Interkulturelle Weiterbildung von Ehrenamtlichen und pädagogischen Fachkräften für die Arbeit mit Flüchtlingen


Masterarbeit, 2016
93 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhalt

Hinweis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
1.2 Relevanz
1.3 Fragestellung und Einordnung in den pädagogischen Kontext
1.4 Zielsetzung und Methodik

2. Begriffsdefinitionen und Begriffsabgrenzungen
2.1 Kulturbegriff
2.1.1 Interkulturalität und Multikulturalität
2.1.2 Kulturalisierung und Ethnisierung
2.1.3 Personengruppen – Migranten, Ausländer, Flüchtlinge
2.1.4 Ausländerpädagogik und interkulturelle Pädagogik
2.1.5 Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Kompetenz
2.2 Theoretische Grundlagen
2.2.1 Lerntheorien
2.2.2 Didaktische Theorien und Konzepte
2.2.3 Didaktische Modelle

3. Theorien und Ansätze der interkulturellen Pädagogik
3.1 Bedeutung von Fort- und Weiterbildung in der interkulturellen Pädagogik
3.2 Theorien der interkulturellen Pädagogik
3.2.1 Assimilationstheorie
3.2.2 Multikulturalismustheorie
3.2.3 Akkulturationstheorie
3.2.4 Systematisierung interkultureller Pädagogik nach Gogolin/Krüger-Potratz
3.2.5 Systematisierung nach Zielsetzung - Auernheimer
3.2.6 Systematisierung interkultureller Erwachsenenbildung nach Heinemann/Robak
3.2.7 Systematisierung interkultureller Pädagogik – Franz Hamburger

4. Bestandsanalyse – Methoden und Ansätze interkultureller Trainings
4.1 Didaktische Trainingsformen
4.1.1 Kulturallgemein-didaktische Trainings
4.1.2 Kulturspezifisch-didaktische Trainings
4.1.3 Kulturunspezifisch-didaktische Trainings
4.2 Erfahrungsorientierte Trainingsformen
4.2.1 Kulturallgemein-erfahrungsorientierte Trainings
4.2.2 Kulturspezifisch-erfahrungsorientierte Trainings
4.3 Lernziele und Lernprozesse
4.4 Didaktische Prinzipien von interkulturellen Weiterbildungsmaßnahmen
4.5 Analysen der Relevanz und Wirksamkeit von interkulturellen Trainings
4.6 Interkulturelle Trainings für Lehrende in der Flüchtlingsarbeit

5. Konzept einer interkulturellen Weiterbildungsmaßnahme
5.1 Hypothesenformulierung
5.2 Lerninhalte und –ziele des Konzeptes
5.3 Zielgruppendefinition
5.4 Handlungsfelder
5. 5 Konzeptionierung: Didaktik und Methodik
5.5.1 Erwachsenen-pädagogische Lernkonzeption
5.5.2 Didaktische Theorien
5.5.3 Didaktische Modelle
5.5.4 Didaktisches Setting
5.5.5 Didaktische Prinzipien
5.6.6 Methodische Vorgehensweise
5.6 Implementierungen des Konzeptes
5.6.1 Trainingsaufbau und Trainingsphasen
5.6.2 Trainingsinhalte
5.6.3 Trainingsziele der einzelnen Trainingsphasen
5.6.4 Trainingsmethoden der einzelnen Trainingsphasen
5.6.5 Handlungsmöglichkeiten
5.6.6 Didaktische Leitsätze und methodische Aspekte
5.6.7 Interkulturelle Handlungs-, Fach-, Methoden-, Lern- und Sozialkompetenz als Schlüsselqualifikation
5.7 Reflexion

6. Fazit

7. Quellennachweis

8. Anhang

Hinweis

Im Verlauf der Masterarbeit findet aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung und der besseren Lesbarkeit lediglich die männliche Form Verwendung. Die Ausführungen beziehen sich gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Lerntheorien im Überblick

Abb. 2: Didaktische Theorien im Überblick

1. Einleitung

1.1 Einführung in das Thema

In Anbetracht der aktuellen Flüchtlingsbewegung und steigenden Zahlen von Asylbewerbern in Deutschland nimmt die Arbeit mit Flüchtlingen einen besonderen Stellenwert ein. Deutschland blickt auf über 50 Jahre Migrationsgeschichte und Migrationserfahrung zurück. Dennoch bringt die heutige Flüchtlingsbewegung andere Herausforderungen mit sich als die Arbeitsmigration vor über 50 Jahren. Hat Deutschland noch vor 50 Jahren nach Arbeitern aus dem Ausland gerufen, da es Arbeitskräfte braucht, so kommen ein Großteil der Menschen aus Beweggründen wie Krieg, Armut, Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit nach Deutschland. In Anbetracht vieler Krisen vor allem im Irak und Syrien sowie der Zwangsmigration von Menschen aus dem Balkan, sind viele Bundesländer mit ihren Kommunen an die finanziellen und humanitären Grenzen gestoßen. Mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen stieg auch das öffentliche Interesse an der Thematik. Die Verteilung der Flüchtlinge auf Kommunen, Errichten von Unterkünften, kulturelle Unterschiede und andersartige Verhaltensweisen oder die bloße Anwesenheit der Menschen sorgten für unterschiedliche Reaktionen. Die neuen Umstände wirkten sich unterschiedlich auf die Gesellschaft aus. Ablehnung und Ausschreitungen gegenüber der Flüchtlinge, aber auch ein riesen Zuspruch an humanitäres und ehrenamtliches Engagements brachte die neue Situation mit sich.

Gesellschaftlich betrachtet steht Deutschland vor der Aufgabe, einen Beitrag zu leisten, den geflüchteten Menschen in eine Willkommensgesellschaft zu etablieren. Gezielt bedeutet das, die neue Gesellschaft in der die Geflüchteten leben werden, aktiv mitzugestalten und eine Partizipation in sämtlichen Lebensbereichen zu ermöglichen.

