Ignaz Semmelweis Erfindung des Desinfektionsmittels. Ist dessen alltäglicher Gebrauch tatsächlich notwendig?


Seminararbeit, 2017
24 Seiten, Note: 15 (0,67)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ignaz Semmelweis – Retter der Mütter

2 Geschichtlicher Hintergrund zu Semmelweis‘ Beteiligung an der Erfindung des Desinfektionsmittels
2.1 Notwendigkeit durch hohe Mortalitätsrate aufgrund des Kindbettfiebers
2.2 Ursachen der hohen Infektionsrate
2.3 Empfehlung zur Händedesinfektion
2.4 Reaktionen auf Semmelweis‘ Erfindung
2.5 Psychische Erkrankung und Tod

3 Inhaltsstoffe von Desinfektionsmitteln früher und heute

4 Versuch zum alltäglichen Gebrauch von Desinfektionsmitteln
4.1 Material und Methoden
4.2 Ergebnisdarstellung
4.3 Diskussion der Versuchsergebnisse

5 Potenzielle Gefahr der Entstehung von multiresistenten Keimen

6 Anhang
6.1 Quellen
6.2 Rohdaten

1 Ignaz Semmelweis – Retter der Mütter

„In den Händen der Ärzte“ – ein solcher Buchtitel lässt zunächst auf einen kitschigen Krankenhausroman schließen, in dem die zumeist weiblichen Patienten ihr Schicksal den Halbgöttern in weiß anvertrauen. Tatsächlich wählte Anna Durnová, die Autorin dieses Buches, eben diesen Titel für die Biographie über Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865), denn sie meinte ihn wörtlich. Krankheit und Gesundheit, Tod und Leben, das Problem und dessen Lösung lagen buchstäblich in den Händen der Ärzte. Denn in, genauer gesagt, auf ihren Händen befand sich die Ursache der zahlreichen Erkrankungen der frischgebackenen Mütter am gefürchteten Kindbettfieber. Ebenso in ihren Händen lag jedoch auch die Macht, die Übertragung der infektiösen Partikel zu verhindern. Wenn sie sich dessen bewusst gewesen wären und Ignaz Semmelweis‘ Erkenntnisse akzeptiert hätten, wären unzählige Menschenleben gerettet worden.[1] Doch die Verblendung und Ignoranz der bedeutendsten Geburtshelfer ihrer Zeit verhinderten den medizinischen Fortschritt. Daran trägt Semmelweis allerdings auch eine Teilschuld, da er seine Theorie weder rechtzeitig publizierte noch gegen seine Gegner verteidigte, wodurch er keinen Fuß auf der wissenschaftlichen Bühne des 19. Jahrhunderts fassen konnte.[2]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Fotografie von Ignaz Semmelweis[3]

Trotz aller Widrigkeiten geht Semmelweis als bedeutendste Persönlichkeit der Medizin in Ungarn aus der Geschichte hervor, und sein Dienst an der Menschheit verleiht ihm zu Recht den Ehrentitel „Retter der Mütter“. Mittlerweile rettet das Desinfektionsmittel jedoch nicht nur jungen Müttern das Leben, das Prinzip der Antisepsis hat in sämtlichen medizinischen und chirurgischen Einrichtungen Einzug gehalten.[4]

Auch im Alltag beeinflusst uns die Verwendung von desinfizierenden Handreinigungspräparaten maßgeblich, da sich viele Menschen vor Krankheitserregern schützen wollen. Doch ist dies tatsächlich notwendig und sinnvoll, oder schaden wir unserer Haut und unserem Immunsystem damit mehr als es uns nützt? Diese Frage ist zentraler Gegenstand dieser Arbeit, welcher mit einem experimentellen Versuch auf den Grund gegangen wird. Schlussendlich sollen auch potenzielle Gefahren der Anwendung von Desinfektionsmitteln bei der Urteilsfindung berücksichtigt werden, denn hier ist zweifelhaft, ob viel tatsächlich auch viel hilft.

