Textanalyse zur Theodor Storms "Immensee". Erinnerungsdiskurs und dessen poetologischer Funktion im Literatursystem des Realismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definitionen und Textanalyse

1. Historische Umstände

2. Der Realismus

3. Erinnerungsdiskurs

4. Semantische Räume
4.1 Definition
4.2 Natur
4.3 Kultur
4.4 Oben
4.5 Unten
4.6 Extremräume

5. Textanalyse
5.1 Elisabeth und Reinhardt – Grenzfiguren und ihre Konflikttilgung
5.2 So ist das Heute, so war das damals - Der Erinnerungsdiskurs und die Bedeutung der Vergangenheit

Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Rahmen dieser Arbeit behandelt der Verfasser das Werk Theodor Storms „Immensee“ unter dem Aspekt des in ihm angestellten Erinnerungsdiskurses und dessen poetologischer Funktion im Literatursystem des Realismus. Um eine Abhandlung des Werks unter diesem Gesichtspunkt möglich zu machen, müssen zu allererst einige Begrifflichkeiten geklärt werden, bevor der Text dementsprechend analysiert werden kann.

So beginnt der Verfasser damit, den Begriff Erinnerungsdiskurs zu definieren, um daraufhin die Rahmenbedingungen zu beleuchten, unter welchen „Immensee“ entstand. Hierzu zählen Informationen über den Autor, Theodor Storm, über die Literaturgattung Novelle und die historischen Umstände, welche nicht unmaßgeblich zur Formung des behandelten Textes beigetragen haben sowie die Definition des literarischen Realismus. Ebenfalls werden die Figuren des Werkes, deren Beziehung zueinander und die literarischen Eigenschaften behandelt. Das bedeutet, die Kategorisierung der Erzählzeit sowie der erzählten Zeit und die Ausarbeitung der sich gegenüberstehenden semantischen Räume, auf deren Grundlage sich die Ereignisbildung gründet.

Durch die vorangestellte Aufführung des „Handwerkszeuges“, nach deren Richtlinien diese Textanalyse erarbeitet wurde, verzichtet der Verfasser darauf, während des Analyseteils erneut eben jene einzugehen, da er diese durch die vorangehende Nennung als bekannt voraussetzt. Diesem System liegt die Idee zu Grunde, nicht wegen ständiger Unterbrechungen durch eingeschobene Erklärungen den Lesefluss negativ zu beeinflussen.

II. Definitionen und Textanalyse

1. Historische Umstände

Nachdem „jeder Text in einer konkreten historischen Situation produziert (und rezipiert) wird, ergibt sich (…), dass ein Text Dokument seiner Zeit (…) ist.“ (Krah 2006, S. 46) Das bedeutet nichts anderes, als, dass ein Text immer gesellschaftliche und politische Themen seines Kulturraums behandelt und unter deren Einfluss entstand. Dieser wichtige Aspekt darf keinesfalls außer Acht gelassen werden, versucht doch die Literaturwissenschaft die Denkweisen und damit verbunden die gesellschaftlichen Verhaltensmuster vergangener Epochen zu rekonstruieren. (vgl. ebd., S. 35)

Diese historischen Rahmenbedingungen werden nun in der folgenden Epochenabhandlung genannt und ihre Auswirkungen auf diese aufgeführt.

2. Der Realismus

Das Literatursystem des Realismus erstreckt sich über den Zeitraum von 1850 bis 1890 und begründet sich auf drei formgebenden Faktoren. So spielten erstens sozialkulturelle Einflüsse eine große Rolle. (vgl. Nies 2007, S. 42) Demnach etablierte sich dieses Literatursystem nach der Märzrevolution von 1848/49, mit deren scheitern die erhoffte gesellschaftliche und politische Neuordnung ausblieb. Große Teile der Bevölkerung, vor allem das Bürgertum, reagierten darauf, indem sie sich aus der Politik zurückzogen. (vgl. ebd.) Ebenfalls bildete sich, bedingt durch die voranschreitende Industrialisierung, eine neue soziale Schicht heraus, das Proletariat. Diese bildete durch ihr von Elend und Ausbeutung bestimmtes Dasein einen Gegenpol zum aufstrebenden Bürgertum, welche durch die Industrialisierung eine Chance zum sozialen Aufstieg bekam und sich dem Adel immer mehr angleichen konnte. (vgl. ebd., S. 43) Die aufstrebende und die damit verbundenen Schriften und Ideologien beeinflussten die Literatur jedoch nur gering. (vgl. ebd.) Dennoch darf jedoch behauptet werden, dass sowohl Kapitalismus, als auch Industrialisierung die Wirklichkeitswahrnehmung der Menschen stark prägte. (vgl. Nielsen 1997, S. 63)

