Soziale Arbeit mit Vätern in Moscheen

Ein biographisches Essay


Bachelorarbeit, 2018

38 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Ankunft in Deutschland

2.1 Die Ankunft in der Moschee

2.2 Der Ansatz einer Neuausrichtung

2.3 Das erste soziale Projekt - Tandemprojekt der AWO und der Moschee

2.4 Die Begegnung mit der Bürgerplattform

2.5 Der unaufhaltsame Wandel

3. Fazit

4. Ausblick

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich meine Bachelorthesis in der Form eines biographischen Essays schreiben. Mir ist wichtig dabei zu reflektieren und aus eigener Erfahrung zu berichten, wie relevant Soziale Arbeit in der Moscheegemeinde ist. Durch meine Rolle als Vater möchte ich besonders auf die Soziale Arbeit für Väter in der Moschee eingehen. Ich möchte, dass meine Arbeit nachvollziehbar und nahbar ist und werde deshalb autobiographisch schreiben.

Zunächst möchte ich aus meinem persönlichen Werdegang näher aufzeigen, welche Bedürfnisse der Muslime für die Gründung einer Moscheegemeinde grundlegend sind und wie ein fortlaufender Wandlungsprozess in einer Moscheegemeinde stattfindet. Mittlerweile gehören Moscheen zum Gesamtbild vieler Städte in Deutschland. Moscheen dienen nicht nur als ein Gebetshaus, sondern zeichnen sich dadurch aus, dass sie neben religiösen Überzeugungen zugleich kulturelle Identitäten zusammenbringen. Jede Moschee hat ihre eigene Gründungsgeschichte und ist durch ihren Wandel und durch bestimmte Persönlichkeiten geprägt.

Ich bin als Kind einer Gastarbeiterfamilie in Berlin geboren und habe wie in vielen Gastarbeiterfamilien ein Hin und Her zwischen Herkunftsland der Eltern und realer Lebenswelt in Berliner-Kreuzberg miterlebt. Im Jahre 2007 zwangen wirtschaftliche Umständen mich, meinen Familienbetrieb aufzugeben. Die Bekanntschaft mit einer Moschee-Gemeinde war ein Wendepunkt in meinem Lebenswerdegang. Die Gemeinde war mir fremd, obwohl ich in meiner Kindheit viel Zeit in der Moschee verbracht hatte. Die Moschee und die Beziehung zu diesen Menschen entwickelten sich immer mehr und die Moschee stand kurze Zeit später in meinem Lebensmittelpunkt.

Im ersten Teil meiner Biografie beschreibe ich die persönlichen Erfahrungen als aufwachsendes Kind, als Jugendlicher und als Unternehmer in Bezug auf das Elternhaus, die Prägung durch die Moschee und beschreibe in der Schule und später in meinem engen Kontaktkreis als Unternehmer die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft.

Im zweiten Teil widme ich mich ganz der Moscheearbeit, beschreibe das Zusammenkommen mit der Moscheegemeinde, die aktive Teilhabe in der Gemeinde, die Strukturen der Entscheidungsgremien in der Moschee und den fortlaufenden Wandel mit der Moschee. In diesem Teil werde ich auf die vorhandenen Netzwerke der Moschee eingehen.

Mit dieser Arbeit möchte ich aufzeigen, wie wichtig die Gemeinwesenarbeit für die Förderung und Entwicklung von Personen, insbesondere der Väter in der Moschee sein kann. Zudem will ich beschreiben, wie die Soziale Arbeit als ein wichtiges Element der Moscheearbeit funktioniert. Anhand von konkreten Projekten beschreibe ich weiterhin das Zusammenwirken von Moschee und weiteren Akteuren aus dem Netzwerk. Zu dem Netzwerk gehören unter anderem AWO Kreisverband Mitte, Quartiersmanagement, Bezirksamt Mitte und die Bürgerplattform Wedding-Moabit. Erst durch die jahrelange Erfahrung in der Moscheearbeit und mit Unterstützung vieler Akteure im Kiez habe ich mich selbst verändern und einen neuen Lebensweg einschlagen können.