2 Geschichtlicher Hintergrund zu Semmelweis‘ Beteiligung an der Erfindung des Desinfektionsmittels

2.1 Notwendigkeit durch hohe Mortalitätsrate aufgrund des Kindbettfiebers

Wien, 1846: Wir befinden uns in einer Zeit, in der die berühmten Wiener Fiaker sich ihren Weg noch durch enge, verschmutzte Straßen bahnen müssen, an deren Verunreinigung sie mitunter selbst schuld sind, um ihre meist wohlhabenden Passagiere ans Ziel zu bringen.[5]Am selben Schauplatz der Geschichte, in einer ebenso dreckigen Seitengasse, entbindet eine junge Frau aus der unteren Schicht der Gesellschaft ihr Kind. Einige Straßen weiter befindet sich das Wiener Allgemeine Krankenhaus, doch die Hochschwangere hat es aus zeitlichen Gründen nicht geschafft, dorthin zu gelangen. Dieser vermeintlich unglückliche Umstand sollte ihr jedoch das Leben retten, denn die Frauen in Wien versuchen die Aufnahme in der im Volksmund als ‚Todesklinik‘ bezeichneten Ersten Wiener Gebärklinik tunlichst zu vermeiden. Zu dieser Zeit wütet das Kindbettfieber so stark, dass von einem Massensterben gesprochen wird, denn jede fünfte Mutter an der genannten Klinik erliegt der Krankheit im Wochenbett. Wer es sich leisten kann, entbindet sein Kind unter ärztlicher Aufsicht zu Hause, da sonst das Risiko, sich selbst und sein Neugeborenes zu infizieren und dem Puerperalfieber zum Opfer zu fallen, schlichtweg zu groß ist. Doch die Sterblichkeitsrate hatte nicht immer solche hohen Ausmaße angenommen. Über vier Jahrzehnte hinweg nach der Gründung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses mit seiner geburtsmedizinischen Station starben im Durchschnitt nur 1,25% der Mütter. In den 1820er Jahren stieg die Rate nach der Einführung von Sezierübungen an Leichen plötzlich sprunghaft an. Im Oktober 1842 erreichte die Zahl der am Kindbettfieber verstorbenen Frauen, die in der Wiener Gebärklinik entbunden hatten, mit 29,3% den höchsten Stand. Die Zahlen änderten sich, als die Medizinstudenten per Regierungsbeschluss der ersten Abteilung und die Hebammen der zweiten Abteilung zugewiesen wurden, da nun die Infektionsrate auf der Hebammenstation mit 3,38% nur ein Drittel der 9,92% der ersten Klinik betrug.[6]

Die Wiener Geburtsklinik war damals mit jährlich 3000 bis 4000 Geburten die größte der Welt. Mit dieser Ausgangssituation sah sich der aus Ofen (Budapest) stammende, 28-jährige Ignaz Semmelweis konfrontiert, als er 1846 seine Assistenzzeit nach dem Medizinstudium in Wien und Budapest antrat. Die Disparität der Statistiken der beiden Stationen weckten sein Interesse, da sie nicht im Einklang mit der weit verbreiteten Epidemienlehre, deren Charakteristika im Folgenden dargestellt werden, standen. Ignaz Semmelweis wurde als sehr empfindsamer Mensch beschrieben, den das Leid, welches das Kindbettfieber anrichtete, stark bewegte. Deshalb begann er die Ursachen der Krankheit, an der so viele junge Mütter starben, zu erforschen.[7]

2.2 Ursachen der hohen Infektionsrate

Aufgrund der damaligen Unkenntnis der Krankheitsübertragung durch Mikroorganismen versuchten die Ärzte sich die Verbreitung des Kindbettfiebers mit anderen Theorien zu erklären. Zunächst wurden psychische Beeinträchtigungen der Frauen in Erwägung gezogen, darunter die Angst vor der Geburt oder das Schamgefühl gegenüber den meist männlichen Ärzten. Dieses Argument wurde durch die Tatsache entkräftet, dass bei den bei wohlhabenden Familien üblichen Hausgeburten ebenfalls männliche Geburtshelfer anwesend waren und das Risiko, hierbei am Kindbettfieber zu erkranken, deutlich niedriger war. Eine andere ungewöhnliche Vorstellung waren ‚kosmisch-tellurische‘ Faktoren, also klimatisch bedingte Umweltgegebenheiten, welche die Patientinnen schwächen und damit empfänglicher für Krankheiten machen sollten. Die weit verbreitete Annahme der Existenz eines ‚Miasmas‘ beschrieb bereits eine konkretere Ursache, demnach sollte ein krankheitsauslösendes Gift in der Atmosphäre für die Erkrankungen verantwortlich sein.[8]

