Das Westwerk am Dom zu Speyer. Eine Entwicklung vom 11. Jahrhundert bis Heute


Hausarbeit, 2017

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschichte zum Dom

3. Entwicklung des Westwerks von der ersten Bauzeit Mitte des 11. Jahrhunderts bis zum 19. Jahrhundert
3.1. Der Westbau von Speyer I, 1030-1061
3.2. Der Westbau von Speyer II, 1082-1106
3.3. Der Neumann`sche Westbau um 1772-1780
3.4. Westfassade nach Heinrich Hübsch 1854-57

4. Der Westbau von Heinrich Hübsch im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse

5.Vergleich der Westwerke Mainz und Worms mit Speyer
5.1. Mainzer Dom (Abb.15)
5.2. Der Wormser Dom (Abb.18)

6. Fazit

7. Bibliographie

8. Bildanhang

1. Einleitung

Der Dom bildet den Blickpunkt der kleinen Stadt Speyer, westlich des Rheines. Seit Mitte des 11. Jahrhunderts präsentiert sich der Bau als bedeutendstes Bauwerk der Romanik. Begonnen bei den Karolingern und Ottonen, über den Stil des Barocks bis heute, haben sich verschiedene Bauherren, Sponsoren und Stifter bemüht, diese Bedeutung zur Geltung zu bringen. Im Laufe der Jahre durchlief der Dom einige Neuerungen, sowie An- und Abbauten. Auch nach der großteiligen Zerstörung im Erbfolgekrieg 1689 gab man ihn nicht auf, sondern gestaltete ihn im Sinne des Barock neu. Erst durch die neuzeitliche Restaurierung erstrahlt der Dom wieder im Stil der Romanik. Trotz mehrfacher Studien zur Baugeschichte, Stil und Aufbau des Domes, z.B. durch Prof. Dr. E. Kubach[1], sind noch nicht alle Fragen zum Dom in Speyer geklärt. Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich mich besonders auf den Westbau konzentrieren. Hierbei soll vor allem auf den Bau von H. Hübsch eingegangen werden, aber auch die Entwicklung von Beginn Speyer I aufgezeigt werden. Zuvor wird eine kleine Zusammenfassung zur Geschichte des Domes einen ersten Überblick in das Thema verschaffen. Nachdem die vier Westbauten in chronologischer Reihenfolge beschrieben sind, wird auch auf die Beziehung zum gesellschaftlichen Kontext eingegangen. Warum gleicht der Bau Neumanns in seiner Form eher orientalischen Bauten? Und warum war es wichtig den Bau wieder den romanischen Grundzügen anzupassen? Es soll also nicht nur ein Überblick über die Westbauten aufgestellt werden, sondern auch dessen Bedeutung zur Zeitgeschichte und den Werten der Gesellschaft und des Umfeldes beschrieben werden. Des Weiteren werden die romanischen Dome Mainz und Worms beschrieben. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf den Ost- und Westteil gelegt werden und mit Speyer verglichen werden. Die Ausführungen werden sich vor allem auf die heute bestehenden Bauten richten. Es ist beabsichtigt auf Architekturbeschreibungen der Teile des Domes von Speyer, ausgenommen des Westbaus, zu verzichten. Lediglich die Beziehungen zwischen Westwerk und dem Rest des Domes sind hier von Bedeutung.

