Paul Austers "Stadt aus Glas" als postmoderner Roman


Hausarbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Postmoderne in der Literatur

3. Paul Austers „Stadt aus Glas“ als postmoderner Roman

4. Babylon und New York
4.1 Babylon
4.2 New York in “Stadt aus Glas”
4.3 Babylon in “Stadt aus Glas”

5. Austers New York als das neue Babylon

6. Fazit

7. Bibliographie

1. Einleitung

„Stadt aus Glas“ von Paul Auster ist bis heute eines der meistdiskutierten Bücher. Es gilt bei vielen als Paradebeispiel postmoderner Literatur. In dieser Arbeit soll „Stadt aus Glas“ zum einen in die Postmoderne eingeordnet werden und zum anderen soll die Frage beantwortet werden, inwiefern Paul Auster sich Babylon zu Nutze macht, um New York als das neue Babel zu konstruieren und darzustellen. Zuerst wird versucht die literarische Postmoderne anhand verschiedener Merkmale zu definieren und anschließend „Stadt aus Glas“ in diese schwer einzugrenzende Strömung einzuordnen. Danach gilt das Augenmerk den beiden Städten Babylon und New York. Eine historische Betrachtung der mesopotamischen Stadt soll als Verständnisgrundlage der vielschichtigen Andeutungen im Buch dienen. Die Darstellung der Stadt New York innerhalb von „Stadt aus Glas“ und die Andeutungen und Darstellungen von Babylon im Buch folgen, um schließlich die Antwort auf die Frage zu geben, ob Paul Auster auf dem Gerüst von New York ein neues Babel konstruiert hat.

Als Untersuchungsgegenstand diente die deutsche Ausgabe von „City of Glass“, übersetzt von Joachim A. Frank.[1]

Hilfreich bei der Untersuchung dieser Frage war der Aufsatz von Ulrich Meurer „Manhattan am Euphrat“ aus dem Jahr 2002[2], der jedoch eine andere Herangehensweise nutzt, aber trotzdem einige nützliche Hinweise auf Austers Arbeit enthält. Daneben dienten einige historische Überblicksdarstellungen als Hilfe, dem wahren und auch dem mythischen Babylon auf den Grund zu kommen. Im Zusammenhang mit der Untersuchung der Postmoderne war das von Ansgar Nünning herausgegebene Lexikon[3] ein wichtiger Ausgangspunkt.

2. Die Postmoderne in der Literatur

Die Postmoderne ist eine von den USA und Frankreich ausgehende diffuse kulturelle Bewegung, die alle Bereiche der Kultur umfasst und die Nachfolge der Moderne anstrebt. Entstanden ist die Postmoderne in der Architekturtheorie des 20. Jahrhunderts, wo sie eine Doppelkodierung von Gebäudefassaden beschreibt. Sie beschreibt den Bruch mit dem elitären Kunstverständnis und Wissensbegriff der Moderne. Es greifen hier Hochkultur und Populärkultur ineinander und werden zusätzlich mit Elementen der verschiedensten Subkulturen bereichert. Dieser Bruch mit traditionellen Kulturkonzepten und Weltanschauungen durch Spielereien oder Provokationen, das so genannte „anything goes“, ist die Ausdrucksart vieler verschiedenster Künstler. Dazu kommt der Gedanke vom Ende der Kunst als vorherrschendes Thema, der als Zitat oder als Verweis benutzt wird.[4]

Bevor sich die Postmoderne als internationale Bewegung etablierte, begann sie in der amerikanischen Literatur der 1960er Jahre ihren Anfang zu nehmen.[5] Jedoch ist es schwer, die Postmoderne greifbar zu machen, da sie über keine Trennschärfe verfügt oder sich gegenüber anderen Epochen abhebt. Trotzdem kann man bestimmte Themen und Methoden aufweisen, die einen Roman postmodern werden lassen.

Eine Abkehr von der linearen Erzählweise hin zu einem schon fast fragmentarisch anmutenden und oftmals unchronologischen Aufbau und die scheinbare Bezugnahme auf historische Ereignisse und Traditionen und der spielerische Umgang mit literarischen Stoffen dienen dazu, ein neues Ganzes zu entwickeln. Die Grenzen werden bewusst verwischt.[6] Dies führt zu einer Vermischung von Fiktion und Realität oder von autobiographischen und fiktiven Bausteinen. Innerhalb der Literatur der Postmoderne wird der Intertextualität ein hoher Stellenwert beigemessen, wobei eine Tendenz zur verschachtelten metafiktionalen Konstruktion parallel läuft.[7]

3. Paul Austers „Stadt aus Glas“ als postmoderner Roman

Als erster Teil der „New York Trilogie“ erweckt „Stadt aus Glas“ beim Leser den Eindruck, es handle sich um eine klassische Detektivgeschichte in der Tradition der „hardboiled novels“ von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett. Jedoch wird schnell klar, dass dieser Umstand sich nach und nach aufzulösen droht. Paul Auster[8] nutzt den Rahmen des Detektivromans, um mit Hilfe einiger stilistischer Mittel den Leser schließlich am Ende des Romans verwirrt und mit vielen Fragen zurückzulassen.

