Der Tod ist erst der Anfang - Zum Verhältnis von Leben und Tod im hinduistischen Glauben

Darstellung mit Einbeziehung zentraler ritueller Praktiken und Initiationsriten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einführung

2. Was zeichnet den hinduistischen Glauben aus?
2.1 Zeitgeschichtliche Hintergründe
2.2 Problematisierung des Begriffs Hinduismus

3. Der Hindu und seine Einstellung zu Leben und Tod
3.1 Die symbiotische Beziehung von Leben und Tod
3.2 Die 4 Lebensstufen und die Menschwerdung
3.2.1 Zeugung und Geburt
3.2.2 Kindheit und Studienzeit
3.2.3 Heirat und Familiengründung
3.2.4 Der gesellschaftliche Rückzug und die Entsagung
3.3 Karma, Wiedergeburt und die Erlösung moksa

4. Der Dienst an den Toten
4.1 Die Bedeutung der Totenrituale im Hinduismus
4.2 Das brahmanische Toten- und Sterberitual
4.3 Ahnenverehrung und hinduistische Ahnenrituale

5. Besondere Todesarten
5.1 Der „lebende“ Tote: Samnyasin
5.2 Formen der Askese, Witwenverbrennung und Selbstmord

6. Schlusswort

7. Bibliographie

1. Zur Einführung

Die Frage, was mit uns nach dem Tod geschieht, ist so alt wie die Menschheit selbst. Dabei ist der Versuch, darauf eine wissenschaftlich fundierte Antwort zu finden, bislang erfolglos geblieben: Tote lassen sich nicht mehr befragen – auch wenn parapsychologische und spirituelle Untersuchungsansätze oder sogenannte „Geisterbeschwörer“ das Gegenteil behaupten. Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre brach in Deutschland ein regelrechter Esoterik-Boom aus, der diesem Thema zahlreiche Bücher widmete. Die Arbeit „Über den Tod und das Leben nach dem Tod“[1] von der Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross bereicherte die Sterbeforschung durch identische Aussagen von Sterbenden und ehemals klinisch tot erklärten Patienten. Thorwald Dethlefsen nimmt dagegen in seinem Buch „Das Leben nach dem Leben“[2] das Medium der Hypnose zu Hilfe und hinterfragt in seinen „Gesprächen mit Wiedergeborenen“ den Tod als Ende der persönlichen Existenz.

So widersprüchlich, wie sich die einzelnen Reaktionen in Bezug zur wissenschaftlichen Forschungsliteratur darstellen, gestaltet sich der seit jeher geführte Kampf der Religionen um die unterschiedlichen Positionen in Bezug auf die Vorstellungen von Leben und Tod. Trotz der interessanten Thematik würde eine vergleichende Darstellung der verschiedenen religiösen Sichtweisen auf den menschlichen Tod jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb möchte ich mich im Folgenden ausschließlich mit dem hinduistischen Glauben und seiner Lebens- und Todesphilosophie auseinandersetzen. Viele Aspekte des hinduistische Glaubens, wie z.B. des Yoga oder Tantra, erfuhren im Zuge des neuen esoterischen und spirituellen Bewusstseins großes Interesse. Der Hinduismus mit seinem untrennbaren zyklischen Konzept von Leben, Tod und Wiedergeburt bietet mir in diesem Zusammenhang eine beeindruckende Bandbreite von religiösen Schriftstücken, spirituellen Weisheiten und rituellen Handlungen, die es im weiteren Verlauf genauer zu untersuchen gilt. Dabei muss erwähnt werden, dass eine vollständige Darstellungen der im Hinduismus vorhandenen Totenrituale an dieser Stelle nicht möglich ist. Vielmehr soll es darum gehen, mit Hilfe zentraler hinduistischer Rituale Einblick in die indische Kultur und Religion zu bekommen, um am Ende dieser Arbeit die hinduistische Auffassung von Leben und Tod aus dem christlichen Kontext heraus zu reflektieren und – gegebenenfalls – kritisch zu hinterfragen.