1.2 Relevanz

Mehr als über eine Millionen Menschen haben alleine im Jahr 2015 Zuflucht in Deutschland gefunden.[1] Der unvorhersehbare Ansturm von Flüchtlingen in den Jahren 2015 und 2016 stellt nicht nur die Kommunen vor eine große Belastungsprobe, sondern die Menschen, die mit Flüchtlingen arbeiten. Die Anforderungen an Erwachsenenbildner die im interkulturellen, pädagogischen Feld tätig sind, steigen bedingt durch die Flüchtlingsmigration an. Nach dem Aufenthaltsgesetz ist ein Ausländer, der einen Aufenthaltstitel besitzt, zur Teilnahme an einem Integrationskurs verpflichtet und hat Anspruch an einem Kurs teilzunehmen, wenn er sich nicht in einer einfachen Art in der deutschen Sprache verständigen kann. Seit 2015 haben auch Flüchtlinge ohne Anerkennung des Asylantrages freiwillig die Möglichkeit, an Integrationskursen teilzunehmen. Die Zahlen der derzeit eingereisten Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016 verdeutlichen, dass Integrationskursleiter vorn einer Herausforderung der sprachlichen und kulturellen Integration von Flüchtlingen stehen. Durch den rapiden Anstieg der Flüchtlingszahlen und dem Zuwachs der Teilnehmer an Integrationskursen ergibt sich eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Die Integration von Flüchtlingen betrifft die Gesellschaft gleichermaßen wie die Personen, die täglich mit dieser neuen Klientel zu tun haben.

„Integrationskurse sollen verpflichtend werden, Deutsch zu lernen und sich zu integrieren sowie die Grundregeln unseres Zusammenlebens zu akzeptieren und sich Mühe zu geben, die Sprache zu lernen und einen Beruf zu finden.“[2], lautet die Aussage des Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Dadurch wird deutlich, dass sich Deutschland der Situation und den neu zugewanderten Menschen verpflichtend fühlt und die Aufnahmegesellschaft für Offenheit von Verschiedenheiten ermutigt, Toleranz zu entwickeln und die Bereitschaft, Teilhabe von Flüchtlingen zuzulassen. Auf der anderen Seite stehen die Flüchtlinge, die mithilfe der Integrationskurse lernen Werte der Aufnahmegesellschaft zu respektieren, die gemeinsame Sprache zu erlernen und auch bereit sind Verantwortung zu übernehmen. Ohne die eigene Muttersprache aufgeben zu müssen und ohne die eigene Kultur hergeben zu müssen, aber sich in der neuen Gesellschaft zugehörig zu fühlen, sind Ziele von Integrationskursen.

1.3 Fragestellung und Einordnung in den pädagogischen Kontext

Integrationskurse gab es zur Zeit der Arbeitsmigration vor über 50 Jahren nicht, da davon ausgegangen wurde, dass die Gastarbeiter zurückkehren in ihre Heimat. Viele blieben und holten ihre Familien nach. Migranten der ersten Generation arbeiteten bis zur Rente größtenteils in ihrem ersten Arbeitsverhältnis, das sie in Deutschland angenommen haben. Ohne feste Anstellung und mit hohen Arbeitslosenzahlen steht die zweite und dritte Generation der Gastarbeiter da.[3] Eine Integration in Form von Sprachkursen und Wertvermittlung wurde versäumt und Kinder aus bildungsfernen Schichten haben somit eine geringe Chance auf Karriere. Die damaligen Denkfehler sollen mit der heutigen Zuwanderung nach Deutschland nicht wiederholt werden. Deutschland ist Einwanderungsland und braucht Integrationskurse, um schnell zu integrieren und den Menschen, die sich für Deutschland als neues Heimatsland entschieden haben, eine Chance zu geben, um auch den Arbeitskräftemangel in Deutschland vorzubeugen.[4]

Angesichts der jetzigen Vorschriften und Auflagen für Flüchtlinge von Seiten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, bzw. der Bundesregierung, hinsichtlich zu absolvierende Integrations- und Deutschkurse, muss eine große Vielzahl von Flüchtlingen beschult werden. Unter Vorbehalt der stetig steigenden Zahlen der Flüchtlinge und den damit verbundenen wachsenden Anforderungen im Tätigkeitsbereich der Erwachsenenbildung der Ehrenamtliche und pädagogischen Fachkräften, soll der Frage nachgegangen werden: Welche Bedingungen müssen vorliegen, um eine konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit mit Flüchtlingen zu gewährleisten? Welche Faktoren begünstigen diesen Erfolg?

Qualifiziertes Personal bildet die Grundvoraussetzung, um einen erfolgreichen Integrationskurs zu leiten. Pädagogische Kompetenzen und interkulturelles Wissen zeichnen eine Lehrkraft aus. Der gesellschaftliche Wandel stellt die Erwachsenenbildner und Ehrenamtlichen, die in der Flüchtlingsarbeit tätig sind, vor neuen Herausforderungen, da die Aufgaben immer vielseitiger und differenzierter werden.

Bestehende interkulturelle Weiterbildungsmaßnahmen, die angewandt werden, müssen den Wunsch nach einer etablierten Willkommenskultur weiterhin erfüllen. Daher ist relevant zu erfragen, wie können Fort- und Weiterbildungen zu interkulturellen Thematiken dazu beitragen, dass pädagogische Fachkräfte und Ehrenamtliche ohne pädagogische Ausbildung, die aber bildende Aufgaben in der Weiterbildung übernehmen, ihre pädagogischen Kenntnisse ausbauen, um Flüchtlinge von Integrationskursen bestmöglich zu fördern? Dazu benötigt es ein Fundament an Kompetenzen und Voraussetzungen, um den Teilnehmern eines Integrationskurses eine bestmögliche Grundlage zu bieten, damit sie sich in der Aufnahmegesellschaft zurechtfinden.

Eine zentrale Aufgabe erwachsenenpädagogischer Wissenschaft ist Lerntheorien und die Nachhaltigkeit von Lehr-Lernprozessen. Eine ergänzende Qualifizierung der Mitarbeiter, bei der die Kompetenzentwicklung der methodischen und sozialen Eigenschaften im Vordergrund stehen, ist unumgänglich geworden. Rückblickend war das primäre Ziel von Weiterbildungsmaßnahmen die fachliche Anpassung an neuen Ansprüchen, um weiterhin professionell handeln zu können und nachhaltige Lernprozesse zu schaffen.[5] Daher soll außerdem der Frage nachgegangen werden, ob die bisherigen Lerntheorien und Modelle, die der aktuellen Forschung zur Grunde liegen, für den aktuellen Weiterbildungsbedarf von Fachkräften und Ehrenamtlichen ausreichen, um auf das neue Klientel fachlich und personell eingehen zu können. Letztendlich beeinflussen erwachsenen-pädagogische Lernkonzeptionen die erfolgreiche Arbeit in den Integrationskursen.

