Geschwisterkonflikte. Pädagogische Fragen an das Erziehungsverhalten der Eltern als Einflussvariable


Bachelorarbeit, 2015
39 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Fragestellung

3. Methoden

4. Quellen

5. Begriffserklärungen
5.1 Geschwisterbeziehung
5.2 Konflikt

6. Die Geschwisterbeziehung
6.1 Einflussfaktoren auf die Geschwisterbeziehung
6.1.1 Die Position in der Geschwisterreihe
6.1.2 Die Geschwisteranzahl
6.1.3 Der Altersabstand
6.1.4 Das Geschlecht der Geschwister
6.2 Geschwister als Vorbilder und Identifikationsobjekte
6.3 Freunde, Vertraute, Trostspender
6.4 Rivalität und Eifersucht

7. Geschwisterkonflikt
7.1 Formen des Konflikts
7.2 Funktionen von Konflikten
7.3. Möglichkeiten der Konfliktbegegnung

8. Ansätze zur Konfliktlösung unter Geschwistern
8.1 Präventionsmöglichkeiten der Eltern
8.2 Interventionsmöglichkeiten der Eltern

9. Lernfeld Geschwister

10. Ergebnisse und Diskussion der Ergebnisse

11. Zusammenfassung

12. Literaturverzeichnis
12.1 Internetquellen

Abstract

Diese Arbeit setzt sich mit dem Konfliktverhalten von Geschwistern im Kindesalter aus pädagogischer Sicht auseinander und beleuchtet näher, welchen Einfluss dabei das Erziehungsverhalten der Eltern auf die Qualität der Geschwisterbeziehung hat.

Es wird ein kurzer Überblick der Einflussfaktoren auf die Qualität der Geschwisterbeziehung gegeben. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit sind noch die Präventionsmöglichkeiten der Eltern, um Geschwisterkonflikte erst gar nicht aufkommen zu lassen, aber auch Interven- tionsmöglichkeiten der Eltern, falls die Rivalitäten und Konflikte unter den Geschwistern ein bestimmtes Maß übersteigen und somit eine erhebliche Belastung für das Familiensystem darstellen.

1. Einleitung

Die Geschwisterbeziehung ist die am längsten, mögliche, bestehende Beziehung zwischen zwei Menschen (vgl. Bedford, 1993, S. 124). Wie alle Beziehungen ist sie geprägt durch am- bivalente Gefühle wie Liebe und Abneigung. Aber auch Eifersucht und Rivalität spielen eine entscheidende Rolle. Bereits seit mehreren Hundert Jahren beschäftigt diese besondere Be- ziehung die Menschheit. Schon in Märchen, wie zum Beispiel „Aschenputtel“ von Charles Perraults, beziehungsweise im deutschsprachigen Raum verbreitet durch die Gebrüder Grimm, aber auch in der Bibel findet man durch die Erzählung von Kain und Abel bereits das ambivalente Themenfeld der Geschwisterbeziehung wieder (vgl. Frick, 2009, S. 19-20).

Setzt man sich mit der Literatur und der empirischen Forschung über die Geschwisterbezie- hung auseinander, so stellt man schnell fest, dass die Qualität der Geschwisterbeziehung nicht nur durch die Geschwisterkinder beeinflusst wird, sondern auch die Eltern einen enorm wichtigen Einflussfaktor auf die Beziehung ausüben. Zum einen wirken diese direkt durch ihr Verhalten auf die Qualität der Geschwisterbeziehung ein, wie zum Beispiel durch die Inter- vention in einen Geschwisterkonflikt. Zum anderen gibt es aber auch eine große Anzahl von unbewussten Verhaltensweisen der Eltern, die Einfluss auf die Beziehung haben. Ein Beispiel hierfür ist die Identifikation der Eltern mit einer eigenen Geschwisterposition.

