Interaktionen können nicht einfach abgebrochen werden. Daher sind Sprecher auf Beendigungsstrategien angewiesen, mit denen sich ein Gespräch sukzessive aber geordnet zu einem Abschluss führen lässt. Es sind solche Strategien, die die Gesprächsforschung seit ihrer Entstehung ausführlich beschrieben hat.
Diese Arbeit verwendet diese Analyseergebnisse als Basis für eine relevante Erweiterung des Themenkomplexes: die Beendigungsphase soll im Kontext der Beziehungspflege der Sprecher betrachtet werden. Dafür ist das Konzept der Gesichtswahrung zentral. Der Ansatz ist schon lange in der Pragmatik etabliert, kommt in der Konversationsanalyse allerdings kaum oder nur am Rande zum Einsatz. Das verwundert, ermöglicht die Untersuchung von „face work“, ein von Goffman geprägter Begriff, doch einen deutlich differenzierteren Blick auf Sprecheraktivitäten. Im Folgenden werden zunächst einige Arbeiten zur Gesprächsbeendigung und zur Gesichtswahrung zusammengefasst.
Es wird aufgezeigt, dass die Gesprächsbeendigung ein generell heikler Gesprächsabschnitt ist, der den Sprechern besondere Mühen abverlangt. Davon ausgehend soll anhand authentischer Sprachdaten gezeigt werden, welche konkreten Strategien, verbaler und nonverbaler Art, die Sprecher einsetzen, um eine Gesichtsgefährdung in der Abschlussphase zu vermeiden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungslage
3. Datenanalyse
4. Fazit
5. Quellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Strategien der Gesichtswahrung in der Gesprächsbeendigungsphase anhand authentischer Sprachdaten und beleuchtet dabei, wie Sprecher soziale Interaktionen trotz des heiklen Charakters eines Gesprächsabschlusses einvernehmlich gestalten.
- Analyse von Beendigungsstrategien im Kontext der Beziehungspflege
- Untersuchung von verbalen und nonverbalen Strategien zur Gesichtswahrung
- Betrachtung von "face work" in der Konversationsanalyse
- Analyse von Interaktionsprozessen in gesprächsbeendenden Sequenzen
- Fallbeispielbasierte Auswertung von Gesprächsdaten
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung von Face Work in der Gesprächsbeendigung
In konkreten Interaktionen können Sprecher aktiv an ihrem Gesicht arbeiten (face work). Prototypisches Beispiel ist die Ablehnung einer Einladung. Im Normalfall wird nicht einfach abgelehnt. Vielmehr folgt auf die Einladung ein längerer Turn, der Entschuldigungen und Rechtfertigungen enthält oder Bedauern ausdrückt. Face work geht oft mit erhöhtem Sprechaufwand einher. Sprecher können nicht nur auf ihr eigenes Gesicht, sondern auch auf das des Gesprächspartners positiv Einfluss nehmen, wie noch gezeigt wird.
Gesprächsbeendigungen sind von besonderer Brisanz, da sie grundsätzlich heikel, das heißt, gesichtsbedrohend sind (vgl. Coppock 2005: 2). Der Gesprächspartner, der die Beendigungsphase einleitet, hat entweder keine Zeit oder keine Lust, das Gespräch fortzuführen. Die Interaktion kann er oder sie jedoch nicht einfach abbrechen (vgl. Auer 2017: 40), da dies eine enorme Gesichtsbedrohung darstellen und darüber hinaus die Beziehung der Interlokutoren gefährden würde. Er muss face work betreiben und die Interaktion geordnet und unter bestmöglicher Wahrung seines Gesichts beenden.
