Die Natur als Spiegel Werthers Zustand in "Die Leiden des Jungen Werthers" von Goethe im Original und drei Übersetzungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
23 Seiten, Note: validiert

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzungsanalyse der Entwicklung der Natur im Zusammenhang mit Werthers Gefühlen im Original und in den Übersetzungen
2.1. Vorstellung und Situierung des Originals und der Übersetzungen
2.2. Die Natur als Spiegel Werthers Zustand: Die Bilder
2.2.1. Brief vom 10. Mai
2.2.2. Brief vom 16. Juni
2.2.3. Briefe vom 8. oder 12. Dezember

3. Schluss

4. Bibliographie

5. Annexes
5.1. Brief vom 10. Mai 1771
5.2. Brief vom 16. Juli 1771
5.3. Brief vom 8./12. Dezember 1772

1. Einleitung

Die Leiden des jungen Werthers wurde im Jahre 1774 von Johann Wolfgang Goethe veröffentlicht.[1] Dieser zum Sturm und Drang gehörende Briefroman verzeichnet die von Werther selbst geschriebenen Briefe, die hauptsächlich seinem Freund Wilhelm geschickt wurden.[2] In seiner Korrespondenz berichtet Werther, die Hauptfigur, seinem Vertrauten über seine Gemütszustände, als er sich in Charlotte verliebt. Die Entwicklung seiner Gefühle für Lotte ist besonders: Bevor er ihr begegnet, ist er froh und ruhig, aber als er sie zum ersten Mal sieht, ist er ganz entzückt; sehr schnell erreicht er dann den Höhepunkt seiner Liebe für sie ; und schließlich wird diese unmögliche Liebe unerträglich und er begeht Selbstmord. Aber was für diese Arbeit wirklich interessant ist, ist die in der Natur gespiegelte Progression von der Liebe bis zum Leid zu beobachten.

Dieser Zusammenhang zwischen der Natur und Werthers Seele hängt selbstverständlich von Goethes Stil ab. Das heißt, dass die Weise, wie Goethe geschrieben hat, dem Leser erlaubt, die Verbindung zwischen den Gefühlen der Protagonisten und der Natur zu verstehen. Es ist interessant zu sehen, wie die Repräsentation der Natur bei den Übersetzungen wiedergegeben wurde. Um zu sehen, wie die Semantik des Autors und der Übersetzer die Entwicklung der Natur unterschiedlich darstellen kann, werden wir drei verschiedenen französischen Übersetzungen analysieren, darunter die Übersetzungen von Henri Buriot Darsiles (1931), von Bernard Groethuysen, Pierre Du Colombier und Blaise Briod (1954), und von Joseph-François Angelloz (1985).

Für diese Analyse werden wir den Stil d.h. insbesondere die semantische Ebene verschiedener Briefe analysieren, die die drei verschiedenen Etappen Werthers Zustand ans Licht bringen, und die auch die drei verschiedenen Bilder der Natur zeigen: 1) um die Natur vor der Begegnung mit Lotte aufmerksam zu betrachten, werden wir den Brief vom 10. Mai verwenden; 2) für die Darstellung der Natur kurz nach der Begegnung mit Lotte werden wir den Brief vom 16. Juni benutzen; 3) und für die letzte Phase, d.h. das Leiden wegen der unmöglichen Liebe, werden wir zu den Briefen vom 8. Dezember greifen. Für jede Etappe, werden wir einige verwendete anschauliche Bilder näher beobachten. Dafür werden wir bedeutsame Sätzen wählen, um die Analyse der verschiedenen Übersetzungen durchzuführen. Auf diese Weise werden wir besser verstehen inwiefern beeinflussen die Darstellungen von Autor und Übersetzer die Funktion der Natur in Bezug auf die Figur von Werther.

