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Das Neue Denken und sein Erfinder: ist Michail Gorbatschow eine "tragische Figur"?

Title: Das Neue Denken und sein Erfinder: ist Michail Gorbatschow eine "tragische Figur"?

Term Paper (Advanced seminar) , 1998 , 21 Pages , Grade: 2

Autor:in: Manfred Kipfelsberger (Author)

Politics - Region: Russia
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Summary Excerpt Details

Diese Arbeit befaßt sich mit dem ”Neuen Denken” Gorbatschows, mit dem Zusammenhang zwischen grundlegenden Inhalten und Normen des Neuen Denkens und dem Erfolg respektive Mißerfolg von Gorbatschows Politik der Perestroika. Die Bedeutung der Person Michail Gorbatschows für die Politik der Sowjetunion zwischen 1984 und 1990 hat Archie Brown in seinem Buch ”The Gorbachev Factor” intensiv diskutiert. Dabei hat er auf die Schwächen einer Interpretation hingewiesen, die das politische Ereignis der Perestroika allein durch die Person Michail Gorbatschows und dessen psychologische Disposition zu deuten versucht. Natürlich bestehen in der Fachgemeinde große Meinungsverschiedenheiten darüber, wie Gorbatschows Anteil an den Ereignissen, die schließlich zum Revolutionsjahr 1989 führten, zu bewerten ist. Eine Interpretation, die sich allein auf die Psychologie Gorbatschows stützt und den Respekt, den sein politisches Vermächtnis verdient, zum Angelpunkt der Analyse macht, greift zweifellos zu kurz. Und gewiß kann man sagen, daß Gorbatschow Wirkung weniger von seiner Person, sondern vielmehr von den Ideen, die er zum Agens seiner Politik machte, herstammt. Diese Ideen sind zusammengefaßt im Begriff des ‘Neues Denkens’.

Das Ziel dieser Arbeit ist ein dreifaches:

- Erstens möchte ich die Reformpolitik Gorbatschows gegen die Art von Kritik verteidigen, die annimmt, daß Gorbatschows Interesse in erster Linie der Stabilisierung des Systems galt, die er durch punktuelle Reformen im Bereich der Wirtschaft und der Außenpolitik verfolgte. Eng mit dieser Kritik verknüpft ist die Wahrnehmung Gorbatschows als opportunistischen Akteur, der seine politische Umgebung nicht im Griff hatte und im wesentlich reaktiv handelte.

- Dagegen vertrete ich die Position, daß die Reformen Gorbatschows auf einer sorgfältigen Politikanalyse beruhten, daß das Neue Denken das dynamische Ergebnis dieser Politikanalyse darstellt, und dadurch nach und nach zum Leitmotiv der Perestroika wurde und nicht lediglich die Funktion hatte, die eigene Position und Politik ideologisch abzusichern. So gesehen ist das Neue Denken der Kern der Perestroika und nicht die nachträgliche Rationalisierung einer Ad-Hoc-Politik.

- Schließlich möchte ich das Neue Denken selbst einer kritischen Prüfung unterziehen und die Frage stellen, inwiefern das Neue Denken noch eine Bedeutung für das politische Handeln auf dem internationalen Parkett nach dem vorläufigen Ende der sowjetischen Transformationsphase hat.

[...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Gorbatschows Perestroika und das Neue Denken

1.1 Interpretativer Dissens

1.2 Das Neue Denken und die Außenpolitik

1.2.1 Genese

1.2.2 Grundthesen

1.2.3 Ebenen

2. Gorbatschow – eine tragische Figur?

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das "Neue Denken" Michail Gorbatschows und dessen Rolle als treibende Kraft hinter der Perestroika, wobei sie gegen die These argumentiert, dass es sich lediglich um eine instrumentelle Ad-hoc-Politik zur Systemerhaltung handelte. Die Forschungsfrage fokussiert auf den Zusammenhang zwischen den normativen Inhalten dieses Konzepts und dem politischen Wandel der Sowjetunion zwischen 1984 und 1990.

