Der junge Marx. Seine kritische Auseinandersetzung mit der Dialektik und Philosophie Hegels


Wissenschaftliche Studie, 2018

208 Seiten


Leseprobe

INHALTSÜBERSICHT

1.1. Einleitung
1.2. Wann war der junge Marx nicht mehr jung?

2.1. Epigramme des jungen Marx zu Hegel
2.2. Brief des Studenten Karl Marx an seinen Vater vom 10. November 1837

3.1. Die Dissertation 1840/41
3.2. Wirkliche Taler haben dieselbe Existenz, die eingebildete Götter haben

4.1. Marx als Journalist der 'Rheinischen Zeitung'

5.1. Höhepunkt und Ende der Linkshegelianer

6.1. Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
6.2. Familie - bürgerliche Gesellschaft - Staat bei Hegel und bei Marx
6.3. Die Logik ist das wahre Interesse
6.4. Der junge Marx als Demokrat
6.5. Die Geburt des Menschen zum Monarchen
6.6. Die Bürokratie
6.7. Der wahre vernünftige Staat
6.8. Die gesetzgebende Gewalt
6.9. Die Geldsteuer
6.10. Das ständische Element
6.11. Bürgerliche Gesellschaft – Stände – Staat
6.12. Der Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft mit sich selbst
6.13. Der Staat in seinen höchsten Funktionen erhält eine tierische Wirklichkeit
6.14. Der Formalismus positioniert sich gegen die demokratische Tendenz
6.15. Das sogenannte Volk
6.16. Die Existenz des Staates und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich

7.1. Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1843

8.1. Die Bedeutung des Proletariats und der Philosophie für den 25jährigen Karl Marx

8.2. Die positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation

9.1. Der Blitz des Gedankens – Ein Resümee

10.1. ÖKONOMISCH-PHILOSOPHISCHE MANUSKRIPTE
10.2. Der Mensch ist ein Naturwesen und ein gesellschaftliches Wesen
10.3. Die positiven Momente der Hegelschen Dialektik – innerhalb der Bestimmung der Entfremdung
10.4. Die Langeweile – die Sehnsucht nach einem Inhalt

11.1. Konspekt zu Georg Wilhelm Friedrich Hegels ‚Phänomenologie des Geistes‘, Kapitel: ‚Das absolute Wissen‘

ANHANG: Sahra Wagenknechts Kritik des jungen Marx

ANMERKUNGEN:

LITERATURLISTE:

1.1. Einleitung

" ... unser Glück gehört Millionen"(Karl Marx)

