Ist Bayern auf dem Weg zu einer inklusive Schule?

Geschichtliche Hintergründe, didaktische Konzepte und systematisch- konstruktivistische Förderkonzepte


Hausarbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung: Integration VS. Inklusion
2.1 Der Integrationsbegriff
2.2 Der Inklusionsbegriff
2.3 Unterscheidung: Integration und Inklusion auf schulischer Ebene

3. Kurze Geschichte und Entwicklung der Inklusion
3.1 Die Salamanca- Erklärung von 1994
3.2 Die UN- Behindertenrechtskonvention (BRK) von 2006

4. Deutschland und das inklusive Schulsystem
4.1 Die deutschlandweite Entwicklung
4.2 Bayern- Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule?
4.2.1 Das Bayerische Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen
4.2.2 Entwicklung in Bayern

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

״Es sind die wahren Zäune wohl in den Herzen und Köpfen der Menschen verborgen.

Morgen, so hoffe ich werden diese Zäune nieder gerissen, dann haben Gedanken freien Lauf­und das Leben auch!“1

Unter Leitmotiven wie ״Vielfalt leben“ oder ״Kindergerechtes Deutschland“ entfalten sich in Deutschland Aktivitäten, damit alle Kinder- sei behindert oder nichtbehindert, Junge oder Mädchen, Kinder aus Migrantenfamilien oder im Zielland geborene Kinder- gut heranwachsen können und jedes die gleichen Chancen erhält. Denn letztendlich sind alle Menschen, Kinder und Erwachsene, gleich. Aber ist dies wirklich so? Haben behinderte Menschen die gleichen Berufs­oder Schulchancen wie die ״Normalen“? Ist es nicht so, dass wir Menschen mit Handicaps anders oder gar zurückweichender begegnen als wir es eigentlich tun sollten? Aus Sicht von Menschen mit Behinderungen beziehungsweise mit einem spezifischen Unterstützungsbedarf hat leider auch heute noch die Mehrheit der Bevölkerung Vorurteile gegenüber Behinderten. Auch der Blick auf die Zahl der Kinder, die aufgrund ihres Handicaps auf separate Schule geschickt werden, zeigt: Selbst im 21. Jahrhundert besuchen rund 82 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf extra eingerichtete Förderschulen. Denn leider werden diese Kinder in den allgemeinen Schulen immer noch Großteils als nicht selbstverständlich erwartet. Die Exklusion beginnt damit bereits im frühen Kindesalter. Dabei sollten gerade Schulen wie die Fläming-Schule in Berlin vom Gegenteil überzeugen: Sie ist eine inklusive Schule für alle Kinder und Jugendlichen, in der sie gemeinsam lernen können, ohne dass sie aufgrund ihrer individuellen Besonderheiten voneinander getrennt werden.

Mit der 2009 Unterzeichneten UN-Behindertenrechtskonvention geriet in Deutschland das Thema ״Inklusion“ immer mehr in den Blickpunkt. Mit der Unterzeichnung des Dokuments hat sich Deutschland dazu verpflichtet, sein Schulsystem inklusiv zu gestalten und behinderten Kindern den Besuch einer
allgemeinbildenden Schule zu ermöglichen. Doch auch wenn es einige Beispiele gibt, wie die oben genannte Fläming-Schule in Berlin, ist das Gebiet der Inklusion in Deutschland noch nicht wirklich weit fortgeschritten trotz erster Ansätze. Aber was ist Inklusion eigentlich und wie sieht die Situation in Deutschland, speziell in Bayern aus?

Um diese und weitere Fragen zu beantworten, werden im ersten Teil der vorliegenden Arbeit zunächst die Begriffe Integration und Inklusion voneinander unterschieden und eine Übersicht über die integrative und inklusive Pädagogik der Schulpraxis dargestellt.

Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich die Geschichte und die Entwicklung der schulischen Inklusion in Deutschland näher beleuchten und wichtige Meilensteine in der Entwicklungsgeschichte näher darstellen.

Abschließend soll im dritten Teil meiner Arbeit auf die Inklusion im Bildungsbereich, insbesondere auf das integrative Schulsystem in Bayern, näher eingegangen und den aktuellen Stand des inklusiven Bildungswesens im Bundesland Bayern herausgearbeitet werden.