Kommt es zur Geburt eines neuen Geschwisters, entstehen einige Veränderungsprozesse im Familiensystem. Nicht immer gelingt es aber, alle Familienmitglieder in dieses neue System zu integrieren. In diesem Fall, droht dieser Konflikt das Familiensystem zu schwächen, bezie- hungsweise sogar zu zerstören (vgl. Lohaus, Vierhaus & Maass, 2013, S. 201-202). Damit es nicht so weit kommt, sollte vorzeitig die Hilfe von PädagogInnen in Anspruch genommen werden. Zu den Tätigkeitsbereichen von PädagogInnen gehören unter anderem das Unter- stützen und Beraten einzelner Personen, Gruppen oder Familien bei der Bewältigung von sozialen Problemen, Konflikten und in schwierigen Lebenssituationen. Da Beziehungen zwi- schen Menschen grundsätzlich in vielerlei Hinsicht konfliktreich sind, verbringen PädagogIn- nen einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit dem Bearbeiten von Konflikten (vgl. Herrmann, 2006, S. 27). Hierzu zählt nicht nur das Lösen von bereits entstandenen Konflikten, sondern auch die Intervention und Prävention von diesen. Daher möchte ich mich in dieser Arbeit mit den Konfliktverhalten von Geschwistern im Kindesalter aus pädagogischer Sicht auseinan- dersetzen und näher beleuchten, welchen Einfluss dabei das Erziehungsverhalten der Eltern auf die Qualität der Geschwisterbeziehung hat. Näher eingehen möchte ich dabei auf das Lernfeld der Geschwister und die verschieden Präventions- und Interventionsmöglichkeiten seitens der Eltern.

2. Fragestellung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema des Geschwisterkonflikts beziehungsweise mit pädagogischen Fragen an das Erziehungsverhalten der Eltern als Einflussvariable darauf.

Wie schon in der Einleitung beschrieben, verbringen PädagogInnen einen Großteil ihrer Ar- beitszeit mit dem Bearbeiten von Konflikten. Sie unterstützen und beraten Personen, Grup- pen oder Familien bei der Bewältigung schwieriger, konfliktreicher Lebensphasen. Aber nicht nur das Lösen von bereits entstandenen Konflikten, sondern auch die richtige Intervention oder sogar Prävention von Konflikten gehört ebenfalls zum Tätigkeitsfeld von PädagogInnen (vgl. Herrmann, 2006, S. 27).

PädagogInnen haben zur Konfliktlösung einen Zugang, der auf Hilfe, Unterstützung und Vermittlung abzielt. Es wird versucht Konflikte als Lern- und Entwicklungspotenzial für alle Beteiligten anzusehen, deshalb erscheint ein beteiligungs- und aushandlungsorientierter Umgang mit den Betroffenen als sinnvoll. Ein wichtiger Aspekt ist, dass ganzheitlich, metho- disch offen und flexibel gearbeitet wird. Hierfür ist es sinnvoll nicht nur Sachaspekte (wie zum Beispiel den juristischen Zugang) zu beachten, sondern auch emotionale Aspekte, Be- ziehungsaspekte und auch Aspekte des lebensweltlichen Kontext. Je nach Art des Konfliktes kann auch eine Kooperation mit anderen ExpertInnen, wie Polizei, Justiz und PsychologIn- nen, notwendig werden. Wichtig ist hierbei, die eigenen rechtlichen und fachlichen Grenzen zu beachten (vgl. Herrmann, 2006, S. 49).

In dieser Arbeit befasse ich mich mit den pädagogischen Fragen an das Erziehungsverhalten der Eltern als Einflussvariable auf das Konfliktverhalten von Geschwistern beziehungsweise die Auswirkung auf die Qualität der Geschwisterbeziehung im Kindesalter. Es wird dabei auch auf verschiedene Präventions- und Interventionsmöglichkeiten der Eltern eingegangen.

