Der Weg der Tulpe. Wie eine orientalische Pflanze zum Symbol der Niederlande wurde


Fachbuch, 2018
59 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Begriffe
1.2 Methode

2 Der Weg der Tulpe in die Niederlande
2.1 Historische Situation
2.2 Weg der Tulpe
2.3 Tulpenwahn

3 Die Tulpe als Bestandteil der menschlichen Kultur
3.1 Botanische Erklärung der Tulpe
3.2 Bedeutung der Tulpe
3.3 Wirtschaftlicher Nutzen
3.4 Künstlerische Betrachtung der Tulpe

4 Resümee

Literaturliste

Internetseiten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wildtulpen Fusilier

Abbildung 2: Portrait von Ogier Ghislain de Busbeqc

Abbildung 3: Conrad Gesner, Die Tulpe des Patriziers Herwarth

Abbildung 4: Portrait von Carolus Clusius

Abbildung 5: Semper Augustus

Abbildung 6: Hortus Floridus

Abbildung 7: Portrait von Conrad Gesner

Abbildung 9: Mehmed II. an einer Blume riechend

Abbildung 8: Lâledan

Abbildung 10: Osmanische Idealvorstellung der Tulpe

Abbildung 11: Tughra von Süleyman I

Abbildung 12: Quatre-Fleur-Muster

Abbildung 13: Jacques de Gheyn, Aquarell aus dem Blumenalbum für Kaiser Rudolf II

Abbildung 14: Joris Hoefnagel, Blumenstrauß

Abbildung 15: Tulpenbuch Pieter Cos, Haarlem

Abbildung 16: Jacob Marell, Vanitas

Abbildung 17: Jan Brueghel d. J., Persiflage auf die Tulpomanie

Abbildung 18: Rembrandt von Rijn, Die Anatomie des Dr. Tulp

Abbildung 19: Govert Flinck, Bildnis der Margarete Tulp als Braut,

Abbildung 20: Jeff Koons, Tulpenstrauß

1 Einleitung

Auf Grund der Entdeckungsreisen begann sich die Welt um 1500 immer mehr zu vernetzen. Dies führte nicht nur dazu, unbekannte Regionen und Länder zu erforschen, sondern es entstand eine frühkapitalistische Weltwirtschaft. Viele neue Produkte und Konsumgewohnheiten wechselten die Länder und wurden identitätsstiftend für Regionen fernab ihrer eigentlichen Ursprungsländer beispielsweise die überseeische Kakaobohne, die für die Schweiz identitätsstiftend wurde. Die chinesische Porzellankunst wurde in Europa rezipiert und man versuchte das chinesische Porzellan nachzuahmen, in Folge entwickelte sich Meißner Porzellan zu einem regionalen Erkennungsmerkmal. Die Teekultur gelangte ebenfalls über den asiatischen Raum nach Europa und jedermann bringt heutzutage Tee mit England in Verbindung. Die südamerikanische Tomate wurde zum Markenzeichen Italiens und auch die Tulpen aus Amsterdam zählen zu jenen identitätsstiftenden Merkmalen, obwohl die Tulpe eigentlich aus dem fernen Orient stammte. „ Die Erinnerung, dass manches Produkt überseeische Wurzeln hatte, verblasste und verlor sich häufig völlig. Fremdes wurde zu Eigenem.“[1]

1.1 Begriffe

Die Arbeit beinhaltet Begriffe wie Tulpenmanie, Goldenes Zeitalter, Vereinigte Ostindische Kompanie, Tulpenvirus, Semper Augustus, Tulpenzeit und Hortus botanicus.

