Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen. Die Daily-Soap "Gute Zeiten – Schlechte Zeiten"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Teil
2.1 „mass communication and para-social interaction. Observation on intimacy at a distance“ als Grundlage parasozialer Forschung
2.2 Das Fernsehen als Bühne parasozialer Interaktionen
2.3 Parasoziale Beziehung als Konsequenz parasozialer Interaktionen
2.4 Rituale in den Medien

3. Die Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“
3.1 Erfolgsgeschichte der Daily Soap „Gute Zeiten - Schlechte Zeiten“
3.2 Produktioneller Aufbau der Daily Soap „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“
3.3 Der inhaltliche und konzeptionelle Aufbau von Daily Soaps am Beispiel von „Gute Zeiten - Schlechte Zeiten“
3.4 Vorstellung der „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“-Serienfigur Professor Dr. Hans Joachim Gerner genannt „Jo Gerner“

4. Aktueller Forschungsstand
4.1 Studie von Uli Gleich (1996) „Sind Fernsehpersonen die „Freunde“ des Zuschauers? Ein Vergleich zwischen parasozialen und realen sozialen Beziehungen“
4.2 Studie von Peter Vorderer (1996) „Picard, Brinkmann, Derrick & Co. Als Freunde der Zuschauer. Eine explorative Studie über parasoziale Beziehungen zu Serienfiguren“
4.3 Studie von Anja Visscher und Peter Vorderer (1998) „Freunde in guten und schlechten Zeiten. Parasoziale Beziehungen von Vielsehern zu Charakteren einer Daily Soap“

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Wenn abends um 19:40h in einigen Haushalten der Fernseher eingeschaltet wird, könnte die Vermutung aufkommen, dass der Rezipient die Daily Soap „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ auf RTL einschaltet. Die möglichen Hintergründe, warum einige Zuschauer und Zuschauerinnen tagtäglich die Daily Soap sehen, soll in dieser Hausarbeit erörtert werden. In diesem Zusammenhang wird dabei der grundsätzlichen Frage nachgegangen, ob parasoziale Beziehungen zu Daily Soap-Darstellern möglich sind.

Parasoziale Beziehungen grenzen sich in sofern von realen Beziehungen ab, als dass sie zwar nur zwischen Fernsehdarsteller und Rezipient existieren, dennoch aber eine Art „quasi-reale Beziehung [...ist], sofern sie auf einer impliziten Übereinstimmung zwischen der Medienperson und dem Rezipienten beruht“ (Wegener, S. 294).

Zur Klärung der Fragen nach parasozialen Beziehungen zu Daily Soap-Darstellern bildet zunächst die Erörterung von parasozialer Interaktion und parasozialer Beziehung, sowie Rituale den theoretischen Hintergrund, um dann in Kapitel drei die Daily Soap „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ näher zu betrachten. Die Daily Soap wurde gewählt, da sie seit fast 25 Jahren im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird und zu einer der erfolgreichsten Daily Soaps zählt (vgl. Götz, Klingl, Hofmann, Vocke, Tilemann, Baranowski 2002, S. 98f). Um der Frage einer parasozialen Beziehung zu Soap-Darstellern analysieren zu können, wird hierbei exemplarisch die „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“-Figur Professor Dr. Hans Joachim Gerner, genannt „Jo Gerner“, näher vorgestellt.

Da eine eigene Forschung zu diesem Thema aufgrund der Länge der Arbeit nicht möglich ist, wird in Kapitel vier exemplarisch auf den aktuelle Forschungsstand eingegangen. Anhand dessen soll anschließend im Fazit unter Einbeziehung des theoretischen Hintergrunds und aktuellen Forschungsstand die Frage der Hausarbeit, ob parasoziale Beziehungen zu Seriendarstellern der Daily Soap „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ möglich sind, erörtert werden.

2. Theoretischer Teil

1956 entwickelten die Amerikaner Horton und Wohl eine Theorie, bei der das Publikum durch Personen in den Medien scheinbar direkt angesprochen wird und entsprechend reagieren kann, was sie als parasoziale Interaktion bezeichneten. Die Folge wiederholter parasozialer Interaktionen führt nach den Autoren zu parasozialen Beziehungen.

