Vorurteilsbewusste Erziehung in der Schule. Prävention und Intervention


Hausarbeit, 2017

18 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung
2.1 „Stereotyp“ und „soziale Kategorisierung“
2.2 „Vorurteil“

3 Ursachen und Entstehung von Vorurteilen
3.1 Zwei-Faktoren-Modell der Eindrucksbildung
3.2 Das Konzept der sich selbst erfüllende Prophezeiung
3.3 Stereotype-Threat-Theorie

4 Ethnische und kulturelle Vorurteile am Beispiel des Islam
4.1 Vorurteile und Stereotype an einem fiktiven Fallbeispiel

5 Mögliche schulische Interventions- und Präventionsmaßnahmen der vorurteilsbewussten Erziehung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Aufgrund von Globalisierung, Zuwanderung und der jüngsten Flüchtlingskrise sind sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte zunehmend häufiger mit ethnischen und kulturellen Vorbehalten und Vorurteilen konfrontiert, die enormes Konfliktpotenzial bergen. In Anbetracht der Tatsache, dass in Deutschland eine neunjährige Schulpflicht besteht und der daraus resultierenden hohen Einflussrate undlangen Aufenthaltsdauer der Schülerinnen und Schüler, ist es unbedingt und zwingend erforderlich und notwendig, dass vorurteilsbewusste Erziehung nicht erst nach der Schule im Elternhaus beginnt, sondern bereits in der Schule stattfindet. Durch die Umstrukturierung zu Ganztagsschulen mit zum Teil anschließender nachmittäglicher Betreuung, ist der Einfluss von schulischen Einrichtungen in den vergangenen Jahren nochmals stark gestiegen. Diesen Einfluss gilt es richtig zu nutzen.

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der vorurteilsbewussten Erziehung in der Schule mit der Ausrichtung auf Intervention, präventive Maßnahmen und deren Umsetzung. Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, wie und in welcher Form es möglich ist, Vorbehalten, Stereotypen und Vorurteilen entgegenzuwirken und ein respektvolles und friedliches Miteinander von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften zu fördern.

Um diese Frage beantworten zu können, werden zunächst einmal grundlegende Begriffe erläutert, deren Verständnis für den weiteren Verlauf wichtig ist. Im Anschluss daran wird auf die Ursachen und die Entstehung von Vorurteilen und drei damit in Zusammenhang stehenden wissenschaftlichen Ansätzen eingegangen, um ein Verständnis dafür zu erzeugen, wie das abstrakte Konstrukt Vorurteil beziehungsweise Stereotyp aufgebaut ist und welche möglichen Ansatzpunkte sich daraus ergeben, um diesen möglichst langfristig entgegenzuwirken. Konkretisiert werden diese Zusammenhänge anhand von ethnischen und kulturellen Vorurteilen an einem fiktiven Fallbeispiel aus dem Alltag eines Schülers, welches anschließend wissenschaftlich analysiert wird. Aus dem vorangegangenen Beispiel heraus ergeben sich mögliche präventive und intervenierende Maßnahmen, die im Anschluss daran erläutert werden. Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst und ein Ausblickdarauf gegeben, wie sich der Einfluss schulischer vorurteilsbewusster Erziehung zukünftig und möglicherweise langfristig auswirken kann.

2 Begriffsklärung

Im Folgenden werden die Begriffe „Vorurteil“, „Stereotyp“ und „Kategorisierung“ definiert und soweit möglich deren Unterschiede erläutert. Da diese Begrifflichkeiten im weiteren Verlauf dieser Arbeit häufig verwendet werden ist es wichtig, ein klares Verständnis dafür zu schaffen, um sie voneinander unterscheiden zu können und etwaigen Fehlinterpretationen vorzubeugen.