Die Tulpenmanie ist eine Periode im Goldenen Zeitalter der Niederlande. Im 17. Jahrhundert galt die Tulpe als Spekulationsobjekt. Die Preise stiegen immer stärker und es entstanden Tulpenbörsen, in denen viel Geld für Zwiebeln gezahlt wurde. Jedoch brach 1637 die überhitzte Tulpenbegeisterung in sich zusammen, denn die Tulpenzwiebeln waren aufgrund der hohen Preise nicht mehr an den Mann zu bringen. Viele Spekulanten ließ dieser Crash finanziell ruiniert zurück.[2]

Das 17. Jahrhundert war für die Niederlande das Goldene Zeitalter.[3] „Aus dem achtzigjährigen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien gingen die Niederlande als führende Weltmacht und Handelsnation hervor.“[4] In Europa traten kleinere, schlagkräftige Akteure wie Frankreich, Schweden, England und die Niederlande in den Vordergrund, jedoch das modernste Land Europas waren die Niederlande.[5] Für die Republik Niederlande herrschte eine Zeit des Wohlstandes. Auch die Gründung der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC) trug zu dieser wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit bei.

„Auf staatliche Initiative war 1602 die VOC gegründet worden, im Grunde die Vorform einer modernen Aktiengesellschaft.“ [6] Jeder der wollte, konnte Anteile erwerben, der Großteil des Kapitals stammte aber aus wohlhabenden Kaufmannskreisen.

Der Tulpenvirus war eine Viruserkrankung, welche das „Brechen“ der Tulpen bewirkte. Der Virus verursachte bunte Farbmuster. Unter „Brechen“ verstand man eine farbliche Veränderung von der ursprünglich einfarbigen Muttertulpe.[7] Die Streifen, die sich dadurch entwickelten, wurden als besonders schön empfunden, was man an Gemälden der Zeit des Tulpenfiebers nachvollziehen kann.

Die berühmteste mit dem Virus infizierte Tulpe war die Semper Augustus, eine weiß-rot gestreifte Tulpe.[8] Sie war so kostbar, dass sie den Wert eines Amsterdamer Stadthauses besaß. Erst im 20. Jahrhundert gelangte man zu der Erkenntnis, dass ein Virus für die geflammten Blütenblätter verantwortlich war.

Die Regierungszeit von Ahmed III. stand unter dem Zeichen der Tulpe, woraufhin der türkischer Historiker Ahmet Refik sich veranlasst sah, dieser Periode den Namen lale devri, „Tulpenära“, zu geben.[9]

Laut Wörterbuch ist ein botanischer Garten, „ein Garten, der meist wissenschaftlich geleitet ist und der Bildung, Forschung, Erholung und dem Artenschutz dient.“[10] 1587 beschlossen die Kuratoren, der neu gegründeten Universität Leiden einen Kräutergarten anzulegen und somit wurde der Hortus botanicus Leiden der älteste botanische Garten in den Niederlanden. Carolus Clusius kultivierte hier unter anderen Pflanzen auch die ersten großen Tulpensammlungen in Europa.[11]

1.2 Methode

Die Erkenntnisse der Arbeit beruhen auf einer theoretischen Methode in Form von Literaturstudien. Die Thesen entstanden auf Basis vorhandener Literatur. In Folge wurde auf zum Thema relevante Monografien, Sammelbände, Zeitschriften, Interneteinträge und Datenbanken zugegriffen, um die genannten Aspekte zu belegen.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in einen historischen Teil und in einen ökologiegeschichtlichen Teil.

2 Der Weg der Tulpe in die Niederlande

Im Folgenden wird der tausende Kilometer lange Weg der Tulpe bzw. der Tulpenzwiebel aus ihrem eigentlichen Ursprungsland in die Niederlande verfolgt und hinterfragt, wie die Niederlande ökonomisch davon profitierten, das heißt die forschungsleitende Fragestellung lautet:

„Aus welchem Grund verließ die Tulpe ihre ursprüngliche Heimat, wie gelangte sie in die Niederlande und inwiefern beeinflusste sie ihre neue Heimat?“

2.1 Historische Situation

Wie war die historische Situation in der ursprünglichen Heimat der Tulpe im 16. Jahrhundert?

Mongolenstürme veranlassten Mitte des 13. Jahrhunderts türkische Nomadenstämme, welche ein islamisiertes asiatisches Reitervolk waren, in Kleinasien zu siedeln. In Folge begründete Osman I. 1299 das Osmanische Reich.[12]

Die osmanische Expansion seit der Wende zum 16. Jahrhundert verursachte im christlichen Europa große Bedenken, denn trotz der wohlbekannten Duldsamkeit bzw. der Toleranz gegenüber anderen Religionen wusste man von der harten Kriegsführung der Osmanen und der Versklavung von christlichen Kriegsgefangenen.[13] Es herrschte eine allgemeine Unsicherheit vor den Osmanen, die als Türkenfurcht rezipiert wurde.

