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Todeszeichen - Analysen zur Darstellung des Sterbens auf der Bühne

Title: Todeszeichen - Analysen zur Darstellung des Sterbens auf der Bühne

Term Paper (Advanced seminar) , 2001 , 26 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: M.A. Sibylle Meder Kindler (Author)

Theater Studies, Dance
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Zweifellos ist es wünschenswert, zu sterben, ohne daß man selbst es merkt, aber es gilt auch als erwünscht, zu sterben, ohne daß es die Umgebung gewahr wird. Um es genau zu sagen, man weiß nicht mehr, was man damit anfangen soll. Denn es ist heute nicht normal, tot zu sein, und das ist neu.

Für uns, die wir keinen wirksamen Ritus zur Absorption des Todes und seiner gewaltigen Energie mehr haben, bleibt das Phantasma des Opfers und des gewaltsamen künstlichen Eingriffes des Todes.

Geht man davon aus, dass dem Tod als Ereignis in unserer Gesellschaft und Kultur etwas mit dem alltäglichen Lebensablauf Unvereinbares anhaftet, und geht man weiter davon aus, dass dieses Unvereinbare des Todes (die Verneinung des Lebens selbst) in irgendeiner Form in dieses (Leben) (re-)integriert werden und in diesem eine Bedeutung oder zumindest Einordnung erhalten muss, dann entsteht hier ein konfliktgeladener Schnittpunkt zwischen Leben und Tod. Diesen Schnittpunkt nennt man gewöhnlich Sterben.

Die Notwendigkeit der Integration des Todes in das Leben ergibt sich aus seiner Unvermeidbarkeit und Häufigkeit. Zugleich besitzt dieses Phänomen eine weitere recht spektakuläre Eigenschaft, die seine Interessantheit um ein Vielfaches erhöht: Es mag zwar jeden Menschen betreffen, ist aber eine einmalige Angelegenheit. Und die Qualität des Ereignisses lässt sich aufgrund einer bisher unüberwindlichen Kommunikationsunterbrechung nicht kommunizieren.

Doch nicht nur bei dem, was dem und der Einzelnen im Sterben bevorsteht, bestände ein Bedarf an Vermittlung. Für den nicht unmittelbar Beteiligten, Zeugen im weitesten Sinne, ist eine Übereinkunft über das Ereignis offenbar noch eher vonnöten. Der vage Prozess des Sterbens und der ihn beendende Zustand Tod bedürfen offenbar einer Rückbindung an den Bereich des Lebens, um diesem ein Signal zu geben, eine Rückkopplung geradezu. Das Leben benötigt das Minus, um zu verbuchen, das ein Teil sich verabschiedet hat.



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Inhaltsverzeichnis

1. Die Vermittelbarkeit des Todes

2. Todesbeweise als Teil zweier Zeichensysteme

3. Exkurs: Ethischer Konflikt – der nachgetragene Sinn im Tod des Organspenders

4.1 Zeichen des Todes im Film: Waffen, Blut, Maschinen...

4.2 Zeichen des Todes auf der Bühne: Ironische Nachahmung ...und Stillstand

5. Exkurs: Problematik des Sterbens als Prozess

6.1 Dantons Tod – lang erwartet und doch immer präsent

6.2 Lears Tochter, tot „wie die Erde“

6.3 Der Tod findet nicht statt – ... jedenfalls nicht hier auf der Bühne

7. Repetition, Nachtrag und Schluss

Zielsetzung und Themen

Die Arbeit untersucht die Darstellung des Sterbens und des Todes auf der Theaterbühne sowie dessen mediale Vermittlung. Im Fokus steht dabei die Frage, wie "Todesbeweise" als Zeichensysteme fungieren, um den Übergang vom Leben zum Tod für Außenstehende verifizierbar oder dramaturgisch sinnvoll darzustellen.