In mehreren wissenschaftlichen Studien wurde untersucht welche Faktoren Einfluss auf die Qualität einer Geschwisterbeziehung haben. Zum Einen wird hier vielfach das Temperament der Kinder genannt. So ist mit einem erhöhten Konfliktpotenzial in der Geschwisterbezie- hung zu rechnen, wenn mindestens ein Kind ein schwieriges Temperament besitzt und in einem hohen Maß emotional reagiert (vgl. Dunn & Plomin, 1996, S. 89). Zum Anderen, und für diese Arbeit der wichtigere Aspekt, ist das Verhalten der Eltern ausschlaggebend. Ver- gleicht man verschiedene Studien, so ist ein autoritativer Erziehungsstil zusammen mit einer sicheren Eltern-Kind-Bindung eine positive Voraussetzung für eine gute Interaktion zwischen den Geschwisterkindern (vgl. Hetherington, 1987, S. 93). Ein negativer oder vernachlässi- gender Erziehungsstil wird hingegen mit einer negativen Interaktion zwischen den Geschwis- terkindern in Beziehung gebracht. (vgl. Howe, Aquan-Assee & Bukowski, 2001, S.222). Laut der „Spill-over-Hypothese“ kann auch die schlechte Qualität der Elternbeziehung auf die Geschwisterbeziehung „überschwappen“. Es spiegeln sich also die elterlichen Konflikte auch in der Beziehung der Geschwister wider (vgl. Lohaus, Vierhaus & Maass, 2013, S. 201). In einer Längsschnittstudie konnten Stocker, Burwell und Briggs (2002) nachweisen, dass Ge- schwisterkonflikte im Alter von 10 Jahren Ängstlichkeit, depressive Symptome und Delin- quenz 2 Jahre später vorhersagen konnten. Die Ergebnisse der Studie weisen auf eine exklu- sive und kausale Bedeutsamkeit von negativen Geschwisterbeziehungen hin. Diese Vorher- sage ist nämlich genauer als die Vorhersage durch elterliche Konflikte oder harsche Erzie- hungspraktiken der Eltern (vgl. Lohaus, Vierhaus & Maass, 2013, S. 201).

Dennoch sind Konflikte und Rivalitäten unter Geschwistern im Kindesalter normal und kön- nen wichtige Funktionen für das Zusammenleben erfüllen. Durch zu viele elterliche Interven- tionen können sich die Konflikte unter den Geschwistern verschärfen und erhöhen, da die Eltern verhindern, dass die Geschwisterkinder selbst lernen ihre Konflikte zu lösen. Steigen diese Konflikte über ein bestimmtes Maß hinaus, so kann dies zur Belastung für das gesamte Familiensystem werden (vgl. Lohaus, Vierhaus & Maass, 2013, S. 201-202). Bevor es soweit kommt, sollte hier schon präventiv das Gespräch mit PädagogInnen stattfinden.

Allerdings wenden sich Betroffene oft erst an Dritte, wenn das Problem schon weiter fortge- schritten ist und es eine Belastung für alle Betroffenen darstellt. Wird nun Hilfe durch eine Beratungsstelle angenommen, wird häufig festgestellt, dass zentrale Familienaufgaben un- angemessen gelöst wurden (vgl. Lohaus, Vierhaus & Maass, 2013, S. 201-202). Oft stehen solche Gründe direkt in Verbindung mit der Ankunft eines weiteren Kindes. Beispielsweise reduziert sich der partnerschaftliche Austausch oder übernimmt der Vater eine zentrale Rol- le als Bezugsperson für die älteren Geschwister, während sich die Mutter um das Neugebo- rene kümmert. Für einen kurzen Zeitraum ist diese Aufteilung in zwei Eltern-Kind-Dyaden in

Ordnung, allerdings sollte es zu keinem Dauerzustand werden. Die zwei Eltern-Kind-Dyaden sollten im Idealfall durch individuelle Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitglie- dern abgelöst werden. Am besten ist jedoch, sie gar nicht erst aufkommen zu lassen, son- dern die älteren Geschwister in den Alltag mit dem Neuankömmling zu integrieren. Förder- lich für eine prosoziale Orientierung zwischen den Geschwistern ist eine gute Beziehung der älteren Geschwister sowohl zur Mutter als auch zum Vater (vgl. Frick, 2014, S. 47).