2.1 „Stereotyp“ und „soziale Kategorisierung“

Als Stereotyp wird, frei übersetzt aus dem Griechischen, ein „starres Muster“ bezeichnet (vgl. Duden, o.J.), welches sich aus subjektiven Eindrücken, Informationen und Überlieferungen zusammensetzt.Die „…relative Unveränderlichkeit und weitere Verbreitung [dieses Musters] gelten gemeinhin als die zwei Merkmale, die besonders durch empirische Untersuchungen gestützt sind“(Manz, 1974, S.41). Es wird unterschieden in Heterostereotyp und Autostereotyp: Ersteres bezieht sich auf eine fremde Gruppierung, die sogenannte out-group, der wir zumeist negative Eigenschaften zuschreiben, Letzteres auf die eigene Gruppe, die in-group, der wir positive Eigenschaften und schließlich auch uns selbst zuordnen(vgl. Pelinka, 2012, S. 9).

Die vollständige Erfassung der BedeutungStereotyp ist jedoch nicht ohne den Begriff der sozialen Kategorisierung möglich, da sie nahezu untrennbar miteinander verflochten sind. Soziale Kategorien sind ein vereinfachender und kognitive Ressourcen schonender Ordnungsrahmen zur Strukturierung und Vereinfachung unserer komplexen Umwelt (vgl. Petersen & Six, 2008, S.23f.). Menschen kategorisieren beziehungsweise systematisieren ihre Umwelt, um sichselbst die Verarbeitung der ständig auf sie einwirkenden äußeren Reize zu erleichtern -sie generalisieren. Modellhaft dargestellt bedeutet dies, dass wir beispielsweise ein Personenkraftfahrzeug automatisch der Kategorie Auto zuordnen und nicht jedes Mal aufs Neue zu prüfen beginnen, ob im vorliegenden Einzelfall auch alle spezifischen Eigenschaften erfüllt werden. Es fällt so leichter, sich im täglichen Leben und im sozialen Umfeld zurechtzufinden. Dabei sind die Kategorien jedoch keinesfalls unkorrigierbar manifestiert, es ist uns durchaus möglich Dinge aus unserer Umwelt in andere Kategorien zu verschieben, unsere vorhandenen Kategorien zu verfeinern oder sogar neue zu bilden, wenn wir feststellen, dass unser bereits vorhandenes Register nicht ausreicht (vgl. ebd., S.28). Soziale Kategorien vermitteln uns eine Art von Handlungssicherheit, sie verleihenunsdas Gefühl, die Komplexität der Welt und unseres direkten sozialen Umfelds zu verstehen. „Soziale Kategorisierung ist .. nicht nur ein kognitiver Prozess zur Systematisierung der komplexen Umwelt, sondern beeinflusst auch das Urteilen und Verhalten gegenüber den Kategorien und ihren einzelnen Mitgliedern.“ (ebd., S.224).

2.2 „Vorurteil“

Der Begriff des Vorurteils wird beschrieben als „… ablehnende oder feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe und deswegen dieselben zu beanstandenden Eigenschaften haben soll, die man der Gruppe zuschreibt“ (Petersen & Six, 2008, S.109). Ergänzend dazu muss jedoch gesagt werden, dass ein Vorurteil in seinen Grundfesten nichts anderes ist, als eine soziale Kategorie mit negativer oder positiver Konnotation(vgl. ebd., S.24). Vorurteile existieren nicht, wie man zunächst annehmen mag, ausschließlich in negativer Form, es gibt ebenso die Kehrseite der Medaille, also das positive Vorurteil, welches sich zumeist und insbesondere auf Mitglieder der eigenen Gruppe (in-group) bezieht (vgl. Pelinka, 2012, S.XII). Die verbreitete Annahme, ein Vorurteil müsse immer negativ sein, ist folglich falsch. Nichtsdestotrotz sind Vorurteile, genauso wie soziale Kategorien, „… Schubladen im Kopf, in die wir andere Menschen, Handlungen und Situationen stecken“ (Ahlheim, 2007, S.292).

