Politische Utopien am Beispiel von Campanellas "Sonnenstaat"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Was ist eine politische Utopie?

3. Thomas Campanella und der historische Hintergrund seines Werkes

4. Der Sonnenstaat
4.1 Gemeinbesitz
4.2 Fortpflanzung und Erziehung
4.3Staatsaufbau und Religion
4.3.1 Der Sol
4.3.2 Die drei Würdenträger
4.3.3 Die unteren Behörden
4.4 Justiz

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Werden unsere Ideen als utopisch abgetan, entsteht meist der intersubjektive Eindruck, dass sie zwar einen grundlegend positiven Charakter aufweisen, aber strikt nicht zu realisieren sind. Betrachten wir in diesem Zusammenhang utopische Entwürfe von Staat und Gesellschaft, könnte man leicht zu dem Trugschluss kommen, es handele sich um reines Wunschdenken. Dabei weisen diese durchaus Bezüge zur Realität auf. Einige Theoretiker sehen die Bereitstellung einer konkreten Alternative als elementaren Bestandteil um eine Schrift als Utopie zu betiteln. Dies ist sicherlich nur eine Meinung von vielen. Ein tiefgehender Blick in den utopischen Roman ist somit durchaus reizvoll. Eine der bekanntesten Utopien der frühen Neuzeit ist Thomas Campanellas Sonnenstaat.

Wir betrachten Campanellas Werk in seinen Einzelheiten (zusammengefasst in der dokumentierten Version von Heinisch) und diverse analytische Betrachtungen von bekannten Utopieforscher*innen und Literaturwissenschaftler*innen.. Insbesondere werden die politischen Felder und Kompetenzen erläutert und deren Strahlkraft auf das Individuum betrachtet. Wie ist das System aufgebaut, welche Rolle spielt die Religion, welchem politischen System kommt der Sonnenstaat am nächsten und was sind die gesellschaftlichen Triebfedern? Diese zentralen Fragen sollten am Ende der vorliegenden Arbeit verständlich und kontextualisiert erarbeitet worden sein. Wir kommen dabei nicht darum herum, den Begriff der Utopie, insbesondere seines politischen Charakters und die methodischen Herangehensweisen zu klären und auf Campanellas Utopie anzuwenden.

2. Was ist eine politische Utopie?

Obwohl man heutzutage bereits Platons Werke, wie den philosophischen Staat ohne große Reflexion als Utopie bezeichnet, ist der Begriff vergleichsweise jung. Utopie entstammt etymologisch dem ursprünglichen Ortsnamen der Utopia, einer Schrift des Engländers Thomas Morus aus dem Jahre 1516. Zwar geht der Begriff aus der altgriechischen Sprache hervor, es handelt sich dabei jedoch um eine selbst erfundene Wortbildung, welche sich aus den Wörtern ού (nicht) und τόπος (Ort) zusammensetzt. Bei einer Utopie handelt es sich also um einen nicht real existierenden Ort.[1] Die Vielzahl von Utopien wurden im Laufe der Jahre in unterschiedliche Kategorien klassifiziert. Bei dem Sonnenstaat handelt es sich um eine klassische Utopie. Diese Gattung weist eine Vielzahl von inhaltlichen Parallelen auf, wie der Abschaffung des Privateigentums oder der in der utopischen Gesellschaft verankerte Anti-Individualismus.[2] Im Laufe der Jahre haben sich diverse Positionen bei der Bewertung und Einordnungen von Utopien herausgebildet.

