Wie beeinflussen die Gesellschaft und der Schulalltag das Geschlechtsbewusstsein von Kindern?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

18 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Was ist Gender? - Geschlechtertheoretische Grundlagen
2.1 Definition Sex und Gender

3 Konzepte der Geschlechterkonstruktionen
3.1 Defizitmodell
3.2 Differenzansatz
3.3 Doing-gender-Konzept
3.4 Vergleich

4 Bundesverfassungsgericht Personenstandsrecht
4.1 Umsetzung und Bedeutung für Kinder und Schule
4.2 Herausforderungen und Schwierigkeiten der Zweigeschlechtlichkeit

5 Geschlecht im Sachunterricht

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Personenstandsrecht muss weiteren positiven Geschlechtseintrag zulassen.“ (o.A. 2017, online) So hieß die Schlagzeile auf der Bundesverfassungsgerichtsseite am 8. November 2017. Dies ist ein riesiger Fortschritt im Themengebiet Gender-Mainstreaming. Dieses immer wichtiger werdende Thema wird uns in Zukunft weiterhin begleiten. Denn in unserer Gesellschaft ist trotz Gleichstellungsgesetz und des dritten Geschlechtseintrages noch viel in Richtung Gender Mainstreaming zu tun. Natürlich ist es auch wichtig als angehende Lehrerin zu erkennen, wie sich die Veränderung der Gesellschaft auf mein zukünftiges Berufsfeld auswirken wird. Denn sowohl Schule, Arbeitsleben oder unsere alltäglichen Interaktionen sind geprägt von Geschlechterrollen. „Die vermeintlich natürliche Ordnung der Geschlechter ist oft von Menschen gemacht und mit Macht verbunden.“ (Bundeszentrale für politische Bildung (Bpb) 2015-2016, S.3) Die bedeutende Feministin Judith Butler sagte dazu: „Das biologische Geschlecht (sex) ist genauso konstruiert wie das soziale Geschlecht (gender).“ (Bpb 2015- 2016, S.15)

In meinem nachfolgenden Text werde ich anfangs wichtige Begriffe klären, um im weiteren Verlauf die Bedeutung der Begriffe voraussetzen zu können. Danach werden unterschiedliche Konzepte der Geschlechterkonstruktion dargestellt, anschließend verglichen und diskutiert. Außerdem werde ich hier mein zukünftiges Berufsfeld Schule einfließen lassen, von den Geschlechterkonstruktionen weiter zum bereits genannten Gerichtsbeschluss über das Personenstandsrecht mit der Bedeutung und Umsetzung für den Grundschulunterricht. Danach werde ich herausarbeiten, welche Herausforderungen und Schwierigkeiten sich mit der Zweigeschlechtlichkeit entwickeln könnten oder welche es bereits gibt. Außerdem möchte ich noch erläutern, wie das Thema Geschlecht im Sachunterricht verankert ist. In meinem Fazit möchte ich einen Blick in die Zukunft werfen und ein paar abschließende Worte finden.

2 Was ist Gender? - Geschlechtertheoretische Grundlagen

Um in meiner weiteren Hausarbeit auf Begrifflichkeiten wie „sex“ und „gender“ zurückgreifen zu können, werden diese zu Beginn als theoretische Grundlage erläutert.

2.1 Definition Sex und Gender

Ab Ende der 1960er Jahren wurden die Begrifflichkeiten „sex“ und „gender“ unterschieden aufgrund der Frauenbewegung (vgl. Düro 2008, S.16). Um das Verhalten und die sozialen Bedingungen von der Biologie loszulösen, wurde diese Unterscheidung eingeführt (vgl. Wedl, Bartsch 2015, S.11). Der Begriff „sex“ wird als das angeborene biologische Geschlecht verwendet und verstanden. Daraus wird deutlich, dass der Begriff auf einen biologischen Unterschied hinweist (vgl. Düro 2008, S.16).