Als bei der Schlacht von Mohács im Jahr 1526 nicht nur der letzte König sondern auch ein Großteil des ungarischen Adels starb, wurde das Haus Habsburg direkter Thronerbe und damit auch zum Gegner der Osmanen.[14] Bis zum 17. Jahrhundert hielten die militärischen Erfolge der Osmanen die grenznahen Europäer in Atem, was unter anderem auf ihre perfekte Militärmaschinerie zurückzuführen war.[15] „Ein Heer von 300.000 Mann stand zu Beginn des 16. Jahrhunderts an der Südostgrenze des Habsburgerreichs, dieses trug denn auch die Hauptlast der Verteidigung in den Auseinandersetzungen“.[16]

Das Osmanische Reich blieb bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein mächtiger Konkurrent der Habsburgermonarchie. Beide Reiche verband eine jahrhundertelange Feindschaft, aber trotzdem betrieben sie miteinander Handel und wurden in der jeweiligen Propaganda immer wieder mit dem Bild des „Anderen“ konfrontiert.[17] Heidnisch, barbarisch und rückständig, so wurde der Orient gesehen, dem Westen allerdings wurden Merkmale wie christlich, fortschrittlich und zivilisiert zugeschrieben, was zeigt, dass die „Anderen“ negativ gesehen wurden und das europäische Selbstbild als positiv verstanden wurde.[18] Die Europäer hatten ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und blickten auf alles Fremde, besonders aber auf Heiden negativ herab. Die Osmanen waren nicht nur ein realer militärischer Gegner, den man auf dem Feld bekämpfte, sondern sie wurden von Staat und Kirche als „Erbfeind der Christenheit“ diffamiert.[19]

Im Jahr 1389 standen sich das serbische Königreich und das Osmanische Reich auf dem Amselfeld gegenüber. Es kam zu einem Kampf der islamischen Horden gegen die christlichen Serben, welche eine vernichtende Niederlage erlitten. Tausende Christen, aber auch Türken fanden den Tod. Ein Muslim beschrieb, dass das Schlachtfeld wie ein riesiges Tulpenbeet aussah, denn die abgetrennten Köpfe, auf denen noch farbenprächtige Turbane saßen, erinnerten ihn an die roten und gelben Blüten der Tulpen.[20] Durchaus möglich, dass Tulpen auch in Form von Talismanen zum Schutz vor Unglück mit dabei waren, wenn dann aber gut versteckt, da das religiöse Verbot der bildlichen Darstellung lebender Dinge noch aufrecht war.[21]

Nach der Schlacht am Amselfeld wandten sich die Osmanen wieder ihrer Expansion in den Osten zu. Mit der Einnahme Konstantinopels im Jahr 1453 unter Mehmed II. entwickelten die Türken ein neues Selbstverständnis, das eines Großreiches. Konstantinopel wurde zu Istanbul und zum Zentrum einer aufstrebenden Weltmacht.[22] Mehmed II. erhielt den Beinamen, der Eroberer. Ihm gelang es Istanbul zu einem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum zu machen.[23] Er war verantwortlich für neue Bauten und ließ unzählige Gärten errichten, die unter byzantinischer Herrschaft dem Verfall preisgegeben waren. „Innerhalb weniger Jahrzehnte nach der Eroberung konnte sich allein der osmanische Sultan an mehr als sechzig Privatgärten erfreuen […].“[24] Europäer, die während dieser Zeit nach Istanbul reisten, mussten überrascht sein über den Wohlstand der Stadt und ihre Fülle an Grün und noch viel mehr über die Ambivalenz der Osmanen, die einerseits voller willkürlicher Grausamkeiten waren und sich andererseits für die Schönheit der Natur empfänglich zeigten.[25] Und genauso widersprüchlich war Mehmed selbst, der als grausamer Herrscher bekannt war, aber im Gegensatz dazu einen wunderschönen neuen Palast erschuf, welcher heute „als Topkapi-Serail bekannt ist“.[26]

