Die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918


Hausarbeit, 2002
38 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

2. Einleitung

3. Der Niedergang der osmanischen Grossmacht ab 1550

4. Die Entwicklung des Osmanischen Reiches seit 1876
4.1. Die staatliche Entwicklung nach 1876
4.2. Einfluss der Großmächte auf die Wirtschaft des Osmanischen Reiches

5. Die politischen Beziehungen des Osmanischen Reiches
5.1. Die deutsche Aussenpolitik im Nahen und Mittleren Osten
5.2. Das Osmanische Reich und die europäischen Großmächte
5.3. Die Finanzbeziehungen des Osmanischen Reiches zum Ausland

6. Das deutsche Engagement im Osmanischen Reich
6.1. Deutsche Wirtschaftspolitik im Vorderen Orient
6.2. Militärische Zusammenarbeit
6.3. Die Bagdad-Bahn

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

Der Orient hatte in der deutschen Bevölkerung schon immer besondere Assoziationen geweckt. Das Land der Bibel, die kulturelle Wiege der Welt in Mesopotamien und die antiken Stätten der Griechen in Kleinasien beflügelten insbesondere im Zeitalter der Romantik die Fantasie der Europäer. Nicht zuletzt die zahlreichen Ausgrabungen, die seit Mitte des 19.Jahrhunderts in dieser Region unternommen wurden, wurden von dieser Stimmung getragen und trugen wiederum dazu bei.

Nicht nur Franzosen und Engländer, sondern auch die Deutschen zeigten wachsendes Interesse am Nahen und Mittleren Osten, der immer noch von den Osmanen beherrscht wurde, trotz erheblicher Schwächung ihres Reiches im Innern und durch die europäischen Großmächte. Das Osmanische Reich war stets in die europäische Politik eingebunden, sei es als Rand- oder Hauptfigur, als Sieger oder Verlierer.

Nach der Gründung des Deutschen Reiches und der stärker werdenden Überzeugung in der Bevölkerung und bei den Interessenverbänden von der Notwendigkeit von deutschen Kolonien, deutscher Expansion und Sendung blieb der Orient in diesen Überlegungen nicht außen vor. Wenn auch Bismarck „nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers“ für das Osmanische Reich opfern wollte und der Orient nur Verschiebemasse innerhalb seiner fragilen außenpolitischen Konzeption darstellte, so zeitigte die Entwicklung eine immer stärkere Verflechtung von den oft genug gegensätzlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen der Großmächte sowohl in Europa als auch in den europäischen Rand- und den Überseegebieten.

Dabei stellt sich die Frage, welche Bedeutung in diesem Geflecht Deutschland für die Türkei hatte und umgekehrt. Voraussetzung hierfür ist, den Zustand des Osmanischen Reiches bis zum Ersten Weltkrieg darzustellen, um die Bedeutung des Vielvölkerstaates richtig einschätzen zu können. Ferner ist zu beachten, dass die übrigen Großmächte, insbesondere Frankreich, England und Russland, wesentlich früher als das Deutsche Reich Interessen in der Region entwickelt hatten. Es steht außer Frage, dass das Auftreten eines neuen Widersachers hierbei zu Konflikten geführt hat. Doch muss bedacht werden, welchen Stellenwert dies für die jeweilige Politik der Staaten hatte, welche Auswirkungen sich für Deutschland und das Osmanische Reich ergaben und ob der schließlich gemeinsame Krieg gegen die Alliierten aufgrund der Entwicklung seit 1871 zwangsläufig war.

Besonderes Gewicht soll in dieser Arbeit der wirtschaftlichen Durchdringung des Mittleren Ostens eingeräumt werden, da in der, vor allem zeitgenössischen, Literatur gerade ökonomische Potenziale oft als Begründung für imperialistische Bestrebungen herhalten müssen. Der grosse Bereich der Innenpolitik in beiden Ländern soll hingegen nur gestreift werden. Dies geschieht jedoch nicht aus dem Grund vermeintlicher Bedeutungslosigkeit heraus, sondern im Gegenteil, da aufgrund der komplexen Einflüsse auf die Politik insgesamt der Platz für eine angemessene Darstellung nicht ausreichen würde.