Im letzten Teil möchte ich noch einmal explizit auf den Stellenwert der Sozialen Arbeit in den Moscheen eingehen und versuche Ansätze und Lösungsvorschläge aufzuzeigen, wie in der Moschee neue Hilfeleistungen für Bedürftige angeboten werden können, um mit dieser Neuausrichtung künftig nachhaltige Zusammenarbeit und Netzwerkausbau im Kiez befähigt werden kann.

Gender Erklärung

In dieser Arbeit wird versucht, so wenig geschlechterspezifische Begriffe wie möglich zu wählen. An Stellen, an denen die deutsche Sprache diese Herangehensweise nur schwer möglich macht, wird je nach Belieben ein Geschlecht benannt.

2. Die Ankunft in Deutschland

Biographie

Mein Vater war 25 Jahre alt, als er in Karaman, einer kleinen, türkischen Stadt von der örtlichen Arbeitsvermittlungsbehörde erfuhr, dass in Deutschland noch Arbeitskräfte gebraucht wurden. Er, sowie einige seiner Freunde, entschlossen sich auf die Bewerberliste für die Arbeitsmigration eintragen zu lassen. Aufgrund von einer akuten Hilfebedürftigkeit durch eine Überschwemmung in seinem Dorf bekam er ein Vorrecht bei der Immigration. Dies verhalf meinem Vater noch vor dem Anwerbestopp1 Anfang der siebziger Jahre als Gastarbeitern mit nach Deutschland auswandern zu können.

In Deutschland angekommen, bekam er eine Stelle bei Siemens in den Berliner Waschmaschinenwerken. Tagsüber arbeitete er am Fließband, im Anschluss gab es Deutschsprachkurse in der Nähe des Wohnheims und nebenbei führte er den Haushalt. Seine Freizeit verbrachte er mit Freunden, die aus der Türkei mit nach Deutschland kamen. Nach zwei Jahren Gastarbeit entschloss er sich, vorerst in Berlin zu leben und eine Familie zu gründen. Daher heiratete er 1971 in der heimischen Kleinstadt eine von ihm gewählte Frau. Durch seine finanzielle Lage war er zur eigenen Wahl einer Frau legitimiert. Meine Mutter musste mit gerade einmal 19 Jahren ihre Heimat und Familie aufgeben, um mit ihrem Ehemann nach Deutschland zu ziehen. Angekommen in Berlin, in einer Ein-Zimmer- Wohnung, musste sie sich zunächst damit arrangieren, dass ihr neues Leben aus einem begrenzten Raum bestehen würde. Dieser Raum bestand zunächst lediglich aus der kleinen Wohnung. Dort lebte sie, später mit drei Kindern, für dreizehn Jahre. Sie konnte kein Deutsch sprechen, denn dies war auch aus der Sicht meines Vaters nicht nötig. Sie durfte nur bis zur fünften Klasse die Schule besuchen, da ein Mädchen nicht mehr lernen sollte. Mein Großvater war der Ansicht, dass zu viel Bildung in der Kleinstadt dazu führen könne, dass Mädchen später weniger Heiratsanfragen erhalten.

In der Community um meine Eltern war implizit vorgegeben, wie weit sich eine Frau vom Heim zu entfernen hatte. Demnach hatte sie in Berlin wenig Möglichkeiten, die neue Heimat zu erkunden und begnügte sie sich mit dem Kiez, in dem sie ein neues Zuhause gefunden hatte. Nachdem sie ein Jahr verheiratet war, kam ich in einem Kreuzberger Krankenhaus zur Welt. Meine Mutter stand, mit 20 Jahren, mit ihrem Baby im Arm allein in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung in Berlin Kreuzberg, ohne einen Kontakt zu ihren Geliebten in der Heimat und ohne Unterstützung. Da sie keinerlei Erfahrungswerte hatte, probierte sie vieles innerhalb der Erziehung aus.