„Gender“ hingegen ist die „[…] Prägung einer Person durch ihre Erziehung und die Gesellschaft.“ (Bpb 2015-2016, S.8) Außerdem kommt es darauf an, welche Vorstellung über die Geschlechterrollen durch die Gesellschaft vermittelt und verfolgt werden sollen (vgl. Bpb 2015-2016, S.8). Was eine Gesellschaft als männlich oder weiblich wahrnimmt, ist demzufolge das Ergebnis interpretativer Zuschreibungen (vgl. Kroll 2002, S.141).

3 Konzepte der Geschlechterkonstruktionen

Die Gesellschaft des Menschen ist ein Produkt des menschlichen Handelns. Ebenso ist die Konstruktion von Geschlecht als Element dessen festzumachen. Die soziale Konstruktion von Geschlecht gilt als Produkt sozialer Prozesse (vgl. Gildemeister 2010, S.137).1 Geschlechterkonstruktionen finden in jeder menschlichen Interaktion statt (vgl. Gläser, Richter 2015, S.136).

3.1 Defizitmodell

Nicole Düro erklärt in ihrem Buch, dass das Defizitmodell dadurch entstanden ist, dass Männer schon in der Geschichte als menschliche Norm galten, Frauen hingegen als Abweichung von dieser Norm. Sie nennt das Geschlecht Frau als „das schwache Geschlecht“ (vgl. Düro 2008, S.14). Außerdem wurde angekommen, dass Frauen vor allem in kognitiven Fähigkeiten den Männern unterlegen sind. Die daraus entstandene bzw. wahrgenommene Hierarchie von Mann und Frau wurde dann als „natürliche Ordnung“ etabliert (vgl. Düro 2008, S.14). Die Erklärungen der Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler basieren auf einer „natürlichen“ oder „gottgegebenen“ Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann, womit deren untergeordnete Stellung in der Gesellschaft begründet wird. Dieses Modell oder diese Ansicht hielt an bis ins 20. Jahrhundert (vgl. Düro 2008, S.14). Erst im Jahr 1953 wurde das Gesetz der Gleichberechtigung eingeführt. Bis dahin durften Frauen nicht ohne die Genehmigung ihres Mannes ein Konto eröffnen, Kaufverträge oder Arbeitsverträge unterschreiben sowie Kredite unterschreiben. Dies unterstreicht die Vormachtstellung des Mannes zu dieser Zeit (vgl. Kreienbaum, Urbaniak 2006, S.43f.). Die zu dieser Zeit geltenden gesellschaftlichen Normen entstanden durch die jeweiligen Bewertungen der zugewiesenen Eigenschaften (vgl. Düro 2008, S.14). „Männer verfügten über die Macht, Frauen blieb (höhere) Bildung versagt.“ (Düro 2008, S.14)

Durch die eingeführte Frauenquote im Jahr 2005 wurde diesem Defizitmodell entgegengewirkt. Dadurch wurde nochmals gegen die angenommenen kognitiven Vorteile von Männern gearbeitet und für die zugestandene Gleichberechtigung gesorgt. Vor allem im Bereich Führungspositionen soll die Quote eingreifen. (BMFSFJ 2015, online)

Meiner Meinung nach war das Gesetz zur Gleichberechtigung ein wichtiger Schritt, um Frauen im gesellschaftlichen, im politischen und vor allem im Berufsleben gleiche Chancen einzuräumen wie sie für Männer bestehen. Fortschritte in der politischen Gleichberechtigung von Frau in Deutschland sind daran zu erkennen, dass es in Deutschland seit November 2005 mit Angela Merkel eine Kanzlerin gibt und dass auch Thüringen (Christine Lieberknecht, CDU) und Nordrhein-Westfalen (Hannelore Kraft, SPD) von Frauen regiert werden. Allein im Bundestag ist der Frauenanteil vom Jahr 1983 (9,8%) bis zum Jahr 2009 um über 20% angestiegen (vgl. Hoecker 2009, online).

