Das Kooperationsproblem in virtuellen Unternehmen - Eine kritische Analyse mit Lösungsansätzen


Diplomarbeit, 2003

61 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungen

Tabellen

Abkürzungen

1. Einführung

2. Das Vertrauensdilemma in virtuellen Unternehmen
2.1 Wesentliche Merkmale virtueller Unternehmen
2.2 Vertrauen als Kooperationsbasis in VU?
2.3 Informationsdefizit, Kommunikation und Vertrauen

3. Spieltheoretische Betrachtung von Vertrauen
3.1 Die Rolle von Vertrauen in Kooperationssituationen
3.2 Die Gefangenendilemma-Situation im VU
3.2.1 Untersuchung der Merkmale und Handlungsalternativen
3.2.2 "Schatten der Zukunft" - wie die Zukunft das gegenwärtige Handeln beeinflusst
3.2.3 Bedeutung von Sanktionsmöglichkeiten und drohender Vergeltung im VU

4. Systemtheoretische Betrachtung von Vertrauen
4.1 Ausgewählte Aspekte der Vertrauensbildung
4.1.1 Zeitperspektive, Erfahrungen und Vertrauensbildung
4.1.2 Reduktion von Komplexität durch Vertrauen
4.1.3 Kontrolle des Vertrauens
4.2 Systemvertrauen
4.2.1 Kontrolle im System
4.2.2 Die Grenzen des virtuellen Systems

5. Vertrauensbildung im Netzwerk Virtuelles Unternehmen
5.1 Das Virtuelle Unternehmen als Unternehmensnetzwerk
5.2 Reputation in Virtuellen Unternehmen
5.3 Unternehmenskultur in Virtuellen Unternehmen

6. Kritisches Resümee

Literatur

Abbildungen

Abb. 3-1: Auszahlungsmatrix der Unternehmen A und B bei alternativ wechselseitiger Kooperation bzw. wechselseitiger Defektion.

Abb. 3-2: Auszahlungsmatrix der Unternehmen bei einseitiger Kooperation, bzw. einseitiger Defektion

Abb. 3-3: Auszahlungsmatrix im "Informationstransfer-Dilemma"

Abb. 3-4: Individuelle Handlungspräferenzen bei einmaligem Spiel.

Abb. 6-1: Untersuchungsfortgang und Ergebniszusammenfassung Fehler! Textmarke nicht definiert.

Tabellen

Tabelle1: Abgrenzung der Virtuellen Organisation

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

Die am häufigsten genannten Merkmale in den oft nicht ganz einheitlich lautenden Definitionen des virtuellen Unternehmens (hier im folgenden in einem übergreifenden Netzwerk-Kontext, auch virtuelle Organisation ge­nannt) sind die rechtliche Selbstständigkeit, räumliche Verteiltheit, und die intendiert temporäre Zusammenarbeit der Akteure (Scholz 1994 b, S.38). Aus dem Verzicht auf eine zentrale Koordinationsinstanz und wegen der damit einhergehenden vermeintlichen Kostenersparnisse sowie der Flexibi­litätserhöhung erhoffen sich die VU (Virtuellen Unternehmen) Effizienzvor­teile gegenüber herkömmlichen Organisationsformen. Als Koordinations­mechanismus und Basis für die Kooperation wird an Stelle dessen auf das gegenseitige Vertrauen der Akteure abgestellt.

Fraglich ist jedoch wie es zu der Ausbildung von Vertrauen zwischen den Kooperationspartnern in VU überhaupt kommen soll. Insbesondere stellt sich diese Frage mit Blick auf die konstitutionellen Merkmale der VU, die den in der einschlägigen Literatur vorzufindenden Entstehungsbedingun­gen von Vertrauen (vgl. z. B. Luhmann 1989) zumindest auf den ersten Blick nicht zu entsprechen scheinen. Kann Vertrauen im VU demnach überhaupt entstehen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.

Die Problemstellung soll in Abschnitt 2 näher verdeutlicht werden. Im Vor­feld der Untersuchung werden dazu das zugrunde gelegte Verständnis und die untersuchungsrelevanten Merkmale von VU abgebildet. Einführend fol­gen dann, angesichts ihrer besonderen Bedeutung bei der Ausgestaltung von (Kooperations-) Beziehungen im VU, Betrachtungen zum Thema Kommunikation bzw. Information.