Karl Mannheim beispielsweise prägte als einer von vielen den intentionalen Utopiebegriff. Utopien negieren die aktuelle Wirklichkeit. Das tut eine Ideologie theoretisch auch. Was die beiden Konstrukte aber voneinander abgrenzt, ist Verwirklichung der Utopie. Es gibt eine Kritik an bestehenden Institutionen und an der sozio-politischen Lage und darauffolgend, eine präzise Alternative, die sich direkt auf die Kritikpunkte bezieht. Sie sind deshalb zukunftsorientiert. [3]

Die Utopie in Karl Poppers Sinne hat den Anspruch einer Totalrevision der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ihre Vollendung erfährt sie folglich nur in einer kompletten Zerstörung alternativer Interessen welche der Realisierung des Utopischen im Wege stünden. Er bezeichnet sich zwar selber als Rationalisten und sieht in vernünftigem Handeln die einzig effektive Alternative zu Gewalt. Im gesellschaftspolitischen Kontext wäre es dann die notwendige Herbeiführung einer Entscheidung, sei es durch den Kompromiss oder Vernichtung des gegnerischen Interesses.[4] Jedes politische Handeln ist rational, wenn es ein vorgegebenes Ziel verfolgt, sei es nun die Mehrung der eigenen Einflussnahme oder hehre Ziele wie das bedingungslose Grundeinkommen. Zwischen- und Mittelziele sind dabei Mittel zum Zweck und dienen lediglich der Realisierung des großen Zieles. Diese Grundauffassung bezeichnet Popper als Utopismus. Ein Idealer Staat bedarf einer genauen Skizzierung der Ziele und, damit verbunden, der Grundstruktur und der Vorgehensweisen. Das Problem: Die endgültige Zielsetzung kann unmöglich über rationale Gesichtspunkte getroffen werden. Gilt eine Rentenversicherung in westlichen Ländern noch als Idealbild, werden ostasiatische Kulturkreise vehement dagegen stimmen, da die Familie als Sicherung verstanden wird. Etwaige Spaltungslinien finden sich nicht nur zwischen heterogenen Kulturen, sondern auch im Mikrokosmos einer Gesellschaft. Eine utopische Konstruktion baut sich in der Regel um die Zielsetzung auf, sie ist nicht rational und nicht wissenschaftlich darstellbar.[5] Konkurrierende Konzepte dürfen im utopischen Staate nicht existieren. Die Rationalität der politischen Handlungsweise setzt eine Konstante voraus, die den Staat in seiner idealen Form erhält. Das oppositionelle entbehrt sich damit der rationalistischen Tendenz, es muss überzeugt werden, im idealen Fall durch das bessere Argument, in letzter Konsequenz aber durch die Vernichtung seiner ideellen Grundlage.[6] Jedwede Anpassung bedeutet einer Änderung des Endzieles. Der utopische Rationalismus entbehrt sich so seiner eigenen Grundlage, nämlich der Durchsetzung von politischen Zielen durch Kompromisse bzw. dem besseren Argument. Letzteres bleibt für einen utopischen Entwurf alternativlos. [7]

Civita Sol ist eine Raumutopie, sie existiert zu Campanellas Zeit an einem anderen Ort. Viele der frühneuzeitlichen Utopisten bedienen sich dieses Stilmittels, wie Morus, wohingegen seit der Industrialisierung zunehmend Zeitutopien geschrieben worden. Diese spielen meist am gleichen Ort, aber zu einer anderen Zeit. Raumutopien werden häufig auf Inseln angelegt, siehe Utopia, Christianopolis oder eben der Sonnenstaat. Diese geographisch-räumlich Trennung hat den Zweck, dass sich der erdachte Staat von Grund auf neugestaltet hat, ohne Traditionsbezüge zum Okzident. Säkularisierte System lassen sich so inhaltlich darstellen.[8] Dieser Kunstgriff der Abnabelung wirft natürlich die Frage auf, in welchem Verhältnis die Konstrukte zu Ihrer Außenwelt stehen, wenn sie doch erst durch völlige Abnabelung entstehen konnten.[9] Eine Frage, welche wir auch in vorliegender Arbeit nur in wenigen Aspekten klären können.

