Die Sabbatheilungen - Souveränität Jesu und demonstratives Beherrschen seiner Gegner


Hausarbeit, 2004
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Sabbatheilungen im Lukasevangelium
1. Die Heilung eines Mannes am Sabbat (Lk 6,6-11)
2. Die Heilung einer Frau am Sabbat (Lk 13,10-17)
3. Die Heilung eines Wassersüchtigen am Sabbat (Lk 14,1-6)
4. Zusammenschau der lukanischen Perikopen

III. Die Sabbatheilung im Markusevangelium (Mk 3,1-6)

IV. Die Sabbatheilung im Matthäusevangelium (Mt 12,9-14)

V. Zusammenfassung / Ausblick

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das Ziel dieser Arbeit ist es, an fünf existierenden Sabbatheilungen aus den synoptischen Evangelien Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und zu deuten. Im Zentrum soll dabei stets das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Gegnern, meist Pharisäern und Schriftgelehrten, stehen. Wie souverän agiert der Protagonist Jesus in den verschiedenen Situationen? Welche Merkmale und Besonderheiten lassen die Evangelisten einfließen, um seine Stärke zu demonstrieren?

Um diesen Punkten näher zu kommen, sollen die jeweiligen Streitgespräche sowie die beinhalteten Heilungswunder näher untersucht werden. In welchem Verhältnis stehen sie in den unterschiedlichen Evangelien? Werden sie gleichwertig behandelt oder geht es um differenziertere Betrachtungen? Was sind die Aussageabsichten der Evangelisten und welches Jesusbild unterbreiten sie damit ihren Lesern?

Entsprechend ihren theologischen Tendenzen ergeben sich unterschiedliche Akzentuierungen. Während Jesus im Lukasevangelium als übermenschlicher „Super-Prophet“ dargestellt wird und somit die Auseinandersetzungen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten meist voll im Griff hat, zeigen sich bei Markus und Matthäus oft menschlichere Züge. Alle drei Evangelisten setzen bestimmte stilistische Eigenheiten ein, um das Anwachsen der intellektuellen Stärke und Überlegenheit Jesu zu skizzieren.

II. Sabbatheilungen im Lukasevangelium

II. 1. Die Heilung eines Mannes am Sabbat (Lk 6,6-11)

Die erste von drei Sabbatheilungen, die im Makrotext des Lukasevangeliums[1] zu finden sind, kann als eine Mischform aus einer reinen Wundererzählung, die hier nur knapp umschrieben wird, und einem Streitgespräch bzw. Disput zwischen Jesus und einer Gruppe von Schriftgelehrten und Pharisäern angesehen werden. Zunächst möchte ich an dieser Stelle auf das Heilungswunder, das mit dem narrativen Schema (nach Vladimir Propp) analysiert werden soll, selbst eingehen, bevor ich mich dann dem Verhältnis zwischen Jesus und seinen Opponenten nähere.

Im ersten Vers dieser Perikope berichtet der Evangelist Lukas über einen kranken Mann in der Synagoge, dessen Hand verdorrt ist. Dies kann aus heutiger Perspektive wohl als eine Art Lähmung verstanden werden. Es mangelt ihm eindeutig an der Gesundung der Hand, wodurch die erste Phase des narrativen Schemas, die Mangelsituation, eindeutig gekennzeichnet ist. Ferner muss hier erwähnt werden, dass Lukas in gewohnter Weise um Exaktheit bemüht ist, denn er schreibt von der verdorrten rechten Hand des Mannes.

In den nun folgenden Versen acht und neun beginnt die Phase der Vorbereitetheit. Jesus fordert den Kranken auf, in die Mitte zu treten, was er auch mit Gehorsam befolgt. Die übrigen Anwesenden sitzen oder stehen um Jesus und den Kranken. Durch diese Zentralisierung zieht Jesus natürlich die Aufmerksamkeit in der Synagoge auf sich. Im nächsten Schritt leitet er die Heilung sogar noch mit einer provokanten, rhetorischen Frage ein: das jüdische Sabbatgebot wohl wissend fragt Jesus sie, ob man am Sabbat Gutes oder Böses tun dürfe. Er verschärft seine Fragestellung sogar noch mal, indem er hinzufügt, ob man ein Leben retten oder es zugrunde gehen lassen solle. Die Reaktionen seiner Gegner auf diese Fragen bleiben stumm. Hierauf soll bei den Untersuchungen zum Verhältnis zwischen Jesus und den Schriftgelehrten und Pharisäern im unteren Teil näher eingegangen werden.

Beginnend mit Vers zehn wird die dritte Phase des narrativen Schemas eingeläutet. In der Haupthandlung bittet Jesus den kranken Mann, seine Hand auszustrecken. Obwohl keine Berührung von Jesus ausgeht (wie es oft in Wunderheilungen der Fall ist), reicht das Ausstrecken der Hand aus, damit der Mann geheilt ist. Sein Mangel ist aufgehoben und die Gesundung ist wieder hergestellt.