Die Bedingungen die eine (Kooperations-) Situation im VU kennzeichnen werden im dritten Abschnitt mittels spieltheoretischer Erkenntnisse über Entstehungsbedingungen von Kooperation näher untersucht. Die Unter­nehmen, die sich zu einem VU zusammenschließen, werden hier auch als einzelne "Akteure" aufgefasst, deren Interaktion sodann ähnlich der zweier Individuen untersucht werden kann. Somit wird die Anwendung der Unter­suchungen von Robert Axelrod (1995) möglich, der die Entstehung von Kooperation auf Grundlage der Gefangenendilemma-Situation analysiert hat. Diese sollen die Identifizierung erster vertrauensrelevanter Merkmale und deren Ausprägungen im VU ermöglichen. Insbesondere wird dabei dem Zeithorizont, in dem die Zusammenarbeit stattfindet, genauer der "Dauerhaftigkeit", bzw. "Wiederholbarkeit" der Interaktion, bei der Ausbil­dung von Vertrauen zwischen zwei Akteuren im VU eine bedeutende Rolle zukommen.

In Abschnitt drei dieser Arbeit werden dann ausgewählte Vertrauensas­pekte aus systemtheoretischer Perspektive näher betrachtet und in ihrer Ausprägung und Bedeutung für Vertrauen im VU diskutiert. Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann (1989) hebt die Bedeutung des Vertrauens für die Reduktion von (Umwelt-) Komplexität hervor, was den Blick auf die VU als ein hoch komplexes und "dynamisches " System" lenkt. Das Systemvertrauen als eine besondere Form des Vertrauens, das sich nicht auf einzelne Personen, bzw. Akteure, sondern auf (soziale und/oder ökonomische) Systeme bezieht, könnte im VU daher an die Stelle von Per­sönlichem Vertrauen treten. Dies wird hier geprüft und durch einige Überle­gungen zum VU in seiner Eigenschaft als System abgerundet.

Im Anschluss daran steht das VU mit seinen Eigenschaften als Netzwerk-Organisation im Mittelpunkt der Betrachtungen. Untersucht wird, ob die VU als Netzwerk den Aufbau von Reputation ermöglicht und so­mit die Vertrauensbildung seiner Mitglieder beeinflussen kann. Ein weiteres häufig in seiner Vertrauen beeinflussenden Wirkung hervorgehobenes Element ist die Unternehmenskultur. Abschließend wird am Ende dieser Arbeit die Möglichkeit einer gemeinsamen Unternehmenskultur im VU, im Sinne von gemeinsamen Werten und Normen beleuchtet.

2. Das Vertrauensdilemma in virtuellen Unternehmen

2.1 Wesentliche Merkmale virtueller Unternehmen

Die in der Literatur angeführten Definitionen und Merkmale virtueller Orga­nisationen sind vielfältig und mehr oder weniger umstritten (vgl. Weibler/Deeg 1998, S. 107-124.; Mertens et al. 1998, S. 3; Becker, 1999). Eine „trennscharfe Operationalisierung“ der VU findet daher nur selten statt (vgl. Scholz 1994 b, S.12).

Dem soll hier begegnet werden durch die Fokussierung des Untersu­chungsinteresses auf den Gegenstand des VU aus institutioneller Sicht als eine „interorganisatorische Verbindungsform von organisatorischen Ein­heiten außerhalb der Unternehmensgrenzen“, die „virtuelle interorganisati­onale Kooperation“ (vgl. Scholz 1996, S. 205), mit einer definitorischen Eingrenzung bestimmter, als zentral erachteter Merkmale und konzeptio­neller Bausteine.

Virtuelle Organisationen werden im Folgenden ihrer Grundidee (vgl. Scholz 1996, S: 208) nach, als Netzwerke von Unternehmen betrachtet, die

„…in ihrer reinen Form als temporäre, projekthafte Kooperationen von rechtlich selbständigen Unternehmen verstanden [werden können], die mittels gemeinsamer IKT-Architektur (technologische Komponente) und durch die Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette (prozessuale Komponente) individuell auf Kundenbedürfnisse (kontextuelle Komponente) abgestimmte Produkte - idealiter zum Zeitpunkt der Nachfrage - erzeugen, ohne daß dem Kunden die arbeitsteilige Leistungserbringung auch nur an­satzweise transparent wird“ (Weibler/Deeg 1998, S. 109). "Die Verbundor­ganisation verzichtet weitgehend auf die Institutionalisierung zentraler Funktionen" (Klein 1994, S. 309, zitiert nach Weibler/Deeg 1998, S. 109).