Karl Marx wurde 29 Jahre nach der französischen Revolution geboren und starb 34 Jahre vor der Oktoberrevolution. In seinem Leben vollzieht er selbst die Wende von einem Anhänger der bürgerlichen Demokratie zum praktischen und theoretischen Vorbereiter einer proletarischen Revolution. In der 48er Revolution trägt seine in Köln erscheinende Zeitung ‚Neue Rheinische Zeitung‘ noch den Untertitel ‚Organ der Demokratie‘ aus taktischen Gründen, Karl Marx hatte sich bereits vom Demokraten zum Kommunisten entwickelt. Er erlebte 1848 die bürgerliche Revolution hautnah, sein Freund Engels griff in sie sogar als Soldat unter dem Kommando Willichs ein. Noch der Glogauer Gesellenverein schreibt in einem Brief vom 26. März 1849 an das Zentralkomitee der Arbeiterverbrüderung in Leipzig, dass der Wahlspruch, den sich hiesiger Gesellenverein als Devise in seine neue Fahne gesetzt hat: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bald in allen deutschen Gauen widerhallen wird. 1851 besucht Marx im Londoner Hyde-Park die erste industrielle Weltausstellung und vergegenwärtigt sich und erahnt die kolossalen Potenzen, die durch die industrielle Revolution bereits freigesetzt worden sind und noch freigesetzt werden. Die Entwicklung der Industrie ist für Marx das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte. Eine gigantische Urbanität wird sich entwickeln, das Dorf unterjochend, eine bisher in der Geschichte noch nicht gekannte Arbeitsteilung zwischen geistiger und materieller Tätigkeit. Für Marx ist die Scheidung von Stadt und Land die Grundlage aller entwickelten und durch Warenaustausch vermittelten Teilung der Arbeit, sowohl der einzelnen, der besonderen und der allgemeinen. Daraus sind abzuleiten die technische, territoriale, internationale usw. In globaler Hinsicht erkennt Marx bereits ein Nord-Süd-Gefälle, auf der nördlichen Halbkugel ein industrielles Produktionsfeld, ein agrikoles auf der südlichen. Die technischen Revolutionen etwa ab 1770, insbesondere die Erfindung der Dampfmaschine, Watts zweite sogenannte doppeltwirkende Maschine, machte Produktionsstätten unabhängig von natürlichen Kraftquellen, etwa Wasserfällen, und stampften ganze Industriestädte aus dem Boden mit Fabriken, in denen die Arbeit mehr und mehr intensiviert und die Technik mehr und mehr verbessert wurde, verbessert im Sinne des Kapitals. Diese Revolutionen, diese gigantischen Ersetzungen der doch beschränkten Menschenkraft durch unermessliche Naturkräfte, waren urban geprägt; endlich waren 1851 im Hyde-Park schon Boultons große Dampfmaschinen für Ocean steamers (Ozeandampfer) zu sehen. Zum urbanen Zug kam der maritime, die Beschleunigung des Welthandels mit einer immer engeren Vernetzung weltmarktmäßiger Zusammenhänge. Die stationäre Scholle mit ihrem engen Gesichtskreis fing an, ein Mauerblümchendasein zu fristen, nachdem der französische Parzellenbauer sich in der 48er Revolution noch einmal robust bemerkbar gemacht hatte. Das an Naturkreisläufe gekettete Dorf war ohnmächtig angesichts der außerordentlichen Elastizität des urbanen Maschinenwesens. Die Landbauarbeit, die noch bei den Physiokraten und in den Gesellschaftskonzepten Fouriers im Mittelpunkt stand, wurde ein Anhängsel der industriellen Tätigkeit. Schon Feuerbach hatte seine Zeit gedeutet als eine, die unverkennbar den Keim großartiger Entwicklung in sich trage. 1. Aus dem Besuch von Marx erwachsen drei Erkenntnisse. Der Kommunismus hat eine materielle Grundlage, das Paradies für wenige kann ein Paradies für alle werden, und zugleich gilt es von den jugendlichen Träumen einer in Kürze nach jakobinischem Muster bevorstehenden Revolution Abschied zu nehmen, gegen den sich Weitling hartnäckig sperrte. Für Marx wird durch diesen Besuch die Zeit eigentümlich zerrissen: Das Ende der Klassenkämpfe ist dank der ‚Großen Industrie‘ nahe, ruft er seinen Anhängern zu, zugleich mahnt er sie, im Gegensatz zu den Anarchisten, abzuwarten, die Produktivkräfte ausreifen zu lassen. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktion bereitet den Boden für den Sozialismus vor, ohne ihn antizipieren zu können. Der wissenschaftliche Sozialismus verbittet sich jegliches Apriori, das vom aktuellen Klassenkrieg nur ablenkt. Der Kommunismus bleibt im Marxismus abstrakt, wir wissen von einem demokratisch-diktatorischen, seine Funktionalität allmählich einstellenden Übergangsstaat, in dem mit dem geringsten Kraftaufwand produziert wird. 2. Im Grunde gibt der Kommunismus Antworten auf ganz simple Fragen: Sind menschliche Freiheit und Staat vereinbar und sind sie es für immer? Der Marxismus verneint wie der Anarchismus beide Fragen. Und dann: Die Bourgeoisie, obwohl in der Minderheit, ist stärker als zunächst angenommen. Je erwachsener Marx wird, desto mehr schwindet das Vorbild von 1792. Drei Jahre zuvor wollte er die 48er Revolution noch nach diesem ausrichten als Hauptrepräsentant des am weitesten linksstehenden jakobinischen Flügels der republikanischen Bewegung. Und drittens liegt nun der endgültige Durchbruch von der Politik zur Ökonomie vor. Ohnehin befindet sich Marx mit der Dialektik im Kopf, in dem sich immense Kenntnisse über revolutionäre Prozesse befinden, nun im klassischen Land der politischen Ökonomie. Die Bewegungen des Proletariats werden nun durch die ökonomische Brille studiert. Marx wird ab jetzt immer in London wohnen, dort wird er Zeuge des Krimkrieges und vor allem der ‚Pariser Commune‘, die er als Bestätigung seiner revolutionären Lehre und als weltweit erste ‚Diktatur des Proletariats‘ feiert. Gegen Ende seines Lebens, zwei Jahre vor seinem Tod, kann er noch vernehmen, dass in Sankt Petersburg anlässlich des zehnten Jahrestages der Pariser Kommune eine Gruppe von Revolutionären die ‚Pariser Commune‘ hochleben lässt. Zusammen mit Engels schreibt er an diese Gruppe, dass auch Russland die Entwicklung zu einer russischen Kommune erfolgreich wird gehen können. Das war eine geniale Vorahnung. Es vergehen weitere zehn Jahre und 1891 findet die erste noch illegale Maifeier in Russland statt. Lenin wurde ein Jahr vor der Pariser Commune geboren und starb sieben Jahre nach der Oktoberrevolution. Mit ihm tritt ein Titan der praktischen Revolution in die Weltgeschichte ein, der sowohl die ökonomische Theorie von Marx über die Ausbeutung der Arbeiterklasse über unbezahlte Mehrarbeit durch die Kapitalistenklasse beim Schein einer Vertragsgleichheit zwischen beiden als Einheit der Gegensätze unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt als auch Marxens politische Theorie der Notwendigkeit der Diktatur der Arbeiterklasse über die Kapitalistenklasse als Kampf der Gegensätze zwecks Überwindung jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ebenfalls nicht nur unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt, sondern auch unter denkbar schwierigsten Voraussetzungen in die Weltgeschichte als Zweck der Oktoberrevolution einbilden wird. Kein Deutscher hat die Weltgeschichte damit mehr beeinflusst als Karl Marx, weil er in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schlüssel erkannte zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft. Die Weltgeschichte ist nichts anderes als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit. 3. Wenn überhaupt etwas als die unentrinnbare Schicksalsmacht der menschlichen Gattung gelten kann, so ist es überhaupt die Arbeit, die alle zunächst unbewusst verbindet und durch bewusste Verbindung qua Revolution und Plan der Produzenten durch Enteignung der den Nichtproduzenten gehörenden Produktionsmittel ihr Schicksalhaftes abwirft; es ist zum Beispiel nicht die Religion, die die Menschen verbindet oder die Philosophie; es gibt verschiedene Religionen und auch Atheisten, Materialisten und Idealisten. Wie wertvoll die theoretische Arbeit von Marx war, wird zum Beispiel deutlich, wenn man sie mit der Ludwig Feuerbachs vergleicht. Dieser Schüler des Idealisten Hegel wendet sich ab einem bestimmten persönlichen Erkenntnissprung zwar vordergründig radikal gegen seinen Meister und bezieht vordergründig eindeutig materialistische und atheistische Positionen, erweist sich aber wie alle Materialisten vor Marx als unfähig, den Materialismus auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft anzuwenden. Er redet viel von der Gattung, aber sein Gattungsmensch ist noch kein Kommunist. Dieser ‚neue Mensch‘ soll mit seinem Bewusstsein das Wesen der Gattung mitvollziehen, und zwar in einer religiösen Weise. Das ist doch eher beschaulich und hat nicht viel mit einer kommunistischen Aktion zu tun. So kam ein Zwitter heraus, unten Materialist, oben Idealist. Er verkündet: ‚Meine Philosophie ist keine Philosophie‘. Das ist mehr als ein Apercu, darin steckt ein ganzes politisch-philosophisches Programm von Hegels Tod bis zur 48er Revolution. Es ging umdieÜberwindung der Philosophie schlechthin, sei sie nun philosophisch oder anti-philosophisch. Feuerbach lebt und denkt in einem permanenten Spannungsverhältnis, deshalb geht er auch unter zwischen Marx und Engels, die beide mehr waren als nur Berater des Proletariats. Der Mensch gehört nach Feuerbach zum Wesen der Natur und die Natur gehört zum Wesen des Menschen, er richtet sich damit nach seinen eigenen Worten sowohl gegen den gemeinen Materialismus als auch gegen den subjektiven Idealismus. Der Name ‚Mensch‘ war für ihn ‚der Name aller Namen‘, denn was der Mensch auch immer nennt und ausspricht, immer spricht er sein eigenes Wesen aus. „Feuerbachs Anschauungen von Natur, Mensch, Erkenntnis und Religion führten sämtlich auf diesen Zentralpunkt seiner Philosophie, so daß der Mensch als das Etre supreme der Natur und Sinnlichkeit erschien“. 4. Die passagenweise leicht zu lesenden Bücher Feuerbachs blieben immer Expertenlektüre und nur durch Marxens Thesen über ihn scheint er in aller munde gekommen zu sein. Was soll aber auch das Proletariat mit seiner Aussage wie ‚Mein Prinzip ist Egoismus und Kommunismus‘ anfangen? Ohne Egoismus hätte der Mensch keinen Kopf und ohne Kommunismus kein Herz. Feuerbach hat dem Proletariat nie Anweisungen zum Handeln gegeben. Für den eben bedingten Atheisten und eben bedingten Materialisten Feuerbach unterscheiden sich die geschichtlichen Perioden der Menschheit letztendlich durch religiöse Veränderungen! Wie er denn auch 1848, in einem Revolutionsjahr(!) bekannte, dass sein ganzes Denken um das Thema der Theologie kreise. Feuerbach war insofern ein fortschrittlicher Denker, als er die Menschen von der Religion befreien wollte. Die Liebe zu Gott sollte ersetzt werden durch die Liebe zur Menschheit, durch den Humanismus also. Und das war nicht wenig, es war damals revolutionär und Feuerbach hatte einen bestimmten Einfluss auf das weltanschauliche Denken der Intellektuellen der damaligen Zeit. Dadurch hatte Feuerbach seine Größe und Grenze. Denn es galt, die Menschen nicht nur von dem klerikalen Otterngezücht zu befreien, sondern auch und vor allem von dem staatlichen, von den Juristen, insbesondere von den Staatsanwälten. Was hatte Feuerbach noch nicht erkannt? Es ist der Umstand, dass die Arbeit den entscheidenden Anteil an der Menschwerdung des Affen hat und dass in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens nach einem der bekanntesten Sätze von Marx die Menschen gezwungen sind, gewisse notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse einzugehen und dies können nur Produktionsverhältnisse sein. Für Marx ist primär nicht so wichtig, was produziert wird, sondern wie. Die Geschichte der Arbeit, der Produktion, liefert nicht nur den Schlüssel zur Periodisierung der Weltgeschichte. Der in der Zukunft liegende Kommunismus kann nicht eingeführt werden, sondern ergibt sich aus dem Verlauf der Geschichte selbst. Für Feuerbach blieb die Philosophiedieoberste Wissenschaft, kein Wunder, dass er nicht auf die zentrale Bedeutung der Ökonomie für die Gesellschaftswissenschaften stoßen konnte. Er verfolgte die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft vorwiegend anthropologisch, der Mensch finde in Gott nur sich selbst. Bezeichnend seine Hinwendung zur Anatomie, nachdem er in Berlin Vorlesungen von Hegel gehört hatte, er konnte so den produzierenden und theoretisierenden Menschen nicht als Ensemble der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse nehmen. 5. Der Mensch ist seine Welt, er lebt grundexistenzial weltgeschichtlich in einer weltrevolutionären Weltgesellschaft. Seit 1789 herrscht das Zeitbewusstsein vor, in einer Zeit der Krisen und Revolutionen zu leben, die Rousseau 1762 vorhergesehen hatte. Es gebe noch große Monarchien in Europa, die glänzen, aber Staaten, die glänzen, sind bereits im Abstieg begriffen. Wir stehen in einer wichtigen Zeitepoche der Gärung, hatte Hegel geschrieben, der Geist habe einen Ruck getan und mit der bisherigen Welt gebrochen. Dass Feuerbach sichnie endgültigvon Hegel,nie endgültigvom Primat der Philosophie trennte, hatte zur Folge, dass er als Erzanthropologe nicht auf die universelle Bedeutung der menschlichen Arbeit stieß. Hegel kannte als Idealist nur die abstrakt geistige Arbeit, kannte nur die ‚Arbeit des Begriffes‘ und verstand seine Philosophie als „Anstrengung des Begriffes“, kannte und anerkannte also nur den Anteil des Begriffes an der Menschwerdung Gottes durch Jesus Christus. Auch Feuerbach war zeit seines Lebens nie ein Atheist auf wissenschaftlicher Grundlage geworden, schon seine Verwendung des Ausdrucks ‚religiöser Atheismus‘ spricht dagegen. Hegels Verdienst lag dann auch woanders: Er dynamisierte die im kantischen Erkenntnisprozess fixierte sterile Subjekt-Objekt-Konstellation dialektisch zu einem vielgestaltigen, verschlungenen gesellschaftlichen Entwicklungsweg menschlicher Erkenntnis, wobei er versucht, alle wesentlichen Äußerungen des gesellschaftlichen Lebens in ihrer Entwicklungsnotwendigkeit zu erfassen, als primär geistige Arbeit der Weltgeschichte, deren Wesen nicht hinter ihren Erscheinungen verborgen bleibt. Am Ende fallen deshalb für Hegel das Ende der Geschichte der Philosophie und das Ende der Philosophie der Geschichte zusammen. Schon der bürgerlichen Aufklärung war der Gedanke der Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen eigen, Hegels Denken ist endlich final, nicht nur in seiner Fachdisziplin, sondern auch in geschichtlicher Hinsicht. Es ist abschlusshaft durch und durch und wenn Marx von dem Ende der Klassenkämpfe in der Geschichte als dem Ende der Vorgeschichte der Menschheit spricht, so bricht doch ein ganz neues Universum der Freiheit auf, das Hegel verworfen hätte und zu dem er doch Pate stand. Das Formallogische dynamisiert Hegel zum Historisch-sich- Entfaltenden. Das Geheimnis der erscheinenden Welt erweist sich in ihrer Geschichte, in der sie durch Aufhebungen, in denen sich Verneinung und Bejahung verknüpfen, ausgewickelt und zur wesentlichen angereichert wird. Unter allen nachhegelschen Philosophen war nach Werner Schuffenhauer Feuerbach dann der erste, der „den gesellschaftlichen Charakter des menschlichen Wesens und der menschlichen Erkenntnis ausgesprochen“ 6. hat. Marx wendet gegen Hegel kritisch ein, dass diese Aufhebungen nur gedankliche sind, Aufhebungen gedachter Wesen, Aufhebungen der Gegenständlichkeit schlechthin. Statt der wirklichen Entfremdung hebt der Idealist Gegenständlichkeit auf. Aber immerhin wird prozessual gedacht, wenn auch seitenverkehrt. Die Vergegenständlichung der absoluten Idee, ihre Selbstentfremdung, und ihre Zurücknahme in sie, die Rücknahme der Selbstentfremdung, macht Hegel uns als ihre Produktionsgeschichte vor. Die ganze Philosophie Hegels ist nichts anderes als die absolute Idee als ihr in sie zurückgenommener Gegenstand, was nur als Entfremdungsprozess zu denken ist. Nicht die konkrete Entfremdung des menschlichen Wesens ist von primären Interesse, sondern dass es im Unterschied vom und im Gegensatz zum abstrakten Denken sich vergegenständlicht, gilt nach Hegel als das gesetzte und aufzuhebende Wesen der Entfremdung. Das menschliche Wesen ist nicht frei in sich, es ist der Erfüllungsgehilfe dialektischer Operationen des abstrakten Denkens, ist in ihrem Vollzug nur von Wert, nicht für sich. Nur in der idealistischen dialektischen Philosophie hat er seine Bestimmung. Aber in dem falschen idealistischen Entfremdungszusammenhang gilt das Prozesshafte hervor. Die Wissenschaft kann nicht einfach etwas vorsetzen, ohne es zu erklären. „Die Nationalökonomie geht vom Faktum des Privateigentums aus. Sie erklärt uns dasselbe nicht“. 7. Sie findet es vor, lässt es gelten, verewigt es als naturgegeben.

