Beziehungen und die Bedeutung des räumlichen Aufbaus in der Novelle "Waldwinkel" von Theodor Storm


Hausarbeit, 2015

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Autor Theodor Storm

3. Der „Waldwinkel“

4. Interpretationsansatze
4.1 Die Beziehung zur Natur
4.2 Die Beziehung zwischen Richard und Franziska
4.3 Die Beziehung zwischen Mensch und Tier
4.4 Das Gesellschaftsbild und der raumliche Aufbau der Novelle

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Eiiileitimg

Im Rahmen meiner Seminararbeit entschied ich mich fur den Bereich der Prosa und bearbeite das Werk Waldwinkel von Theodor Storm.

Auffallig waren beim Lesen die wichtige Rolle der Natur, das ausgepragte Verhaltnis zwischen Mensch und Tier und die im Mittelpunkt stehende Beziehung zwischen Richard und Franziska Fedders. Ebenfalls sollen das in der Novelle behandelte Gesellschaftsbild sowie der mit den Grundproblemen verknupfte raumliche Aufbau der Novelle Bestandteil dieser Hausarbeit sein.

2. Der Autor Theodor Storm

Theodor Storm wurde am 14. September 1817 in Husum geboren. Bereits im Jugendalter beginnt er das Schreiben von Gedichten. Schon bald wird zum ersten Mai ein Gedicht von Storm in einer Zeitschrift veroffentlicht. Mit 20 Jahren beginnt er ein Jura-Studium in Kiel, um in die FuBstapfen seines Vaters treten zu konnen. Nach der ersten gescheiterten Verlobung veroffentlicht Storm kleinere Werke in verschiedenen Zeitschriften.

Wahrend seiner ersten Ehe mit Constanze Esmarch fuhrt er eine Liebesbeziehung zu Dorothea Jensen und veroffentlicht nach der Geburt seines zweiten Sohnes Sommer- Geschichten und Lieder, in dem auch die Novelle Immensee erschien, die zu Storms Lebzeiten seine erfolgreichste Novelle war. Nach zahlreichen Veroffentlichungen erschien 1874 die Novelle Waldwinkel. Auch danach erschienen noch zahlreiche Werke Storms, ehe er 1888 seine bekannteste Novelle Der Schimmelreiter veroffentlichte. Storm starb am 04. Juli 1888 im holsteinischen Hademarschen.1

3. Der „Waldwinkel“

„Waldwinkel“ wird das kleine Haus am Rande des Waldes genannt, das femab der Zivilisation steht. Es wurde vom Vater des aktuellen Herren errichtet, „da ihm sein Schloss zu groB wurde“2. Er errichtete das Haus am Rand des Waldes und umgab es mit einer Mauer, um dort in aller Ruhe seinen Lebensabend zu verbringen. Im Volksmund wird das Hauschen abwertend „Narrenkasten“ genannt3.

Auf der Durchreise besucht der Botaniker Richard einen alten Freund, den Burgermeister Fritz. Dieser bittet Richard um einen Gefallen, sodass Richard sich bald im Gerichtssaal als Schreiberling wiederfindet. Dort lernt er die junge, elternlose Franziska Fedders kennen. Ihr bisheriger Vormund wird eines Verbrechens beschuldigt, sodass das Madchen einen neuen Vormund erhalt.Nach der Verhandlung sucht Richard den Vormund auf und sorgt dafur, dass Franziska mit ihm und der alten Frau Lewerenz in das Haus am Wald zieht.

Richard verliebt sich unsterblich in das Madchen, erst als ihr Vormund in dem Haus erscheint und Forderungen stellt, die Richard durch einen Kredit besanftigen kann, schenkt sie ihm Zuneigung, indem sie ihn kusst. Richard ist glucklich mit der darauffolgenden Beziehung zwischen den beiden und deckt das Madchen mit Kleidem und finanziellen Mitteln. Der Besuch des jungen Forsters am Waldwinkel, der das junge Madchen zu einem geplanten Tanz einladen wollte, macht Richard sehr wutend. In seiner Eifersucht schickte er den Jungen weg, was von Franziska als Enttauschung aufgefasst, jedoch akzeptiert wird. Wahrend einer Krankheit, die Richard in seiner Bewegung einschrankt, hilft das Madchen ihm bei der BeschafFung von Pflanzen und der Schreibarbeit fur seine wissenschaftliche Veroffentlichung. Dabei erfahrt Franziska in einem Brief von den Hochzeitsplanen Richards , was sie sehr beunruhigt. Wahrend die Hochzeitsvorbereitungen laufen, flieht Franziska in der Nacht mit dem jungen Forster.

4. Interpretationsansatze

Die Handlung wird von einem allwissenden Erzahler heterodiegetisch dargestellt. Der Erzahler folgt dabeijedoch nicht durchgangig den Protagonisten Richard und Franziska. So erhalt der Leser Einblick in Szenen, in denen keiner der Protagonisten personlich auftritt, die aber nicht unwesentlich fur die Erzahlung sind. Man erfahrt beispielsweise bereits im Dorfkrug von dem neuen Forster und den Planen Richards, in den „Narrenkasten“ zu ziehen, obwohl Richard nicht im Dorfkrug auftritt4.

Als der Inspektor loszieht, um die Schlussel zu dem Hauschen im Wald zu ubergeben, trifft er auf die junge Franziska Fedders, die ebenfalls auf dem Weg zum „Waldwinkel“ ist und fortan zum zentralen Blickpunkt der Erzahlung wird, wahrend der Inspektor die Szene kurze Zeit spater verlasst.

Dann liegt das Augenmerk der Erzahlung auf Franziska Fedders und Richard, dessen Nachnamen man nie erfahrt. Zusammenhangen konnte das mit dem Verlust seines Taufscheines, den er zunachst aus unklaren Grunden sucht5.

Immer wieder werden die Angste Richards Gegenstand der Erzahlung. So ratselt er uber das Bild, das Teil der Tapete zu sein scheint und sieht in einer Art Vorahnung die Flucht zweier junger Menschen, wobei er sich selbst als den alten zuruckbleibenden Mann in dem Bild sieht6. Nach Franziskas Flucht mit dem Forster schaut er sich das Bild erneut an und bildet sich ein, dass der alte Mann auf dem Bild seinen Kopf gedreht hat und er in „sein eigenes Angesicht“ blickt7.

Am Ende wechselt die Erzahlperspektive wieder, der Leser findet sich im Dorfkrug wieder und erfahrt in dem Gesprach der dort auftretenden Personen das Ende der Geschichte. Der Verbleib Richards bleibt ungewiss, wahrend man erfahrt, dass das Mobiliar zugunsten der Frau Lewerenz verkauft werden wird.

Storm bindet in die Erzahlung an passenden Stelle einige seiner eigenen Gedichte ein. So schreibt Richard beispielsweise auf eine von Franziskas Zeichnung Storms Gedicht Cornus Suecica8.

Das Gedicht Vergessen und Vergessen werden9 lasst Storm in den Dialog der Frau Lewerenz einflieBen. Diese richtet sich an dieser Stelle an Richard, wahrend sie ihm die Geschichte der Blumentapete erklart, in der auch das Bild integriert ist, das Richard zu seiner Vorahnung verhilft. Als Prolepse kann man dies jedoch nicht sehen, da sie keine Vorhnung der Zukunft sondem nur eine Annahme in der Gegenwart der Erzahlung darstellt. Dieses Gedicht gehort zu Storms Spruch des Alters10, dessen zweiten Teil Storm kurz darauf ebenfalls in die Erzahlung einflieBen lasst. Er stellt dieses Gedicht in Zusammenhang mit dem Bild, uns lasst es den Ausloser seiner Vorahnung werden, indem er es als Inschrift in den Rahmen einbaut. Das Gedicht, das in den Rahmen graviert ist, beschreibt gleichzeitig das Bild und stellt so bereits die Endsituation dar. Das Gedicht kann auch mit der Altersproblematik zwischen Richard und Franziska und der damit verbundenen Angst Richards in Verbindung gebracht werden. Ebenfalls treten das AbschlieBen des Tors und die Kuckucksuhr nachts als gleichbleibende Motive auf.

4.1 Die Beziehung zur Natur

Storm verwendet in der Novelle detaillierte Naturbeschreibungen und bricht den bis hierher typischen Brauch, den Handlungsort in die GroBstadt zu legen, indem er die Erzahlung groBtenteils in der Natur, fernab jeglicher Zivilisation geschehen lasst.

„Plotzlich offnete sich das Dickicht; eine mit Wiesenkrautern bewachsene, muldenartige Vertiefung, gleich dem Bette eines verlassenen Flusses, zog sich quer zu ihren FuBen hin, wahrend jenseits auf der Hohe wiederum ein Eichenund Buchenwald seine Laubmassen ausbreitete.“11

Die wichtige Rolle der Natur wird im Laufe der Novelle immer wieder deutlich, sei es durch die detaillierten Beschreibungen, die Tatsache, dass die drei Figuren sich in die Natur zuruckziehen oder sich das Madchen mit dem Zeichnen und der Mann mit dem Sammeln von Blumen fur eine wissenschaftliche Arbeit beschaftigen.

Generell fallt auf, dass Storm in der Novelle Waldwinkel einen groBen Wert auf Naturbeschreibungen legt, da diese deutlich ausfuhrlicher ausfallen als etwa Personenbeschreibungen. Die Personen rucken in den Hintergrund, was man daran merkt, dass verschiedene Blumen von Storm benannt werden, wahrend einige Figuren keinen Namen erhalten.12

Gleichzeitig spiegelt die Natur die Stimmung der Handlung wider. Wahrend sich die Erzahlung uber den Sommer erstreckt, findet das Ende der Novelle im Herbst statt. Der Herbst, der haufig mit kalteren Temperaturen und starkeren Niederschlagen assoziiert wird, zeigt das Ende der Liebesbeziehung zwischen Richard und Franziska auf.

Wie sich das Naturgeschehen insbesondere in der Beziehung zwischen Richard und Franziska widerspiegelt, wird am Beispiel des Regentages besonders deutlich:

„Franzi trat herein; er hatte sie heute noch nicht gesehen; [...]

Er merkte es kaum, als sie plotzlich wieder aus seinen Arm und aus dem Zimmer sich hinweg gestohlen hatte.“13

4.2 Die Beziehung zwischen Richard und Franziska

Die beiden Protagonisten, der Botaniker Richard und die junge Franziska Fedders, kennen sich zu Beginn der Novelle noch nicht. Erst im Gerichtssaal lemen die beiden einander kennen. Storm gestattet dem Leser Einblick in die Gedankenwelt Richards, indem er beispielsweise Bewusstseinsstrome Richards offenlegt. Bereits nach dem ersten Blickkontakt, scheint Richard sich in das Madchen verliebt zu haben.

„das stille Haus am Waldesrand tauchte vor seinem innern Auge auf; ein einsamer Mann und ein verlassenes Madchen wohnten dort.

Sie waren nicht mehr einsam und verlassen.“14

Im Modus der dramatischen Distanz erhalt der Leser uber den Erzahler Einblick in diesen Traum Richards, der zwar eine spatere Situation der Erzahlung beschreibt, da es sich aber nur um ein Wunschdenken handelt und keine Vorahnung im Discours dargestellt wird, kann man auch hier nicht von einer Prolepse sprechen.

Richard scheint sich auf den ersten Blick in die junge Franziska verliebt zu haben, weshalb er sich unmittelbar nach der Verhandlung nach dem neuen Vormund informiert, um wenig spater seinen Traum wahr werden zu lassen.

Zu Beginn des Zusammenlebens herrscht ein distanziertes und eher hierarchisches Verhaltnis zwischen Richard und Franziska. Wahrend Richard „in den Bann dieses fremden Kindes geraten“15 ist, wird er von ihr nicht beachtet.

„Anders steht sie mit dem Herrn selber; er hat keinen Blick wieder von ihr erhalten [...], so ungeduldig er auch oft darauf zu warten scheint.“16

Dass Richard das kleine Madchen tatsachlich anzuhimmeln scheint, wird an mehreren Textstellen deutlich. So blickt er sie beispielsweise immer wieder an. Die Abneigung die Richard von ihr erfahrt, spomt ihn zusatzlich an, um das Madchen zu kampfen. Dieses versucht sich jedoch durch das Verhalten emotional von Richard zu distanzieren, indem sie sich ihm gegenuber wie eine unterwurfige Bedienstete verhalt17. Die Distanz zwischen beiden Figuren wird auch im Dialog durch die Verwendung der Hoflichkeitsform „Sie“ deutlich.

[...]


1 Storm, Theodor: Biographie. In: ders.: Waldwinkel. Beim Vetter Christian. Hg. von Michael Holzinger. Berlin 2014. S. 64-66

2 Storm, Theodor: Waldwinkel. (S.3-43) In: ders.: Waldwinkel. Beim Vetter Christian. Hg. von Michael Holzinger. Berlin2014. S. 4

3 vgl. Ebenda

4 Storm, Theodor: Waldwinkel. (S.3-43) In: ders.: Waldwinkel. Beim Vetter Christian. Hg. von Michael Holzinger. Berlin 2014. S.7-9

5 vgl. Ebenda S. 24f

6 vgl. Ebenda S. 26

7 vgl. Ebenda S. 41f

8 vgl. Ebenda S. 15; aus: Storm, Theodor: Samtliche Werke invierBanden.

9 vgl. Ebenda S. 25; aus: Storm, Theodor: Samtliche Werke invierBanden.

10 vgl. Ebenda S. 26; aus: Storm, Theodor: Samtliche Werke invierBanden.

11 Storm, Theodor: Waldwinkel. (S.3-43) In: ders.: Waldwinkel. Beim Vetter Christian. Hg. von Michael Holzinger. Berlin2014. S. 10

12 vgl. Ebenda S. 33

13 Storm, Theodor: Waldwinkel. (S.3-43) In: ders.: Waldwinkel. Beim Vetter Christian. Hg. von Michael Holzinger. Berlin2014. S. 24

14 Ebenda S. 6

15 Ebenda S. 15, auberdem heibt es dort: „dass er ihr ganz verfallen sei“

16 Ebenda S. 14

17 Ebenda S. 16: ,,es war der Ton einer Dienerin, welche ihren Herrn eine Bestellung ausrichtet.“

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Beziehungen und die Bedeutung des räumlichen Aufbaus in der Novelle "Waldwinkel" von Theodor Storm
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V417452
ISBN (eBook)
9783668678514
ISBN (Buch)
9783668678521
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beziehungen, bedeutung, aufbaus, novelle, waldwinkel, theodor, storm
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Kevin Ruser (Autor), 2015, Beziehungen und die Bedeutung des räumlichen Aufbaus in der Novelle "Waldwinkel" von Theodor Storm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417452

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