Auffällig war, dass an der zweiten Geburtsklinik in Wien, deren Räume sich in direkter Nachbarschaft zur ersten Klinik befanden, deutlich weniger Mütter am Puerperalfieber starben. Somit konnten die Standortfaktoren als Krankheitsursache ausgeschlossen werden. Ein weiterer Unterschied zwischen den Geburtsstationen war die Belegschaft, denn in der ersten Klinik wurden die Medizinstudenten unterrichtet, während auf der benachbarten Station Hebammen ausgebildet wurden. Die Mütter an der Studentenklinik erkrankten bettreihenweise, wobei an der Hebammenklinik nur vereinzelte Krankheitsfälle verzeichnet wurden. Außerdem infizierten sich Schwangere, deren Geburt länger dauerte, öfter als diejenigen, die gleich nach der Einlieferung entbunden hatten. Zunächst wurden die ausländischen Medizinstudenten durch eine eigens eingesetzte Kommission zur Aufklärung der hohen Mortalitätsrate verantwortlich gemacht, welchen dann der Zugang zur Gebärklinik verwehrt wurde. Dadurch sank die Sterberate natürlich, da die Patientinnen seltener untersucht wurden, was die Kommission fälschlicherweise in ihrem Verdacht bestätigte. Die Schuld der Gaststudenten bestand lediglich in den Bemühungen, möglichst viel Praxiserfahrung zu sammeln, wohingegen die einheimischen Studenten während des Unterrichts keine Notwendigkeit sahen, ebenfalls medizinischen Tätigkeiten nachzugehen.[9]

Ignaz Semmelweis beobachtete auch die Erkrankung der Neugeborenen, die ebenfalls an hohem Fieber litten und unter ähnlichen Umständen verstarben wie ihre Mütter. Durch diese Erkenntnisse bestätigte sich seine Vermutung, dass der krankheitsauslösende Stoff von Mensch zu Mensch übertragen werden musste.[10]

Der sprichwörtliche Groschen fiel, als der befreundete Gerichtsmediziner Dr. Jakob Kolletschka bei einer Leichenöffnung mit einem verunreinigten Seziermesser verletzt wurde und kurz darauf starb. Da ihm der Tod des Freundes nahe ging, studierte Semmelweis das Obduktionsprotokoll mehrfach und entdeckte dabei, dass Kolletschka dieselben Symptome wie die Opfer des Kindbettfiebers aufwies. Durch dieses Schlüsselerlebnis erkannte Semmelweis den Zusammenhang zwischen dem direkten Blutkontakt mit Leichenteilen und der Infektion der Patientinnen bei Untersuchungen, die direkt nach einer Sektion durchgeführt wurden. Die Ursache der Erkrankung musste an den Händen der behandelnden Ärzte und ihrer Schüler liegen, da sie sich tagtäglich zu Lehrzwecken mit Leichenöffnungen beschäftigten. Sie wuschen sich zwar ihre Hände danach, ihnen haftete dennoch ein unangenehmer Geruch an, der ein Indiz für die mangelhafte Reinigung war. Die Hebammenschülerinnen besuchten jedoch keine Sektionsübungen, weshalb diese Art der Übertragung auf ihrer Station ausgeschlossen war. Dadurch wurde klar, dass die Ärzte durch die unmittelbare Abfolge von Leichensektionen und Visiten die Ursache der Übertragung des Kindbettfiebers waren, welche sie zuvor mit verharmlosenden Erklärungen abzuweisen versucht hatten.[11]