2.1 „mass communication and para-social interaction. Observation on intimacy at a distance“ als Grundlage parasozialer Forschung

Für Horton & Wohl (1956) stand hierbei die Frage im Vordergrund, wie die Zuschauer mit dem Fernsehen umgehen und welche psychologischen Prozesse bei der Rezeption ablaufen. In ihrem 1956 veröffentlichten Artikel: „Mass communications and para-social interactions. Observations on intimacy at a distance“ in der Zeitschrift „Psychiatry“ definierten sie den Prozess der Fernsehrezeption als aktive Handlung des Zuschauers im Sinne einer „Interaktion mit den Fernsehakteuren“ (Gleich, 1997, S. 35). Das Publikum schaut demnach nicht nur distanziert zu, sondern interagiert mit den Fernsehpersonen. Diese medial vermittelte Kommunikation zwischen Fernsehperson und Zuschauer und Zuschauerinnen bezeichneten Horton und Wohl (1956) als parasoziale Interaktion: „The simulacrum of conversational give and take may be called para-social interaction“ (S. 186). Sie sehen den Zuschauer und die Zuschauerin als aktive Rezipienten. Die Aktivität der Zuschauer und Zuschauerinnen bei der Nutzung von Medien wird im Zusammenhang mit sozialer Interaktion gesehen. Hierbei bezeichnen sie die Erzeugung einer Illusion der face-to-face Beziehung zwischen ZuschauerInnen und DarstellerInnen als eine der wichtigsten Eigenschaften der Massenmedien: “We call it an illusion because the relationship [...] is inevitably one-sided and reciprocity.“ (Horton & Wohl, 1956, S. 217). Dadurch wird dem Zuschauer und der Zuschauerin die Möglichkeit geboten, so zu reagieren, als ob er mit der Fernsehperson in einer direkten, personalen Interaktion stehen würde, wodurch er in die jeweiligen medialen Beziehungsgefüge, Handlungsstrukturen und Abläufe integriert wird (vgl. Gleich, 1997, S. 35f). Aufgrund des dynamischen Charakters von parasozialen Interaktionen mit Fernsehakteuren entstehen parasoziale Beziehungen. Sie repräsentieren die positiven Gratifikationen, die gewonnen werden und sind das Ergebnis wiederholter parasozialer Interaktion (vgl. Horton & Wohl, 1956, S. 202).

Horton und Wohl haben die Theorie der parasozialen Interaktion ursprünglich am Beispiel des Mediums Radio entwickelt, welches aber schnell auf das Fernsehen übertragen wurde (vgl. Wulff, 1996, S. 29). Auf diese Weiterentwicklung der Forschung soll im Folgenden eingegangen werden.

2.2 Das Fernsehen als Bühne parasozialer Interaktionen

Horton und Wohl haben ihre Überlegungen nicht explizit in einem kommunikationstheoretischen Konzept verankert, weshalb sie nicht von einer „Theorie der parasozialen Interaktion“ sprechen. Ihnen ging es mehr um die deskriptiven Begriffe als um die analytische Explikation: die Bestandsaufnahme der beobachteten Phänomene stand im Vordergrund (vgl. Gleich, 1996, S. 119).

Eine wichtige Funktion für parasoziale Interaktion kommt dem kommunikativen Verhalten der Fernsehfiguren zu. Das interpersonale Geschehen zwischen ihnen und den Zuschauern, insbesondere das gegenseitige Bezugnehmen im Rahmen des Kommunikationsprozesses wird als parasoziale Interaktion bezeichnet (vgl. Gleich, 1997, S. 45). Neben einem „programmkontextspezifischen Kommunikationsverhalten“ (Gleich, 1997, S. 37) zeigt die Fernsehfigur eine Reihe sozialer Handlungen, die als grundlegende kommunikative Akte von Kontaktaufnahmen, also Interaktionen, ausgerichtet sind[1]. Diese Kommunikationsakte sind vergleichbar mit denen in realen Interaktionssituationen. Aus diesem Grund sind die Zuschauer und Zuschauerinnen in der Lage dieses Verhalten zu dekodieren, womit sich ein kommunikativer Austausch zwischen Fernsehfigur und ZuschauerInnen ergibt, der dem Austausch zwischen realen Personen ähnelt (vgl. Keppler 1996, S. 15f). Hierbei ist das Verhalten der Fernsehfigur in der Unterhaltungssendung zielgerichtet. Ein Teil des kommunikativen Zeichenvorrats den die Figuren verwenden, ist intentional auf die Rezipienten ausgerichtet und verlangt von ihnen Verständnis von und Zustimmung zu Kommunikationsinhalten, sowie bestimmte Eindrücke bei der Wahrnehmung der Figuren (vgl. Keppler 1996, S17ff). Diese Adressierung der Zuschauer und Zuschauerinnen ist somit auf bestimmte Reaktionen ausgerichtet, fordert bestimmte kommunikative Antwortleistungen und stellt ein Angebot für parasoziale Interaktion dar (vgl. Wegener, 2008, S. 294). Inhalt und Qualität sind nicht nur Informations- und Unterhaltsangebot, sondern auch Interaktionsangebot. Der Inhalt und das Verhalten der Figuren in Unterhaltungssendungen sind primär auf den Zuschauer und die Zuschauerin ausgerichtet. Parasoziale Interaktion meint hierbei das aufeinander Bezugnehmen von Fernsehfiguren und Zuschauer und Zuschauerinnen im Rahmen eines medial vermittelten Kommunikationsprozesses (vgl. Hippel 1993, S. 129f). Hiermit befindet sich der Zuschauer und die Zuschauerin gleichzeitig in zwei Rollen- bzw. Situationsdefinitionen: Sie sind einerseits Beobachtende und andererseits Partizipierende. Diese Aufhebung der Trennung von „Bühne und Zuschauerraum“ (Wulff, 1992, S. 81) beschreibt Mikos (1996) später als eine „Intimität auf Distanz“ (S. 97).