Die aufgestellte Hypothese lautet daher: Nicht alle Lerntheorien und -modelle der aktuellen Forschung passen zum aktuellen Bedarf. Fachkräfte und Ehrenamtliche benötigen ergänzende fachliche und personelle Kompetenzen als Grundlage ihres professionellen Handelns mit der neuen Klientel. Eine entsprechende erwachsenen-pädagogische Lernkonzeption ist ausschlaggebend für einen erfolgreichen Lern-Lehr-Prozess der Teilnehmer und hat Einfluss auf eine nachhaltige interkulturelle Kompetenzentwicklung der Fachkräfte und Ehrenamtlichen, die mit Flüchtlingen arbeiten.

Um die eingangs gestellte Kernfrage und Hypothese wissenschaftlich begründen zu können, ergeben sich weitere Unterfragen, die zum Forschungsergebnis beitragen. Daher sind folgende Fragen im Verlauf der Arbeit zu klären, um ein fundiertes Ergebnis zu erzielen. Welche Lerntheorien und Modelle können als Basis für den Lernprozess heran gezogen werden? Welche didaktischen Theorien und Modelle sind angemessen? Welche Methoden sind die passenden, um eine schnelle und nachhaltige Umsetzung zu gewährleisten? Welche erwachsenen-pädagogischen Lernkonzeptionen können sich daraus ergeben?

1.4 Zielsetzung und Methodik

Ziel der Masterthesis ist, die Gestaltung eines nachhaltigen und schnell umsetzbaren Konzeptes einer interkulturellen Fortbildungsmaßnahme für Fachkräfte und Ehrenamtliche, die Integrationskurse für Flüchtlinge leiten darzulegen. Die Gestaltung eines neuen Konzeptes hat das Ziel, die Steigerung der Professionalisierung der Lehrenden, die Rahmen eines Integrationskurses lehren. Begründet werden die Inhalte des Konzeptes anhand von didaktischen Modellen, Theorien und Lernkonzeptionen.

Um das Ergebnis zu erreichen, werden zunächst Begriffsabgrenzung und Begriffserläuterungen sowie theoretische Grundlagen genauer definiert, um ein Basisverständnis für den weiteren Verlauf der Arbeit zu erhalten. Darauf aufbauend erfolgt im dritten Kapitel das Aufzeigen verschiedener Theorien und Ansätze der interkulturellen Pädagogik, anhand der aktuellen Literatur. Im anschließenden vierten Kapitel geht es um die reine Bestandsanalyse, die sich auf die Methoden und Ansätze bestehender und aktueller interkultureller Trainingsformen bezieht. In diesem Abschnitt soll herausgefunden werden, was Methoden und Ansätze sind bereits vorhanden, was beinhaltet ein gutes Konzept und auf welche Theorien stützen sich die Konzepte. Um alle relevanten Thesen und Meinungen aufzuzeigen, ist das Heranziehen der aktuellen wissenschaftlichen Literatur unumgänglich. Im wissenschaftlichen Teil wird ein neues Konzept auf Basis bestimmter Rahmenbedingungen erarbeitet und vorgestellt. Als erstes werden Lerninhalte und -ziele sowie die Zielgruppe festgelegt. Die Konzeptionierung und Methodik wird anhand von didaktischen Theorien, Modelle, Setting und Prinzipien begründet, um die vorangestellten Hypothesen zu verifizieren. Im Anschluss erfolgt die Implementierung in die Praxis, indem die Weiterbildungsmaßnahme in einzelnen Abschnitten dargelegt wird. Das Konzept wird in einzelne Abschnitte, mit den jeweiligen Zielen und Methoden vorgestellt. Es folgen empfohlene Handlungsmöglichkeiten im Zusammenhang und in Bezug auf die einzelnen Abschnitte. Auf Basis des vorgestellten Konzeptes ergeben sich Kompetenzen der Teilnehmer, bzw. Fachkräfte und Ehrenamtlichen, auf die im letzten Abschnitt des wissenschaftlichen Teils eingegangen wird.

Nach einer kritischen Reflexion, warum bestimmte didaktische Methoden Anwendung finden und warum in welcher Reihenfolge (Sinn und Zweck) welche Trainingsabschnitte erfolgen, welche Grenzen ergeben sich (z. B. Lernsetting), erfolgt das abschließende Fazit.

2. Begriffsdefinitionen und Begriffsabgrenzungen

Um eine Grundbasis für das Verständnis von der Begrifflichkeit Kultur und alles, was im Kontext und im Zusammenhang der interkulturellen Weiterbildung steht, wir in diesem Kapitel eine Begriffsabgrenzung und -definition vorgenommen. Zudem werden die Personengruppen, die im Zusammenhang mit Migration und Flucht stehen sowie deren Abgrenzung genau definiert, um Missverständnisse und Fehlschlüsse zu vermeiden. Im Anschluss des Kapitels wird ergänzend das Verständnis der theoretischen Begriffe dieser Arbeit definiert. Darunter fallen die Begriffe Lerntheorien, didaktische Theorien und Modelle sowie die didaktischen Methoden.

Als Grundlage für die Einordnung kultureller Unterschiede und im Zusammenhang zwischenmenschlicher unterschiedlich kultureller Beziehungen, ist eine anwendungs- und handlungsbezogene Begriffserklärung notwendig.

2.1 Kulturbegriff

Das Wort Kultur (lat. cultura) stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Bearbeitung, Bebauung oder geistige Pflege. Im Ursprung ist darunter die Gesamtheit der intellektuellen und künstlerischen Anschaffungen innerhalb einer bestimmten Gesellschaft sowie dessen Lebensweise zu verstehen. Kultur beschreibt im weiten Sinne die besonderen Eigenschaften eines Volkes. Daher beziehen sich die Versuche der Begriffsdefintionen auf eine Gruppe Menschen. Zwangsläufig findet eine Abgrenzung zu anderen Gruppen und Identitäten statt.[6]