2. Übersetzungsanalyse der Entwicklung der Natur im Zusammenhang mit Werthers Gefühlen im Original und in den Übersetzungen

2.1. Vorstellung und Situierung des Originals und der Übersetzungen

Johann Wolfgang von Goethe ist einer der Vertreter der deutschen Literatur der Romantik und der Sturmund-Drang-Zeit. Der Schriftsteller, der am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren ist und am 22. März 1832 in Weimar gestorben ist, hat Die Leiden des jungen Werther 1774 in Leipzig veröffentlicht.[3] /[4] Dieser Briefroman, in dem das „Ich“ hervorragt und sich in die Natur einfühlt, beschreibt eine unglückliche hoffnungslose Leidenschaft.

Die Übersetzung von Henri Buriot Darsiles Les souffrances du jeune Werther wurde 1931 in Paris verlegt. Er ist 1875 geboren und 1944 gestorben. Er war Deutschlehrer, Schriftsteller, wissenschaftlicher Herausgeber und auch Übersetzer aus dem Deutschen und aus dem Italienischen. Er hat nämlich viele philosophische Werke übersetzt.[5]

Die zweite Übersetzung unseres Corpus Les souffrances du jeune Werther wurde von Bernard Groethuysen, Pierre Du Colombier und Blaise Briod 1954 in Paris erfasst. Die drei Übersetzer haben zusammen Übersetzungen von Goethe geschrieben, darunter Wilhelm Meisters Lehrjahre. Groethuysen ist 1880 geboren und 1946 gestorben. Er war Schriftsteller und Übersetzer aus dem Deutschen ins Französische.[6] Du Colombier, der 1899 geboren und 1975 gestorben ist, war Kunsthistoriker und Diplomlandwirt. Er hat viel über die Kunst und die Literatur geschrieben[7]. Briod ist 1896 geboren und 1981 gestorben. Der schweizerische Schriftsteller war auch Graveur und Übersetzer.[8]

Die dritte Übersetzung Les souffrances du jeune Werther wurde 1985 von Joseph-François Angelloz veröffentlicht. Der französische Schriftsteller, der sich viel für die deutsche Literatur und deren Kultur interessiert hat, war auch Übersetzer aus dem Deutschen ins Französische. Er hat nämlich Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig und Friedrich Nietzsche übersetzt.[9]

2.2. Die Natur als Spiegel Werthers Zustand: Die Bilder

2.2.1. Brief vom 10. Mai

Der Brief vom 10. Mai steht ganz am Anfang des Briefromans. Werther lebt in Wetzlar schon seit ein paar Tagen. In diesem Brief erklärt Werther seinem Freund, wie wohl und wie heiter er sich fühlt. Sein Wohlgehen und seine innere Ruhe werden von der Natur gespiegelt. In diesem Brief schreibt Werther nämlich: „Wenn das liebe Thal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsterniß meines Waldes ruht“ (Goethe 1774: 9). Einerseits beschreibt Werther das Tal, das ihm Liebe und Freundlichkeit zum Ausdruck[10] bringt, das mit ihm interagiert, wenn es um ihn dampft. Andererseits scheint der Wald luftdicht verschlossen und dunkel zu sein. Also ist in Werthers Beschreibung die Natur ruhig, von der Sonne beleuchtet, aber auch geheimnisvoll und dunkel. Die Übersetzer haben dieses Bild der ambivalenten Natur in den zwei folgenden Temporalsätzen so wiedergegeben:

ž „Lorsque l’aimable vallée autour de moi se couvre de vapeurs et que, déjà haut, le soleil trône sur les impénétrables ténèbres de ma chère forêt “ (Darsiles 1931: 3)

ž „Quand les vapeurs de la vallée s’élèvent devant moi, que le soleil lance d’aplomb ses feux sur l’impénétrable voûte de mon obscure forêt“ (Groethuysen, Du Colombier, Briod 1954 : 14)

ž „Quand les vapeurs de ma chère vallée s’élèvent autour de moi, quand les feux du soleil au zénith reposent sur les impénétrables ténèbres de ma forêt“ (Angelloz 1985: 49)