Seinen politischen Charakter gewinnt Civita Sol durch seine oppositionelle Haltung zur sozialen und politischen Wirklichkeit. Der Sonnenstaat bietet keine evidente Realisierungstendenz. Ein weiteres Problem bei politischen Utopien ist die Legitimation von Herrschaft. Dabei tun sich zwei gegenüberstellende Extreme auf. Zum einen die anarchistische Legitimation. Man gehorcht nur dann, wenn man die Anweisung als die Bestmöglichste erachtet. Man gehorcht nicht im eigenen Sinne, sondern stimmt einer Handlungsanweisung zu, die man genauso gut ablehnen könnte. Diese Form der Legitimation verliert damit seinen politischen Charakter, da sich die Frage nach legitimerHerrschaft erst gar nicht stellt. Eine Herrschaft im Sinne der Ausübung eines Zwanges sollte damit sogar überwunden werden. Wird dieses Ziel angestrebt, wird der Anarchismus nicht nurpolitisch, er installiert sogar eine Herrschaft mit dem Ziele der Abschaffung selbiger.[10] Die andere Legitimationsgrundlage ist nicht Anerkennung, sondern Furcht. Die Nachteile des Ungehorsams, überwiegen dem Nachteil des Gehorsams.[11] Dieses Prinzip erkennen wir beispielsweise imKontraktualismus von Thomas Hobbes in der die meisten persönlichen Freiheiten zugunsten von Sicherheit abgebenwerden. Wird das gesamte gesellschaftliche Leben von Staate reguliert (unabhängig von ihrer Legitimationsgrundlage), spricht man von einer archistischen Utopie. Anarchismus und Archsimus mögen zwei grundsätzliche verschiedene Konstrukte im Verhalten des Individuums zu Herrschaft, Zwang und Freiheit sein. Beide stehen jedoch „in Opposition zum besitz-individualistischen Egoismus ihrer Herkunftsgesellschaft und optieren für ein fiktives Gesellschaftsmodell mit solidargemeinschaftlicher Ausrichtung.“[12]

2. Thomas Campanella und der historische Hintergrund seines Werkes

Der als Giovan Domenico geborenen Dominkanermönch Thomas Campanella (1568-1639) entwarf die Utopie des Sonnenstaates, im Original auch Civitas Soli oder La Citta del Sole im Jahre 1602 in spanischer Gefangenschaft. Es gilt auch heute noch als eines der Paradebeispiele klassischer Utopien[13]

Nicht nur Campanella bedient sich der antiken Schriften Platons, insbesondere der Politiea. Sein Staatsentwurf fußt auf den Problematiken der damaligen Zeit, die im 16. Jhd. wieder an Aktualität gewinnen.[14] Die zunehmenden kapitalisierten Wirtschaftssektoren wirkten sich sowohl auf die Ausdehnung des Staates als auch auf die Ausbeutung der Bürgerinnen und Bürger aus. Auf Grundlage dieser Entwicklung sind sowohl Campanellasals auch Platons Werk von einem kritischen Umgang mit Privatbesitz und von einer Ablehnung liberaler Wirtschaftsordnungen geprägt, insbesondere durch die frühkapitalistischen Tendenzen und die Erosion des Feudalsystems. Die demokratische Struktur, die den gegenteiligen Effekt, nämlich Begünstigung der Reiche hatte, prägte u.a. auch die geringen Möglichkeiten der Bürgerpartizipation im Sonnenstaat,[15] doch dazu später mehr. Civitas Solis ist eine Ordnungsutopie besonderen Ausmaßes. Woher dieser Drang Campanellas kam, kann unter anderem aus der gesellschaftlichen und sozio-politischen Realität seiner Zeit abgeleitet werden. In Italien machte sich schon vor dem Frühhumanismus das Fehlen einer kulturellen Identität breit, die durch den Untergang des weströmischen Reiches verloren ging.[16] Vor allem die Kirche bewahrte die kulturelle Einheit des Landes, sicherlich einer von vielen möglichen Punkten für die übergeordnete Rolle der Religion über die Politik im Sonnenstaat.[17] Im Jahre 1599 beteiligte er sich an einem Aufstand gegen die spanischen Besatzer Süditaliens und verbrachte, auch wegen seiner kritischen Schriften, unzusammenhängend fast 30 Jahre im Kerker. Seine analytisch-politischen Werke behandelten vor allem die Schwächen des spanischen Staates.[18]