Die Ankunft eines neuen Familienmitgliedes stellt immer ein großes Ereignis für alle Betroffenen da. Es zeigt sich auch hier, dass Vorbereitungskurse für Eltern und Kinder für die Geburt eines neuen Familienmitgliedes in der Regel einen positiven Einfluss auf die Geschwisterbeziehung haben (vgl. Frick, 2014, S. 47).

Geschwisterkonflikte stellen somit ein breites Arbeitsfeld für PädagogInnen da. Aber auch Eltern spielen hierbei eine wichtige Rolle und sollten deshalb Hilfe von ExpertInnen in Anspruch nehmen. Die Arbeit von PädagogInnen setzt hier schon vor der Geburt eines weiteren Kindes ein und kann bis in das Jugendalter, wo Geschwisterkonflikte meist abnehmen andauern (vgl. Frick, 2014, S. 161).

3. Methoden

Sandberg (2012, S. 63) unterscheidet zwischen literaturzentrierten („theoretischen“) und empirischen Arbeiten. Bei beiden Arten erfolgt zunächst eine umfassende Recherche, Zu- sammenfassung und Gegenüberstellung der Theoriegrundlagen. Während sich danach die empirische Arbeit auf das systematische Erheben, Darstellen, Auswerten und Interpretieren quantitativer und qualitativer Daten konzentriert, legt die literaturzentrierte Arbeit ihr Hauptaugenmerk vor allem auf das Gegenüberstellen und Diskutieren von Theoriekonzep- ten. Die verschiedenen Theorien bilden nicht nur Grundlage für weitere Untersuchungen, sondern sind Analysegegenstand selbst (vgl. Sandberg, 2012, S. 63). Anzumerken ist dabei, dass es sich nicht um das Zusammenfassen mehrerer Theorien handelt, sondern um das Dis- kutieren, Vergleichen, Interpretieren und Suchen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der verschiedenen Ansätze (vgl. Sandberg, 2012, S. 64). Da diese Arbeit keine neuen Daten erhebt, sondern versucht neue Erkenntnisse durch die Gegenüberstellung verschiedener wissenschaftlicher Quellen zu gewinnen, handelt es sich hierbei um eine theoretische (oder auch literaturzentrierte) Arbeit.

Für die Literaturrecherche wurden vor allem die Datenbanken „Wiley Online Library“ bezie- hungsweise „Child Development“ und „Fachportal Pädagogik“ verwendet. Aber auch auf der Homepage der Universitätsbibliothek „Unikat-Online“ wurde nach geeigneten Quellen ge- sucht. Zudem wurden auch die Universitätsbibliothek und die Fachbibliothek für Erzie- hungswissenschaften des Öfteren persönlich aufgesucht. Als Suchbegriffe wurden unter an- derem „Geschwisterbeziehung“, „Geschwisterrivalität“, und „Geschwisterkonflikt“ verwen- det. Da es zu wenig relevante deutschsprachige Literatur zu diesem Thema gab, wurde auch englischsprachige Literatur verwendet. Hierfür standen Suchbegriffe wie „sibling rivalry“, „sibling conflict behaviour“ oder auch „sibling disputes“. Es wurde versucht, möglichst aktu- elle Studien zu finden und deshalb wurden im Nachhinein ältere Studien beziehungsweise ältere Literatur aussortiert. Im Anschluss an die (und auch während der) Literaturrecherche wurde eine geeignete Forschungsfrage ausgewählt, dies geschah durch die Auswahl von ver- schiedenen wissenschaftlichen Studien bezüglich des Elternverhaltens als Einfluss auf die Geschwisterbeziehung. Im Anschluss wurden die für relevant empfundenen wissenschaftli- chen Studien miteinander verglichen und Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede gegenübergestellt. Dieser Schritt war nötig, um Erkenntnisse über das vorliegende Material zu erhalten und somit eine Beantwortung für die Fragestellung aus der pädagogischen Such- perspektive zu ermöglichen. Nachdem nun noch ein grober Überblick erstellt wurde, wurde abschließend diese Arbeit verfasst.