Bei einer semantischen Analyse sehen wir, dass es einige Veränderungen gibt. Im ersten Temporalsatz wurde Goethes „liebe[s] Thal“ von Darsiles „aimable vallée“ übersetzt, was nicht genau dasselbe ist: „aimable“ bedeutet, dass etwas liebenswürdig ist[11]. Dann wird das Verb „dampfen“ zu „se couvre autour de moi de vapeur“. Der Leser hat den Eindruck, dass das Tal den Dampf nimmt, um sich damit zu bedecken, wohingegen in Goethes Version der Dampf direkt aus dem Tal steigt. Zudem hat er aus Goethes Formulierung „um mich“„autour de moi“ gemacht, was bedeutet, dass Werther in der Mitte dieses Naturschauspiels steht. Groethuysen, Du Colombier und Briod haben es anders gemacht : Das attributive Adjektiv des „liebe[n]“ Tals weggelassen. Die Natur wird ziemlich auf neutrale Weise repräsentiert. Was auch interessant ist, ist, dass sie die Syntax und den Sinn verändert haben: Erstens ist das Tal nicht mehr das Subjekt, aber ein Genetivattribut des Subjektes „vapeur“, was die Beziehung zwischen dem Dampf und dem Tal verändert; zweitens verwenden sie das Prädikat „s’élèvent devant moi“. Mit diesem Verb gibt es eine Vertikalisierung der Natur, die fast eine religiöse Dimension wie eine Elevation bekommt. Darüber hinaus spricht Werther nachher vom „Allmächtigen“. Also ist es möglich zu behaupten, dass die Übersetzer das Verb „s’élever“ bewusst verwendet haben. Etwas noch Interessantes dabei ist, dass sie „devant moi“ verwendet haben, was den Eindruck gibt, dass Werther Zuschauer des Naturschauspiels ist und abseits steht. Im Fall Angelloz Übersetzung verwendet er „ma chère vallée“. Das Adjektiv „chère“ bedeutet, dass Werther Zuneigung für die Natur empfindet. Sie ist liebenswürdig. Aber wie Groethuysen, Du Colombier und Briod es gemacht haben, hat Angelloz die Syntax und den Sinn auch verändert: „les vapeurs de ma chère vallée s’élèvent autour de moi“. Es ist eine Mischung von Darsiles Übersetzung und der Übersetzung von Groethuysen, Du Colombier und Briod: es gibt eine Vertikalisierung der Natur, in der Werther eingeschlossen wird.