4. Der Sonnenstaat

Das Werk wird als Dialog zwischen dem Genuesen und dem Großmeister erzählt. Der Genuese ist dabei ein Schiffkommandant aus Genua, welcher dem Großmeister eines christlichen Ordens von seiner Reise in den Sonnenstaat berichtet. Der Reisebericht ähnelt dem platonischen Dialog[19], ohne dessen literarische und inhaltliche Qualität. Eine sinnvoll gestaltete Gliederung entfällt, weshalb wir uns den in der Einleitung als relevant und untersuchenswerten erachteten Punkte widmen und unsere eigenen Kategorisierung vornehmen. Campanella bezieht sich des Öfteren auf Platon, insbesondere seiner Politea. Die Frage ob Morus‘ Utopia einen Einfluss auf sein Werk hätte, ist auch heute noch Gegenstand zahlreicher Werke und Vergleiche. Man kann allerdings davon ausgehen, dass ihm das Werk zumindest bekannt war. Der Genuese berichtet, dass der Sonnenstaat auf der Insel Taprobrane gelegen ist, genau der Ort an den es Hythlodeus im ersten Buch des Utopia verschlagen hat.[20] Der Sonnenstaat ist umgeben von sieben uneinnehmbaren Mauern. In der Mitte der Stadt befindet sich ein Berg auf dem dessen Gipfel der Tempel thront. Wir bekommen einen ersten Eindruck von der politischen und gesellschaftlichen Tragweite der Religion, welchen wir in Kapitel 4.2 intensivieren werden.In Ihrer Freizeit sind die „Solarier“ dazu angehalten, sich mit Leibesübungen und Wissenschaft auseinanderzusetzen, also allem, was die geistige und körperliche Leistung steigert. Spiele im Sitzen sind deshalb verboten, da sie die Trägheit des Subjektes fördern.[21]

[...]


[1] VergleicheWaschkühn, Arno: Politische Utopien: ein politiktheoretischer Überblick von der Antike bis heute, Oldenbourg 2003: Seite 3

[2] Vgl. Ebenda: Seite 11

[3] Vgl. Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit. Utopisches Denken und kein Ende?, 2. Aufl., Bochum 2000: S. 46f.

[4] Vgl. Popper, Karl Raimund: Utopie und Gewalt, in: ders.: Neusüss, Arnhelm: Utopie. Begriff und Phänomen des utopischen, Neuwied [u.a.] : Luchterhand, 1968: S. 314

[5] Vgl. ebd.: S. 318

[6] Vgl. ebd.: S. 320

[7] Vgl. ebd.: S. 320f.

[8] Vgl. Saage 2000: S. 121

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Speamann, Robert: Zur Kritik der politischen Utopie. Zehn Kapitel politischer Philosophie, Stuttgart 1977: S. 104

[11] Vgl. ebd.: S. 104

[12] Vgl. Saage, Richard:Wie zukunftsfähig ist der klassische Utopiebegriff? In: Utopie-kreativ, Heft 165 (Juli 2004), S. 623

[13] Vgl. Wachkühn: S. 2003: S.56

[14] Vgl. Saage 2000: 62f.

[15] Vgl. ebd: S. 63

[16] Vgl. Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Kapitel 33-42, 3. Aufl., Frankfurt a.M. 1990: S. 613

[17] Vgl. Gnüg, Hiltrud: Utopie und utopischer Roman, Stuttgart 1999: S. 73

[18] Vgl. Waschkühn 2003: S. 56

[19] Vgl. Heinisch, Klaus J.: Der utopische Staat, 30. Auflage, Reinbeck 2011: S. 230

[20] Vgl. ebd.: S.230

[21] Vgl. Heinisch2011: S. 135f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Politische Utopien am Beispiel von Campanellas "Sonnenstaat"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V415888
ISBN (eBook)
9783668672093
ISBN (Buch)
9783668672109
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Campanella, Sonnenstaat, Utopien, Poltik, Kommunismus
Arbeit zitieren
Philip Hamdorf (Autor), 2018, Politische Utopien am Beispiel von Campanellas "Sonnenstaat", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415888

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