3. Der Niedergang der osmanischen Grossmacht ab 1550

Der Verfall des Osmanischen Reiches setzte bereits nach dem Tod Süleyman des Prächtigen in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts ein. Das Ende der territorialen Expansion nach der Eroberung des mittleren Teils Ungarns Anfang der vierziger Jahre des 16.Jahrhunderts, eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage insbesondere durch hohe Inflation[1] und nicht zuletzt unfähige Herrscher, die die tatsächliche Machtausübung auf Großwesire[2] und Harem[3] übergehen ließen, waren einige der Ursachen für den langsamen Bedeutungsverlust der osmanischen Grossmacht. Europa verlor seine Furcht vor dem Osmanischen Reich spätestens nach der Niederlage der Türken am Kahlenberg bei Wien 1683 und nach der Schlacht bei Mohács 1687, als die Türken nicht nur die ungarische Hauptstadt, sondern ihren ganzen Besitz in Ungarn und Siebenbürgen verloren.[4] 1688 konnte die durch Österreich, Polen und Venedig gebildete „Heilige Liga“ auch Belgrad einnehmen und die Türken noch weiter nach Süden zurückdrängen.[5] Das Osmanische Reich wurde von der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa überholt, der Rückstand zu den europäischen Großmächten erhöhte sich stetig.[6]

Nach einer weiteren Niederlage des Osmanischen Reiches gegen Russland, als es Peter dem Großen gelang, 1696 die Festung Azov zu erobern, sowie gegen die Habsburger 1697 bei Senta in Serbien sahen sich die Türken gezwungen, Friedensverhandlungen aufzunehmen.[7] Der Friede von Karlowitz 1699 kam durch Vermittlung Englands und der Niederlande zustande, die eine Gefahr für ihre wirtschaftlichen Interessen im Vorderen Orient befürchteten, sollte das Osmanische Reich zu sehr geschwächt und der Einfluss Russlands in der Region zu groß werden.[8]

Doch auch nach dem Frieden von Karlowitz kam es zu weiteren Kriegen mit Russland (1710-1713), Venedig (1714/1715) und Österreich (1716/1717). Im russisch-türkischen Krieg 1736 bis 1739 konnte das Osmanische Reich nach dem Frieden von Belgrad wieder einen Sieg davontragen und Serbien und die Kleine Walachei wiedererlangen.[9]

Das Osmanische Reich war in der Folgezeit hauptsächlich mit Konflikten in den Kerngebieten und den arabischen Provinzen beschäftigt.[10] Doch 1768 kam es erneut zu Auseinandersetzungen mit Russland. Der nach dem Krieg des mit Österreich verbündeten Osmanischen Reiches gegen Russland und Preussen 1774 unter dem neuen Sultan Abdülhamid I. geschlossene Friede von Küçük Kaynarca bedeutete nicht nur grosse Gebietsverluste für die Pforte, sondern er bedeutete auch das Ende des Reiches als Grossmacht. Aufstände und Loslösungstendenzen, unter anderem in Ägypten, Palästina und dem Libanon, verstärkten die Gefahr eines Auseinanderbrechens des Osmanischen Reiches. Eine Aufteilung unter den europäischen Mächten wurde nur dadurch vermieden, dass diese nicht zu einer Einigung kommen konnten.[11] In dem Vertrag wird auch erstmals von einem religiösen Protektorat der Türken über die Muslime in den ehemals osmanischen Gebieten gesprochen.[12]

Auch nach innen verlor die Zentralregierung weiter an Macht. Diese verlagerte sich hin zu den Grosswesiren und vor allem den obersten Eunuchen (dürassaade ağası). Der Verwaltungsapparat wurde hingegen weiter ausgebaut und belastete die Staatskasse in immer stärkeren Maße.[13] Die seit Ende des 17.Jahrhunderts aufgekommenen sog. „Talfürsten“ (derebeyi) stellten mittlerweile eine bedeutende Schicht dar, die ihren Grundbesitz oft illegal weiter ausbauten und durch den Erwerb der Steuerpacht auf Lebenszeit ihre Stellung untermauern konnten. Um auch ihren politischen Einfluss auszubauen, ließen sie sich häufig in höhere Ämter, wie die eines Sandschakbegs oder Walis (früher auch als Beğlerbeğ bezeichnet), einsetzen. Einige der Talfürsten oder lokalen Machthaber (âyân) konnten es sich sogar leisten, eigene Truppen aufzustellen. Während in Europa bereits die Weichen für die spätere Industrialisierung gestellt wurden, blieb das Osmanischen Reich dem Feudalwesen verhaftet. Die Verselbständigung lokaler Machthaber, Großgundbesitztum und die Abhängigkeit der Bauern nahmen weiter zu.[14]

