Richard Löwenherz. Ein Visionär im Heiligen Land


Hausarbeit, 2016
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anmerkung zu den Quellen

3. Der Fall Jerusalem
3.1 Geschichtlicher Kontext
3.2 Estoire de la Guerre Sainte
3.2.1 Inhalt der Quelle
3.2.2 Quellenkritik
3.2.3 Interpretation
3.3 Das Schreiben Richards an Abt Clairvaux
3.3.1 Inhalt
3.3.2 Quellenkritik
3.3.3 Interpretation
3.4 Das Schreiben Richards an Genua
3.4.1 Inhalt
3.4.2 Quellenkritik
3.4.3 Interpretation

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

6. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Legenden um den englischen König Richard I. sind heutzutage wohl bekannt. Er stellt bis heute das idealtypische Bild des Kreuzritters dar und personifiziert den edlen Rittermut eines wahren Helden. Seine Bekanntheit verdankt Richard vor allem seinen Errungenschaften während des Dritten Kreuzzuges und den Mythen, die sich um sein Leben drehten. Der Mythos des Richard Löwenherz, der in vorderster Front mit seinen Soldaten in den Kampf zog, hat die Jahrhunderte überdauert und wurde in vielfacher Weise aufgegriffen. Romane, Filme oder Musikstücke thematisieren die Herrschergestalt und sorgen für die Festigung des vorherrschenden Löwenherzbildes.

Bedauerlicherweise ist diese Impression von erschreckender Eintönigkeit geprägt und teilweise von der modernen Geschichtswissenschaft, ohne die nötige Distanz zu dem überlieferten Kriegerbild, übernommen worden. Einige Historiker reduzieren Richard I. auf seine militärischen Taten und Erfolge und gehen sogar soweit ihm jegliches politisches Talent abzuerkennen.[1] Ihm wird nachgesagt, er habe sein Königreich vernachlässigt, da er während seiner zehnjährigen Regierung nur sechs Monate in England verweilte.[2] Entspricht jedoch dieses weit verbreitete Meinungsbild der Wahrheit? Eine Antwort auf diese Frage ergibt sich aus zeitgenössischen Quellen, in denen Richard I. als eine komplexe Persönlichkeit charakterisiert wird. Basierend auf der kritischen Auseinandersetzung mit diesen Quellen entstand eine Gegenrichtung in der geschichtswissenschaftlichen Forschung. Historiker wie John Gillingham oder Robert-Tarek Fischer versuchen gemeinsam mit anderen das Bild von Richard Löwenherz grundlegend zu ändern und kämpfen gegen die Vernachlässigung eines der wichtigsten englischen Monarchen der Geschichte an.[3]

Diese Seminararbeit ist angeregt durch die moderne Forschungsdiskussion und entstand im Kontext des Seminars „Richard Löwenherz (1167-1199) - Geschichte und Mythos“, welches im Wintersemester 2015/2016 an der Ludwig-Maximilians-Universität München abgehalten wurde. Die Ausarbeitung fußt vor allem auf den Forschungsergebnissen von Gillingham und Fischer und grundlegend auf der Annahme, dass Richard Löwenherz mehr als ein kampflustiger König oder Kriegstreiber war. Sein politisches und taktisches Geschick sprechen dafür, dass er ein Visionär gewesen sein muss, dessen Blick sich nicht auf seine eigene Person beschränkte, sondern der eine unglaubliche Weitsicht bewies.[4]

Zu Beginn der Arbeit wird zunächst eine Anmerkung zu den Quellen vorgenommen, in der sowohl die Quellenlage beschrieben wird, als auch die getroffene Quellenauswahl erläutert wird. Danach wird eine kurze Einführung in den historischen Kontext, bezogen auf die Auseinandersetzung Richard I. mit Jerusalem, vorgenommen um den Einstieg in den Kern der Ausarbeitung zu erleichtern. In dem darauf folgenden Schritt werden die ausgewählten Quellen nacheinander einer thesenbedingten Analyse unterzogen. Abschließend werden die wichtigsten Erkenntnisse in einem Fazit zusammengefasst.

2. Anmerkung zu den Quellen

Das Leben und Wirken Richard I. ist in wesentlichen Teilen exzellent belegt. Eine Vielzahl europäischer und arabischer Quellen dokumentieren sowohl die Beginne seines Daseins, als auch seine Kreuzzugsgeschichte, sowie den Weg in die Gefangenschaft, die Rückeroberungen der angevinischen Reichsgebiete und seinen Tod nach der Schlacht um die Burg von Châlus-Chabrol. Die Überlieferungen zu dem Lebensabschnitt von seiner Geburt bis zu der Thronbesteigung am 13. Sept. 1189[5] weisen jedoch beträchtliche Überlieferungslücken auf. Sein Wirken als Herzog von Aquitanien ist von den Chronisten beispielsweise nur in Bruchstücken überliefert.[6] Das en gros der Quellen beschäftigt sich mit seinen Errungenschaften während des Dritten Kreuzzuges, der sich von seinem Treffen mit dem französischen König, Philipp II. August, in Vézelay[7] bis zu seiner Abreise aus dem Heiligen Land im Oktober 1192, zog.

Die Quellenauswahl für die vorliegende Ausarbeitung konzentriert sich vor allem auf drei zeitgenössische Quellen. Einerseits wird die in Gedichtform angelegte Erzählung der Estoire de la Guerre Sainte des normannischen Poeten Ambroise konsultiert. Er beschreibt die Geschehnisse während des Dritten Kreuzzuges aus der Sicht des gewöhnlichen Soldaten.[8] Als zweite Quelle dient ein Brief Richards an den Abt von Clairvaux vom 1. Oktober 1911, der einem Werk von Roger of Howden entnommen ist. Howden fertigte eine Art Tagebuch des Dritten Kreuzzuges an[9], fügte seinen Aufzeichnungen Kopien von Dokumenten, Verträgen und dergleichen an und beschreibt den Kreuzzug aus der Sicht der Königs. Die beiden Chronisten vertreten unterschiedliche Ansichten, deshalb ist es möglich das gleiche Ereignis aus zwei verschiedenen Sichten zu betrachten und stellt damit einen Glücksfall für die Geschichtswissenschaft dar.[10] Der überlieferte Brief befasst sich mit der von Richard I. angestrebten Siedlungspolitik im Heiligen Land. Sein Hilfegesuch an den Abt zeigt sowohl das diplomatische, als auch das politische Geschick Richards. Die dritte Quelle, auf welche besonders Bezug genommen wird, findet sich in dem Codice diplomatico della Repubblica di Genova. Richard versuchte mit Unterstützung Genuas eine Offensive gegen das Machtzentrum Saladins in Ägypten zu unternehmen. In zwei Schriftstücken teilt der den Genuesen von seinem Plan mit und bittet diese um ihre Unterstützung.