Ähnlich definieren auch Vertreter der Wirtschaftsinformatik den Begriff des VU als

„…eine Kooperationsform rechtlich unabhängiger Unternehmen, Institutio­nen und/oder Einzelpersonen, die eine Leistung auf Basis eines gemein­samen Geschäftsverständnisses erbringen. Die kooperierenden Einheiten beteiligen sich an der Zusammenarbeit vorrangig mit Ihren Kernkompeten­zen und wirken bei der Leistungserstellung gegenüber Dritten wie ein ein­heitliches Unternehmen. Dabei wird auf die Institutionalisierung zentraler Managementfunktionen zur Gestaltung, Lenkung und Weiterentwicklung des VU weitgehend verzichtet und der notwendige Koordinations- und Ab­stimmungsbedarf durch geeignete Informations- und Kommunikationssys­teme gedeckt. Das VU ist mit einer Mission verbunden und endet mit dieser“ (Mertens et al. 1998, S. 3).

In Anlehnung an diese beiden Definitionen sollen im Vorfeld der Untersu­chung diejenigen Merkmale hervorgehoben und beschrieben werden, die für die Untersuchung des Phänomens "Vertrauen in Virtuellen Unterneh­men" relevant sein könnten.

1) Lose Kopplung der organisatorischen Einheiten

Die Partnerunternehmen des VU sind rechtlich unabhängig, haben "kein gemeinsames juristisches Dach" (Scholz 1994 b, S: 19), treten jedoch nach außen hin als ein einheitliches Unternehmen auf. Die Zusammenarbeit ba­siert auf einem eher lockeren Zusammenschluss der Teilnehmer und Kon­trollmechanismen, die sicherstellen, dass jeder Teilnehmer seinen Teil der Leistung ordnungsgemäß erbringt, existieren nur eingeschränkt (vgl. Weibler/Deeg 1998, S. 112).

Verträge über eine zeitlich begrenzte Zusammenarbeit werden, u. a. auf­grund von Vertragskosten, nur mündlich oder auf elektronischem Wege getroffen, und bleiben aufgrund der Unabsehbarkeit zukünftiger Anforde­rungen notwendigerweise unvollständig (vgl. Mertens 1994, S. 169). "Zu­dem würde eine detaillierte Beschreibung verschiedenster zukünftiger Ent­wicklungen und entsprechend starre Regelungen dem offenen und dyna­mischen Charakter der Kooperation und damit auch ihren strategi­schen Zielen widersprechen" (Szyperski/Klein 1993, S. 199; vgl. Scholz 1994 b, S. 20). Eine vertragliche Bindung liegt somit nur in informaler, zeit­lich befris­teter Form vor (vgl. Scholz 1994 b, S. 20).

Dieses Merkmal lässt darauf schließen, dass Sanktionsmöglichkeiten für defektives Verhalten nicht vorhanden, oder zumindest nur unter erschwer­ten Bedingungen durchsetzbar sind (vgl. Steven/Otterpohl 2000, S. 181). Im Folgenden ist daher zu prüfen, ob Sanktionsmöglichkeiten in anderer Form als auf rechtlichem Wege existieren.

2) Entmaterialisierung

Das Attribut der „Virtualität“, das immer auch das Fehlen von bestimmten physischen Attributen des ursprünglichen Objektes bedeutet (vgl. Scholz 1994 b, S5), weist auf einen Übergang vom Materiellen zum Immateriellen hin (vgl. Linde 1997, S:39), und impliziert somit eine räumliche und zeitliche Flexibilität der VU. Diese wird realisiert durch die folgenden zwei Merkmale:

a) Räumliche Verteiltheit der Unternehmen

Die Akteure des VU können durchaus als "physisch-reale“ Unternehmen existieren, müssen sich jedoch nicht in räumlicher Nähe befinden, ja sogar ein persönliches Zusammentreffen ihrer menschlichen Vertreter wird origi­när nicht vorausgesetzt. Da die Kommunikation im VU im Wesentlichen mittels ausgereifter IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) erfolgen soll (vgl. Scholz 1994 b, S.20), ist auch ein Zusammenschluss von weltweit angesiedelten Unternehmen zu einem VU möglich.