Eine moderne Marktwirtschaft konnte sich im osmanischen Reich nicht entwickeln. Bereits seit Mitte des 16.Jahrhunderts versuchten staatliche Stellen, die Versorgung durch mehr oder weniger willkürliche Konfiskationen und Zwangsverkauf von Waren über Festpreise zu regeln. Vermögenswerte flossen nicht über Investitionen in Manufakturen und produktive Betriebe dem Wirtschaftskreislauf zu, sondern wurden für den Erwerb von Grundbesitz und den Kauf von Ämtern genutzt. Neben diesem sog. Rentenkapitalismus erwies sich auch die im Islam verwurzelte Ablehnung von Zinsgeschäften als hinderlich, was die Entwicklung eines Bankwesens im Osmanischen Reich bis ins 19.Jahrhundert verzögerte.[15] Stagnation der Wettbewerbsfähigkeit der osmanischen Wirtschaft und weiter anhaltende Inflation führten dazu, dass billigere Waren aus Europa den Inlandsmarkt überschwemmten. Förderung von Produktion und Handel, wie sie in Europa theoretisch durch den Merkantilismus begründet wurde, waren der türkischen Regierung fremd. Sie beschränkte sich auf Einnahmensicherung über Steuern und andere Abgaben. Schutzzölle und Einfuhrbeschränkungen fanden ebensowenig Anwendung. Vielmehr genossen europäische Kaufleute umfangreiche Privilegien, die das Osmanische Reich nach zahlreichen verlorenen Kriegen den Großmächten in Friedensverträgen zusichern musste.[16] Das Osmanische Reich mit seinen rückständigen traditionellen Strukturen wurde somit Absatzmarkt und Rohstofflieferant der entstehenden europäischen Industriestaaten.

Nachdem 1822 Griechenland bereits seine Unabhängigkeit proklamiert hatte, musste das Osmanische Reich diese 1829 auch offiziell anerkennen. Serbien wurden weitere Autonomierechte eingeräumt. Russland erreichte mit der Öffnung der Meerengen für alle Nationen eines seiner Hauptziele.[17] Der ehemalige Statthalter der Osmanen in Ägypten, Muhammed Ali, der dort 1811 die Macht an sich riss, eroberte 1812 nicht nur Mekka und ein Jahr später Medina, sondern 1832 bereits Konya und bedrohte nun die türkische Hauptstadt. Erneut ist es nur dem Druck ausländischer Mächte, diesmal England und Frankreich, zu verdanken, dass das Osmanische Reich vor dem Untergang bewahrt wurde.[18] Zugleich wurde aber deutlich, dass tiefgreifende Reformen für die Zukunft des türkischen Reiches unabdingbar waren. Bereits 1793 unter Selim III. (1789-1807) wurden Reformen, die sog. Nizam-ı Cedit („Neuregelung“), angegangen[19], die allerdings nach dem Angriff Napoleons auf Ägypten 1798 ein abruptes Ende fanden. Während sich diese erste Reform zudem vor allem auf einzelne Verwaltungsbereiche und insbesondere das Militärwesen beschränkte, begann ab etwa 1838 unter Sultan Mahmut II. (1808-1839) und seinem Sohn Abdülmecit I. (1839-1861) eine völlige Umgestaltung des Osmanischen Reiches. Das Reformwerk, die sog. Tanzimat-ı Hayriye („Heilsame Neuordnung“), umfasste die Gewährleistung von Privateigentum, eine Reform des Steuer- und Rechtswesens, Reformen im Kultur- und Bildungsbereich und nicht zuletzt ein Programm zur Belebung der Wirtschaft.[20] Das Finanzwesen sollte durch die Gründung der Banque de Constantinople 1840 belebt werden.[21] Im Unterschied zu den europäischen Staaten fanden diese Veränderungen aber nicht aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen statt, sondern wurden vom Sultan verordnet. Auch existierte kein Parlament, das eine Kontrolle ausüben konnte.[22]

