Postnationale Demokratie: Vision, Chimäre oder Alptraum? Internationalisierung und Globalisierung lassen sich auch als ein Hinweis auf die sich beschleunigende erdumspannende Vernetzung von Akteuren und Aktionsfeldern verstehen. Eine der Kernherausforderungen für Analytiker wie Akteure der Politik besteht darin, nach grenzüberschreitenden Substituten für die abnehmende Steuerungsfähigkeit auf der nationalstaatlichen Ebene zu suchen. Dabei kommt internationalen Organisationen eine besondere Bedeutung zu. Welche Wirkungen diese entfalten und wie unter diesen Voraussetzungen demokratisches und effektives Regieren jenseits des Nationalstaates möglich sein kann, gehört zu den offenen Fragen der Politikwissenschaft. Das Masterseminar, im Zuge dessen dieses Essay entstand, diskutierte das Thema Regieren und Demokratie jenseits des Nationalstaates, eruierte Gestaltungsmöglichkeiten der postnationalen Konstellation und untersuchte anhand von Fallbeispielen (EU, WTO, VN) Demokratieprobleme der Internationalisierung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Netzwerkgesellschaft und ihre Herausforderungen
3. Global Governance und die Rolle von Politiknetzwerken
4. Systemtheoretische Perspektiven auf die globale Netzwerkstruktur
5. Transnationale Netzwerke und die Zukunft der Demokratie
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Transformation der modernen Gesellschaft in eine netzwerkbasierte globale Ordnung und analysiert, inwieweit kosmopolitisch-soziale Netzwerke als neue Steuerungs- und Organisationsform für politische und gesellschaftliche Prozesse fungieren können.
- Analyse der Netzwerkgesellschaft nach theoretischen Ansätzen von Castells und Messner
- Kritische Betrachtung der globalen Machtstrukturen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen
- Systemtheoretische Einordnung von Netzwerken als neue gesellschaftliche Differenzierungsstruktur
- Potenziale und Grenzen von Politiknetzwerken für eine deliberative Demokratie
- Bedeutung von transnationalen Bündnissen für die Gestaltung der Zukunft
Auszug aus dem Buch
Das globale Gesellschaftssystem als kosmopolitisch-soziales Netzwerk
Nach Industrie- und Informationsgesellschaft entwickelt sich die Menschheit im 21. Jahrhundert zur Netzwerkgesellschaft – so die Einschätzung des deutschen Politikwissenschaftlers und Experten für Entwicklungspolitik Dirk Messner (1995) sowie des spanischen Soziologen und Medientheoretikers Manuel Castells (1996). Weiter diagnostizierte Dirk Baecker (2007) in seinen Studien zur nächsten Gesellschaft, nicht nur eine Bedeutungszunahme heterogener Netzwerkphänomene, sondern eine zukünftige Gesellschaft, „deren Differenzierungsstruktur sich zwar noch nicht erkennen lasse, die sich aber von Strukturen funktionaler Differenzierung bereits verabschiede.“
Messner versteht die Netzwerkgesellschaft, welche ihm zufolge im Besonderen geprägt ist durch ihre wirtschaftliche Entwicklung und internationale Wettbewerbsfähigkeit, als Lösung für Probleme gesellschaftlicher Steuerung der Moderne. „In unserer heutigen Welt der Kommodifizierung und Lohnarbeit, der allgegenwärtigen Kommunikation und Zirkulation und des vollkommen entfesselten Kapitalismus“ wird die Menschheit von einer Schnelllebigkeit getrieben und mit grenzübergreifenden, kaum kontrollierbaren negativen Auswirkungen moderner Entwicklungen konfrontiert, die bei vielen Bürgern ein Gefühl des Abgehängt-Seins auslöst. Folglich steigt die Unzufriedenheit mit dem politischen System und der Groll auf das Establishment – verstärkt durch eine eher reaktionäre Aufgabenbewältigung der Politik und einer scheinbar zunehmenden Verantwortungsübertragung auf höhere Instanzen, ist eine sog. Politikverdrossenheit in der Gesellschaft zu beobachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Netzwerkgesellschaft als moderne Organisationsform im 21. Jahrhundert ein und stellt die zentralen Akteure sowie theoretischen Ansätze vor.
2. Die Netzwerkgesellschaft und ihre Herausforderungen: Hier werden die durch den entfesselten Kapitalismus verursachten sozialen Spannungen und die daraus resultierende Politikverdrossenheit sowie die Krisen des Nationalstaats analysiert.
3. Global Governance und die Rolle von Politiknetzwerken: Das Kapitel untersucht, wie transnationale Akteure und internationale Finanzinstitutionen die globale Ordnung prägen und welche Rolle öffentliche-private Partnerschaften dabei spielen.
4. Systemtheoretische Perspektiven auf die globale Netzwerkstruktur: Dieser Teil betrachtet die Gesellschaft durch die Brille der Systemtheorie und analysiert, wie Kommunikation und Vernetzung die traditionelle Machtstruktur ersetzen.
5. Transnationale Netzwerke und die Zukunft der Demokratie: Hier wird diskutiert, wie durch neue Formen der Bürgerbeteiligung und Netzwerke eine kosmopolitische Demokratie entstehen könnte.
6. Fazit und Ausblick: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über das Potenzial eines lebendigen Dialogs innerhalb einer globalen lernenden Organisation.
Schlüsselwörter
Netzwerkgesellschaft, Global Governance, Postnationale Demokratie, Transnationale Netzwerke, Informationeller Kapitalismus, Deliberative Demokratie, Kosmopolitismus, Systemdenken, Soziale Bewegungen, Weltgesellschaft, Politiknetzwerke, Politische Steuerung, Identitätsbildung, Globalisierung, Lernende Organisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Wandel der globalen Gesellschaftsstruktur hin zu vernetzten Systemen und wie diese Netzwerke die Steuerung politischer und wirtschaftlicher Prozesse beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Netzwerktheorie, dem Einfluss des Kapitalismus auf die soziale Ordnung, der Rolle globaler Akteure und der Möglichkeit einer kosmopolitisch-deliberativen Demokratie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob und wie eine globale netzwerkartige Gesellschaftsordnung zur Lösung komplexer weltpolitischer Steuerungsprobleme beitragen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Literaturanalyse, die politikwissenschaftliche, soziologische und systemtheoretische Theorien miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Krise des Nationalstaats, die Rolle von Politiknetzwerken als Clubgouvernance sowie die Chancen durch transnationale Vernetzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Netzwerkgesellschaft, Global Governance, Transnationalismus, deliberative Demokratie und kosmopolitische Identitätsbildung.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von NGOs?
NGOs werden als wesentliche Akteure in transnationalen Netzwerken gesehen, die Fachwissen und moralische Autorität einbringen, um Staaten bei der Lösungsfindung zu ergänzen.
Welche Rolle spielt die "lernende Organisation" in diesem Kontext?
Das Konzept beschreibt die Vision einer Weltgesellschaft, die durch systemisches Denken und offene Kommunikation in der Lage ist, sich ständig anzupassen und weiterzuentwickeln.
- Arbeit zitieren
- Dörte Jacobi (Autor:in), 2017, Das globale Gesellschaftssystem als kosmopolitisch-soziales Netzwerk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416785