3 Ursachen und Entstehung von Vorurteilen

Die Erklärung zu Ursachen und Entstehung von Vorurteilen ist im Grunde relativ einfach zu beschreiben: „Da wir mit den komplexen Realitäten der Gesellschaft zu Rande kommen müssen, neigen wir dazu, nach Erklärungen für das Ausschau zu halten, was so schwierig zu verstehen ist“ (Pelinka, 2012, S.XII). Wir sind folglich gar nicht in der Lage die Welt, in der wir leben, in Gänze und seiner gesamten Diversität zu begreifen und zu erfassen, daher ist ein Vorurteil lediglich ein natürlicher Mechanismus, um uns vor der Flut an Informationen, die wir gar nicht im Stande sind zu verarbeiten, zu schützen. „Jede Art von Vorurteil ist das Resultat einer Flucht vor der Komplexität“ (vgl. ebd., S.XII), denn es trägt dazu bei, sich in einer immer komplexer werdenden Welt zurechtzufinden, es fungiert als eine Art Kompass, der uns durch alltägliche Situationen navigiert.

Jede Kategorisierung und jeder Stereotyp trägt dazu bei, dass wir unsin unserer kreierten Welt, auf die wir uns eingestellt haben (vgl. Manz, 1974, S.7), besser zurecht finden können – denn durch sie sind wir in der Lage Menschen auch dann zu bewerten und einzuschätzen, wenn außer unserer verinnerlichten Stereotype und Kategorie nur wenige weitere Informationen zur Urteilsbildung vorliegen (vgl. Petersen & Six, 2008, S.24). Der Fehler, der dabei häufig begangen wird ist, dass wir zuerst definieren und wenn überhaupt erst danach unser Urteil prüfen und nicht andersherum (vgl. Manz, 1974, S.7). Dessen ist man sich viel zu selten bewusst.

3.1 Zwei-Faktoren-Modell der Eindrucksbildung

„Gemäß … [diesem Modell] nehmen wir eine Person zunächst einmal entsprechend den vorhandenen … Stereotypen wahr“ (Petersen & Six, 2008, S.38). Bei der Eindrucksbildung nach dem Zwei-Faktoren-Modell findet jedoch anschließend eine bewusste Differenzierung zwischen kategorialer und personalisierter Verarbeitung statt.

Kategorial (Top-Down) bedeutet, dass eine Person in eine bestimmte Kategorie eingeordnet wird und die „… weitere Wahrnehmung der Person durch das aktivierte Stereotyp bestimmt ist“ (ebd.). Die personalisierte (BottomUp) Verarbeitung hingegen stellt die persönliche Charakteristik der Person in den Fokus und ermöglicht es sie als Individuum zu betrachten. Es wird angenommen, dass die Entscheidung auf welche Weise wir eine Person wahrnehmen möchten, früh im Wahrnehmungsprozess gefällt wird und abhängig von Faktoren wie beispielsweise der Art der Beziehung zum Gegenüber ist (vgl. ebd.).“Je stärker man in eine Beziehung involviert ist, desto eher laufen personalisierte Verarbeitungsprozesse ab“ (ebd., S.38). Dies bedeutet, dass wir durchaus dazu in der Lage sind, uns von voreingenommenen Stereotypen und Kategorien zu lösen und auf gewisse Art und Weise frei und unbeeinflusst davon interagieren zu können, unter der Voraussetzung, sich seine eigenen Kategorien vor Augen zu führen und bewusst von ihnen loszulösen.

