Kognitive Linguistik. Relevanz der Aphasien und wie sie helfen können das Mentale Lexikon zu verstehen

Neuere Forschung zu lexikalischen Störungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Modellierung des Mentalen Lexikons

3. Lexikalische Störungen - Kraut und Rüben im Kopf
3.1 Broca-Aphasie
3.2 Wernicke-Aphasie
3.3 Globalaphasie
3.4 Amnestische Aphasie

4. Erkenntnisse der Aphasiologie für die Kognitive Linguistik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Versuch, unser Gehirn zu verstehen und das Mentale Lexikon zu modellieren, ist Aufgabe der Kognitiven Linguistik, die als Teildisziplin der Kognitiven Wissenschaft zu verstehen ist. Obwohl Kognition seit rund 2000 Jahren im Fokus der Wissenschaft steht, ist die Kognitive Linguistik eine eher junge Wissenschaft, die erst seit der ״Kognitiven Wende“ vor etwa 100 Jahren an Bedeutung gewonnen hat.1

Kognition wird in diesem Zusammenhang verstanden als Gesamtheit aller Prozesse, die sich mit dem Aufnehmen, Verarbeiten, Speichern und Abrufen von Sinneseindrücken beschäftigt. Diese Prozesse werden in der Kognitiven Linguistik modelliert, wodurch ein komplexes System mentaler Strukturen entsteht: das Mentale Lexikon. Die Kognitive Linguistik befasst sich mit dem Sprachgebrauch und ihrer Wahrnehmung, beschäftigt sich mit der Sprache, wie Sprache und Bedeutung im Gedächtnis gespeichert und abgerufen werden können und welche kognitiven Prozesse dabei ablaufen.2

Erstmals verödete der deutsche Arzt Franz Josef Gail um 1800 die Fähigkeiten des Menschen in umschriebenen Flirnarealen. Diese Annahme stieß unter Wissenschaftlern zunächst auf heftige Kritik, da diese daran zweifelten, Fähigkeiten materialisieren zu können. Galls Erkenntnis führte im 19.

Jahrhundert zum ersten Mal dazu, dass das Sprachzentrum im Frontalhirn lokalisiert und Zusammenhänge zwischen Hirnschädigungen und Störungen der Sprache erforscht wurden.3

Neben der medizinischen Relevanz von Hirnschädigungen sind diese von besonderer Bedeutung für die Kognitive Linguistik. Sie können darüber Aufschluss geben, wie das Sprachzentrum des Gehirns aufgebaut ist und funktioniert, wie Sprache und Bedeutung organisiert werden und welche Hirnareale an der Produktion, der Organisation und dem Verstehen von Sprache beteiligt sind.

In dieser Arbeit soll es vorallem um die Relevanz von Lexikalischen Störungen für die Kognitive Linguistik gehen. Dabei wird die neuere Forschung - die des 21. Jahrhunderts - von besonderer Bedeutung sein und kritisch untersucht werden. Hierfür werden zunächst relevante Informationen zum Gehirn und ein erster Blick auf die Modellierung des Mentalen Lexikons dargestellt, ehe anschließend Aphasien thematisiert werden. Anhand konkreter Lexikalischer Störungen werden die Erkenntnisse verdeutlicht, um am Ende die Relevanz der Aphasiologie für die Kognitive Linguistik aufzuzeigen. In einem letzten Schritt werden die aktuellen Forschungsergebnisse in diesem Bezug kritisch abgewogen.

2. Modellierung des Mentalen Lexikons

Um die Strukturen des Mentalen Lexikons und die Auswirkungen von Lexikalischen Störungen verstehen zu können, müssen wir zunächst einen Blick auf neuroanatomische Aspekte unseres Gehirns werfen. Die vegetativen Funktionen des Körpers, wie Atmung und Kreislauf, werden vom Zentralen Nervensystem im Rückenmark, Mittel- und Hinterhirn gesteuert. Für das emotionale Empfinden und die langfristige Speicherung von Informationen sind Hippocampus, das Limbische System, Mandelkern und Hypothalamus verantwortlich.4

Bei Rechtshändern werden wesentliche Aspekte des Sprachvermögens in der linken Hirnhälfte gesteuert, ״während die rechte Hemisphäre nicht-sprachliche Leistungen (z.B. das Erkennen von bildlich-räumlichen Beziehungen) determiniert.“5 Bei Linkshändern ist das Sprachvermögen teils auf der linken Hirnhälfte, teilweise auch auf der rechten oder bilateral repräsentiert, was durch die Messung elektrischer Spannungen im Hirn nachgewiesen werden konnte. Auf diese Art und Weise lässt sich auch die von Gail entdeckte Lokalisationstheorie erklären. Diese Erkenntnis war wesentlich für die spätere Forschung.

