Die Verwendung von Tropen und Figuren der antiken Rhetorik anhand des Gedichtes 'Öfwer Werldens Fåfängligheter' von Johan Runius


Hausarbeit, 2004

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Tropen und Figuren in der antiken Lyrik

3. Tropen- und Figurenbeschreibung allgemein und bei Runius´ „Öfwer Werldens Fåfängligheter“
3.1 Tropen „Wendungen“
3.1.1 Grenzverschiebungstropen
3.1.1.1 Synekdoche „Andeutung“, „etwas mit erfassen“
3.1.1.2 Metonymie „Begriffstausch“
3.1.1.3 Periphrase „Umschreibung“
3.1.2 Sprungtropen
3.1.2.1 Metapher „Übertragung, Bild“
3.2 Figuren
3.2.1 Klangfiguren
3.2.1.1 Homoeoteleuton „Endungsgleichklang“
3.2.1.2 Binnenreim
3.2.1.3 Alliteration „Stabreim“
3.2.1.4 Assonanz
3.2.2 Beiordnungsfiguren
3.2.2.1 Polysyndeton „zusammengebunden“
3.2.2.2 Asyndeton „unverbunden“
3.2.2.3 Anapher
3.2.2.4 Chiasmus „Kreuzstellung“
3.2.2.5 Paralleslismus „Parallelstellung, gleichlaufend“
3.2.2.6 Hyperbaton „Sperrung, hinübersteigen“
3.2.2.7 Hendiadyoin “eins durch zwei”
3.2.3 Sinnfiguren
3.2.3.1 Oxymoron „scharfsinniger Unsinn“
3.2.3.2 Ellipse „Auslassung“
3.2.3.3 Paradoxon „Scheinwiderspruch“
3.2.4 Satzfiguren
3.2.4.1 Interrogatio „Rhetorische Frage“
3.2.4.2 Subiectio/Percontatio „Frage-Antwort-Spiel“
3.2.4.3 Personificatio „Personifizierung“

4. Schlusswort

5. „Öfwer Werldens Fåfängligheter“ von Johan Runius

1. Einleitung

Zur Zeit des Barocks (ca. 1600-1720) herrschte in Skandinavien eine hierarchisch strukturierte Ständegesellschaft. Und so wie die Gesellschaft sortiert war, hatte man das Bedürfnis auch alles andere zu sortieren. Dies hing mit der lutherischen Reformation zusammen, die das Bild einer von Gott wohlgeordneten Welt vermittelte[1]. Der Schwede Georg Stiernhielm, ein wichtiger Vertreter dieser Zeit, sagte: „Wo keine Form ist, dort ist kein wahres Sein.“ Alle Dichtung hatte rhetorisch-repräsentativen Charakter und war damit Ausdruck der göttlichen Weltordnung[2]. Häufige Themen waren „Eitelkeit der Welt“, Tod und Tugend. Häufige Lyrikformen waren das Kirch- und Gesellschaftslied, Gelegenheitsdichtung und politische Gedichte[3]. Die Literatur dieser Zeit ist höfisch-aristokratisch orientiert. Sie wird von einer exklusiven Gruppe des aufsteigenden Beamtenadels getragen[4]. Diese besah sich die eigene nationale Literatur und befand sie als mangelhaft. Alles bäuerlich-bürgerliche wurde als plump und kunstlos empfunden. „Der Poesie wird hier (Barock) die Aufgabe zugewiesen, alles Alltägliche zu übersteigen, sich in einsame Höhen der sprachlichen Kunst hinaufzuschwingen und so den Gipfelpunkt menschlichen Geistes zu markieren“[5].Man suchte nach höheren, edleren Formen für die Literatur in der eigenen Landessprache, die sich angemessen in die göttliche Weltordnung einfügen ließ und stieß auf die antike Rhetorik. Diese zeigte sich ihnen als wohl strukturiert und so übernahm man deren Formen und Einordnungen und übertrug sie auf die sich gerade neu entdeckende nationalsprachliche Literatur, die sich dadurch auch international mehr Geltung verschaffen wollte.

Mit einem Teil dieser Übertragung aus der Antike im Gedicht „Öfwer Werldens Fåfängligheter“ des schwedischen Barockdichters Johan Runius (1679-1713) wird sich diese Arbeit nun beschäftigen: Mit der Verwendung der antiken Tropen und Figuren. Da dieses Gedicht etliche davon enthält, halte ich es für exemplarisch für deren Verwendung in der skandinavischen Barockdichtung. Es werden gewiss nicht alle verwendeten in dieser Arbeit aufgezählt, doch wird ein Überblick über das breite Spektrum der Figuren und deren Funktionen in der antiken Rhetorik und übertragen auf das Gedicht gegeben.