2. Geschichte zum Dom

Der Beginn des Domes von Speyer ist nicht genau überliefert. Auch die Baumeister können nicht genau festgestellt werden. Es wäre allerdings möglich, dass der Architekt der Klosterkirche Limburg und Lorsch in Speyer mitgewirkt haben. Fest steht, das der Dom unter Konrad II (ca.990-1039), dem deutsch-römischen Kaiser und Gründer des Königshauses der Salier, begonnen wurde. Man setzt dazu das Datum um 1030.[2] Als Konrad stirbt ist die Krypta fertig gestellt. Diese zeigt sich von enormen Maßen, im Gegensatz zu anderen Krypten des Reiches. Doch an den weiteren Teilen des Domes hinterlässt er eine Baustelle. Sein Sohn, Heinrich III (1016-1056), salischer Kaiser, führt den Bau weiter. Auch er erlebte die Fertigstellung nicht. Der bis dato erfolgte Bau war eine einfache Pfeilerbasilika (Abb.1). Das dreiteilige Mittelschiff bestand aus einer einfachen Holzdecke, die Seitenschiffe waren vermutlich schon eingewölbt (über die Daten der Einwölbung des Domes ist man sich bis heute unklar). Vor den Pfeiler, welche nicht weiter gegliedert waren, setzten sich Säulen. Das einteilige Querhaus wurde von einer Vierungskuppel bekrönt. Seitlich des Chores im Osten befanden sich die Chorwinkeltürme. Über das Westwerk ist nicht viel bekannt. Wahrscheinlich wird er genauso einfach gestaltet gewesen sein wie die anderen Teile des Domes. Massiv und kaum gegliedert (Abb.2). Erst 1061 erfolgte die Weihe mit dem jungen Heinrich IV. Unter dem König und späteren Kaiser Heinrich IV (1050-1106) sind die Bauherren wohl bekannt: Benno von Osnabrück (bis ca.1086) und Otto von Bamberg (bis 1102). Wie Weindel beschreibt, soll er große Teile der Mauern des Domes abgetragen und mit architektonisch reicheren Formen wieder aufgebaut haben.[3] Das Mittelschiff wird nun eingewölbt durch ein Kreuzgratgewölbe. Dadurch wird jeder zweite Pfeiler durch einen vorgelegten Pilaster und eine Halbsäule verstärkt. Querhaus und Stiftschor werden durch feingliedrige Teile und Ornamenten ausgeschmückt. Die sechs Türme werden fertig gestellt und der Westbau erhöht. Die Wandflächen zeichnen sich durch Quaderwerk ab. Als eines der letzten Neuerungen lässt Heinrich IV außen am Dom den Laufgang (Zwerggalerie) bauen. Dieser Umbau wird als Bau II (1082-1106) (Abb.3 und 4) bezeichnet, auch wenn dieser bis zum Tod Heinrich IV noch nicht vollendet war.[4] Unter Heinrich IV ist sowohl die Höchstform romanischer Baukunst am Dom ausgereift, wie auch die kaiserliche Repräsentation des Domes. Nach des Kaisers Tod bleibt die Bautätigkeit am Dom aus, aufgrund fehlender Geldmittel und Desinteresse Heinrich V(1081 o. 1086- 1125). Im Laufe der Jahre erleidet der Dom immer wieder Schäden durch Brände, doch erst im orleanischen Erbfolgekrieg erleidet er großteiligen Schaden. Der mittlere Teil des Domes war komplett zerstört (Abb.5) und auch der Westbau nur noch eine Ruine. Die kaum zerstörte Ostseite wurde nordürftig repariert und weiter zum Gottesdienst benutzt. In den 1770er Jahren widmete sich Ignaz Neumann dem Dom in Speyer. Erbaute das Mittelstück in romanischem Stil wieder auf, ließ allerdings den Westbau abtragen und im barocken Stil aufbauen. Doch wenige Jahre später sollte der Dom der französischen Revolution (1789- 1799) zum Opfer fallen. In ihrem inneren zerstört diente sie als Magazin der französischen Gruppen. Als Napoleon keinen Nutzen mehr für den Dom hatte, sollte dieser abgerissen werden. Ludwig Colmar, damaliger Bischof von Mainz, ist es zu verdanken, dass der Dom gerettet wurde. 1817, auf Vollzug des bayrischen Konkordates, wurde er wieder aufgebaut und als Bischofskirche benutzt. In den 1850er Jahren, unter Ludwig I (1786-1868), gestaltete der Maler Schraudolph das Innere des Domes in Nazarenischem Stil aus. Auch das Westwerk wird neu gestaltet, im neuromanischen Stil unter Heinrich Hübsch.[5]