Dies hat zur Folge, dass sich Verhaltensweisen des Kooperationspartners nicht, oder nur schwer beobachten und kontrollieren lassen. Die Zusam­menarbeit zwischen den Partnern ist daher in ganz besonderem Maße von einer intensiven Kommunikation und von einem offenen Informationsaus­tausch abhängig.

b) Flexibler, temporärer Charakter der Zusammenarbeit

"Agiert die Organisation in einer dynamischen Umwelt, ist sie im Zeitablauf mit sich wandelnden Kundenbedürfnissen konfrontiert. Je dynamischer die Umwelt der Organisation ist, desto schneller und stärker vollzieht sich die Wandlung der Kundenbedürfnisse" (Tomenendal 2002, S.2).

Die Zusammenarbeit im VU ist zeitlich befristet (Scholz 1994, S. 21). Die Unternehmen schließen sich flexibel, idealiter zum Zeitpunkt der Kunden­anfrage (vgl. Weibler/Deeg 1998, S. 109) zum VU zusammen. Ihr Ziel ist die Ausnutzung zeitlich begrenzter Marktpotentiale, weshalb die Koopera­tion intendiert temporär ist (vgl. Olbrich 1994, S. 28; Schräder 1996, S.32, zitiert nach Steven/Otterpohl 2000, S. 179). Die Organisationsstruktur ist variabel und damit nicht starr (Scholz 1994 b, S.20), so dass sich auch die Unternehmensgrenzen im Fluss befinden (vgl. Linde 1997, S.48).

3) Keine zentrale Koordinationsinstanz

Die Partner in einem VU sind gleichberechtigt, es werden keine (zusätzli­chen) Hierarchien eingeführt. Zur Senkung der Gemeinkosten und Erhal­tung der Flexibilität (u. a. in zeitlicher Hinsicht) verzichten sie weitgehend auf Institutionalisierung zentraler Funktionen (vgl. Steven/Otterpohl 2000, S. 179), so z. B. eine unternehmensübergreifende Leitung, Planung, Ent­scheidung und Kontrolle (vgl. Scholz 1994 b, S. 20). Die Koordination soll durch Selbstorganisation erfolgen (vgl. Scholz 1997, S. 331; Sydow 1992, S. 116; Weibler/Deeg 1998, S. 113).

Je nach Ausprägung dieser Merkmale, lässt sich auch das „Ausmaß der Virtualisierung“ des Unternehmens unterscheiden. Stellenweise wird dies auch durch den Begriff des Virtualisierungsgrades (vgl. Wüterich et al. 1997, S. 229) ausgedrückt. „Virtuell“ bezeichnet etwas, das die „Eigen­schaften anderer Dinge besitzt“, das zwar nicht real, aber doch der Mög­lichkeit nach existiert, im Sinne einer „Als-ob-Realität“. „Virtuell“ kann auch mit Begriffen wie „anpassungsfähig“ und „interaktiv“ in Verbindung gebracht werden (vgl. Davidow/Malone 1997, S.13; Mertens/Faisst 1996, S. 280).

Zur Abgrenzung des VU zu „klassischen“ Kooperationsformen führt Scholz (1994, S. 12) folgende Merkmale an:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle1: Abgrenzung der virtuellen Organisation

Quelle: angelehnt an Scholz (1994 b, S.129).

Das Ziel, das mit dem Konzept des VU verfolgt wird, ist eine Ausnutzung von temporären Marktpotentialen, was durch den flexiblen Charakter des VU ermöglicht werden soll. Der entscheidende Vorteil moderner Organisa­tionsmodelle, so auch der VU, gegenüber herkömmlichen Formen der Un­ternehmensorganisation wird in ihrer organisationalen Einfachheit gesehen (vgl. Weibler/Deeg 1998, S. 113).

"Um Kundenbedürfnisse, die sich stark wandeln, optimal zu befriedigen, muß die Organisation ein hohes Maß an Flexibilität aufweisen, das heißt, Umfang und Art der Tätigkeit der Organisation müssen eine hohe Variabi­lität im Zeitablauf besitzen" (Tomenendal 2002, S.2). Diese Flexibilität soll vor allem durch die "lose Kopplung organisatorischer Einheiten und die ar­beitsteilige und dezentrale, marktnahe Erstellung von Leistungsprozessen" (vgl. Weibler/Deeg 1998, S. 113) erreicht werden.