  • Vergleich zwischen medizinischen Todesbeweisen (z.B. Hirntod) und ästhetischen Todesdarstellungen auf der Bühne.
  • Analyse filmischer Todeszeichen (Blut, Waffen, Nulllinien-EEG) und deren Rezeption.
  • Untersuchung von Inszenierungsstrategien am Beispiel von Klassikern wie "Romeo und Julia", "König Lear" und "Dantons Tod".
  • Diskussion der Problematik, den Sterbeprozess als einen komplexen Vorgang gegen das binäre Schema "Bewegung vs. Stillstand" zu setzen.
  • Hinterfragung der Glaubwürdigkeit und Autorität des Todesbeweises im Kontext der theatralen Konvention.

Auszug aus dem Buch

4.2 Zeichen des Todes auf der Bühne: Ironische Nachahmung ...und Stillstand

Da das Theater im Vergleich zum Film ein entscheidendes Instrument, die Großaufnahme, im Allgemeinen entbehrt, fallen bestimmte mikroskopische Beobachtungen von vornherein weg: Ein Nulllinien-EEG, das zunächst nur aus einem recht unspektakulären Blatt Papier mit sparsamen Zeichen besteht, die in Originalgröße schon auf wenige Meter Entfernung nicht mehr zu entziffern sind, lässt sich in einer Kunst, die entscheidend auch den Raum und seine Wirkung in ihr Zeichensystem mit einbezieht, kaum noch verwenden. Eher könnte hier auf die akustischen Werte des Pulsmessers (s.o.) zurückgegriffen werden. In der Kategorie des Raumes können jedoch die Möglichkeiten von Bewegung und Stillstand in eine andere Dimension überführt werden, die es ebenfalls ermöglicht, Tod zu bedeuten. Interessanterweise finden sich zudem sämtliche oben benannte Todeszeichen des Films in gleicher oder abgewandelter Form auch für das Theater.

Auch wenn hier traditionell die Degen und Schwerter den Schusswaffen vorgezogen werden (Immer noch beschäftigt sich ein ganzes Unterrichtsfach an deutschen Schauspielschulen mit dem Bühnenfechten.), so steht das Theater dem Kino in der Beliebtheit des Waffengebrauchs in keiner Weise nach. Gestorben werden muss. Und die Wirkung, die diese Verteidigungs- und schließlich Tötungsinstrumente haben, muss dem Zuschauer ja irgendwie vermittelt werden. Jüngere Regisseure (in den Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt oder gefeiert), wie Leander Haußmann oder Sebastian Hartmann, stehen hier ihren Filmkollegen in der schwallweisen Verwendung von Kryolan-Blut in keinster Weise nach.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Die Vermittelbarkeit des Todes: Einführung in die gesellschaftliche Notwendigkeit, den Tod als Ereignis in das Leben zu integrieren, wobei das Sterben als konfliktreicher Schnittpunkt zwischen beiden Zuständen definiert wird.

2. Todesbeweise als Teil zweier Zeichensysteme: Systematisierung von Signalen, die den Übergang vom Leben zum Tod markieren, wobei zwischen naturwissenschaftlicher Beweiskraft und theatraler Inszenierung unterschieden wird.

3. Exkurs: Ethischer Konflikt – der nachgetragene Sinn im Tod des Organspenders: Untersuchung der Funktionalisierung des Hirntodes im Kontext der Transplantationsmedizin und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umwertung des Sterbeprozesses.

4.1 Zeichen des Todes im Film: Waffen, Blut, Maschinen...: Analyse filmischer Kanons der Todesdarstellung, wie sie etwa bei Bitomsky oder in medizinischen US-Krankenhausserien vorkommen, mit Fokus auf das Nulllinien-EEG.

4.2 Zeichen des Todes auf der Bühne: Ironische Nachahmung ...und Stillstand: Erörterung theatraler Strategien, die auf die filmische Großaufnahme verzichten und stattdessen den Raum sowie die ironische Überzeichnung (z.B. bei Haußmann) nutzen.