Die bereits bestehende wirtschaftliche Dominanz des Osmanischen Reiches durch die europäischen Großmächte verstärkte sich noch durch den nach dem Krimkrieg geschlossenen Frieden von Paris 1856. Frankreich und Grossbritannien sicherten sich durch die Festlegung niedriger Im- und Exportzölle das Osmanische Reich als Absatzmarkt.[23] Die Wirtschaft des Osmanischen Reiches konnte sich dadurch nicht weiterentwickeln. „Ein rapider Rückgang der Handwerksproduktion trat ein. Betroffen waren auch die ohnehin nicht sehr zahlreichen Manufakturen, die ebenfalls ihre Produktion einstellen mußten.“[24] Die wachsenden Probleme der osmanischen Wirtschaft hatten auch direkte Folgen für den Staatshaushalt. Das Osmanische Reich sah, um seinen Ausgabenverpflichtungen nachkommen zu können, nur die Möglichkeit der Verschuldung im Ausland. 1854 wurde der erste Schuldenvertrag unterzeichnet. Allein bis 1875 wurden Anleihen in einer Höhe von nominell 5.297.676.500 Französischen Francs. Nur etwa 8% der Anleihen wurde für Investitionsmassnahmen aufgewandt.[25] Mit Hilfe französischen Kapitals wurde 1856 die Osmanische Bank (Osmanlı Bankası)[26] gegründet, mit deren Hilfe unter anderem Auslandsanleihen aufgenommen werden sollten.[27]

4. Die Entwicklung des Osmanischen Reiches seit 1876

4.1. Die staatliche Entwicklung nach 1876

Wie bereits die Tanzimat -Reformen entstand die Verfassung von 1876 auf äußeren Druck hin. Nachdem es bereits 1857 zu Aufständen christlicher Bauern in Bosnien und der Herzegowina kam, zwischen 1858 und 1860 ein Bürgerkrieg zwischen Drusen und christlichen Maroniten herrschte und 1866 die Griechen auf Kreta rebellierten, brach sich der von den Osmanen durch Zugeständnisse lange besänftigte Unabhängigkeitswille der Bulgaren in einem Aufstand im Frühjahr 1876 Bahn. Der ebenfalls 1876 begonnene Krieg der Serben gegen das Osmanische Reich wurde zwar von den Türken gewonnen, doch fürchtete der Sultan eine Intervention der Großmächte.[28]

Um die europäischen Staaten im Vorfeld einer nach Konstantinopel einberufenen Botschafterkonferenz zur Lösung der Balkan-Krise gewogen zu stimmen, ließ Sultan Abdülhamid II. (1876-1909) unter Leitung von Großwesir Midhat Pascha eine Verfassung (Meşrutiyet) ausarbeiten, die am 23.Dezember 1876 verabschiedet wurde.[29] Sie schrieb die bereits in den Tanzimat begründeten Grundsätze fest, postulierte ferner die Unteilbarkeit des Reiches wie auch den Islam als Staatsreligion. Allerdings wurde Nichtmuslimen Religionsfreiheit gewährt, die zudem politische Gleichberechtigung und unter der Voraussetzung der Beherrschung der türkischen Sprache freien Zugang zu öffentlichen Ämtern erhalten sollten. Die grundsätzliche Neuerung war die Einführung eines parlamentarischen Zweikammersystems, das sich am Aufbau Belgiens orientierte. Die Vertreter des Senats sollten demnach vom Sultan, die Abgeordneten der zweiten Kammer vom Volk gewählt werden. Gesetzesinitiativen konnten nur vom Sultan eingebracht werden, der zudem befugt war, das Parlament jederzeit aufzulösen.[30] Föderative Elemente fehlten in der Verfassung jedoch, die dem Istzustand eines Kerngebiets und zahlreicher halb-autonomer Gebiete Rechnung getragen hätten.[31]

Doch in sämtlichen Schichten der osmanischen Gesellschaft regte sich Widerstand gegen die Verfassung. Sowohl unter Konservativen, hierbei besonders unter den Geistlichen, den Militärs und der Zivilverwaltung, als auch innerhalb der fortschrittlichen Opposition gab es verschwörerische Gruppen. Zudem plante Sultan Abdülhamid II. alsbald als möglich zu einer absolutistischen Regierungsweise zurückzukehren.[32]