3.2 Das Konzept der sich selbst erfüllende Prophezeiung

Das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird ebenso wie beim Zwei-Faktoren-Modell deutlich, wie Vorbehalte, Erwartungen und Kategorien die Wahrnehmung von Anderen beeinflussen können, sowohl auf positive als auch auf negative Weise. Im Kern besagt diese Theorie, dass wenn wir ein bestimmtes Ergebnis erwarten, wir selbst dazu beitragen, dass dieses Ergebnis eintritt. Das Resultat wird als Bestätigung der erwarteten Haltung gewertet, man fühlt sich in seiner ursprünglichen Erwartungsannahme bestätigt. Dass man selbst dazu beigetragen hat, wird nicht wahrgenommen. Die „… sich selbst erfüllende Prophezeiung beschreibt, wie Erwartungen ihre eigene Wirklichkeit schaffen“ (Petersen & Six, 2008, S.80). Unsere Erwartungshaltung hat einen großen Einfluss auf uns, deshalb erleben wir oft das, womit wir rechnen. Wir beeinflussen andere und uns selber, sodass am Ende das eintritt, was wir erwartet haben.

Innerhalb der sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird unterschieden in „… (1) die erwartungskonsistente Bewertung von Informationen und (2) die tatsächliche Bestätigung von Verhaltensannahmen“ (ebd., S.80). Unter der verhaltenskonsistenten Bewertung wird die Wahrnehmung von Informationen entsprechend der ursprünglichen Annahmen verstanden, wohingegen bei der tatsächlichen Bestätigung die Erwartungshaltung des Wahrnehmenden auf das Wahrnehmungsobjekt übertragen wird, da der Wahrnehmende sich entsprechend seiner Erwartungen verhält. Durch dieses Verhalten ruft der Wahrnehmende Eigenschaften des Wahrnehmungsobjektes hervor, die seinen Erwartungen entsprechen. Bedingt durch die innere Erwartungshaltung des Wahrnehmenden wird das Wahrnehmungsobjekt unbewusst beeinflusst und weist Verhalten auf, welches unter neutralen Bedingungen nicht gezeigt worden wäre (vgl. ebd., S.81 f.).

Nachgewiesen wurde dieser Effekt durch den Professor der Psychologie Robert Rosenthal. In seiner berühmten Untersuchung zum Pygmalion-Effekt wurde das Leistungsverhalten von Schülern anhand von Intelligenztest gemessen. Zufällig wurden hierbei Schüler einer Klasse ausgewählt, denen eine Leistungssteigerung prognostiziert wurde. Den unterrichtenden Lehrkräften wurde anschließend mitgeteilt, bei welchen Schülern man eine Leistungssteigerung zu erwarten hätte. Über die Willkürlichkeit dieser Auswahl wurde Stillschweigen bewahrt. Dieselben Tests wurden nach acht Monaten wiederholt. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die zufällig ausgewählten Schüler „… einen größeren IQ-Zuwachs aufwiesen als die Schüler, von denen die Lehrer keine Fortschritte erwartet hatten“ (ebd., S.82).

Die Annahme, dass die sich selbst erfüllende Prophezeiung an dieser Stelle zum Tragen gekommen ist, ist naheliegend. Im vorliegenden Beispiel hat die Lehrperson, beeinflusst durch die Information, von welchen ihrer Schüler eine Leistungssteigerung zu erwarten wäre, unbewusst selber dazu beigetragen, dass dieses Ereignis auch eintritt. Beispielsweise hat sie die entsprechenden Schüler mehr gefördert, deren Beteiligung als besonders gut empfunden und den Schülern ebenso vermittelt, dass sie in der Lage sind, (noch) bessere Leistungen zu erzielen. Dies wiederum hat die Schüler zum Beispiel dazu veranlasst, sich reger am Unterrichtsgeschehen zu beteiligen, mehr für die Schule zu üben und ihr Selbstkonzept zum Positiven zu verändern, was sich schlussendlich im Ergebnis der erneuten Intelligenztests zeigte.

3.3 Stereotype-Threat-Theorie

Anhand der Stereotype-Threat-Theorie von Steele & Aronsonwird beschrieben, dasssich einGefühl der Bedrohung bei Personen(-gruppen) einstellt, die sich durch negative Stereotype beurteilt fühlen oder befürchten durch ihr eigenes Verhalten unbeabsichtigt negative Stereotype bezüglich ihrer eigenen Gruppe bestätigen, welches sich leistungsmindernd auswirken kann.

