Als Grundlage meiner Seminararbeit dient vor allem, die Sandlerstudie von Dr. Roland Girtler. Girtler hat für seine Untersuchung über die Obdachlosen Wiens, eine Methode angewendet, die unter Forscherkreisen nur sehr wenig angesehen ist und kaum angewendet wird, nämlich die der „unstrukturierten teilnehmenden Beobachtung“.
Girtler hat in seiner Studie versucht, die Lebenswelt der Wiener Sandler, der Großstadtvagabunden, von verschiedenen Blickwinkeln her zu beschreiben und zu analysieren. Für seine Studie war hauptsächlich nur der Sandler wichtig, der aktiv sein Leben zu meistern versucht und der sich soziale Tendenzen im Kontakt zu anderen Sandlern zurecht legt, um autonom überleben zu können.
Für eine derartige Analyse ist es notwendig sich auf den Forschungsgegenstand einzulassen. Dieses Einlassen benötigt eine sehr hohe Sensibilität für den Gegenstand. Lamnek beschreibt dieses Einlassen folgendermaßen: „Will man eine möglichst vorurteilsfreie Einstellung erreichen, so bedarf es einer erhöhten Sensibilität für die eigenen Gefühle, Wünsche und Einstellungen des Forschers. Wer z.B. aufgrund seiner eigenen Lebensgeschichte zu Mißtrauen und Vorsicht neigt und gewohnt ist, bei der Erreichung seiner Ziele indirekte Wege zu bevorzugen, die von anderen nicht so ohne weiteres erkennbar sind, wird vielleicht dazu neigen, auch seinen Forschungsobjekten derartige Strategien zu unterstellen; wer selbst materielle Belohnungen gering schätzt, kann leicht ihren Wert für andere Menschen unterschätzen usw. Ein gewisses Maß an Selbsterkenntnis und Selbstkritik scheint also unerläßlich, zumal individuelle Züge auch die Auswahl und Präferenz der Theorien beeinflussen. Eine grundsätzliche distanzierte Einstellung zu anderen Menschen verträgt sich z.B. leichter mit Lern- und Verhaltenstheorien oder Systemtheorien als mit der Humanistischen Psychologie.“ (Lamnek, 1993, S. 66)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zentrale Prinzipien qualitativer Sozialforschung
2.1. Offenheit
2.2. Forschung als Kommunikation
2.3. Der Prozeßcharakter von Forschung und Gegenstand
2.4. Reflexivität von Gegenstand and Analyse
2.5. Die Explikation
2.6. Flexibilität
3. Methode
3.1. Die freie Feldforschung
3.2. Die unstrukturierte teilnehmende Beobachtung
3.3. Die unstrukturierte teilnehmende Beschreibung
3.4. Biographien
3.5. Das „ero-epische Gespräch“
4. Fragestellung
4.1. Die Kontaktaufnahme
5. Schlußfolgerung
6. Einstellung höherer sozialer Schichten gegenüber dem Sandler
7. Diskussion
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit der Sandlerstudie von Dr. Roland Girtler. Ziel der Arbeit ist es, die Anwendung qualitativer Forschungsmethoden – insbesondere der unstrukturierten teilnehmenden Beobachtung – auf die Lebenswelt von Obdachlosen in Wien zu untersuchen und deren Validität gegenüber quantitativen Ansätzen zu diskutieren.
- Prinzipien und Methodik der qualitativen Sozialforschung
- Anwendung der freien Feldforschung in Randkulturen
- Analyse der Lebenswelt und Identitätsbildung von Obdachlosen
- Stigmatisierung und Wahrnehmung von Sandlern durch die Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
3.1. Die freie Feldforschung
Es gibt nur eine Möglichkeit, um zu einer echten Erkenntnis vom Leben und den Regeln des Handelns von Sandlern zu kommen, nämlich sie dort aufzusuchen, wo sie wirklich leben. Insofern ist die „freie Feldforschung“ als legitime Möglichkeit in der soziologischen Forschung zu sehen und anzuwenden. Dabei ist die Kommunikation mit dem Forschungsgegenstand sehr wichtig. Girtler meint dazu: „Der Forscher, muß also versuchen, eine Kommunikationssituation herzustellen, in der er möglichst viel erfährt.“ (Girtler, 2001, S. 162)
Das in der oben genannten Methode gesammelte Datenmaterial soll in einem humanistischen Sinne aufzeigen, daß die obdachlosen Nichtseßhaften, sehr wohl ein kompliziertes Sozialsystem haben, daß sie mit ihrem Schicksal keineswegs zufrieden sind und daß sie mit den ihnen sich entgegenstellenden Problemen, die vor allem durch ihren niederen sozialen Status bedingt sind, auch fertig werden. (vgl. Girtler, 1980, S. 7).