Einen Versuch einer Definition des Begriffes Kultur, die nachvollziehbar im Kontext der Masterarbeit ist, hat Greverus gewählt. Sie habilitierte an der Universität Gießen mit der Arbeit „Der territoriale Mensch“, einer Analyse der Phänomene Heimat und Identität. Für sie ist Kultur im weitesten Sinne das, was dem Individuum zum Fremden macht, wenn dieser sich von der Heimat entfernt. Es können viele Elemente sein, die dazu beitragen, dass man sich fremd fühlt. Abseits vom eigenen kulturellen Kontext trägt größtenteils die fremde Sprache einen Beitrag dazu bei, sich fremd zu fühlen. Alles, was wir einer Bedeutung zuschreiben, die wir innerhalb des eigenen Kontextes verstehen, befremdet uns und ist nicht mehr identisch mit der eigenen Kultur. Das Symbolsystem, welches sich immer bewährt hat und in dem sich das Individuum zu Recht gefunden hat, wird durch andere Symbole ersetzt, wie zum Beispiel Gesten, Kleidung, Sprache, Verhalten, etc. Dadurch wird Kultur manifestiert und von allen Mitgliedern dieser Kultur verstanden. Durch das vorhandene Symbolsystem wird Kultur verstanden und schafft Sicherheit und Orientierung für das Individuum. Der Prozess der Enkulturation geschieht bereits im Kindesalter. Wird ein Kind in eine bestimmte Kultur hinein geboren, so nimmt es diese als eigene an. Anhand von Kulturstandards wird sich das Kind, bis hin zum Erwachsenenalter, daran orientieren und das Handeln, Denken und die Wahrnehmung sowie Grenzen und Regeln anhand seiner Kultur ausrichten.[7]

Viele Autoren, wie auch Auernheimer, haben sich mit dem Begriff der Kultur auseinandergesetzt und sind sich zumindest darüber einig, dass Kultur als eine Art Orientierungssystem zu verstehen ist, indem jeder Mensch das Bedürfnis hat, sich in seiner Wirklichkeitswelt zurechtzufinden. Gehen wir davon aus, dass Kultur als ein Orientierungssystem verstanden wird, ist es gleichzeitig das Handlungsfeld das das Wahrnehmen, Handeln und Bewerten steuert. Eigenen Normen, Regeln, Formen werden dadurch geschaffen, um sich in Lebensbereiche anzupassen und diese zu bewältigen.[8]

2.1.1 Interkulturalität und Multikulturalität

Beide Begriffe bilden den Kernbegriff der interkulturellen Pädagogik. Beweggründe sind das Verstehen für Gleichheit unabhängig welcher Herkunft, Respekt und Toleranz gegenüber dem Anderssein sowie das Anerkennen von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Die Begriffsbedeutung macht verständlich, dass das Wort etwas mit Kultur zu tun hat. „Inter“ als separater Wortteil betrachtet, erläutert, dass etwas zwischen (lat. "inter“ bedeutet zwischen) den Kulturen abläuft. Wissenschaftler der Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Ethnologie beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit dem Begriff „Interkulturalität“, bei der Auseinandersetzung ist bis heute keine Definition abzuleiten. Dennoch ist sich die Wissenschaft einig, dass es ein Prozess zwischen zwei Kulturen abläuft. Demnach bedeutet dies, Menschen zweier Kulturen treten miteinander in Kontakt und begegnen sich.[9]

Innerhalb der wissenschaftlichen Literaturrecherche wird der Begriff Interkulturalität/interkulturell inflationär angewendet. Unzählige Bücher über Methoden, Modelle und Ansätze in den Bereichen interkulturelle Bildung, interkulturelle Erziehung, inter-kulturelle Kompetenzen, interkulturelles Lernen, usw. befinden sich in den Bücherre-galen, allerdings gibt es keine präzise Definition des einen Begriffes. Aber dennoch hat das Wort in den letzten Jahren Karriere gemacht. Im weitesten Sinne bedeutet das Wort das Verhältnis von Menschen und deren unterschiedlichen Lebensformen, die immer wieder einem Aushandlungsprozess unterworfen werden und darf somit nicht nur auf die Beziehung zwischen Deutschen und Zuwanderer reduziert werden. Es besteht vielmehr ein wechselwirkendes Verhältnis zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen.[10]

Verknüpft ist der Begriff „Interkulturalität/interkulturell“ mit einer Vielzahl an pädagogischen Methoden, Konzepten und Modellen (z. B. interkulturelle Kompetenz, interkulturelle Pädagogik, interkulturelles Lernen, etc.), daher ist darauf zu achten, dass der Begriff nicht mit „Mutlitkulturalität“ verwechselt wird. Denn der Begriff „multikulturell“ bezeichnet eine Gesellschaft, in der unterschiedliche Kulturen miteinander leben, während bei Interkulturalität eine Interaktion zwischen allen Kulturen erfolgt. Das Verstehen von und zwischen den Bewohnern einer multikulturellen Gesellschaft steht bei der Begrifflichkeit Interkulturalität im Focus.[11]

2.1.2 Kulturalisierung und Ethnisierung

Nicht nur die klare Differenzierung der oben erklärten Begriffe ist gestaltet sich schwierig, da im angloamerikanischen Sprachraum multicultural im deutschen Gebrauch als interkulturell angewandt wird. Somit sorgt zwangsläufig der Wortbestandteil Kultur für eine kritische Auseinandersetzung innerhalb der interkulturellen Wissenschaft.[12] Mit der Zuschreibung des Begriffes Kulturalisierung sind kulturbedingte Eigenschaften gemeint und kulturelle Erscheinungen, die nur im eigenen Kontext verstanden und bewertet werden können. Somit wird die Besonderheit jeder Kultur betont. Kulturalisierung als Vorgehen ist an eine wertfreie Herangehensweise an die fremde Kultur verbunden. Ein Werkzeug von Kulturalisierung ist Exotisierung und Essentialisierung. Unter Essentialisierung versteht man das Festlegen des anderen auf seine Andersartigkeit oder besser gesagt, auf seine Essenz, wobei die inneren Unterschiedlichkeiten ausgeglichen werden. Exotisisierung bezieht sich auf den sozialen Prozess, z. B. Verhaltensweisen, die das Verhältnis von fremd und eigen beeinflussen. So wird bei der Exotisierung die Aneignung der eigenen kulturellen Gleichmäßigkeit angefochten, da dem Fremden eine entscheidende Andersartigkeit zugesprochen wird.[13]

Ethnisierung stammt von altgriechischen Wort Ethnos ab und bedeutet fremdes Volk übersetzt. Der Begriff ist eng mit der Wortbedeutung des Begriffes Kulturalisierung verbunden. Im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Diskurs beschreibt das Wort den Prozess, bei dem Menschen aufgrund der Herkunft, der äußeren Erscheinung oder aber aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten einer homogenen sozialen Gruppe zugeschrieben werden. In diesem Zusammenhang sind Menschen mit Migrationshintergrund, bedingt durch ihre Einwanderungsbiografie eher betroffen. In Verbindung mit Kultur wird Ethnisierung nicht als Prozess der Identitätsbildung verstanden, sondern als ein Orientierungssystem sozialer Normen und Regeln. Im Kontext mit dem Prozess der Ethnisierung werden alle Konflikte die sozial basierend entstehen als kulturelle Unstimmigkeiten ausgelegt, um sie einer politischen Auseinandersetzung zu entziehen.[14]