Spätere Osmanenherrscher waren ihm durchaus ebenbürtig in dieser Hinsicht, zum einen in Bezug zur Grausamkeit und zum anderen in der Leidenschaft für schöne Gärten. Der berühmteste von ihnen war Süleyman I., der der Prächtige genannt wurde und sein Urenkel war, welcher 1520 den Thron bestieg.[27] Unter Süleyman I., erreichte das Osmanenreich seinen Höhepunkt. Zu seiner Zeit etablierte sich die Tulpe als die türkische Blume schlechthin. Während die Tulpe in Europa noch unbekannt war. Hauptgegner der Osmanen war das Habsburgerreich, Erzherzog Ferdinand regierte Österreich für seinen Bruder Kaiser Karl V. Nachdem Süleyman I. große Teile von Nordungarn und Österreich verwüstet hatte, schloss er im Jahr 1533 einen Frieden mit Ferdinand I.[28].

Im Interesse der eigenen Macht- und Existenzsicherung waren die Habsburger schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts gezwungen – parallel zu immer wieder aufflackernden militärischen Auseinandersetzungen -, einen diplomatischen Ausgleich mit den Osmanen zu suchen.“[29] Die Gesandten wurden zu den wichtigsten Trägern des Kulturtransfers. Durch ihre vermittelnden Aufgaben und ihre diplomatischen Dienste zwischen den jeweiligen Herrschern erreichten sie nicht nur den einen oder anderen Ausgleich zwischen den Machthabern, sondern sie überbrachten auch jede Menge Neuigkeiten über alle möglichen Lebensbereiche aus den Ländern, in die sie geschickt wurden. Sie waren sozusagen „privilegierte Spione“, die nicht nur Informationen beschafften, sondern auch Geschenke austauschten.[30]Ob hoher Gesandter oder Soldat, ob Blumenliebhaber oder nicht – eines wurde jedem Besucher der Stadt klar: Die Tulpe war die Königin der Blumen, der man vor allen anderen den Vorzug gab.“[31] Einer dieser Gesandten war Ogier Ghislain de Busbecq, der den „wohl umfassendsten und kenntnisreichsten Einblick in das Osmanische Reich[32] gab. Er ging im November 1554 als kaiserlicher Gesandter nach Istanbul.[33] Busbecq war es auch, dem von Sultan Süleyman I. eine Tulpe als Geschenk überreicht wurde und so konnte die Tulpe ihre Reise in den Westen fortsetzen.

Bis zum 17. Jahrhundert kultivierte man abgesehen von Gemüse eher medizinische Kräuter, erst mit den Türken vor den Toren Wiens kamen die Zwiebelpflanzen aus dem Vorderen Orient, wie beispielsweise die Tulpe.[34]

2.2 Weg der Tulpe

Aus welchem Grund und auf welchem Weg kam die Tulpe in die Niederlande?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wildtulpen Fusilier

Wildtulpen, online unter: <http://www.steingarten-nuetzen.de/upload/465_tpraestans-fusilier.jpg> (26.12.2017).

Die Tulpe, so wie wir sie heute kennen und typisch ist für holländische Blumenläden, ist das Produkt einer langen Züchtung. Eigentlich ist sie das Ergebnis von veredelten Wildarten, die über ganz Zentralasien und den Kaukasus verstreut waren.[35] (Abb. 1) Es ist davon auszugehen, dass Reisende oder Händler die Pflanze verbreiteten. Von ihrem Ursprungsgebiet aus, dem Hochgebirge von Zentralasien, drang die Tulpe nordwärts über Berge und Steppen bis ins mittelasiatische Hochgebirge vor, unterstützt durch Händler auf ihren Handelswegen.[36] Vermutlich haben Nomaden die wilden Tulpen in den Tälern des Tien-shan, einem Hochgebirge in der Großlandschaft von Turkestan oder auch in noch höheren Regionen, entdeckt, denn die Tulpe gedeiht selbst in Gebirgsgegenden im Winter unter einer Schneedecke.[37] Als wandernde Turkvölker im 10. und 11. Jahrhundert westwärts zogen, fanden sie überall im zentralasiatischen Hochland wild wachsende Tulpenkolonien.[38] Wann und wie sie genau kultiviert wurden, ist nicht gesichert, aber es steht fest, dass man „[…] etwa um das Jahr 1050 in Persien die Tulpe verehrte.[39] Da es von den Turkvölkern keine Aufzeichnungen gibt, weiß man erst wieder von den Seldschuken über diese Blume Bescheid. Denn bei Ausgrabungen eines Palastes aus dem 13. Jahrhundert von einem Seldschukensultan fanden Archäologen auf den Kacheln des Palastes Zeichnungen von Tulpen.[40] Wie die Römer zielten auch die Seldschuken auf die Errichtung eines Weltreiches ab.