Analog zu Hegel dynamisierte Marx Feuerbachs Idealmenschen, wie er uns zum Beispiel in seiner Ethik und in seiner Religionsphilosophie begegnet, als Mensch vomgesellschaftlichtätigen Mensch abstrahierend, dialektisch in historische Tiefe und gesellschaftliche Breite zum „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Schon allein aus diesen vielfältigen Umständen, in denen wir leben, den Fetischgehalt der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigend müsste man korrekterweise schreiben,unterdenen wir leben, ergeben sich vielfältige Interdependenzen der gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen untereinander. Die gesellschaftliche Totalität ist ein Komplex auf den ersten Blick diffuser menschlicher Existenzweisen und doch gibt es auf den zweiten auch einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Damit sind weder Hegel noch Feuerbach klargekommen. Durch eine intakte Theorie-Praxis-Dialektik hat Marx aus der gesellschaftlichen Systemtotalität eine Totalität der Revolution entwickelt, in der der Wissenschaftler dem Revolutionär sekundiert. Ohne politische Praxis bleibt man nur Wissenschaftler. Hegel hatte nach eigenem Bekunden sein Leben der Wissenschaft „geweiht“, weil er nur die abstrakt geistige Arbeit kannte und hervorhob, so dass er dem Irrtum verfiel, theoretische Arbeit bringe mehr zustande als praktische und das Reich der Gedanken sei stärker als das der Wirklichkeit. Seine Rechtsphilosophie entwickelt tatsächlich eine rechte Politik. Hegel wurde ein Gefangener seines eigenen Systems. In der Geschichte der Philosophie wird immer die Eigenart Hegels, die im akademischen Ghetto fix gewordenen Leitbegriffe der sittlichen Welt, der Kultur, oder wie der Franzose sagen würde, der ‚moralischen Welt‘ aus ihrer Starre gelöst und als autonom sich selbst bewegende und ineinander übergehende erlöst zu haben, um diese sodann durch eine Verflechtung zu einem System politischer Reaktion verfügbar zu machen, als Einzigartigkeit dastehen. Hegels Philosophie war nicht vorwärtsweisend, er leugnete nach einem Wort von Ernst Bloch die Zukunft, das trug nicht wenig zur Politisierung des jungen Marx bei, der der arbeitenden Menschheit eine lichte Zukunft weisen sollte. Es darf im Kontext der proletarischen Revolution niemals übersehen werden, dass sich die Dialektik von Marxfundamentalvon der des Halbmaterialisten Feuerbach und der des Vollidealisten Hegel unterscheidet. Hegels Denken ist ein Kreisen in sich selbst, von der insgeheim a priori gesetzten absoluten Idee (oder Gott) zur absoluten Idee zurück. Er spricht in seiner ‚Logik‘ von der sich als Kreis erreicht habenden Linie, im Paragraph 15 der Enzyklopädie dann endlich von der Philosophie als der berühmte „Kreis von Kreisen“. In dieser Entäußerung der göttlichen Idee, in diesem Akt der Schöpfung der Welt, wird diese also zum Prädikat dieser Idee, ihr Symbol – und das Kreisen eines Entwicklungsprozesses zu sich selbst zurück kann beginnen. Der Prozess der Wirklichkeit wiederholt die Logik, hat sie zu bestätigen. Natürlich besteht eine Korrespondenz zwischen dem Sein und dem Denken, aber die Abbilder im Denken werden in Hegels Denken zu den Urbildern, so steht bei ihm alles auf dem Kopf. Seine Illusion bestand darin, dass das Sein das Denken wiederhole, während im menschlichen Denken doch nur reale Prozesse widergespiegelt werden. Die lebendige Gestalt ist immer auf der Seite des Seins, sprich der gesellschaftlichen Praxis und das Bewusstsein spiegelt diese nur wider, gibt uns die ergänzende theoretische Gestalt dazu. Hegel stellt sich damit quer selbst gegen bürgerliches Emanzipationsdenken, für das nichts im Geiste sei, was vorher in der Wahrnehmung war. Andererseits braucht man nur das Sein als das Primäre zu begreifen, und diesen Umkehrungsübergang vollzog der Semi-Atheist Ludwig Feuerbach. Für Feuerbach umläuft im Paragraph 48 seiner Grundsätze der Philosophie der Zukunft die Philosophie die Bahn einer Ellipse, da die Anomalie der Anschauung die Kontinuität des Denkens unterbreche. Es steckt Wahrheit darin, aber Feuerbach ist nicht radikal genug, Denken tötet, tötet die lebendige Anschauung ab. Lebendiges Denken ist eben, wie Lenin in der Kritik der Vorlesungen Hegels über die Geschichte der Philosophie 1915 bemerkt, „Ertötung“. Dialektische Prozessentfaltung impliziert ständig Selbstzerstörerisches an ihr selbst.