2.1.3 Personengruppen – Migranten, Ausländer, Flüchtlinge

In der Masterarbeit wird es primär um die Personengruppe der Flüchtlinge gehen. Innerhalb dieser Personengruppe muss auch noch einmal eine differenzierte Erklärung erfolgen. Die Begriffserklärung, bzw. Definition der einzelnen Personengruppe bezieht sich auf die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland. Herangezogen werden das Ausländergesetz, das Grundgesetz sowie die Begriffserklärungen auf der Seite des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die sich auch auf die aktuelle Gesetzesgrundlage berufen. Eine allgemeingültige Lesbarkeit wird dadurch gewährleistet.[15]

Bekannt ist, dass viele Datenquellen die Angaben nur nach Staatsangehörigkeit unterscheiden. Gruppen wir beispielsweise Spätaussiedler, Eingebürgerte und Kinder von Zugewanderten, die dann die deutsche Staatsangehörigkeit haben, werden nicht erfasst. Daher erläutert, nachzulesen auf der Seite des BAMF’s, u. a. auch das Statistische Bundesamt den abgefragten Migrationshintergrund für den Mikrozensus 2011wie folgt:

Demnach haben jene Personen einen Migrationshintergrund:

1. Ausländer sind; oder
2. im Ausland geboren und nach dem 31.12.1955 nach Deutschland zugewan-
dert sind; oder
3. ein im Ausland geborenes und nach dem 31.12.1955 nach Deutschland zuge- wandertes Elternteil haben.“[16] (Statistisches Bundesamt: Zensus 2011)

Als Ausländer zählt jeder, der nicht Deutscher im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 des Grundgesetzes ist.

Als Flüchtling im Allgemeinen werden die Menschen bezeichnet, die aufgrund von Krieg, Verfolgung oder Katastrophen aus ihrer Heimat fliehen mussten. Daher kann diese Personengruppe Asylsuchend/-bewerber, anerkannte Asylberechtigte oder geduldete Ausländer sein.

Als anerkannte Flüchtlinge werden die Menschen in Deutschland bezeichnet, die unter die Bestimmungen der Genfer Flüchtlingskonvention fallen. Aus juristischem Blickwinkel ist der Flüchtlingsbegriff daher wesentlich abgegrenzter gefasst. Die Aner-kennung als Flüchtling aus einem anderen Land, erfolgt im Rahmen des Asylverfahrens. mittels Zuerkennung der Fluchtgründe und Flüchtlingseigenschaft. Nach der Anerken-nung haben die Menschen dieselben Rechte wie Asylberechtigte.

Asylbewerber fallen unter die Gruppe der Flüchtlinge, die bereits eine Antrag auf Asyl gestellt haben, aber diesen noch nicht von BAMF bewilligt bekommen haben.

Zu den Asylsuchenden zählen diejenigen, die keinen Asylantrag gestellt haben und zu den Asylberechtigten zählen diejenigen Flüchtlinge, die vom BAMF als politisch Verfolgte anerkannt werden.

Zudem gibt es die Gruppe der Kontingent- und Konventionsflüchtlinge sowie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, aber auch Geduldete und Staatenlose.[17]

Die Gruppe der Ehrenamtlichen bilden in vielen Bereichen des täglichen Lebens, etwa in Feldern des Sportes, der Kultur und Musik, Freizeit, Gesundheit, Soziales, Schule, Kindergarten, Bildungsarbeit, Umweltschutz, Naturschutz, Tierschutz, in der Politik, Kirche, Justiz, bei den Unfall- und Rettungsdiensten oder der wirtschaftlichen Selbsthilfe ihr bürgerliches Engagement an. Eine allgemeingültige und festgeschriebene Definition gibt es nicht. Dennoch kann das Ehrenamt als eine Tätigkeit definiert werden, die freiwillig, unentgeltlich und gemeinwohlorientiert erfolgt.[18]

2.1.4 Ausländerpädagogik und interkulturelle Pädagogik

Mit der Arbeitsmigration stieg die Zahl der Migranten in Deutschland. Durch den Familienzuzug und die Schulpflicht der Kinder, beeinflussten diese Faktoren die Bildungslandschaft. Integrationsmaßnahmen und die erfolgreiche Umsetzung von pädagogischen Maßnahmen in Bezug auf Ausländer fehlten ursprünglich ganz. Zahlreiche Initiativen gründeten sich, mit dem Ziel, den Bedarf an Eingliederung und Integration zu decken. Die fehlenden institutionellen und bildungspolitischen Voraussetzungen zur Integration (damals sprach man von Eingliederung) und der Mangel an fachgerechtem Lehrpersonal rückte die Thematik ins öffentliche Interesse. Die Bildungslandschaft reagierte auf Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und somit entwickelte sich die Ausländerpädagogik als Folge der Arbeitsmigration. Daraus folgte eine Umstellung für die Lehrenden in der pädagogischen Praxis und für die pädagogische Theoriebildung. Der fortschreitende Migrationsprozess ging mit veränderten Anforderungen in den Bildungsinstitutionen einher.[19]

Erziehungswissenschaftlich gesehen hielt das Interesse an den Lebensmuster der Ausländer und ihren Familien an und somit war die Geburtsstunde der Ausländerpädagogik Anfang der siebziger Jahre. Die neue Subdisziplin in der Pädagogik versuchte Antworten auf Fragen des soziokulturellen und sozioökonomischen Hintergrundes ausländischer Jugendlicher zu bekommen. Beleuchtet wurden auch die familiären Werte- und Normenauffassungen sowie die Identitätsbildung- und –entwicklung von Migranten die nun zwischen zwei Kulturkreisen leben.[20] Ziel der Ausländerpädagogik war es, Menschen aus anderen Ländern erst einmal vorrangig in Kultur, Sprache und in die Gesellschaft einzuführen, um die Partizipation an verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens voranzutreiben. Die interkulturelle Pädagogik spricht im Gegensatz zu dem kompensatorischen Ansatz der Ausländerpädagogik alle Menschen gleichermaßen an, Deutsche inbegriffen. Die interkulturelle Pädagogik kann als Bereicherung der multikulturellen Gesellschaft, aber auch des eigenen Lebens angesehen werden. Sie versucht pädagogische Antworten auf den Globalisierungsprozess, die Zuwanderung und den Wandel in eine multikulturell gewordene Gesellschaft zu geben.[21] Der Grundgedanke war es die sozialisationsbedingte Mängel und die Sprachbarrieren abzubauen und Kinder, Jugendliche und deren Eltern in die Aufnahmegesellschaft zu integrieren, denn das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen löst bei allen Beteiligten einen Lernprozess aus. Durch Diversitäten und Übereinstimmungen können die eigenen Positionen überdacht und differenziert betrachtet werden. Voraussetzung um diesen Lernprozess entstehen zu lassen ist das alle Seiten diesen Lernprozess durchlaufen und gleichberechtigt sind.[22] Da die interkulturelle Pädagogik von einem erweiterten Kulturbegriff ausgeht, versucht diese Form der Pädagogik ein Zusammenspiel von Muttersprache- und Zeitsprachunterricht zu koordinieren.[23]