4. Quellen

Beschäftigt man sich etwas genauer mit der wissenschaftlichen Literatur über Geschwister- beziehungen, so stellt man schnell fest, dass in den Quellenangaben oft der Name Hartmut Kasten aufscheint. Prof. Dr. habil. Hartmut Kasten, Dipl.-psych., Pädagoge M.A ist tätig am Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg und an der Fakultät für Psy- chologie und Pädagogik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München (vgl. Kasten, 2003, S. 5). Er ist Entwicklungspsychologe, Frühpädagoge und Familienforscher, Sachver- ständiger für Fragen der Familienpsychologie, Entwicklungspsychologie und Pädagogischen Psychologie. Und außerdem ist er Buchautor. Seine Literatur beschäftigt sich vor allem mit den Themen Geschwister, Einzelkinder, Geschlechtsrollenentwicklung und -erziehung (vgl. Kasten, 2016, S. 1). Aus diesen genannten Gründen, schien es mir sinnvoll, sein Buch „Ge- schwister - Vorbilder, Rivalen, Vertraute“ als Literatur für die Grundlagen dieser Arbeit zu verwenden. In diesem Buch beschreibt Kasten die unterschiedlichen Ursachen, weshalb Geschwisterbeziehungen so ambivalent sein können.

Als weitere wichtige Quelle für diese Arbeit, die außerdem noch oft in diversen Unterlagen zu Geschwisterbeziehungen genannt wird, ist Prof. Dr. phil., Psychologe FSP Jürg Frick. Nach langjähriger Lehrtätigkeit in verschiedenen Schulstufen und in der Vorschul- und VolksschullehrerInnen-Ausbildung, ist er seit 2002 Dozent und Berater an der Pädagogi- schen Hochschule Zürich. Auch mehrere Bücher und Fachartikel von ihm wurden schon ver- öffentlicht. Seine Schwerpunkte liegen in der Entwicklungspsychologie, Resilienz, Geschwis- terpsychologie, Beratungspsychologie, Klinische Psychologie (speziell Depression und Suizid), Psychologie der Verwöhnung, Psychologie der Ermutigung und Umgang mit Belastung und Überlastung im Lehrberuf (vgl. Frick, 2016, S. 1). Für diese Arbeit relevant war vor allem sein Buch „Ich mag dich - du nervst mich!“. In das Buch ließ Frick nicht nur viel Fachliteratur ein- fließen, sondern schreibt auch oft über seine persönliche langjährige Erfahrung aus psycho- logischen Beratungen und Kursen, Vorlesungen und Seminaren aber auch aus Supervisions- gruppen mit Lehrkräften (vgl. Frick, 2014, S. 13). Für die wissenschaftliche Arbeit ist dies zwar nicht relevant, aber für das Verstehen diverser Theorien kann es sehr hilfreich sein. Es wird so auch ein Einblick in den Alltag von ExpertInnen gewährt. Grundsätzlich handelt die- ses Buch ebenfalls von der Geschwisterbeziehung und wie der Titel „Ich mag dich - du nervst mich!“ schon verrät, wird die Ambivalenz dieser Beziehung in den Vordergrund gestellt. Aber auch die vielen Einflussfaktoren auf die Geschwisterbeziehung, wie zum Beispiel die Eltern, werden in dem Buch ausführlich berücksichtigt.

Damit die pädagogische Seite der Arbeit verdeutlicht werden kann, ist auch das Buch „Konfliktarbeit - Theorie und Methodik Sozialer Arbeit in Konflikten“ von Franz Herrmann sehr hilfreich. Hier werden die Konflikte aus pädagogischer Sicht dargestellt und auch auf das Arbeitsfeld von SozialpädagogInnen wird eingegangen.