"Insgesamt ergibt sich das Modellbild eines offenen Handlungssystems zur Abbildung einer hoch flexiblen Organisation, in der sich Strukturen nur für kurze Zeit, an einzelnen Orten, ohne ausgeprägte Bindungskraft bilden, um sich „fließend" (Linde 1997, S. 49) jederzeit optimal an Kundenbedürfnisse anpassen zu können" (vgl. Tomenendal 2002, S.28 f.).

2.2 Vertrauen als Kooperationsbasis in VU?

Aus den dargestellten konstitutiven Merkmalen von VU, insbesondere dem Fehlen einer zentralen Instanz, die die Zusammenarbeit zwischen den Ak­teuren sicherstellt, geht ein weiteres in der Literatur oft gefordertes konsti­tutives Merkmal hervor: das Vertrauen der Akteure zueinander als Basis und Grundlage der Kooperation in der VU. "Vertrauen wird zu einer notwendigen Voraussetzung für deren Existenz, da es als ein konstitutives Merkmal von Netzwerkorganisationen, virtuellen und verteilten Unterneh­mensstrukturen gilt" (vgl. z.B. Powell 1996; Sydow 1996; Handy 1995; Loose/Sydow 1994; Wurche 1994; Reichwald et al. 2000, zitiert nach Picot et. al. 2003, S. 123; vgl. auch Szyperski/Klein, S. 199; Scholz 1994 b, S. 129). Nach Picot et al. (2003, S. 124) kann Vertrauen sogar einen wich­ti­gen Wettbewerbsvorteil konstituieren.

Während die Notwendigkeit von Vertrauen in interkooperativen Beziehun­gen, so insbesondere im VU, vielerorts betont und überzeugend begründet wird (vgl. z. B. Wurche 1994), fehlt es noch an näheren Erklärungen wie dieses "gleichsam von selbst" entstehen soll. An Stelle dessen wird es häufig einfach als konstituierendes Merkmal und Prämisse für die Zusam­menarbeit im VU festgestellt (vgl. Weibler/Deeg 1998, S. 116). "VU setzen bekanntermaßen auf ein Vertrauen, das a priori gar nicht vorhanden ist, sondern erst geschaffen werden muß." (Weibler/Deeg 1998, S. 116).

Mit Blick auf die oben beschriebenen konstitutiven Merkmale des VU fragt sich jedoch, wie zwischen den Akteuren, die rein informationstechnisch miteinander verbunden sind und bei wechselnder Mitgliedschaft intendiert zeitlich begrenzt zusammenarbeiten, Vertrauen überhaupt entstehen soll (vgl. Sydow 1996, S. 12; Tomenendal 2002, S. 2; Weibler/Deeg 1998, S. 116). Vielmehr könnte die Vermutung nahe liegen, dass diese infolge ihrer Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der Akteure zwar Vertrauen im VU unbedingt erforderlich machen, doch einer Vertrauensbildung gerade ent­gegenstehen, diese unter Umständen sogar unmöglich machen. Dies würde ein Dilemma bei der Ausgestaltung des VU und stringenter Anwen­dung des Grundkonzeptes darstellen (vgl. Sydow 1996, S. 12).

Nach Niklas Luhmann (1989) beruht Vertrauen auf Täuschung. "Eigentlich ist nicht so viel Information gegeben, wie man braucht um erfolgssicher handeln zu können. Über fehlende Information setzt sich der Handelnde willentlich hinweg" (Luhmann, 1989, S. 33). Doch findet dies keineswegs ohne jeden Zusammenhang mit der Umwelt statt, "(…) vielmehr sind die Strukturen der Umwelt, vor allem die der Sozialordnung, durchaus von Be­deutung für die Frage, ob und in welcher Form Vertrauen gedeihen kann" (Luhmann 1989, S. 34). Wenn Vertrauen ohne Rücksicht auf Partner, Situ­ation und Umstände rein internen Bedingungen folgt, ist dies eine "Art pa­thologisches Vertrauen" (vgl. Luhmann 1989, S: 34). In der Regel ist aber davon auszugehen, dass der Mensch objektive Anhaltspunkte dafür sucht, ob Vertrauen gerechtfertigt ist oder nicht. Man kann sich nicht vollständig und zuverlässig über künftiges Verhalten anderer informieren, doch können durch die Information über gewisse strukturelle Eigenarten des sozialen Systems, in dem man agiert, notwendige Anhaltspunkte für eine Vertrau­ensbildung gewonnen werden, um so den "Informationsmangel (zu) überbrücken" (vgl. Luhmann 1989, S: 40).