Als das Osmanische Reich das im Anschluss an die Konstantinopler Konferenz erarbeitete sog. Londoner Protokoll, das den Balkanregionen weitreichende Autonomierechte gewährte, sich weigerte zu unterzeichnen, erklärte Russland dem Osmanischen Reich den Krieg, der mit einer schweren Niederlage für die Türken endete. Im Frieden von San Stefano (das heutige Yeşilköy/Istanbul) musste das Osmanische Reich nahezu alle europäischen Besitzungen aufgeben.[33] Auf Betreiben des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck wurde daraufhin 1878 der Berliner Kongress einberufen. Nach dessen Vereinbarungen wurden Rumänien, Serbien und Montenegro unabhängig, Bulgarien und zumindest de iure Armenien erhielten das Recht auf Selbstverwaltung. Teile des Reiches an der Schwarzmeerküste mussten an Russland, Gebiete auf dem Balkan an Österreich und die Verwaltung Zyperns an Großbritannien abgegeben werden.[34] Einmal mehr wurde das Osmanische Reich zum Spielball der Großmächte. Aber es wurde auch zum Problemfall für Deutschland, das versuchte zu verhindern, dass weder sein Verhältnis zu Österreich geschwächt noch die Beziehungen zu Russland getrübt würden und eine Annäherung eines der beiden Staaten an Frankreich zu verhindern.[35] Dies wurde jedoch nicht erreicht. Russland machte Deutschland dafür verantwortlich, dass es seine Pläne auf dem Balkan nicht durchsetzen konnte. Der Beschwerdebrief Zar Alexanders des II. an Kaiser Wilhelm I. wurde schließlich zum Auslöser der Bildung des Zweibundes zwischen dem Deutschen Reich und Österreich im Jahre 1879.[36]

Noch während des Krieges mit Russland nutzte Sultan Abdülhamid II. die Situation, um das Parlament aufzulösen und eine neuerliche despotische Herrschaft zu etablieren.[37] Eine schwere Belastung seiner Herrschaft bedeutete die Zuspitzung der Finanzlage des Osmanischen Reiches, die sich sowohl durch die Ineffizienz der Verwaltung und die Verschwendungssucht des Herrschers und seiner Vorgänger als auch durch die zahlreichen Kriege und Modernisierungsversuche des Militärs drastisch verschärft hatte. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre des 19.Jahrhunderts mussten 80% der Gesamteinnahmen des Staates für die Tilgung von Auslandsschulden aufgewandt werden.[38] Im Oktober 1875 schließlich musste das Osmanische Reich Staatsbankrott anmelden. Erst 1881 konnte eine Lösung gefunden werden, indem eine internationale osmanische Staatsschuldenverwaltung (Dette Publique Ottomane, Düyun-u Umumiye) unter englisch-französischer Führung eingesetzt wurde. Zur Umschuldung wurden an diese zahlreiche fiskalische Einkünfte, wie Stempelrechte, Steuern auf Spiritus und Seide, Fischereiabgaben und das Salz- und Tabakmonopol abgetreten. Die Staatsfinanzen konnten sich zwar in der Folge erholen, aber das Osmanische Reich war weiterhin von europäischem Kapital abhängig.[39] Um 1890 wurden immer noch etwa 30% des Haushalts des osmanischen Staates für den Schuldendienst aufgewandt, weitere 40% erhielt der militärische Apparat.[40] Diese Relationen hatten auch in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Bestand. Im Budget des Osmanischen Reiches von 1909 waren 32% für die Schuldentilgung und 37% für Militär und Gendarmerie vorgesehen.[41]

Mehr und mehr gelang es auch der deutschen Industrie an Einfluss im Osmanischen Reich zu gewinnen. Der Bau der Bagdad-Bahn[42], mit dem der Vordere Orient wirtschaftlich erschlossen und weiterer deutscher Kapitalexport ermöglicht aber auch der deutsche Zugang zum irakischen Öl gesichert werden sollte[43], erregte ebenso den Unmut der übrigen Großmächte wie umfangreiche Waffenlieferungen an das Osmanische Reich. Insbesondere seit dem Krieg mit Russland 1877/78 gelang es Deutschland, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses der deutschen Militärberater, umfangreiche Aufträge zur Modernisierung der türkischen Armee zu erhalten.[44]