3.2 Differenzansatz

Durch die im 19. Jahrhundert aufkommende Frauenbewegung sollten die Bildungschancen von Mädchen und Frauen verbessert werden (vgl. Düro 2008, S.14) und die patriarchalische Sichtweise des Defizitmodells verändert werden (vgl. Heinzel 2010, S.90). Das Defizitmodell drückt im Allgemeinen aus, dass die hierarchische Stellung der Männer nicht mehr vorfindbar ist. Dieser Ansatz drückt dennoch einen Unterschied zwischen Mann und Frau aus, aber keineswegs eine abgestufte Bedeutung der Frau (vgl. Düro 2008, S.15). Barbara Rendtorff führt diese Haltung wie folgt an: „… eine Position, die ‚Gleichberechtigung von Gleichwertigen‘ fordert, die also von einer irgendwie wesenhaften Ungleichheit der Geschlechter ausgeht (ob in Gemüt, Anlagen, Fähigkeiten o.ä.), aber deren Gleichwertigkeit akzeptiert sehen will, eine gleiche Wertschätzung für je unterschiedliche Tätigkeiten oder Verantwortungsbereiche fordert.“ (Düro 2008, S.15 zitiert Rendtorff 2006, S.41)

Durch die daran anschließende zweite Frauenbewegung 1960 blieb der Inhalt gleich, d.h. „Frauen und Männer sind verschieden, aber gleichwertig.“ (Düro 2008, S.15) Durch Simone de Beauvoir, die bereits 1949 von sozialer Konstruktion des Geschlechts sprach, wurde der Differenzansatz betont. Die damit verbundene Unterscheidung zwischen sex und gender, ist eine maßgebende Rechtfertigung dafür, dass das biologische Geschlecht nicht als Benachteiligung gelten soll. Dieser Anspruch verstärkt somit die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von Frauen und Männer (vgl. Düro 2008, S.16).

Auch die Politik des Gender Mainstreamings bezieht sich auf die sex-gender-Theorie. „Gender Mainstreaming ist eine Strategie, um Frauen und Männer in allen Lebensbereichen gleichzustellen.“ (Bpb 2015-2016, S.11) Diese Politik basiert auf dem Grundgesetz Artikel 3, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind und der Staat die Durchsetzung dazu fördert (vgl. bpb 2015-2016, S.11). Diese Perspektive soll in der Politik dazu führen, unabhängig vom biologischen Geschlecht zu handeln (vgl. Düro 2008, S. 16). Düro jedoch kritisiert im Jahr 2008, dass dieses Vornehmen noch nicht wirklich berücksichtigt wird und führt dazu drei mögliche Modelle auf, die der Grund für das bisher nicht Eintreten des Gender Mainstreamings sein könnten. Laut Düro ist bislang auf politischer Ebene nicht einheitlich geklärt, welches Modell verfolgt werden soll. Ist es die Angleichung vom weiblichen Modell an das männliche Modell (gleichheitstheoretischer Ansatz), oder geht es um die Betonung der Unterschiede der Geschlechter, aber die Aufwertung der Frau (differenztheoretischer Ansatz) oder aber wird die allgemeine Auflösung der Geschlechterunterschiede verfolgt (dekonstruktivistischer Ansatz) (vgl. Düro 2008, S.17).

Um den Differenzansatz kurz zusammenzufassen, kann man sagen, er betont die verschiedenen Geschlechter, aber mit dem Ziel der Gleichheit (vgl. Heinzel 2010, S.90).