Keines der Hauptwerke von Hegel trägt selbst im Gegensatz zu Kant das Wort ‚Kritik‘ im Titel. Marx spricht denn auch von einem nur scheinbaren Kritizismus Hegels. SeineIdentität von Vernunft und Wirklichkeit ist für den Beamtensohn aus Stuttgart eine runde Sache und es gilt für seine linken Schüler, diese Abrundung durch die Setzung der Theorie in Relation zur Wirklichkeit aufzubrechen. Im Treiben der Philosophie nach Hegels Tod war die Theorie-Praxis-Diskussion ein zentraler Schwerpunkt, der Ausdruck ‚Philosophie der Tat‘ nach der ‚Vollendung der Philosophie‘, machte damals die Runde. Der Brief von Bauer an Marx vom 31. März 1841 fällt daher auf. In ihm rät Bauer Marx gerade von einer praktischen Karriere ab, die Theorie sei jetzt die stärkste Praxis. In dieser Beziehung war der ‚linke‘ Bauer immer ein Unikum, weil er nicht mit sich eins war. Konservativ, liberal, Politik für ihn nur ein Prätext für die Theologie. 8. Unbedingt Recht aber hatte Bauer mit seinen Worten: „ … wir können noch gar nicht voraussagen, in wie großem Sinne sie praktisch werden wird“. 9. Schon der junge Marx, der in seiner Dissertation das innere Licht der Philosophie zur verzehrenden Flamme hochschlagen lassen wollte, zur ‚verzehrenden‘ wohlgemerkt, will dagegen im Alter von 25 Jahren die Kritik der Junghegelianer an die Kritik der Politik anknüpfen. „Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder!“, heißt es in einem Brief des Doktors der Philosophie im September 1843 aus Kreuznach an Ruge. „Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien“. 10. Wenigstens in der Marxschen Theorie lag das ‚Jahrhundert der Extreme‘ schon im 19. Jahrhundert vor. Goethe sagte, Niebuhr habe Recht gehabt, wenn er eine barbarische Zeit kommen sah und Bruno Bauer fürchtete, dass eine kommende Katastrophe ungeheurer sein werde als diejenige, mit der das Christentum in die Welt getreten ist. 11. Die Aufklärung, 1789 und die industrielle Revolution hatten das Christentum in den Schatten der Weltgeschichte gedrängt. Aufklärung, auch die bürgerliche, pfeift insofern einen atheistischen Unterton, als sie das Licht von der Erde kommend ins Universum ausstrahlt, es nicht aus dem göttlichen Weltall scheinen lässt. Aufklärung erleuchtet, dass das metaphysischen Scheinen ein vom Menschen konstruiertes künstliches Licht ist. Auch die bürgerliche Aufklärung kehrt Weltanschauliches um, ohne aber die in der Umkehrung liegende extreme Radikalität allzu sehr zu thematisieren. Die sich entwickelnde Arbeiterbewegung lässt sie darüber noch mehr schweigen. In dieses Fundamentalmilieu wurde Marx hineingeboren.