Erzählt wird die Geschichte des Kriminalautors Daniel Quinn, der seine Bücher unter dem Pseudonym William Wilson veröffentlicht und nachts immer wieder von Anrufen gestört wird. Der Anrufer lässt sich nicht davon abbringen, dass Daniel Quinn nicht der von ihm gesuchte Privatdetektiv Paul Auster ist. Schließlich lässt sich Quinn darauf ein und gibt sich als der vom Anrufer verlangte Privatdetektiv Paul Auster aus und übernimmt den Fall, der die Beschattung des Vaters des Anrufers beinhaltet, der erst kürzlich aus einer Psychiatrie entlassen wurde. Quinn observiert daraufhin tagelang Peter Stillman, der jedoch plötzlich untertaucht und schließlich nicht mehr auffindbar ist. Quinn versucht, Stillmans Sohn ausfindig zu machen und observiert schließlich einige Monate dessen Wohnung, bis er feststellt, dass auch dieser verschwunden ist. Am Ende machen sich der Schriftsteller Paul Auster, der kein Privatdetektiv ist und von Daniel Quinn aufgesucht wurde, und sein Bekannter, der namenlose Erzähler des Buches, auf die Suche nach Daniel Quinn und finden letztendlich in Stillmans Haus nur das bis zur letzten Seite beschriebene Notizbuch von Quinn.

Eines der wesentlichen Merkmale von Paul Austers „Stadt aus Glas“ stellen die Verdopplungen, Spiegelungen und Wiederholungen dar, die er immer wieder benutzt, sowie die damit verbundene, immer wiederkehrende Frage der Existenz des Menschen.

Der Schriftsteller Daniel Quinn gibt für seine Detektivromane seinen Namen, also sein Selbst, auf und nimmt für die Zeit des Schreibens den Namen William Wilson an. Er distanziert sich also von seinem „Schreiber-Ich“ Daniel Quinn. Die Romanfigur in Quinns/Wilsons Romanen, Max Work, kennzeichnet das dritte Ich. Es entsteht also das Personendreieck Quinn-Wilson-Work. Jedoch hat Quinn zu Wilson und zu Work je eine andere Beziehung. „Während William Wilson für ihn eine abstrakte Figur blieb, war Work mehr und mehr lebendig geworden. […] Wenn Wilson nicht existierte, so war er doch die Brücke, die es Quinn erlaubte, aus sich selbst in Work hinüberzugehen.“[9] Somit vervielfacht Auster Daniel Quinn bereits am Anfang des Romans in William Wilson und Max Work. Mit jedem Roman, den Quinn schreibt, tritt die Vervielfältigung von Quinn erneut auf und wird nach den nächtlichen Anrufen erneut aufgegriffen. Nachdem Quinn zum dritten Mal angerufen wurde, nimmt er nun noch den Namen und die Person von Paul Auster an und gibt sich als Privatdetektiv aus. „Diesmal zögerte Quinn nicht. Er wusste, was er tun wollte, und nun […] tat er es auch. […] „Hier spricht Paul Auster.““[10] Paul Auster lässt nun aus dem Personendreieck eine vierteilige Personenkonstellation werden: Quinn-Wilson-Work-Auster.

Nachdem Quinn nun als Privatdetektiv Paul Auster den Fall am Telefon annimmt, wird später im Buch ein weiterer Paul Auster eingeführt, den Quinn im Telefonbuch der Stadt New York ausfindig gemacht hat. Entgegen den Erwartungen des Lesers, als auch denen Quinns, ist die Figur Paul Auster kein Privatdetektiv, sondern Schriftsteller, der sich mit Cervantes’ „Don Quichote“ beschäftigt.

Neben der Vervielfältigung von Quinn und dem doppelten, wenn man den Autor Paul Auster mitzählt, verdreifachten, Auster, erscheinen noch weitere Vervielfältigungen in Beziehung mit der Figur des Peter Stillman. Der Auftraggeber für den Privatdetektiv, Peter Stillman, ist der Sohn der Person, die Quinn alias Auster beschatten soll, Peter Stillman senior. Eine Namensverdopplung des Vornamens Peter findet man auch bei Quinns verstorbenem Sohn, Peter Quinn. Somit treten drei Peter innerhalb der Geschichte auf.