Damit richtet sich der Blick auf das Konzept der VU und auf die Frage, wel­che "Anhaltspunkte" für eine Vertrauensbildung ein vertrauengebender Akteur, explizit oder implizit sowie bewusst oder unbewusst, vorfinden kann. Dies soll im Einzelnen im Fortlauf dieser Arbeit beleuchtet werden. Methodisch stellt sich in der vorliegenden Arbeit also die Frage, ob die dem Konzept des VU zugrunde liegenden, konstitutiven Merkmale mit den Ent­stehungsbedingungen von Vertrauen vereinbar sind, und führt sodann im Ergebnis zu der Antwort auf die originäre Frage, ob eine Ausbildung von Vertrauen im VU möglich ist oder nicht.

2.3 Informationsdefizit, Kommunikation und Vertrauen

Schon Davidow und Malone (1997, S. 65) sahen Informationen als die "treibende Kraft der virtuellen Unternehmen". Insbesondere das Merkmal der räumlichen Verteiltheit und das Ziel der zeitlichen Flexibilität der Koope­rationspartner erfordert eine enge und gleichzeitig flexible Kommunikati­onsanbindung. "Diese dient vor allem dazu, sich auszutauschen, sich ab­zustimmen, Feedback zu geben sowie den Zugang zu gemeinschaftlichen [oder jeweils unternehmenseigenen] Datenbeständen, Projektunterlagen usw. einfach und schnell zu ermöglichen" (vgl. Pribilla et al. 1996, S. 252, zitiert nach Hesch 1997, S.144). Diese offenen IKT-Systeme sollen einen weitreichenden Einblick in die Aktivitäten der Netwerkpartner erlauben, und gar "partiell aufwendige vertrauensbildende Maßnahmen" ersetzen und zugleich unterstützen (vgl. Miles/Snow 1986, S. 64-66, zitiert nach Szyperski/Klein 1993, S:194).

Kommunikation kann über einen reinen Informationsaustausch hinaus auch dazu dienen, Reputation aufzubauen, und somit die Vertrauensbildung be­einflussen. Doch muss Kommunikation dazu gewissen Anforderungen ge­recht werden: "Wesentlich für den Aufbau von Reputation ist (…) die Häu­figkeit und Offenheit der Kommunikation, so daß Vertrauenswürdigkeit und -bereitschaft steigen" (vgl. Loomis 1959; Sako 1992, S. 126-133; Borch 1994, zitiert nach Eggs 2001, S.98). Mit den notwenigen Bedingungen, die Kommunikation in dieser Hinsicht erfüllen muss, beschäftigt sich Abschnitt 5.2 eingehender.

Kommunikation bildet also einen wichtigen und geeigneten Rahmen, in dem Vertrauen ausgebildet und etabliert werden kann. Doch stellt sich die Umsetzung dieses zentralen Erfolgsfaktors "Kommunikation", bzw. Infor­mation keineswegs unproblematisch dar. Ein "Vertrauensproblem" ergibt sich, wenn bei bestehenden Informationsasymmetrien die Gefahr der op­portunistischen Ausnutzung der Informationen durch den Empfänger be­steht (vgl. Picot et al. 2003, S. 131; Szyperski/Klein 1993, S. 194). Denn durch "Informationsfreigabe" machen sich die Partner eben auch verwund­bar (Sprenger 2002, S. 107 ff.), was Vertrauen bereits voraussetzt, und die geforderte "offene Kommunikation" im Allgemeinen recht fraglich erscheinen läst.

Im Hinblick auf Vertrauensbildung ergibt sich die Paradoxie, dass die Bil­dung von Vertrauen Kommunikation voraussetzt, ebenso wie gewisse For­men der Kommunikation Vertrauen bereits erfordern (vgl. Picot et al. 2003, S. 131). Kommunikation allein also generiert nicht Vertrauen. Denn über die Vertrauenswürdigkeit des Informationsgebers - man könnte hier unter dem Vertrauensaspekt auch vom Vertrauensgeber sprechen - entscheidet letztendlich die nachfolgende Realisation dessen, was dem Informations­empfänger (Vertrauensnehmer) gegenüber mittels verschiedener Kommu­nikationskanäle (Worte, konkludentes Verhalten, oder auch über IKT) mit­geteilt wurde (vgl. Picot et al. 2003, S. 131; Luhmann, 1989, S.41).