2. Begriffsklärung: Integration VS. Inklusion

Die Termini Integration und Inklusion rückten in den letzten Jahren immer mehr in den Mittelpunkt. In Bereichen der Pädagogik, der Sonderpädagogik oder gar der Soziologie sind sie vielfältig verwendete Begriffe, die nicht immer klar voneinander abzugrenzen sind. Mit dem Blick in die Literatur finden sich zahlreiche unterschiedliche Definitionsversuche der beiden Begriffe, wobei nicht alle auf einen Nenner zu bringen sind. Viele Autoren stellen beide Begriffe als gleichbedeutend dar, während andere der Meinung sind, dass sie sich in ihrer Bedeutung und letztendlich auch in der Praxis voneinander eindeutig unterscheiden. Nicht zu Unrecht bezeichnet Wocken ״de[n] wissenschaftliche^] Diskurs um Integration und Inklusion [als] bunt und kontrovers; er gleicht einer babylonischen Sprachverwirrung.“2In den folgenden Absätzen versuche ich die beiden Termini zu isolieren und sie zunächst getrennt voneinander zu betrachten.

2.1 Der Integrationsbegriff

Der Begriff Integration leitet sich aus dem Lateinischen ״integratio“ (Widerherstellung) beziehungsweise ״integrare“ (wiederherstellen, erneuern) ab.3Nach der Dudendefinition bedeutet Integration bildungssprachlich eine ״Wiederherstellung einer Einheit“, ״Vervollständigung“ und ״Eingliederung in ein größeres Ganzes“.4

Spricht man von Integration geht mit dem Begriff auch immer die Denkweise der ״Zwei-Gruppen-Theorie“ einher. Grundsätzlich werden hierunter zwei Gruppen verstanden: auf der einen Seite befindet sich die Mehrheit der Gesellschaft, die ״Normalen“. Sie haben uneingeschränkten Zugang zu allen Institutionen und werden in keinster Weise aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt. Auf der anderen Seite sind die kleineren ״Randgruppen“ der Gesellschaft, die ״Anderen“, also Menschen mit speziellem sonderpädagogischem Förderbedarf.5Greift man nach diesem Verständnis nun auf die Dudendefinition zurück, so werden Menschen mit Behinderungen - die Minderheit einer Gesellschaft - in das größere Ganze der ״normalen“ Gesellschaft integriert. Im Gegensatz zur Inklusion bemüht man sich bei der Integration um ein friedvolles Miteinander und einen liebevollen Umgangston, jedoch werden diese Menschen mit ihren je individuellen Förderbedürfnissen auf Grund ihres Handicaps weiterhin als die ״Anderen“ etikettiert.

2.2 Der Inklusionsbegriff

Das Konzept der Inklusion versteht sich im Vergleich zur Integration als das ״radikalere Konzept“6, das sich Mitte der 90er Jahre in Deutschland herausgebildet hat. Der Begriff leitet sich aus dem lateinischen Substantiv ״inclusio“ und auch dem Verb ״includere“ ab und meint übersetzt das ״Miteinbezogensein“ sowie eine ״gleichberechtigte Teilhabe an etwas“.7

Nach Hinz' Verständnis begreift sich Inklusion ״als [ein] allgemeinpädagogischer Ansatz, der auf der Basis von Bürgerrechten argumentiert, sich gegen jede gesellschaftliche Marginalisierung wendet und somit allen Menschen das gleiche volle Recht auf individuelle Entwicklung und soziale Teilhabe ungeachtet ihrer persönlichen Unterstützungsbedürfnisse zu[sichern] will.“8Im Gegensatz zum ״Zwei-Gruppen-Theorie“ der Integrationspädagogik schließt das Konzept der Inklusion den Begriff des ״Andersseins“ von vornherein aus.

Nach Hinz9lassen sich folgende vier Hauptaussagen über Inklusion feststellen:

- Inklusion wendet sich der Vielfalt positiv zu, die es nicht weg zu organisieren gilt,

- beinhaltet alle Dimensionen von Heterogenität (Geschlechterrollen, Nationalität, Religionen usw.),
- knüpft an der Bürgerrechtsbewegung an und lehnt jede Tendenz zur Marginalisierung ab,
- strebt eine inklusive Gesellschaft an.