Die Schlacht von Manzikert im 11. Jahrhundert leitete mit der Einwanderung von Turkmenen türkische Ansiedlungen in Anatolien ein und in Folge ging aus dem nordwestanatolischen Fürstentum von Osman I. eine neue türkische Großmacht hervor, das Osmanische Reich.[41] Unter ihren Herrschern waren viele Eroberer, Despoten, aber auch kultivierte osmanische Herrscher mit Liebe zu schönen Dingen, so auch zur Tulpe. Sultan Mehmed II. führte nach der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken im Jahr 1453 die Tulpe in die neu gestalteten Gärten ein. Unter Süleyman dem Prächtigen war das Osmanische Reich auf seinem Zenit und auch die Tulpe wurde seit dem 16. Jahrhundert fester Bestandteil der osmanischen Kultur.[42] So um diese Zeit wird es wohl auch gewesen sein, dass „[…] europäische Reisende von der türkischen Sitte berichteten, eine einzelne, besonders schöne Blume in einem schmalhalsigen, lâledan genannten Gefäß zu präsentieren“.[43] Dies war auch die Periode, in der die Tulpe, bei einer Vielzahl von Menschen, Berühmtheit und Bekanntheit erlangte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Portrait von Ogier Ghislain de Busbeqc

Ogier Ghislain de Busbeqc, online unter: <http://www.france-pittoresque.com/IMG/jpg/Ghislain-Busbecq.jpg> (26.12.2017).

Beispielsweise berichtete der französische Botaniker Pierre Belon, der 1546 eine dreijährige Reise durch die Türkei und die Levante unternahm, von den türkischen Gärten und der Tulpe.[44] Oder auch der uneheliche Spross eines flämischen Adeligen Ogier Ghislain de Busbecq, welcher viele Jahre eine einflussreiche Stellung am Hof der Habsburger einnahm, dokumentierte neben dem Alltagsleben der Türken seine Erfahrungen über die Tulpe.[45] (Abb. 2) „Neben Belon und Busbecq berichteten auch andere Reisende von der außerordentlichen Leidenschaft der Türken für die Tulpe.“[46] Es ist auch wahrscheinlich, dass erste Tulpenexemplare über den venezianischen Levantehandel nach Padua kamen, wo auch Busbecq studierte.[47]

Da die Türken immer weiter gegen Wien vorrückten, versuchten die Habsburger diese Bedrohung durch Aussendung einer Gesandtschaft aufzuhalten. Busbecq, der die Leitung dieser Gesandtschaft innehatte, wurde 1554 von Kaiser Ferdinand I. als Botschafter zum osmanischen Sultan Süleyman I. geschickt, wo er trotz längerer Wartezeit auf eine Audienz von Süleyman I., mit Tulpenzwiebeln statt der erhofften Audienz abgefertigt wurde.[48] Nachdem mit dem Sultan kein Friedensvertrag zu Stande kam, sondern nur ein halbjähriger Waffenstillstand zugesichert wurde, kehrte Busbecq wieder nach Wien zurück. Bald darauf brach er aber erneut nach Konstantinopel auf und erreichte einen „achtjährigen Waffenstillstand.“[49]