Der Wrangel Kiez, damals auch SO36 genannt, bestand nur aus Mietskasernen, die in der Jahrhundertwende aufgebaut wurden. In den 60er Jahren waren diese Häuser soweit heruntergekommen, dass sie nach dem neuen Berliner Sanierungsplan2 alle abgerissen werden sollten. Somit wurde in diese Häuser nicht weiter investiert und sie standen zum großen Teil seit Jahren leer. Das Resultat daraus war, dass dieser abrissbereite Stadtteil mit sozialen Strukturen wie Kindergärten, Büchereien und Hilfsorganisationen ungenügend versorgt war. Als Mitte der 60er Jahren die türkischen Gastarbeiter in großer Zahl in Berlin ankamen und eine Wohnungslücke entstand, waren die abrissbereiten Häuser eine willkommene Zwischenlösung für die provisorische Unterbringung der Gastarbeiter.

Meine Mutter war stets auf sich gestellt, mein Vater immer auf Arbeit und wir Kinder zu Hause, da ein Kitabesuch nicht als wichtig angesehen wurde. Für meine Mutter war eine Teilhabe in sozialen Einrichtungen wie Moscheegemeinden oder anderen Begegnungsstätten im Kiez mit zwei kleinen Kindern eine Überlastung. Nebenbei putze meine Mutter zudem Treppenhäuser. Es scheint, als kam meinem Vater ihre soziale Inaktivität sehr gelegen, denn als Hausfrau, die sich vom sozialer und wirtschaftlichen Teilhabe zurückhielt, war sie abhängig vom ihrem Ehemann. Dies führte zu einer gewollten aber nicht explizit artikulierten Isolation meiner Mutter. Diese Lebensweise hat bei meiner Mutter zu tiefen Wunden, chronischen psychosomatischen Erkrankungen um im Weiteren zu langanhaltenden Depressionen geführt. Wir zwei Brüder mussten den Druck und das Leid meiner Mutter in regelmäßigen gewalttätigen Ausbrüchen bereits im kleinstem Alter erleiden. Rückblickend frage ich mich, warum dies niemand gemerkt und gesehen hat. Meinem Vater mussten wir am Abend nur kurz erklären und Ausreden erfinden, wie die blauen Flecken an unseren Körperteilen während des Spielens tagsüber entstanden sind. Manchmal hatten wir Sehnsucht nach unserem Vater, denn er hatte die Gewohnheit, dass er nach der Arbeit bis in die Nacht in dem türkischen Lokal mit seinen Freunden verweilte.

Meine Eltern waren einfache Gastarbeiter und hatten in Deutschland, wie alle ihre Freunde und Familien aus der Heimatstadt, keine Wurzeln geschlagen. Sie hatten immer das Ziel vor Augen, sich durch Ansparen von Geld eine Rückkehr in die Heimat ermöglichen zu können. Auch aus diesem Grund hatten sie nicht daran gedacht, in eine größere und teurere Wohnung umzuziehen.

Ich kam, ohne vorher einen Kindergarten besucht zu haben, in die erste Klasse. Daher hatte ich kaum Deutschkenntnisse. In meiner Kindheit durften Kinder aus der Community nur dann eine Kita aufsuchen, wenn deren Eltern ganztags einer Arbeit nachgingen.3 Zum einen wurde Kindererziehung als eine Sache der Familie gesehen, weil den meisten die institutionelle Kinderbetreuung noch fremd war. Und zum anderen konnte man sich in der rollenverteilten Welt, in der dem Vater die Versorgung der Familie zugesprochen war, die häusliche Erziehung leisten. So kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich und meine Kameraden den für uns unendlich groß erschienenen Kindergarten an der Straßenecke bestaunen durften, ohne dort spielen zu dürfen.