2.1.5 Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Kompetenz

Um interkulturelle Kompetenzen zu erwerben, setzt den Willen nach interkulturellem Lernen voraus. Die Wissensvermittlung über andere Milieus und die damit verbundenen Umgangsformen gehören zum interkulturellen Lernen.[24] Dadurch bedingt ist das Ziel interkulturelle Kompetenzen zu erlernen. Teilziele des Erlernens und Aneignen von Kompetenzen ist die Sensibilisierung für die fremde Kultur, den Willen, seine persönliche Perspektive zu ändern, kultursensibles Einfühlen in verschiedenen Themenfelder der anderen Kultur, aber auch die Kompetenz zu entwickeln Verständnis der eigenen Kulturverhaftung und Enkulturation aufzubringen. Hinzukommen Teilziele wie die kritische Auseinandersetzung mit Stereotypen und das Überwindung von Ethnozentrismus[25]

Der Ablauf des interkulturellen Lernens ist im Grunde ein pädagogischer Grundprozess, der innerhalb und außerhalb von Bildungsinstituten entstehen kann, aber im Gegensatz zum monokulturellen Lernen steht das Erlernen eines fremden Milieus im Vordergrund. Begriffen wird Lernen in Form von sozialer Interaktion und somit als wechselseitiger Prozess vollzogen wird. Als methodische Lernform dienen interkulturelle Trainings, die das Ziel haben, die sozialen Interaktionen der Teilnehmer mit Zugehörigen aus anderen Kulturen zu verbessern.[26]

Beschäftigt man sich intensiv mit dem Thema interkultureller Kompetenzen/Trainings fällt es auf, dass eine Vielzahl an Kompetenzen, aber auch Definitionen aufgeschlüsselt werden. Somit verwundert es nicht, dass diverse Autoren immer wieder auf das schwierige und unbefriedigende Verständnis von interkulturellen Kompetenzen innerhalb der wissenschaftlichen Forschung hinweisen. Eine Mehrheit von US-Experten haben sich auf eine Definition von Darla Deardorff geeinigt. Dabei handelt es sich um eine weit gefasste und mit anwendungsbezogenen Ansatz definierte Auslegung des Begriffes „Interkulturelle Kompetenz“, die wie folgt lautet:

„Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, in interkulturellen Situationen effektiv und angemessen zu agieren; sie wird durch bestimmte Einstellungen, emotionale Aspekte,(inter-)kulturelles Wissen, spezielle Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie allgemeine Reflexionskompetenz befördert.“[27]

Eine gesetzliche Definition hat das Land Berlin im Rahmen des Partizipations- und Integrationsgesetzes 2010 beschlossen. Auf den Ausdruck von Kulturen als „fremd“ oder „anderes“ wird in dieser Definition verzichtet und ein Spielraum für Interpretationen bietet sich an. Paragraph 4, Absatz 3 des Gesetzes legt fest:

"Interkulturelle Kompetenz ist eine auf Kenntnissen über kulturell geprägte Regeln, Normen, Werterhaltungen und Symbole beruhende Form der fachlichen und sozialen Kompetenz. Der Erwerb von und die Weiterbildung in interkultureller Kompetenz sind für alle Beschäftigten durch Fortbildungsangebote und Qualifizierungsmaßnahmen sicherzustellen. Die interkulturelle Kompetenz soll bei der Beurteilung der Eignung, Befähigung und fachlichen Leistung im Rahmen von Einstellungen und Aufstiegen der Beschäftigten im öffentlichen Dienst grundsätzlich berücksichtigt werden."[28]

Das Anwenden von geeigneten Lerntheorien, um erfolgreiche Lernprozesse zu fördern, ist die Grundvoraussetzung, um sich interkulturelle Handlungskompetenzen anzueignen. Um diese theoretischen Grundlagen geht es im nachfolgenden Abschnitt.

2.2 Theoretische Grundlagen

Die Steuerung von Lernprozessen obliegt theoretischen Grundlagen, die im Kontext von Bildung und Weiterbildung eine bedeutsame Rolle einnehmen. Lerntheorien, didaktische Modelle und Methoden sowie das methodische Vorgehen bilden die Grundlage für Lehr-Lernprozesse.

Welche Theorien und didaktisches Modelle die Weiterbildung von Fachkräften und Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit (Integrationskurse) am besten dient, hängt von der jeweiligen Fragestellung ab. Lernpsychologen haben Modelle und Theorien entwickelt, mit deren Hilfe man den vielschichtigen Vorgang des Lernens beschreiben kann und die in der Praxis Anwendung finden.[29]

2.2.1 Lerntheorien

Lerntheorien beschäftigen und prüfen menschliches Verhalten und Denken, das nicht im Zusammenhang mit angeborenen Reflexen steht. Aber auch unabhängig vom Lehren ist, denn lernen kann man ohne Lehren. Die Entwicklung von lerntheoretischen Ansätzen und Theorien des menschlichen Lernens und der Entwicklung des Lernprozesses reichen bis in die 1920er Jahre zurück. Die Anfänge des Kognitivismuses[30] beschäftigten sich bereits mit der Weiterverarbeitung von Informationen und der kognitiven Fähigkeit des Empfängers. Der innere Prozess des Menschen, somit das Vorgehen und der Ablauf des Prozesses, wie der Lernende Informationen aufnimmt und verarbeitet stehen im Mittelpunkt der Theorien. Demzufolge könnte man annehmen, wer weiß wie Lernen funktioniert, weiß ich auch, wie man am besten lehrt. Lerntheorien sollen darüber Auskunft geben, nach welchen Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien Lernen funktioniert. Daher ist es notwendig zu wissen, welche Lerntheorie für welchen Lerneffekt von Nutzen ist. In Psychologie und Pädagogik sind bis heute verschiedene lerntheoretische Ansätze vertreten, die in favorisierten Kategorien unterteilt sind.[31] Lehrhandeln kann somit an Lehrtheorien ausgerichtet werden, da der Fokus auf den Lernenden und seinem Lernprozess liegt.[32] Lernen kann ich drei Lerntheorien unterteilt werden: Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus.[33] Unterhalb dieser Theorien finden sich verschiedene Teiltheorien, die als didaktische Modelle angewandt werden. Im Behaviorismus gilt Lernen als Sonderform des Verhaltens und wird als eine Art Training gesehen. Die Kommunikationsform ist zwischen Lehrenden und Teilnehmer unidirektional, somit nur sehr einseitig. Lernen als Vorgang der Informationsverarbeitung findet im Kognitivismus statt, mit dem Ziel der Problemlösung. Die Kommunikation sollte bidirektional, also von beiden Seiten aus erfolgen, die Rollenverteilung aber sollte in diesem lerntheoretischen Hintergrund nicht gleichberechtigt sein. Von einem nahezu Selbstlernprozess (autopoietischer Vorgang) geht die konstruktivistische Sichtweise aus. Lernaktivitäten können durch den Lehrenden angestoßen werden. Die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden ist bidirektional und ausgeglichen.[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Lerntheorien im Überblick