2. Was zeichnet den hinduistischen Glauben aus?

2.1 Zeitgeschichtliche Hintergründe

Der Hinduismus verweist (anders als der Islam oder das Christentum) auf keinen Gründer und kein Gründungsereignis. Auch die heilige Schrift des hinduistischen Glaubens, die Veden, sind anonym und ohne zeitliche Angaben verfasst, weshalb der Hinduismus auch „die ewige Religion“ genannt wird, die in der Vorstellung ihrer Gläubigen auf eine „unvorstellbare Vergangenheit“ zurückzuführen ist.[3] Die Hinduismus ist die am weitesten verbreitete Religion in Indien: Nach einer Studie von 1991 leben dort rund 800 Millionen Hindus, 110 Millionen Muslime, während der christliche Anteil bei 2,5 Prozent, die Sikhs bei zwei Prozent und Buddhisten und Jainas unter einem Prozent in der Bevölkerung vertreten sind.[4] Diese religiöse Vielzahl in Indien erklärt sich durch die zahlreichen Einwanderungen aus verschiedenen Kulturkreisen, die die Religion Indiens maßgeblich prägen. Das vorindoarische Substrat, die Ureinwohner Indiens, vermutet man aus Zuwanderungen vom Mittelmeerraum und Südchina. Im 8. Jahrhundert n. Christus folgte schließlich der Einfall der Muslime (und somit auch der religiöse Einfluss des Islam), im 13. Jahrhundert wurde das Land durch Tschinghis Khan von den Mongolen gestürmt, bis letzten Endes im 15. Jahrhundert durch Vasco da Gama der europäische Kolonialismus in Indien einzog und mit ihm auch der christliche Glaube.[5] Diese vielen kulturellen und religiösen Einflüsse führten dazu, dass der Hinduismus seine Wurzeln zwar in den vedischen Schriften der Oberschicht wiederfindet, gleichzeitig jedoch traditionellen Kulten ansässiger (unterer) Bevölkerungsschichten nachgeht, was zu einem Nebeneinander (und Gegeneinander) der patriarchal geprägten Religion der Brahmanen und dem religiösen Mutterkult der Unterschicht führt.

Mittlerweile gilt der Hinduismus nach dem Christentum und dem Islam als drittgrößte Religion der Erde. Dies ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass der hinduistische Glaube an die Volkszugehörigkeit gekoppelt ist und das Hineingeborenwerden in eine Kaste voraussetzt.[6] Die Konvertierung zum Hinduismus ist dadurch ausgeschlossen – was jedoch nicht bedeutet, dass dies zu einer einheitlichen Struktur der religiösen hinduistischen Lehre führt – im Gegenteil.

2.2 Problematisierung des Begriffs Hinduismus

Der Hinduismus ist eine polytheistische Religion, aus deren Göttervielfalt viele hinduistische Strömungen entstanden sind, die einzelne Gottheiten verstärkt anbeten und über andere Götter erheben.[7] Diese Vielfalt an religiösen Ausrichtungen macht den Hinduismus unzugänglich für eine einheitliche Beschreibung, weshalb ich mich bei meinen weiteren Untersuchungen in erster Linie auf die dominante hinduistische Religion, den brahmanischen Sanskrit-Hinduismus beziehen werde, dessen Basis die vedischen Schriften sowie das Vollziehen ritueller Handlungen bilden.[8] Daneben gibt es regionale Stammes- und Volksreligionen mit oralen Texten, deren Götterverehrung an bestimmte Orte gebunden ist.[9] Mit der Vielgötterei ist auch die Absage an den Missionsgedanken „niemand ist der alleinige Besitzer der Wahrheit“ verbunden.[10] Es gibt jedoch auch im Hinduismus eine oberste religiöse (weltliche) Instanz: Die Sankaracaryas, die sich in Abgeschiedenheit ausschließlich mit religiösen Texten befassen und weder Einfluss auf die Gesetzesgebung noch auf politische Aktivitäten ausüben.[11] Auch die Priesterkaste der Brahmanen, sowie vereinzelte Sekten-Gurus und asketische Gruppierungen genießen hohes gesellschaftliches Ansehen.[12] So zahlreich wie die religiösen Strömungen, sind auch die Formen hinduistischer Religiosität: Neben dem im brahmanischen Hinduismus verankerten Ritualismus, finden sich Erlösungslehren des Spiritualismus (z.B. esoterischer Guruismus/Tantrismus), den hauptsächlich in Stammes- und Volksreligionen vertretenen Devotionalismus sowie den Heroismus der Guru-Verehrung und asketischen Bewegung.[13] Trotz ihrer Unterschiede behandeln alle die religiöse Kernthematik Tod, weisen dabei jedoch grundlegende Differenzen auf: So könnte man sagen, dass im Ritualismus und Devotionalismus die Besänftigung von Gottheiten im Mittelpunkt steht, bei denen die Gläubigen durch Feierlichkeiten zu Ehren bestimmter Götter und durch Opfergaben um die Gunst der Götter buhlen. Der Spiritualismus hingegen widmet sich der geistigen und körperlichen Befreiung des Individuums mit Hilfe von (durch Gurus verfassten) Lehren. Wohingegen der Heroismus als wohl extremste Form von Religiosität, spezielle Totenkulte (wie Witwenverbrennung), sowie den Heldentod bzw. das Märtyrertum als idealisierten Erlösungsweg anstrebt.

3. Der Hindu und seine Einstellung zu Leben und Tod

3.1 Die symbiotische Beziehung von Leben und Tod

Neben dem Hinduismus gibt es wohl kaum eine zweite Weltreligion, die in ähnlicher Fülle mit rituellen Handlungen zu allen nur erdenklichen Stufen eines menschlichen Lebens angereichert ist. Dabei ist es erstaunlich, inwieweit der Hinduismus nicht nur die für uns greifbaren Lebenssituationen initiiert und ritualisiert, sondern auch denjenigen Daseinsebenen eine Existenz in einem Lebenszyklus zuspricht, die weit entfernt von der menschlichen Vorstellungskraft liegen, z.B. das Leben nach dem Tod. Wie es der in Indien geschätzte Dichter Tagore ausdrückte „findet Leben (...) seinen Maßstab in einem ständigen Rückfall in den Tod. Jeder Tag ist Tod, sogar jeder Augenblick“ und das menschliche Dasein auf Erden wäre ohne die Symbiose von Tod und Leben „stumm und still“.[14] Für den Hindu ist der Tod also kein notwendiges Übel am Ende eines Lebens, vielmehr kann er als „notwendiges Instrument der Erneuerung“ aufgefasst werden.[15] Dennoch besteht für einen westlich denkenden Menschen eventuell die Gefahr, die Philosophie des Hinduismus falsch zu verstehen und ihr eine lebensverneinende und todesbejahende Tendenz zu unterstellen.

Zwar geht der hinduistische Glaube nicht von einer Erbsünde des Menschen aus, wie es im Christentum der Fall ist, doch auch er kennt diese Art der menschlichen Unzulänglichkeit. So stellt der „leidende Mensch“ den Ausgangspunkt der indisch-religiösen Philosophie dar – wobei er durch ein korrekt geführtes Leben auf der Welt die Möglichkeit hat, sich von diesem Leid zu befreien und gleichzeitig auf seine Pflichten gegenüber der Gesellschaft (und der Welt) hingewiesen wird.[16]

Im Hinduismus sind Leben und Tod demnach untrennbar miteinander verbunden, so dass ich mich dazu entschieden habe, in dieser Arbeit nicht nur das explizite Todesverständnis des Hinduismus, sondern auch dessen Einstellung zum Leben mitein zu beziehen. Wie dabei die weiter oben erwähnte Befreiung des Menschen zu verstehen ist und welche Pflichten ihm zu Lebzeiten auferlegt werden, möchte ich in den folgenden Punkten erläutern.

[...]


[1] Kübler-Ross, Elisabeth: Über den Tod und das Leben danach. Die Silberschnur GmbH: Melsbach 1988.

[2] Dethlefsen, Thorwald: Das Leben nach dem Leben. Bertelsmann: München 1974/1978.

[3] Gunturu, Vanamali: Der Hinduismus: Die große Religion Indiens. Hugendubel: Kreuzlingen/München 2000, S. 21.

[4] Meising, Konrad: Shivas Tanz: der Hinduismus. Kleine Bibliothek der Religionen, Bd. 4, Herder: Freiburg/Basel/Wien 1996, S. 17.

[5] Vgl. Ebenda, S. 10-12.

[6] Ebenda, S. 13.

[7] Gunturu, Vanamali: Der Hinduismus, a.a.O., S. 23.

[8] Vgl. Michaels, Axel: Der Hinduismus: Geschichte und Gegenwart. Beck: München 1998, S. 37.

[9] Ebenda, S. 38.

[10] Gunturu, Vanamali: Der Hinduismus, a.a.O., S. 23.

[11] Ebenda, S. 24.

[12] Vgl. Mooren, Thomas: Die vertauschten Schädel: Tod und Sterben in Naturreligionen, Hinduismus und Christentum. Patmos: Düsseldorf 1995, S. 71.

[13] Michaels, Axel: Der Hinduismus, a.a.O., S. 39f.

[14] Mooren, Thomas: Die vertauschten Schädel, a.a.O., S. 104.

[15] Ebenda.

[16] Vgl. Gunturu, Vanamali: Der Hinduismus, a.a.O., S. 195f.

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Details

Titel
Der Tod ist erst der Anfang - Zum Verhältnis von Leben und Tod im hinduistischen Glauben
Untertitel
Darstellung mit Einbeziehung zentraler ritueller Praktiken und Initiationsriten
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Totenkulte
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V41537
ISBN (eBook)
9783638397780
ISBN (Buch)
9783638843256
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es hat richtig Spass gemacht, sich in das Thema einzulesen und die Arbeit zu schreiben. Vielleicht macht euch das Lesen auch Freude?
Schlagworte
Anfang, Verhältnis, Leben, Glauben, Totenkulte
Arbeit zitieren
Amely Braunger (Autor), 2005, Der Tod ist erst der Anfang - Zum Verhältnis von Leben und Tod im hinduistischen Glauben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41537

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