In der Grundschule gibt es Beispiele, die genau diesen Differenzansatz beinhalten, obwohl dieser binäre Ansatz scheinbar überholt sein sollte. Zum Beispiel, dass Kinder unabhängig vom Geschlecht gleich gut sind, viele Lehrkräfte dennoch mit geschlechterspezifischen Leistungen argumentieren. Häufig herrscht die Meinung vor, dass Mathe ist das Fach der Jungen, Lesen und Schreiben die Stärke der Mädchen ist. Differenztheoretische Ansätze, wie Heinzel nach Analyse der Mädchen- und Jugendforschung schrieb, bringen die Gefahren mit sich, Stereotype zu verstärken oder hervorzubringen (vgl. Heinzel 2010, S.97). Dieser Aussage passt meiner Meinung nach auch zu diesem Beispiel. Die Kinder haben sozusagen ihre Zuschreibungen, was sie können „müssen“.

3.3 Doinggender-Konzept

Candace West und Don Zimmerman waren die ersten, die vom „doing gender“ gesprochen haben (vgl. Faulstich-Wieland 2005, S.7). Die Wurzeln des doing-gender-Begriffs liegen in den Grundannahmen des symbolischen Interaktionismus und des sozialen Konstruktivismus (vgl. Steins 2003, S.54 ff. zitiert von Düro 2008, S.17). Simone de Beauvoirs bekannter Satz sagt aus: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ (Bpb 2015-2016, S.14) Sie drückte damit aus, dass unsere Denkweise über männlich und weiblich von unserer Gesellschaft konstruiert und entworfen ist (vgl. Bpb 2015-2016, S.14). Auch Faulstich-Wieland betont die alltägliche Herstellung von Geschlecht, die als „doing gender“ bezeichnet wird. Nicht die biologische Anlage steuert unser Verhalten, sondern die kontinuierliche Interaktion mit Menschen ist der entscheidende Prozess der Konstruktion von Geschlecht (vgl. Faulstich-Wieland 2005, S.7).

Der sozialkonstruktivistische Ansatz verwirft die zweigeschlechtliche Denk- und Sichtweise (vgl. Heinzel 2010, S.90). „Männlichkeit und Weiblichkeit werden als individuelle und soziale Konstrukte betrachtet.“ (Heinzel 2010, S.90) Wedl und Bartsch beschreiben doing gender folgendermaßen: „Geschlecht ist in diesen konstruktivistischen Perspektiven nicht einfach (unveränderlich) existent, sondern wird in einem interaktiven und einem diskursiv- sprachlichen Bedeutungskontext ständig (neu) konstruiert.“ (Wedl, Bartsch 2015, S.14) Das Geschlecht wird durch Mechanismen (in Düro 2008, S.17 auch Symbolsystem genannt) wie Kleidung, Sprache, Gestik von den Menschen, die an den Interaktionen teilnehmen, inszeniert, um mit der Gesellschaft zu interagieren und eine Identität zu entwickeln. Dies wiederum formt auch die gesellschaftlichen Strukturen (vgl. Gläser, Richter 2015, S.138 und Düro 2008, S.17). Hier knüpfen die Grundannahmen des Konstruktivismus an. Sie besagen, dass jede unserer Wahrnehmungen geprägt ist durch den kulturellen Rahmen, historische Ereignisse oder unserer bisherigen Erfahrungen (konventionsgebunden). Die Grundannahme des doing- gender-Konzepts ist, „dass Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität als fortlaufender Herstellungsprozess aufzufassen sind, der zusammen mit faktisch jeder menschlichen Aktivität vollzogen wird […]“ (Gildemeister 2010, S.137).

[...]


1 Im Folgenden wird auf die Begriffserklärungen aus Kapitel 2 zurückgegriffen.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie beeinflussen die Gesellschaft und der Schulalltag das Geschlechtsbewusstsein von Kindern?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V415886
ISBN (eBook)
9783668657533
ISBN (Buch)
9783668657540
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaft, schulalltag, geschlechtsbewusstsein
Arbeit zitieren
Lara Strese (Autor), 2017, Wie beeinflussen die Gesellschaft und der Schulalltag das Geschlechtsbewusstsein von Kindern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415886

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