Die Quellenauswahl begründet sich durch den hohen Aussagewert der Quellen für die Leitthese, dass Richard, entgegen der weit verbreiteten Forschungsmeinung, ein ausgezeichneter Politiker, Stratege, Diplomat, ja ein ausgezeichneter König gewesen ist. Außerdem sind die Quellen, so wird die quellenkritische Auseinandersetzung zeigen wird, sehr authentisch.[11]

3. Der Fall Jerusalem

3.1 Geschichtlicher Kontext

Am 8. Juni 1191 landete der englische König Richard I., auch Löwenherz genannt, an der Küste von Akkon. Innerhalb weniger Wochen konnten die Verteidiger der Stadt bezwungen werden. Nach der erfolgreichen Einnahme der Stadt machte sich die angevinisch-französische Armee auf den Weg die Küste entlang nach Jaffa, auf dem sämtliche Küstenzonen in den Besitz der Christen fielen. Saladin konnte gegen die Erfolge der Christen nur wenig ausrichten und ließ sich am 7. September 1191 zu einer offenen Feldschlacht kurz vor Arsuf hinreißen. Richard bewies in der Schlacht sein gesamtes militärisches Können. Er ließ die Truppen Saladins anrücken und wartete auf den richtigen Augenblick zur Offensive.[12] Das Kreuzfahrerheer parierte die muslimischen Angriffe und konnte die dezimierten Truppen Saladins in die Flucht schlagen.[13] Nach dem Sieg marschierte die christliche Armee weiter südwärts und erreichte am 10. September 1191 Jaffa, das von Saladin zerstört wurde. Der Wiederaufbau der Stadt nahm einige Zeit in Anspruch. Ende Oktober brach Richard mit seiner Armee nach Jerusalem auf. Das Winterwetter setzte den Soldaten zu, jedoch kämpften sie sich durch Erschöpfung, Erkrankung und Hunger bis zur Festung von Beit-Nuba, die Anfang Januar an die Kreuzfahrer fiel. Die Einnahme Jerusalems konnte jedoch nicht umgesetzt werden. Saladin hatte Verstärkung aus Ägypten bezogen, sodass eine stattliche Armee vor den Toren der Heiligen Stadt lagerte. Richard berief einen Kriegsrat ein, der über das weitere Verfahren entscheiden sollte. Der Rat sprach sich gegen eine Belagerung Jerusalems aus. Es wurde entschieden, dass das Kreuzfahrerheer nach Askalon und danach weiter nach Ägypten ziehen sollte. Am 20. Januar 1192 trafen die Christen in Askalon ein. Die Stadt wurde eingenommen. Ein Vorstoß nach Daron folgte.[14] Im Juni wurde der zweite Vorstoß nach Jerusalem unternommen. Die christliche Armee sollte jedoch erneut nicht weiter als Beit-Nuba vorrücken können, denn Richard wurde die Nachricht zugetragen, dass sein Bruder Johann Ohneland und König Philipp II. August gegen seine Ländereien agierten.[15] Richard Löwenherz sollte keine weitere Chance bekommen Jerusalem für die Christen zurück zu erobern.[16]

3.2 Estoire de la Guerre Sainte

Im Folgenden wird das Gedicht von Ambroise auf Basis der Leitthese analysiert und interpretiert. Der Untersuchung liegt die englische Übersetzung der französischen Quellenedition von Gaston Paris von 1897 zugrunde, die von Merton Jerome Hubert mit Anmerkungen von John L. La Monte verfasst wurde.

3.2.1 Inhalt der Quelle

Die Estoire de la Guerre Sainte stellt eine detaillierte und umfassende Beschreibung des Lebens und Wirkens von Richard I. auf dem Dritten Kreuzzug dar. Das Gedicht öffnet mit der Darstellung der verlorenen Heiligen Stadt Jerusalem. Richard I. nimmt das Kreuz an sich und damit einhergehend die Aufgabe Jerusalem für die Christen zurück zu erobern. Seine Reise führt ihn zunächst nach Sizilien und Zypern und danach weiter in das Heilige Land. Nachdem er viele militärische Erfolge verzeichnen kann, unter anderem die Einnahme von Akkon und Jaffa, versucht er verzweifelt Jerusalem zu erobern. Er bricht sein Vorhaben jedoch auf Grund seiner Bedenken, die er gegenüber der Zeit nach einem möglichen Sieg äußert, ab. Der enttäuschte französische Teil seiner Truppen spaltet sich daraufhin von seiner Armee ab. Das verbleibende Kreuzfahrerheer zieht gegen Askalon und verzeichnet weitere Siege. Im Sommer 1192 unternehmen die Christen, unter Führung Richard I., einen erneuten Vorstoß nach Jerusalem, können jedoch erneut keine Belagerung durchführen. Der Vormarsch wird vorzeitig abgebrohen, da Richard beunruhigende Nachrichten aus seinem Königreich erhält, denn der französische König Philipp II. August und sein Bruder Johann Ohneland haben sich gegen Richard verbündet und bedrohen das angevinische Reich.