Deutlich zu erkennen ist, dass Lerntheorien nicht scharf voneinander getrennt werden können, da sie zum Teil aufeinander aufbauen, sich ergänzen oder sich ausschließen, unter Anbetracht einiger Aspekte. Dadurch bedingt müssen sie allgemein ergänzend betrachtet werden.[35] Deutlich wird, dass keine Lerntheorie eine Beschreibung für alle Lernformen bietet. Als Lernparadigmen ist jede Lerntheorie begrenzt und steht in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Lernen. Daher ist es umso wichtiger dessen Einfluss zu kennen[36]

2.2.2 Didaktische Theorien und Konzepte

Was verstehen wir unter didaktischen Theorien und Konzepte?

Im weitesten Sinne kann von der Wissenschaft der Lehre und des Lernens gesprochen werden.[37] Im Gegensatz zu Lerntheorien, die einem ständigen Prozess der Reorganisation und Bereicherung kognitiver Handlungs- und Orientierungssystem mit sich bringen, beschäftigt sich die Didaktik mit der Frage, WAS ist zu lernen und WIE ist zu lernen?

Beide Begriffe müssen im Zusammenhang gesehen, aber in Abgrenzung von Lerntheorien, definiert werden. Die didaktischen Theorien werden auch als Modelle[38] bezeichnet. Hinter dem Begriff didaktische Konzepte verbergen sich entsprechende Konzepte, die schulische und nichtschulische Handlungsempfehlungen geben. Daher sind didaktische Modelle theoriebasiert und die didaktischen Konzepte erfahrungsbasiert. Mit Hilfe der Theorien und Konzepte können komplizierte Zusammenhänge vereinfacht und zudem verallgemeinert werden. Für Lehrende bedeutet die Anwendung von didaktischen Modellen eine Orientierung bei der Unterrichtsplanung und Durchführung.[39]

Im Zusammenhang mit der Fragestellung dieser Masterthesis, soll ein Konzept entwickelt werden, das neue didaktische Möglichkeiten aufgreift, die theoretischen Hintergründe des interkulturellen Erlernens erfasst und die Verknüpfung zur Praxisanwendung herstellt, mit einer Methode, die in den gegenwärtigen Integrationskursen nicht angewendet wird. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge empfiehlt als Methoden, selbständiges Arbeiten und die Anwendung kommunikativer Übungen.[40]

2.2.3 Didaktische Modelle

Nach Jank/Meyer, die sich auf Blankertz beziehen, bezeichnet ein allgemeindidaktisches Modell ein „auf Vollständigkeit zielendes Theoriegebäude zur Analyse und Planung didaktischen Handelns in schulischen und anderen Lehr- und Lernsituationen“.[41]

Die u. a. Gegenüberstellung gibt einen Überblick didaktischer Modelle:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Didaktische Theorien im Überblick

3. Theorien und Ansätze der interkulturellen Pädagogik

3.1 Bedeutung von Fort- und Weiterbildung in der interkulturellen Pädagogik

Den vielen Herausforderungen, die bedingt sind durch zurückliegende Fluchtbewegungen, stellen die Weiterbildungseinrichtungen und das pädagogische sowie ehrenamtliche Personal vor neuen Anforderungen. Ohne berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung, die kompetenzorientiert gestaltet werden müssen, ist ein persönliches Fortkommen nicht oder nur schwer möglich. Die Einrichtungsträger die Angebote für Flüchtlinge anbieten und ihre pädagogisch tätigen Mitarbeiter und Ehrenamtlichen sind der stetigen Weiterbildung unterworfen, um die Qualität der Angebote zu sichern. Für die Mitarbeiter bedeutet dies die Bereitschaft zur Fortbildung und für die Weiterbildungseinrichtung bedeutet es, geeignete und zielgerichtete (berufsbegleitende) Weiterbildungsmaßnahmen für die Mitarbeiter anzubieten oder dafür zu sorgen, dass die Maßnahme bedarfsgerecht ermöglicht wird.[42]

International ist man sich einig das interkulturelle Kompetenzen und Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen von Mitarbeitern notwendig sind, um global agieren zu können. In Bereichen der Sozialarbeit und interkultureller Pädagogik treffen immer mehr Deutsche und Zugewanderte aufeinander, sodass interkulturelle Fort- und Weiterbildungen als ein fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit angesehen werden muss. Die Begegnungen im beruflichen und privaten Alltag sind nicht immer spannungsfrei und stellen pädagogische Fachkräfte als auch Ehrenamtliche vor besondere Aufgaben. In der heutigen Wissensgesellschaft und bezogen auf die Arbeit mit Flüchtlingen in Integrationskursen, ist es nicht möglich ohne entsprechende Kompetenzen und einem fundierten Umgang mit dieser Zielgruppe, professionell und erfolgreich zu arbeiten.[43]

Den Umgang mit der Andersartigkeit müssen auch Fachkräfte erlernen und darüber hinaus in der Lage sein, ihre Haltung, Normen und Werte zu reflektieren sowie selbstkritisch mit dem eigenen Handeln umzugehen. Die eigene kulturelle Art sollte der Fachkraft und Ehrenamtlichen bewusst sein, um so wiederum die Erwartungen der Teilnehmer mit den eigenen Werte- und Normenvermittlung abzugleichen, zu erweitern oder zu relativieren.[44] So vielseitig wie die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, so heterogen sind die Inhalte der interkulturellen Pädagogik und ihre Theorien.

