Herbert Marcuses Gesellschaftskritik in "Der eindimensionale Mensch"


Hausarbeit, 2005

25 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Zielsetzung der Studie

2.0 Der „eindimensionale Mensch“ in der „eindimensionalen Gesellschaft“
2.1 „Die Einebnung des Subjekts“
2.2 „Falsche und wahre Bedürfnisse“
2.3 Herrschaft und Klassengesellschaft?
2.4 Neue Formen sozialer Kontrolle
2.4.1 Massenmedien und Konsumwelt
2.4.2. Die technische Ideologie und andere Herrschaftsformen
2.5 Verlust der Legitimation von Ethik und Philosophie?

3.0 Analyse der Lösungsansätze zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation und abschließender Kommentar

4.0 Bibliographie

1.0 Zielsetzung der Studie

Die vorliegende Studie handelt von Herbert Marcuses Gesellschaftskritik in „Der eindimensionale Mensch“ aus dem Jahr 1967. Wie es im Vorwort der Herausgeber Heinz Maus und Friedrich Fürstenberg heißt, unternimmt die Soziologie nicht nur den Versuch, Beobachtungen über Gesellschaft und die sozialen Beziehungen ihrer Individuen anzustellen, sondern strebt nach „Erkenntnis sozialer Gegenwartsprobleme“. Diesen Anspruch verwirklicht Herbert Marcuse, indem er gesellschaftliche Zustände zugespitzt darstellt. Mit seinen Ergebnissen möchte er zur „Verbesserung der menschlichen Lage“[1] beitragen:

„Im Brennpunkt meiner Analyse stehen Tendenzen in den höchstentwickelten gegenwärtigen Gesellschaften. Es gibt weitere Bereiche innerhalb und außerhalb dieser Gesellschaften, wo die beschriebenen Tendenzen nicht herrschen- ich würde sagen: noch nicht herrschen. Ich entwerfe diese Tendenzen und biete einige Hypothesen, nichts weiter.“[2]

Ziel dieser Arbeit ist, einerseits die zentrale Argumentation in Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ vorzustellen, andererseits zu hinterfragen, inwiefern Marcuse konkrete Lösungsansätze zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation bereithält. Ebenso werde ich überlegen, ob Marcuses Darstellung der Industriegesellschaft der späten Sechziger Jahre, auf die heutigen Verhältnisse übertragbar ist, oder ob nicht auch Marcuse unter dem Eindruck des kalten Krieges und der Nationalsozialistischen Diktatur, die ihn 1933 zur Emigration zwang, eine allzu pessimistische und gleichfalls ideologisch gefärbte Sicht propagiert. Denn, es bleibt, wie ich meine, nicht dabei, dass Marcuse, in einem doch sehr politischen Terrain, lediglich „Tendenzen entwirft“ und sich damit begnügt einige harmlose „Hypothesen“ zu formulieren.

Marcuses Gedanken über das Individuum und seine Rolle in der späten Industriegesellschaft, werde ich u.a. mit Hilfe von Claus Daniels „Die Einebnung des heroischen Subjekts (Einige Motive bei Adorno und Marcuse)“[3] reflektieren.

2.0 Der „eindimensionale Mensch“ in der „eindimensionalen Gesellschaft“

Der Begriff der Eindimensionalität bei Marcuse, wird sowohl zur Charakterisierung des Individuums der modernen Industriegesellschaft, als auch für diese Gesellschaft und ihre Denkweise verwendet. Damit man versteht, was bei Marcuse „eindimensional“ bedeutet, muss man seine, wenn auch in Teilen sich distanzierende, dennoch primär marxistisch geprägte Gesellschaftstheorie betrachten. Allerdings erweitert Marcuse stellenweise die marxistische Position, durch eigene Beobachtungen und Argumentation auf politischer, ökonomischer, psycho-sozialer und philosophischer Ebene, was ihn in vieler Hinsicht interessant macht.

Der Zusatz, zu dem Titel der Schrift „Der eindimensionale Mensch“, lautet „Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft.“ Eine Ideologie ist:

„[...] in allgemeinem Wortsinne die Lehre von der Entstehung der „Ideen“ aus „nichtideellen“ Verhältnissen, insbes. materiellen, sozialen, pol. Seinskonstellationen und Sollenskontexten im individuellen (als Motive des Einzelnen) oder kollektiven Einflussbereich (als „Mentalitäten“ gesellschaftlicher Schichten, Interessenlagen sozialer Klassen, Herrschaftsansprüche pol. Eliten) [...].“[4]

Entscheidend ist, dass die „Ideologie“ zumeist als etwas Negatives betrachtet wird, das, entgegen der Realität, eine gruppenspezifisch geprägte Wirklichkeit, eine besondere Weltanschauung und Lebensform, die sogenannte Ideologie setzt und diese als Realität deklariert. Es wird deutlich, dass die Industriegesellschaft, nach Marcuse, eine solche Gesellschaft ist, die über eine spezifische Ideologie verfügt. Der Begriff „Ideologie“ hat eine spezielle Bedeutung angenommen, denn es geht um die „Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft.“ Das heißt, so J. Ritsert, sich auf Berger und Luckman (1967) beziehend, dass es einen Punkt gegeben hat, an dem die Gesellschaft ihre objektive soziale Realität, welche Individuen täglich produzieren, derart verinnerlicht hat, dass sie von „objektification“ zu „reification“, sozusagen in eine Ideologie umgeschlagen ist:

„But at what point do ideologies come in? They appear together with an implicit difference between “objektification” and “reification”. Men and women unavoidably produce, reproduce and continuously transform an objective social reality day by day. This factual order […] is also able to work back on it’s authors and to set limits to their selection of options for action […] Reification prevails as a real phenomenon when life-chances of the producers of the social world are destroyed by their own product.”[5]

Die, von Menschen selbst hervorgebrachte, objektive Realität, „their own product“, unterliegt einer zunehmenden Versachlichung[6], der sogenannten „reification“ als eine herrschende Denkweise. Sie kann repressiven Charakter annehmen und auf ihre Erzeuger zurückwirken, was dazu führt, dass die Entfaltungs- und Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen stark eingeschränkt werden. Es liegt in der Natur von Ideologien, dass sie einseitige beziehungsweise „eindimensionale“ Denk- und Lebensformen sind, die keine anderen Gesellschaftsentwürfe neben sich dulden, weshalb Marcuses Zusatz „Studien zu Ideologie...“ die Eindimensionalität der zu erläuternden Industriegesellschaft impliziert.

Geschichtsphilosophisch orientiert, konstatiert Marcuse, dass Gesellschaften immer über etwas wie Wahlmöglichkeit verfügt haben, die gewährleistete, dass sie ihre Verhaltensnormen und Ansichten in allen Bereichen notwendig verändern konnten:

„Die Weise, in der eine Gesellschaft das Leben ihrer Mitglieder organisiert, schließt eine ursprüngliche Wahl zwischen geschichtlichen Alternativen ein, die vom überkommenen Niveau der materiellen und geistigen Kultur bestimmt sind. Die Wahl selbst ergibt sich aus dem Spiel der herrschenden Interessen. Sie antizipiert besondere Weisen, Mensch und Natur zu verändern und nutzbar zu machen und verwirft andere. Sie ist ein >>Entwurf<< von Verwirklichung unter anderen.“[7]

Sobald ein „Entwurf“ „exklusiv“ und alleinherrschend werde, das heißt, sich in bestimmten „Institutionen“ und „Verhältnissen“ nachhaltig verfestige, tendiere er dazu, die gesamte Gesellschaft zu bestimmen.[8] Die späte Industriegesellschaft repräsentiert für Marcuse die Vollendung eines historischen Prozesses, der die perfekte Beherrschung der Natur verwirklicht. Strukturell ähnlich wie Karl Marx, der im „Manifest der kommunistischen Partei“ die Geschichte als eine Serie von Klassenkämpfen definiert[9], sieht Marcuse, angelehnt an Adorno und Horkheimer, die Geschichte als eine Geschichte der Herrschaft und Unterwerfung von Natur mittels Technik (bzw. bei Adorno als einen Prozess der „Entmythologisierung“ als Vorbedingung einer Herrschaft über Natur)[10]:

„Als ein technologisches Universum ist die fortgeschrittene Industriegesellschaft ein politisches Universum- die späteste Stufe der Verwirklichung eines spezifischen geschichtlichen Entwurfs- nämlich die Erfahrung, Umgestaltung und Organisation der Natur als des bloßen Stoffs von Herrschaft.“[11]

Die Entfremdungsthese, die besagt, dass durch die Unterwerfung und Bezwingung der äußeren und inneren Natur des Menschen, dessen Identitätsproblematik und Selbstzerstörung als Form der Entfremdung voranschreite, soll an dieser Stelle als weitgehend bekannt vorausgesetzt werden[12], da sie in Psychologie und Soziologie, in Literatur und Philosophie vielerorts umfassend dargestellt wird. In einem späteren Abschnitt dieser Arbeit wird vom Problemzusammenhang Technik und Natur, sowie Arbeitskraft des Menschen als Ware, noch ausführlich die Rede sein.

Marcuses hier relevante These ist, dass die Gesellschaft der späten Sechziger Jahre einen Zustand erreicht hat, in dem ihr die natürlichen Wahlmöglichkeiten nicht länger zugänglich sind. Das gesellschaftliche System sei derart hermetisch und „eindimensional“ geworden, dass keine gegenläufigen Interessen oder kritische Stimmen mehr zu Wort kommen, weil die Notwendigkeit einer Veränderung nicht mehr wahrgenommen werde, oder man die Gegenstimmen einebne. In den Industriegesellschaften, der späten Sechziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts, entdeckt Marcuse „totalitäre Züge“, da die Technisierung eine geistige Uniformität der Gesellschaft bewirke, die er, wie ich meine, etwas unglücklich formuliert, als „politische und geistige Gleichschaltung“ brandmarkt. So bemerkt er ironisch:

„Dass diese technische Ordnung eine politische und geistige Gleichschaltung

mit sich bringt, mag eine bedauerliche und doch vielversprechende Entwicklung sein.“[13]

2.1 Die Einebnung des Subjekts

Die Einebnung des Subjekts, als eine der Ursachen für Eindimensionalität, sieht Marcuse darin, dass die Menschen keine Unterscheidung zwischen subjektiven Bedürfnissen und gesellschaftlichen (objektiven) Anforderungen mehr treffen, dass sie sich den objektiven, auf Technik, Leistung, Rationalität und Gewinn orientierten wirtschaftlichen Gegebenheiten der späten Industriegesellschaft so weit anpassen, dass ihre eigene Persönlichkeit und ihre humanitären Interessen zu verschwinden drohen, oder gar nicht erst entwickelt werden können. Marcuse äußert sich hierzu in marxistisch anmutender Terminologie. Er spricht davon, dass der „Produktionsapparat“, (bei Marx heißt es die „Produktionsmittel“), eine Verabsolutierung seiner Interessen anstrebt, die so weit geht, dass er Sprach- und Denkmuster, Gefühle, Wünsche und Verhalten der Individuen manipulativ determiniert, beziehungsweise, dass der Mensch sich so weit angleicht, dass er selbst Teil des technischen Produktionsapparates wird und damit den Gipfel der „Versachlichung“ ereicht:

„In dieser Gesellschaft tendiert der Produktionsapparat dazu, in dem Maße totalitär zu werden, wie er nicht nur die gesellschaftlich notwendigen Betätigungen, Fertigkeiten und Haltungen bestimmt, sondern auch die individuellen Bedürfnisse und Wünsche. Er ebnet ebenso den Gegensatz zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen ein.“[14]

Die Einebnung des Subjekts, so interpretiert Daniel, sei bei Marcuse:

„[...] die mit der spätkapitalistischen Wirklichkeit verbundene Tendenz, Chancen zur Ausbildung des Ichs als Prinzip von Autonomie und Spontaneität immer mehr herabzusetzen.“[15]

Die Argumentation von Marcuse und Daniel beruft sich an dieser Stelle auf die Psychoanalyse, die davon ausgeht, dass die eigentlich individuelle Psyche, das Denken und Verhalten selbst, einer zunehmenden Versachlichung und Objektivierung unterliegt. Die zweckrationalen gesamtgesellschaftlichen, abstrakten Interessen (objektive Realität) werden derart verinnerlicht, dass kein Unterscheid mehr zwischen subjektivem Wollen und den objektiven Zielen besteht. Dass dies zu einer Auflösung der Identität führen muss, da sie sich nur noch auf fremdbestimmte Interessen und Inhalte gründet, die ursprünglich nicht die ihren sind, liegt auf der Hand.

[...]


[1] Siehe Marcuse, Herbert: „Der eindimensionale Mensch“, Soziologische Texte, Band 40. Hrsg. von Heinz Maus und Friedrich Fürstenberg. Neuwied / Berlin 1967, S. 12.

[2] Ders., S. 20.

[3] Daniel, Claus: „Die Einebnung des heroischen Subjekts (Einige Motive bei Adorno und Marcuse)“

In: „Theorien der Subjektivität. Einführung in die Soziologie des Individuums.“ Frankfurt am Main/ New York 1981.

[4] Bernhard Schäfers (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie“, UTB Opladen 1986, S. 127.

[5] Ritsert, Jürgen: „Models and concepts of ideology“ Amsterdam/Atlanta 1990, S. 9-10.

[6] „Versachlichung“ als Vorgang der Rationalisierung heißt, dass im Prinzip alles den Charakter einer Sache oder Ware annimmt. Hiervon sind auch zwischenmenschlichen Beziehungen , Arbeitsverhältnisse u.a. nicht ausgenommen. Dazu ausführlicher auf S. 17-19 dieser Hausarbeit.

[7] Marcuse (1967): „Der eindimensionale Mensch“, S. 18.

[8] Siehe ebd.

[9] Siehe Marx, Karl / Engels, Friedrich: „Das Manifest der kommunistischen Partei (1848).

[10] Siehe Adorno, T.W./ Horkheimer, M.: „Dialektik der Aufklärung“ 15. Aufl., Frankfurt am Main 2004.

[11] Marcuse (1967): „Der eindimensionale Mensch“, S. 18.

[12] Z.B. in: Adorno, T. W./ Horkheimer, M. „Dialektik der Aufklärung.“ 15. Aufl., Frankfurt am Main 2004. und Adorno, T. W.: „Minima Moralia Reflexionen aus dem beschädigten Leben.” Gesammelte Schriften, Band 4, Frankfurt am Main 1980.

[13] Marcuse (1967): ,,Der eindimensionale Mensch“, S. 21.

[14] Marcuse (1967): ,,Der eindimensionale Mensch“, S. 17-18.

[15] Daniel (1981): „Theorien der Subjektivität“, S. 126.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Herbert Marcuses Gesellschaftskritik in "Der eindimensionale Mensch"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
V Zur Geschichte soziologischer Theorien. Sozialcharaktere in der Geschichte d. bürgerl. Gesellschaft nach 1945
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V41768
ISBN (eBook)
9783638399692
ISBN (Buch)
9783638729956
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herbert, Marcuses, Gesellschaftskritik, Mensch, Geschichte, Theorien, Sozialcharaktere, Geschichte, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Magistra artium Yvonne Rudolph (Autor:in), 2005, Herbert Marcuses Gesellschaftskritik in "Der eindimensionale Mensch", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41768

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