Es stellte sich heraus, dass das Leistungspotenzial einer Person deutlich negativ beeinflusst wird, wenn die betroffene Person durch negative Stereotype (Stereotype Threats) beeinflusst wird (vgl. Petersen & Six, 2008, S.88). Darüber hinaus wurde festgestellt, dass Personen, die durch Stereotype negativ beeinflusst werden, „… sich von Bereichen distanzieren – und folglich auch eine geringe Identifikation mit ihnen aufweisen – in denen sie mit negativen Stereotypen konfrontiert werden“ (vgl. ebd., S.89).

In den Studien von Steele & Aronson zur Untersuchung des Leistungspotenzials konnte, wie auch in den Untersuchungen von Rosenthal, konkret nachgewiesen werden, dass Personengruppen „… unter Testbedingungen signifikant bessere Leistungen zeigen, wenn das relevante Stereotyp nicht anwendbar ist … und folglich nicht als Bedrohung wahrgenommen werden kann“ (ebd., S.89). Die Ergebnisse dieser Studien zeigen deutlich auf, dass die Stereotype-Threat-Theorie und die Anwendung von Stereotypen in Bezug auf Leistungsunterschiede bei Fähigkeits-undIntelligenztests sehr relevant ist. Sie verdeutlicht, welche Auswirkungen Stereotype und Vorurteile haben können und wie stark sie uns beeinflussen.

Dies lässt sich jedoch nicht nur in Zusammenhang mit Testsituationen und Leistungsnachweisen feststellen, die Ergebnisse sind auch auf das tägliche Zusammenleben im sozialen sowie schulischen Umfeld anwendbar, worauf im späteren Verlauf dieser Arbeit noch weiter eingegangen wird.Es sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, was Stereotype und Vorurteile bei unserem Gegenüber bewirken und auslösen können. Vorurteile sind nicht ein Teilunserer selbst, sondern vielmehr nur ein„… Mechanismus der Projektion. Das heißt, daß [sic]Regungen, Ängste, Aggressionen, Wünsche nach außen, auf andere Personen verlegt werden“ (Ahlheim, 2007, S.324).

Speziell die Ängste und Aggressionen gilt es abzubauen und zu minimieren, damit wir den Menschen unvoreingenommener und freier begegnen können und sie sich nicht aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Kultur oder anderweitig stigmatisiert fühlen, zurückziehen und den Kontakt meiden.

4 Ethnische und kulturelle Vorurteile am Beispiel des Islam

Ethnische und kulturelle Vorurteile sind häufig auf Überfremdungsängste zurückzuführen, auf die Angst vor dem, was anders oder gar fremd ist, vor dem, das man nicht kennt. Rasch wird alles Unbekannte als bedrohlich und im gleichen Zug als negative Eigenart der Anderen empfunden (vgl. Benz, W. o.J., S.205). Anders - in diesem Zusammenhang -ist in der Regel mit ‚schlecht‘ oder gar ‚falsch‘ konnotiert, weil es nicht dem entspricht, was in der westlichen Welt gemeinhinals‚normal‘giltund überliefert wird.Es ist eine Abweichung von dem uns Bekannten aufgrund derer man sich besser darzustellen glaubt. „Die als negativ empfundenen Eigenarten der ‚Anderen‘, kulturell, ethnisch, religiös oder wie auch immer definiert, dienen der Hebung des eigenen Selbstbewusstseins …“ (ebd., S.205), indem man sich mehr oder weniger bewusst in die Position des vermeintlich Besseren, Richtigeren oder Überlegeneren begibt. Nur das Eigene, das Bekannte ist richtig und gut und alles, was von dieser überlieferten Norm abweicht, ist es nicht. Wie sollte es auch anders sein? Was von Urgroßeltern, Großeltern und Eltern vorgelebt wurde und wird und sich über Jahrzehnteund Generationenbewährt hat, kann nicht falsch sein. Auf diese Art wird das Überlieferte und Altbewährte zwangsläufig als richtig und Abweichungen davon als falsch angesehen. Die Möglichkeit, dass das Andere (auch) richtig sein könnte, wird nicht zugelassen, denn das würde an den Grundfesten unserer Überzeugungen rütteln und unser gesamtes Selbst(-konzept) infrage stellen. Folglich gilt diese Möglichkeit als nicht existent.