Der muslimische Heerführer Saladin ergreift die Gunst der Stunde und attackiert Jaffa. Sein Versuch die Stadt zurück zu erobern misslingt jedoch und Richard kann den Angriff abwehren, muss sich jedoch durch Krankheit geschwächt zurückziehen und handelt mit Saladin einen Waffenstillstand aus. Die Situation im angevinischen Reich zwingt ihn sich im Oktober 1192 auf den Weg zurück nach England zu begeben.[17]

3.2.2 Quellenkritik

Das Gedicht kann als ein „rarer Glücksfall“[18] angesehen werden. Wie hoch ist jedoch die Aussagekraft der Quelle? Ist sie authentisch oder verfälscht der Drang nach einem perfekt gereimten Werk die Tatsachendarstellung? Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: für den Kreuzzug Richard I. ist die Estoire de la Guerre Sainte die wahrscheinlich am besten geeignetste Quelle. Trotzdem ist das Werk mit Vorsicht zu genießen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem literarischen Text unausweichlich.

Über den Autor der Estoire ist relativ wenig bekannt. Die einzigen Informationen bezüglich seiner Person lassen sich aus seinen eigenen Formulierungen ableiten. Er nennt sich selbst Ambroise [19] und schreibt aus der Sicht eines Augenzeugen, der am Dritten Kreuzzug aktiv teilgenommen haben will. Ansonsten sind nur Mutmaßungen über den Verfasser möglich. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammte Ambroise aus dem normannischen Raum.[20] Er muss ein Gefolgsmann Richards I. gewesen sein, war jedoch weder Ritter oder Soldat, noch Priester. Vermutlich war er ein professioneller Dichter oder ein einfacher Kleriker.[21]

Das literarische Werk weißt grundlegende Charakteristika der mittelalterlichen Lyrik auf und ist der französischen Trouvèredichtung zuzuordnen. Die Kennzeichen dieser Dichtungsart sind einerseits die Gedichtform, es liegen durchgängige Endreime vor, die anhand von Paarreimversen deutlich werden, andererseits die moralische Ausrichtung, die sich durch das gesamte Gedicht zieht. Das altfranzösische Gedicht stellt eine Art Hybridform von Geschichtsdichtung und einer Gesta Richard I. dar.

Der sprachlich nüchterne Schreibstil des Autors lässt vermuten, dass die Leser- beziehungsweise Hörerschaft[22] das gemeine Volk einschloss. Ambroise wollte auch den einfachen Bürgern einen Einblick in die Kreuzzuggeschichte ermöglichen. Sprachliche Ausschmückungen sind lediglich bei der Beschreibung vereinzelter Schlachten vorzufinden, in denen sich der Autor einer rhetorischen Aufarbeitung des Geschilderten bedient.[23]

Der Autor der Quelle ist bemüht Richard Löwenherz positiv darzustellen und zeichnet ihn in vielfacher Hinsicht als den perfekten Kreuzfahrer und König, der Seite an Seite mit seinen Soldaten in die Schlacht zog.[24] Sämtliche andere Parteien, unter anderem die Muslime und die Franzosen, werden in einem deutlich schlechteren Licht inszeniert.[25] Zudem lässt sich nicht abstreiten, dass die Anpassungen einzelner Wörter oder Phrasen auf Grund der dichterischen Ästhetik mehr als wahrscheinlich sind, denn auch der begabteste Poet wäre nicht in der Lage ein Gedicht zu verfassen, welches über 12.000 Verse umfasst, ohne einige Angleichungen vorzunehmen. Der dichterische Eingriff verfälscht jedoch nicht den Aussagewert der geschilderten historischen Fakten. In der Estoire getroffene Aussagen werden in einigen anderen Werken bestätigt. Das Itinerarium Peregrinorum steht beispielsweise in unverkennbarer Beziehung mit dem Gedicht von Ambroise. Formulierungen und Wörter weisen erstaunliche Parallelen auf, weshalb in der geschichtswissenschaftlichen Forschung auch die Meinung vertreten ist, einer der Autoren hätte von dem anderen abgeschrieben.[26]

Die englische Übersetzung, die der vorliegenden Ausarbeitung zu Grunde liegt, wurde von Merton Jerome Hubert angefertigt. Hubert versuchte die Nähe zu dem Original zu wahren und fügte lediglich die Kapitelüberschriften und vereinzelte Kommentare hinzu.[27] Der Übersetzungstext basiert auf der Quellenedition von Gaston Paris aus dem Jahre 1897. Aus der Tatsache, dass die eigentliche Quelle doppelt übersetzt wurde, zuerst vom Altfranzösischen ins Französische und weiter ins Englische, resultiert zwangsläufig die Gefahrenquelle, dass sich mögliche Übersetzungsfehler eingeschlichen haben. Diese vereinzelten Fehler, die nur vielleicht aufgetreten sind, sollten jedoch nicht davon abschrecken die englische oder französische Übersetzung zu Rate zu ziehen.

3.2.3 Interpretation

Das Gedicht von Ambroise ist, auch wenn eine kritische Auseinandersetzung mit der literarischen Quelle von Nöten ist, für den Kreuzzug Richard I. die wahrscheinlich geeignetste Quelle. Neben den detaillierten Kampfbeschreibungen lässt sich vor allem das taktische und diplomatische Geschick Richards herausarbeiten. Für den Kontext der Ausarbeitung ist die Auseinandersetzung mit der Estoire demnach unerlässlich. Ambroise beschreibt mit seiner Darstellung verschiedene, vor allem taktische geprägte, Gründe, weshalb sich Richard gegen eine Belagerung Jerusalems entschied und stellt seinen König letztendlich, ob bewusst oder unbewusst, als Meister der Kriegskunst, der Taktik und der Politik dar.

Militärische Erfolge sind nicht nur abhängig von der Truppenstärke der agierenden Parteien, sondern ergeben sich aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren. Richard Löwenherz war sich diesem Umstand bewusst. Er sah die große Distanz seiner Armee zu den Küstenfestungen und wusste um die mögliche Gefahr von Truppen- oder Versorgungsengpässen.[28] Außerdem verschloss er seine Augen nicht vor der Tatsache, dass die Belagerung der Stadt enorme Mittel beanspruchen würde, denn Jerusalem war sehr stark befestigt und ließ sich gut verteidigen.[29] Zusätzlich war Saladin mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bild über die Truppenstärke und -bewegungen der Christen, was ihm eine erhebliche Vorteilsstellung sicherte.[30] Auf Grund dieser taktischen Nachteile sah Löwenherz einer Offensive gegen die Heilige Stadt mit Skepsis entgegen. Die Entscheidung gegen die Belagerung spricht für ihn und deutet von einer enormen taktischen Raffinesse.

