Führt Globalisierung zu mehr weltweiter Ungleichheit?

Eine Darstellung mit Bezug zu aktuellen historischen Studien (Stand 2005)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Maßstäbe für globale Ungleichheit
2.1. Ungleichheit innerhalb von Staaten
2.2. Ungleichheit zwischen Staaten
2.3. Ungleichheit zwischen Individuen

3. Entwicklung der Ungleichheit 1820-1913
3.1. Ungleichheit in Europa
3.2. Ungleichheit in der Neuen Welt
3.3. Ungleichheit in der Peripherie
3.4. Ungleichheit zwischen Staaten und Individuen

4. Protektionismus und Ungleichheit
4.1. 1914-1950
4.2. Lateinamerika

5. Öffnung und Ungleichheit: Die zweite Globalisierung
5.1. Die neuen Rahmenbedingungen
5.2. OECD- Staaten 1970-2000
5.3. Entwicklungsländer
5.4. Weltweite Ungleichheit zwischen Individuen und zwischen Staaten

6. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

1. Einleitung

Die Globalisierung ist eines der meist diskutierten Themen der Gegenwart. Kaum eine Diskussion wird in der Wissenschaft und der Öffentlichkeit teilweise so emotional geführt, kaum eine polarisiert so stark. Vor allem ihre ökonomischen Effekte auf den Lebensstandard der Menschen werden kontrovers debattiert. Es scheint manchmal, als ob es sich dabei um zwei verschiedene Globalisierungen handeln würde. Eine welche die Menschen ungleicher macht und eine welche die Menschen gleicher macht. Die Kritiker weisen meist darauf hin, das die Reichen immer reicher werden und die Einkommensschere deshalb immer weiter auseinander gehe. Diese Einkommenszuwächse der oberen 5 Prozent seien das Ergebnis der Umverteilung von unten nach oben. “To the detached observer, noting the contrast between the presumed benefits of globalization and developments in the real world, the international economy displays a number of worrying trends. Most obviously, poverty and inequality have grown alongside the expansion of globalization. In a world of disturbing contrasts, the gap between rich and poor countries, and between rich and poor people, continues to widen.”[1] Nun ist der Einkommensanteil der reichsten 5 % der Menschheit seit 1820 tatsächlich von 32,2 auf 36 % gestiegen.[2] Von einer gigantischen Umverteilung kann also kaum die Rede sein. Aber es ist richtig, das der Gini-Index für weltweite Ungleichheit in historischer Perspektive seit 1820 von 0,504 (dem Beginn der Öffnung wichtiger Staaten nach dem Wiener Kongress) bis 1980 auf 0.663 gestiegen ist. Und weil das so war, werde es immer so weiter gehen, so Noam Chomsky. “With regard to incomes, inequality is soaring through the globalization period – within countries and across countries. And that’s expected to continue”.[3] Im Gegensatz zu vielen westlichen Kritikern haben die neu auf den Weltmarkt drängenden Länder oft eine ganz andere Vorstellung von ihrer Zukunft im Zeitalter der Globalisierung. Der mexikanische Präsident Vicente Fox strotzt vor Optimismus.

“We are convinced that globalization is good and it’s good when you do your homework... keep your fundamentals in line on the economy, build up high levels of education, respect rule of law... when you do your part, we are convinced that you get the benefit.”[4] Auch im viele Jahrzehnte streng abgeschotteten China scheint es keine Furcht mehr vor den Kapitalisten zu geben. Im Gegenteil, Jin Liqun,China Vize -Minister für Finanzen, sieht den beinharten internationalen Wettbewerb als positive Herausforderung für die Gesellschaft. “We take the challenge of international competition in a level playing field as an incentive to deepen the reform process for the overall sustained development of the economy. WTO membership works like a wrecking ball, smashing whatever is left in the old edifice of the former planned economy.”[5] Die Optimisten in der Debatte verweisen vor allem auf die Erfolge bei der Bekämpfung der Armut. Auch das stimmt im historischen Vergleich. Seit 1820 ist er Anteil der Menschheit, der mit weniger als 1 Dollar am Tag (Konsum in US$ von 1990) leben muss von 76,4 % auf 16,5 % (1985)[6] gefallen. Aber während Ostasien boomt, verelendet andererseits südlich der Sahara ein ganzer Kontinent. Die Zahlen ergeben also ein scheinbar widersprüchliches Bild. Die Frage dieser Arbeit ist deshalb:

Führt die Globalisierung zu mehr weltweiter Ungleichheit?