3. Entwicklung des Westwerks von der ersten Bauzeit Mitte des 11. Jahrhunderts bis zum 19. Jahrhundert

3.1. Der Westbau von Speyer I, 1030-1061

Schon beim Beginn der ersten Bauphase lässt sich über das genaue Datum streiten, ob 1025 oder 1030. Genauer dagegen lassen sich Teile des Domes von Speyer I rekonstruieren, da sie auch heute noch erhalten sind. Unser Blick soll sich aber nun auf den Westen beschränken. Der quergelagerte Westbau ragt nicht über die Seitenschiffe hinaus. Getrennt wird er zum Langhaus durch eine 6 m starke Mauer, in der zwei Treppentürme liegen. Zum Mittelschiff öffnet sich ein zweiseitiges Stufenportal, mit je sieben Stufen. Die Große Vorhalle ist eingewölbt. Um diese zu betreten sind drei Bogentore geschaffen. Darüber, und an den Flanken, sind zwei Reihen kleiner Fenster zur Beleuchtung angebracht. Dies waren die einzigen Gliederungselemente des massiven Baus (Abb.6). Desweiteren lassen sich nur noch Vermutungen anstellen zum Aufbau des Westbaus. Das mittlere Joch nahm wahrscheinlich die gesamte Raumhöhe ein, während die Seiten zwei Geschosse besaßen. Dies kann man aus der Lage der kleinen Fenster und Spuren an der Trennmauer schließen. Somit liegt das Westwerk im karolingischen Grundgedanken einer geöffneten Eingangshalle. Von Winterfell beschreibt, dass die Treppentürme außen von Lisenen und kleinen Fenstern gegliedert gewesen waren. Trotzdem zeichnen sie sich, als Teil des massiven Baus, nicht ab. Über Freigeschosse oder das Aussehen des Mittelturmes ist nichts bekannt.[6] Von Winterfell beschreibt, das es sogar Beweisspuren in den Fundamenten gibt, welche zeigen, dass es auch möglich wäre, dass Speyer I gar keinen Westbau hatte. Eine […]Fuge in den Fundamenten und Spuren einer später abgebrochenen westlichen Abschlussmauer geben zu erkennen, daß das Langhaus erheblich kürzer werden sollte.[7] Das westliche Fundament gibt keine Rückschlüsse über einen Westbau. Nur zwei seitliche Fundamentblöcke deuten auf Treppentürme, auf denen die Pultdächer der Seitenschiffe geendet haben könnten. Dieser Abschluss mit einer einfachen Querschnittsfassade wäre allerdings für einen Dom dieser Größe unüblich. Auf Höhe der Fenstersohlbänke hat sich wahrscheinlich ein Horizontalgesims befunden. An den Flanken zeigte sich ein Rundbogenfries, weshalb der Westbau dort wahrscheinlich mit einem Pultdach abschloss, welches sich an das höhere Mittelschiff lehnte. 1055, im letzten Bauabschnitt, wurde der Westbau erhöht. Er befand sich nun als geschlossener Block auf Höhe der Traufe des Langhauses auch über den Seitenjochen.[8] Schlussendlich kann man über den Westbau Speyer I deutlich sagen, dass er wohl monumental gewesen sein muss, ohne Ornamentik, als Zeichen von Strenge und Disziplin.