Zudem konnte die für ihn wohl wichtigste Frage nur mit Ungewissheit beantwortet werden, denn was sollte nach der Einnahme der Stadt passieren? Der englische König war davon überzeugt, dass Jerusalem nicht dauerhaft standhalten könne. Die Kreuzritter würden nach der Erfüllung ihres Gelübdes das Outremer verlassen und Jerusalem hätte einer erneuten Machtergreifung der Muslime nichts entgegen zu setzten.[31] Zur Klärung dieser grundlegenden Frage[32] berief er eine Versammlung ein, die aus Mitgliedern des Templer- und Johanniterordens, sowie aus Syrern und Franzosen bestand.[33] Der Rat sollte entscheiden, welches Vorgehen am sinnvollsten war. Richard verließ sich also nicht nur auf seine Einschätzung der Situation, sondern vertraute auf die Kompetenz und Erfahrung der Versammlung. Mit dieser Maßnahme bewies Löwenherz eine erstaunliche Weitsicht und sein politisches Geschick. Er handelte entgegen der heutzutage weit verbreiteten Vorstellung, ein übermütiger und schlechter König gewesen zu sein, der keinerlei politischen Sinn besaß. Mit dem Ergebnis der Versammlung muss Richard I. sehr zufrieden gewesen sein, denn der Rat entschied, es sei am sinnvollsten das Machtzentrum Saladins in Ägypten zu attackieren. Löwenherz zog aus dieser Entscheidung zweierlei Gewinn. Einerseits konnte ihm nicht angelastet werden, er habe die Entscheidung gefällt Jerusalem nicht zu belagern und war somit in der Lage die Schuld für dieses Versäumnis von sich abzuweisen.[34] Das politische Feingefühl Richards ist erneut ersichtlich, denn seine Feinde warteten nur auf einen Fehler seinerseits, den sie für ihren Vorteil ausnutzen konnten.[35] Andererseits eröffnete sich die Möglichkeit den Plan eines Ägyptenfeldzuges in die Tat umzusetzen, an dem er schon länger festhielt.[36]

3.3 Das Schreiben Richards an Abt Clairvaux

3.3.1 Inhalt

In dem Brief vom 1. Oktober 1191 an den Abt von Clairvaux fasst Richard I. die Ereignisse im Heiligen Land zusammen. Richard berichtet von seiner Ankunft und der erzwungenen Kapitulation Akkons, sowie der anschließenden Hinrichtung einer großen Zahl gefangener Sarazenen, da Saladin die Lösegeldforderung für die Gefangenen nicht beglich. Nach dem erfolgreichen Sieg in Akkon reist der französische König Philipp II. August in sein Heimatland zurück und die christliche Armee marschiert über Arsuf nach Jaffa. Abschließend drängt Richard den Abt dazu, durch entsprechende Aufrufe möglichst viele Männer zur Auswanderung nach Jerusalem zu bewegen, damit das Land nach der Eroberung bevölkert und verteidigt werden kann.

3.3.2 Quellenkritik

Der Brief ist von König Richard I. an den Abt von Clairvaux, Garnier de Rochefort[37], gerichtet. Für die Ausarbeitung wurde die englische Übersetzung Roger of Howden Annalen von Henry T. Riley verwendet. In seinem Werk, das eine Hybridform aus Annalen, Chronik und Gesta darstellt, fasst Howden die Geschichte Englands zusammen und liefert unter anderem mehrere Briefe Richards. Über Roger of Howden ist nur sehr wenig überliefert. Er wurde in dem Dorf Howden nahe der Stadt Yorkshire geboren und war Geistlicher. Zwischen 1174 und 1189 nahm er die Position des Schriftführers am Hof Heinrichs II. ein. Im Jahre 1190 begleitete er Richard Löwenherz während des Dritten Kreuzzugs. Nachdem er frühzeitig von der Unternehmung gen Heimat aufbrach begab er sich in die Dienste von Hugh de Puiset, dem Bischof von Durnham. Es wird gemutmaßt, dass er um 1201 gestorben ist, da seine Aufzeichnungen in besagtem Jahr ein plötzliches Ende finden.[38] Sein Werk muss unmittelbar nach dem Dritten Kreuzzug entstanden sein. In welchem Jahr es genau begonnen wurde lässt sich nur vermuten, es wurde jedoch definitiv vor dem Ausbleiben der Aufzeichnungen im Jahre 1201 fertiggestellt.

Die Echtheit des Briefes lässt sich nicht anzweifeln. Als eine Art administratives Schreiben, welches letztlich einer freundlich formulierten Dienstanweisung gleichkommt, kam der Brief einem englischen writ[39] gleich. Garnier de Rochefort konnte mit dem Schreiben die Legitimität eines Aufrufs nachweisen. Auch glaubhaft ist, dass Roger of Howden als Persönlichkeit, die eine gute Beziehung zum englischen Hof hatte, Zugriff auf sämtliche Dokumente hatte, demnach sehr wahrscheinlich auch auf Briefe, die Richard Löwenherz während seines Kreuzzuges ach England schickte. Die Datierung des Briefes liefert ein weiteres Indiz für die Echtheit. Laut der Überlieferung bei Howden wurde das Schriftstück am ersten Oktober im Jahre 1191 in Jaffa beziehungsweise Joppa erstellt. Richard hielt sich mit seinen Soldaten, nach der Schlacht von Arsuf am siebten September 1191, noch einige Wochen in der Nähe von Jaffa auf. In dieser Zeit ließ er die zerstörten Burgen der unmittelbaren Umgebung Jaffas wieder aufbauen, die Saladin zuvor von seinen Männern hatte schleifen lassen.[40]