5. Exkurs: Problematik des Sterbens als Prozess: Kritische Reflexion der Diskrepanz zwischen dem biologischen Sterbeprozess und der dramaturgischen Verkürzung auf einen isolierten Todesmoment.

6.1 Dantons Tod – lang erwartet und doch immer präsent: Analyse von Robert Wilsons Inszenierung, in der Kälte, Erstarrung und eine stilisierte Formensprache den Tod als Prozess verdeutlichen.

6.2 Lears Tochter, tot „wie die Erde“: Untersuchung der Inszenierungen von Wilson und Grüber, die die Künstlichkeit der Todesdarstellung bewusst offenlegen und auf die Autorität des Wortes setzen.

6.3 Der Tod findet nicht statt – ... jedenfalls nicht hier auf der Bühne: Analyse der Tendenz, den Tod auf der Bühne entweder komplett auszusparen (Off-Bühne) oder ihn durch radikale Stilisierung in ein Zeichensystem zu überführen.

7. Repetition, Nachtrag und Schluss: Zusammenfassende Einordnung der behandelten Beispiele und Fazit zur Problematik der Lesbarkeit theatraler Todeszeichen in einer Gesellschaft, die den Tod tendenziell verdrängt.

Schlüsselwörter

Tod, Sterben, Todesbeweis, Zeichensystem, Theaterwissenschaft, Inszenierung, Hirntod, Organspende, Film, Bewegungsstillstand, Dramaturgie, Repräsentation, Realismus, Stilisierung, Todeszeichen

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die filmischen und theatralen Repräsentationen des Todes und wie diese in einem Zeichensystem verarbeitet werden, um den Übergang vom Leben zum Tod für Außenstehende begreifbar zu machen.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Felder sind die medizinische Definition des Todes (z.B. Hirntod), die mediale Vermittlung durch Film und Fernsehen sowie die ästhetische Umsetzung des Sterbens auf der Theaterbühne.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Die Arbeit untersucht, wie das Theater das Problem löst, einen zumeist privaten und schleichenden Sterbeprozess als einen definitiven dramaturgischen Moment zu inszenieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine medien- und theaterwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte (z.B. von Foucault und Ariès) auf konkrete Inszenierungsbeispiele der 1990er Jahre anwendet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse spezifischer Todeszeichen (Blut, Maschinen, Bewegung vs. Stillstand) und vergleicht diese in Film und Theater, insbesondere in Dramen von Shakespeare und Büchner.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Todesbeweis, Zeichensystem, Inszenierung, Stilisierung und die Differenz zwischen dem Sterben als Prozess und dem Tod als isoliertem Ereignis.

Wie unterscheidet sich die Todesdarstellung im Film von der auf der Bühne?

Während der Film oft auf die Großaufnahme, technische Details (wie das EEG) und eine naturalistische Darstellung setzt, muss das Theater aufgrund der räumlichen Distanz stilisierte Mittel, akustische Signale oder die Autorität des gesprochenen Wortes nutzen.

Welche Rolle spielt die Ironie in der Inszenierung des Todes?

Die Arbeit zeigt, dass Regisseure wie Leander Haußmann durch ironische Übertreibung, etwa das massenhafte Auftragen von Blut oder absurde "Wiederauferstehungen", die gängigen Realismuskonventionen der Todesdarstellung ad absurdum führen.

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Details

Title
Todeszeichen - Analysen zur Darstellung des Sterbens auf der Bühne
College
Free University of Berlin  (Institut für Theaterwissenschaft)
Course
Der Tod auf der Bühne
Grade
1,0
Author
M.A. Sibylle Meder Kindler (Author)
Publication Year
2001
Pages
26
Catalog Number
V4158
ISBN (eBook)
9783638125826
ISBN (Book)
9783638638494
Language
German
Tags
Theater der 90er Organspende Theater und Film Theater im TV
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
M.A. Sibylle Meder Kindler (Author), 2001, Todeszeichen - Analysen zur Darstellung des Sterbens auf der Bühne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4158
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