Es gibt verschiedene, motivationsgesteuerte Zugangswege zum Marxismus. Einer der logischsinnvollsten wäre doch der, chronologisch mit den allerersten Schriften des jungen Marx zu beginnen. Das ist aber selten der Fall, sie sind weitgehend unbekannt. In den Universitäten werden heute die jungen Menschen in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr zu einem systematischen Studium der fundamentalen Werke der Klassiker angehalten, man hetzt sie in Sekundärliteratur umher und gefällt sich darin, die Zerrissenheit der Zeit widerzuspiegeln. Ein merkwürdiger Begriff von Moderne! Es sind wirklich nur Experten, die wissen, dass Marx seine journalistische Tätigkeit Anfang 1842 mit einem Artikel über die Pressefreiheit in Preußen begann, die von Justizminister Savigny, dem Kopf der historischen Rechtsschule am 24. Dezember 1841 als Instruktion zum Zensuredikt von 1819 noch mehr eingeschränkt worden war. 12. Bequemer ist da der Griff nach Sekundärliteratur. Es gibt Chrestomathien, die ‚auf die Schnelle‘ alles Wesentliche enthalten, was ein Durchschnittskenner des Marxismus wissen müsste, es gibt Kurzfassungen des Kapitals für die Jackentasche. Oft auch schlittern Studentinnen und Studenten gesellschaftswissenschaftlicher Fakultäten durch eine ihnen gestellte bzw. von ihnen ausgesuchte Thematik in den Marxismus hinein. Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich im Kapitalismus zu Recht unterdrückt und ausgebeutet fühlen, versuchen sich aus den Werken, dieprimärfür sie geschrieben worden sind, Klarheit über die Frage zu verschaffen, wie es kommt, dass die Arbeit von Millionen und Abermillionen nur eine sehr kleine, unproduktiveMinderheit des Volkes wirklich reich und sorgenfrei macht? Am 14. Juni 2017 erschien im Wirtschaftsteil der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' ein interessanter Artikel. Nüchtern stellte das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse fest: "Die Reichen werden immer reicher". 13. Der Artikel nimmt Bezug auf die alljährlich erscheinende Studie der BCG (Boston Consulting Group), die sich darauf spezialisiert hat, weltweit die Millionärsentwicklung zu beobachten. In dieser Studie 'Global Wealth 2017' wird hervorgehoben, dass die Zahl der Millionäre besonders schnell im Raum Asien-Pazifik wachse, vor allem aber sagt die Gruppe voraus, dass im Jahr 2021 die 50-%-Schallmauer durchbrochen sein werde. In diesem Jahr wird es den Millionären der Welt, derzeit 17,9 Millionen, zum ersten Mal gelingen, über 50 % des Weltvermögens an sich zu raffen. Millionen und Abermillionen Kinder werden bis dahin weltweit an Hunger gestorben sein. So wird in der bürgerlichen Welt brüderlich geteilt. Eines der Motive für die anstrengende theoretische Arbeit des jungen Marx war der Kontrast zwischen einer politisch und religiös proklamierten Gleichheit aller Menschen und der dieser diametral entgegenstehenden sozialen Zerrissenheit der bürgerlichen Gesellschaft. Schon Marx und Engels hatten im ‚Kommunistischen Manifest‘ festgestellt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft das Eigentum in wenigen Händen konzentriert wird. 14. Die Tendenz ist natürlich steigend und es muss notwendig zu einem 'point of no return' in dem der Kapitalentwicklung inhärenten Bürgerkrieg kommen. Was wiederum Marx und Engels schon 1845/46 in der ‚Deutschen Ideologie‘ sahen, die Notwendigkeit der Aneignung der Totalität der Produktivkräfte, um die Existenz der Menschheit sicherzustellen, dem ist in Kürze nicht mehr auszuweichen. Man kann keine konkreten Angaben über den Verlauf des künftigen Weltbürgerkrieges machen, aber seine Unvermeidlichkeit liegt schon beschlossen allein im vorliegenden Zahlenmaterial. Nach der weltberühmt gewordenen zynischen Aussage des US-Dollar-Milliardärs Warren Buffets in einem Interview mit der ‚New York Times‘ vom 26. November 2006 finde dieser bereits statt, er werde geführt von der Klasse der Reichen, die ihn gewinnen werde. In dieser Aussage eines US-Dollar-Milliardärs steckt mehr Weisheit als in den Vorlesungen mancher Soziologieprofessoren, die über das angebliche Problem der Aktualität des Marxismus-Leninismus vor Studentinnen und Studenten dozieren. Jawohl, Buffet hat es auf den Punkt gebracht. Was Marx bereits 1871 in seiner Analyse der Niederschlagung der Pariser Commune herausfand, dass der Staat das Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ist, das wird heute glänzend bestätigt, nicht nur in den USA. In England, Frankreich, Deutschland, Russland, China … usw., überall ist der Staat ein Werkzeug in den Händen von blutsaugenden, voll gefressenen Volksfeinden, die mit ihm das Volk knechten, lähmen, quälen, ideologisch vergiften und krankmachen. Der Widerspruch zwischen den Armen und den Reichen, letztere also schon im vollen Bewusstsein eines Weltbürgerkriegs lebend und sich immer mehr auf seine Eskalation vorbereitend, wird in einer Brutalität ohnegleichen aufbrechen und seine Lösung suchen, indem die Volksmassen durch marxistisch-leninistische Parteien auf kollektive Kampfformen gegen die technisch hochgerüsteten Terror- und Militärapparate ausgerichtet werden. Die Armeen und Polizeien, die sich die Millionäre angekauft haben, werden in den Ozeanen der Massen untergehen. Die Menschheit wird unter Leitung der international tätigen Arbeiterklasse aus Gründen ihres Überlebens gezwungen sein, 18 Millionen Millionäre zu enteignen, einzugliedern, zu resozialisieren, sie wieder zu anständigen und fleißigen Menschen zu erziehen. Wir nähern uns diesem Punkt unaufhaltsam, unumkehrbar und es stellt sich schon heute die Frage, ob ein nur friedlicher Protest beim G-20 Weltgipfel 2017 in Hamburg legal war oder ob dieser angesichts weltweit verhungernder Kinder in Millionenzahl schon als kriminell, gewiss aber als obszön zu bezeichnen ist?