Nachdem mehrmaligen Durchsuchen der Universitätsbibliothek und der Fachbibliothek für Erziehungswissenschaften, sowie auch der Homepage der Universitätsbibliothek „Unikat- Online“ und diverser deutschsprachiger Datenbanken, wurde festgestellt, dass kaum deutschsprachige Studien zum Thema Geschwisterkonflikte beziehungsweise das Einfluss- verhalten der Eltern darauf zu finden sind. Deshalb wurde die Literatur auf englischsprachige Datenbanken, wie „Wiley Online Library“ beziehungsweise „Child Development“ ausgewei- tet. Hier wurden unter anderem die Studien „Training Parents to Mediate Sibling Disputes Affects Children’s Negotiation and Conflict Understanding“ von Julie Smith und Hildy Ross von der University of Waterloo und „Parent and Sibling Influences on the Quality of Children’s Conflict Behaviours across the Preschool Period“ von Michal Perlman, Daniel A. Garfinkel und Sheri L. Turrell von der University of Toronto ausgewählt.

In der ersten Studie von Smith und Ross wurden die Auswirkungen einer Ausbildung der Eltern im Bereich Mediation auf die Geschwisterkonflikte untersucht. Es hat sich herausgestellt, dass so eine Ausbildung auch längerfristig eine positive Auswirkung auf die Geschwisterkonflikte hat. Die zweite Studie von Perlman, Garfinkel und Turrell von der University of Toronto untersucht im Gegensatz zu anderen Studien nicht nur, ob die Intervention der Eltern einen Einfluss auf das Konfliktverhalten der Geschwisterkinder hat, sondern auch wie sich die unterschiedlichen Interventionsmöglichkeiten der Eltern auf das Konfliktverhalten der Kinder auswirken. Aus dem Grund, dass man hier zusätzliche wichtige Informationen gewinnt, habe ich mich für diese Studie in meiner Arbeit entschieden.

Natürlich wurden noch viele andere Quellen in dieser Arbeit berücksichtigt, jedoch nicht in so einem großen Ausmaß, wie die hier erwähnten. Sie sind aber im Literaturverzeichnis ver- merkt.

5. Begriffserklärungen

5.1 Geschwisterbeziehung

Der Begriff „Geschwister“ wird in den meisten Kulturen und Sprachgemeinschaften sehr eng definiert. Es werden damit jene Personen bezeichnet, die über eine zumindest teilweise identische genetische Erbausstattung verfügen. Sie haben somit dieselbe Mutter bezie- hungsweise denselben Vater, im Idealfall sogar dieselben Eltern. Weiters werden als „Ge- schwister“ aber auch Personen definiert, die ein spezifisches, kulturell bestimmtes Ver- wandtschaftsverhältnis zueinander aufweisen, also zum Beispiel auch Stiefgeschwister (vgl. Kasten, 2003, S. 22). In der folgenden Arbeit sind mit dem Begriff „Geschwister“ aber ledig- lich Kinder gemeint, die dieselben Eltern haben, also sowohl dieselbe Mutter als auch den- selben Vater. Grund hierfür ist, dass die verwendeten Geschwisterstudien nur leibliche Geschwister untersuchen.

5.2 Konflikt

Konflikt wird in dieser Arbeit definiert, als die Konfrontation von miteinander unvereinbaren Motiven, Einstellungen, Interessen, Handlungen oder auch Erwartungen (vgl. Betscher-Ott et al., 2014, S. 115). Er besteht aus den drei Elementen:

Unvereinbarkeiten zwischen den Konfliktbeteiligten, Beeinträchtigungen, die mindestens ein Beteiligter erlebt und eine soziale Interaktion zwischen den Beteiligten

In der Sozialen Arbeit wird der Begriff “Konflikt” noch um Situationen erweitert, die von den Elementen Unvereinbarkeit und Beeinträchtigungen in unterschiedlichster Art geprägt sind, jedoch noch keine soziale Interaktion dazu stattgefunden hat. Ein Beispiel hierfür wären widersprüchliche innere beziehungsweise äußere Erwartungen oder Anforderungen innerhalb eines Subjektes, sogenannte “innere Konflikte”. Faktoren wie diese, können Konflikte auslösen, wenn andere subjektive Faktoren hinzukommen, müssen diese aber nicht zwingend hervorrufen (vgl. Herrmann, 2006, S. 26).