Mit sechs Jahren wurde ich eingeschult. Ich kam in eine gemischte Klasse, was bedeutete, dass in der Klasse Kinder mit und ohne Migrationshintergrund zusammenkamen. Einige Sätze in der deutschen Sprache reichten mir vollkommen aus, um für weitere Mitschüler in meiner Klasse, die gar keine Deutschkenntnisse hatten, die Rolle des Dolmetschers zu übernehmen.

Im Jahre 1980 war die Sehnsucht nach der Heimat Türkei so groß und Umstände soweit, dass meine Eltern beschlossen, wieder zurückzukehren. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ein gefühlt überlanger LKW in der engen Straße mit viele Händen bis zum allerletzten Kubikzentimeter mit unseren Haushaltsgegenständen beladen wurde und losfuhr in Richtung Türkei. Demnach besuchte ich die zweite Klasse in dem kleinen Heimatort in der Türkei.

Hauptsächlich erinnere ich mich dort an die Kleiderordnung in der Schule, an die Brotaufstriche für kleines Geld in den Pausen und an die eher militarisierten Märsche im Schulhof. Wir mussten als Zweitklässler zu bestimmten Anlässen auf dem Schulhof im militärischem Format mitmarschieren und uns strikt immer hinter den Drittklässlern in Reihe stellen, die bereits Musikinstrumente spielen durften. Ich hatte mir vorgenommen, in der dritten Klasse beim Marschieren auf dem Schulhof die Trommel zu spielen. Auch wenn wir weit weg waren von türkischen Großstädten, in der es eine jahrelange politische Auseinandersetzung mit anhaltenden Aufruhen, Demonstrationen und vielen Toten gab, bekamen wir in unserer Kleinstadt immer zunehmender von den Zusammenstößen zwischen revalierenden Gruppen etwas mit. Gravierend waren jedoch die wirtschaftlichen Auswirkungen in unserer kleinen Stadt. Es gab Schwierigkeiten bei der Versorgung mit einfachen lebensnotwendigen Grundbedürfnissen. Es gab kein Mehl, kein Zucker, keine Milch, kein Strom, kein Benzin und auch kein Flaschengas, welches zum Kochen benutzt wurde. Alleine dadurch, dass mein Großvater ein angesehener Mann war und Drittpersonen kannte, die einige Produkte für uns beschaffen konnten, waren wir weniger betroffen als diejenigen, die nichts besaßen. Dann kam Ende 1980 der Militärputsch in der Türkei mit politischer Ungewissheit.4

Obwohl wir uns schnell in der Ursprungsheimat Türkei eingelebt hatten, zwangen wirtschaftliche und politische Verhältnisse in der Türkei nach einem Jahr meine Eltern, die Rückkehr in die Heimat zu annullieren. So kehrten wir zurück in die neue alte Heimat Deutschland. Mein Vater entschied sich für die Selbständigkeit. Von einem seiner Freunde wurde ihm eine Backstube angeboten, die er übernehmen und in Raten abzahlen sollte. Ich ging wieder zur Schule, schloss mich an meine vorherige „gemischte“ Schulklasse an und fand meine Schulkameraden aus der ehemaligen ersten Klasse wieder. Die gemischte Klasse hatte für mich und andere Schüler mit Migrationshintergrund den Vorteil, dass wir einen Einblick in die Kultur der Mehrheitsgesellschaft bekamen. Immer wieder kamen die Bemerkungen von deutschen MitschülerInnen, dass ihre Väter das falsche Heft in die Schultasche eingepackt hätten oder dass ihre Väter vergessen hätten, ein Schulbuch mit einzupacken. Für uns waren es fremde und unverständliche Äußerungen. Ich kann mich auf jeden Fall nicht erinnern, dass mein Vater jemals sich für meine Schultasche interessiert hatte. Auch durften wir mit Begeisterung mit ansehen, dass Klassenfreunde zum Geburtstag ein Geschenk bekamen und dieses vor der Klasse auspacken durften. Was wir dabei nie verstanden haben, war es, dass viele zum Geburtstag auch ein Buch als Geschenk erhielten. Denn ein Buch konnte doch kein Geschenk sein. Ich persönlich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern mir jemals ein Buch gekauft hätten. Es scheint, als hänge die Geschenkkultur und der Umgang mit Büchern auch mit der sozialen Schicht zusammen. Ich habe in meiner gesamten Kindheit nicht einmal meinen Geburtstag gefeiert. Der Geburtstag war einfach etwas Unbekanntes. Ich erinnere mich, dass auf dem Pass von meinem Vater der Geburtsdatum 1944 stand, eine Jahreszahl ohne weitere Angaben. Dies erwies sich im Alltag immer mehr als Problem, wenn ich in seinem Namen Anträge stellen sollte oder Formulare ausfüllen musste. Also kam ich auf die Idee, meinem Vater einen Geburtsmonat und ein Geburtstag auszudenken. Seitdem war sein Geburtstag am erfundenen Datum 16.Februar 1944.