Die Literatur zu diesem Thema ist sehr umfangreich, hat aber meist einen ziemlich begrenzten Focus. Zahlreiche Arbeiten beschäftigen sich mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die reichen Industrieländer oder vorübergehenden Ereignissen wie der Asienkrise. Um die komplexen Vorgänge der Globalisierung zu untersuchen ist jedoch meiner Meinung nach eine globale, lange Zeiträume umfassende Sichtweise notwendig. Deshalb stützt sich diese Arbeit vor allem auf aktuelle historische Studien. Besonders nützlich waren in dieser Hinsicht François Bourguignon und Christian Morrisson (1999), Kevin H. O´Rourke ( 2001) und Peter H.Lindert /Jeffrey G Williamson (2001) mit ihren Arbeiten zur Globalisierung seit 1820. Um die Effekte der Globalisierung besser abzugrenzen von denen der Industrialisierung und des spezifischen institutionellen Rahmens wird in dieser Arbeit auch die Ungleichheit in protektionistischen Phasen untersucht. Der Abschnitt zu Lateinamerika bezieht sich vor allem auf die Arbeiten von Adrian Wood (1997), Jörg Baten (2002) und Raymond Robertson (2004). Ungleichheit in den wirtschaftlich am engsten verflochtenen Staaten stehen im Mittelpunkt der OECD-Studie von Jean Marc Burniaux (1998). Roland Vaubel (2005) leitet die daraus folgenden sozialpolitischen Konsequenzen ab. Mit der weltweiten Entwicklung der Ungleichheit seit 1980 beschäftigt sich die aktuellen Weltbank-Untersuchung von David Dollar (2004). Die umfangreichsten empirischen Befunde liefert hierzu Xavier Sala-i-Martin (2002).

2. Maßstäbe und Probleme bei der Messung von Ungleichheit

2.1. Ungleichheit innerhalb von Staaten

Schaut man sich verschiedene Studien zur Ungleichheit in Staaten an, gibt es erstaunlicherweise unterschiedliche Ergebnisse zu den gleichen Untersuchungsobjekten. Wie kommt das?

1. Es wird einerseits die Lohnungleichheit von vollbeschäftigten Arbeitnehmern gemessen, andererseits die Einkommensungleichheit von Haushalten. Hier kann es oft zu gravierenden Unterschieden kommen. Zum einen fallen Arbeitslose und Selbständige im ersten Fall komplett weg. Außerdem werden Transfereinkommen durch Umverteilung nicht berücksichtigt. Schließlich fehlen die Teilzeitarbeiter (häufig Frauen). In Entwicklungsländern sind die Probleme noch größer, weil hier meist eine Minderheit formeller Arbeitsverhältnisse einem größeren informellen Sektor gegenübersteht. Aus diesen Gründen scheint die Messung der Haushaltseinkommen sinnvoller zu sein. In Entwicklungsländern wird dafür aus Mangel an anderen Daten oftmals der Verbrauch notwendiger Güter benutzt.

2. Während es für die letzten 30 Jahre meist eine recht gute Datenbasis gibt, fehlen vor allem für die Zeit vor 1870 die notwendigen Zahlen. Besser wird es ab 1870. Für die Zeit 1870-1914 benutzen Lindert/Williamson zwei Maßstäbe. Einmal das Verhältnis Lohn für ungelernte Arbeit/BIP pro Kopf und einmal das Verhältnis Land-Pacht/Lohn für ungelernte Arbeit.[7] Der letztere Indikator scheint recht sinnvoll, weil Boden damals der bestimmende Vermögensfaktor war. So werden die Einkommen der reichsten Schicht (Landbesitzer) ins Verhältnis zur ärmsten Schicht landloser Bauern gesetzt, die den Großteil der ungelernten Arbeiter in Industrie und Landwirtschaft stellten. Für die Zeit nach 1950 wird dieser Indikator auf Grund des Bedeutungsverlustes der Landwirtschaft nicht mehr verwendet.

