Eine vergleichende Analyse zweier Kinderbücher zum Thema Sterben und Tod

Kilian "Die Mondmutter" und Pohl/Gieth "Du fehlst mir, du fehlst mir!"


Examensarbeit, 2005
145 Seiten, Note: 2,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

I. Psychologische Aspekte zum Thema „Sterben, Tod und Trauer“ in der Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen
1. Unsicherheiten im Umgang mit Sterben und Tod
1.1. Gesellschaftlicher Umgang mit Sterben und Tod
1.1.1. Historische Betrachtungsweise der Todesproblematik
1.1.2. Die These der gesellschaftlichen Verdrängung
1.1.2.1. Modernisierungsprozesse
1.2. Tod und Psyche
1.2.1. Die Angst vor dem Tod
1.2.2. Sterben und Tod aus der Sicht Sterbender
1.2.2.1. Die Aussagekraft der Symbole Sterbender
1.2.2.2. Sterbephasen nach Kübler- Ross
1.2.2.3. Der Übergang vom Leben zum Tod
2. Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Sterben und Tod
2.1. Begriffsbestimmung „Sterben“ und „Tod“
2.1.1. Begriffsbestimmung „Sterben“
2.1.2. Begriffsbestimmung „Tod“
2.2. Sozialisationseinflüsse auf die Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen
2.3. Entwicklungspsychologisch bedingte Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen
2.3.1. Entwicklung des Todesbewusstseins
2.3.2. Allmachtsphantasien und der Glaube an die Unsterblichkeit bei Kindern
2.4. Todesbegegnungen
3. Reaktionen von Kindern und Jugendlichen beim Verlust eines nahe stehenden Menschen
3.1. Begriffsbestimmung „Trauer“
3.2. Funktion der Trauer
3.3. Faktoren, die die Trauer beeinflussen können
3.4. Weg der Trauer
3.4.1. Trauer als Krise und Chance des menschlichen Lebens
3.4.2. Die vier Trauerphasen nach Kast
3.5. Elemente der Trauer
3.6. Tod und Trauer innerhalb der Familie
3.6.1. Wenn ein Kind stirbt – Trauer aus der Sicht der Eltern
3.6.1.1. Die Eltern – Kind – Bindung
3.6.1.2. Der Verlust des Kindes
3.6.2. Wenn Eltern sterben – Trauer aus der Sicht eines Kindes
3.6.3. Tod eines Geschwisters – Trauer aus der Sicht eines Geschwisters
3.6.3.1. Geschwister-Bindung
3.6.3.2. Der Verlust des Geschwisters
3.7. Einfluss der verschiedenen Todesumstände
3.7.1. Der plötzliche Tod
3.7.2. Der Tod nach einer Krankheit

II. Krankheit, Sterben und Tod als literarisches Thema, bezogen auf Kinder- und Jugendliteratur
1.1. Definition von Kinder- und Jugendliteratur
1.1.1. Definition realistischer Kinder- und Jugendliteratur
1.1.2. Definition problemorientierter , realistischer Kinder- und Jugendliteratur
1.2. Geschichte des Todes im Kinder- und Jugendbuch
1.3. Merkmale literarischer Gattung
1.4. Funktionen realistischer Kinder- und Jugendliteratur zum Thema Sterben und Tod
1.4.1. Förderung kritischer Betrachtungsweisen
1.4.2. Formulierungshilfe
1.4.3. Orientierungshilfe
1.4.3. Therapiemöglichkeit
1.4.4.1. Autobiographische Texte

III. Buchanalysen
1. Die Mondmutter von Susanne Kilian
1.1. Die Autorin
1.2. Inhalt
1.3. Inhaltliche Analyse
1.3.1. Kommunikationsstrukturen
1.3.2. Trauerarbeit
1.3.3. Psychische Verarbeitung
1.3.4. Todesvorstellung
1.3.5. Der Mond
1.4. Stilanalyse
1.4.1. Äußere Aufmachung
1.4.2. Struktur und Aufbau
1.4.3. Erzählsituation
1.4.4. Figurenkonstellation
1.4.5. Sprache/Satzbau
1.4.6. Stilmittel
1.5. Bewertung
2. Du fehlst mir, du fehlst mir! von Peter Pohl und Kinna Gieth
2.1. Die Autoren
2.2. Entstehung des Buches
2.3. Inhalt
2.4. Inhaltliche Analyse
2.4.1. Kommunikationsstruktur
2.4.2. Trauerarbeit
2.4.3. Psychische Verarbeitung
2.4.4. Todesvorstellung
2.5. Stilistische Analyse
2.5.1. Äußere Aufmachung
2.5.2. Struktur und Aufbau
2.5.2. Erzählsituation
2.5.3. Figurenkonstellation
2.5.4. Sprache/ Satzbau
2.5.6. Stilmittel
2.6. Bewertung
3. Vergleich der beiden Bücher mit Verweis auf andere problemorientierte Kinder- und Jugendbücher.
3.1. Die Autoren
3.2. Inhalt
3.3.1. Kommunikationsstrukturen
3.3.2. Trauerarbeit
3.3.3. Psychische Verarbeitung
3.3.4. Todesdefinition
3.4. Stilistischer Vergleich
3.4.1. Äußere Aufmachung
3.4.2. Stilmittel/Symbole
3.4.3. Struktur und Aufbau
3.5. Realitätsgehalt

Literaturverzeichnis

Einleitung:

„Frau Welt
Ich bin zur Welt gekommen
und nun bin ich soweit
zu fragen,
wie ich dazu gekommen bin,
zu ihr zu kommen.

Sie antwortet:
Du kommst nicht,
du bist schon im Gehen.“[1]

Das Gedicht Frau Welt von Erich Fried beschreibt den Entwicklungsverlauf vom Leben, Sterben und Tod. In dem Gedicht gehören das Sterben und der Tod zum Leben dazu.

Diese Haltung dem Sterben und Tod gegenüber ist eine in der heutigen Gesellschaft leider sehr selten vorkommende Lebenseinstellung. Da sich der Tod durch zahlreiche Widersprüche und Ambivalenzen auszeichnet, scheint der Umgang mit dem Thema Tod äußerst schwierig. Einerseits wird einem der Tod sehr bewusst gemacht, andererseits versucht man das Sterben und den Tod aus dem Leben auszugrenzen.

Heutzutage werden präparierte Leichen in künstlerischen Posen zur Schau gestellt[2], andererseits aber die dem Tod nahe stehenden Menschen in Krankenhäuser oder Altenheime abgeschoben. Von einem menschenwürdigen Umgang mit Sterben und Tod ist dabei nicht mehr zu sprechen.

In der Öffentlichkeit befassen sich überwiegend Ärzte, Psychologen, Dichter und Künstler mit dem Thema Sterben und Tod.

Gemessen an der Menge der Betroffenen ist das jedoch ein erhebliches Defizit unserer Gesellschaft, denn betroffen ist jeder von uns. Meine persönliche Konfrontation mit dem Tod und die damit verbundenen Erfahrungen sind für mich der Grund, die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod als dringende Notwendigkeit zu betrachten. Doch woran liegt es, dass in der modernen Gesellschaft das Sterben und der Tod vom Leben so massiv ausgeschlossen werden, wo doch im 18./19. Jahrhundert in asiatischen Gegenden Särge und Leichenhemden zum 55. Geburtstag verschenkt wurden?[3]

Tagore drückt seine Einstellung gegenüber Sterben und Tod mit den folgenden Worten aus: „Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt. Das Gehen vollzieht sich im Heben wie im Aufsetzen des Fußes.“[4]

Im Zuge der Modernisierungsprozesse der heutigen Zeit entwickelt sich das Leben mehr und mehr dahingehend, dass wir uns von der Illusion der Unsterblichkeit kaum zu lösen wagen. Doch gerade in dieser Zeit, in der Maschinen lebensnotwendige Organe ersetzen und dem Intelligenzquotienten mehr Aufmerksamkeit gegeben wird, als dem menschlichen Einfühlungsvermögen[5] sehe ich die dringende Notwendigkeit, das Sterben und den Tod als zum Leben gehörenden Prozess zu begreifen, was bedeutet, dass eine konkrete Auseinandersetzung mit diesem Thema stattgefunden haben muss. Um ein nahezu vollständig geklärtes Verhältnis zum Tod zu erreichen, sollte der Umgang mit diesem Thema in der Kindheit erfolgen. Ab welchem Alter die Auseinandersetzung mit dem Sterben und Tod erfolgen sollte, ist für viele Eltern ein Problem, das oft mit der Tabuisierung dieses Themas versucht wird zu lösen. Sie scheuen den Umgang mit kindgerechter Literatur zum Thema Sterben und Tod mit Begründungen wie die Kinder seien Symbol des aufblühenden des Lebens, was nicht zerstört werden dürfe oder für ein so trauriges, belastendes Thema seien die Kinder zu jung und unschuldig.