3.3.3 Interpretation

Der Brief Richards an den Abt von Clairvaux markiert einen weiteren Punkt, der sein politisches Talent unterstreicht. Wie zuvor in der Arbeit herausgestellt wurde, war sich Löwenherz darüber bewusst, dass die Christen Jerusalem nach einem Sieg nicht dauerhaft halten konnten.[41] Er hoffte den Kreuzfahrerstaat durch eine rasche christliche Einwanderungswelle aus den europäischen Ländern kräftigen zu können und strebte folglich eine Siedlungspolitik an, um das Land zu „bevölkern und verteidigen“[42]. An diese politische Hoffnung klammernd richtete er sich an den einflussreichen Abt Clairvaux, den er gekonnt in eine Art Zwickmühle setzte. Die Tatsache, dass er den Erfolg der christlichen Mission im Outremer in die Hände des Abtes legte, befreite Richard einerseits von der möglicherweise aufkommenden Schuld. Andererseits geriet der Abt unter Druck, denn scheiterte das Unterfangen im Heiligen Land, könnte er verantwortlich gemacht werden, sollte er der Bitte seines Königs nicht Folge leisten und einen öffentlichen Aufruf starten, um möglichst viele Christen in den „service of God“[43] zu bewegen.[44] Es ist nicht eindeutig, ob die Absicht des englischen Königs tatsächlich darin lag Druck auf den Abt auszuüben, die Möglichkeit eines solchen Schachzuges ist jedoch nicht ausgeschlossen und zeugt von einer strategischen Glanztat, denn den Kreuzrittern konnte somit nicht im Nachhinein vorgeworfen werden die Mission sei auf Grund ihrer Faulheit und Fahrlässigkeit gescheitert.[45]

Zudem kommt das visionäre Wesen des Kreuzfahrers zum Vorschein. Er bemüht sich in jeglicher Hinsicht, sei es militärisch, diplomatisch oder politisch, den Grundstein für eine langfristige christliche Herrschaft in Jerusalem zu legen. Sein Blick reicht dabei über die Gegenwart hinaus. Er verschloss die Augen nicht vor der drohenden Niederlage. Sowohl die finanziellen Mittel, als auch die personellen Verluste des Kreuzfahrerheeres waren enorm[46] und waren zum Zeitpunkt seines Schreibens nahezu aufgebraucht.[47]

3.4 Das Schreiben Richards an Genua

3.4.1 Inhalt

Am 11. Oktober 1191 richtet sich Richard I. in zwei Schreiben an die Genuesen und unterrichtet diese über seinen Plan im folgenden Sommer nach Ägypten vorzustoßen. Mit Unterstützung der italienischen Seerepublik wollte Löwenherz Kairo und Alexandrina erobern und somit die Machtbasis Saladins erschüttern. Als Gegenleistung für die Hilfe wurde den Genuesen ein Drittel der Eroberungen des englischen Königs im Heiligen Land zugesichert. Die Kosten für die genuesische Flotte wollte der König über die gesamte Dauer der Dienstleistung[48] zur Hälfte übernehmen.[49]

3.4.2 Quellenkritik

Richard richtet sich in seinen Schriftstücken vom 11. Oktober 1191 an die Genuesen. Die Briefe sind in dem Werk von Cesare C. überliefert. Der Autor stammt von dem italienischen Adelsgeschlecht der Imperiali ab, dessen Wurzeln in Genua anzusiedeln sind.[50] Die Plausibilität, dass der Autor Zugriff auf Dokumente genuesischer Herkunft hatte kann, begründet durch die Tatsache, dass er von einer der einflussreichsten italienischen Familien abstammte, als hoch eingestuft werden.

Formaldiplomatisch betrachtet handelt es sich bei den Schreiben an Genua, wie bei dem Brief an den Abt von Clairvaux, nicht um Briefe, sondern um writs. Die Schriftstücke weisen zwar einen briefartigen Inhalt und Strukturierung auf, enthalten jedoch bindende Zugeständnisse des englischen Königs an die Genuesen. Das Ausstellungsdatum vom 11. Oktober 1191 erscheint plausibel. Diese Annahme lässt sich durch ein entscheidendes Argument bekräftigen, denn der Zeitraum, in dem die Nachrichten an Genua verfasst wurden, lässt sich mit Gewissheit eingrenzen. Richard muss zwischen der Erstürmung Akkons im Julie 1191 – die Phrase „ quoniam in partes Surie iam aplicuimus"[51] weist darauf hin, dass Richard erst vor kurzem im Heiligen Land gelandet war – und seiner Abreise aus dem Heiligen Land am 9. Oktober 1192 die Briefe erstellt haben. Die theoretische Möglichkeit, dass die writs auf einige Tage nach seiner Abreise datiert waren, um mit seinem sehr kleinen Gefolge unentdeckt nach England zu gelangen, kann nicht ausgeschlossen werden. Sein Plan, Ägypten im folgenden Sommer mit der Unterstützung der Genuesen anzugreifen, setzte jedoch voraus, dass Richard beabsichtige noch längere Zeit im Heiligen Land zu verweilen.

Auch die Authentizität der writs kann nicht angezweifelt werden. Es gibt einige formale Kriterien, die darauf hinweisen, dass die Schriftstücke von Richard I. persönlich erstellt beziehungsweise von seinem Kammerkleriker diktiert wurden. In der Titulatur findet sich beispielsweise der Herrschername ausgeschrieben. Dieser Umstand widerspricht der gängigen Praxis der königlichen Kanzlei, die in der Regel die Intitulatio in abgekürzter Form niederschrieb.[52] Außerdem folgt der Grußformel eine Arenga, die der englischen Kanzlei unbekannt war.[53]

3.4.3 Interpretation

Die Tatsache, dass sich Richard Löwenherz, bezüglich seiner Angriffspläne gegen Ägypten, an die Seemacht Genua wandte, macht die Ernsthaftigkeit seines Unterfangens deutlich, verweist jedoch gleichzeitig auf eine gewissen Notwendigkeit der genuesischen Unterstützung. Nach der Landung der englischen Truppen vor Akkon lehnte Richard ein Hilfeangebot Genuas ab und muss einem Bündnis generell mit Skepsis entgegen geblickt haben.[54] Die Seemacht war bereits Philipp II., mit dem sich der König Englands zerstritten hatte, und Konrad von Montferrat verpflichtet. Für einen erfolgreichen Ausgang der geplanten Kampagne muss Richard I. folglich die genuesische Unterstützung als unabdingbar angesehen haben, ansonsten wäre sein Hilfegesuch mit Sicherheit nicht an Genua gerichtet. Seine persönliche Abneigung gegenüber dem französischen König legte er, zumindest für den Moment, beiseite und verhielt sich gemäß einem ausgezeichneten Taktiker und Diplomaten.