Im zweiten Temporalsatz sagt Werther, dass „die hohe Sonne [...] ruht“. Dies wird von Darsiles „déjà haut, le soleil trône “ übersetzt. Bei dieser Übersetzung gibt es zwei Hauptmerkmale: Das erste ist, dass Goethes Adjektiv „hohe“ zu einer Lokalund Temporalangabe „déjà haut“ wird; und das zweite Merkmal ist, dass das Verb „ruhen“ zu „trôner“ wird. „Thronen“ ist zwar ein statisches Verb wie „ruhen“, aber bedeutet auch implizit, dass Werther zufolge die Sonne den Ehrenplatz einnehmen würde.[12] Diese Sonne thront „sur les impénétrables ténèbres de ma chère forêt“. Trotz der Herrschaft der Sonne bleibt der Wald „undurchdringlich“ und dunkel. Darüber hinaus ist das Wort „ténèbres“ auf Französisch negativ konnotiert und etwas, das Angst macht[13]. Aber was interessant ist, ist die Formulierung „ma chère forêt“. Auf den ersten Blick erscheint der undurchdringliche dunkle Wald fürchterlich mit dem Wort „ténèbres", aber zugleich bezeichnet Werther ihn als seinen lieben Wald. Bei der Übersetzung von Groethuysen, Du Colombier und Briod wirft die Sonne die Feuer senkrecht hinab: „le soleil lance d’aplomb ses feux“. Das Gestirn wird auf aktive Weise repräsentiert und „ruht“ nicht mehr. Darüber hinaus fügen sie die Dimension des Tastsinnes hinzu, weil das Wort „feux“ auf Hitze und Einstrahlung schließen lässt. Übrigens haben sie das Adjektiv „hohe“ durch einen adverbialen Ausdruck „d’aplomb“ ersetzt, was bedeutet, dass die Sonne – unabhängig von der Höhe – senkrecht zum Horizont[14] steht. Es wird auch gesagt, dass die Sonne auf „l’impénétrable voûte de mon obscure forêt“ ihr Feuer wirft. In dieser Übersetzung ist der Wald als ein hermetischer Ort mit den Wörtern „impénétrable voûte“ und „obscure“ geschildert. Außerdem finden wir diese Idee der Senkrechten in Angelloz’ Übersetzung „soleil au zénith“ wieder. In dieser Formulierung gibt es auch temporale und lokale Dimensionen: Die Sonne steht am Höhepunkt ihrer Umlaufbahn und es bedeutet auch, dass es Mittag ist[15]. Bei der Übersetzung von Angelloz ist diese beschriebene Natur mitten im Tag. Im weiteren Sinn spiegelt sie wieder, dass Werther auch in der Mitte seines Leben steht. Es gibt eine bestimmte Arbeit der Übersetzer, um den Zusammenhang zwischen Werther und der Natur zu verstärken. Neben der Wahl der Wörter der Nominativergänzung hat er auch den Aspekt des Feuers und der Sonne entwickelt, aber im Gegenteil zur Übersetzung der anderen hat er das Verb „se reposer“ verwendet, so dass die Sonne wieder ruhiger scheint und die ruhige Natur repräsentiert: „les feux du soleil au zénith reposent“. Nachdem wir das Subjekt und das Verb beobachtet haben, müssen wir die andere Valenz des Verbs „reposer“ analysieren. „Der undurchdringlichen Finsterniß meines Waldes“ wird zu „les impénétrables ténèbres de ma forêt“. Wie bei Darsiles Übersetzung wird der Wald also nicht nur dunkel und hermetisch, sondern auch fürchterlich dargestellt.

Die semantische Analyse der die Natur repräsentierenden Bilder des Briefes vom 10. Mai zeigt, dass wir in Anwesenheit von vier verschieden dargestellten Naturbildern sind. In Darsiles Übersetzung ist die Natur ambivalent repräsentiert: Einerseits ist sie ruhig und selbstherrlich mit der „aimable vallée“ und der „soleil trône“, aber andererseits ist sie auch fürchterlich und geheimnisvoll mit der Darstellung des Waldes. Dem gegenüber wird die Natur von Groethuysen, Du Colombier und Briod als etwas Aktives und Heiliges dargestellt: Sie bewegt sich in Richtung auf den Himmel, wo die Sonne thront. Die von Angelloz repräsentierte Natur ist ziemlich ähnlich wie Darsiles Natur: Sie ist einerseits ruhig, aber diesmal dank der ruhenden Sonne, und andererseits bewegt sie sich nach oben mit dem Dampf.

2.2.2. Brief vom 16. Juni

Der Brief vom 16. Juni ist geschrieben worden, nachdem Werther Charlotte kennen gelernt hat. Er erklärt Wilhelm, warum er seit langem nicht geschrieben hat und schreibt über seine Begegnung mit Charlotte. Er probiert diese Begegnung ausführlich zu erzählen, damit sein Adressat verstehen kann, durch welche verschiedenen Etappen seine Seele durchgelaufen ist, wie sich diese Seele in der Natur gespiegelt hat. Werther schreibt übrigens: „Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquikkendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf“ (Goethe 1774: 28). Diese Natur war kurz vorher stürmisch. Werther hatte nämlich durch Lotte selbst erfahren, dass sie mit Albert verlobt ist, und er war völlig verwirrt. Dann hatte Lotte die von dem gewaltigen Gewitter erschreckten Leute mit einem Spiel entspannt. In diesem Zitat beruhigt sich die Natur und diese Wetterberuhigung wird bei den drei Übersetzungen so wiedergegeben:

- „Nous nous mîmes à la fenêtre. Il tonnait encore au loin, sur notre droite ; une pluie délicieuse tombait à petit bruit sur la campagne, et la plus vivifiante senteur montait jusqu’à nous, en larges bouffées d’air chaud.“ (Darsiles 1931: 26)

- „Nous nous approchâmes de la fenêtre. Le tonnerre se faisait encore entendre dans le lointain ; une pluie bienfaisante tombait avec un doux bruit sur la terre, et l’air tiède nous apportait par bouffées des parfums délicieux.“ (Groethuysen, Du Colombier, Briod 1954 : 42)

- „Nous nous mîmes à la fenêtre. Le tonnerre s’éloignait, une pluie merveilleuse tombait à petit bruit sur la campagne et la plus vivifiante senteur montait jusqu'à nous avec tous les flots d'un air chaud.“ (Angelloz 1985: 66)

Es ist interessant, dass die drei Übersetzer aus dem ersten Teil des Satzes „Wir traten an’s Fenster.“ einen unabhängigen Satz geschafft haben. Diese Teilung produziert einen Bruch zwischen der Anwesenheit der Menschen und der Handlung der Natur. Darüber hinaus wird die Bewegung von Innen nach Außen weggenommen und wird implizit. Dieser neue Satz wurde von Darsiles und Angelloz gleich übersetzt: „Nous nous mîmes à la fenêtre.“ Groethuysen, Du Colombier und Briod haben den Satz unterschiedlich übersetzt: „Nous nous approchâmes de la fenêtre“, was mehr die Idee von einer Annäherung zwischen der Menschen und der Natur gibt.

Der erste Satz „es donnerte abseitwärts“ wird von Darsiles „il tonnait encore au loin“ übersetzt. In dieser Formulierung ist der Schwerpunkt auf den Klang gelegt und die Entfernung des Donners „abseitwärts“ wird in „au loin“ übersetzt. Groethuysen, Du Colombier und Briod haben den Satz „Le tonnerre se faisait encore entendre dans le lointain“. Sie haben den Akzent auf den Donner gelegt, weil sie „es donnerte“ durch das Subjekt „le tonnerre“ und ein Prädikat ersetzt haben. Darüber hinaus gibt es fast keine Vorstellung des Prozesses der Entfernung zwischen Werther und dem Donner, weil sie „dans le lointain“ verwendet haben. Das zeigt keine Bewegung. Sie haben eher den Akzent auf den Klang des Donners d.h. die auditive Dimension mit „le tonnerre se faisait encore entendre“ gelegt. Angelloz hat auch „es donnerte“ durch das Subjekt „le tonnerre“ und ein Prädikat ersetzt: „Le tonnerre s’éloignait“. Dieser hat den Akzent auf das Donnern und dessen Entfernung gelegt, was die Natur als etwas Lebendiges in Bewegung abbildet.

Im zweiten Satz wird „der herrliche Regen“ von Darsiles durch „une pluie délicieuse“ übersetzt. Der Regen beschafft Werther ein reines Vergnügen[16], was das Wort „délicieuse“ signalisiert. Das Säuseln des Regens wird mit „tombait à petit bruit“ wiedergegeben. Es gibt also noch diese Idee der Natur in ruhiger Bewegung. Groethuysen, Du Colombier und Briod haben dagegen „une pluie bienfaisante“ verwendet. Das heißt, dass der Regen wohltuend ist, was nicht das gleiche als „délicieuse“ ist. Er hat das Säuseln des Regen in das Prädikat „tombait avec un doux bruit“ übersetzt. Das Adjektiv „doux“ bringt eine andere Dimension: der Regen ist nicht nur in Bewegung und still, sondern auch angenehm[17]. Angelloz hat noch etwas anderes gemacht: Er hat das Adjektiv „merveilleuse“ gebraucht. Der Regen ruft Verwunderung und Bewunderung hervor[18]. Das Säuseln des Regens wird wie bei Darsiles Übersetzung mit „tombait à petit bruit“ wiedergegeben. Die Natur wird noch einmal in Bewegung dargestellt.