Die Schulbildung war in meinem Elternhaus und auch in meiner kleinen Community immer ein wichtiges Thema. Auf die große Frage von bekannten Onkeln und Tanten, was ich später nach der Schule werden wolle, musste ich vorbildlich antworten. Eine falsche Antwort waren Tischler oder Kfz Mechaniker, denn diese Berufe waren nicht genügend geschätzt. Immer sollten wir uns auf die akademischen Berufe fokussieren, wie Arzt, Ingenieur oder Rechtsanwalt. Von meinem Vater hieß es dazu immer wieder, dass ich mich in der Schule sehr anstrengen solle. Er zeigte mir immer wieder an seiner Person auf, was den

Unterschied ausmacht zwischen einem Arbeiter und einem Akademiker. An seiner eigenen Person konnte er die Schwierigkeiten eines Arbeiterlebens authentisch aufzeigen. Für die Darstellung eines akademischen Lebens hatten wir jedoch keine realen Vergleichsbilder, denn wir kannten niemandem aus der Verwandtschaft und Freundschaft, die eine alternative Lebensweise aufzeigen könnten. So halfen uns zumindest die Bilder aus dem Fernsehen.

Der Alltag meines Vaters bestand nur aus der Arbeit. Als Kind musste ich bereits in der vierten Klasse nach der Schule seiner Backstube aushelfen. In der fünften Klasse durfte ich dann nach der Schule und am Wochenende als Verkäufer hinter der Theke sein und die Verantwortung im Verkaufsladen eigenständig übernehmen. Das bedeutet, dass ich Backwaren abwog, einpackte, kassierte und den Laden sauber hielt. Meine Mutter war damit beschäftigt, in der Backstube bei der Herstellung der türkischen Pizzen mit Hand anzupacken. Also hatten wir wenig Freizeit und auch eher wenig sozialen Kontakt zur eigenen Community als auch zu der Mehrheitsgesellschaft.

Die Männer aus der gleichen Community hatten es nach den ersten Anfangsjahren in Deutschland geschafft, bestimmte Treffpunkte zu organisieren, jeweils nach Interessen, Wertevorstellungen und Lebensweisen. Schnell gab es unzählige Lokale in denen man sich nach der Arbeit zusammentraf. Hier ging es sehr gemütlicher zu und spiegelte zum großen Teil den Alltag in der Heimat wieder. Durch diese Zusammenkünfte organisierten die Gastarbeiter die ersten Fußballvereine. Als Kleinkind durfte ich mit meinem Vater in solch einem Fußballverein dabei sein, der die Aufgabe des Sanitäters übernommen hatte und so durfte ich immer wieder mit ihm am Spielrand hautnah mit dabei sein. Es gab auch die ersten Vereine, die von akademischen Kreisen aufgebaut wurden, die sich mit sozialer Arbeit befasst haben.5 Und es gab bereits einige Gebetshäuser, in der sich eher religiöse Gastarbeiter zusammenfanden. Diese Strukturen waren die ersten sozialen Netzwerke in der neuen Heimat. Zu der Zeit gab es wenige organisierte Frauen. Sie waren entweder Hausfrauen oder gingen einer Beschäftigung nach. Von daher waren die meisten Gastarbeiterfrauen mit ihren

Kindern zunächst von den sozialen Strukturen zurückgehalten und hatten im Gegenzug im eigenen Kiez die Grünflächen und Parks für sich vereinnahmt. Auch sie kamen zu jedem Anlass zusammen, mit einer einfachen Decke zum Platznehmen und reichlich gerösteten Sonnenblumenkernen.