2. Tropen und Figuren in der antiken Lyrik

In der Antike ist die Rhetorik eine wichtige, wenn auch umstrittene, Wissenschaft und Kunst. Die Poesie dagegen hat für die damaligen Gelehrten keinen autonomen Stellenwert. Jegliche Überlegungen zur Dichtung sind rhetorisch ausgerichtet[6]. Man sieht Rede, Prosa und Poesie als eine, vielseitige Kunst an. Doch ist man mit dieser Zuordnung nicht ganz zufrieden; Cicero fordert als erster uns überlieferter antiker Gelehrter eine Trennung von Redekunst und Dichtung, kann aber keine Trennungkriterien aufstellen. Quintilian unterscheidet, indem er postuliert, dass sich die Dichtung durch ihre weit größere Empfindungsfreiheit und ihre moralische Ungebundensein von der Wahrheit und anderem „Schmuck“ auszeichne[7]. Doch auch er sieht Rhetorik und Poesie als zwei Ausformungen derselben Kunst. Longin dagegen ist da konsequenter: In seiner Schrift „Vom Erhabenen“ beschreibt er den „Moment vollständiger Überwältigung durch den vorgetragenen (oder gelesenen) Text, der den Zuhörer (oder Leser) spontan überzeugt, kontrollierende Reflexionen außer Kurs setzt und sein Bewußtsein erhöht. Dies geschieht in der Redekunst wie in der Poesie und deshalb sind [...] beide Darbietungsweisen gleich zu behandeln“[8]. So wie Quintilian als Unterscheidung den „Schmuck“ aufführt, so nennt Longin als Gemeinsamkeit die emotionale Ansprache. Dies hängt folgendermaßen zusammen: Innerhalb der antiken Rhetorik ist die Lehre des Schmuckes (lat.: ornatus) ein bedeutsames Gebiet. Sie verkörpert das ästhetische Prinzip der sprachlichen Ausgestaltung (elecutio). Der Schmuck dient zur Erregung der Aufmerksamkeit (dem sog. „movere“, also bewegen) und verleiht der schöpferischen Botschaft ihre volle Wirkung[9]. Da die emotionale Ansprache des Lesers in der Auffassung der antiken Gelehrten ohne den Ornat nicht möglich ist, lässt sich Dichtung und Rhetorik in der römischen Antike nicht trennen. Diesen „erhabenen“ Formen der Dichtung wollen wir uns nun widmen. Man unterscheidet dabei zwischen Tropen und Figuren.

3. Tropen- und Figurenbeschreibung allgemein und bei Runius´ „Öfwer Werldens Fåfängligheter“

3.1 Tropen „Wendungen“

„Ein Tropus ist die kunstvolle Vertauschung der eigentlichen Bedeutung eines Wortes oder Ausdruckes mit einem anderen“ (Quintilian VIII 6,1)[10]. Die Tropen werden im Mittelalter auch „schwerer Schmuck“ (ornatus difficilis) genannt[11]. Ihre Funktion ist die Verfremdung, die somit zum „synthetischen Denken“ anregt[12]. Man unterscheidet zwei Arten von Tropen: Grenzverschiebungstropen und Sprungtropen.

3.1.1 Grenzverschiebungstropen

Wenn das Wort, dass ersetzt wird, zum gleichen Sinnbereich gehört wie das, das stattdessen verwendet wird.

3.1.1.1 Synekdoche „Andeutung“, „etwas mit erfassen“

„Die Synekdoche aber vermag Abwechlsung in die Rede zu bringen, so daß wir bei einem Ding an mehrere denken“ (Quintilian VIII 6,20). Ein weiterer oder engerer Begriff wird für einen engeren bzw. weiteren benutzt. Man unterscheidet dabei zwei Arten von Synekdochen: Ein einzelner Teil wird stellvertretend für die Gesamtheit benutzt (lat.: „pars pro toto“) Bsp.: Herd für Haus. Oder die Gesamtheit wird statt des Einzelnen benutzt (lat.: „genus pro specie“). Bsp.: „Er war nicht weit vom Feind getrennt“.