Ich hatte geschrieben, dass Arbeiterinnen und Arbeiter sich aus den Werken der sozialistischen Klassiker Klarheit verschaffen über ihre soziale Lage und über Auswege aus dieser Misere. Dann ist aber in diesen Werktätigen bereits ein qualitativer Sprung zur Bewusstheit vor sich gegangen, denn am Anfang aller Weisheit des Klassenkampfes steht zunächst ein gesunder Klassenhass. Es gibt zwei Arten, Marx zu studieren. Der bürgerliche und kleinbürgerliche Intellektuelle hockt einsam grübelnd in seiner Studierbude, dann kommt nur selten etwas anderes als ein Edelanarchist heraus, der sich letztendlich vor dem Kapital prostituiert, oder Arbeiterinnen und Arbeiter, arme Bäuerinnen und arme Bauern lesen, interpretieren und diskutieren seine Schriften im Kollektiv. Nur im letzten Fall kann der Marxismus effektiv wirken. Den Armen bietet sich aus dem Riesenwerk des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus das 'Manifest der Kommunistischen Partei' an, das Marx 1848 zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels verfasst hat. Studentinnen und Studenten aus bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kreisen haben vom Marxismus gehört, haben ganz rudimentäre Kenntnisse von der Schule mitgebracht und wollen bzw. müssen diese je nach gesellschaftswissenschaftlicher Fächerauswahl und Kombination an der Universität verdichten zu einem handgreiflichen Marxismus, der bei der Lösung akademischer Fragestellungen helfen soll. Auch ihnen bietet sich das Manifest an, was als Einstieg in den Marxismus ja auch nicht falsch ist. Zu seiner Vertiefung empfiehlt es sich allerdings, dann aber an den längsten Wurzeln des Marxismus zurückzugehen bis zu seinen Quellen. Denn 200 Jahre nach der Geburt von Karl Marx steht fest, dass es ohne die Werke des Theoretikers Karl Marx, auch ohne seine Jugendschriften, auch heute noch nicht geht, sich bis zu den Ursachen gesellschaftlicher Konflikte und Kämpfe hinein zu vertiefen und diese sich selbst und den Zuhörern des Vortragenden oder des Propagandisten transparent zu machen zwecks Umgestaltung der ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Überhaupt ermöglicht dieser revolutionäre Umgestaltungsprozess die zunehmende Transparenz gesellschaftlicher Beziehungen, in der sich die okkulten Geister der Vergangenheit auflösen. Die bisherigen ‚Spielbälle fremder Mächte‘, zum bewusstlosen Dienst an ihnen unbegreiflichen Objektivitäten verdammt, setzen sich aus der Vergangenheit der Verdinglichung, der Lohnsklaverei frei.