Erst in den 80er Jahren, als sich viele Gastarbeiterfamilien damit abfanden, doch nicht zurückkehren zu können, fanden viele soziale Einrichtungen der Migranten eine professionelle Struktur, zu der weitere Kreise der türkisch sprachigen Migranten Zulauf fanden.6 Zumeist waren viele dieser sozialen Einrichtungen hoch politisch motiviert, hatten Visionen, Ideale und Grundvorstellungen von einer neuen türkischen Staatsordnung, die unterschiedlicher nicht sein konnte, religiös, konservativ, sozialistisch oder nationalistisch. Die politischen Entwicklungen in der Heimat hatten einen großen Einfluss in deren Entwicklungen. Frauen waren fortan in allen genannten Organisationen aktiv beteiligt. Sie waren motiviert, mobilisiert und untereinander gut organisiert und wurden somit zu einem wesentlichen Teil der sozialen Strukturen der Migranten. Oder sie blieben weiterhin den Entwicklungen fern, kümmerten sich um ihre Kinder und waren zum Teil von der Außenwelt weiterhin isoliert.

Für meine Mutter kam ein aktives soziales Engagement nicht in Frage. Doch alleine, dass es nunmehr Moscheevereine gab, in der meine Mutter zu verschiedenen Anlässen mit anderen Frauen zusammenkommen konnte, war eine große Erweiterung ihrer Lebenswelt. So hatte sie zumindest dort einen religiösen Halt, neue Ansprechpartner, einen Horizonterweiterung und suchte dort nach einer Lösung ihrer Lebensnöte. Mein Leben in einer eher doch harmonisch konservativen Familie, Schule bis Mittag, Mitarbeit in der Backstube und Religionsunterricht in der Moschee bestimmten meinen Alltag.

Mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 gab es einen regelrechten Kaufrausch, der meinem Vater in der Backstube große Auftragseingänge bescherte. Ich muss nach so vielen Jahren erkennen, dass mein Vater nicht der beste Unternehmer war und wenig organisieren und delegieren konnte. Daher mussten wir zwei Brüder nach der Schule schnellstmöglich in der Backstube

eintreffen und mit anpacken. Schnell holte mein Vater sich mit dem Erspartem einen Mercedes „280S“ aus der Business-Class, der eher von Großunternehmern geleistet werden konnte. Dieser Besitzhatte für ihn und seine Community ein sehr wichtiges Statussymbol. Mit achtzehn Jahren bekam ich prompt das gleiche Fahrzeug in einer anderen Farbe. Damit durfte ich zur Schule fahren um gleich nach der Schule in die Backstube, um dort schnellstmöglich einzutreffen. Nach Feierabend, etwa gegen zwanzig Uhr, fuhren wir dann täglich hintereinander in zwei riesen Fahrzeugen nach Hause los. Auf den letzten hundert Metern in der Schrittgeschwindigkeitszone der Wrangel Straße fuhr mein Vater vor mir ausgerechnet im Schritttempo. Und dabei sah ich ihm zu, wie er beim Vorbeifahren alle seine Freunde und Bekannte vor den Geschäften und Lokalen mit Händewinken begrüßte. Ich habe es ihm jedoch sehr gegönnt.