Inklusion will demzufolge jeden Menschen in die Gemeinschaft mit einschließen und allen uneingeschränkten Zugang zu deren Institutionen und Angeboten ermöglichen. Doch damit jeder Mensch in seiner Verschiedenheit respektiert und trotz seiner Behinderung als gleichberechtigt angesehen wird, muss man sich der Vielfalt und Heterogenität der Menschen in seiner Umgebung bewusst werden. Denn Inklusion heißt Vielfalt und Heterogenität erkennen und vor allem zuzulassen und diese auch als Chance und Bereicherung für das eigene Leben zu sehen. Viele Autoren, darunter beispielsweise auch Alfred Sander, bezeichnen Inklusion demnach als eine ״optimierte und erweiterte Integrationspädagogik“10.

2.3 Unterscheidung: Integration und Inklusion auf schulischer Ebene

Wenn wir unser Schulsystem nun hinsichtlich dieser Begriffe betrachten, fällt auf, dass es weitgehend von ״Aussondern“ und ״Kategorisieren“ von Menschen gekennzeichnet ist.11Nicht ohne Grund beklagen Befürworter sowohl der integrativen als auch der inklusiven Pädagogik, dass Schüler12mit Behinderungen vom Besuch der allgemeinen Schulen immer noch ausgeschlossen werden. Beide

Ansätze fordern darum eine gemeinsame Schule für alle Kinder, an der sie unabhängig ihrer Fähigkeiten, Fertigkeiten, Behinderungen oder Herkünfte gemeinsam unterrichtet werden. Ein Blick in die Geschichte der Entwicklung des Schulsystems zeigt, dass beide Begriffe zwar für das Recht aller Schülern eintreten, jedoch zeigen sie in der Schulpraxis einige grundlegende Unterschiede, insbesondere bei der Wahrnehmung der realen Aussonderung von Schülern.

Diese Aussonderung war - und ist teils noch - insbesondere in der Integrationspraxis gegeben. Gemäß der ״Zwei-Gruppen-Theorie“ erfolgt hier zunächst eine Kategorisierung in behindert/ mit sonderpädagogischem Förderbedarf und nichtbehindert/ ohne sonderpädagogischem Förderbedarf. Schüler, die zuvor auf Grund ihrer Behinderung aus dem Regelschulwesen ausgeschlossen wuren, werden nun in dieses integriert. Sie werden zwar in eine allgemeine Schule aufgenommen, bleiben jedoch die ״Integrierten“ - Kinder mit Handicaps, die zusätzlich einen Sonderpädagogen zur Unterstützung an ihrer Seite haben. Folgende Grafik verdeutlicht den Prozess der schulischen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Integration13

Veranschaulicht an der Grafik werden also die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (grauen Dreiecke) in eine ״normale“ Schulklasse (schwarzen Kreise) der Regelschule integriert. Die Integrationskinder werden zwar in eine Regelschulklasse aufgenommen, behalten aber ihr ״Schildchen“ bei. Die Schüler werden nur additiv zu der Regelschulklasse dazu geholt, werden aber nicht vollständig hinein geholt (dies verdeutlicht der kleine Kreis um die Dreiecke). Inklusion in der Praxis hingegen geht von einer heterogenen Lerngruppe aus, deren Mitglieder nicht kategorisiert werden. Die Inklusionspraxis als systemischer13

Ansatz beabsichtigt alle Schüler an einer gemeinsamen Schule für alle individuell zu unterrichten und für alle dieselben Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Inklusion14

Im Gegensatz zur schulischen Integration werden hier alle Schüler unabhängig ihrer Behinderung oder ״Andersartigkeit“ wie man es früher nannte in einem gemeinsamen Unterricht unterrichtet. Neben der Tatsache, dass es keine Kategorisierung in behindert/ mit sonderpädagogischem Förderbedarf und nichtbehindert/ ohne sonderpädagogischem Förderbedarf gibt, tritt ebenfalls keine Marginalisierung auf.