Zweitens übte der denkgeschichtliche Kontext großen Einfluss auf den literarischen Realismus aus. (vgl. Nies 2007, S. 44) Durch Wissenschaft angeleitet, bildeten sich im 19. Jahrhundert mehrere Strömungen heraus, welche sich auch auf die Literatur niederschlugen, wie zum Beispiel Auguste Comtes Positivismus. Dieser definierte, was Wirklichkeit ist und wie diese definiert wird. Demnach gilt einzig und allein objektives und überprüfbares Wissen als wahr. (vgl. Aust 2006, S. 34) „Wirklichkeit“ wird durch Datensammlung und Empirie bestimmt, wodurch Erfahrung zum zentralen Wert wird, was sich wiederum auf die Literatur auswirkt. (vgl. Nies 2007, S. 44)

Ebenfalls prägend für das Literatursystem Realismus ist die Strömung des Historizismus, welcher sich als die Annahme der Manifestation alles „seienden“ definiert. (vgl. ebd., S. 45) Dies hat zur Folge, dass die geschilderte Handlung retrospektiv beschrieben wird und sich oftmals mit der Rekonstruktion einer Privatgeschichte beschäftigt. (vgl. ebd., S. 46) Zu guter Letzt, um nur einige Strömungen zu nennen, fließt auch die voranschreitende Säkularisierung in den literarischen Transformationsprozess ein. Diese beinhaltet eine Fokusverlagerung des Menschen auf das Diesseits und rückt damit die Selbstverwirklichung ins Zentrum. (vgl. Nielsen 1997, S. 64) Mit Hilfe all dieser Strömungen, wurden Toleranzgrenzen kreiert, die dazu dienen, Normen und Werte festzulegen, also Normalität und Abnormität zu definieren, welche sich auch auf die Literatur übertragen. Dadurch setzt diese ebenfalls Grenzen zwischen klar erstrebenswertem Handeln und wünschenswerten Zielen und unerwünschten, zwischen normal und abnormal. Literatur bemächtigt sich diesem Systems, um Normalität zu vermitteln (vgl. Nies 2007, S.48f), indem es Abnormität sanktioniert.

Drittens, und Letztens, prägen literaturinterne Faktoren den Realismus, wobei zwischen programmatischen und literarischen Realismus unterschieden wird. In der Anfangszeit des Realismus versuchten Verfasser sogenannter Programmschriften die Literatur durch feste Regeln zu normieren, jedoch verfassten diese keine Literatur und Literaten umgekehrt keine Programme. (vgl. ebd., S. 50f)

Literatur dieser Epoche sollte keine Realität abbilden, sondern nur einen kleinen Ausschnitt dieser darstellen, wodurch viele sozialgesellschaftliche Aspekte, wie die Lage des Proletariats, ausgeblendet. (vgl. ebd., S. 51) Sie nimmt keinen Bezug auf extratextuelle Wirklichkeit, sondern setzt sich vielmehr die Darstellung einer wahrscheinlichen Realität zum Ziel, welche durch Werte und Normen konstituiert ist. Die Gesellschaftsordnung wird konserviert, weil diese akzeptiert und damit „real“ ist, wodurch der Realismus die Akzeptanz des Gegebenen proklamiert. Als Zielsetzung gilt, den Regelfall darzustellen, nicht die Abweichung, wodurch sich erneut ein Bezug zum Normaspekt feststellen lässt. (vgl. ebd.) Literatur stellt somit die Mehrheitsmeinung dar, diskutiert keine Probleme und basiert zwar auf Wissenschaftlichen Erkenntnissen, begründet jedoch keine neuen wissenschaftlichen Thesen. (vgl. ebd., S. 50f) Der literarische Realismus hingegen fokussiert meist die Normabweichung und bildet durch Sanktionierung ein erstrebenswertes Wertesystem. Von der Norm abweichende Figuren haben nur zwei Möglichkeiten, die aufgrund der Abweichung bedingten Konflikte zu tilgen. Entweder integrieren sie sich durch Ablegung ihres normwidrigen Verhaltens, oder sie werden durch Tod, Exilierung oder Internierung oder ähnliches sanktioniert. (vgl. ebd., S. 53f)