Irgendwann wollte ich nicht mehr so viel arbeiten müssen und jeden Abend einen Stapel Geldscheine, die im Alltag im Backwarengeschäft mit Zuckersirup befleckt waren, einzeln mit Nagellackentferner reinigen und ordentlich stapeln. Doch meinen Vater den wachsenden Unmut direkt anzusprechen erwies sich als schwierig. Daher sprach ich im Urlaub meinen Großvater an und wies auf unser Problem hin. Ich bat ihn, dass er über die Überbelastung im Geschäft mit meinem Vater ein hartes Wort spricht. Er sollte sich für uns Enkelkinder einsetzen und uns etwas Freizeit aushandeln. Nachdem er mich sehr ernst nahm und hingebungsvoll die Problematik anhörte, so spontan fing er schnell an zu lächeln. Als ich ihm fragte, warum er jetzt über dieses ernsthafte Problem lache, sprach er ein Gebet aus, mit den Worten, dass der liebe Gott bitte den Menschen nur derartige Probleme schenken soll. Denn ein türkisches Sprichwort ermahne, dass ein Krug schnellstmöglich und ganz bis zum Rand mit Wasser zu füllen sei, bevor das Wasser aus dem Brunnen austrockne. Er sagte damit, dass wir dankbar sein sollten, in wirtschaftlicher Sicherheit zu leben.

Obwohl ich nach der zehnten Klasse zu den Glücklicheren gehörte, die eine weiterführende Schule besuchen durften, musste ich mitten in der zwölften Klasse meine Schullaufbahn abbrechen und mit meinem Bruder in den Familienbetrieb eintreten. Mein Vater zeigte mir auf, dass ich nunmehr der Chef geworden sei, viele Mitarbeiter, ein Auto und guten Verdienst habe. In seiner Ansicht konnte es

[...]


1 Auf Grund der sich verschlechternden Wirtschaftslage verfügte die deutsche Regierung Anfang der siebziger einen Anwerbestopp, die mit dem Anwerbeabkommen von 1955 bis dahin deutschen Unternehmen erlaubte, dringend benötigte Einwanderung ausländischer Arbeitnehmer einzuholen. Vgl. Huhn 2005, S.329

2 Im März 1963 wurden in Berlin sechs große innerstädtische Altbaugebiete in den Bezirken Charlottenburg, Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg, Tiergarten und Wedding zu Sanierungsgebieten bestimmt. Vorgesehen war der weitgehende Abriss von zumeist instandsetzungsbedürftigen Altbauten und deren Ersatz durch geförderte Neubauten. Vgl. Mieter Echo, 2016, S.4

3 Vgl. Kratzmann, 2011 S.36

4 Vgl. Lingl, 2018, S. 77

5 Vgl. Pflegerl, 1977, S.148

6 Vgl. Blätte, 2014, S.139

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit mit Vätern in Moscheen
Untertitel
Ein biographisches Essay
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
38
Katalognummer
V416963
ISBN (eBook)
9783668665767
ISBN (Buch)
9783668665774
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Verfasser strebt in seiner beruflichen Entwicklung den Themenbereich „Arbeit mit Vätern“ an. Es liegt nahe, mit diesem biographischen Essay eine Grundeinsicht zu gewinnen für seine Sensibilität und sein Engagement für dieses Thema. So entstehen neben der biographischen Selbstvergewisserung Ressourcen für professionelle Konzeptarbeit und die Fähigkeit zur Reflexion erwartbarer Handlungsdynamiken in der Ausübung der Sozialen Profession wird ausgebildet. Ferner wird darin neues Wissen für die Entwicklung der Sozialen Arbeit in der postmigrantischen Gesellschaft generiert.
Schlagworte
Väterarbeit, Deutschtürken, Migration, Integration, Kinder migrierter Eltern, Gastarbeiter, Muslime, Moscheegemeinde, Religion im Sozialen Wandel, Bürgerplattform
Arbeit zitieren
Selcuk Saydam (Autor), 2018, Soziale Arbeit mit Vätern in Moscheen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416963

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziale Arbeit mit Vätern in Moscheen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden