Kritische Exegese der Perikope Lk 5,1-11


Hausarbeit, 2003

27 Seiten, Note: 2-


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Die Perikope nach Lk 5,1-11

I. Assoziationen und Fragen an die Perikope

II. Vergleich der Übersetzungen in Einheitsübersetzung (EÜ) und Luther-Bibel (LB) und Begründung der Übersetzungswahl

III. Abgrenzung des Textes als Perikope

IV. 1. Syntaktisch-narrative Analyse des Textes
2. Semantische Analyse des Textes

V. Analyse der Funktion(en) der Perikope im unmittelbaren Kontext

VI. Analyse der Funktion(en) der Perikope im Makrotext

VII. Intertextualität

VIII. Der Text unter diachroner Betrachtung

IX. Textpragmatische Erwägungen

X. Schlussfolgerung

XI. Literaturverzeichnis

0. Die Perikope nach Lk 5,1-11

Die Berufung der ersten Jünger

1Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören.
2Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus.
4Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!
5Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.
6Das taten sie und fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten.
7Deshalb winkten sie ihre Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so daß sie fast untergingen.
8Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder.
9Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten;
10ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.
11Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

I. Assoziationen und Fragen an den Text

(1) Assoziationen zur Perikope

Zunächst löst der Text bei mir ein ähnlich großes Erstaunen aus wie bei den

ersten Jüngern Jesu.

Beim bildlichen Vorstellen der Situation – die Jünger kommen erfolglos vom Fischen nach Hause, ihre Existenz hängt vielleicht vom Erfolg des Fischfangs ab; da kommt dieser Jesus und ermutigt sie zum erneuten Versuch, den sie auch gehorsam unternehmen – kommt mir eine Verblüfftheit über Jesus in den Sinn.

Über welche Macht verfügt er um ein solches Wunder zu verbringen? Besonders ist es der Gehorsam der Jünger, der mich erstaunt.

Weiterhin überrascht mich, und dies vielleicht noch stärker, der Mut der Berufenen, die haltlos diesem Jesus folgen und alles hinter sich lassen.

Ein wunderbarer Text !

(2) Fragen an die Perikope

- Woher kommt das ungezwungene Folgen der Jünger?
- Was ist es, das ihre Begeisterung für Jesus auslöst?
- Wie sieht der genaue Stimmungswandel, vor allem bei Petrus aus

(aus Frust und Verärgerung über die leeren Netze entsteht Erstaunen und Freude!)?

- Wie nimmt das Volk dieses Wunder auf? Was denkt es über Jesus?

II. Vergleich der Übersetzungen in Einheitsübersetzung (EÜ) und Luther-Bibel (LB)

Ein erster großer Unterschied ist bereits bei der Wahl der Überschrift zu erkennen. Während die Einheitsübersetzung den, wie ich meine, treffenderen Titel „Die Berufung der ersten Jünger“ wählt, ist in der Luther-Bibel vom „Fischzug des Petrus“ zu lesen.

Die Überschrift, die von der Einheitsübersetzung ausgesucht wurde, finde ich auch deshalb passender, weil in diesem Text nicht Petrus die Hauptrolle spielt, wie es bei Luther den Anschein zu haben mag.

Weiterhin sind große Unterschiede in der sprachlichen Ausschmückung zu verzeichnen: die Einheitsübersetzung wählt eine klar verständliche, für jeden zugängliche Schriftsprache, die durch durchsichtigen Ausdruck sowie einen weitgehend strukturierten Satzbau besticht. Die Luther-Bibel weist einen eher altdeutschen, schwerer verständlichen Sprachstil auf. Des Weiteren ist der Satzbau für heutige Verhältnisse etwas merkwürdig; daher wird das Verständnis des Textes erschwert und die bildliche Vorstellung der Situation, die für die Deutung unabdingbar ist, wird verschleiert.

Eine weitere Differenz ist die Wortwahl für bestimmte Ausdrücke. Sicherlich ist dieses Phänomen von der entsprechenden Übersetzung abhängig, doch entstehen dadurch für den Leser völlig unterschiedliche Bilder. Ich möchte dies an zwei ausgewählten Beispielen belegen:

In Vers drei spricht die Einheitsübersetzung von einem „Boot“, in das Jesus einsteigt, während Luther hier das Wort „Schiff“ verwendet. Welcher Ausdruck liegt dem Kontext wohl näher? Das „Boot“ wirkt für mich jedenfalls passender, da es kleiner und überschaubarer ist und die Geschichte am See Gennesaret spielt. Die Fischer, die dort zurzeit Jesu lebten, waren wohl kaum in der Lage sich ein Schiff leisten zu können.

Das zweite Beispiel, das ich ausgewählt habe, steht in Vers neun: die Luther-Bibel spricht hier von einem „Erschrecken“ der Fischer über ihren großen Fang; die Einheits- übersetzung dagegen wählt zunächst den Begriff „Erstaunen“ um die Emotion der Fischer darzustellen. Auch hier ist die Wortwahl der Einheitsübersetzung für mich plausibler. „Erschrecken“ (Luther-Bibel) verbinde ich eher mit Angst und Furcht – Gefühle, die für die Fischer wohl auch eine Rolle gespielt haben müssen, jedoch im Ganzen für mich etwas zu negativ behaftet sind.