„Um 1556 gab Herr Busbeck nämlich einem heimreisenden Kurier mit anderen Merkwürdigkeiten ein Säckchen Zwiebelknollen und Samen dieser in der Heimat nie geschauten Steppenblume mit, die bald die kaiserlichen Gärten des Wiener Hofes zierte […] auch venezianische Galeeren brachten die begehrten Knollen als lohnende Beiladung heim, […] in Florenz und Prag erhoben sie ihre Kelche. In Augsburg trat der berühmte Gesner aus Zürich […] in den Garten des reichen Herrn Herwarth ein, um diese Neuentdeckung […] für die Mitwelt zu beschreiben und sie zeichnen zu lassen.[50]

Zu Busbecq muss noch angemerkt werden, dass er es war, der in Konstantinopel das Pflanzenbuch des griechischen Arztes Dioskurides, welches dieser im 1. Jahrhundert nach Christus anfertigte, erwarb und an die Wiener Hofbibliothek schickte. Die Wiener Dioskurides befinden sich noch heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und beinhalten fast 400 Abbildungen von Arzneipflanzen.[51]

Man kann also davon ausgehen, dass Busbecq der Erste war, der die Tulpe nach Europa gebracht hat, obwohl es natürlich durchaus auch möglich ist, dass sie schon viel früher im Westen beheimatet war, ohne dass man davon wusste.

„Für das Jahr 1559 jedoch läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß die erste Tulpe in Europa geblüht hat. Sie wuchs im Garten eines gewissen Johann Heinrich Herwarth, eines Ratsmitglieds der Stadt Augsburg in Bayern.“[52] Dort sah sie Conrad Gesner, ein Universalgelehrter, der bestens bewandt war in den Naturwissenschaften und fertigte eine Aquarellskizze von der Tulpe an, die noch heute existiert.[53] (Abb. 3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Conrad Gesner, Die Tulpe des Patriziers Herwarth 1557

Aus: Conrad Gesner, Historia Plantarum, um 1550/60, Einzelblatt, 54 x 38 cm, Aquarell über Federzeichnung, Universitätsbibliothek Erlangen, Ms. Inv. 2386, fol. 220 (Foto: André van der Goes, Tulpomanie, 2004, 28).

Rasch verbreitete sich die Schönheit der Tulpe auch anderswo in Europa, was auch dem Umstand zu verdanken ist, dass sie sich auf Grund ihrer Zwiebeln einfach transportieren ließ. Für den zukünftigen Tulpenhandel jedoch wurde ein Bewertungssystem immer notwendiger und dieses erstellte einer der größten Botaniker des 16. Jahrhunderts, der sozusagen zum Vater der Tulpe wurde, Carolus Clusius.[54]

„Er entwickelte ein Klassifizierungssystem, das Pflanzen gemäß ihrer Charakteristika einzelnen Gruppen zuordnete – eine Idee, die später von Carl von Linné aufgegriffen wurde und zu einer der Grundlagen moderner biologischer Wissenschaft wurde.“[55] (Abb. 4)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Portrait von Carolus Clusius

Jacques de Gheyn II. (1565-1629) 1600/01, Kupferstich, 22,4 x 18,2 cm, Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Inv.-Nr. BdH 8056 (Foto: André van der Goes, Tulpomanie, 2004, 46).

Sieht man Busbecq als den Tulpenentdecker an, so muss man diesen anderen flandrischen humanistischen Gelehrten als den wichtigsten Verbreiter der Tulpe betrachten, eben Carolus Clusius, der von 1573 bis 1576 Hofbotaniker von Kaiser Maximilian II. in Wien war.[56] Der Kaiser war einer der Vorreiter, was die Gartenkunst in Mitteleuropa betraf und dies wurde auch von bürgerlichen Kreisen nachgeahmt und zog weite Kreise.[57] Am Hof von Maximilian, wo Clusius einen hortus botanicus anlegte, schloss Clusius mit dem Gesandten Busbecq, der zu der Zeit ebenfalls am Hof weilte, eine Interessensfreundschaft und beide tauschten Pflanzenproben aus.[58] Nach dem Tod von Maximilian II. wendete sich für Clusius alles zum Schlechteren, denn Rudolf II., der ein strenger Katholik war, entließ alle protestantischen Angestellten. 1593 wurde Clusius Botanik-Professor an der Universität Leiden und richtete dort den Botanischen Garten der neugegründeten Universität ein.[59] Clusius wachte sehr akribisch über seine Tulpen und dennoch wurden ihm eines Nachts viele seiner besten Pflanzen gestohlen und so sorgten die Tulpendiebe für die Vermehrung der Blumen in allen siebzehn Provinzen der Niederlande.[60] „Auch in Amsterdam war die Tulpe bereits bekannt, als Clusius nach Leiden kam.“[61] Doch vor allem über Netzwerke und Kontakte unter Gelehrten bzw. Botanikern wurden Samen und Zwiebeln ausgetauscht. Die Tulpenzwiebeln waren immer noch rar, aber sie wurden immer begehrter und in Folge auch teurer, vor allem die geflammten und gestreiften, die überraschenderweise diese Farb- und Formenwechsel aufwiesen, machten die Holländer ganz verrückt.[62] Ein reger Handel entstand, die Zwiebeln wurden schon in der Erde verkauft, was zu ausgeprägten Spekulationsgeschäften führte und in Folge zu einer regelrechten Tulpenmanie.