  • Die Analyse des Neuen Denkens als paradigmatischer Wandel in der sowjetischen Außenpolitik.
  • Kritische Auseinandersetzung mit der Interpretation Gorbatschows als rein opportunistischen Akteur.
  • Die Bedeutung der psychologischen Komponente und der persönlichen Verantwortung des Akteurs.
  • Die Transformation der Sowjetunion als geschichtsträchtiger Einzelfall ohne einfache deterministische Erklärbarkeit.
  • Die moralische Dimension der Politik als zentrales Motiv für politisches Handeln.

Auszug aus dem Buch

Gorbatschow – eine tragische Figur?

Empathie, Kompromißbereitschaft und Offenheit sind Hauptmerkmale der Außen- und Sicherheitspolitik – diese Eigenschaften sind zugleich aber auch hervorstechende Charaktereigenschaften Michail Gorbatschows.33 Hier schließt sich der Kreis, die Untersuchung des Neuen Denkens ist ohne eine Analyse der Psychologie seines Urhebers nicht vollständig.

Das Treffen von Rejkjavik scheiterte aufgrund der unnachgiebigen Haltung der USA in Sachen SDI. Trotzdem war dieses Treffen wichtig, denn, wie Gorbatschow in seinen Erinnerungen schreibt, beide Seiten hätten einen Blick hinter den Horizont gewagt. Die Beschreibung seiner Empfindungen vor und während seiner Ansprache vor der Presse ist vielsagend: „Auf dem Weg zur Pressekonferenz [...] überlegte ich fieberhaft. Ein Gedanke ließ mich nicht los: Wir haben uns doch geeinigt, sowohl über die strategischen als auch über die Mittelstreckenraketen. Das war doch bereits eine neue Situation; sollte ich das alles wegen eines augenblicklichen propagandistischen Gewinns opfern? Mein Gefühl sträubte sich dagegen. [...] Als ich eintrat, erhoben sich die Journalisten. Diese erbarmungslose, mitunter zynische, sogar dreiste Welt der Presse sah mich schweigend und besorgt an. Eine tiefe Erregung ergriff mich, mehr noch: Ich war erschüttert. In den Gesichtern dieser Menschen vor mir spiegelte sich gleichsam das ganze Menschengeschlecht, das auf eine Entscheidung über sein Schicksal wartete. In diesem Augenblick wurde mir bewußt, was in Reykjavik geschehen war und wie wir verfahren mußten.“34

Hier präsentiert sich der Schlüssel zur Person Gorbatschows: deutlich wird ein weitreichendes Gefühl der Verantwortung, eine globale Perspektive, verbunden mit einem Blick auf das Allgemein-Menschliche, Offenheit und die Fähigkeit, die Dinge auch aus anderen Perspektiven wahrzunehmen, schließlich aber auch die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen und spontan, aus der Natürlichkeit seiner Wesensäußerung heraus, zu handeln.

Zusammenfassung der Kapitel

Gorbatschows Perestroika und das Neue Denken: Einführung in die Thematik, welche die Bedeutung von Ideen gegenüber psychologischen Interpretationen betont und das Ziel verfolgt, die Reformpolitik als sorgfältige Politikanalyse zu verteidigen.

Interpretativer Dissens: Analyse der wissenschaftlichen Kontroverse um die Motivationen Gorbatschows, insbesondere der Gegenüberstellung von instrumentell-strategischer Systemerhaltung und dem Ansatz eines paradigmatischen Wandels.

Das Neue Denken und die Außenpolitik: Untersuchung der außenpolitischen Ursprünge des Neuen Denkens und der Rolle des Personals bei der Implementierung neuer politischer Ansätze.