Meine Textwahl fällt auf die Einheitsübersetzung; ausschlaggebend dafür ist neben den oben genannten Gründen vor allem die Sprache, die mir bei Luther ein zusätzliches Erschwernis für das Deuten der Perikope darstellt.

III. Abgrenzung des Textes als Perikope

Betrachte ich das Vorhergehende und das Nachfolgende meiner Perikope, so stelle ich fest, dass die „Berufung der ersten Jünger“ in mehrere Heilsgeschichten Jesu eingebettet ist.

Während in Lk 4, 38-39 die Heilung der Schwiegermutter des Petrus und in Lk 4, 40-41 die Heilung von Besessenen und Kranken der Perikope vorausgehen, folgen in Lk 5, 12-16 die Heilung eines Aussätzigen und die Heilung eines Gelähmten (Lk 5, 17-26). Schon hier wird ein erstes Charakteristikum des Evangelisten Lukas deutlich, nämlich der besondere Augenmerk auf Jesus als den Freund der Armen und Heiler der Kranken und Besessenen[1], auf das ich in den folgenden Kapiteln noch näher eingehen werde.

Obwohl in meiner Perikope kein inverser Parallelismus vorliegt, wird eine deutliche Mangelerfüllung erkennbar. Zuerst möchte ich diese Mangelerfüllung an der Haupthandlung des Textes erklären, bevor ich im Weiteren noch auf die Mangelerfüllung einer Nebenhandlung eingehe.

Am Beginn der Geschichte besteht der Mangel der Geschichte darin, dass die Menschen am See Gennesaret das Wort Gottes noch nicht gehört haben und Jesus keine Berufenen benannt hat. Ihre Berufung sollen Simon, Jakobus und die Übrigen erst an diesem Tag erfahren, bis dahin sind sie nur einfache Fischer gewesen – wie Tausende andere auch. Indem Jesus nach seiner Belehrung der zusammengekommenen Menschen auf Simon und die anderen Fischer eingeht, zu ihnen spricht, ihnen zu einem großen Fang verhilft und sie schließlich beruft (Handlung[en]), ist ihr Mangel behoben und sie sind zu Jüngern Jesu und damit zu Botschaftern des Reiches Gottes berufen. Sie folgen Jesus und lassen alles hinter sich.

Außerdem möchte ich jetzt noch auf die Mangelerfüllung der Nebenhandlung der Perikope eingehen. Der Mangel der Fischer besteht am Anfang einfach darin, dass die

Fischer von einer erfolglosen Fahrt auf dem See Gennesaret zurückkehren, ihre leeren Netze waschen und somit keinen Fang gemacht haben, von dem ihre materielle Existenz vielleicht abhängig ist. Die Handlung besteht jetzt darin, dass Jesus Simon und die übrigen Fischer auffordert, einen erneuten Fischfang zu versuchen und ihre Netze doch

noch mal auszuwerfen. Sie tun gehorsam, was Jesus ihnen auferlegt hat und fangen eine riesige Menge an Fischen. Damit ist ihr Mangel behoben und ihre materielle Existenz gesichert.

Weiterhin handeln in meiner Perikope andere Personen als in den Texten zuvor. Während in Lk 4, 40-41 viele Kranke zu Jesus gebracht werden, sind es in meiner Perikope Fischer, die mit Jesus in Kontakt treten. Daher ist hier eindeutig ein Personenwechsel gegeben, der zur Folge hat, dass die Perikope deutlich abgegrenzt werden kann.

Auch in der folgenden Heilung ist es ein Aussätziger, der von Jesus geheilt wird, von dem aber bei der Berufung der ersten Jünger nicht die Rede ist.

Auch grenzen Orts- und Zeitwechsel die Textstelle Lk 5,1-11 zu den vorhergehenden und nachfolgenden klar ab. Jesus predigt zuvor in Kafarnaum bei Tagesanbruch (Lk 4, 42-44), bevor er am See Gennesaret das Volk lehrt. Ein weiteres Indiz für einen Zeitwechsel ist die eröffnende temporale Konjunktion „als“, die eine Abgrenzung zur davor stehenden Perikope anzeigt.

Abschließend kann ich wohl mit Sicherheit sagen, dass meine Perikope eindeutig abgesteckt werden kann, da – wie oben beschrieben – ein thematischer Wechsel, eine Mangelerfüllung, Personen-, Orts- und Zeitwechsel zu den vorangegangen und folgenden Texten vorhanden sind.

[...]


[1] Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 42002, 296-300

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Kritische Exegese der Perikope Lk 5,1-11
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Einführung in die kritische Exegese
Note
2-
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V41677
ISBN (eBook)
9783638398954
ISBN (Buch)
9783640401840
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritische, Exegese, Perikope, Einführung, Exegese
Arbeit zitieren
Tobias Kollmann (Autor), 2003, Kritische Exegese der Perikope Lk 5,1-11, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41677

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