Neben dem kommunikativen Verhalten der Fernsehfiguren sind auch die spezifischen Präsentationsmodalitäten des Fernsehens positiv für das Entstehen parasozialer Interaktionsprozesse. So hat der Fernseher als Medium durch seine mehrkanalige, audio-visuelle Vermittlung von Information und die hohe technische Qualität in Bildschärfe, Tiefenschärfe und Farbqualität die Möglichkeit, ein „wirklichkeitsnahes Abbild des Geschehens zu zeigen“ (Gaßner & Menning-Heinemann, 1992, S. 293). Diese Analogie zur Realität ist eine Grundlage der parasozialen Interaktion. Informationsübermittlung und Informationsaufnahme sind zeitgleich, wodurch die Zuschauer nach Gleich (1997) „zum Augenzeugen des Geschehens“ (S. 40) werden. Diese, nach den Autoren Horton und Wohl (1956) genannte, illusionierte face-to-face Beziehung von Fernsehfigur und Konsument ermöglicht das Erleben von subjektiver Nähe und Intimität und schafft somit ein Gefühl von Realität und Gleichzeitigkeit: „The most remote and illustrious men are met as if they were in the circle of one’s peers [...]. We propose to call this seeming face-to-face relationship between spectatos and performer a para-social relationship.“ (S.185). Die subjektive Nähe wird durch bestimmte Präsentationsformen und Gestaltungsmittel gefördert[2] und durch die private Atmosphäre, in der das Fernsehprogramm normalerweise rezipiert wird, begünstigt (vgl. Gleich, 1997, S. 39). Der hohe Realitätsgrad der Darstellung von Fernsehfiguren erhöht die Wahrscheinlichkeit einer parasozialen Interaktion gegenüber anderer Medien (vgl. Horton & Wohl, 1956, S. 185).

Nach Gleich (1997) entstehen parasoziale Interaktionen, wenn der Zuschauer und die Zuschauerin das mediale Kommunikationsangebot annehmen und sich darauf einlassen. Dabei ist die gegenseitige Perspektivübernahme von der medialen Figur im Fernsehen und der realen Person des Zuschauers eine Bedingung für das Gelingen. Die Antwort des Zuschauers wird impliziert, indem sich die Figur nach einem generalisierten Bild des Zuschauers richtet. Dieser wiederum reagiert auf das Kommunikationsangebot, indem er den Verlauf und Inhalt des jeweiligen Programms verfolgt und darauf reagiert. Zu dieser spezifischen Rezipientenaktivität gehören Prozesse der Personenbeurteilung und deren Wahrnehmung, sowie soziale Vergleiche und Verhaltensantizipationen (vgl. S. 41). Horton und Wohl (1956) beschreiben die parasozialen Interaktionen als einen Prozess mit einem breiten Handlungs- und Interpretationsspielraum des Zuschauers. Dieser kann sich intensiv auf die Interaktionsangebote der Figuren einlassen, sich aber auch durch Abschalten oder Abwenden ohne zu befürchtende Sanktionen der Interaktion entziehen. Hier zeigt sich die Differenz zur realen Interaktion, in der Rücksicht auf soziale Normen und Gefühle genommen werden muss. Die Teilnahme an parasozialen Interaktionen ist eine freiwillige Entscheidung des Rezipienten, in der er ein hohes Maß an Kontrolle über Art und Ausmaß seiner Partizipation hat: „He is free to withdraw at any moment“ (S. 216).