Als Reaktion auf das Wunder (vierter Abschnitt des narrativen Schemas) werden die Gegner Jesu von Wut und Aggression ergriffen. Anstatt durch das Wunder die Menschen von Zorn zu befreien, hat Jesus ihn durch sein Heilen das Gegenteil bewirkt, woraus man folgern kann: „Es steht etwas Tragisches hinter der Mission, die dazu dienen soll, den Menschen, seine Leib und seine Vernunft, zu heilen, dabei jedoch wie hier sinnlose Wut verursacht.“[2]

Im Folgenden möchte ich nun das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Gegnern näher beleuchten. Lukas zeichnet hier sein charakteristisches Jesusbild, welches sich durch außerordentliche Qualitäten auszeichnet. Im Wesentlichen geht es in der Darstellung um die „Hervorhebung seiner Autorität“[3], welche durch die Wunderheilung eindeutig betont wird. Seine Überlegenheit und Allwissenheit, die besonders im Vers acht verdeutlicht wird, indem er schon vor der Heilung genau weiß, was die Schriftgelehrten und Pharisäer in ihren Gedanken gegen ihn im Schilde führen. In dieser Perikope versucht Jesus ihnen den „Un-sinn der Buchstabierfreudigkeit“, nämlich den blinden Gesetzesgehorsam, klar zu machen und zu kritisieren.[4] Er dagegen fordert vielmehr, das Spannungsfeld zwischen Sabbatgebot und Nächstenliebe zu überdenken. Sobald nämlich ein Mensch in Not gerate, müsse sein Mangel beseitigt werden, weil die Nächstenliebe, die im Sinne Gottes sei, viel höher stehe als das Gesetz. Hierin ist auch eine christologische Funktion des Sabbats zu erkennen, die Lukas propagiert: „Er [Jesus] ist der Herr des Sabbats, indem er die einen rettet […] und die anderen aufrüttelt.“[5] Jesus revolutioniert somit das Sabbatgebot, da er die Nächstenliebe in den Fokus des Geschehens rückt. Obwohl die Wunderheilung selbst in dieser Perikope nur eine sekundäre Rolle spielt, ist sie hier unerlässlich, weil sie als Demonstration der Nächstenliebe bewertet werden muss.

Jesu Gegner, eine Gruppe aus Schriftgelehrten und Pharisäern, die mit in der Synagoge anwesend sind, verfolgen von vornherein das Ziel, Jesus zu überführen und damit anzuklagen. Lukas versieht sie von Beginn an mit einem „intellektuellen Defizit“ und beschreibt sie als unvernünftig.[6] Dies kann sehr schön an ihrer Reaktion auf Jesu rhetorische Frage, ob es erlaubt sei, am Sabbat Gutes zu tun, gezeigt werden. Nicht einer von ihnen hat den Mut oder die Fähigkeit eine Antwort von sich zu geben, stattdessen schweigen sie, bleiben verstockt und zeigen eine wütende bis aggressive Reaktion auf die Wunderheilung an sich. Anstelle von Worten antworten sie mit Gewalt, in dem sie überlegen, was sie Jesus antun könnten. Lukas blendet hier bewusst den Todesbeschluss gegen Jesus aus[7], da dies an dieser Stelle noch nicht in seine messianische Konzeption passt.

Während des Geschehens in der Synagoge findet zwischen Jesus und seinen Widersachern eigentlich kein wirkliches Gespräch statt. Vielmehr ist Jesus in der gesamten Perikope das aktive Subjekt. Da er Fragen stellt, auf die keine Antworten gefunden werden können, kann man eher von einem souveränen Monolog Jesu ausgehen. Da das Wissensgefälle und die Überlegenheit zwischen den Beteiligten so unterschiedlich sind, können die Gegner das intellektuelle Niveau nicht mittragen, was eine Wutreaktion (Vers elf), ein Zeichen von großer Schwäche, zur Folge hat.

Es bleibt festzuhalten, dass Jesus während dieser Sabbatheilung den unangefochtenen Helden darstellt, der Wunderheilung und Streitgespräch mit den Schriftgelehrten überlegen meistert. Seine Charakteristika von rhetorischer Stärke, Allwissenheit und intellektueller Überlegenheit kommen ihm dabei zugute.

[...]


[1] Alle erwähnten Perikopen beziehen sich auf die Textstellen der Einheitsübersetzung.

[2] Bovon, François: Das Evangelium nach Lukas. EKK III/1-3. Düsseldorf u.a. 1996. 277.

[3] Klumbies, Paul-Gerhard: Die Sabbatheilungen Jesu nach Markus und Lukas. In: Koch, D.-A./Sellin, G./Lindemann, A. (Hg.): Jesu Rede von Gott und ihre Nachgeschichte im frühen Christentum. Beiträge zur Verkündigung Jesu und zum Kerygma der Kirche (FS W. Marxsen). Gütersloh 1989. 170.

[4] Ernst, Josef: Das Evangelium nach Lukas. Regensburger Neues Testament. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 1977. 204.

[5] Bovon, François: Das Evangelium nach Lukas. 275.

[6] Klumbies, Paul-Gerhard: Die Sabbatheilungen Jesu nach Markus und Lukas. 171.

[7] Bei Markus 3,6 und Matthäus 12,14 fassen die Schriftgelehrten und Pharisäer den Beschluss, Jesus umzubringen.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Sabbatheilungen - Souveränität Jesu und demonstratives Beherrschen seiner Gegner
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Die Anthropologie des Lukasevangeliums
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V41670
ISBN (eBook)
9783638398886
ISBN (Buch)
9783638656153
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sabbatheilungen, Souveränität, Jesu, Beherrschen, Gegner, Anthropologie, Lukasevangeliums
Arbeit zitieren
Tobias Kollmann (Autor), 2004, Die Sabbatheilungen - Souveränität Jesu und demonstratives Beherrschen seiner Gegner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41670

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