Die Alleinherrschaft Sultan Abdülhamids II. wurde 1909 nach einer Revolte des „Komitees Einheit und Fortschritt“ (İttihat ve Terakki Cemiyeti), wie sich die 1889 gegründete jungtürkische Bewegung nannte, beendet. An seiner Stelle wurde sein Bruder als Mehmet V. (1909-1918) als Sultan eingesetzt.[45] Ziel der Jungtürken war nicht nur die Beendigung der Willkürherrschaft des Sultans, sondern auch die Zurückdrängung des ökonomischen Einflusses der ausländischen Großmächte.[46] Der Sieg der liberalen, englisch-französisch-orientierten[47] „Freiheits- und Einigkeitspartei“ (Hürriyet ve İtilaf Fırkası) bei den Parlamentswahlen 1912 führte zu einem Staatsstreich der Jungtürken unter Enver Bey und Talat Bey. Sie sympathisierten, wie viele der antidemokratisch-autoritär eingestellten Jungtürken, von denen zahlreiche in Deutschland ausgebildet waren, nicht nur aus ideologischen Gründen mit dem Deutschen Reich. Ein starkes Militärwesen, wie es in Deutschland vorherrschte, sollte auch das Osmanische Reich wiedererstarken lassen. Deutschland hingegen unterstützte die Jungtürken, weil es durch ein ungeteiltes, starkes Osmanisches Reich den Einfluss der übrigen europäischen Großmächte im Vorderen und Mittleren Orient zurückzudrängen hoffte.[48]

Mit ihrer Diktatur versuchten Enver, Talat und Cemal Bey durch ein umfangreiches Reformwerk die Türkei zu einem modernen Staat umzugestalten. Neben einer Reform des Haushaltswesens bildete unter anderem die Bildungsreform, bei der das System der Medresen durch Volksschulen und Universitäten europäischen Stils ersetzt sowie öffentliche Mädchenschulen eingeführt wurden, einen Kernpunkt der Bemühungen.[49] Auch militärisch gelangen den Jungtürken Erfolge. Nach der Niederlage im Ersten Balkankrieg 1912 konnte das Osmanische Reich im Zweiten Balkankrieg 1913 Edirne zurückerobern, wobei die bis heute gültige Westgrenze der Türkei auf dem Festland festgelegt wurde.[50] Seit 1800 hatte das ursprünglich sich über 3 Millionen Quadratkilometer erstreckende Osmanische Reich etwa 57% seiner Gebiete abgeben müssen. Die Einwohnerzahl blieb allerdings trotz der Gebietsverluste mit etwa 26 Millionen, wovon ungefähr die Hälfte in Anatolien lebte, in etwa vergleichbar mit der im Jahre 1800.[51]

Innerhalb der türkischen Führung gab es noch zahlreiche Kritiker einer Allianz mit den Mittelmächten in dem bevorstehenden Krieg. Die türkische Führung war sich ihrer militärischen Schwäche und Unterlegenheit gegenüber den Alliierten durchaus bewußt und sondierte daher vor einem tatsächlichen Militärbündnis des Osmanischen Reiches mit Deutschland im Mai und Juli 1914 die Haltungen Russlands und Frankreichs.[52] Als die Entente-Mächte die osmanische Forderung nach Abschaffung der früheren Kapitulationen als Gegenleistung für die türkische Neutralität in einem Krieg gegen Deutschland ablehnten, hatte sich Enver Pascha mit seiner Politik der Annäherung an die Mittelmächte gegenüber den Verfechtern einer bewaffneten Neutralität durchgesetzt.[53] Am 2.August 1914 schloss das Osmanische Reich mit dem Deutschen Reich ein Geheimabkommen, in dem den Türken militärischer Schutz bei weitreichendem deutschen Einfluss auf die militärische Führung zugesichert wurde.[54] Deutschland erwartete sich von der Türkei eine Schwächung Russlands und, durch einen Angriff auf den Suezkanal, Englands. Die Türkei hingegen glaubte nur mit Hilfe Deutschlands eine Annexion der Dardanellen oder gar Konstantinopels abwehren zu können.[55]

Bereits am 02.August wurden die einzigen beiden deutschen Kriegsschiffe im Mittelmeer, der Panzerkreuzer Goeben[56] und der Kreuzer Breslau[57], sowie der von der Deutsch-Ostafrika-Linie requirierte Dampfer General[58] nach Konstantinopel beordert.[59] Am 16.August 1914 dort eingetroffen wurde die SMS Goeben in Yawus Sultan Selim sowie die SMS Breslau in Midilli umbenannt und fiktiv an das Osmanische Reich verkauft, um dessen erklärte Neutralität zumindest nach außen hin zu wahren. Am 22.Oktober gab Enver Pascha, der die türkische Flotte nun entscheidend verstärkt sah, den Befehl zum Angriff auf die russische Schwarzmeerflotte, der am 29.Oktober ohne Kriegserklärung begann. Am 2.November erfolgte die russische Kriegserklärung, am 5.November die englische und französische.[60]