Durch die retrospektive Erzählform, blickt der Protagonist auf seine Transformation zurück, weshalb Tod und Verlust sowie Männlichkeit zum zentralen Thema evolvieren. (vgl. ebd., S. 54)

Somit steht sie zu goethezeitlichen Erzählmodellen im Kontrast, in welchen meist ein Jüngling den Transformationsprozess erfährt. (vgl. ebd., S. 53f)

3. Erinnerungsdiskurs

Der Novelle „Immensee“ liegt eine Binnenhandlung zu Grunde, welche von einem vorangestellten und Kapitel eröffnet und einem letzten abgeschlossen wird. Diese beiden Kapitel finden, im Gegensatz zu allen anderen zur selben Zeit statt, weshalb die Erzählzeit von der erzählten Zeit abweicht. Die Binnenhandlung beinhaltet die Vergangenheit des Protagonisten, an welche er sich im Zuge des ersten und letzten Kapitels – der Rahmenhandlung - erinnert. Diese Textkonstruktion ist für den Realismus typisch. (vgl. Nielsen 1997, S. 73) Um jedoch eine Analyse des bereits im Titel genannten Erinnerungsdiskurses zu ermöglichen, muss geklärt werden, worum es sich bei einem solchen handelt.

Diskurs beschreibt das System des Denkens und Argumentierens aufgrund eines gemeinsamen Redegegenstands, welcher nicht mit der tatsächlichen Realität übereinstimmen muss. (vgl. Krah 2006, S. 226f) Den Redegegenstand in „Immensee“ bildet der Erinnerungsprozess des gealterten Protagonisten.

Ein Erinnerungsprozess weist zwei Seiten auf, einerseits die Reproduktion einer bereits erfahrenen Vorstellung und andererseits die Rekonstruktion eines vergangenen Bildes durch das eigene Bewusstsein. (vgl. Sammern-Frankenegg 1976, S. 25)

Der Erinnerungsprozess des Protagonisten in „Immensee“ stellt eine Anachronie dar, dies bedeutet, dass die Ereignisse einer Geschichte, nicht mit der in dem Text getroffenen Darstellung übereinstimmen. (vgl. Genette 1998, S. 22ff.) Der Prozess findet als Analepse statt, das bedeutet, die chronologische Reihenfolge der Erinnerung ist verschoben, findet also als Rückblick statt (vgl. ebd., S. 32f.), wodurch es zu einem Wechsel der Fokalisierung – einem Blickwinkelwechsel - zwischen Rahmen- und Binnenhandlung. (vgl. Martinez 2012, S. 63f.) Liegt innerhalb der Rahmenhandlung eine externe Fokalisierung – und damit verbunden ein heterodiegetischer Erzähler - vor, in welcher der Leser die Rolle eines externen Beobachters einnimmt, findet in der Binnenhandlung ein Wechsel zu einer Nullfokalisierung statt, wodurch der Leser auch die inneren Vorgänge des Protagonisten nachvollziehen kann.

[...]

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Details

Titel
Textanalyse zur Theodor Storms "Immensee". Erinnerungsdiskurs und dessen poetologischer Funktion im Literatursystem des Realismus
Hochschule
Universität Passau
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V414554
ISBN (eBook)
9783668657656
ISBN (Buch)
9783668657663
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Immensee, Theodor Storm, Erinnerungsdiskurs, Realismus, Textanalyse
Arbeit zitieren
Maximilian Tresp (Autor), 2014, Textanalyse zur Theodor Storms "Immensee". Erinnerungsdiskurs und dessen poetologischer Funktion im Literatursystem des Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414554

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