Die parasoziale Interaktion findet analog zu realer sozialer Interaktion statt und ist Teil der Alltagserfahrungen der Zuschauer (vgl. Horton & Wohl, 1956, S. 202). Demnach ist parasoziale Interaktion keine Außergewöhnlichkeit im Rezipientenverhalten, sondern als normales soziales Handeln der Zuschauer und Zuschauerinnen anzusehen. Lediglich übertriebene Ausprägungen, die kompensatorischen Charakter zu sozialen Beziehungen haben, werden als pathologisch bezeichnet (vgl. Horton & Wohl, 1956, S. 196). Dieser defizitäre Ausgleich sozialer Beziehungen ist in der parasozialen Interaktion aber nicht gewünscht. Parasoziale Interaktionen biete dem Rezipienten allenfalls die Möglichkeit, sich spielerisch, ohne die Risiken eines Misserfolges, mit Rollenerwartungen auseinander zu setzen, um so Alltagssituationen in idealisierter Weise durchspielen zu können (vgl. Horton & Wohl, 1956, S. 194).

2.3 Parasoziale Beziehung als Konsequenz parasozialer Interaktionen

Die Bedeutung des Begriffs „parasozial“ lässt sich bei der Betrachtung der Vorsilbe näher erklären. „para“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „bei“, „entlang“, „neben“, als Präfix gebraucht „nahe stehend“, „ähnlich“ oder „von der Norm abweichend“ (vgl. Brockhaus, 2001). Der Begriff „parasozial“ kann in der Verbindung mit dem Begriff „Beziehung“ somit als ein „ähnliches“ Verhalten gegenüber realen, interpersonalen Beziehungen eingestuft werden, von denen es sich aber durch die Medialität und den kommunikativen Rahmen grundlegend unterscheidet (vgl. Keppler, 1996, S. 16f).

Nach Gleich (1997) haben Zuschauer und Fernsehakteur eine dynamische Beziehung, in der sie in der parasozialen Interaktion gegenseitig aufeinander bezogen sind. Diese Beziehung zeichnet sich durch ihre Veränderung in Qualität und Intensität aus (vgl. S. 73). In Abgrenzung zu realen interpersonalen Beziehungen wird dementsprechend der Begriff „parasoziale Beziehung“ verwendet. Sie ist eine über die aktuelle Rezeptionssituation hinausgehende Bindung zwischen den Zuschauern und Zuschauerinnen und den Figuren im Fernsehen (vgl. Visscher & Vorderer, 1998, S. 453). Ausschließlich die unmittelbare, während der Rezeption stattfindende Begegnung zwischen Rezipient und Medienfigur ist parasoziale Interaktion, jede über die eine Begegnung hinausgehende Bindung des Zuschauers an eine Figur ist eine parasoziale Beziehung. Sie ähneln realen sozialen Beziehungen darin, dass sie einen Anfang, einen Verlauf und eine mögliches Ende haben. Häufige parasoziale Interaktionen führen zu parasozialen Beziehungen, die Prozesscharakter haben und dynamischen Veränderungsprozessen unterliegen (vgl. Gleich, 1997, S. 73). Diese Wechselwirkung zwischen parasozialen Interaktionen und Beziehungen bezeichnet Gleich (1997, S. 73) als einen „Kreisprozess“. Nach dem ersten Kontakt zwischen Zuschauer und Fernsehfigur finden fortlaufend parasoziale Interaktionen statt, deren Ergebnis eine parasoziale Beziehungskonstellation darstellt. In diesem Prozess wird der aktuelle Zustand einer parasozialen Beziehung einerseits als Ergebnis vorheriger Beziehungen gesehen, aber gleichzeitig auch ihr Einfluss auf folgende parasoziale Interaktionsprozesse. Die kognitiven und sozioemotionalen Prozesse parasozialer Interaktionen führen dabei zu einer spezifischen Qualität und Intensität einer entsprechenden parasozialen Beziehung. Diese wirkt sich dann ebenfalls auf die nachfolgenden Prozesse parasozialer Interaktion aus (vgl. Gleich, 1996, S. 118ff; Gleich, 1997, S. 73).

