, von Fortpflanzung und Ehebruch bis hin zur erotischen Sprache im Hohelied und rechtlichen Regulierungen.
6. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass Liebe und Sexualität durchaus zentrale Themen der Bibel sind, die jedoch im Alten Testament offener behandelt werden als im Neuen Testament, wo sie eher in den Hintergrund treten.
Schlüsselwörter
Bibel, Liebe, Sexualität, Altes Testament, Neues Testament, Schöpfung, Ehebruch, Hohelied, Geschlechtlichkeit, Fruchtbarkeit, Erotik, Fleisch, Religionspädagogik, Ethik, Gottesbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie die Themen fleischliche Liebe und Sexualität in der Bibel thematisiert werden, um Vorurteile bezüglich einer angeblichen Leibfeindlichkeit der christlichen Schriften zu hinterfragen.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Themenfelder umfassen die Definition von Liebe und Sexualität, die biblische Anthropologie von Mann und Frau, verschiedene Formen sexueller Praxis (einschließlich Problematiken wie Gewalt) sowie die Rolle von Ehe und Fortpflanzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse ausgewählter biblischer Textstellen ein differenzierteres Verständnis der biblischen Sicht auf Sexualität zu gewinnen und kompetenter über diese Themen sprechen zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturrecherche und der exegetischen Analyse relevanter biblischer Texte und Kontextmaterialien aus theologischer Sicht.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden konkrete biblische Narrative und rechtliche Texte untersucht, die das Spektrum menschlicher Sexualität – von positiver Erotik im Hohelied bis hin zu problematischen Verhältnissen wie Inzest oder Vergewaltigung – aufzeigen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Bibel, Liebe, Sexualität, Altes Testament, Schöpfung, Ethik und Geschlechtlichkeit charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Behandlung von Sexualität zwischen Altem und Neuem Testament?
Das Alte Testament behandelt menschliche Sexualität offener und als zentrales Thema, während das Neue Testament das Thema eher zurückhaltend anspricht und den Fokus stärker auf die Gottes- und Nächstenliebe legt.
Welche Bedeutung hat das „Hohelied“ innerhalb der Untersuchung?
Das Hohelied dient als wichtiges Beispiel für eine erotische Sprache in der Bibel, die Sexualität als positive, kreative und freudvolle Kraft darstellt und somit der einseitigen Annahme einer reinen Leibfeindlichkeit widerspricht.
- Arbeit zitieren
- Josephin Reichel (Autor:in), 2016, Wie werden Liebe und Sexualität in der Bibel thematisiert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414036