Das widerspricht z.B, den Feststellungen von Aderhold, daß „Schwachsinn im Personenkreis der Nichtseßhaften ziemlich häufig anzutreffen ist“ (Aderhold, 1974, S. 104)
Das dieser Arbeit vorangestellte Gedicht Wilhelm Buschs will im Sinne der vorliegenden Studie aufzeigen, daß der bettelnde Vagabund, der dem obdachlosen Nichtseßhaften gleichzusetzen ist, intellektuell keineswegs dem Angehörigen gehobener Schichten unterlegen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema Obdachlosigkeit durch ein Gedicht von Wilhelm Busch und Darlegung der methodischen Grundlage, basierend auf Girtlers Sandlerstudie.
2. Zentrale Prinzipien qualitativer Sozialforschung: Erläuterung methodischer Grundhaltungen wie Offenheit, Kommunikation, Prozesshaftigkeit, Reflexivität, Explikation und Flexibilität.
3. Methode: Detaillierte Betrachtung der angewandten qualitativen Instrumente, darunter die freie Feldforschung, unstrukturierte teilnehmende Beobachtung, Biographien und das „ero-epische Gespräch“.
4. Fragestellung: Untersuchung der Lebensbewältigungsstrategien von Sandlern und Schilderung der persönlichen Kontaktaufnahme des Forschers in den Lebensraum der Probanden.
5. Schlußfolgerung: Hypothesenbildung über die Karriere von Sandlern, die Rolle von Identität in Sandlergruppen sowie die gesellschaftliche Stigmatisierung.
6. Einstellung höherer sozialer Schichten gegenüber dem Sandler: Analyse der Ambivalenz zwischen Ablehnung und Romantisierung der Lebenswelt von Vagabunden.
7. Diskussion: Kritische Reflexion der Eignung qualitativer gegenüber quantitativen Methoden zur Erforschung menschlicher Lebenswelten.
Schlüsselwörter
Qualitative Sozialforschung, Sandlerstudie, Obdachlosigkeit, Teilnehmende Beobachtung, Feldforschung, Lebenswelt, Identität, Stigmatisierung, Randkulturen, Soziologie, Girtler, Hermeneutik, Sozialforschung, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die „Sandlerstudie“ von Dr. Roland Girtler und setzt sich mit der wissenschaftlichen Erforschung der Lebenswelt von Obdachlosen in Wien auseinander.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Methodik der qualitativen Sozialforschung, die spezifische Lebenswelt von Obdachlosen, deren soziale Interaktionen sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung und Stigmatisierung dieser Randgruppe.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Nutzen und die Notwendigkeit qualitativer Forschungsmethoden (wie der freien Feldforschung) aufzuzeigen, um tiefere Erkenntnisse über marginalisierte soziale Gruppen zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf der hermeneutischen Interpretation der Sandlerstudie und stellt Methoden wie die unstrukturierte teilnehmende Beobachtung und das „ero-epische Gespräch“ vor.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Prinzipien der qualitativen Forschung, die spezifischen Erhebungsmethoden bei Obdachlosen sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse über deren Existenzsicherung und Gruppenidentität erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie qualitative Sozialforschung, Sandlerstudie, Obdachlosigkeit, teilnehmende Beobachtung und Lebenswelt geprägt.
Warum wird die „unstrukturierte teilnehmende Beobachtung“ in der Sandlerstudie als überlegen angesehen?
Sie gilt als überlegen, da sie eine unmittelbare Einbindung des Forschers in die Lebenswelt ermöglicht, anstatt das Verhalten der Probanden durch starre, formalisierte Fragebögen zu verfälschen.
Wie unterscheidet sich die Einstellung höherer Schichten laut der Arbeit gegenüber Sandlern?
Es besteht eine Ambivalenz: Einerseits findet eine Abwertung als „arbeitsscheuer Nichtmensch“ statt, andererseits existiert eine literarisch geprägte Romantisierung des „freien, sorglosen Lebens“.
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- Sonja Mayr-Stockinger (Author), 2003, Eine kurze Darstellung der Sandlerstudie von Dr. R. Girtler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41487