Gegenstand dieser Arbeit ist es, die Elemente der gothic tradition, oder auch gothic elements genannt, in Kurzprosawerken von Edgar Allan Poe zu untersuchen. Zunächst wird ein kurzer Überblick über den englischen Schauerroman, über seine Entstehungszeit und der Leserschaft gegeben. Dann werden die einzelnen gothic elements aufgezählt und kommentiert. Die sechs ausgewählten Erzählungen, „Ligeia“, „The Fall of the House of Usher“, „The Tell- Tale Heart“, „The Black Cat“, „The Facts in the Case of M. Valdemar” und „The Cask of Amontillado“ werden gemäß deren Erscheinung, in chronologischer Reihenfolge angeordnet und untersucht.
Bei „Ligeia“, Poes Lieblingsgeschichte, wird zunächst der Schauplatz und dessen Auswirkung auf den Erzähler untersucht. Bei dieser Geschichte spielt– je nach Interpretation - auch Inzucht, das Übernatürliche und die Seelenwanderung eine wichtige Rolle. Man kann diese short story aber auch als eine Art Krimi lesen, wo der Erzähler seine Frauen tötet. Eine weitere Interpretationsmöglichkeit erlaubt das Übernatürliche und die Seelenwanderung auszuschließen, denn nach dieser Deutung hat der opiumsüchtige Erzähler die seltsamen Ereignisse nur geträumt, es war eine Halluzination. Diese Möglichkeiten werden neben den unheimlichen Schauplatz und der Atmosphäre in Anbetracht gezogen und die daraus resultierenden gothic elements werden untersucht.
Bei „The Fall of the House of Usher“ gibt es genauso wie bei “Ligeia” mehrere Deutungsmöglichkeiten. Dementsprechend gibt es Elemente, die nur bei der jeweiligen Interpretation in der Geschichte zu finden sind. Der gruselige Schauplatz, die unheimliche Atmosphäre und die Angst der beiden Protagonisten sind die Grundbausteine der Erzählung. Hinzu kommt ein dunkles Familiengeheimnis, Familienkrankheit oder Familienfluch der Ushers. Inzest und die Möglichkeit, dass es sich bei der short story um eine Vampirgeschichte handelt, wird auch erläutert.
In „The Facts in the Case of M. Valdemar” steht der Tod und das Sterben im Mittelpunkt. Poe verbindet in dieser Erzählung die Wissenschaft mit dem Grauen. Daraus resultiert eine Gruselgeschichte, die seinerzeit viele Leser als Tatsache betrachteten. Die Hintergründe und der Effekt der Geschichte werden untersucht, denn falls die Leser dem Bericht glaubten, müssen die Ereignisse für diese gutgläubigen Leser noch unheimlicher erscheinen. Angst und Grauen sind die hauptsächlichen Elemente, die analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Die sechs untersuchten Kurzgeschichten
1.2 Die Gestaltung der Arbeit
2. Der Schauerroman als Gegenstand der Forschung
2.1 Der Schauerroman und seine Entstehungszeit
2.2 Der Schauerroman und seine Leserschaft
2.3 Elemente der gothic tradition
2.4 Schauerromane in England und dessen Elemente bei Poe
2.4.1. The Castle of Otranto und The Mysteries of Udolpho
2.4.2. The Monk und Frankenstein
3. Poe und seine Werke
3.1 „Ligeia”
3.1.1 Die Abtei und die gruslige Atmosphäre
3.1.2 Angst, das Übernatürliche und Inzucht als gothic elements
3.1.3 Halluzination
3.1.4 Ligeia als Dämon und das Thema der Seelenwanderung
3.1.5 Der Mord an zwei Ehefrauen
3.2 „The Fall of the House of Usher“
3.2.1 Das Schloss und die unheimliche Atmosphäre
3.2.2 Der Familienfluch und Inzest
3.2.3 Angst, Aberglaube und Halluzination
3.2.4 Eine Vampirgeschichte
3.3 „The Tell-Tale Heart“
3.3.1 Die gestörte Psyche des Erzählers
3.3.2 Todesangst und Wahnvorstellungen
3.4 „The Black Cat“
3.4.1 Die Psyche des Erzählers
3.4.2 Das Übernatürliche und die Rache der Katze
3.4.3. Seelenwanderung und das vom Teufel besessenes Tier
3.4.4 Die Ehefrau und die Katzen
3.5 „The Facts in the Case of M. Valdemar”
3.5.1 Hintergründe, Mesmerismus und eine wahre Geschichte?
3.5.2 Das Grauen: die Grenze zwischen Leben und Tod
3.5.3 Die Stimme aus dem Jenseits
3.6 „The Cask of Amontillado“
3.6.1 Das Familienmotto
3.6.2 Montresors Motiv
3.6.3 „Thousand injuries“
3.6.4 Ironie als Element um eine grauenvolle Atmosphäre zu schaffen
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Repräsentation und Funktion zentraler Elemente der traditionellen Gothic-Literatur (gothic elements) in ausgewählten, chronologisch angeordneten Kurzprosawerken von Edgar Allan Poe, um aufzuzeigen, wie er diese Tradition fortführt, psychologisiert und weiterentwickelt.
- Analyse des englischen Schauerromans und seiner historischen sowie soziokulturellen Entstehungskontexte.
- Systematische Identifikation und Kommentierung spezifischer Gothic-Elemente (z.B. unheimliche Schauplätze, Seelenwanderung, Wahnsinn).
- Untersuchung der psychologischen Dimension von Horror und Angst in Poes Erzählungen im Vergleich zur Gothic-Tradition.
- Erläuterung der Wechselwirkung zwischen psychischer Disposition der Erzähler (z.B. Opiumsucht) und der Konstruktion von Übernatürlichem.
- Vergleichende Betrachtung der Rolle von Wissenschaft, Tod und Grauen in ausgewählten Kurzgeschichten.
Auszug aus dem Buch
3.1 „Ligeia“
Nachdem Poe erste Werke veröffentlicht hat, nähert man sich laut Lubbers mit „Ligeia“ dem künstlerischen Höhepunkt Poes. Ein Jahr später erschien „The Fall of the House of Usher“, und wenn man beide Kurzgeschichten genauer untersucht, weiß man nicht, welcher man den Vorzug geben soll (siehe auch Lubbers 1961: 45). Poe selbst hielt Ligeia für die gelungenste seiner Prosaschriften (siehe auch Kelleter 1997: 175). In beiden Geschichten wird eine Frau für tot gehalten und beide scheinen irgendwelche ‚Superkräfte’ zu haben, die sie nutzen können, um den Tod zu trotzen. In beiden Erzählungen ist die „Verflochtenheit der Bezüge so stark, dass man bei der Durchsicht der kritischen Äußerungen manchem Rätselraten und Irrweg gegenübersteht“ (Lubbers 1961: 45). Die Außergewöhnlichen Geschichten bieten viele und unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten an. „Ligeia“ ist eine Liebesgeschichte, die das Gefühl unendlicher Einheit mit der einzig und innig Geliebten beschreibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Gothic-Tradition, ihre Bedeutung für Poe und Vorstellung der sechs untersuchten Erzählungen.
2. Der Schauerroman als Gegenstand der Forschung: Historische Herleitung des Schauerromans, seiner Leserschaft sowie Definition der zentralen Gothic-Elemente.
3. Poe und seine Werke: Detaillierte Einzelanalyse der sechs Kurzgeschichten hinsichtlich ihrer Gothic-Elemente, psychologischer Aspekte und Interpretationsansätze.
4. Zusammenfassung: Resümee über Poes Weiterentwicklung des Gothic-Genres hin zur psychologischen Horrorgeschichte.
Schlüsselwörter
Edgar Allan Poe, Gothic Tradition, Schauerroman, Horror-Geschichte, Psychologie, Angst, Seelenwanderung, Wahnsinn, Übernatürliches, Metempsychose, Mesmerismus, Tod, Literaturwissenschaft, Kurzprosa, Gothic elements
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Anwendung und Weiterentwicklung traditioneller Gothic-Elemente in ausgewählten Kurzprosawerken von Edgar Allan Poe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die historische Einordnung des Schauerromans, die psychologische Fundierung von Angst und Grauen sowie die Funktion übernatürlicher Motive bei Poe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Poe die Gothic-Tradition nicht nur kopiert, sondern durch die Zentrierung des Psychologischen und des Ich-Erzählers maßgeblich weiterentwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die die Texte in ihren gattungsgeschichtlichen Kontext stellt und durch die Auswertung zeitgenössischer Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung von sechs Kurzgeschichten, darunter „Ligeia“, „The Fall of the House of Usher“ und „The Black Cat“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Gothic Tradition, Psychologie, Wahnsinn, Seelenwanderung, Übernatürliches und der Einfluss von Opium auf die Erzählperspektive.
Inwiefern beeinflusst der Opiumkonsum die Interpretationen von Poes Werken?
Die Autorin diskutiert in mehreren Kapiteln, ob bestimmte übernatürliche Ereignisse als reale Phänomene oder lediglich als halluzinatorische Wunschträume des opiumsüchtigen Ich-Erzählers zu werten sind.
Welche Rolle spielt die Figur der Katze in „The Black Cat“?
Die Katze fungiert als ambivalentes Symbol, das sowohl als Haustier als auch als dämonisches Racheinstrument oder Reinkarnation auftritt, welches den Erzähler psychisch zersetzt.
Wie unterscheidet sich Poes „The Cask of Amontillado“ von anderen Gothic-Geschichten?
In dieser Erzählung treten Ironie und Sarkasmus stark in den Vordergrund, um die grauenvolle Atmosphäre des eingemauerten Opfers zu verstärken.
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- Renate Bagossy (Author), 2005, Elemente der "gothic tradition" in den Kurzprosawerken Edgar Allan Poes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41535