2.3 Empfehlung zur Händedesinfektion

Aus seinen Erkenntnissen zog Semmelweis den Schluss, dass das Kindbettfieber eine Blutvergiftung war, die durch die in das Gefäßsystem eingebrachten Leichenteilchen verursacht wurde. Dabei handelte es sich nicht um eine spezifische Krankheit der Wöchnerinnen wie ursprünglich angenommen, denn sie konnte auf jeden Menschen übertragen werden.[12]Seiner Theorie nach muss diese Übertragung durch Desinfektionsmaßnahmen, die das ‚Leichengift‘ vernichteten, erfolgreich eingedämmt werden. Zunächst arbeitete Ignaz Semmelweis mit einer Seifenlösung und benutzte eine Nagelbürste, um sich des infektiösen Stoffes zu entledigen. Diese Methode schien nicht den erhofften Erfolg zu bringen, weshalb er sich nach der Erprobung einiger Chemikalien zunächst für die Verwendung von Chlorkalk entschied. Später stellte er in der ersten Gebärklinik Schalen mit einer wässrigen Chlorkalklösung, auch Chlorwasser genannt, auf, in welchen die Ärzte, Studenten und sämtliches Personal die Hände vor und nach der Behandlung jedes Patienten desinfizieren mussten. Nach der Anordnung der Händewaschung sank die Sterberate von 18% im April 1847 innerhalb von drei Monaten auf ca. 1%, vergleichbar mit den Statistiken der zweiten Gebärklinik.[13]Sein Erfolg wurde jedoch durch den unglücklichen Umstand, dass zeitgleich eine neue Lüftungsanlage in der Geburtsklinik installiert wurde, geschmälert,

da sich die Geburtshelfer die rückläufigen Erkrankungszahlen nach der alten Epidemienlehre durch die bessere Luftzufuhr erklärten.[14]

Der Bekanntheit der Chlorwaschung tat dies zunächst keinen Abbruch, da sie probeweise an mehreren europäischen Geburtskliniken eingeführt wurde. Aufgrund der teilweise widersprüchlichen Resultate, vermutlich durch die fehlende Anleitung und dadurch fehlerhafte Anwendung verursacht, entstanden allerdings Zweifel an der Effektivität der Semmelweis’schen Methode.[15]

2.4 Reaktionen auf Semmelweis‘ Erfindung

Die Vertreter der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Bewegung derjüngeren Wiener Medizinischen Schule, auch„anatomische Klinik“genannt, arbeiteten gegensätzlich zu der vorher meist spekulativen Diagnostik. Deshalb unterstützten sie Semmelweis in seiner kausalen Erklärung der Übertragung des Kindbettfiebers. Ihre Hauptvertreter waren die Mediziner Carl von Rokitansky, Joseph Skoda und Ferdinand von Hebra.[16]Letzterer drängte Semmelweis dazu, seine Theorie zu publizieren. Da sich der ungarische Arzt aufgrund einer gescheiterten Studie über die Wirkung des Desinfektionsmittels weigerte, verfasste Hebra im Herbst 1847 selbst einen Artikel für das wissenschaftlicheJournal der Wiener medizinischen Fakultät, in dem er die Erfolge der Semmelweis’schen Theorie anpries und mit zahlreichen Aufzeichnungen der Kliniken belegte sowie die Bestätigung der Richtigkeit der Erkenntnisse aus dem Ausland erwähnte. Die Zahl der Anhänger seiner Lehre bezifferte der Erfinder der Desinfektion mit 28, sodass deutlich wird, welche Ablehnung er zwangsläufig durch die übrigen Ärzte seines Fachgebiets erfahren hatte.[17]

[...]


[1]nach Lit. [6] S.12

[2]nach Lit. [7] S.258

[3]Int. [16] Fine Art America

[4]nach Lit. [1] S.198

[5]nach Int. [12] Austria-Forum

[6]nach Lit. [1] S.195ff.

[7]nach Lit. [2] S.186; S.189ff.

[8]nach Lit. [10] S.129f.

[9]nach Lit. [8] S. 693f.

[10]nach Lit. [10] S.131

[11]nach Lit. [2] S.192f.

[12]nach Lit. [2] S.192f.

[13]nach Lit. [3] S.93; S.95f.

[14]nach Lit. [10] S.132

[15]nach Lit. [7] S.254

[16]nach Lit. [8] S.693

[17]nach Lit. [10] S.132; S.134f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Ignaz Semmelweis Erfindung des Desinfektionsmittels. Ist dessen alltäglicher Gebrauch tatsächlich notwendig?
Note
15 (0,67)
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V418481
ISBN (eBook)
9783668676862
ISBN (Buch)
9783668676879
Dateigröße
948 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ignaz Semmelweis, Desinfektionsmittel, Chemie
Arbeit zitieren
Veronika Albert (Autor), 2017, Ignaz Semmelweis Erfindung des Desinfektionsmittels. Ist dessen alltäglicher Gebrauch tatsächlich notwendig?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418481

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