Kindheit und Tod sind für die meisten Eltern zwei Faktoren, die strikt voneinander zu trennen sind. Da der Tod aber jeden Menschen betrifft und trifft,- auch die Personen im direkten Umfeld unserer Kinder-, ist es unumgänglich den Tod für die Kinder begreifbar zu machen. Gerade in den ersten zwölf Lebensjahren ist es wichtig, den Tod nicht als etwas Beängstigendes oder Ungreifbares zu verstehen, da die Kinder in diesen Jahren besonders geprägt werden. Die Aufnahmefähigkeit bei Kindern ist in diesen Jahren besonders groß.

Um die weit verbreitete Unsicherheit vieler Eltern hinsichtlich Gespräche mit ihren Kindern über Sterben und Tod zu beseitigen, werden in zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern aber auch in psychologisch- medizinischen Ratgebern Hilfestellungen zum konkreten Umgang mit Sterben und Tod gegeben.

Einige meiner Ansicht nach sehr wertvolle Kinder- und Jugendbücher werde ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit zitieren.

Aus den genannten Überlegungen heraus beziehe ich mich dann auf zwei Kinder- und Jugendbücher, die das Thema Sterben, Tod und Trauer auf besondere Art und Weise aufgreifen.

Ich werde das Jugendbuch „Du fehlst mir, du fehlst mir!“ von Peter Pohl und Kinna Gieth und das Kinder- und Jugendbuch „Die Mondmutter“ von Susanne Kilian daraufhin analysieren, ob sie den sozialpsychologischen Aspekten und den entwicklungspsychologischen Voraussetzungen gerecht werden und ob die Darstellung des Problems des plötzlichen Todes innerhalb der Familie realistisch dargestellt wird.

Der Trauerarbeit gebe ich besonders große Bedeutung, da diese in beiden von mir ausgewählten Büchern besonders thematisiert wird. Außerdem ist die Trauerarbeit nach dem Verlust eines geliebten Menschen die einzige Möglichkeit zur Rückkehr ins gesellschaftliche Leben für die Betroffenen.

In den ersten beiden Kapiteln der vorliegenden Arbeit gebe ich grundlegende Informationen, um die Beurteilung der Bücher in Kapitel III möglich zu machen.

Kapitel I beschäftigt sich mit den Phänomenen Sterben und Tod aus gesellschaftlicher und entwicklungspsychologischer Sicht. Es wird sowohl der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod, als auch das Verhältnis von Kindern und Jugendlichen dem Tod gegenüber erörtert. Danach erläutere ich den Trauerprozess, um dann auf den Todesfall innerhalb der Familie und auf mögliche Hilfestellungen bei der Trauerarbeit einzugehen.

In Kapitel II befasse ich mich mit literaturtheoretischem Grundwissen.

Die gehäufte Entstehung von problemorientierten Kinder- und Jugendbüchern wird erläutert und des Weiteren werden spezifische Merkmale der literarischen Gattung hervorgehoben.

Die Funktion von problemorientierten Kinder- und Jugendbüchern werden abschließend erläutert, wobei ich speziell auf die Funktion problemorientierter autobiographischer Texte eingehe, die ich durch meine eigene Autobiographie stützen kann.

Mit den in Kapitel I und II aufgestellten Ergebnissen, ist es dann möglich, begründete Beurteilungskriterien zur Analyse der beiden Bücher zu entwickeln. Die wesentlichen Aufgaben, die problemorientierte Kinder- und Jugendbücher erfüllen sollten, können dann in Kapitel III erarbeitet werden.

In Kapitel III sind die Buchanalysen zentraler Inhalt, wobei ich mich auf die gewonnenen Ergebnisse aus Kapitel I und II beziehe. Abschließend stelle ich einen Vergleich der beiden Bücher her, um sowohl die positiven, als auch die negativen Seiten der Bücher zu beleuchten.

I. Psychologische Aspekte zum Thema „Sterben, Tod und Trauer“ in der Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen

1. Unsicherheiten im Umgang mit Sterben und Tod

Die Unsicherheiten im Ungang mit Sterben und Tod sind für diese Arbeit von großer Bedeutung, da sich die Unsicherheit gegenüber diesem Thema in der Gesellschaft manifestiert hat und ein normaler Umgang mit Sterben und Tod kaum noch möglich ist. Die Unsicherheit ist zum einen zurückzuführen auf die gesellschaftliche Entwicklung und den damit verbundenen Einflüssen auf den Betroffenen. Zum anderen entwickelt sich die Unsicherheit aus der eigenen Psyche heraus, da wir Menschen die Endlichkeit unseres Lebens nicht bewusst wahrnehmen wollen und daher die Illusion der Unsterblichkeit unseres Daseins entwerfen.

Stets zu berücksichtigen ist hierbei, dass der Aspekt des entwicklungs- psychologischen Umgangs mit dem Tod in hohem Maße auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod zurückzuführen ist.

1.1. Gesellschaftlicher Umgang mit Sterben und Tod

Aber warum lassen die Menschen sich so von ihrer Umwelt und nicht überwiegend von ihrem eigenen Inneren lenken? Wie ist es möglich, dass sich eine so wichtige Einstellung dem Leben gegenüber aus dem Einfluss äußerer Faktoren ergibt?

Im Folgenden versuche ich Antworten zu geben auf die Fragen der Entstehung der doch sehr fest verankerten Todesproblematik.

1.1.1. Historische Betrachtungsweise der Todesproblematik

Die historische gesellschaftliche Betrachtung des Umgangs mit dem Tod soll verdeutlichen, wie sich die Einstellung dem Sterben und Tod gegenüber im Wandel der Zeit verschoben hat, um der daraus resultierenden heutigen Todeseinstellung mehr Verständnis entgegenbringen zu können. Trotz der veränderten Todeseinstellungen lässt sich feststellen, dass die Sichtweise dem Tod gegenüber immer ein Problem darstellte.

Tod in der Antike

Eine allgemeine Art und Weise dem Tod entgegenzutreten gab es zu keiner Zeit. In der Antike unterschieden sich generell immer zwei Denkweisen über den Tod: Die homerische und die nachhomerische Sichtweise. In der homerischen Zeit glaubten die Menschen an ein Leben nach dem Tod, das in keiner Verbindung zum Diesseits steht. Der Tod wirkte beängstigend auf die Menschen, da sie ihre Vorstellungen von der Unterwelt nicht verdrängen konnten.[6]

In der nachhomerischen Zeit änderte sich die Sichtweise vom Tod und dem Leben danach entscheidend. Um dies zu verdeutlichen werde ich einige Philosophen und ihre Todeseinstellungen zitieren. Heraklit legte sein Hauptanliegen darauf, dass das Leben und der Tod zusammengehören und das Sterben ein notwendiges Ereignis darstellt. Er versuchte auf diese Weise die Angst vor dem Tod zu verdrängen. Sokrates war es wichtig, dem Tod mit Stärke entgegenzutreten und seinen stolz als Mensch zu bewahren. Er vertrat die Meinung, dass der Tod dem Menschen etwas Positives gibt. Platon sieht in dem Sinn des Lebens die Vorbereitung auf den Tod und das Leben danach. Er glaubt an die Unsterblichkeit der Seele und definiert das Sterben als einen Verlauf, der sich lediglich auf den physischen Teil des Menschen bezieht. Das Leben nach dem Tod wird beschrieben als ein Leben der Seele, befreit vom Körper.[7]

Mit Hinblick auf die römische Antike nenne ich Cicero, der - ebenso wie die meisten Philosophen-, versuchte mit seiner Sichtweise dem Tod etwas Positives abzugewinnen. Cicero bezieht sich hierbei größtenteils auf die Lehre der Unsterblichkeit nach Platon und sieht sich nach dem Tod befreit vom Körper. Cicero begründet seinen Glauben an die Unsterblichkeit mit der Angst der Menschheit zu sterben oder im unbekannten Jenseits weiterzuleben.[8]

Tod im Mittelalter und in der Renaissance

Die Todesproblematik im Mittelalter wird eng verknüpft mit dem Glauben an Himmel und Hölle. Wer ein sündenvolles Leben führt und stirbt, ohne vorher Buße getan zu haben, wird mit einem qualvollen Leben in der Hölle bestraft. Den so genannten guten Menschen steht die Erlösung im Himmel bevor. Die Todesvorstellung ist geprägt von einer starken Angst vor dem Sterben und vor dem Leben im Jenseits. Im frühen Mittelalter entwickeln sich die Menschen dahingehend, dass ein festes Todesritual nach Aries, einem französischen Historiker, bestimmt wird, wie der Weg des Sterbens zu gehen ist. Der Tod wird als zum Leben gehörender Verlauf gesehen, der von dem Sterbenden und seinen Mitmenschen gut vorbereitet sein soll.[9]