Beim ersten Kontakt mit Peter Stillman senior an der Grand Central Station erblickt Daniel Quinn einen weiteren Mann, dessen Gesicht „dem Stillmans wie ein Zwilling dem anderen“[11] glich. Diese Verdopplungen und Vervielfältigungen sind ein auffallendes Merkmal in „Stadt aus Glas“, das man in mehreren Romanen der „Postmoderne“ antrifft.

Damit verbunden ist die Frage der Existenz und deren Auflösung. Das Ende der Existenz ist neben den Vervielfältigungen ein weiteres postmodernes Merkmal und wird von Paul Auster geschickt genutzt. Offensichtlich verschwinden in „Stadt aus Glas“ Peter Stillman senior und auch dessen Sohn. Am Ende ist auch Daniel Quinn spurlos verschwunden.

Weniger ein Verschwinden des Körperlichen, als ein Verschwinden von Existenzen bildet die oben beschriebene Übernahme verschiedener Charaktere durch Daniel Quinn, der immer weiter sein eigentliches „Ich“, also Daniel Quinn, verliert und in seinen aufgenommenen „Schein-Existenzen“ lebt und schließlich vollständig verschwunden ist. Es „überlebt“ nur Quinns/Austers Notizbuch als Beweis seiner vergangenen Existenz.

Eine weitere, für die Postmoderne typische Methode findet sich auch bei Paul Auster wieder. Die Intertextualität, die einen Großteil von „Stadt aus Glas“ ausmacht, ist mehr oder weniger offensichtlich erkennbar. Viele literarische Bezüge, teilweise namentlich genannt, erscheinen im Laufe des Buches. So ist das von Daniel Quinn gewählte Pseudonym „William Wilson“ eine Anspielung auf die gleichnamige Geschichte von Edgar Allen Poe aus dem Jahr 1839, die das Doppelgängermotiv benutzt. Das Nutzen des Namens „William Wilson“ in Verbindung mit der Vervielfältigung der Existenzen macht diesen literarischen Bezug umso interessanter. Des Weiteren gilt Edgar Allen Poe als Begründer der angloamerikanischen Detektivliteratur[12], was wiederum einen Bezug zu „Stadt aus Glas“ herstellt, die sich auch anfangs der Stilmittel einer Detektivgeschichte bedient.

[...]


[1] Auster, Paul: „Stadt aus Glas“. In: Die New York Trilogie. Hamburg 1989.

[2] Meurer, Ulrich: „Manhattan am Euphrat. Die City of Glas als mythische Reaktualisierung.“ In: Lienkamp, Andreas; Werth, Wolfgang; Berkemeier, Christian (Hrsg.): “As strange as the world”. Annäherungen an das Werk des Erzählers und Filmemachers Paul Auster. Münster 2002.

[3] Nünning, Ansgar (Hrsg): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Stuttgart 2004.

[4] Vgl. Nünning, Ansgar (Hrsg): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Stuttgart 2004.

[5] Vgl. Bruner Horst u.Moritz Reiner (Hrsg): Literaturwissenschaftliches Lexikon: Grundlagen der Germanistik, Berlin 1997.

[6] Vgl. Burdorf, Dieter u.a. (Hrsg): Metzler Lexikon Literatur, Stuttgart 2007.

[7] Vgl. Nünning, Ansgar (Hrsg): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Stuttgart 2004.

[8] Der Name des realen Autors Paul Auster wird im Folgenden kursiviert, um eine Verwechslung mit der Romanfigur Paul Auster zu vermeiden.

[9] Auster, Paul: „Stadt aus Glas“. In: Die New York Trilogie. Hamburg 1989, S. 12-13. Im Folgenden mit SAG abgekürzt.

[10] SAG. S. 18.

[11] SAG. S. 71.

[12] Vgl. Burdorf, Dieter u.a. (Hrsg): Metzler Lexikon Literatur, Stuttgart 2007.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Paul Austers "Stadt aus Glas" als postmoderner Roman
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V414619
ISBN (eBook)
9783668653788
ISBN (Buch)
9783668653795
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
New York Trilogie, Stadt aus Glas, Paul Auster, Postmoderne, Babylon, postmoderne Literatur, Stadt
Arbeit zitieren
Stefan Jung (Autor), 2009, Paul Austers "Stadt aus Glas" als postmoderner Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414619

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