Im Ersten Weltkrieg hatte das Osmanische Reich an mehreren Fronten zu kämpfen. Die blutigen Schlachten im Kaukasus und auf dem Schwarzen Meer gegen Russland, im Irak, am Suezkanal und an den Dardanellen gegen Großbritannien, Frankreich und deren Verbündete bedeuteten für 300.000 Türken den Tod. Allein im Kampf um das für die Nachschubwege der Westmächte nach Russland wichtige Gallipoli verloren 68.000 Türken und 43.000 alliierte Soldaten ihr Leben.[61] Der Krieg bedeutete aber auch türkische Greueltaten gegenüber Armeniern, von denen 1915 westlichen Schätzungen zufolge eine halbe bis eine Million ermordet wurden[62], und gegenüber Arabern, die Terrormassnahmen und durch Beschlagnahmung von Lebensmitteln Hungersnöten ausgesetzt waren.[63]

Am 30.10.1918 kapitulierte das Osmanische Reich.

[...]


[1] vgl. Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 3.Auflage. Darmstadt, 1996, S.132ff.

[2] vgl. Matuz 1996, S.138

[3] vgl. Matuz 1996, S.141 sowie S.165ff. Für die Herrschaft des Harems im 17.Jahrhundert wird auch der Begriff der sog. „Weiberherrschaft“ (kadınlar saltanatı) verwendet.

[4] vgl. Matuz 1996, S.185f.

[5] vgl. Kreiser, Klaus: Der osmanische Staat 1300-1922. München, 2001, S.31

[6] vgl. Matuz 1996, S.189

[7] vgl. Kreiser 2001, S.31

[8] vgl. Pazarkaya, Yüksel; Hottinger, Arnold: Die osmanische Geschichte, in: Kündig-Steiner, Werner (Hrsg.): Die Türkei. Raum und Mensch, Kultur und Wirtschaft in Gegenwart und Vergangenheit. 2.Auflage. Tübingen/Basel, 1977, S.319-389, hier S.331f.

[9] vgl. Kreiser 2001, S.32

[10] Nach und nach verlor die Pforte die politische Kontrolle über seine Randprovinzen, so bereits seit dem 18.Jahrhundert über die arabische Halbinsel, über den Jemen gar bereits seit den siebziger Jahren des 16.Jahrhundert. Ägypten hatte sich seit dem 18.Jahrhundert unter den Mamluken ebenfalls vom Osmanischen Reich gelöst. Zwischen 1749 und 1831 gelang es auch dem Irak weitreichende Unabhängigkeit zu erlangen. Der Libanon wurde unter dem Druck Englands und Frankreichs 1861 eine eigenständige Provinz (mutessarıflık). Im gleichen Jahr trat in Tunesien eine Verfassung in Kraft, die de facto die Unabhängigkeit des Landes bis zur Errichtung des französischen Protektorats bedeutete. Vgl. ausführlich hierzu Kreiser 2001, S.32ff.

[11] vgl. Matuz 1996, S.201ff.

[12] vgl. Kreiser 2001, S.34

[13] vgl. Matuz 1996, S.203

[14] vgl. Matuz 1996, S.204f.

[15] vgl. Matuz 1996, S.206

[16] vgl. Matuz 1996, S.207; vgl. auch Beşirli 1999, Mehmet: Die europäische Finanzkontrolle im Osmanischen Reich in der Zeit von 1908 bis 1914. Die Rivalitäten der britischen, französischen und deutschen Hochfinanz und der Diplomatie vor dem Ersten Weltkrieg am Beispiel der türkischen Staatsanleihen und der Bagdadbahn. Berlin, 1999, S. 25f.

[17] vgl. Pazarkaya, Hottinger 1977, S.338; vgl. Matuz 1996, S.218ff.

[18] vgl. Matuz 1996, S.221f.

[19] vgl. Matuz 1996, S.210

[20] vgl. Matuz 1996, S.225ff.