„Der Diskurs über Kopftuch und Minarett …“ und die Ablehnung der „… als bedrohlich stigmatisierten Kultur [des Islam]…“ (ebd., S.210) werden zusehends zum Sinnbild der rigorosen Unterscheidung zwischen Gut und Böse und der Erzeugung des Feindbilds Islam. Die Stereotypisierung und die Schaffung eben solcher Feindbilder und Vorurteile bedienen die Sehnsucht nach einer einfachen Welterklärung, die auf Schuldzuweisungen gründet. Entfacht oder vielmehr bekräftigt wurde die Angst vor dem Islam, vor dem, was wir nicht kennen und verstehen,unter anderem durch die Anschläge des elften September 2001 oder die jüngsten Geschehnisse auf einem Berliner Weihnachtsmarkt, einem Konzertsaal und einer Satire-Zeitung in Paris. Der Terror, begangen im Namen des Islam erzeugt aber nicht nur Angst und hat somit einen erheblichen Einfluss auf die Emotionen und den Intellekt der westlichen Gesellschaft (vgl. ebd., S.209ff.), er stigmatisiert zugleich auch alle Muslime und setzt so den Islam und Islamisierung, genauer gesagt „… die Mehrheit der Muslime mit der Minderheit der Islamisten ..“ (ebd., S.218) gleich, wobei das eine mit dem anderen aber nichts gemein hat. Doch diese Trennung wird allzu häufig nicht vollzogen, in den Köpfen entsteht ein „islamischer Einheitsbrei“, bei dem nicht mehr zwischen muslimischen Gläubigen und islamistischen Gewaltbereiten unterschieden wird. Genau diese Differenzierung wäre aber so wichtig, um der Verallgemeinerung des Feindbildes und der Reduktion auf Negativa, Gerüchte und Hörensagen etwas entgegenzusetzen. Es ist erschreckend, „…wenn .. die Verweigerung von Toleranz gegenüber der zu diskriminierenden Minderheit der Muslime als Attitüde der Verteidigung postuliert wird“ (ebd., S.210). Das gesetzte Ziel sollte es sein Toleranz zu üben und einen Beitrag zu leisten, um Diskriminierung und Ausgrenzung zu verhindern (vgl. ebd., S.218).

4.1 Vorurteile und Stereotype an einem fiktiven Fallbeispiel

Die fiktive Person, um die es in diesem Fallbeispiel geht, ist der 12-jährige deutsche Schüler Clemens. Er besucht die siebte Klasse einer Regional Schule in einem Rostocker Randbezirk. Neben seinen deutschen Mitschülern besuchen auch einigemuslimische Kinder mit Migrationshintergrund seine Klasse: der arabische 13-jährige Mohammed, der 12-jährige Hazan und die 12-jährige Yazemin, beide aus der Türkei. Im Laufe des Schultags von Clemens werden sich mehrere Situationen ergeben, die geprägt sind von Stereotypen und Vorurteilen, die im Anschluss an das Fallbeispiel analysiert werden.

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vorurteilsbewusste Erziehung in der Schule. Prävention und Intervention
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,8
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V417914
ISBN (eBook)
9783668669277
ISBN (Buch)
9783668669284
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vorurteilsbewusste, erziehung, schule, prävention, intervention
Arbeit zitieren
Carolin Hennings (Autor), 2017, Vorurteilsbewusste Erziehung in der Schule. Prävention und Intervention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417914

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