Im 15. Jahrhundert ist die ars moriendi – die Kunst des Sterbens- eine guter Vorsatz den Weg des Sterbens zu gehen. Die große Bedeutung dieser Schrift liegt darin, sie nicht in dem letzten Lebensabschnitt zu lesen. Die Auseinandersetzung mit der Kunst des Sterbens ist schon in den frühen Lebensjahren von Vorteil. In der ars moriendi[10] wird eine gute Vorbereitung auf den Weg des Sterbens gesehen.[11]

Im 18. Jahrhundert wird der Tod dann als endgültiger Abschnitt gesehen. Der Mensch wird durch den Tod aus seiner Lebenswelt gerissen und beschreitet nun ein völlig neues Universum. Gründe für diese Glaubensveränderung können in der Darstellung des Todes liegen. Der Tod wird zunehmend bewusster dargestellt und vom Leben ganz stark abgegrenzt. So werden die Lebenden in Totentänzen vom Tod, dargestellt durch Skelette, umtanzt. Im späten Mittelalter gewinnt der Tod immer mehr an Bedeutung und die Angst vor dem plötzlichen Tod nimmt rapide zu. In dieser Zeit werden dem Menschen die Macht des Todes und ihre Ohnmacht dem Tod gegenüber bewusst und er bezeichnet sich als „Lebender auf Abruf“.[12]

Die Zeit der Renaissance ist geprägt von einem neuen Lebensgefühl, das die Schönheit der Welt mehr und mehr zu schätzen lernt. Dadurch verändert sich die Einstellung dem Tod gegenüber dahingehend, dass die Menschen eine wesentlich größere Distanz zum Tode entwickeln. Sie verspüren den Wunsch den Todeszeitpunkt hinauszögern zu können (In der heutigen Zeit sind die Menschen aufgrund der fortgeschrittenen Medizin in dem Glauben, dass dies sogar möglich sei.). „Das intensive Lebensgefühl ließ die Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tode zurücktreten“[13] Indem der Mensch nicht mehr an ein Leben nach den Tod glaubt, schwindet die Angst vor der Hölle.[14]

Die Todesproblematik zur Zeit des Barock

Die Todeseinstellung in der Barockzeit entwickelt sich durch das gestärkte Bewusstsein der Schönheit des Lebens dahingehend, dass der Tod als „einzige Möglichkeit des Überlebens auf ewig“ gesehen wird.[15]

Die Todeseinstellung in der Aufklärung

Zur Zeit der Aufklärung lässt sich nun ganz klar die Richtung erkennen, in die sich unsere heutige Todeseinstellung entwickelt hat. Große naturwissenschaftliche Fortschritte lassen die Menschen glauben, die Macht über die Natur zu haben. Der Status eines Arztes wächst an und es entstehen Illusionen von den so genannten „Göttern in weiß“. Obwohl das Weiterleben der Seele feststeht, setzt man alle Hoffnung auf die Ärzte, das Leben und den Todeszeitpunkt kontrollieren zu können.[16]

Nach diesem kurzen historischen Überblick möchte ich festhalten, dass sich die Menschen nachdem sie ihren illusionsgesteuerten Todesansichten aufgrund ihrer Vernunft und ihres Wissens keinen Glauben mehr schenken konnten, auf den Fortschritt stützten und auch heutzutage noch stützen. Die Todeseinstellungen in der Antike und im Mittelalter würde die Einstellung zum Tode in der heutigen Zeit grundlegend bereichern. Das Zusammenspiel von Leben und Tod hatte in der damaligen Zeit große Bedeutung und die Menschen hatten so mehr Möglichkeit sich auf das Sterben und den Tod vorzubereiten.

1.1.2. Die These der gesellschaftlichen Verdrängung

Aus der historischen Betrachtungsweise der Todeseinstellung durch Jahrhunderte hindurch lässt sich sowohl die positive, als auch die negative Veränderung der Todesproblematik erkennen. Durch die Jahrhunderte hindurch zeichnete sich jedoch stets der Grundsatz aus „Muster nach denen wir sterben, werden hervorgebracht von Mustern nach denen wir leben“[17].

Die in der heutigen Zeit entstandene These zur Verdrängung des Todes lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Der Verdrängungsprozess lässt sich herleiten durch den Säkularisierungsprozess unserer Gesellschaft und durch die Modernisierungsprozesse.

In unserer heutigen säkularisierten Gesellschaft vollzieht sich zunehmend eine Trennung von Religion und Modernität. Die traditionelle Religion mit ihrem irrationalen Glauben findet in der heutigen Modernität keine Integration mehr, da sie von wissenschaftlichem Fortschritt und Vernunft bestimmt wird.[18] Der Glaube an ein Leben nach dem Tod verschwindet völlig aus der Todesvorstellung der Menschen und die Gewichtung der Bedeutsamkeit fällt ganz auf das Leben im Diesseits.[19] Weitere wichtige Einflussfaktoren sind den Modernisierungsprozessen zuzuordnen.

1.1.2.1. Modernisierungsprozesse

Der Modernisierungsprozess umfasst viele Bereiche unserer Gesellschaft, die uns in unserer Lebens- und Todeseinstellung stark beeinflussen. Der irrationale Glaube an den Tod wird verdrängt und der wissenschaftlich- technische Fortschritt unterstützt. Hierzu gehört vor allem die Institutionalisierung. Die Sterbenden sterben nicht mehr daheim, sondern werden in Krankenhäuser oder Pflegeheime abgeschoben. Das heißt, der Sterbende wird aus seiner vertrauten Umgebung von seinen geliebten Mitmenschen verstoßen, um den Hinterbliebenen den Tod zu erleichtern. Um dem Tod und der eigenen Sterblichkeit nicht gegenüberzutreten, schieben sie die Sterbenden ab in Krankenhäuser und überlassen die Verantwortung irgendwelchen Apparaturen.

Sie müssen sich nun nicht mehr damit auseinandersetzen, ob der Sterbende Angst hat oder welche letzten Wünsche er hat. Daniel Callahan beschreibt unsere Gesellschaft sehr treffend, wenn er sagt

„über den Tod direkt zu sprechen und über seinen Platz in unserem Selbstverständnis verunsichert uns stärker, denn das wirkt sicherlich störend in einer Gesellschaft, die den Schleier des Pluralismus dazu benutzt, einen ernsthaften Austausch über die tiefsten Probleme zu vermeiden“[20].

Die Frage nach der Menschlichkeit ist hier sicher angemessen. Immer wieder müssen wir uns bewusst machen, dass der Mensch und sein Gefühlsleben wichtiger ist, als nur seine körperlichen Funktionen. Die Bedürfnisse der Sterbenden haben sich im Laufe der Jahrhunderte nicht verändert, wohl aber unsere Fähigkeit diesen Bedürfnissen nachzugehen.[21] Wir versuchen den Tod so fern wie möglich zu halten.

Neben der Institutionalisierung des Todes liegt es auch an der modernen Familienkonstellation, dass der Tod nicht mehr ins Leben miteinbezogen wird. In der modernen Gesellschaft ist es so, dass lediglich noch zwei Generationen in einer Familie zusammen leben, so dass dem Kind die Möglichkeit nicht gegeben ist, dem Tod real zu begegnen. In der Vergangenheit war es keine Ausnahme, dass drei oder vier Generationen unter einem Dach lebten. So wie sie miteinander gelebt haben, sind sie auch miteinander gestorben. Die Kinder in solchen Haushalten lebten mit dem Wissen, dass die Ältesten im Haus innerhalb der Familie auch sterben werden. So war es ganz normal, die Oma oder dem Opa in den Tod zu begleiten.

1.2. Tod und Psyche

Neben den äußeren Einflüssen hat auch das psychologische Zentrum unseres Daseins eine große Wirkung auf die Lebenseinstellungen. Durch das Unterbewusstsein wird das Wissen um die Endlichkeit unserer Existenz verdrängt und für unmöglich gehalten. So lassen wir unseren natürlichen Tod nicht bewusst werden, da er uns in unserem diesseitigen Dasein einschränken würde. Es ist für uns nicht begreiflich, dass der Tod das Ziel unseres Lebens darstellt. Wie kann es sein, dass wir existieren, um dann im Tod alles verlassen zu müssen? Neben den Fragen nach dem Sinn des Todes stellen wir uns Fragen nach der Art und Weise des Sterbens. Wie wird es sein, wenn ich an der Reihe bin? Werde ich den qualvollen, elenden Weg oder den einfachen schmerzlosen Weg gehen müssen? Der Tod wird durch die „angstvolle Erwartung von Schmerz, Verlust, Bedeutungslosigkeit, durch das Unbekannte und Nichtmehrdasein“[22] zu einem Ereignis, dem man mit Furcht und Entsetzen entgegensieht.