[21] die allerdings bereits 1854 Konkurs anmeldete. Vgl. Matuz 1996, S.226

[22] vgl. Matuz 1996, S.226

[23] vgl. Matuz 1996, S.231; vgl. Kinder, Hermann; Hilgemann, Werner: dtv-Atlas Weltgeschichte. 2.Auflage. München, 2001, S.365; vgl. Kreiser 2001, S.38ff.

[24] Matuz 1996, S.232

[25] vgl. Beşirli 1999, S.34f.

[26] Sie wurde 1863 durch Erlass des Sultans zur osmanischen Staatsbank umgewandelt und in Banque Impériale Ottomane umbenannt. Vgl. Beşirli 1999, S.29

[27] vgl. Matuz 1996, S.232

[28] vgl. Matuz 1996, S.232ff.

[29] vgl. Matuz 1996, S.235f.

[30] vgl. Matuz 1996, S.236f.

[31] vgl. Kreiser 2001, S.42

[32] vgl. Matuz 1996, S.237

[33] vgl. Matuz 1996, S.238

[34] vgl. Matuz 1996, S.239f.

[35] vgl. Geiss, Imanuel: German Foreign Policy, 1871-1914. London/Boston , 1976, S.31

[36] vgl. Geiss 1976, S.35f.

[37] vgl. Pazarkaya, Hottinger 1977, S.352f.; vgl. Matuz 1996, S.240

[38] vgl. Matuz 1996, S.246

[39] vgl. Schölch, Alexander: Wirtschaftliche Durchdringung und politische Kontrolle durch die europäischen Mächte im Osmanischen Reich (Konstantinopel, Kairo, Tunis), in: Geschichte und Gesellschaft, 1/1975, S.404-446, hier S.436f.; vgl. Pazarkaya, Hottinger 1977, S.350f.

[40] vgl. Kreiser 2001, S.45

[41] vgl. Beşirli 1999, S.315

[42] vgl. Kap. 6.3

[43] vgl. Kap. 5.2; vgl. Matuz 1996, S.247

[44] vgl. Matuz 1996, S.247f.

[45] vgl. Matuz 1996, S.252ff.

[46] vgl. Matuz 1996, S.253

[47] vgl. Beşirli 1999, S.108ff.

[48] vgl. Matuz 1996, S.256

[49] vgl. Matuz 1996, S.257

[50] vgl. Matuz 1996, S.259f.

[51] vgl. Quataert, Donald: The Age of reforms. 1812-1914, in: Inalcık, Halil (ed.): An Economic and Social History of the Ottoman Empire. Volume 2: 1600-1914. Cambridge, 1994, S.759-943, hier S.777 und S.779f. Verschiedene Quellen geben die Bevölkerungszahl Anatoliens für das Jahr 1913/1914 mit 12,5 bis 13,5 Millionen an. Weitere 1,2 Millionen Einwohner lebten demnach in Istanbul, 3,1 Millionen in Syrien sowie 2,4 Millionen im Irak.

[52] vgl. Neulen, Hans Werner: Adler und Halbmond. Das deutsch-türkische Bündnis 1914-1918. Frankfurt/Main, 1994, S.25f.; vgl. Matuz 1996, S.263f.

[53] vgl. Kreiser 2001, S.48

[54] vgl. Matuz 1996, S.262

[55] vgl. Neulen 1994, S.26

[56] Stapellauf 1911, 23.000 BRT, Besatzung 1.013, Ausserdienststellung 1954

[57] Stapellauf 1911, 4.550 BRT, Besatzung 373, gesunken 20.01.1918

[58] Stapellauf 1910, 8.063 BRT, Besatzung 153

[59] vgl. Neulen 1994, S.26

[60] vgl. Neulen 1994, S.36f.

[61] vgl. Neulen 1994, S.90

[62] türkischen Angaben zufolge maximal 300.000, vgl. Matuz S.265; vgl. Neulen S. 194; vgl. Kreiser 2001, S.51

[63] vgl. Matuz 1996, S.266

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Details

Titel
Die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
38
Katalognummer
V41788
ISBN (eBook)
9783638399814
ISBN (Buch)
9783640137169
Dateigröße
750 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehungen, Osmanischen, Reich, Kaiserreich
Arbeit zitieren
Sven Feyer (Autor), 2002, Die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41788

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Titel: Die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918


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