6. Die Geschwisterbeziehung

Die Geschwisterbeziehung ist, die am längsten, mögliche, bestehende Beziehung zwischen zwei Menschen (vgl. Bedford, 1993, S. 124). Da man in diese Beziehung hineingeboren wird, kann man sie zwar „ausblenden“, jedoch nicht auflösen. Sie bleibt somit ein Leben lang be- stehen (vgl. Bedford, 1993, S. 124). Dadurch können Beziehungen zwischen Geschwistern sehr ambivalent sein und sich über die gesamte Lebensspanne hinweg verändern. Wie alle Beziehungen ist sie zum Einen geprägt durch Liebe und Zuneigung, zum Anderen durch Ab- neigung, Distanz und Rivalität (vgl. Kasten 2002, S. 126). Schon gegenüber dem ungeborenen Geschwisterkind kann das erstgeborene Kind sehr ambivalente Gefühle entwickeln. Deshalb ist es bereits in der Schwangerschaft wichtig, dass Eltern die Geschwister auf das bevorste- hende Ereignis vorbereiten und sie in die neuen Aufgaben und Aktivitäten einbinden (vgl. Lohaus, Vierhaus & Maass, 2013, S. 207). Gegebenenfalls kann hier schon präventiv ein Ge- spräch mit einem/r Pädagogen/in stattfinden, um frühzeitig eine gute Beziehung zwischen den Geschwisterkindern zu fördern.

Die Beziehung, welche Geschwister zueinander haben, befindet sich auf gleicher Ebene, sie ist also horizontal, symmetrisch. Ley (2001) spricht deshalb von einer „Horizontalsozialisie- rung“. Die Geschwisterkinder gehören zu einer besonderen Subgruppe (Kinder) im Familien- system. Sie haben in diesem Zusammenhang dieselben Vorrechte (z.B. Spielen, Lärmen) aber auch dieselben Einschränkungen (z.B. elterliche Regeln, Abhängigkeiten). Zwar kommt es manchmal auch zu einer klaren Hierarchie zwischen den Geschwistern, jedoch selten in dem Ausmaß, wie sie in der Eltern-Kind-Hierarchie zu finden ist (vgl. Frick, 2014, S.127-128).

Durch die Interaktion mit den Geschwistern lernt das Kind die Regeln des „Zusammenle- bens“ und die Fähigkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen, indem man mit den Re- aktionen anderer Menschen, eben der, der Brüder und Schwestern, umzugehen lernen muss (vgl. Hercog, 2012, S.10). Geschwister bieten ein langjähriges Lernfeld für zwischenmenschli- che Beziehungen. Die Erfahrungen mit Geschwistern in der Kindheit bilden die Basis für den Umgang mit Nähe und Vertrautheit, mit Konkurrenz und Ablehnung, mit Konflikten und Ver- söhnung.

6.1 Einflussfaktoren auf die Geschwisterbeziehung

Zwar gibt es relativ stabile Merkmale von Geschwisterbeziehungen, dennoch ist nicht jede Geschwisterbeziehung gleich. Es gibt eine große Anzahl von Faktoren die Einfluss auf die Geschwisterbeziehung haben. Beispiele hierfür sind strukturelle Merkmale wie Rangfolge und Konstellation in der Geschwisterreihe, der Altersabstand, die Geschwisteranzahl, das Geschlecht der Geschwister und noch einige mehr. Aber auch individuelle Eigenschaften der Kinder, die Eltern-Kind-Beziehung und die elterliche Paarbeziehung können die Geschwister- beziehung beeinflussen. Auf alle Faktoren einzugehen, würde den Rahmen dieser Arbeit übersteigen, deshalb werden hier nur kurz die bekanntesten Hypothesen näher erläutert.