"Die Bildung von Vertrauen ist häufig auf leicht interpretierbare Situationen angewiesen und setzt die Fähigkeit voraus, kommunikative Äußerungen und Signale Dritter möglichst korrekt deuten zu können" (Picot et al. 2003, S. 131). " Kommunikation ist nicht nur Information, sondern auch Interaktion (vgl. Schulz von Thun 2000, S. 82) und beinhaltet neben wörtlich über­mittelten Informationen auch Nachrichten auf der nonverbalen Ebene, d.h. Stimme, Körpersprache und Mimik, deren Wahrnehmung durch den Infor­mationsempfänger für das richtige Verständnis der Nachricht von großer Bedeutung ist (vgl. Schulz von Thun 2000, S. 82; Molcho 1983, S. 16). Im VU, dessen Akteure nur über IKT miteinander kommunizieren, d. h. über Technik nicht über "Person", lässt sich in diesem Sinne auf der Interakti­onsebene ein Defizit feststellen. Bedenkt man, dass Kommunikation immer auch ein Teil von Selbstdarstellung ist (vgl. Schulz von Thun 2000, S: 106 ff; Molcho 1983, Luhmann 1989, S. 40 f.), die man nur im Ganzen erfassen und richtig verstehen kann, dann reicht die Interpretation einzelner Teile nicht aus (vgl. Molcho 1983, S. 18). Wo persönliche Treffen nur die Aus­nahme bilden, bleibt auch eher verborgen, was nicht gesehen werden soll.

Damit sind dem Einsatz der IKT besonders dann "immanente Grenzen ge­setzt (…), wenn persönliche Anwesenheit und zwischenmenschliche Face-to-face-Kommunikation zur Lösung von Informations- und Kommunikati­onsproblemen erforderlich sind" (Picot et al. 2003, S. 298). Zum Dilemma, das sich aus der Erfordernis der Kommunikation über IKT und der damit je­doch verbundenen (Rest-) Anonymität zwischen den Akteuren ergibt, be­merkt Handy ( 1995, S. 46): "Paradoxically, the more virtual an organization becomes, the more its people need to meet in person (…) Videoconferences are more task focused, but they are easier and more productive if the individuals know each other as people, not just as images on the screen".

Dem Urteil von Picot et al. (2003, S: 298) nach kann der Aufbau von Ver­trauen zwischen den Kooperationspartnern nicht ohne persönlichen Kon­takt realisiert werden, wobei Telekommunikation "höchstens eine unterstüt­zende Funktion (…)" im Rahmen der Interaktionen einnehmen, und nicht etwa "partiell aufwendige vertrauensbildende Maßnahmen" ersetzen kann (vgl. Miles/Snow 1986, S. 64-66, zitiert nach Szyperski/Klein 1993, S:194). Für diese Einschätzung dürfte auch ein Ergebnis der Feldstudie von Mertens et al. (1998) zu den Möglichkeiten und Grenzen der Informations­verarbeitung in virtuellen Unternehmen sprechen: hier konnte beobachtet werden, "(…) daß Unternehmen elektronische Formen der Kommunikation lediglich zur Feinabstimmung einsetzen. Die Grobkoordination, also die Allokation von Ressourcen sowie die generelle Regulation, erfolgen eher face to face oder aber hierarchisch, im letzten Fall teilweise elektronisch unterstützt (vgl. Sieber 1996, zitiert nach Mertens et al. 1998).

Vielmehr ist der Blick zusätzlich auf das Problem zu richten, dass die Virtu­alisierung oftmals eine Anpassung der informationstechnischen Infrastruk­tur, das heißt die Einführung neuer IKT – Produkte, erfordert. Die damit verbundenen technischen und finanziellen Probleme sollen hier nicht Ge­genstand der Diskussion sein, doch ist ein möglicher Widerstand der Mitar­beiter in den "realen" Unternehmen ein Faktor, der sich negativ auf die Vertrauensbildung auswirkt. Diese könnten damit überfordert sein, gleich­zeitig mit Unternehmen zu kooperieren die sie nicht kennen, ein u. U. neues Produkt zu entwickeln, bzw. "die eigentliche Mission zu verfolgen", und neue Informationstechnik für das VU kennen zu lernen (vgl. Mertens et al. 1998, S. 129).