2.2. Ungleichheit zwischen Staaten

Ungleichheit zwischen Staaten wird meist auf Grundlage des BIP/Kopf gemessen. Hier gibt es jedoch das Problem der unterschiedlichen Kaufkraft einmal zwischen Ländern und einmal zu verschiedenen Zeitpunkten. Bourguignon/ Morrisson benutzen deshalb als Referenz den Dollar von 1990 umgerechnet in Kaufkraftparitäten. Ein zweites Problem sind fehlende Daten für die erste Globalisierungswelle. Bourguignon/ Morrisson bilden deshalb 15 Einzelstaaten mit guter Datenlage und bilden außerdem 18 Ländergruppen, deren Daten auf Grundlage der geographischen Nähe zu diesen Einzelstaaten geschätzt werden. Hier ist also etwas Vorsicht angebracht.

2.3. Ungleichheit zwischen Individuen

Zur Messung der weltweiten Ungleichheit wird häufig die Ungleichheit zwischen Staaten herangezogen. Das birgt jedoch ein großes Problem. Die Einwohnerzahl bleibt unberücksichtigt Zwergstaaten wie Luxemburg erhalten das gleiche Gewicht wie etwa China. Dies ist eine erhebliche Verzerrung der Wirklichkeit. Deshalb ist es erheblich aufschlussreicher, etwa wie Sala-i-Martin, die Ungleichheit zwischen Individuen zu messen. Hierbei muss jedoch unbedingt die Kaufkraft berücksichtigt werden. Denn 1 Dollar ist in New York erheblich weniger wert als in Delhi. Dies wurde beispielsweise in der viel zitierten Human Development Report von 1999, der eine weltweit steigende Ungleichheit berichtete, nicht beachtet. “ ‘in 1960, the 20% of the world’s people in the richest countries had 30 times the income of the poorest 20%. The ratios increased to 60 to 1 in 1990 and 74 to 1 in 1997.’ Curiously, these ratios are computed using current-exchange rates and without adjusting for purchasing power parity.”[8] Wenn man also den Einfluss der Globalisierung auf die weltweite Ungleichheit messen will, dann ist die Betrachtung der individuellen Ungleichheit unter Berücksichtigung von Kaufkraftparitäten.

3. Entwicklung der Ungleichheit 1820-1913

3.1. Ungleichheit in Europa

The big gainers from this leading-country trade liberalization were British laborers and the rest of the world, while the claer losers were British landlords, the world´s richest group.”[9] Großbritannien als Weltmacht des 19. Jahrhunderts war die treibende Kraft der ersten Globalisierungswelle. Sinkende Transportkosten durch die Erfindung von Dampfschiff und Eisenbahn (minus 70 % im Zeitraum 1840-1910)[10], die Liberalisierung des heimischen Agrarmarktes (Corn Law) und die rasante Industrialisierung des Landes gaben den entscheidenden Anstoß. In Großbritannien, dem Vorreiter, waren deshalb auch die ersten Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Einkommensentwicklung zu beobachten. Insgesamt kam es durch das enorme Wirtschaftswachstum zu einem Einkommensanstieg. Die Entwicklung verlief jedoch für die einzelnen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich. Diese Unterschiede lassen sich mit dem Stolper-Samuelson-Modell der Faktorausstattung erklären. Die britischen Landlords verfügten zwar über reichlich Boden, bekamen aber durch die Großfarmen in den Ländern der Neuen Welt, etwa USA, Kanada, Argentinien, Chile, Australien, eine überlegene Konkurrenz. Diese Länder waren mit dem Faktor Boden wesentlich besser ausgestattet. Ihr Getreide war billiger als das englische und dadurch sanken die Einnahmen der britischen Grundeigentümer. Das genaue Gegenteil passierte mit dem Faktor Arbeit. Es gab in Großbritannien Arbeitskräfte im Überfluss. Diese wurden durch die Zunahme des Exports englischer Fertigprodukte erhöht nachgefragt. Außerdem wurden ihnen in den Ländern der Neuen Welt höhere Löhne geboten. Es kam zu einer starken Emigration britischer Arbeitskräfte in die ehemaligen Kolonien. Der reichlich vorhandene Faktor Arbeit wurde also mehr nachgefragt und damit teurer. Die Löhne für einfache Arbeit, und damit die Einkommen der ärmsten Bevölkerungsschichten, stiegen also an und die Einahmen der reichen Landbesitzer sanken. Deshalb verringerte sich die Ungleichheit in Großbritannien. Diesem Trend wirkte zwar der steigende Abfluss des Faktors Kapital entgegen, konnte ihn aber nur abschwächen. Diese Entwicklung fand mit mehr oder weniger zeitlicher Verzögerung auch in den anderen europäischen Ländern statt, die an der Globalisierung partizipierten. In Irland und Italien, wo meisten Arbeitskräfte auswanderten, stiegen die Löhne am stärksten.[11]

[...]


[1] Wadkins, Kevin,1999 : Background Paper for the 1999 UNPD’s Human Development Report, zitiert in Sala-i-Martin, Xavier 2002: The Disturbing “Rise” of global income inequality, NBER Working Paper Series No.8904, National Bureau of Economic Research, Cambridge, S.3

[2] Bourguignon, François and Christian Morrisson. 1999 :The Size Distribution of Income Among World Citizens: 1820-1990. Mimeo, World Bank, S.21

[3] Chomsky, Noam, 2001: September 11 th and Its Aftermath: Where is the World Heading? Conference presented in Chennai (Madras), India: November 10 zitiert in Dollar, David 2004: Globalization, Poverty, and Inequality since 1980, World Bank Policy Research Working Paper 3333 , World Bank, S.2

[4] Zitat in Dollar, David 2004: Globalization, Poverty, and Inequality since 1980, World Bank Policy Research Working Paper 3333 , World Bank, S.2

[5] Zitat in ebd. S.2

[6] Bourguignon, François und Morrisson, Christian. 1999, “The Size Distribution of Income Among World Citizens: 1820-1990.” Mimeo, World Bank, S.21

[7] Gemessen wird, wieviel Stunden ein Arbeiter für die Pacht eines Hektars Acker arbeiten muss.

[8] Sala-i-Martin, Xavier 2002: The Disturbing “Rise” of global income inequality, NBER Working Paper Series No.8904, National Bureau of Economic Research, Cambridge, S.8, Zitat aus HDR 1999, http://www.undp.org/hdro/99.htm pages 29 and 36.

[9] Lindert, Peter H., Williamson, Jeffrey G. 2001: Does globalization make the world mor unequal?, NBER Working paper Series No. 8228, National Bureau of Economic Research, Cambridge,S. 11

[10] O´Rourke, Kevin H. 2001: Globalization and Inequality: Historical Trends, Trinity College Dublin, CEPR and NBER , S.6

[11] Lindert, Peter H., Williamson, Jeffrey G. 2001: Does globalization make the world mor unequal?, NBER Working paper Series No. 8228, National Bureau of Economic Research, Cambridge,S. 16

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Führt Globalisierung zu mehr weltweiter Ungleichheit?
Untertitel
Eine Darstellung mit Bezug zu aktuellen historischen Studien (Stand 2005)
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Sozialstruktur im europäischen Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V41510
ISBN (eBook)
9783638397537
ISBN (Buch)
9783638656078
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der ökonomischen Globalisierung auf die Einkommensungleicheit zwischen Menschen.
Schlagworte
Führt, Globalisierung, Ungleichheit, Hauptseminar, Sozialstruktur, Vergleich
Arbeit zitieren
Jan Stoye (Autor), 2005, Führt Globalisierung zu mehr weltweiter Ungleichheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41510

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