6.1.1 Die Position in der Geschwisterreihe

Begründer der Geburtsrangplatzforschung ist Alfred Adler. Er nimmt an, dass mit einer be- stimmten Position in der Geschwisterreihe typische Erziehungs- und Sozialisationseinflüsse verbunden sind, die die Persönlichkeit des Kindes entscheidend formen (vgl. Ernst & Angst, 1983, S. 53). Ende der 1990er Jahre wurden Alfred Adlers Thesen durch den Wissenschafts- historiker Frank Sulloway, bestärkt. Er behauptete, dass der Platz in der Geburtenfolge für das Verhalten und den Werdegang eines Menschen entscheidender sei als Geschlecht, Gene,

Temperament oder soziales Milieu. Diese Theorie belegte er mit der Analyse von über 6.000 Lebensläufen berühmter Menschen, darunter unter anderem Kopernikus und Voltaire (vgl. Nitsch & Beil, 2007, S. 27). Diese Theorien werden heute nur noch begrenzt akzeptiert. Die Bedeutung der Position innerhalb der Geschwisterreihe konnte in einer Untersuchung von Ernst und Angst jedoch nicht bestätigt werden (vgl. Ernst & Angst, 1983, S. 83). Jürg Frick spricht hier von Tendenzen, die jedoch nicht verallgemeinert werden dürfen, da zwischen Familienmitgliedern dynamische Beziehungen bestehen (vgl. Frick, 2014, S. 104).

6.1.2 Die Geschwisteranzahl

Der deutsche Psychologe Arnold Langenmayr (1978) hat sich mit den Einflüssen der Ge- schwisteranzahl beschäftigt. Er untersuchte, ob die Tatsache, dass ein Kind Einzelkind ist oder ein, beziehungsweise mehrere Geschwister hat, stärker auf seine Entwicklung auswirkt als sein Geburtsrangplatz. Er geht davon aus, dass bestimmte konstante Merkmale wie z.B. die Geschwisteranzahl, einen Menschen auf bestimmte Weise beeinflussen und in seinem Verhalten und Erleben entscheidend prägen. (vgl. Kasten, 2003, S. 89). Bei einer geringen Kinderanzahl besteht die Gefahr, dass die Erwartungen der Eltern entweder als Druck, im Sinne von zu hohen, vielen und einseitigen Erwartungen, oder aber als Chance, im Sinne von optimaler Zuwendung und Förderung, empfunden werden. Familien mit mehreren Kindern hingegen bieten mehr Freiräume, da Zuwendung und Aufmerksamkeit „aufgeteilt“ werden müssen. Hier besteht aber die Gefahr zu wenig Beachtung zu finden (vgl. Frick, 1995, S. 15).

6.1.3 Der Altersabstand

Geschwister mit einem geringen Altersabstand (bis 3 Jahre) führen häufig eine engere, gefühlsintensivere Beziehung zueinander, als Geschwister mit größerem Altersabstand. Zurückzuführen lässt sich dies, dass altersmäßig benachbarte Geschwister entwicklungsbedingt ähnliche Interessen und Gemeinsamkeiten haben. Dadurch gibt es aber auch öfter Gründe zu Streiten. (vgl. Frick, 2014, S. 5; Kasten, 1993, S.49).

6.1.4 Das Geschlecht der Geschwister

Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass das Geschlecht der Geschwister unter ande- rem Persönlichkeitsmerkmale wie Geschlechtsrollenverhalten, Lernverhalten oder auch Kre- ativität beeinflussen kann. Kurz eingegangen werden soll, dass Mädchen, laut Hartmut Kas- ten, welche die Eigenschaften des weiblichen Rollenklischees besonders deutlich zeigen, häufig Einzelkinder sind oder ausschließlich weibliche Geschwister haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Geschwisterkonflikte. Pädagogische Fragen an das Erziehungsverhalten der Eltern als Einflussvariable
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
39
Katalognummer
V414208
ISBN (eBook)
9783668647626
ISBN (Buch)
9783668647633
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschwisterkonflikte, pädagogische, fragen, erziehungsverhalten, eltern, einflussvariable
Arbeit zitieren
Lisa Hacker (Autor), 2015, Geschwisterkonflikte. Pädagogische Fragen an das Erziehungsverhalten der Eltern als Einflussvariable, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414208

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