1.2.1. Die Angst vor dem Tod

Die Angst vor dem Tod begleitet die meisten Menschen das ganze Leben lang unbewusst und wird durch konkrete Todeserfahrungen ins Bewusstsein gerückt. Gründe für die so genannte Todesangst sind die Angst vor dem Endgültigen, die Angst einmal nicht mehr da zu sein und die Angst vor dem Ungewissen. Niemand kann sagen, was dann mit uns oder unserer Seele sein wird.

Große Angst bei dem Gedanken an den eigenen Tod resultiert aus der Frage nach dem „Wie“. Wie werde ich gehen müssen und vor allem, wie kommt meine Familie damit zurecht. Ein Auszug aus einem Tagebuch einer Sterbebegleitung bringt diese beängstigende Situation auf den Punkt:

„Ich bin da, Anna, ich bleib´ bei dir. Aber es hörte nicht auf! Anna rang weiter nach Luft, ich kniete vor dem Bett, hielt ihre Hand, vergrub meinen Kopf in der Bettdecke, weil ich nicht mehr hinsehen konnte.- Wann hört es nun endlich auf? Anna, meine arme Anna, du sollst doch einen leichten Tod haben, nicht so einen!“[23]

Dieser Auszug bringt primär die Angst der Sterbebegleitung zum Ausdruck, spiegelt jedoch die Angst der eigentlich betroffenen Person wider.

Es ist ganz offensichtlich, dass wir nur in der Lage sind mit dem bewussten Tod zu leben, wenn wir unseren Ängsten und Gefühlen die Chance geben bewältigt zu werden.

1.2.2. Sterben und Tod aus der Sicht Sterbender

Bei der Betrachtung des Sterbens und des Todes aus der Sicht der Sterbenden im Folgenden wird ersichtlich, dass die Lebenden sehr viel von den Sterbenden erfahren und lernen können. Es gilt hierbei die Zeichen zwischen den Zeilen zu erkennen und richtig zu deuten.

1.2.2.1. Die Aussagekraft der Symbole Sterbender

Sterbende haben oft ihre ganz eigene Sprache und versuchen durch eine symbolische Sprache ihre letzten Empfindungen, Bedürfnisse und Wünsche auszudrücken. Gerade auf dem letzten Weg des Lebens ist es wichtig von seinen nahen Mitmenschen verstanden zu werden. Aus diesem Grund ist es wichtig einen sterbenden Menschen, der in seiner Traumwelt in einer völligen Illusion lebt, nicht zu belächeln; eine sterbende Person, die von duftenden Blumen in ihrem sterilen Krankenzimmer halluziniert, nicht in eine Anstalt einweisen zu lassen; den Sterbenden, der von seiner Wunderheilung spricht, nicht an den bevorstehenden Tod zu erinnern; oder den zornigen, wütenden Patienten zu ignorieren.

Ich zitiere im Folgenden die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, die meiner Meinung nach die Situation, in der sich Sterbende befinden treffend beschreibt.

„ Es tut weh, unsere Ängste, Schuld- und Schamgefühle und unsere geringe Selbstachtung einzugestehen. Die Tapfern geben sie zu, die Starken bekämpfen die eigene Negativität, und die Vertrauensvollen und Gläubigen erkennen das Licht am Ende des Tunnels.“[24]

Für uns, die wir in der Gesellschaft leben, gilt es, als Tapfere den Mut zu beweisen und das Tabuthema Sterben und Tod ins Leben zu holen.

1.2.2.2. Sterbephasen nach Kübler- Ross

Jeder Mensch durchläuft bei seinem Weg zum Tod mehrere Phasen. Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler- Ross hat nach jahrzehntelanger Arbeit fünf Sterbephasen formuliert. Es muss jedoch gesagt werden, dass der Sterbeweg nicht grundsätzlich über diese fünf Phasen verläuft. Es ist möglich, dass der Sterbende Phasen überspringt oder weglässt. Es gibt also keine festgelegten Richtlinien, in welcher Reihenfolge ein Sterbender seinen Weg geht.

1. Phase: Phase des Nicht- Wahrhaben- Wollen und Isolierung:

Die Phase des Nicht -Wahrhaben- Wollens ist immer die erste Reaktion auf eine tödliche Diagnose. Da wir Menschen dem Tod nur dann begegnen wenn er andere betrifft, schließen wir es aus, dass er auch uns treffen wird. In dieser ersten Phase ersucht der Kranke jede Möglichkeit eine andere freudigere Diagnose gesagt zu bekommen. Er isoliert sich oft von seinen Mitmenschen, um der Realität entweichen zu können. Es ist jedoch sehr wichtig zwischen zwei Arten des Nichtwahrhaben- Wollens zu unterscheiden. Einerseits kann das Leugnen der tödlichen Erkrankung vom Betroffenen selbst initiiert werden, weil er selbst mit der Diagnose nicht zu Recht kommt und in eine gesunde Welt flüchtet. Andererseits strahlt das Leugnen der schweren Krankheit von den Angehörigen aus, die keinen anderen Weg finden mit dem bevorstehenden Tod fertig zu werden. Dieses Leugnen wird dann auf den Sterbenden übertragen, der seine Verwandtschaft zu schützen versucht, indem er die Illusion von einem medizinischen Fehler annimmt.[25]

2. Phase: Phase des Zorns:

In dieser Phase entwickelt die Person Zorn und Wut auf alles, was ihn umgibt. Der kranke Mensch kann dem eigenen Schicksal nicht ins Auge blicken und versucht andere dafür schuldig zu machen. Am meisten ist er darüber wütend, dass es gerade ihn getroffen hat und nicht irgendjemand anderen, der es vielleicht mehr verdient hätte oder jemanden, der es besser ertragen könne. Der Betroffene sieht sich nicht mehr in der Funktion des Lebenden, sondern vielmehr als „lebender Toter“, da er seine begrenzte Zeit nun klar vor Augen hat. Besonders wichtig ist es, dem Betroffenen den Raum zu geben, seiner Wut - wenn auch oft unbegründeter Natur- freien Lauf zu lassen.[26]

3. Phase: Phase des Verhandelns:

Die Phase des Verhandelns durchläuft der Betroffene dann, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht, der Krankheit und dem Tod zu entkommen. Er versucht zu verhandeln, indem er für ein paar Tage Leben, einen schmerzfreien Tod oder einen letzten Herzenswunsch verspricht, ein besserer Mensch zu werden. Immer wieder wird versucht den Zeitpunkt des Todes hinauszuzögern.[27]

4. Phase: Depression

In die Phase der Depressionen verfallen die Menschen, denen Zorn und Verhandeln keine Hilfe mehr gibt. Die Betroffenen haben erkannt, dass sie -ob mit oder ohne Verhandlungen- dem baldigen Tod entgegengehen. Sie verfallen in eine tiefe Depression, die zweierlei Ursprung hat. Die erste Art der Depression ist eine Depression aus völliger Verzweiflung, diese Welt verlassen zu müssen. Nicht selten ist diese Depression von Schuldgefühlen begleitet, die den Grad der Depression noch verstärken. Die zweite Art Depression liegt in der Angst alles Liebgewonnene auf dieser Welt verlassen zu müssen. Der Kranke bereitet sich darauf vor alles zu verlieren, was ihm lieb ist.

In dieser Depressionsphase ist es von großer Bedeutung, dass der Betroffene seine Trauer voll ausleben darf. Die letzte Sterbephase kann nur erreicht werden, wenn der Sterbende all seine Ängste, Verzweiflungen und Sorgen durchlebt und verarbeitet hat.[28]

5. Phase: Zustimmung

Die letzte Phase vor dem Eintritt des Tods ist eine absolute Ruhephase für den Sterbenden nach gelungener Verarbeitung von Versagen, Abschied und Trauer. Er hat den Kampf gegen den Tod aufgegeben und lebt die letzten Stunden seines Lebens schmerzfrei in Frieden mit dem Einverständnis den Tod anzunehmen. In dieser Situation ist es wichtig, dem Sterbenden wortlos zur Seite zu stehen und ihm das Gefühl zu vermitteln nicht vergessen zu werden. Mit diesem ruhigen friedlichen Gefühl wird der Sterbende die Stunde des Todes annehmen.[29]

1.2.2.3. Der Übergang vom Leben zum Tod

Der Übergang vom Leben zum Tod ereignet sich nach Kübler- Ross in drei Stufen.

Diese drei Stufen werden von dem Sterbenden im Moment des Todes durchlaufen und enden mit einer Existenz im Leben nach dem Tod.