3.2. Der Westbau von Speyer II, 1082-1106

Um 1082- 1106 fanden einige Neuerungen und Anbauten am Dom statt. Diese waren nicht nur aus Beschädigungen heraus gegangen, sondern wohl vor allem auch aus dem Wunsch des Kaisers heraus entstanden. Er wollte einen prächtigeren, mehr gegliederten Dom, vor allem auf den Osten legte er Wert. Unter Benno von Osnabrück nahmen die Bauarbeiten ihren Anfang. Der Westbau dagegen wurde nur spärlich neugestaltet. Der Unterbau wurde nur durch ein großes Mittelfenster im Westen erweitert, hinter dem sich der Hauptraum befand. Im oberen Teil des Westbaus setzte man nun ebenfalls eine Zwerggalerie auf, welche jedoch um ein Geschoss höher lag als die am Langhaus.[9] Weiter hat sich der Westbau von Speyer I wahrscheinlich nicht verändert. Aber auch hier ist die Quellenlage nicht vollständig genug. Abbildungen aus der Zeit gibt es nur wenige. Vom Westwerk sind erst wieder vom Anfang des 17. Jahrhunderts Ansichten erhalten. In der letzten Bauphase widmete man sich der Anbringung der 6 Türme. Somit wurden nun auch dem Westbau seine Türme aufgesetzt. Der mittlere achteckige Turm wurde dem Vierungsturm im Osten angeglichen, und befindet sich über der Zwerggalerie. Er wurde als Glockenturm verwendet, weshalb ein Gewölbe nicht nötig war. Die integrierte Zwerggalerie bestand aus offenen Arkaden, über die ein Bogenfries verläuft. Der Fries wird von verstärkten Lisenen aufgenommen, welche über beide Geschosse des Turmes verlaufen. Die seitlichen Winkeltürme besaßen einen rechteckigen Grundriss und waren höher als der mittlere Turm. Somit waren sie flacher und breiter als die im Osten. Auffällig ist jedoch der gleiche Aufbau der Ost- und Westtürme: ein niedriger achteckiger Mittelturm zwischen zwei höheren Winkeltürmen. Über die Konstruktion der Dächer kann man über die Zeit nur spekulieren. Wahrscheinlich waren es pyramidale Zeltdächer aus Holzkonstruktionen und achtseitige Zeltdächer über den Mitteltürmen. Diese wurden dann aber umgebaut, sodass sich heute keine Nachweise mehr finden lassen. Genauere Beschreibungen lassen sich erst im 13. Jahrhundert feststellen. Von Winterfell beschreibt, dass die Winkeltürme mit Giebeln bekrönt waren, in denen Dreibogenstaffeln von Kleeblattbögen gerahmt wurden und steinerne Helme mit gebrochenen Rautendächern besaßen.[10] Heinrich IV schaffte es nicht bis zu seinem Tod alle Pläne am Dom zu verwirklichen und sein Sohn Heinrich V hatte kein Interesse daran. So waren Teile des Chores und des Mittelschiffs, sowie die Türme erneuert worden, doch die Festfassade und ihr Aufbau immer noch schlicht, massiv und kaum gegliedert. So dürfte der Blick von der darauf zu führenden Straße, bezeichnet als „via triumphalis“, nicht sehr spektakulär gewesen sein, aber allemal einschüchtern in der Massigkeit des Westbaus.

3.3. Der Neumann`sche Westbau um 1772-1780