Im dritten Satz wird „der erquikkendste Wohlgeruch“ von Darsiles und Angelloz in „la plus vivifiante senteur“ übersetzt. Der Superlativ „la plus vivifiante“ bedeutet, dass der Wohlgeruch Werther die höchste Vitalität gibt. Darüber hinaus macht der Wohlgeruch, als Subjekt des Satzes, die Natur aktiv mit „montait jusqu’à nous“. Der Sehsinn und das Geruchsorgan sind stimuliert. Bei der Übersetzung von Groethuysen, Du Colombier und Briod ist der Wohlgeruch nicht mehr das Subjekt, sondern das Akkusativobjekt. Ihre Übersetzung ist also syntaktisch anders organisiert als Darsiles Formulierung und trägt einen anderen Sinn: „l’air tiède nous apportait des parfums délicieux“. Mit dem Adjektiv „délicieux“ verliert der Wohlgeruch diese erquickende Dimension und bringt die Dimension des Vergnügens. Die Atmosphäre scheint temperiert zu sein. Die Luft kommt und bring Werther und Lotte diesen angenehmen Duft, was nicht das gleiche wie Darsiles „montait jusqu’à nous“ ist.

Mit Hilfe der Analyse merken wir zwei Sachen: Die erste Tatsache ist, dass die Natur sich seit dem Brief vom 10. Mai entwickelt hat und deshalb wird sie anders geschildert; die zweite Tatsache ist, dass es vier verschieden Entwicklungen der Natur gibt. Im Brief vom 10. Mai hatte die Natur bei Darsiles etwas Ambivalentes, das zwischen der Ruhe und dem Geheimnis schwankte. In diesem Brief hat er die Natur auf ambivalente Weise inszeniert, aber diesmal schwankt sie zwischen dem Gewittersturm und der Wetterberuhigung. Im Brief von 10. Mai hatten Groethuysen, Du Colombier und Briod die Natur als etwas Aktives und Heiliges abgebildet, das sich in Richtung auf den Himmel hinbewegte. In diesem Brief wird die Natur als etwas Mildes, ziemlich Ruhiges und Wohltuendes gesehen. Bei Angelloz können wir auch eine gewisse Entwicklung feststellen: Im Brief vom 10. Mai war seine Natur ruhig und in Bewegung. In diesem Brief ist die Natur immer noch in Bewegung, aber jetzt ruft sie auch Werthers Bewunderung hervor.[19]

2.2.3. Briefe vom 8. oder 12. Dezember

Der Brief vom 8. Dezember steht fast ganz am Ende des Briefromans. In diesem Brief erklärt Werther Wilhelm, dass er sich wirklich schlecht fühlt, dass er zutiefst verletzt ist, und dass er es nicht mehr ertragen kann. Angesichts dieses Leidens ist die Natur unruhig: „ die wühlenden Fluthen [...] wirbeln zu sehn, über Aekker und Wiesen und Hekken und alles [...] hinaus die Fluth in füchterlich herrlichen Wiederschein rollte und klang“ (Goethe 1774: 95). Werther beschreibt eine stürmische Natur, die in heller Aufregung ist, aber die immer noch „herrlich“ ist. Diese Unruhe der Natur wurde auf diese Weise ins Französische übersetzt:

· „voir […] les flots tourbillonner […] et ravager champs, prairies, haies et tout le reste […] le flot, avec des reflets d’une terrible beauté, s’en alla roulant, grondant “ (Darsiles 1931: 119)

[...]