[...]


[1] Als Beispiel dieser Meinung über Richard I. kann der Kreuzzugshistoriker Steven Runciman angeführt werden. Seiner Ansicht nach war Richard „[...] ein schlechter Sohn, ein schlechter Gatte und ein schlechter König gewesen, aber ein kühner und großartiger Krieger“ (Runciman, Steven: Geschichte der Kreuzzüge, München 2001, S. 849). Hans Eberhard Mayer bezeichnet Richard in seinem Werk zur Geschichte der Kreuzzüge sogar als einen „Haudegen ohnegleichen“ und unterstellt ihm fehlendes politisches Bewusstsein (Mayer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1989, S. 132). Diese zwei Beispiele könnten durch eine Fülle weiterer Ansichten ergänzt werden, sollen jedoch für die exemplarische Untermauerung der Aussage ausreichen.

[2] Vgl. Gillingham, John (übers. v. Heeger, Rudi): Richard Löwenherz. Eine Biographie, Düsseldorf 1981, S. 13.

[3] John Gillingham versucht in seinem Werk „Richard I.“ den Blick auf Richard Löwenherz zu ändern und seiner Rolle als einer der bedeutendsten Herrscher der europäischen mittelalterlichen Geschichte gerecht zu werden (Gillingham, John: Richard I., New Haven [u.a.] 1999). Robert-Tarek Fischer schildere den englischen König als charismatischen Herrscher, der kraft seiner Persönlichkeit das Reich zusammenhielt, und zwar trotz seiner Kreuzzüge und Gefangenschaft (Fischer, Robert-Tarek: Richard I. Löwenherz 1157 – 1199. Mythos und Realität. Wien/ Köln/Weimar 2006).

[4] Ein Beispiel für die herausragenden Fähigkeiten des englischen Königs wird bei näherer Betrachtung seines Umgangs mit dem Angriff auf die Heilige Stadt Jerusalem deutlich. Obwohl es sein größtes Ziel gewesen sein muss Jerusalem für die Christen zurück zu erobern entschied er sich, basierend auf verschiedenen taktischen Gründen, gegen eine militärische Operation gegen Jerusalem. Detaillierte Informationen hierzu liefert beispielsweise Ambroise in seiner Estoire de La Guerre Saint e (Ambroise (übers. v. Merton Jerome Hubert, mit Anm. v. John L. La Monte): The crusade of Richard Lion-Heart, New York 1976, S. 377-379, V. 10.136-10.211).

[5] Faktisch war Richard schon zuvor König von England. Nach dem Tod seines Vater, Heinrich II., am 6. Juli 1189 war er der Thronerbe. Die Krönungszeremonie in Westminster war eher reine Formsache.

[6] Es sind einige weitere Informationslücken vorzuweisen. Die Überfahrt aus dem Heiligen Land zurück auf den europäischen Kontinent und die folgenschwere Zeit vor und während der österreichisch-deutschen Gefangenschaft sind nur in Umrissen bekannt.

[7] Die Stadt lag nahe der Metropole Lissabon. Philipp und Richard trafen in Vézelay zusammen und vereinigten die französisch-angevinischen Streitkräfte. Die beiden Könige trafen zudem ein Abkommen. Sie zogen in den Krieg für Land, Beute und Ruhm und ihre Eroberungen sollten zu gleichen Teilen zwischen ihnen aufgeteilt werden. Am 4. Juli 1190, dem dritter Jahrestag der Schlacht von Hattin, machten sich die Heere auf den Weg ins Heilige Land und der Dritte Kreuzzug begann.

[8] Er zeigt die verbissene Tapferkeit der Kreuzfahrer und ihre Leiden, sowie ihre Gedanken über Entscheidungen ihrer Kommandanten und des englischen Königs.

[9] Zumindest bis 1191, als er sich auf die Heimkehr aus dem Heiligen Land machte.

[10] Vgl. Gillingham, John (übers. v. Heeger, Rudi): Richard Löwenherz. Eine Biographie, Düsseldorf 1981, S. 153 f.

[11] Die jeweilige Quellenkritik beschäftigt sich vor allem mit der Glaubhaftigkeit und in diesem Kontext mit der Echtheit der Quellen. Eine umfassende Quellenkritik in allen Bereichen ist auf Grund der Fülle in dieser Arbeit nicht vorliegend. Grundlegend sind jedoch die wichtigsten Aspekte berücksichtigt worden.

[12] Vgl. Fischer, Löwenherz, S. 150.

[13] Der enge Vertraute Saladins und Augenzeuge des Dritten Kreuzzuges Baha al-Din berichtet über die Schlacht vor Arsuf: „[...] Eine Gruppe attackierte unseren rechten Flügel. eine andere unseren linken Flügel und die dritte unser Zentrum. Unsere Männer wichen von ihnen zurück“ (Bahā' al-Dīn Ibn Shaddād (aus dem Arab. übers. v Richards, Donald Sydney): The rare and excellent history of Saladin or al-Nawādir al-Sulṭāniyya wa'l-Maḥāsin al-Yūsufiyya, Aldershot [u.a.] 2001, S. 175).

[14] Die Stadt konnte am 22. Mai 1192 eingenommen werden. Daron war die letzte Küstenfestung unter der Gewalt Saladins und gleichzeitig das letzte befestigte Hindernis auf dem Weg nach Ägypten (Vgl. Kessler, Ulrike: Richard I. Löwenherz. König, Kreuzritter, Abenteurer, 2. revidierte Aufl., Graz [u.a.] 1995, S. 222).