Als 1689 die Franzosen in Speyer einfielen, wurde auch der Dom zerstört (Abb.5). Die Ausstattung brannte, zweidrittel des Langhauses wurden gesprengt und die Grablegen geöffnet. Kurz vor 1700 sicherte man Teile des Domes, der Westbau blieb allerdings erst einmal als Ruine stehen. Erst 1755 trug man ihn bis auf das Erdgeschoss ab (Abb.7). Nach und nach wurde der Dom nun aufgebaut. Das Augenmerk lag hier vor allem auf den Chorraum. Bischof Franz Christoph von Hutten forderte allerdings auch den Aufbau des Langhauses. Man beauftragte den Bildhauer und Architekt Peter Anton von Verschaffelt damit, Entwürfe vorzulegen. In seinen Skizzen verkürzte er das Langhaus und erhöhte das Bodenniveau, um den Dom dem Stil des Barock anzupassen. Für den Westbau entwickelte er verschiedene Skizzen: einmal mit Giebelfeld, zwei Türmen und kuppeliger Abdeckung und großer halbkreisförmiger Türnische (Abb.8), ein anderes Mal mit hervortretendem Mittelfeld und achteckigen Mittelturm (Abb.9). Diese Pläne stießen beim Bischof auf Ablehnung, nicht zuletzt wegen der enormen Kosten.[11] Danach lag es an dem Architekten Johann Leonhard Stahl einen Entwurf zu fertigen. Der Nachfolger Huttens, August von Limburg- Stirum, widmete sich nach kurzer Bauruhe wieder dem Aufbau und damit den Plänen Stahls. Sein Entwurf beinhaltete das erhaltene Untergeschoss, einen Fassaden Block mit Walmdach, auf dem sich ein Glockenturm mit Schweifhaube hinter einem Dreiecksgiebel erhebt, und seitlichen Türmen (Abb.10). 1771 wurden die drei Architekten Stahl, Johann Valentin Thoman und Ignaz Michael Neumann zur Domrestaurierung und dem Aufbau der Westfassade befragt. Thoman hielt die Westbau- Ruine für unnütz. Er wollte den Dom verkürzen, Vorhalle und Mittelturm weglassen und eine einportalige Fassade schaffen. Blendfenster mit romanischen Bogenfriesen sollten eine horizontale Gliederung bewirken, ebenfalls die darüber liegende Zwerggalerie. Als Ornamente dienten Fialen und Krabben. Schlussendlich hatte man 1772 Franz Ignaz Michael, den Sohn Balthasar Neumanns, dafür ausgewählt. Gotische Formen wurden beseitigt und somit der Dom in romanischem Stil neu errichtet. Von Winterfell spricht aber auch an, dass er zum größten Barockbau der gesamten Pfalz wurde.[12] Das erscheint allerding schwierig nach zu vollziehen, da man nie einen kompletten barocken Umbau wollte, da man sonst den kompletten Ostteil hätte auch umgestalten müssen und die finanziellen Mittel fehlten. Die fehlenden Mittel wurden vor allem im Westbau deutlich. Nachdem 1775 die Geldmittel nur zum Bau der Vorhalle aufgebraucht waren, konnte Neumann seinen eigentlichen Entwurf nicht mehr durchsetzen.[13] Er musste nun seine Fantasy spielen lassen. Über die erhaltene Vorhalle baute er eine Konche mit Schweifdach und aufgesetzter Laterne. Mit den seitlichen niedrigen Rundtürmen und gewaltigen Obelisken an den Kanten des Untergeschosses als Strebepfeiler (Abb.11), erscheint die neue Westkonstruktion eher Bauten aus dem Osten zu entsprechen und damit fehl am Platz.[14]