Die sogenannten Frühschriften von Marx sind nicht ohne Brisanz, insbesondere, wenn man den Umstand in Erwägung zieht, dass die in Paris niedergeschriebenen sogenannten ‘Ökonomisch-philosophischen Manuskripte‘, aus dem Jahr 1844, in denen mehr als in den bisherigen Schriften auf die Thematik der Entfremdung eingegangen wird, erst 1932 in Moskau publiziert wurden. In ihnen lagen natürlich ohne Zweifelunzureichende Kenntnisse über die ökonomische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft vor, Marx tastet sich voran, exzerpiert ganze Textpassagen wortführender Ökonomen, denkt auch noch ins Unreine. Die Manuskripte waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und es konnte nicht ausbleiben; gerade auf diese Schwachstellen des Werkes stürzten sich die Revisionisten wie eine lechzende Meute, allen voran Herbert Marcuse. 15. Nun sei Marx doch überwiegend ein Philosoph gewesen 16., seine Theorie habe eine durchgehende philosophische Basis, ja eine Korrektur am späten Engels sei notwendig, Marx habe "...die innere Verbundenheit der revolutionären Theorie mit der Philosophie Hegels in aller Deutlichkeit ausgesprochen. " 17. Vergessen offensichtlich Marxens präzise Aussage im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, dass seine dialektische Methode "...der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil..." 18. sei. Deutlich kann es nicht gesagt werden und es ist auch klar, dass der Antagonismus eine Frucht der Methodenumkehr ist. Ich werde auf diese megazentrale Festlegung von Marx noch öfters zurückkommen müssen. Die idealistische Dialektik Hegels ist nach Engels "unbrauchbar" 19., denn politisch lief sie bei Hegel auf eine ständische Monarchie hinaus, diese Dialektik kann die Arbeiterklasse in der Tat nicht brauchen. Auch Gesine Schwan, die sich offen zur "philosophischen", fast möchte man sagen hegelschen Tradition im (!) Marxismus bekennt 20., radikalisiert Marcuse, geht noch weiter in die alte philosophische Grauzone zurück. "Marcuse ... räumt immerhin ein, dass die Philosophie mit dem Aufweis der Möglichkeit der Entfremdung aus dem Wesen des Menschen ihre Grenze erreicht habe und das Aufzeigen des realen Ursprungs der Entfremdung Sache der ökonomisch-historischen Analyse sei. Ich kann ihm darin nicht zustimmen." 21. Da Marx die Entfremdung intransingent aufheben will, deren Ursache der Philosoph Marx wie alle anderen Philosophen nie richtig geklärt habe, falle seine Theorie der Unglaubwürdigkeit anheim. 22. Was Gesine Schwan auf keinen Fall möchte, ist eine radikale Weltveränderung der kapitalistischen Ausbeuterordnung und so beschäftigt sie sich vornehm philosophisch mit dem Marxismus, sie schreibt ihren philosophischen Unsinn hinter das Marx´sche Original, um den Marxismus förmlich zu entmannen. Oder, wenn man will: den Marxismus zu entwaffnen. Friedrich Engels bezeichnete gerade die materialistische Dialektik "...als unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe..." 23., denn nur sie erfasst die schroffen Wendungen und Sprünge, die grellen Blitze in der Geschichte. Auch Werner Maihofer glättet Marx und bietet uns ein Marxbild an, das propagandahafte Züge trägt. Er bezeichnet es 1968 als eine Legende, von einem frühen Idealisten Marx und einem späten Materialisten Marx zu sprechen. 24. Also Marx unisono. Reicht die Bemerkung von Marx in seinem Brief an seinen Vater vom 10. November 1837 „im Wirklichen selbst die Idee zu suchen“, auf die sich Maihofer versteift,bereits aus, ihn endgültig zum Materialisten zu stempeln? Diese Formulierung ist primär als eine gegen Hegel gerichtete zu deuten. „Hatten die Götter früher über der Erde gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben geworden“. 25. Götter sind aber doch noch da, es liegt doch lediglich eine Ortsverschiebung vor. Durch diese wird Marx weder Materialist noch Atheist. Folgte man Maihofer, die Schriften des jungen Marx verlören sofort an Farbe, aber diese Schriften sind vielfältiger, lebendiger, suchender, widersprüchlicher. Der innere Kampf zwischen Idealismus, das Denken aus sich selbsterklärend, also das sich selbst denkende Denken und Materialismus hätte nicht stattgefunden, die innere Unruhe, die ruhelose Dialektik wären ausgeblendet.