[15] Miller, David: Richard the Lionheart. the mighty crusader, London 2003, S. 127-135.

[16] Er handelte kurz darauf einen Friedensvertrag mit Saladin aus, der allen christlichen Pilgern sicheres Geleit nach Jerusalem zusicherte. Richard selbst begab sich auf den Rückweg nach England, um die politische Lage in seinem Reich zu beruhigen.

[17] Das Gedicht behandelt nur sehr dürftig und kurz die Ereignisse, die nach seiner Abreise aus dem Outremer vonstattengingen. Sie können im Grunde genommen nicht als inhaltlich Aussagekräftig aufgenommen werden und fallen deshalb aus der Inhaltsangabe des Gedichts heraus, denn seine Gefangenschaft, die Rückkehr nach England, die Rückeroberung der angevinischen Gebiete in Frankreich und sein Tod nach der Schlacht von Châlus-Chabrol werden nahezu gänzlich vernachlässigt. Mögliche Gründe für diese Vernachlässigung folgen in der Quellenkritik.

[18] Fischer, Löwenherz, S. 18.

[19] Vgl. Marianne Ailes stellte heraus, dass der Autor der Estoire mehrfach in der dritten Person schreibt und sich selbst mit dem Namen Ambroise betitelt (Vgl. Ambroise (übers. u. bearb. v. Ailes, Marianne): The history of the Holy War. Ambroise's Estoire de la guerre sainte, Woodbridge 2003, S. 1)

[20] Genauer aus der Region um Evreux im nord-westlichen Teil des heutigen Frankreichs. Diese Annahme begründet sich aus seiner Kenntnis über eher unbekannte Persönlichkeiten dieses Gebiets. Außerdem bezeichnet er die normannischen Eroberer Siziliens als seine Vorfahren (Vgl. Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 52, V. 618).

[21] Ambroise beschreibt vieles aus der Sicht der Soldaten und einfachen Kreuzfahrer. Das spiegelt sich auch in der Darstellung von Richards Entscheidungen, die nicht aus der Sicht eines dem König nahestehenden Beraters beschrieben werden, sondern durch Stimmung unter den Kreuzfahrern erschließbar sind. Hubert ist deshalb davon überzeugt, dass Ambroise ein Poet gewesen sein muss (Vgl. Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 5). Marianne Ailes hingegen sieht Ambroise, auf Grund der moralische Ausrichtung des Gedichts und dem Sprach- und Bildungslevel, das Ambroise mit seinem Gedicht unter Beweis stellt, als einen Kleriker (Vgl. Ambroise, Holy War, S. 1 f.).

[22] Ein Gedicht war im Mittelalter konzipiert, um laut vorgelesen zu werden. Hubert sieht Ambroise als „jongleur, trained in the art of writing, and verse was the natural and traditional way of telling a story meant tob e read aloud“ (Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 4).

[23] Merton Jerome Hubert stellt heraus, dass sich Ambroise lediglich in Schlachtszenen einer bildhaften Sprache bedient („In a battle arrows and spears fill the air like heavy snowfall in winter, the victors pursue the vanquished like the wolf pursuing the hapless flock of sheep - these [...] marks the limit of our poet’s command of figurative language“ (Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 20).

[24] Eine Gedichtstelle, die seine Bemühungen verdeutlichen, findet sich in der Ansprache Richards indem er seine Entscheidung gegen eine Belagerung Jerusalems offenbart. Der König zeigt in dieser Situation nicht nur sein taktisches und politisches Geschick, sondern offenbart auch eine persönliche Verbundenheit mit seinen Soldaten, denn er wird diese nicht in ihren sicheren Untergang führen (Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 378, V. 10.156 f.: „[...] never will you see me guide Men other than I rightly ought […]”).

[25] Die Abneigung gegen die Muslime wird beispielsweise schon zu Beginn des Werkes erkennbar. Ambroise bezeichnet diese als Heiden und stellt dar, wie sie das Heilige Kreuz gestohlen haben (Vgl. Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 32, V. 22 f.).

[26] In den letzten Jahren ist eine regelrechte Debatte über die Beziehung der Estoire und dem Itinerarium ausgebrochen. Gaston Paris geht davon aus, der Autor des Itinerariums habe von der Estoire abgeschrieben. Eine andere Meinung vertritt Kate Norgate. Sie ist davon überzeugt, dass die beiden Werke unmittelbar nacheinander entstanden sind. Es sei jedoch nicht möglich zu sagen, welches Werk in seinem Original als erstes entstand, sodass auch nicht sicher belegt werden könne, welcher Autor möglicherweise von dem anderen abschrieb. Eine weitere Forschungsmeinung wird vor allem durch John Goronwy Edwards geprägt. Seiner Ansicht nach haben die Autoren nicht untereinander abgeschrieben. Edwards äußert die Vermutung, dass sowohl die Estoire, als auch das Itinerarium auf einer dritten, nicht überlieferten Quelle, basieren. Für detaillierte Informationen sind die jeweiligen Titel im Literaturverzeichnis aufgeführt.

[27] Der Originaltext von Ambroise war, wie es zu der Zeit üblich war, durchgehend geschrieben.

[28] Vgl. Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 378, V. 10.163-10.167.

[29] „[...] walls that are so thick and strong [...]“ (Ebd., V. 10.173 f.)

[30] Vgl. Ebd. V. 10.161 f.

[31] Vgl. Fischer, Löwenherz, S. 155.

[32] Richard traf nicht nur eine Maßnahme um die Zukunft der Gebiete im Heiligen Land zu sichern. Ein weiteres Beispiel findet sich in Punkt 3.3 Das Schreiben Richards an Abt Clairvaux.

[33] Vgl. Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 379, V. 10.201-10.203; Die Zusammensetzung des Rates war wie folgt festgelegt: Er bestand aus vier oder fünf Templern und derselben Anzahl von Johannitern, Syrern und Franzosen (Ebd., S. 380, V. 10.212-10.217; außerdem: Nicholson, Helen J. [Hrsg.]: Chronicle of the Third Crusade, Aldershot 1997, S. 336 f.).