In der Rezeptionssituation sollen Kommunikationsbedürfnisse des Zuschauers in parasozialen Interaktionen befriedigt werden. Indem der Zuschauer sich mit dem Kommunikationsinhalt interaktiv auseinandersetzt, ergibt sich dessen Bedeutung. Der Zuschauer und die Zuschauerin setzt sich selbst individuell in Beziehung zum Medieninhalt, wobei die Fernsehfiguren die tragende Bedeutung haben. Macht der Rezipient in der interaktiven Auseinandersetzung mit den Fernsehfiguren positive, angenehme Erfahrungen, ist die Chance seiner Bedürfnisbefriedigung hoch und es stellt sich eine positive Beziehung zwischen Rezipient und Fernsehfigur ein (vgl. Gleich, 1996, S. 117f). Fernsehfiguren liefern neben der jeweiligen Information auch Unterhaltung und Ablenkung. Gratifikationen entstehen somit einerseits durch eine inhaltliche Information, eine Nachricht, die das Wissen des Zuschauers erweitert oder auch durch eine Geschichte, die anregend oder spannend ist. Gleichzeitig ergeben sich zum anderen Gratifikationen aus dem Beziehungsaspekt und im Zusammenhang damit aus der parasozialen Interaktion. Somit entstehen Gratifikationen sowohl aus dem Inhalts- als auch aus dem Beziehungsaspekt[3] (vgl. Gleich, 1996, S. 116f; vgl. Gleich, 1997, S. 65ff). Positive Bedürfnisbefriedigungen zeigen sich aber auch in der positiven Veränderung des subjektiven Bildes des Rezipienten gegenüber der Fernsehfigur, welches sich dementsprechend proportional verändert. Dies bildet die Erwartungsgrundlage für zukünftige Gratifikationen und somit weitere parasoziale Interaktionen (vgl. Gleich, 1996, S. 119).

Aus dieser Kette von Interaktionen bilden sich Beziehungen, die Wulff (1992) als „Interpretation des Gegenübers mit Blick auf das eigene Selbst“ (S. 286) beschreibt und sich aus dem Blickwinkel des Rezipienten entwickeln. Die Beobachtung der Fernsehfigur, die Interpretation der äußeren Erscheinung, der Stimme und der Gesten sowie der typischen Verhaltensweisen sind die Punkte, aus denen Beziehungen gewonnen werden. Diese „Beziehungsdefinitionen“ (Gleich, 1997, S. 72) bilden sich unweigerlich in der alltäglichen Praxis und übertragen sich auf die sozialen Erfahrungen mit Fernsehfiguren (vgl. Gleich, 1997, S. 71f).

Soziale Beziehungen haben als Basis den Kontakt zum Gegenüber und die Kommunikation, die an Intensität sowie Art und Weise variieren kann und somit die Beziehung prägen (vgl. Bierhoff 2016). Zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln sich damit auf der Basis sozialer Interaktionen. Begreift man Medienkommunikation im Sinne von Horton und Wohl als parasoziale Interaktion, so ist evident, dass sich darüber Bindungen zwischen Medienrezipient und Medienfigur entwickeln, die sich durch den Aufbau beständiger Rituale festigen und intensivieren können (vgl. Wegener, 2008, S. 294ff). Nachfolgend wird dementsprechend noch auf das Ritual der Fernsehnutzung eingegangen.

[...]


[1] Hiermit ist z.B. ein Lächeln gemeint, ein Zuwenden zum Zuschauer oder der Blickkontakt.

[2] Die Figur wird z.B. durch Nahaufnahmen und bestimmte Kameraeinstellungen fokussiert. Spezielle Bildausschnitte fördern ebenfalls die Illusion der Intimität und Realität.

[3] Hierin erklärt sich auch, dass identische Sendungen oder Showkonzepte vom Publikum unterschiedlich beurteilt werden, wenn sie von verschiedenen Moderatoren präsentiert werden.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen. Die Daily-Soap "Gute Zeiten – Schlechte Zeiten"
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V414066
ISBN (eBook)
9783668646742
ISBN (Buch)
9783668646759
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
parasoziale, interaktion, beziehungen, daily-soap, gute, zeiten, schlechte
Arbeit zitieren
Kirsty Wegener (Autor), 2016, Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen. Die Daily-Soap "Gute Zeiten – Schlechte Zeiten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414066

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