Das Mentale Lexikon ist Teil dieses Sprachzentrums. Es umfasst mehr als 50.000 Wörter im sogenannten passiven Wortschatz. Gemäß Ferdinand de Saussures bilateralen Zeichenmodells geht bei der mündlichen Produktion eines Wortes diesem zunächst ein nicht-sprachliches Konzept voraus. Unter Berücksichtigung seiner syntaktischen Eigenschaften wird das Wort lexikalisch und phonologisch spezifiziert, sublexikalisch verarbeitet und letztlich artikuliert.6

Dementsprechend müssen folgende Informationen über ein Wort gespeichert sein:

- die phonologische Repräsentation, welche Informationen über die Aussprache des Wortes mit verschiedenen Aussprachevarianten beinhaltet7,
- die graphematische Repräsentation, die unmittelbar mit der phonologischen Ebene verknüpft ist und eine Transkription des Wortes ermöglicht,
- Informationen zum syntaktischen Rahmen, der die Satzstruktur und die Relationen des Wortes regelt sowie
- die semantische Bedeutung, die sprachliche Zeichen mit einer Bedeutung verknüpft.

Die Frage nach der Speicherung dieser Informationen konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. So ist nach wie vor unklar, ״ob diese Informationen im mentalen Lexikon zusammen oder einzeln abgespeichert werden.“8

Lexikalische Störungen und Versprechertypen können der Wissenschaft Aufschluss darüber geben, wie unser Wortschatz im Mentalen Lexikon repräsentiert ist. Die gängigen Modelle der Kognitiven Psychologie der 1950er- Jahre stellen das Mentale Lexikon bildlich mit Kästen dar, die durch Pfeile miteinander verbunden werden. Diese sogenannten box- und a/7־cw-M0delle ״sind rein beschreibend, repräsentieren nur statische Aspekte der Informationsverarbeitung und vernachlässigen die Repräsentationen und Prozesse innerhalb bzw. zwischen den ״Boxen“.“9 Die moderne Forschung teilt diese Ansicht jedoch nicht länger.

״[Es] deuten bestimmte aphasische Störungen und einige Versprechertypen darauf hin, dass Wortformen und Wortbedeutung nicht im Sinne de Saussures untrennbar wie zwei Seiten eines Blattes, sondern unabhängig voneinander repräsentiert werden.“10

3. Lexikalische Störungen - Kraut und Rüben im Kopf

Lexikalische Störungen sind Störungen des Gehirns, die sich auf die Sprachfunktion des Menschen auswirken. Darunter können Alexien (auch: Dyslexien), die Störungen des Lesevermögens nach abgeschlossenem Leseerwerb darstellen, Agraphien (auch: Dysgraphien), die als Störungen des Schreibens nach abgeschlossenem Schreiberwerb definiert werden, und Akalkulien (auch: Dyskalkulien), die Störungen im Umgang mit Zahlen beschreiben, und Aphasien, die eine Störung der Sprache nach abgeschlossenem Spracherwerb umschreiben. Nicht selten treten Alexien und Agraphien als Begleiterscheinung einer Aphasie auf. In dieser Arbeit werden deshalb erstrangig Aphasien als Lexikalische Störung behandelt. Die weiteren aufgeführten Störungen werden vernachlässigt, solange eine nähere Betrachtung im Kontext der Aphasien nicht von Relevanz ist.

״Das aus dem Griechischen abgeleitete Wort ״Aphasie“ setzt sich - wie andere medizinische Ausdrücke auch - aus zwei Bestandteilen zusammen: Zum einen aus der Vorsilbe ״a“ für ״fehlend“ und zum anderen aus dem Wort ״phasiz“ für ״Sprache“. Die wörtliche Übersetzung ״fehlende Sprache“ ist jedoch irreführend: Ebenso wie ״Anämie“ keinen völligen Blutverlust, sondern eine Blutarmut bezeichnet, bedeutet ״Aphasie“ in der Regel keinen kompletten Sprachverlust.“11

[...]


1 vgl. Monika Schwarz: Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen und Basel 1996, s. 13.

2 Ebenda, s. 16.

3 Barbara Schneider, Meike Wehmeyer und Holger Grötzbach: Aphasie. Wege aus dem Sprachdschungel. Berlin und Heidelberg 2014, s. 66f.

4 vgl. Schwarz, s. 64.

5 Ebenda, S.65.

6 vgl. Stefanie Abel: Modellgeleitete Aphasietherapie bei lexikalischen Störungen. Konnektionistische Diagnostik in der Benenntherapie. Aachen 2007, s. 16.

7 vgl. Adithi Lahiri, Henning Reetz: Underspecified Recognition. In: Carlos Gussenhoven, Natasha Warner (Hrsg.): Laboratory Phonology 7. Berlin 2002, s. 637-675.

8 vgl. Schwarz, S.85.

9 Abel, S.21.

10 Schwarz, s. 85.

11 Schneider, Wehmeyer, Grötzbach, S.3.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kognitive Linguistik. Relevanz der Aphasien und wie sie helfen können das Mentale Lexikon zu verstehen
Untertitel
Neuere Forschung zu lexikalischen Störungen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V417189
ISBN (eBook)
9783668666375
ISBN (Buch)
9783668666382
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aphasien, lexikalische Störung, Sprachstörung, sprechen, Schlaganfall, Konzepte, mentales Lexikon, Gedächtnis
Arbeit zitieren
Kevin Ruser (Autor), 2017, Kognitive Linguistik. Relevanz der Aphasien und wie sie helfen können das Mentale Lexikon zu verstehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417189

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