Johann Heinrich Pestalozzi. Ein Klassiker der Pädagogik oder doch eher ein Versager?


Hausarbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Hinführung

2 Wer war Johann Heinrich Pestalozzi? - Ein kurzer Einblick in sein Leben
2.1 Zeitgeschichte

3 Entwicklungsgeschichte seiner Ideen
3.1 Die Armenanstalt „Neuhof“
3.2 Die „Abendstunde eines Einsiedlers“
3.3 Prediger des Volkes in „Lienhard und Gertrud“
3.4 „Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des
Menschengeschlechts“
3.5 Das Wirken in Stanz
3.6 Die „Methode“

4 Die Grundlagen der Pädagogik Pestalozzis
4.1 Die Bedeutung der Schule

5 Wirkungsgeschichte und Nachwirkung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis.

1 Hinführung

„Retter der Armen im Neuhof, Prediger des Volkes in Lienhard und Gertrud, zu Stanz Vater der Waisen, zu Burgdorf und Münchenbuchsee Gründer der Volksschule, zu Iferten Erzieher der Menschheit. Mensch, Christ, Bürger. Alles für Andere, für sich nichts. Segen seinem Namen!“ (Natorp, 2012, S. 38f.). Dies sind die Worte, die das Grab von niemand Geringerem als Johann Heinrich Pestalozzi schmücken. Sie schildern in prägnanter Weise sein Wirken und sein Wesen. Doch wer war Johann Heinrich Pestalozzi eigentlich und warum kann er als Klassiker der Pädagogik gelten?

Er ist einer der am häufig zitiertesten Autoren der Pädagogik weltweit (Tröhler, 2008, S. 7) und wird immer dann genannt, wenn es um „das Recht des Kindes auf Erziehung und Bildung geht, um die Bildung des Volkes, um humanitäre Hilfe für Arme und Unterdrückte“, weshalb er dafür auch als „Symbolgestalt“ betitelt wird (Knoop & Schwab, 1994, S. 70). „Der Anfang und das Ende meiner Politik ist Erziehung“, mit diesen Worten beschreibt Pestalozzi, wie sehr seine Integration der Verbindung von „Armenerziehung, Menschenbildung, politischem Denken und Pädagogik“ in der damaligen Zeit stattfand und wie relevant diese für ihn war (Gudjons & Traub, 2016, S. 92). In seinem Lebenslauf wie in seinen Plänen, in seiner Praxis wie in seinen Schriften, spiegelt sich vor allem die Mischung von Tradition und Moderne wider (Tenorth, 2000, S. 94). Das Scheitern dieser charakterisiert deshalb die Pädagogik seiner Zeit (ebd.). Wird er durch dieses Scheitern als Versager abgestempelt oder verhilft ihm gerade dieses dazu, dass er auch noch heute in den Köpfen der Menschheit verankert ist?

In der vorliegenden Arbeit soll es vor allem aber auch darum gehen, anhand seines Lebens und seiner verschiedenen Werke seine Leitmotive, die für seine Pädagogik von großer Bedeutung sind, herauszuarbeiten. Es soll auch herausgefunden werden, warum gerade die Arbeit mit den in der Gesellschaft benachteiligten Menschen für ihn einen so hohen Stellenwert hat und an welche Ideen er anknüpft, um seine Erziehungsidee in die Tat umzusetzen. Außerdem wird ein besonderes Augenmerk auf seine Wirkung auf die Nachwelt gelegt und ob er letztendlich als Klassiker oder Versager angesehen werden kann.

2 Wer war Johann Heinrich Pestalozzi? - Ein kurzer Einblick in sein Leben

Johann Heinrich Pestalozzi, geboren am 12. Januar 1746 in Zürich (Niemeyer, 2005, S. 19), war ein Schweizer Volksschriftsteller und Volkserzieher (Böhm, 2010, S. 75). Er war nicht „nur ein Erziehungstheoretiker und Pädagoge neben anderen […], sondern das Symbol der Pädagogik schlechthin“ (Tenorth, 2000, S. 94). Des Weiteren wird er auch als „Vater der Waisen, Gründer der neuen Volksschule und Erzieher der Menschheit“ betitelt (Knoop & Schwab, 1994, S. 73). Vor allem aber setzte er sich für die Kinder der Armen ein, um ihnen „den Weg zur Selbständigkeit, äußeren und inneren Freiheit“ zu zeigen (Delekat, 1968, S. 71f.). Somit sprach er der Bildung des Volkes und der Armen eine besondere Relevanz zu (vgl. Raithel, Dollinger & Hermann, 2005, S. 117).

Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und lernte die Situation der Landbevölkerung durch seine Mutter und seinen Großvater kennen (vgl. Raithel et. al., 2005, S. 112). Da sein Vater bereits in jungen Jahren verstarb, genoss er starken Einfluss weiblicher Erziehung (vgl. Knoop & Schwab, 1994, S. 72). In seiner schulischen Laufbahn besuchte er einige Jahre eine deutsche Elementarschule, von 1754-1761 eine Lateinschule, von 1761-1763 das Collegium humanitatis und anschließend das Collegium Carolinum, eine theologische Hochschule in Zürich (vgl. Natorp, 2012, S. 9). Geprägt durch JeanJacques Rousseaus Emile und dessen Erziehungstheorie verließ er frühzeitig das Carolinum, um Rousseaus Befürwortung für das ländliche Leben nachzugehen und Bauer zu werden (vgl. Raithel et. al., 2005, S. 112). Er heiratete im Jahr 1769 Anna Schultheß und bekam mit dieser 1790 einen Sohn (ebd.). Aufgrund der Fehlinterpretation der Erziehungsidee Rousseaus (vgl. Böhm, 2010, S. 76) verstarb sein Sohn bereits im Jahr 1801 an Epilepsie (vgl. Raithel et. al., 2005, S. 112). Sein landwirtschaftliches Projekt auf dem Gut „Neuhof“ entpuppte sich als Misserfolg und sollte durch die Verarbeitung von Baumwolle gerettet werden (ebd.). Der Betrieb sollte durch die Arbeitskraft von Kindern gestützt werden, weshalb er sich alsbald in eine Erziehungsanstalt für arme Kinder umwandelte (ebd.). Jedoch blieb der Erfolg aus und bereits 1780 musste die Anstalt wieder schließen (ebd.). Weitere praktische Versuche scheiterten ebenfalls (ebd.). Im Jahr 1798 erhielt er dann die Aufgabe, die Erziehung armer Kinder in Stanz zu übernehmen, auch dies scheiterte, allerdings baute er dort „seine Methode zum Erlernen des Lesens und Schreibens aus, die u.a. in der Preußischen Bildungsreform Anklang [fand] und deren Anwendung und Vermarktung sich Pestalozzi […] in hohem Maße widmet[e]“ (ebd., S. 113). Als Begründer dieser pädagogischen „Methode“ wurde er vor allem als Institutsleiter in Burgdorf, Münchenbuchsee und Yverdon berühmt (Tröhler, 2008, S. 8). Besondere internationale Bekanntheit erlangte er mit der im Jahr 1806 bezogenen Anstalt in Yverdon, allerdings wurde auch diese 1825 aufgelöst (vgl. Raithel et. al., 2005, S.113).

Somit kann man vor allem sagen, dass Pestalozzis Leben durch Erfahrungen des Misserfolgs geprägt war (vgl. Raithel et. al., 2005, S. 112). Er verstarb am 17. Februar 1827 in Brugg (Knoop & Schwab, 1994, S. 73).

Für die Pädagogik wichtige Publikationen Pestalozzis sind: „Die Abendstunde eines Einsiedlers“ (1780), „Lienhard und Gertrud“ (1781-1787), „Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts“ (1797), „Über den Aufenthalt in Stanz. Brief Pestalozzis an einen Freund“ (1799) und „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ (1801) (Raithel et. al., 2005, S. 112 ff.).

2.1 Zeitgeschichte

Pestalozzi lebte in einem Zeitalter „größter sozialer, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen - der Amerikanischen, Französischen und Helvetischen sowie der industriellen Revolution“ (Tröhler, 2008, S. 7). Er stand mit seiner Pädagogik „an der Übergangsphase zwischen der Auflösung ständischer Strukturen und der Herausbildung einer modernen, an Leistungsidealen bemessenen industriellen Gesellschaft und erlebte somit „wesentliche politische und gesellschaftliche Umstürze am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts“ (Raithel et. al., 2005, S. 113). Diese Umbrüche prägten nicht nur seine verschiedenen Lebensabschnitte, sondern er beanspruchte diese sozial, politisch mitzugestalten (Dollinger, 2008, S. 54). Von großer Bedeutung sind vor allem gesellschaftskritische Motive, welche er bei Rousseau kennenlernte, als auch pietistische Gedanken, „die sein anthropologisches Bild vom Menschen“ beeinflussten (Raithel et. al., 2005, S. 113). Niemeyer spricht auch von der „Unentschiedenheit zwischen aufklärungsorientierter Schriftstellerei einerseits und philanthropischer Praxis andererseits“ (Niemeyer, 2005, S. 23). Pestalozzi lernte nicht nur die pädagogische Aufklärung und ihr Prinzip der Erziehung zur „Industriosität“, was ein Begriff für die „(erwünschte) Arbeitshaltung der damaligen Zeit war (Wirtschaftslexikon.co, 2015), kennen sondern auch die Kritik an ihr und „ihre Revision zum Gedanken allgemeiner Bildung“ (Raithel et. al., 2005, S. 113). In seinen verschiedenen Publikationen nahm er Stellung zu „politischen Umstürzen wie der Französischen Revolution, der Bildung einer zentralisierten helvetischen Republik, ihrer kantonalen Restrukturierung sowie zur späteren Restaurationszeit“ (ebd.). „Gegen die Industrialisierung [wandte] er das Bild einer ständisch formierten, klar gegliederten Gesellschaft, gegen die Aufklärung postuliert[e] er die Ganzheitlichkeit einer an gesellschaftlichen Verhältnissen orientierten Bildung und ge- gen revolutionäre Bestrebungen fordert[e] er die Erziehung des Menschen als Grundlage sittlichen Zusammenlebens“ (ebd.).

Des Weiteren war Pestalozzi ein großer Anhänger der Französischen Revolution und ihrer Werte, weshalb er im Jahr 1792 den Ehrentitel eines Ehrenbürgers der Französischen Republik erhielt (Fix, 2010). Er war außerdem Mitglied in der Helvetischen Gesellschaft, was zum Ausdruck brachte, dass er sich für die Rechte der Menschen und für eine Liberalisierung der Schweiz stark machte (ebd.).

3 Entwicklungsgeschichte seiner Ideen

3.1 Die Armenanstalt „Neuhof“

Um dem Scheitern seines ländlichen Guts entgegenzuwirken, wandelte Pestalozzi dieses im Jahre 1774 in eine „Anstalt zur Auferziehung von Armenkindern“ um, denn ihm kam der Gedanke er könne so „ihm zugleich und dem armen Volke um ihn her geholfen werden“ (Natorp, 2012, S. 12). Unter seiner Anleitung sollten die Kinder vor allem Arbeiten lernen, während sie „die Segnungen eines schlichten, aber liebewarmen Hauslebens genössen und so zu eben der Lebensführung gebildet würden, auf die ihre Lage sie hinwies“ (ebd.). Die Kinder sollten somit in den Fähigkeiten unterrichtet werden, die sie zur Bewältigung ihres Lebens brauchten, diese sollten sie vor dem Bettel bewahren und gleichzeitig dazu beitragen, ihre menschlichen Kräfte zu entwickeln (vgl. Gudjons & Traub, 2016, S. 90). Besonders notwendig und als unumgänglich war für Pestalozzi die Erziehung zur Industriearbeit, denn die Entwicklung zur Industrie sei nicht mehr rückgängig zu machen, nachdem sie erst einmal begonnen habe (vgl. Natorp, 2012, S. 13). Aus diesem Grund sollten die Kinder gezielt auf die neuen ökonomischen Bedingungen vorbereitet werden, um dabei ihre persönliche Freiheit und Menschenwürde zu finden (vgl. Böhm, 2010, S. 76) und um ihnen den „größtmöglichen Gewinn davon zu verschaffen“ (Natorp, 2012, S. 13). Neben der Handarbeit wurde aber auch das Lesen, Schreiben und Rechnen im Unterricht der pestalozzischen Anstalt den Kindern nahegebracht, allerdings war Pestalozzi der Meinung, er könne dieses bis zum neunten Jahre hinausschieben (vgl. ebd., S. 14).

Die Art der „sittlichen Unterweisung“ war mehr ein „teilnehmender Unterricht des Hausvaters“, als ein Unterricht des Lehrers, denn die Indvididualität und der Lernfortschritt jedes einzelnen war für Pestalozzi von sehr großer Bedeutung (ebd.). Auch sagte er später über diese Zeit: „Ich lebte jahrelang im Kreise von mehr als fünfzig Bettlerkindern, teilte in Armut mit ihnen mein Brot, lebte selbst wie ein Bettler, um zu lernen, Bettler wie Menschen leben zu machen“ (Pestalozzi zit. n. Natorp, 2012, S. 14). Umso bedauernswerter war das Scheitern seiner Anstalt und das baldige Schließen im Jahr 1780, denn er schaffte es nicht, die Kinder zum Bleiben in der Anstalt zu bewegen und so „konnte die Absicht, dass die Anstalt sich durch die Arbeit der Zöglinge selbst erhalte, […] nicht erreicht werden“ (Natorp, 2012, S. 12f.).

3.2 Die „Abendstunde eines Einsiedlers“

Sein Werk die „Abendstunde eines Einsiedlers“ erschien im Mai 1780 und ist eine Art Monolog, in dem sich Pestalozzi „über die Bestimmung des Menschen und die Grundgesetze seiner Bildung klar zu werden sucht“ (Natorp, 2012, S. 15). Er hat die Vorstellung von einem optimistischen Menschenbild und einem Menschen, der sich nach der „Bahn der Natur“ entwickelt (Gudjons & Traub, 2016, S. 90). Angelehnt ist dieser Naturbegriff, der sich in Pestalozzis Denken verankerte, an Rousseaus Theorie der natürlichen Erziehung und der damit verbundenen Erziehung von und durch die Natur (Knoop & Schwab, 1994, S. 76). Pestalozzi geht deshalb davon aus, dass allein „‘im Innern der Natur‘ des Menschen der Grund derjenigen Wahrheit liegt, die er braucht, die zu seiner rechten Bildung ihm not ist“ (Natorp, 2012, S. 15) und somit die Natur der Kern des menschlichen Daseins ist (vgl. Knoop & Schwab, 1994, S. 76). Genau aus diesen Gründen lehnte Pestalozzi vorerst die Schule als Ort des Bildungserwerbs ab, da sie nicht dem Gang der Natur folge und sie eine künstliche Bildung vermittele (Gudjons & Traub, 2016, S. 90). Er sei der Meinung, dass „jede Schulbildung, die nicht auf diese Grundlage der Menschenbildung bauet, [irre führt]“ (Reble, 1999, S. 351). Demnach soll die allgemeine Menschenbildung vor aller Berufs- und Standesbildung stehen: „Erst bist du Kind, Mensch, hernach Lehrling deines Berufs“ (Gudjons & Traub, 2016, S. 90f.).

Des Weiteren entwickelte er die „Theorie der Lebenskreise“ (Knoop & Schwab, 1994, S. 77). Diese besagt, dass der Mensch in drei äußeren Lebenskreisen lebt, dazu zählen die Familie, also das Vaterhaus, der Beruf und der Staat (ebd.). Diese haben einen engen Bezug zu seinem Innern (ebd.). Deshalb ist die „allgemeine Emporbildung dieser innern Kräfte der Menschennatur zu reiner Menschenweisheit […] allgemeiner Zweck der Bildung auch der niedersten Menschen“ (Reble, 1999, S. 352). Nach Pestalozzi gilt daher: „Wer nicht Mensch ist in seinen innern Kräften, ausgebildeter Mensch ist, dem fehlt die Grundlage zur Bildung seiner nähern Bestimmung und seiner besonderen Lage […]“ (ebd.).

Die Leitmotive seiner Pädagogik, die diesem Werk zu entnehmen sind, sind deshalb folgende: „Der Sinn des Lebens besteht in der Entfaltung aller Kräfte des Menschen zu

[...]

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Details

Titel
Johann Heinrich Pestalozzi. Ein Klassiker der Pädagogik oder doch eher ein Versager?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1.0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V414622
ISBN (eBook)
9783668655430
ISBN (Buch)
9783668655447
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
johann, heinrich, pestalozzi, klassiker, pädagogik, versager
Arbeit zitieren
Mandy Adolf (Autor), 2017, Johann Heinrich Pestalozzi. Ein Klassiker der Pädagogik oder doch eher ein Versager?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414622

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