Den Unterschied in der praktischen Umsetzung der Integration und Inklusion in der Schule verdeutlicht die Tabelle (modifiziert nach Hinz):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Praxis der Integration und Inklusion15

Da Integration durchaus als erweiterte Inklusion gesehen werden kann und auch das zentrale Thema dieser Arbeit ist, werde ich mich in den nächsten Kapiteln ausschließlich auf den Begriff ״Inklusion“ beziehen.

3. Kurze Geschichte und Entwicklung der Inklusion

In der Geschichte der Menschheit waren Heterogenität und Vielfalt nicht immer respektiert und willkommen. Auch wurden nicht jedem Mensch die gleichen Rechte zugesprochen. Um diesem entgegen zu wirken und Menschen für ein heterogenes Miteinander zu sensibilisieren, wurden im Laufe der Jahre viele Verträge und Bestimmungen unterzeichnet, die die Rechte aller Menschen sichern und den Weg zu einer inklusiven Gesellschaft und Schulkultur ebnen sollten.16In den folgenden zwei Unterpunkten möchte ich die meiner nach zwei wichtigsten Gesetzgebungen kurz vorstellen, die ihren wesentlichen Beitrag zu einer Entwicklung zu einer Inklusionspädagogik beitrugen: die Salamanca- Erklärung und die UN- Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

3.1 Die Salamanca- Erklärung von 1994

Vom 7. Bis zum 10. Juni 1994 fand die UNESCO- Weltkonferenz ״Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität“ in Spanien, Salamanca statt.17Die Konferenz, an der Vertreter 92 Staaten, darunter auch Deutschland teilnahmen, gilt bis heute als ein wichtiger Grundstein auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft und Schule.

Im Kern der Salamanca- Erklärung steht die klare Forderung der gemeinsamen Unterrichtung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in einer Regelschule für alle Kinder. Dem Aktionsrahmen liegt das Prinzip zugrunde, ״dass Schulen alle Kinder [Hervorhebung im Original], unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten aufnehmen sollen. Das soll behinderte und begabte Kinder einschließen, Straßen- ebenso wie arbeitende Kinder, Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Minoritäten sowie Kinder von anders

[...]


1Dieses Zitat stammt von dem 8-jährigen Raphael Müller, ein Kind mit Autismus. Entnommen aus: Thoma, Rehle 2009, S.9.

2Wocken 2009, zit. n. Amrhein 2011, S.15.

3Stellbrink 2011, Online im Internet.

4 Duden online 2013, online unter http://www.duden.de/rechtschreibune/lnteeration (Stand:13.8.14).

5Vgl. Friedmann 2014, S.6.

6 Burli 2003, S.7.

7 Duden online 2013, online unter http ://www.duden.de/rechtschreibune/lnklusion (Stand:13.8.14).

8 Hinz 2006, S.98.

9Vgl. Hinz 2004, s.46f.

10Sander 2001, Online im Internet.

11Vgl. Häberlein-Klumpner 2009, S.36 ff.

12 Um den Lesefluss nicht zu stören, wird in der vorliegenden Arbeit ausschließlich das männliche Geschlecht verwendet. Sofern nicht extra ausgeschrieben, sind mit der Bezeichnung aber ausdrücklich beide Geschlechter gemeint.

13http://cdn2.world-architects.com/img/frontend/pages/2037/900:w/podest-karlsruhe-inklusion-3.ipg (Stand: 19.8.14).

14http://cdn2.world-architects.com/img/frontend/pages/2037/900:w/podest-karlsruhe-inklusior1-3.ipg (Stand: 19.8.14).

15 Hinz 2002, zit. n. Kistner 2009, Online im Internet.

16Vgl. Boysen, Fitz, Schmitt 2012a, S.31.

17Vgl. UNESCO 1994, s.l, Online im Internet.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ist Bayern auf dem Weg zu einer inklusive Schule?
Untertitel
Geschichtliche Hintergründe, didaktische Konzepte und systematisch- konstruktivistische Förderkonzepte
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Anschlussfähige Bildung für alle ermöglichen
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V416953
ISBN (eBook)
9783668665743
ISBN (Buch)
9783668665750
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Inklusion, Bayern, Grundschule, UN-Behindertenrechtskonvention
Arbeit zitieren
Linda Jirschitzka (Autor), 2014, Ist Bayern auf dem Weg zu einer inklusive Schule?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416953

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