Auf der ersten Stufe des Todes befreit sich die Seele aus dem Körper. Die psychische Existenz entzieht sich der physischen Existenz, da die physischen Lebensfunktionen zerstört sind.

Die zweite Stufe des Todes tritt ein, wenn alle Lebensfunktionen vollkommen erloschen sind. Das Herz- Kreislaufsystem ist nicht mehr aktiv und die Hirnströme sind nicht mehr messbar. Der Sterbende empfindet dieses „außerkörperliche Erlebnis als ein ganz beglückendes, seliges Ereignis“[30], da er nun frei von Allem über den Dingen steht. Er ist in der Lage, sich einen Überblick über die Sterbesituation zu verschaffen und nimmt die Situation seines Todes von außen wahr.

In der dritten Stufe des Todes erlangt die sterbende Person ein Wissen, das vorher noch nie erreicht worden ist. Auf dieser letzten Stufe des Übergangs vom Leben zum Tod erkennt der Sterbende, dass alle Dinge seiner jetzigen Existenz Konsequenzen seines diesseitigen Handelns sind.

Im Leben nach dem Tod entwickelt sich unsere Existenz zu einem endlosen Dasein, das durch die Seele widergespiegelt wird.[31]

2. Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Sterben und Tod

Zunächst erscheint es mir wichtig eine klare Definition von Sterben und Tod

zu präsentieren und die philosophische Betrachtungsweise von Sterben und Tod anzufügen, da sich die Erfahrungen der Kinder weitestgehend damit verbinden lassen.

2.1. Begriffsbestimmung „Sterben“ und „Tod“

2.1.1. Begriffsbestimmung Sterben

Allgemein – medizinische Definition des Sterbens:

Sterben wird in der Medizin definiert als „Vorgang des Erlöschens der Lebensfunktionen bis zum Tod“[32].

Philosophische Definition des Sterbens mit Bezug zu Kübler- Ross:

Der Prozess des Sterbens wird ganz allgemein als Weg zum Tode bezeichnet . Wenn wir in der Hoffnung leben, dass wir einen schnellen, schmerzlosen Tod haben, meinen wir eigentlich das schnelle, schmerzlose Sterben.

Mit Bezug auf das zu Beginn dieser Arbeit vorgestellte Gedicht Frau Welt von Erich Fried lässt sich das Sterben nicht klar definieren, da es einen fließenden Übergang vom Leben zum Tod darstellt. Der Auszug

„Du kommst nicht,

du bist schon im Gehen“[33]

verdeutlicht ganz klar, dass das Sterben hier als Übergang gesehen wird, deren Anfang nicht klar zu bestimmen ist. Nach M. V. Kamath wird der Sterbeprozess als Prozess, der den Prozess des Lebens widerspiegelt gesehen. Ich zitiere ihn aus seinem Werk Philosophy of death and dying mit folgendem Auszug:

„… So wenige wissen um die Kunst des Sterbens. Denn Sterben wie auch Leben ist eine Kunst, und wenn wir die Kunst des Sterbens wenigstens so beherrschen würden, wie wir nach der Kunst des Lebens trachten, gäbe es wesentlich mehr glückliche Sterbende. Tatsache ist jedoch, dass die Kunst des Lebens sich in nichts unterscheidet von der Kunst des Sterbens, denn die eine geht in die andere über, und man kann sie nicht trennen.“[34]

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler- Ross vergleicht den Prozess des Sterbens mit dem Heraustreten eines Schmetterlings aus seinem Kokon und identifiziert den Sterbeprozess auf diese Art und Weise mit dem Beginn des Lebens, mit der Geburt.[35] Demnach ist Sterben lediglich „ein Umziehen in ein schöneres Haus“[36] und wer stirbt ist noch lange nicht tot. Der Sterbende lebt noch und entwickelt sich bis zum Eintritt des Todes weiter, so dass er sich stetig in einem Übergang zu einer neuen Lebensstufe befindet.[37] Sterben ist keine Krankheit sondern eine Lebensaufgabe.[38]

2.1.2. Begriffsbestimmung Tod

Allgemein- medizinische Definition von Tod:

Der Tod wurde bis 1968 mit dem Stillstand des Herz- Kreislaufsystems definiert. Er tritt ein, wenn der Mensch alle lebensnotwendigen Funktionen verliert, hieß es. Diese Definition erschien den Ärzten jedoch nicht mehr plausibel, als die Fortschritte in der Medizin erste erfolgreiche Organtransplantationen ermöglichten. Von nun an differenzierte man in Organtod und Hirntod. Den endgültigen Tod des Menschen definierte man mit dem Hirntod.[39]

Hirntod bedeutet „Tod des Individuums durch Organtod des Gehirns“[40] d.h. „irreversibler Ausfall aller Hirnfunktionen bei evtl. noch aufrechterhaltener Kreislauffunktion“[41].

Philosophische Todesdefinition nach Kübler- Ross:

Im Moment des Todes vollzieht sich die Trennung von Seele und Körper. Der physische Körper und seine Lebensfunktionen erlöschen und die Seele lebt in Freiheit und absoluter Liebe in einem anderen Bewusstsein weiter. Mit absoluter Liebe meint Kübler-Ross, die Liebe zu sich selbst. Sie ist nach langer wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Tod der Ansicht, dass die Menschen erst nach dem Tod wirklich zu sich selber finden.[42]

2.2. Sozialisationseinflüsse auf die Todesvorstellungen von Kindern und Jugendlichen

Da die ursprünglich verbreitete Annahme, kindliche Todesvorstellungen basieren ausschließlich auf den kognitiven Reifungsprozessen und den damit verbundenen Stadien der Begriffsbildung, durch zahlreiche empirische Ergebnisse widerlegt wurde, gewinnen die Sozialisationseinflüsse auf kindliche Todesvorstellungen an Bedeutung.

Kinder wachsen in unterschiedlichen Gesellschaften auf und haben unterschiedliche Bezugspersonen, die ihre Verhaltensweisen und ihre Lebenswahrnehmungen stark beeinflussen. Die Wahrnehmung von Leben, Entwicklung und Tod entsteht durch ein „Wechselspiel von Erlebtem und Beigebrachtem und dessen jeweiliger Verarbeitung“[43]. Die wesentliche Bedeutung wird der Familie, der Schule und den Massenmedien zugesprochen, da die Kinder in dieser Umgebung eine sehr prägende Entwicklung durchleben.

Ein enger Zusammenhang besteht also zwischen den kindlichen Todesvorstellungen und dem elterlichen Umgang mit der Todesproblematik. Die Grundvoraussetzung für einen offenen Umgang mit der Todesproblematik ist, dass die Eltern eine klare realistische Sichtweise dem Tod gegenüber haben und bereit sind diese dem Kind zu vermitteln. Aufgrund von mehrfach festgestelltem Fehlverhalten der Eltern stellt sich die Frage, ob und inwiefern die Eltern überhaupt in der Lage sind zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik.[44] Die Eltern gehen den Fragen der Kinder „Wie ist das wenn man tot ist?“ oder „Was passiert mit mir, wenn ich tot bin?“ aus dem Weg mit der Begründung, die Kinder seien nicht reif genug für ein so belastendes Gespräch. Oft verweigern die Eltern ein intensives Gespräch, um die eigene Sterblichkeit zu verdrängen. Ihr Ausweichen ist ein Selbstschutz, der die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht verdrängt.[45] Die Eltern setzen als Vorbild „Maßstäbe, aus denen das Kind seine ethische Werthaltung gewinnt, die sein weiteres Leben mitbestimmt“[46] und so sollten sie sich offen und realistisch mit ihnen auseinandersetzen. Es darf hierbei nicht vergessen werden, dass gerade die Kinder den Tod als natürliche Gegebenheit akzeptieren, weil sie einerseits „eingebundener in das Geschehen der Natur“[47] sind und andererseits die Endgültigkeit des Todes nicht wahrnehmen können. Zum einen ist die eigene Unsicherheit Grund für den komplizierten Umgang mit der Todesproblematik, zum anderen liegt es an der Tabuisierung der Gesellschaft. Würde einem Kind der direkte Kontakt mit Sterbenden oder Toten nicht verwehrt, dann würde der Tod in das Leben integriert werden und als etwas Natürliches dargestellt.[48]

Starken Einfluss auf die Todesvorstellungen der Kinder haben der mediale Umgang mit dem Tod und die damit verbundene Todesdarstellung. In den Medien, speziell in Film und Fernsehen, wird der Tod überwiegend als Ereignis gewaltsamer Einflüsse dargestellt. Dies hat zur Folge, dass Kinder den Tod mit Gewalt, Schmerz und Leid verbinden. Die Kinder gewinnen den Eindruck als würde der Tod nur durch äußere Einflüsse eintreten, nicht aber natürliches Ende des Lebens sein.