Es bleibt daher festzuhalten, dass der lediglich über IKT erfolgende Kontakt der Akteure in VU, ohne ein persönliches Treffen, als ein Faktor identifiziert werden kann, der einer Vertrauensbildung in der Realität der "virtuellen Wirtschaft" entgegenstehen kann, sie mit Sicherheit zumindest aber erschwert.

3. Spieltheoretische Betrachtung von Vertrauen

3.1 Die Rolle von Vertrauen in Kooperationssituationen

Zahlreiche Untersuchungen zum Vertrauensthema finden sich in der spiel­theoretischen Theorie und Praxis. Zur empirischen Überprüfung und Beo­bachtung kooperativen Verhaltens finden hier experimentelle Spiele Anwendung, insbesondere auch das Gefangenendilemma-Paradigma (vgl. Koller 1990, S.2; Weibler 2001, S.194). Dabei geht es um die Beobachtung kooperativen bzw. nicht-kooperativen Verhaltens, wodurch dann auf das "verborgene Konstrukt" Vertrauen geschlossen wird (vgl. Weibler 2001, S. 194). "Die Wahl eines Kooperativen Spielzuges wurde dabei mit Vertrauen gleichgesetzt, da Kooperation mit dem Risiko einhergeht, ausgenutzt zu werden." (Koller 1990, S.2). Auch Deutsch definierte und operationalisierte Vertrauen bereits als die Wahl einer risikoreichen Verhaltensweise (vgl. Deutsch 1976, S.140).

Obgleich sich bei Einnahme eines solchen Blickwinkels ein enger Zusam­menhang zwischen Vertrauen und Kooperation feststellen lässt, gilt jedoch zu beachten, dass "Kooperation nicht ausschließlich zur Bestimmung von Vertrauen benutzt werden kann" (Good 1988, zitiert nach Weibler 2001, S. 194). Beispielsweise kann kooperatives Verhalten lediglich das Ergebnis mangelnder besserer Verhaltensalternativen sein, oder zufälliges, sich selbst verstärkendes Verhalten, ohne dass es in solch einem Fall des Vertrauens der Akteure bedarf (vgl. Weibler 2001, S. 194).

Erst der Umstand, dass die den "Experimentalsituationen" zugrunde ge­legten Idealbedingungen realiter selten vollständig gegeben sind, begrün­det die Notwendigkeit von Vertrauen in solchen Situationen. So sind in typi­schen Kooperationssituationen in der Praxis möglicherweise Handlungs­spielräume nicht völlig kontrollierbar, zukünftige Erträge unge­wiss, oder aber nichtkooperatives Verhalten (Defektion) aufgrund von feh­lenden Überwachungsmöglichkeiten nicht ohne weiteres aufzudecken und beob­achtbar. Diese "Begründungslücke" Kooperativen Verhaltens gilt es dann doch mittels Vertrauen der Akteure zueinander zu überbrücken (vgl. Wurche 1994, S.151; Weibler 2001, S. 195). Vertrauen wird hier als eine geeignete Motivation betrachtet, diese "Begründungslücke" zu schließen. Nach Wurche (1994, S.144) "(…) erweist es sich als zweckmäßig, Ver­trauen als eine notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung zu rekonstruieren, ohne die die (beiderseitigen) Chancen einer Kooperation nicht nutzbar sind; jedoch zielt Vertrauen damit durchaus der Gewinner­zielung des einzelnen Akteurs bzw. Unternehmens und ist von einer altru­istischen Sichtweise zu unterscheiden.“

[...]

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Das Kooperationsproblem in virtuellen Unternehmen - Eine kritische Analyse mit Lösungsansätzen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fachbereich Wirtschaftswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
61
Katalognummer
V41803
ISBN (eBook)
9783638399944
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kooperationsproblem, Unternehmen, Eine, Analyse, Lösungsansätzen
Arbeit zitieren
Agica Reiser (Autor), 2003, Das Kooperationsproblem in virtuellen Unternehmen - Eine kritische Analyse mit Lösungsansätzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41803

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