Bei Runius:

„Sköld och glafwen“ (Zeile 45 Schild und Lanze[13] ) stehen als pars pro toto ( als Teil des Ganzen) für die reiche, gewaltsam agierende Gesellschaftsschicht. Das Gegenbild folgt in Form von „Tigger-stafwen“ (Z47 Bettel-Stab). Die Werkzeuge stehen hier für diejenigen, die sie benutzen. „Gack til Skriften“ (Z41 Gehe zur Schrift) ist ein „genus pro specie“; hier steht der Gattungsbegriff „Schrift“ für die „heiligen Schrift“, also für die Bibel. Durch die Wahl dieses Tropus wird die Bibel als die Schrift an sich, als das wichtigste Geschriebene das existiert, dargestellt.

3.1.1.2 Metonymie „Begriffstausch“

Man benutzt dieses Mittel zur Abwechslung und zur Weckung von Assoziationen[14]. „Die Setzung einer Benennung für eine andere“ (Quintilian VIII 6,23). Also die Ersetzung des eigentliche Wortes durch ein anderes, das zu ihm in realer Beziehung steht. Bsp.: „Wunden abschießen“.

Bei Runius:

„Oden“ (Z31 Odin), der Stammvater der Nordmänner in der germanischen Mystik, steht für das kulturelle Zugehörigkeitsbewußtsein der Menschen. In der zweiten Strophe hebt der Ausdruck „purpur floden“ (Z30 purpurne Flut) das Wort „blod“ nochmals hervor. So wirkt es mystischer und bedeutungsvoller.

Eine weitere mystifizierende Metonymie ist „Adams länd“ (Z32 Adams Lende), welche als „Kiällan“ (Z32 Quelle) und damit als eigentliche Herkunft des Lebens genannt wird. Da Adam Stammvater aller Menschen ist, sind die gesellschaftlichen Hierarchien ohne wahre Bedeutung. Die Metonymie „Bacchi stat“ (Z67 Staat des Bacchus, Ü.d.A.) meint die, die dem Bacchus, dem griechischen Dionysos folgen, der Gott der sinnlichen Genüsse und vor allem des Weines war. Diese Andeutung der griechischen Mythologie lässt die Trunksucht als etwas vermeidlich Göttliches erscheinen, veredelt sozusagen den Begriff der Trunksucht. Runius verwendet die Metynomie sehr vielseitig; Er erzeugt durch sie mystische Konnotationen, bringt die christliche und griechische Mythologie mit ein, weckt eine düstere Stimmung und benutzt sie als Schimpfworte.

[...]


[1] Friese 2003.

[2] Friese 2003.

[3] Friese 1999 S.10.

[4] Metzler 1990.

[5] Petersen 2000 S.36.

[6] Petersen 2000 S.20.

[7] Petersen 2000 S.20.

[8] Petersen 2000 S.21.

[9] Richter-Reichhelm 1988 S.4.

[10] Jegliche Zitate Quintilians sind übersetzt von Helmut Rahn. Rahn, Helmut (Hrsg): Marcus Fabius Quintilian. Ausbildung des Redners. Zweiter Teil. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt, 1975.

[11] Plett, F.Heinrich: Einführung in die rhetorische Textanalyse. 2. durchgesehene Auflage. Helmut Buske Verlag. Hamburg, 1973. S.26. Im weiteren unter Plett 1973.

[12] Plett 1973 S.70

[13] Die deutschen Übersetzungen aus dem Schwedischen sind jeweils, wenn nicht durch „Ü.d.A.“ (Übersetzung der Autorin) vermerkt, von Wilhelm Friese, die Literaturangabe zur Quelle findet sich in der Bibliografie unter Friese 2003.

[14] Richter-Reichhelm, Joachim: comendium scholare troporum et figurarum. Schmuckformen literarischer Rhetorik. Systematik und Funktion der wichtigsten Figuren und Tropen. Verlag Moritz Diesterweg. Frankfurt am Main, 1988. S.14. Im weiteren unter Richter-Reichhelm 1988.

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Details

Titel
Die Verwendung von Tropen und Figuren der antiken Rhetorik anhand des Gedichtes 'Öfwer Werldens Fåfängligheter' von Johan Runius
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V41432
ISBN (eBook)
9783638396967
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit untersucht die Verwendung der klassischen rhetorischen Figuren anhand eines Barockgedichtes eines skandinavischen Autors.
Schlagworte
Verwendung, Tropen, Figuren, Rhetorik, Gedichtes, Werldens, Fåfängligheter, Johan, Runius
Arbeit zitieren
Anja Steppacher (Autor), 2004, Die Verwendung von Tropen und Figuren der antiken Rhetorik anhand des Gedichtes 'Öfwer Werldens Fåfängligheter' von Johan Runius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41432

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