[1] Joseph-François Angelloz, Goethe, Paris, Mercure de France , 1949, S.73.

[2] Joseph-François Angelloz, Ibid., S. 76.

[3] Goethezeitportal, „Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Kurzbiographie zu Goethe’’, http://www.goethezeitportal.de/?id=2421, letzter Zugriff am 04.12.2017.

[4] Larousse Encyclopédie, „Johann Wolfgang von Goethe“, http://www.larousse.fr/encyclopedie/litterature/Goethe/171823, letzter Zugriff am 04.12.2017.

[5] Identifiants et Référentiels pour l’enseignement supérieur et la recherche, „Buriot-Darsiles, Henri (1875-1944)“ https://www.idref.fr/029054788, letzter Zugriff am 04.12.2017.

[6] Identifiants et Référentiels pour l’enseignement supérieur et la recherche, „Groethuysen, Bernard (1880-1946)“ https://www.idref.fr/02690392X, letzter Zugriff am 04.12.2017.

[7] Identifiants et Référentiels pour l’enseignement supérieur et la recherche, „Pierre Du Colombier (1889-1975)“, http://data.bnf.fr/11900703/pierre_du_colombier/, letzter Zugriff am 04.12.2017.

[8] Identifiants et Référentiels pour l’enseignement supérieur et la recherche „Blaise Briod (1896-1981)“, http://data.bnf.fr/11894049/blaise_briod/, letzter Zugriff am 04.12.2017

[9] Identifiants et Référentiels pour l’enseignement supérieur et la recherche, „Joseph François Angelloz (1893-1978)“ http://data.bnf.fr/11888857/joseph_francois_angelloz/, letzter Zugriff am 05.12.2017.

[10] Duden Online Wörterbuch, „lieb“, https://www.duden.de/rechtschreibung/lieb, letzter Zugriff am 06.12.2017.

[11] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « aimable », http://www.cnrtl.fr/definition/aimable, letzter Zugriff am 06.12.2017

[12] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « trôner », http://www.cnrtl.fr/definition/trôner, letzter Zugriff am 06.12.2017

[13] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « ténèbres », http://www.cnrtl.fr/definition/ténèbres, letzter Zugriff am 06.12.2017

[14] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « aplomb », http://www.cnrtl.fr/definition/aplomb, letzter Zugriff am 06.12.2017

[15] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « zénith », http://www.cnrtl.fr/definition/zénith, letzter Zugriff am 06.12.2017

[16] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « délicieux », http://www.cnrtl.fr/definition/délicieux, letzter Zugriff am 06.12.2017

[17] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « doux », http://www.cnrtl.fr/definition/doux, letzter Zugriff am 06.12.2017

[18] Centre National de Ressource Textuelles et Lexicales, « merveilleux », http://www.cnrtl.fr/definition/merveilleux, letzter Zugriff am 06.12.2017

[19] Der Unterschied zwischen den Daten des Briefes ist wahrscheinlich wegen der zweiten Fassung des Romans (1775) ergeben worden. (gefundene Information in: Johann Wolfgang Goethe, Les souffrances du jeune Werther, trad. par H. Buriot Darsiles, Paris, Montaigne/Fernand Aubier, 1931, S.156).

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Details

Titel
Die Natur als Spiegel Werthers Zustand in "Die Leiden des Jungen Werthers" von Goethe im Original und drei Übersetzungen
Hochschule
Université de Lausanne
Note
validiert
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V417391
ISBN (eBook)
9783668695795
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werther, Übersetzungsanalyse, Die Leiden des Jungen Werthers, Goethe, Natur, Werthers Zustand
Arbeit zitieren
Elisabeth Germanier (Autor), 2018, Die Natur als Spiegel Werthers Zustand in "Die Leiden des Jungen Werthers" von Goethe im Original und drei Übersetzungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417391

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