Coppock (2005) betrachtet die bei Schlegloff & Sacks (1973) und Button (1991) genannten Wege der Gesprächsbeendigung unter dem Aspekt der Gesichtswahrung. Daraus leitet sie die Notwendigkeit bestimmter Höflichkeitsstrategien ab, die zur Abmilderung der grundsätzlich schwierigen Abschlussphase dienen. Dazu gehören laut Coppock (2005: 3-6) positive Kommentare (Es war schön, dich mal wieder zu sehen), Entschuldigungen (Ich muss leider wieder an die Arbeit), Entlastungen (Ich lasse dich besser wieder arbeiten), Zusammenfassungen (Es war wirklich eine tolle Party), Dank (Danke für den Anruf), zukünftige gemeinsame Pläne (Was machst du morgen nach der Schule?) und Wünsche (Schönen Nachmittag noch).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, dass Gesprächsbeendigungen ein heikler, gesichtsbedrohender Abschnitt sind, und stellt das Ziel der Arbeit vor, Strategien der Gesichtswahrung in diesem Kontext zu analysieren.
2. Forschungslage: Dieses Kapitel fasst theoretische Ansätze zur Gesprächsbeendigung zusammen, insbesondere "pre-closings" und "arrangements", und setzt diese in Bezug zum Konzept der Gesichtswahrung.
3. Datenanalyse: Hier wird anhand authentischer Gesprächsdaten zwischen zwei Freundinnen detailliert untersucht, welche verbalen und nonverbalen Strategien zur Gesichtswahrung eingesetzt werden, wenn eine Beendigungsabsicht auf eine Expansion stößt.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Gesichtswahrung in Beendigungsphasen eine zentrale Rolle spielt und durch schrittweises Aushandeln, humorvolle Elemente und räumliche Distanzierung gelingt, um ein einvernehmliches Ende zu erreichen.
5. Quellen: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Gesprächsbeendigung, Gesichtswahrung, Face Work, Konversationsanalyse, Höflichkeitsstrategien, Beziehungskommunikation, Interaktion, Beendigungsvorläufe, Nonverbale Kommunikation, Sprachdaten, Sozialwissenschaften, Kommunikationstheorie, Sequenzanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Strategien der Gesichtswahrung bei der Beendigung von Gesprächen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Bereiche Konversationsanalyse, das Konzept des "Face Work" nach Goffman sowie die Analyse von Höflichkeitsstrategien in der Abschlussphase einer Interaktion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sprecher trotz der potenziellen Gesichtsbedrohung bei einer Gesprächsbeendigung durch gezielte verbale und nonverbale Strategien ein einvernehmliches Ende erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet die Methode der Konversationsanalyse, um anhand von Transkripten authentischer Sprachdaten die Interaktionsprozesse in der Beendigungsphase zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert anhand mehrerer Fallbeispiele, wie Sprecher auf Beendigungsinitiativen reagieren, welche Rolle Expansionen spielen und wie durch Humor, Gesang oder körperliche Distanzierung Gesicht gewahrt wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gesprächsbeendigung, Gesichtswahrung, Face Work, Interaktion und Höflichkeitsstrategien.
Warum wird in den analysierten Beispielen gesungen?
Gesang fungiert hier als gesichtswahrende Strategie, um die situative Schwere der Beendigung abzumildern und die Verbundenheit zwischen den Gesprächspartnern rituell zu stärken.
Welche Rolle spielt die Körpersprache?
Die Körpersprache, wie das Packen eines Rucksacks oder der Blick auf die Uhr, dient als schrittweiser, nonverbaler Rückzug aus dem gemeinsamen Interaktionsraum und unterstützt die verbale Beendigungsabsicht.
Wie reagieren die Gesprächspartner auf eine verweigerte Beendigung?
Bei einer Verweigerung der Beendigungszustimmung kooperiert der Initiator weiter, handelt das neue Thema ab und versucht, durch weitere, oft knapper werdende Beiträge und körperliche Signale das Gespräch schrittweise zu beenden.
- Arbeit zitieren
- Erik Stahlhacke (Autor:in), 2018, Strategien der Gesichtswahrung bei Gesprächsbeendigungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414311