[34] Es ist sehr wahrscheinlich, dass Richard bestrebt war nicht Schuld an dem Versäumnis einer Einnahme der Heiligen Stadt zu sein. Ein Indiz für diese Annahme liefert er selbst in einem Brief den er während seiner Gefangenschaft in Deutschland an Heinrich VI. schrieb. In dem Brief heißt es: “[…] It is said that I have not taken Jerusalem. I should have taken it, if time for it had been given me: this is the fault of my enemies, not mine; […]” (Bief Richard I. aus dem Jahre 1196 an den Deutschen König Heinrich VI. als er der Gefangene Heinrichs war, in: Orchard Halliwell, James: Letters of the Kings of England. Now first collected from royal archives, and other authentic sources, private as well as public, Bd. 1, London 1848, S. 9)

[35] „That there are folk in France and here who have desired, and ardently do still wish and desire to see me make an error of this sort which they might turn to ill report” (Ambroise, Richard Lion-Heart, S. 379, V. 10.186-10.190).

[36] Weitere Informationen folgen unter Punkt 3.4 Das Schreiben Richards an Genua.

[37] Garnier de Rochefort (geboren circa 1140; gestorben nach 1225) war von 1186 bis 1193 der Abt von Clairvaux. Er war ein erfolgreicher Schriftsteller (Vgl. Hödl, Ludwig, „Garnerius v. Rochefort“, in Lexikon des Mittelalters, Bd. 4, Sp. 1119, Stuttgart 1999, in: Brepolis Medieval Encyclopaedias - Lexikon des Mittelalters Online, Stichwortsuche „Garnier de Rochefort“, am 12.03.2016 zuletzt online abgerufen).

[38] Vgl. Corner, David J., „Roger of Howden“, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 7, Sp. 943, Stuttgart 1999 in: Brepolis Medieval Encyclopaedias - Lexikon des Mittelalters Online, Stichwortsuche „Roger of Howden“, am 12.03.2016 zuletzt online abgerufen.

[39] Eine geschriebene Anordnung die durch eine eine zuständige Instanz erlassen wurde. In dem Fall war es die höchste Staatliche Instanz, der König.

[40] Vgl. Fischer, Löwenherz , S. 150-154.

[41] siehe 3.2.3 Interpretation.

[42] Fischer, Löwenherz, S. 156.

[43] The Annals of Roger de Hoveden. Comprising the History of England and of other Countries of Europe from A.D. 1181 to 1192, übers. v. Riley, Henry T., Bd. 2/1, London 1853, S. 224.

[44] Richard Löwenherz schreibt dazu: „And for this reason it is that we do at this early period direct to your holiness our letters […] to the end that we may not be reproached with slothfulness and negligence […]”. Er schreibt weiter: „See to it that through the watchful attention of your zeal Christendom’s requirements are not lost due to your neglect.” (Ebd. S. 224).

[45] Vgl. Ebd. S. 224.

[46] Auf dem Marsch von Akkon nach Jaffa verlor eine ernstzunehmende Anzahl an Christen, ihr Leben („As between Acre and Joppa there was a very considerable distance, […] after much toil, and a severe loss of men […]”; in: Ebd., S. 222).

[47] „[...] have now exhausted all our money, and not only our money, but our strength and body as well; we do notify [...] that we are not able to remain in the country of Syria beyond the festival of Easter“ (Roger de Hoveden, History of England, S. 223)

[48] In dem ersten writ war die Definition der Dauer nicht genau gefasst. Richard schrieb lediglich, dass er die Kosten vom Tage des Aufbruchs zur Hälfe übernehmen wolle. Das zweite Schreiben konkretisierte diese Aussage und legte fest, dass über die gesamte Dauer der Unterstützung die Hälfte der Kosten von dem englischen König getragen werden sollten (Vgl. Mayer, Hans-Eberhard/ Favreau, Marie-Luise: Das Diplom Balduins I. für Genua und Genuas Goldene Inschrift in der Grabeskirche, in: Niemeyer, M. [u.a.] [Hrsg.]: QFIAB, Bd. 55/56, Tübingen [u.a.] 1976, S. 90).

[49] Vgl. Imperiale di Sant'Angelo, Cesare C.: Codice diplomatico della Repubblica di Genova, Bd. 3, Rom 1942.

[50] Der Namenszusatz „Sant'Angelo” bezeichnet die Herkunftsregion des Autors. Die Familie Imperiali stammt ursprünglich aus Genua und entwickelte sich zu einem der führenden Geschlechter der Republik und konnte große Besitzungen erwerben, unter anderem auch die Gemeinde Sant‘ Angelo.

[51] Cesare C. Imperiale di Sant'Angelo, Genova, S. 20, Briefzeile 17.

[52] Die Intitulatio der Schriftstücke an Genua lauten wie folgt: „Ricardus die gratia rex Angl., dux Norm., Aquitanie, comes And.“ Gängig wäre hingegen die Abkürzung „Ric.“ oder wenigstens „Ricard‘“ gewesen (Vgl. Meyer, Hans Eberhard: Die Kanzlei Richards I. von England auf dem Dritten Kreuzzug, in: ders. (Hrsg.): Kreuzzüge und lateinischer Osten, 198, S. 25).

[53] Detaillierte Informationen zu dem formalen Aufbau der writs liefert Hans Eberhard Meyer. Er hat die Schriftstücke an Genua einer genauen Analyse unterzogen und erstaunliches herausgestellt (Meyer, Kanzlei Richards I., S. 22-35).

[54] Vgl. Kessler, Richard I., S. 223.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Richard Löwenherz. Ein Visionär im Heiligen Land
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V416006
ISBN (eBook)
9783668657595
ISBN (Buch)
9783668657601
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Richard Löwenherz, Mythos, Heiliges Land, Jerusalem, zeitgenössische Meinungen
Arbeit zitieren
Jörg Glowka (Autor), 2016, Richard Löwenherz. Ein Visionär im Heiligen Land, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416006

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