Weil das Kind durch die kulturellen Einflüsse eine völlig verfälschte Todesdarstellung wahrnimmt, sollte die Schule als erzieherische Institution einem dem Kindesalter entsprechenden realistischen Tod darzustellen. In der Vergangenheit und auch heute noch wird der problemorientierte Unterricht zur Todesthematik jedoch viel zu oft umgangen. Das Thema Tod rückt lediglich in den zentralen Mittelpunkt des Schulunterrichts, wenn der Tod durch einen Schicksalsschlag ins Bewusstsein gerückt wird und die Belastung für die Kinder, allein mit der Problematik fertig zu werden, zu groß wird. Begründungen für das Zurückstellen dieses doch sehr wichtigen Themas sind oft die Forderungen der vielen Unterrichtsinhalte, die sich nach den Richtlinien des jeweiligen Landes ergeben. Außerdem müsse die Behandlung dieses Themas einen individuellen, differenzierten Unterricht zulassen, der aufgrund zu großer Schulklassen kaum möglich ist. Offensichtlich ist, dass die Begründungen lediglich Ausflüchte sind, die in keinster Art und Weise Berechtigung sind, den Kindern dieses Thema vorzuenthalten. Gerade bei der heutigen Anzahl vieler wertvoller und hilfreicher Kinderbücher zum Thema Sterben und Tod sollte die Behandlung dieser Thematik den Unterricht und die Wahrnehmung der Kinder bereichern.

2.3 Entwicklungspsychologisch bedingter Umgang mit dem Tod von Kindern und Jugendlichen

Unter Berücksichtigung der kulturellen Einflüsse ist es wichtig sich mit den entwicklungspsychologischen Einflüssen auf den kindlichen Umgang mit Sterben und Tod vertraut zu machen, und als ganz wichtigen Aspekt die Entwicklung des Todesbewusstseins mit einzubeziehen.

Nachdem die Kinder ihre ersten Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben, erkennen sie die Ohnmacht der Menschen, den Tod nicht aufhalten zu können. Die Kinder glauben in ihrer frühen Entwicklung meistens an die Allmacht der Eltern, die durch die erste Todeserfahrung dann zerstört wird. So versteht ein Mädchen den Tod ihres Pferdes nicht, weil ihr Vater als Tierarzt den Tod nicht verhindern konnte.

Die Diplompsychologin Daniela Tausch- Flammer hat sich mit der Wahrnehmung des Todes in den verschiedenen Altersstufen auseinandergesetzt und betont, dass es sich lediglich um Entwicklungsstufen der möglichen Todeswahrnehmung handelt, die grundsätzlich von der Einstellung der Eltern beeinflusst wird.

2.3.1. Entwicklung des Todesbewusstseins

0 – 3 Jahre:

Ein Kind im Alter bis drei Jahre besitzt keinerlei Vorstellung oder Wahrnehmung vom Tod. Es sieht den Tod als vorübergehende Situation und glaubt, die gestorbene Person komme bald wieder.

3.– 5. Lebensjahr:

Im Alter von drei bis fünf Jahren halten die Kinder den Tod für etwas Spannendes, was erforscht werden sollte. Tot sein ist immer noch ein sich verändernder Zustand, der die Toten wieder zum Leben erweckt, so dass der Tod nicht Endgültiges abgeschlossenes darstellt.

5.- 9. Lebensjahr:

Zwischen fünf und neun Jahren sind die Kinder in der Lage, den Tod als etwas Trauriges Schmerzvolles zu realisieren. Sie erkennen, dass der Tod eine bestimmte Art von Trennung mit sich zieht und versuchen, diesen noch auf spirituelle Weise zu verleugnen.

10.- 14. Lebensjahr:

Im Alter von zehn bis 14 Jahren wird der Tod als unveränderliches Ende des Lebens wahrgenommen. Mit dem Tod stehen starke Gefühle wie Trauer, Verlustängste und Schmerzen in Zusammenhang.[49]

2.3.2. Allmachtsphantasien und der Glaube an die Unsterblichkeit

Kinder, die mit dem Tod konfrontiert werden entwickeln eigene Unsterblichkeitsphantasien. Sie kommen zur Welt mit dem Ziel groß und mächtig zu werden. Die Illusion im Laufe der Entwicklung allmächtig zu werden entsteht durch die Erwartungshaltung dem Leben gegenüber. Die Kinder wollen nicht erkennen, dass ihnen Grenzen gesetzt sind in ihrer Kontrolle über das eigene Leben.[50]

Aus meiner eigenen Lebenserfahrung kann ich berichten, dass ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr mit der Einstellung durchs Leben ging, dass der Tod etwas ganz Fernes ist, der mich und meine Liebsten nicht treffen wird. Heute nachdem ich dem Tod mit zwölf Jahren sehr nah war, denke ich anders darüber und lebe mein Leben sehr bewusst.

2.4. Todesbegegnungen

Kinder begegnen dem Tod auf vielerlei Weise. Sie hören etwas über den Tod in Unterhaltung und Liedern. In den Medien sehen sie Sterbende, Tote, Trauernde so als sei es nicht erwähnenswert. In der Pflanzen- und Tierwelt begegnen sie dem Tod meist zum ersten Mal bewusst, wenn sie z.B. beobachten, wie ein Tier von seinem Rivalen erlegt wird oder sogar das eigene Haustier stirbt. Manche Kinder erleben auch den Tod der Großeltern. Erleben sie den Tod als direkte Begegnung in z.B. beim Tod eines Freundes oder des eigenen Hamsters, müssen sie den Tod als etwas Endgültiges begreifen. Diese Wahrnehmung ist der erste Schritt zur Verarbeitung des Verlustes. Eine junge Frau beschreibt in ihrer Biographie den Tod ihres Pferdes im Alter ihres 12. Lebensjahres sehr treffend:

„Meine erste wirklich grausame Begegnung mit dem Tod machte ich, als Zorro, mein erstes eigenes Pony an chronischer Bronchitis starb. Ich wusste zwar, dass es sehr krank war, aber mein Papa war doch Tierarzt. Ich wollte und konnte es einfach nicht begreifen, dass er mein so sehr geliebtes Pony nicht retten konnte. Es war einfach tot und ich konnte mich nicht einmal mehr von ihm verabschieden. Ich hab es einfach nicht verstanden.“[51]

Sie war in dem Stadium, in dem das Begreifen des Endgültigen gerade begonnen hatte, aber die Endgültigkeit noch nicht wirklich wahrgenommen wurde.

3. Reaktionen beim Verlust eines nahe stehenden Menschen

Die Reaktionen auf den Verlust eines nahe stehenden Menschen drücken sich in einer bestimmten Form von Trauer aus. Die Verarbeitung des Verlustes ist für das weitere Leben von Bedeutung, da sich die Hinterbliebenen einer völlig neuen Situation stellen müssen. Beim Tod eines geliebten Menschen eröffnen sich für die Hinterbliebenen neue Beziehungen zur Welt, zum Leben und zum Tod. Unserer Lebensordnung und unsere Selbsteinschätzung hängt in so großem Maße von unseren Mitmenschen ab, dass unser Weltbild durch den Tod völlig zerstört wird. Nicht selten kommt es vor, dass sich Hinterbliebene sogar den eigenen Tod wünschen, um sich nicht mit der neuen schmerzvollen Lebenssituation auseinandersetzen zu müssen. Das Zitat einer Frau, die den plötzlichen Tod ihres Mannes verarbeiten musste, drückt diese Gefühle sehr treffend aus.

„Es ist, wie wenn man ihn von mir weggerissen hätte, ohne jede Vorwarnung – und ich fühle mich ganz verwundet, ich bin eine offene Wunde, ich blute, ich fürchte, ich blute aus. Aber was soll´ s dann bin ich auch tot…“[52]

Die Trauerarbeit ist in einer so schwierigen Lage, die einzige Möglichkeit sich wieder zu finden und einen neuen Anfang zu gestalten. Trauer bedeutet „der Seele Zeit zu lassen, auf den Verlust zu antworten“[53].

Die Trauerarbeit ist sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder unumgänglich. Ich gebe der Notwendigkeit der kindlichen Trauer mehr Aufmerksamkeit, da ich der Meinung bin, dass Kinder, die durch einen schweren Schicksalsschlag einen Verlust bewältigen müssen größere Schwierigkeiten bei der Fortführung ihres Lebens haben, da sie sich noch in ihrer Identitätsfindung befinden.

3.1. Begriffsbestimmung „Trauer“

Der Begriff „Trauer“ wird von mehreren Autoren auf ähnliche Weise definiert.