Genese: Erläuterung der Triebkräfte des Neuen Denkens, basierend auf Analysen der sowjetischen Außenpolitik, der Weltpolitik sowie historischer Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Grundthesen: Darstellung der zentralen Säulen des Neuen Denkens, insbesondere die Interdependenz der Staaten, die Vielfalt der Welt und die Priorität allgemein menschlicher Interessen.

Ebenen: Aufschlüsselung der verschiedenen Handlungsebenen des Neuen Denkens, unterteilt in eine programmatisch-theoretische, strategisch-zielorientierte und operative Ebene.

Gorbatschow – eine tragische Figur?: Synthese der Untersuchung, die Gorbatschows Handeln als eine Verbindung aus moralischer Motivation und historischer Einzigartigkeit begreift und die tragische Komponente seines partiellen Scheiterns reflektiert.

Schlüsselwörter

Michail Gorbatschow, Perestroika, Glasnost, Neues Denken, Außenpolitik, Sowjetunion, Transformationsphase, politische Reform, Interdependenz, Weltpolitik, moralische Politik, historische Analyse, Systemwandel, internationale Beziehungen, Paradigmenwechsel.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit dem "Neuen Denken" Michail Gorbatschows und untersucht den Zusammenhang zwischen diesen grundlegenden ideellen Normen und dem Verlauf sowie Erfolg der Perestroika.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Die zentralen Felder umfassen die Außenpolitik der Sowjetunion, die Genese und Struktur des Neuen Denkens, die Rolle der persönlichen Psychologie Gorbatschows sowie die wissenschaftliche Debatte zur Interpretation seiner Reformpolitik.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, die Reformpolitik Gorbatschows gegen die Kritik zu verteidigen, sie sei lediglich eine reaktive Ad-hoc-Politik zur Systemerhaltung gewesen, und stattdessen die Position zu vertreten, dass das Neue Denken das Resultat einer sorgfältigen Analyse und der Kern der Perestroika war.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse, die sich auf das Studium von Dokumenten, Reden und die Auseinandersetzung mit existierender Fachliteratur (z. B. von Archie Brown oder Ernst-Otto Czempiel) stützt, um die Theorie des Neuen Denkens zu explizieren.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der außenpolitischen Verankerung des Neuen Denkens, die Untersuchung seiner Genese und seiner theoretischen Grundthesen sowie die Differenzierung in verschiedene programmatische und operative Ebenen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wesentliche Begriffe sind das Neue Denken, Perestroika, Glasnost, Interdependenz der Welt, allgemein menschliche Interessen und die Transformation der sowjetischen Außenpolitik.

Warum wird Gorbatschow in der Arbeit als eine mögliche "tragische Figur" diskutiert?

Der Autor reflektiert, dass Gorbatschow in seinem Bemühen, die Welt durch neue moralische und politische Ansätze zu verändern, teilweise scheiterte, was jedoch laut Vittorio Hösle seiner Politik eine besondere moralische Weihe verleiht.

Welche Rolle spielt die Person Gorbatschows laut dem Autor?

Obwohl der Autor die Überbetonung der Psychologie kritisiert, räumt er ein, dass ohne den persönlichen Willen Gorbatschows zur Veränderung und seine Fähigkeit zur Umsetzung von Empathie in politische Aktion das Neue Denken wohl wirkungslos geblieben wäre.

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Details

Title
Das Neue Denken und sein Erfinder: ist Michail Gorbatschow eine "tragische Figur"?
College
LMU Munich  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften)
Course
Gorbatschows Perestroika aus der Sicht neuer Forschungsperspektiven und Quellen
Grade
2
Author
Manfred Kipfelsberger (Author)
Publication Year
1998
Pages
21
Catalog Number
V41720
ISBN (eBook)
9783638399272
Language
German
Tags
Neue Denken Erfinder Michail Gorbatschow Figur Gorbatschows Perestroika Sicht Forschungsperspektiven Quellen
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Manfred Kipfelsberger (Author), 1998, Das Neue Denken und sein Erfinder: ist Michail Gorbatschow eine "tragische Figur"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41720
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