[...]


[1] Reinhard Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Europa und die Welt seit 1500 (Verlag Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Paderborn 2007) 188.

[2] Vgl. Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung. 186.

[3] Vgl. Bernd Hausberger, Die Verknüpfung der Welt. Geschichte der frühen Globalisierung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (Mandelbaum Verlag, Wien 2015) 20.

[4] Michael North, Geschichte der Niederlande. C.H.Beck Wissen in der Beck´schen Reihe (Verlag C.H. Beck oHG, München ⁴2013) 37.

[5] Vgl. Hausberger, Die Verknüpfung der Welt. 47.

[6] Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung. 118.

[7] Vgl. Sam Segal, Die Botanik der Tulpe. In: André van der Goes, Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts (Zwolle, Uitgeverij Waanders, Dresden 2004) 29-38, hier 33.

[8] Vgl. Tulpenvirus, Karin Möller, Virologin, online unter: <http://www.spektrum.de/news/warum-ein-virus-die-tulpenkrise-ausloeste/1443865> (30.10.2017).

[9] Vgl. Mike Dash, Tulpenwahn. Die verrückteste Spekulation der Geschichte (Ullstein Buchverlag GmbH, Berlin⁹2017) 243, 244.

[10] Botanischer Garten, online unter: <http://www.wortbedeutung.info/botanischer_Garten/> (14.12.2017).

[11] Vgl. Hortus botanicus Leiden, online unter: <https://www.hortusleiden.nl/deutsch/geschichte> (14.12.2017).

[12] Vgl. Die Welt der Habsburger – Das Osmanische Reich, online unter: <http://www.habsburger.net/de/kapitel/das-osmanische-reich-neue-grossmacht-suedosteuropa> (15.11.2017).

[13] Vgl. Luise Schorn-Schütte, Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit. Studienhandbuch 1500-1789 (Ferdinand Schöningh, Paderborn ²2013) 295.

[14] Vgl. Uwe Becker, Osmanisches Reich, online unter: <https://www.osmanischesreich.de/geschichte/16-17-jahrhundert/> (15.11.2017).

[15] Vgl. Schorn-Schütte, Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit. 313.

[16] Schorn-Schütte, Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit. 313.

[17] Vgl. Marlene Kurz, Martin Scheutz, Karl Vocelka, Thomas Winkelbauer (Hg.), Das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie in der Neuzeit. Akten des internationalen Kongresses zum 150-jährigen Bestehen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Wien, 22—25. September 2004 (MIÖG Erg. Bd. 49, Wien 2005) 11.

[18] Vgl. Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung. 289.

[19] Vgl. Karl Vocelka, Geschichte der Neuzeit 1500-1918 (Böhlau Verlag Ges.m.b.H und Co.KG, Wien/Köln/Weimar 2010) 314.

[20] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 33.

[21] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 33.

[22] Vgl. Die Welt der Habsburger – Das Osmanische Reich, online unter: <http://www.habsburger.net/de/kapitel/das-osmanische-reich-neue-grossmacht-suedosteuropa> (15.11.2017).