Trauer ist nach Verena Kast die Möglichkeit eines neuen Anfangs nach einem schweren Verlust. „Trauer ist die Emotion, die im Leben des erschütterten Menschen eine neue Ordnung, ein neues Selbst- und Welterleben schaffen kann“[54].

Trauer wird also definiert als „das Bündel an emotionalen und kognitiven Reaktionen auf den Verlust eines geliebten Objektes, durch das die schmerzhaften Gefühle des Verlustes ausgedrückt werden. Diese emotionalen und kognitiven Reaktionen stellen gleichzeitig den Verarbeitungsprozess auf den Verlust dar.“[55]

Spieker – Verscharen definiert den Trauerprozess ähnlich und schreibt „er umfasst die psychischen Reaktionen des Individuums auf den Tod eines geliebten Menschen. Der Prozess des Trauerns setzt mit dem Wissen um die Realität des Todes ein, durchläuft die einzelnen Phasen der Trauerarbeit und endet mit der Aufnahme neuer Beziehungen.“[56]

3.2. Funktion der Trauer

Für Karin Wilkening, Vorsitzende des Hospizvereins im Bistum Hildesheim, heißt trauern „der Seele Zeit lassen, auf den Verlust zu antworten“[57]. Die Verarbeitung des Verlusterlebnisses steht hier im Vordergrund. Die Funktion von Trauer ist aber auch das Einlassen auf die neue Welt- und Lebenssituation. Nachdem der Verlust einer nahe stehenden Person verarbeitet worden ist, liegt die Aufgabe von intensiver Trauerarbeit darin, offen für Neues zu sein und die verarbeitete Trauer als Chance eines Neubeginns zu sehen.

3.3. Faktoren, die die Trauer beeinflussen können

Der Verlust eines nahe stehenden Menschen ist für jede Person ein Schicksalsschlag, der die Lebens- und Weltanschauung ins Wanken bringt. Kinder erleben jedoch den Verlust einer geliebten Person intensiver als Erwachsene, da sie in ihrer Entwicklung nicht so gefestigt sind, dass sie unabhängig von Bezugspersonen leben können. Die Verletzbarkeit der Kinder ist so groß, da sie sich an ihren nächsten Bezugspersonen, - meist sind es die Eltern -, orientieren und sich durch sie definieren. Zahlreiche Faktoren nehmen Einfluss darauf inwieweit ein Kind die Trauer verarbeiten kann.

Das Alter ist eine der wesentlichen Faktoren, die die Trauerarbeit beeinflussen. Hierbei kommt es darauf an welchen geistig- seelischen Entwicklungsstand das Kind hat (vergleiche hierzu Kapitel I., 2.3.1.). E. Furman sagt hierzu, dass ein Kind den Tod eines geliebten Menschen besser verarbeite, je älter, reifer und seelisch stabiler es sei.[58] Die Beziehung zum Verstorbenen ist ein weiterer Einflussfaktor für die Verarbeitung von Trauer. Ein Kind das im Streit mit seiner Mutter auseinander gegangen ist, hat oft Schuldgefühle und Zorn auf sich selbst, ist also größeren seelischen Belastungen ausgesetzt, als ein Kind, das ein geklärtes Verhältnis zur Mutter vor ihrem Tod hatte. Die Todesursache nimmt außerdem starken Einfluss auf den Trauerprozess des Kindes. Einen plötzlichen Tod zu verarbeiten ist sicher belastender für ein Kind, als sich auf einem langen Weg von dem Sterbenden verabschieden zu können. Das Alter des Verstorbenen ist ebenso ein Einfluss nehmender Aspekt. Das Kind kann den Tod seiner Oma sicher besser verkraften, als den Tod seiner Mutter. Das liegt zum einen daran, dass die Mutter meist nähere Bezugsperson ist und dass das fortgeschrittene Alter schneller mit dem Tod in Verbindung gebracht wird.[59] Der größte Einflussfaktor auf die Trauer eines Kindes ist die Frage nach dem Menschen, den das Kind verliert. Der Tod eines Bekannten ist für das Kind eine nicht so große Belastung, wie der Tod eines Familienmitgliedes.

3.4. Der Weg der Trauer

Der Trauerprozess ist eine Art Verarbeitung, die mit starken Gefühlen, oft sogar mit einem Gefühlschaos einhergeht. Ängste, Schmerzen und Depressionen charakterisieren die Trauerverarbeitung, weshalb man den Trauernden in der heutigen Gesellschaft oft wie einen Kranken behandelt. Um dem Trauernden eine Möglichkeit zu geben, seine Lebenssituation zu bewältigen, sollte im Trauerprozess die Chance eines Neubeginns gesehen werden. Die Trauerverarbeitung entwickelt sich im Laufe ihrer Entwicklung dahingehend, dass der Trauernde die Wichtigkeit des Lebens erkennt und dankbar ist für die Lebenszeit mit dem Verstorbenen. Im Laufe der Zeit werden dann Schmerz und Einsamkeit zu Weisheit, Geduld und der Trauernde gewinnt die Fähigkeit, mit den Erinnerungen umzugehen.[60]

3.4.1. Trauer als Krise und Chance des menschlichen Lebens

Die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Trauer ist Grundvoraussetzung seine neue Lebenssituation meistern zu können.

Das Gefühlschaos in der Trauerphase der aufbrechenden Gefühle kann so genutzt werden, dass „Altes verschwindet und Neues sich bilden kann“[61].

3.4.2. Die vier Trauerphasen nach Kast

Jeder Mensch hat seine eigene Zeit und seine eigene Art, den Trauerprozess zu durchleben. Viele Autoren haben sich mit den verschiedenen Phasen der Trauerbewältigung beschäftigt. Ich beziehe mich hierbei auf das Phasenmodell von Verena Kast. Der Weg der Trauerarbeit ist aber keineswegs immer derselbe. Jeder Mensch erlebt seine eigene Art und Weise der Trauer und muss somit nicht zwangsläufig alle Trauerphasen durchlaufen. Ein Überspringen oder ein Zurückfallen auf eine andere Stufe ist ebenso möglich.

Die Phase des Nicht- Wahrhaben- Wollens

Die Phase des Nicht- Wahrhaben- Wollens ist meistens die erste Reaktion nach der Nachricht vom eingetretenen Tod. Der Trauernde reagiert schockiert und erstarrt vor Entsetzen. Er macht sich vor, es sei ein Irrtum. Die Hoffnung spielt hier eine ganz besondere Rolle, da der Trauernde all seine Hoffnung auf ein Missverständnis legt. Er erhofft sich sogar den Tod einer fremden Person, nur um seine Illusion vom Weiterleben des Verstorbenen aufrecht zu erhalten. Der Trauernde befindet sich in einer absoluten Gefühllosigkeit, da er unter Schock die Nachricht vom eingetretenen Tod verdrängt.[62]

Die Phase der aufbrechenden Emotionen

In dieser Phase der aufkommenden Emotionen wird der Trauernde von all seinen Gefühlen überrollt, die ihn bedrücken. Er empfindet Angst und Ohnmacht, der neuen Lebenssituation nicht gewachsen zu sein; entwickelt Wut und Zorn auf die Ärzte und das Pflegepersonal , den Tod verschuldet zu haben; auch den Zorn auf den Verstorbenen kann er nicht zurückhalten, da das Gefühl, von ihm im Stich gelassen worden zu sein zu groß ist. Die Ohnmacht gegen die Vergänglichkeit nichts tun zu können, bringt ihn fast um den Verstand.

Die Schuldgefühle sind im Wesentlichen abhängig von der Kommunikation zwischen dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen. Wenn sie ein geregeltes gutes Verhältnis zueinander hatten, sind die Schuldgefühle sehr gering.

Das Ausmaß all dieser Gefühle ist ebenso stark abhängig von den Todesumständen. So ist beim plötzlichen Tod ein wesentlich höheres Maß an Gefühlsausbrüchen zu erkennen, als bei dem Tod nach einem langen Sterbeweg.

Die Phase des Suchens und Sich- Trennens

In dieser Phase der Trauerarbeit kommt der Trauernde langsam zu der Einsicht, dass der Verstorbene endgültig tot ist und, dass der Verlust zu akzeptieren ist. Er befindet sich in einem inneren Zwiespalt den Verstorbenen einerseits loslassen zu müssen, andererseits aber nicht loslassen zu können. In dieser Phase haben die Trauernden oft noch letzte Begegnungen mit dem Verstorbenen. Entweder erscheint er ihnen in der Phantasie, oder sie sprechen miteinander. Dann durchlebt der Hinterbliebene das gemeinsame Leben mit dem Verstorbenen in Erinnerungen und lässt ihn durch seine Gedanken weiterleben. Der Abschluss dieser Phase kennzeichnet sich durch das Erkennen des endgültigen Verlustes.[63]

Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges

Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezug kann dann einsetzen, wenn der Trauernde die Endgültigkeit des Todes akzeptiert hat und den Verstorbenen in seinen Erinnerungen weiterleben lässt. Der Trauernde erkennt, dass ein Leben in der Vergangenheit nicht möglich ist und entwirft neue Lebensmuster, die von nun an sein Leben bestimmen. Diese neue Lebensordnung bringt dem Hinterbliebenen seine Selbstachtung und Selbstvertrauen zurück. Er ist in der Lage sein eigenes Leben zu leben, ohne den Verstorbenen einfach zu vergessen.

Rückfälle können in dieser Phase dann auftreten, wenn die starke Euphorie zu Beginn dieser Phase nachlässt. Den Trauenden überkommen Selbstzweifel und seine neue Art zu leben wird in Frage gestellt. Besonders charakteristisch für diese Phase ist, dass dem Trauernden bewusst wird, „dass der Tod des betrauerten Menschen ihnen nicht nur sehr viel genommen, sondern auch viel gebracht hat.“[64]

3.5. Elemente der Trauer

Um wirklich alle Bestandteile der Trauerarbeit zu berücksichtigen, werde ich mich im Folgenden mit den Trauerelementen befassen, die in den Trauerphasen teilweise schon kurz aufgegriffen wurden. Deshalb ist eine Wiederholung der verschiedenen Merkmale nicht auszuschließen.

Begreifen des Todes

Das Begreifen des Todes ist der erste notwendige Schritt, dass die Trauer beginnen kann. Kinder wollen den Tod zunächst nicht wahr haben. Durch verharmlosende Worte der Verwandten wird den Kindern die Trauerarbeit nicht ermöglicht, da sie so den Tod verdrängen können Das Endgültige des Todes wird von vielen Menschen erst dann erkannt, wenn der Tote im Sarg in die Erde gelassen wird.[65]

Entwertung des Toten

Die Entwertung des Toten findet dann statt, wenn die Kinder ihre Wut und Enttäuschung ausleben und sich vom Verstorbenen allein gelassen fühlen. In dieser Trauerstufe versuchen Kinder oft den Tod zu legitimieren und stellen negative Charakterzüge des Verstorbenen in den Vordergrund. Diesen Gefühlsausbrüchen liegt jedoch die große Sehnsucht zum Verstorbenen zugrunde, weshalb man ein Kind für die Äußerungen nicht verurteilen sollte.[66] ( Vgl. hierzu Kapitel 3.4.2.2.)

Überschätzung des Toten

Die Überschätzung des Toten ist eine Reaktion auf die schmerzhafte Sehnsucht nach gemeinsamen Erfahrungen mit dem Toten. Der Tote wird nur durch seine positiven Eigenschaften beschrieben, negative Charakterzüge werden völlig verdrängt. Oft wird der Tote nach dem Tod wesentlich wichtiger, als er es zu Lebzeiten jemals gewesen ist. Diese Überschätzung des Toten kann dann zu Problemen führen, wenn an die Stelle des Verstorbenen eine neue Person tritt. Kinder neigen dazu, diese Person zu hassen, da kein Mensch den Idealismus des Verstorbenen erreichen kann.[67] Das Kind hält an der Liebe zu dem Verstorbenen fest.

Diese Überschätzung des Verstorbenen muss wieder abklingen, um den Trauerprozess fortsetzen zu können. Das Kind muss in der Lage sein, sich von dem toten Liebesobjekt trennen zu können. Diese Loslösung ist unter anderem davon abhängig, ob das Kind von einer Ersatzperson entsprechend betreut wird.[68]

Identifizierung mit dem Toten

Die Identifizierung mit dem Toten ist eine Verhaltensweise, die fast jedes Kind annimmt. Das Kind übernimmt Eigenschaften des Verstorbenen, um ihn auf diese Weise weiterleben zu lassen. Zu einer Fehlentwicklung kann die Identifizierung mit dem Verstorbenen führen, wenn die Entwicklung des Kindes dadurch verzögert oder verzerrt wird, keine neuen Beziehungen eingegangen werden oder eine rein „pathologische Identifikation“[69] durchlaufen wird. Das heißt, dass ein Kind die gesamten Krankheitssymptome des Verstorbenen nacheifert und so seine eigene Entwicklung verzerrt wird.

[...]


[1] Fried (1995), S. 32

[2] Vgl. Schäfer (2002), S. 7

[3] Vgl. Stolle (2002), S. 7

[4] Kübler- Ross (1999), S. 337

[5] Vgl. Ebd., S. 23/24

[6] Vgl. Iskenius- Emmler (1988), S. 15

[7] Vgl. Ebd., S. 17/18

[8] Vgl. Ebd., S. 22

[9] Vgl. Ebd., S. 25

[10] Die „ ars moriendi“ beinhaltet Texte von Cicero bis Luther, die sich mit dem Tod innerhalb des Lebens befassen

[11] Vgl. Ebd., S.31

[12] Vgl. Ebd., S. 32

[13] Ebd. S.34

[14] Vgl. Ebd. S.34

[15] Vgl. Ebd., S. 35

[16] Vgl. Ebd., S. 36/37

[17] Wittkowski (Hrsg.) (2003), S. 14

[18] Vgl. Schäfer (2002), S. 12

[19] Vgl. Ochsmann (Hrsg.) (1991), S. 44/45

[20] Callahan (1998), S. 14

[21] Vgl. Kübler-Ross (1999), S. 22

[22] White (1995), S. 77

[23] Roth (2000), S. 132

[24] Kübler-Ross (2000), S. 7/8

[25] Vgl. Ebd., S. 36/37

[26] Vgl. Kübler-Ross (1999), S. 73 ff.

[27] Vgl. Ebd., S. 114 ff. oder Wilkening (1997), S. 28

[28] Vgl. Ebd., S. 118 ff.

[29] Vgl. Ebd., S. 147 ff.

[30] Kübler- Ross (2004), S. 13

[31] Vgl. Ebd., S. 16/17

[32] Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch (1998), S. 1502

[33] Siehe S. 1 dieser Arbeit

[34] White ( 1995), S. 9

[35] Vgl. Kübler-Ross (2004), S. 8/9

[36] Ebd., S. 10

[37] Vgl. Gäbe (2002), S. 29

[38] Vgl. Wilkening (1997) mit Bezug auf Kübler- Ross, S. 29

[39] Vgl. Tausch-Flammer/ Bickel (2000), S. 67

[40] Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch (1998), S. 674

[41] Ebd., S. 674

[42] Vgl. Kübler- Ross (2004), S. 16/17

[43] Plieth (2001), S. 38

[44] Vgl. Iskenius- Emmler (1988), S. 145

[45] Vgl. Spieker- Verscharen (1982), S. 49 ff.

[46] Rudolph (1979), S. 10

[47] Tausch- Flammer/ Bickel ( 1994), S. 19

[48] Vgl. Iskenius- Emmler (1988), S. 145

[49] Vgl. Tausch- Flammer/ Bickel (1994), S. 78/79

[50] Vgl. Leist (1979), 15/16

[51] Auszug aus meiner eigenen Autobiographie (2003), S.4

[52] Kast (1982), S. 19

[53] Wilkening (1997), S. 82

[54] Kast (1982), S. 20

[55] www. private.addcom.de/nuggets4u/witwer/trauer.htm

[56] Spieker – Verscharen (1982), S. 24/25

[57] Wilkening, Karin (1997), S. 82

[58] Vgl. Leist (1979), S. 150

[59] Vgl. Spieker- Verscharen (1982), S. 27

[60] Vgl. Paul (2000), S. 9

[61] Kast (1982), S. 67

[62] Vgl. Ebd., S. 61

[63] Vgl. Ebd., S. 69/70

[64] Ebd., S.76

[65] Vgl. Spieker- Verscharen (1982), S. 31

[66] Vgl. Ebd., S. 33

[67] Vgl. Ebd., S. 38

[68] Vgl. Ebd., S. 41

[69] Ebd., S. 42

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
Eine vergleichende Analyse zweier Kinderbücher zum Thema Sterben und Tod
Untertitel
Kilian "Die Mondmutter" und Pohl/Gieth "Du fehlst mir, du fehlst mir!"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik)
Note
2,4
Autor
Jahr
2005
Seiten
145
Katalognummer
V41643
ISBN (eBook)
9783638398664
ISBN (Buch)
9783638706629
Dateigröße
972 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Analyse, Kinderbücher, Thema, Sterben, Tod, Trauer
Arbeit zitieren
Kathrin Lückmann (Autor), 2005, Eine vergleichende Analyse zweier Kinderbücher zum Thema Sterben und Tod, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41643

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