3.2 Theorien der interkulturellen Pädagogik

Die Inhalte der interkulturellen Pädagogik lassen sich in wissenschafts-, gesellschafts- und kulturtheoretische, bzw. soziologische Ansätze und Theorien einordnen. Die unterschiedlichen theoretischen Ansätze beeinflussen die praktisch-pädagogische und auch die forschend-erziehungswissenschaftliche Wirkung. Dadurch wird deutlich, dass es keine konsensfähige Theorie unter pädagogischen Fachkräften. In der Praxis von pädagogischen Fachkräften sollten die Handlungsprobleme aus den verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können.[45]

3.2.1 Assimilationstheorie

Im Lateinischen genannt assimilare bedeutet nachbilden, nachahmen.[46]

[...]


[1] Vgl. Flucht und Migration als Herausforderung für Europa (Ein Bericht der Konrad-Adenauer-Stiftung) http://www.kas.de/wf/doc/kas_44292-544-1-30.pdf?160223171202

[2] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-03/integrationsgesetz-thomas-de-maiziere-fluechtlinge-vorschriften

[3] Vgl. BAMF: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Themendossiers/NTFI-2015/ntfi-2015-%C3%B6zoguz-redemanuskript.pdf?__blob=publicationFile

[4] Vgl. EMN-Synthesebericht: Bestimmung von Fachkräfteengpässen und von Zuwanderungsbedarfen von Drittstaatsangehörigen in der EU (Studie BAMF)

[5] Vgl. Arnold, Rolf: Betriebspädagogik (1997), S. 15 f.

[6] Vgl. Leenen/Groß/Grosch (2002): Kulturelle Diversität in der öffentlichen Verwaltung, S. 84

[7] Vgl. Greverus (1978): Kultur und Alltagswelt, S. 45

[8] Vgl. Auernheimer in Gemende (1999): Pädagogik in der globalisierten Moderne, S. 28

[9] Vgl. Kopper/Kiechl/Kopper (1997): Globalisierung. Von der Theorie zur Praxis, S. 97

[10] Vgl. Schröer (2009): Interkulturelle Öffnung und Diversity Management, Kapitel 4

[11] Vgl. ebd.

[12] vgl. Gogolin/Krüger-Potratz (2010): Einführung in die Interkulturelle Pädagogik, S. 112 f.

[13] ebd. S. 113

[14] Vgl. Salzborn (2005): Ethnisierung der Politik. Theorie und Geschichte des Volksgruppenrechts in Europa, S. 156

[15] Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Begriffe im Kontext Migration und Flucht

[16] Statistisches Bundesamt: Fachserie 1, Reihe 2.2 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Bevölkerung mit Migrationshintergrund, Wiesbaden 2013, S. 26

[17] Im Rahmen der Masterarbeit beinhaltet aus Vereinfachung des Sprachgebrauches und des Verständnisses die Personengruppe Flüchtlinge ebenso Asylsuchende, -bewerber und –berechtigte sowie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

[18] Vgl. Ehrenamt Detschland Org

[19] Vgl. Hohmann (1982): Nationale und Internationale Erfahrungen, S. 185

[20] Vgl. ebd., S. 188 f.

[21] Vgl. Nieke (20/1991): Interkulturelle Erziehung für eine multikulturelle Gesellschaft, S. 4

[22] Vgl. Pommerin (3/1984): Migrantenliteratur und ihre Bedeutung für die interkulturelle Erziehung, S. 41f.

[23] Vgl. ebd.,S. 43

[24] Vgl. Nohl (2006): Konzepte interkultureller Pädagogik, S. 169

[25] Vgl. ebd., S. 174 f.

[26] Vgl. ebd., S. 176

[27] Deardorff: (2006): The identification and assessment of intercultural competence as a student oucome of internationalization at institutions of higher education in the United States. Journal of Studies in International Education, S. 241

[28] Auszug aus dem Partizipations- und Integrationsgesetz des Landes Berlin

[29] Vgl. Mietzel (2007): Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens, S. 138

[30] Anmerkung des Autors: Konstruktivismus wird hier nur im Kontext von Lerntheorien und didaktischen Prinzipien behandelt. Konstruktivismus als Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie bleibt unberührt.

[31] Vgl. Gluck/Mercado/Myers (2010): Lernen und Gedächtnis – Vom Gehirn zum Verhalten; S. 37

[32] Vgl. Kron (2008): Grundwissen Didaktik, S., 55 f.

[33] Vgl. Baumgartner/Häfele/Maier-Häfele (2002): Content Management Systeme in e-education, S. 278 f.

[34] Vgl. ebd., S. 280

[35] Vgl. Arnold, P. (2004): Einsatz digitaler Medien in der Hochschullehre aus lerntheoretischer Sicht; S. 3 f.

[36] Vgl. Reinmann (2013): Didaktisches Handeln, S. 3

[37] Vgl.: Kron (2008): Grundwissen Didaktik, S. 23

[38] Anmerkung des Autors: Didaktische Theorie ist gleichbleibend mit didaktischen Modellen

[39] Vgl. Jank/Meyer (1994): Auszug aus „Didaktische Modelle“. Handlungsorientierter Unterricht, Grundbegriffe und Merkmale., S. 353

[40] Vgl.: BAMF, Konzept für einen bundesweiten Integrationskurs, S. 17

[41] Jank/Meyer (2002): Praxisbuch Meyer: Didaktische Modelle: Buch mit didaktischer Landkarte, S. 17

[42] Vgl.: Auernheimer(2002): Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität, S. 48

[43] Vgl.: Apitzsch 1997): Migration und Erwachsenenbildung, S. 60 f.

[44] Vgl.: ebd., S. 64

[45] Vgl.: Nohl (2014): Konzepte interkultureller Pädagogik, S. 9

[46] Vgl.: Aumüller (2009): S. 27

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Weiterbildung von Ehrenamtlichen und pädagogischen Fachkräften für die Arbeit mit Flüchtlingen
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
3
Autor
Jahr
2016
Seiten
93
Katalognummer
V417395
ISBN (eBook)
9783668668997
ISBN (Buch)
9783668669000
Dateigröße
1307 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Erwachsenenbildung, Flüchtlinge, Integration, Ehrenamtlich, pädagogische Fachkräfte
Arbeit zitieren
Wiebke Knobloch (Autor), 2016, Interkulturelle Weiterbildung von Ehrenamtlichen und pädagogischen Fachkräften für die Arbeit mit Flüchtlingen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417395

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