3.4. Westfassade nach Heinrich Hübsch 1854-57

Ende des 18. Jahrhundert fielen die Franzosen erneut in Speyer ein und man konnte den Dom gerade noch vor dem Abbruch rette. Als dieser 1815 in bayrische Herrschaft gelangte, wurde er frühhistoristisch bis klassisch eingerichtet. König Ludwig I wollte im Inneren eine Ausmalung durch den Nazarener Schraudolph vornehmen lassen (1846-53). Dazu mussten Gesimse abgeschlagen und Fenster zugemauert werden. Auch der Westbau sollte nun neu gestaltet werden, passte er in seinen barocken Formen doch nicht mehr zum Sinne des Historismus. König Ludwig I hatte nach einem Besuch des Domes 1845 den Plan gefasst, nach der Ausmalung nun den Neubau der Fassade anzustreben. Hierzu wurde noch im gleichen Jahr ein Dombauverein gegründet, welcher die finanziellen Mittel sicherstellen sollte. Bis zum Baubeginn 1854 wurden einige Pläne einer Festfassade vorgelegt. Der Entwurf von August von Voigt, Zivilbauinspektor in Speyer seit 1831, wurde von König abgelehnt. Heinrich Hübsch wurde beauftragt einen neuromanischen Westbau zu schaffen, nachdem er einen Kostengünstigen Entwurf einreichte.[15] Der ursprüngliche Westbau sollte mehr gegliedert und in seiner Strenge aufgelöst.[16] Hübsch konzipierte seine Pläne aus den Resten der ursprünglichen Anlage, aus den Plänen des 17. Und 18. Jahrhunderts und aus den Fassaden anderer romanischer Dome. Der Westbau bildet einem dem Langhaus in voller Breite vorgelegten quergelagerten Baukörper, der den Ostteilen durch gleiche Höhe und 3 Türme die Waage hält. Im Erdgeschoss ist eine 3 jochige Vorhalle (Abb.12), früher das “große Paradies“ genannt, und darüber als Empore einen hohen Quersaal, heute Kaisersaal. Dieser bestand aus einem hohen dreijochigen Raum mit Kuppel über dem Mittelteil. Es gibt Wandvorsprünge zwischen denen Blendbögen liegen. Die Turmstümpfe an der Ostseite blieben 1755 stehen tragen in der Mitte den großen Bogen, heute durch eine Trennmauer geschlossen, sodass eine Rechteckniesche entseht, die als Orgel oder Sängerbühne genutzt wird. Das Untergeschoss blieb erhalten, wurde aber zudem noch eingewölbt und reicher gegliedert. In den Seitenteilen der Ostmauer liegen Wendeltreppen, die bis zur Empore führen. Oberhalb stehen darauf schlanke quadratische Türme im Winkel zwischen Westbau und Mittelschiff. Diese wurden 1854 begonnen und waren nach 2 Jahren fertig. Über dem Querbau, der ein Satteldach hat, sitzt ein 8 eckiger Mittelturm, der seit jeher als Glockenturm gilt. Er besitzt eine Zwerggalerie aus Arkaden, über der sich ein Bogenfries spannt. Dieser wurde 1857 begonnen. An der Portalansicht befindet sich nun ein Westgiebel, welcher ebenfalls durch einen Bogenfries geziert wird. An der Westfassade zeigt sich ein aufwendiges Skulpturenprogramm. Mit der Ausführung der Skulpturen wurden Österreichische Künstler beauftragt. Für den Bischof Nikolaus von Weis stand bei der Auswahl der Skulpturen die christliche Botschaft im Vordergrund. Das Österreichische Kaiserhaus wollte den Bau jedoch nur unterstützen, wenn man den Einfluss des Kaiserhauses auch sehen würde. Heute zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Über dem Mittelportal thront die Mutter Gottes, begleitet vom Erzengel Michael, Johannes dem Täufer, dem Märtyrer Stephanus und dem hl. Bernhard von Clairvaux. Den Schlussstein den Bogens Ziert der kaiserliche Doppeladler (Abb.13). Die Darstellungen unterhalb der Kämpfergesimse der drei Portale zeigen in symbolischen Darstellungen Tugenden und Laster. Darüber befindet sich das Radfenster mit dem Christushaupt im Zentrum. In den Zwickeln der Rahmung befinden sich die 4 Evangelistensymbole. Ein theologisches Bildprogramm wurde realisiert mit eher unauffälligen Miniaturreliefs an den Laibungen und Archivolten der 3 Portale. An den Seitenportalen erkennt man Masken die die Hauptsünden versinnbildlichen. Am Hauptportal ein Teufel der den Kopf hängen lässt und daneben einer der vor einer Schlange fliehen will. Unter dem Kämpfergesims sind Tugenden. Über dem Kämpfergesims tragen Engel Palmen. Das Innere der Vorhalle wird von 8 Standbildern der im Dom begrabenen Kaiser und Könige geprägt. Dazwischen sind 7 Büsten von den kaiserlichen und königlichen Wohltätern des Domes: Kaiser Franz Joseph I. flankiert von den beiden bayrischen Königen Ludwig I. und Maximillian II. in einer Reihe mit König Dagobert, Karl dem Großen, Otto I. und Ruprecht von der Pfalz (Abb.14). Im Inneren der Vorhalle dominiert die kaiserliche Ikonographie. Die Darstellung der christlichen Kaiser mahnt an die Widerherstellung der großen Zeit des Reiches. Als weiteres Gestaltungsmittel ist die Farbe der Steine gewählt. Hier zeigen sich Muster aus abwechselnd roten und gelben Steinen.