[23] Vgl. Klaus Schwarz, Das Osmanische Reich – Historischer Überblick. In: Museum für Kunsthandwerk Frankfurt, Türkische Kunst und Kultur aus osmanischer Zeit (Verlag Aurel Bongers, Recklinghausen ²1985) 45-56, hier 47.

[24] Dash, Tulpenwahn. 37.

[25] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 38.

[26] Dash, Tulpenwahn. 39.

[27] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 39.

[28] Vgl. Schwarz, Das Osmanische Reich. 48.

[29] Kurz, Scheutz, Vocelka, Winkelbauer, Das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie in der Neuzeit. 16.

[30] Vgl. Kurz, Scheutz, Vocelka, Winkelbauer, Das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie in der Neuzeit. 16.

[31] Dash, Tulpenwahn. 46, 47.

[32] Ogier Ghislain de Busbecq in Istanbul, online unter: <http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/76_B_BUSBELQ_GER.pdf> (15.11.2017).

[33] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 51.

[34] Vgl. Kej Hielscher, Renate Hücking, Pflanzenjäger. In fernen Welten auf der Suche nach dem Paradies (Piper Verlag, München ⁵2011) 22.

[35] Vgl. Anna Pavord, Die Tulpe. Eine Kulturgeschichte (Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2003) 29.

[36] Vgl. Pavord, Die Tulpe. 31.

[37] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 25.

[38] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 26.

[39] Dash, Tulpenwahn. 26.

[40] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 27.

[41] Vgl. Sultanat der Rum-Seldschuken, online unter: <http://universal_lexikon.deacademic.com/53804/Sultanat_der_Rum-Seldschuken> (11.12.2017).

[42] Vgl. Pavord, Die Tulpe. 35, 36.

[43] Pavord, Die Tulpe. 36.

[44] Vgl. Pavord, Die Tulpe. 37.

[45] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 51.

[46] Pavord, Die Tulpe. 45.

[47] Vgl. Wolfgang Seidel, Die Weltgeschichte der Pflanzen (Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln 2012) 383, 384.

[48] Vgl. Seidel, Die Weltgeschichte der Pflanzen. 384.

[49] Thomas Winkelbauer, Die Habsburgermonarchie vom Tod Maximilians I. bis zum Aussterben der Habsburger in männlicher Linie (1519-1740). In: Thomas Winkelbauer (Hg.), Geschichte Österreichs. Von Christian Lackner, Brigitte Mazohl, Walter Pohl, Oliver Rathkolb und Thomas Winkelbauer (Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart 2015) 159-289, hier 217.

[50] Otto Rombach, Emy Pischel (Hg.) Tulpen-Wunder. Wanderung und Verwandlung einer Blume. Mit 12farbigen Bildtafeln nach alten Darstellungen und Stichen und einer Plauderei über die wundersame Geschichte der Tulpe (Schuler Verlag, Stuttgart 1956) 10, 13.

[51] Vgl. Seidel, Die Weltgeschichte der Pflanzen. 384, 385.

[52] Dash, Tulpenwahn. 54.

[53] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 55.

[54] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 57.

[55] Dash, Tulpenwahn. 64.

[56] Vgl. Seidel, Die Weltgeschichte der Pflanzen. 385.

[57] Vgl. Seidel, Die Weltgeschichte der Pflanzen. 387.

[58] Vgl. Dash, Tulpenwahn. 66.

[59] Vgl. Seidel, Die Weltgeschichte der Pflanzen. 385.

[60] Vgl. Pavord, Die Tulpe. 61.

[61] Pavord, Die Tulpe. 61.

[62] Vgl. Seidel, Die Weltgeschichte der Pflanzen. 387.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Der Weg der Tulpe. Wie eine orientalische Pflanze zum Symbol der Niederlande wurde
Autor
Jahr
2018
Seiten
59
Katalognummer
V417206
ISBN (eBook)
9783956874192
ISBN (Buch)
9783956874239
Dateigröße
13507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tulpe, pflanze, symbol, niederlande
Arbeit zitieren
Verena Schneider (Autor), 2018, Der Weg der Tulpe. Wie eine orientalische Pflanze zum Symbol der Niederlande wurde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417206

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