4. Der Westbau von Heinrich Hübsch im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse

Der Westbau, wie er auch heute noch zu sehen ist, wurde von Hübsch aus alten bestehenden Teilen und neuen, dem Stil der Romanik, entsprechenden Elementen aufgebaut. In seinem Aufbau und der Größe und Massigkeit gleicht sich der Westbau dem östlichen Teil des Domes an und schafft so ein Ausgeglichenes Verhältnis. Der Dom ist auf Grund seiner Lage schon von weit her in seiner Größe zu sehen. Heute nicht mehr als Kaiser- und Königsdom, doch als Eigentum der Kirche und des Staates, dient er immer noch der Repräsentation der Stadt Speyer. Dies wird nicht nur durch die Mächtigkeit des Baus deutlich, sondern auch durch einen Teil der Geschichte, der im Dom aufgezeigt wird. Betrachtet man zum ersten die weltliche Macht, so tritt diese schon beim betreten der Eingangshalle auf. Im Bogen des Portals treten die Wappen der damaligen Fürstenhäuser auf: Habsburger im Mittelportal, Links das Wappen der Nassauer, rechts das Wappen der Wittelbacher. Im inneren der Vorhalle sind Statuen der Könige Adolph von Nassau und Rudolph von Habsburg aufgestellt, welche vorher im Königchor standen, nun aber als eines der erstes Elemente präsent im Eingangsbereich stehen. Weitere acht Statuen der im Dom bestatteten Kaiser und Könige befinden sich ebenfalls in der Vorhalle. Man muss also erst einmal an den weltlichen Herrschern vorbei, bevor man sich dem Herrn des Himmels anvertrauen kann. Immer wieder wird darauf verwiesen, dass der Dom nicht nur der Hand und dem Schutz Gottes zu verdanken ist, sondern dass sehr wohl die Herrscher der Zeit und deren Finanzen daran beteiligt waren. Da die meisten der Statuen allerdings erst nach der Restauration im 20. Jahrhundert dort aufgestellt worden, durfte sie zur Zeit Hübschs noch keine Rolle gespielt haben. Doch da es sich hier nicht um ein staatliches Objekt, sondern um eine Kirche handelt, ist das religiöse Figurenprogramm mehr präsent. Allerdings hatte der Klerus bei der Gestaltung des Domes nicht mitzusprechen. Betrachtet man den aufgezeigten Verlauf der Änderungen am Dom, so fällt auf, dass immer König oder Kaiser eine Neugestaltung forderte und auch in welchem Sinne. Erst ab Neumanns Zeit hatte der Bischof seine Finger im Spiel. Doch auch Hübsch stand unter dem Einfluss des Herrschers Lundwig I. Auch die Gesellschaft war hier nicht ohne Einfluss. Erst fand man Gefallen an Neumanns Westbau, dann passte er plötzlich nicht mehr ins Bild. Dann forderte man wieder einen Bau der mehr ins Bild der Romanik passte. Genauso bei der Ausmalung Schraudolphs. Erst waren die Besucher begeistert, später stellte man fest, dass diese den romanischen Charakter und Teile des Domes zerstört habe. Ein Bauwerk passt sich immer den Veränderungen des gesellschaftlichen Denkens an, oder folgt der Meinung einer bedeutenden Person. Georg Dehio (1850-1932) sagt einmal über den neuromanischen Westbau, „er sei unter den Unglücksfällen, die den Dom betroffen hätten, nicht der geringste“.[17] Und womöglich sind daraufhin einige seiner Meinung gefolgt, einfach nur weil er Ahnung in seinem Fach als Kunsthistoriker hatte. Doch natürlich ist der Einfluss des Baumeisters in seinem Werk mit am stärksten vertreten. So fehlt bei Hübsch der Schwung in der Fassade, während er diese mit Prunk überlädt und den Steinwechsel fast spielerisch ausübt.[18] Dieser wurde in salisch- romanischer Zeit nur im Inneren ausgeführt und auch die Wirkung ist nicht vergleichbar. Auch die Portale haben eine andere Funktion übernommen. Sie wurden als Prunkportale geschaffen, was in romanischer Zeit nicht der Fall war. Das Hübsch nicht die schöpferische Kraft der Romanik im 11./12. Jahrhundert gleich kommen kann ist selbstverständlich, denn auch erst ist beeinflusst von der Zeit des 19. Jahrhunderts.

[...]


[1] Kubach, Hans Erich: Der Dom zu Speyer, Darmstadt 1998 (im Verlauf der Hausarbeit wird immer wieder auf Textpassagen des Werkes zurück gegriffen)

[2] Weindel, Philipp. Der Dom zu Speyer. Geschichte. Beschreibung, Speyer 1970, S.20

[3] Vgl. Weindel, S.22

[4] Von Winterfell, Dethard. Die Kaiserdome Speyer, Mainz, Worms und ihr romanisches Umland, Würzburg 1993, S.48

[5] Vgl. Weindel, S.24

[6] Vgl. von Winterfell, S. 57-58

[7] Vgl. von Winterfell, S. 61

[8] Vgl. Von Winterfell, S.64

[9] Vgl. Von Winterfell, S. 93

[10] Vgl. Von Winterfell, S.95-97

[11] Ritter, Karl- Markus: Mariendom und Kaiserkirche. Chronik einer Denkmalpflege in Speyer, München 1997, S.31

[12] Vgl. Von Winterfell, S.50

[13] Vgl. Ritter, S.33-36

[14] Vgl. Von Winterfell, S.53

[15] Vgl. Ritter, S.46-48

[16] Vgl. Von Winterfell, S. 53-54

[17] Vgl. Von Winterfell, S.99

[18] Vgl. Weindel, S.31

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Westwerk am Dom zu Speyer. Eine Entwicklung vom 11. Jahrhundert bis Heute
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Seminar: Der Dom zu Speyer
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V415679
ISBN (eBook)
9783668654365
ISBN (Buch)
9783668654372
Dateigröße
3013 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
westwerk, speyer, eine, entwicklung, jahrhundert, heute
Arbeit zitieren
Monique Feistel (Autor), 2017, Das Westwerk am Dom zu Speyer. Eine Entwicklung vom 11. Jahrhundert bis Heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415679

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