Geht man tiefer zu den Wurzeln des Marxismus vor, so führt uns eine auf den Abiturientenaufsatz des 17jährigen Schülers im Fach Deutsch mit dem Thema: 'Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes'. Der Marxforschung hat es sich angeboten, diesen Abiturientenaufsatz als Ausgangspunkt des theoretischen Schaffens zu nehmen auch auf die Gefahr hin, ihn vom erwachsenen Marx aus auf Vorformen des historischen Materialismus auszuleuchten. Formal bot es sich allein schon deshalb an, weil diese Prüfungsarbeit der erste uns überlieferte Text von Marx ist. Marx konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ahnen, dass er einst als Verfasser des ‚Kapitals‘ in die Weltgeschichte eingehen würde. Dieser Satz ist nicht ganz unwichtig beim Studium der Schriften des jungen Marx. Die Gefahr ist leicht gegeben, den jungen Marx vom reifen her zu lesen oder auch auf den reifen hin, so wie vor Rousseau ein Jugendlicher ein kleiner Erwachsener war. Die Kritik an diese Leseweise hat auf der anderen Seite zu dem Auswuchs geführt, den jungen Marx als essentieller für den Marxismus zu deuten als den reifen Marx. Mit dieser unwissenschaftlichen Haltlosigkeit ohne Augenmaß wurde freilich Politik betrieben. Wir sehen im jungen Marx einen durch die bürgerliche Klassik und Aufklärung vom Elternhaus und von der Schule her geprägten Abiturienten vor uns, der den christlichen Heiland aufruft, um humanistische Forderungen nachhaltig zu untermauern. Der glücklichste Mensch ist derjenige, der die meisten Mitmenschen glücklich macht. Im Religionsaufsatz gar schreibt Marx den Christenmenschen zu, sich füreinander aufzuopfern. Wir finden in dem Abitursaufsatz leicht zu erkennende starke Keime eines Humanismus' im Sinne der bürgerlichen Aufklärung, aber natürlich noch keinen wenigstens zarten Keim eines späteren Marxismus, wir finden in ihm allerdings starke Ausdrücke des Idealismus, aber noch keinen wenigstens zarten Keim eines späteren Materialismus. Nur der Schlusssatz des im August 1835 geschriebenen Aufsatzes weist auf die Zukunft einer befreiten Menschheit, eventuell Kommunismus, der später für Marx eine Konsequenz der Geschichte und eine des Privateigentums wird, hin. "Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still, aber ewig wirkend fort, und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen". 26. Der Hinweis auf die fundamentale Bedeutung des Privateigentums an den Produktionsmitteln muss hier freilich noch fehlen. Noch thront eine schicksalsbestimmende Gottheit über der Gattung. Feuerbachs 'Das Wesen des Christentums' erscheint erst im April 1841 im Wigand Verlag in Leipzig, im Jahr, in dem Schelling seine Vorlesungen gegen die ‚Hegelsche Drachensaat‘ in Berlin hielt, die der junge Engels verteidigte. Durch das Buch Feuerbachs wurden alle Linkshegelianer in Deutschland sofort begeisterte Feuerbachianer. ‚Es gibt keinen anderen Weg für euch zur Wahrheit als durch den Feuerbach‘. 27. ruft Marx seinen linken Zeitgenossen zu. Ein kleiner Feuerbachkult war entstanden, dem auch Engels anhing. Das Buch blieb nicht ohne Folgen, 1842 waren alle Junghegelianer erklärte Atheisten und Republikaner. „Wir hatten Freunde in fast jeder wichtigen Stadt Deutschlands, wir versorgten alle liberalen Zeitungen mit dem notwendigen Stoff und machten sie auf diese Weise zu unseren Organen; wir überschwemmten das Land mit Flugschriften und beherrschten sehr bald in jeder Frage die öffentliche Meinung“. 28. Indem Feuerbach nachwies, dass die Liebe Gottes zum Menschen nur die Liebe des Menschen zu sich selbst ist 29., wurde Religion etwas Peinliches, der religiöse Mensch ist ein Narzisst, der auf sein eigenes Bild onaniert und dabei Gebete stammelt. Die Welt ist sich in ihrem Sosein innegeworden, bezieht sich nur noch auf sich selbst und der Mensch ist sich nun selbst wert, göttliche Sonne, um die sich das Universum dreht. Feuerbach setzt das menschliche Selbstbewusstsein als oberste Gottheit ein. Es war dies eine herrliche Zeit, die man miterlebt haben möchte. Man hatte bereits herausgefunden, dass die Erde sich um die Sonne dreht, nun aber war durch Feuerbach der Mensch die Sonne geworden, um die sich alles „hell und licht“ (Feuerbach) bewegt und man konnte zu einer klassischen kantischen Frage verleitet werden: ‚Was ist dieser Mensch?‘ Die deutsche Aufklärung war weniger radikal als die französische, aber durchtriebener, doppeldeutiger als jene, die sich in ihrer starken cartesianischen Tradition im mechanischen Materialismus suchte und fand. Noch der Metaphysiker Hegel, dem der „Begriff Alles“ war, stellte den Philosophen über den Pfaffen, der Begriff der Religion, der ‚Begriff Religion‘, die begriffene Religion ist die Philosophie, wahre Religion ist philosophisch aufgehobene Religion, istphilosophischeReligion. Das ist eine originelle, deutlich gezeichnete, zum Weltlichen neigende Konstellation. Aber da bleibt eben doch das Christentum und das hat dem Denken Hegels erheblichen Schaden zugefügt. Fruchtbare Ansätze waren allemal vorhanden, aber Hegel ist zu sehr Traditionalist, als dass er zur Erkenntnis vorstößt, dass es darauf ankomme, den Widerspruch im Wesen der Dinge selbst zu erforschen. So liegt natürlich noch keine totale Weltimmanenz vor, schon das Abfassen einer Religionsphilosophie spricht ja dagegen. Es ist für Hegel nur der Geist, der sich durch die Arbeit der Weltgeschichte selbst weiß. Aber auch Mensch und Natur leben in sich selbst, die Produktion des menschlichen Lebens ist ein gesetzmäßig verlaufender Prozess, nicht gradlinig, sondern widersprüchlich. Die Weltimmanenz spiegelt sich im Werk von Marx wider als Übergang von der Kritik der Theologie zur Kritik der Politik und zur Kritik der politischen Ökonomie, wobei der letzte Übergang eben anzeigt, dass die Kritik der Politik nicht ausreicht bzw. deren Aufhebung, wenn sie keine phantastische sein will, nur über eine Kritik der politischen Ökonomie möglich ist. Der Staat wird zur menschlichen Angelegenheit und hört auf, eine christliche zu sein, denn die Religion war wissenschaftlich begründet als verkehrtes Weltbewusstsein denunziert worden. Mit den Worten von Marx: Der Staat ist in das Fleisch und Blut der Staatsbürger zu verwandeln, er ist eine Vereinigung von sittlichen Menschen und keine von Gläubigen. (In den USA ist es noch heute umgekehrt, der Präsident legt bei seinem Amtseid die Hand auf die Bibel). Der Mensch ist anerkannt ohne religiösen, ohne metaphysischen Umweg. Mit Feuerbach deckt Marx Religion philosophisch als Entfremdung auf, während die Entfremdung zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat im Selbstverständnis von Marx historisch aufzudecken ist. Von der Philosophie aus wird Religion als Entfremdung gefasst, bis schließlich Feuerbach Philosophie selbst als Entfremdung ausweist. Das ist ein revolutionärer Prozess. Beide Entlarvungen sind Meilensteine auf dem Weg zum historischen und dialektischen Materialismus. Feuerbachs Materialismus aber bleibt stets ein bürgerlicher, ein anthropologischer, während Marx den ganzen vorliegenden Materialismus, auch den Feuerbachs umgestaltet zur Massenweltanschauung des Proletariats. Die Metaphysik ist so zum faden Dunst geworden, wo einst die überragende Hinterwelt stand. Gegen diese Entzauberung wird sich die Romantik wenden. Man lebt nicht länger für die Ewigkeit, sondern für den Faustischen paradiesischen Augenblick, den nur noch der Kapitalismus der Menschheit in einer depressiven Gesellschaft so hartnäckig verweigert. Für den Metaphysiker freilich ist dies alles Reduktion, Reduktion vom ‚Anundfürsich‘ zum bloßen ‚Ansich‘. Zwei Schwerpunkte in den Überlegungen des jungen Marx weisen auf einen Hintergrund von bürgerlicher, vom Elternhaus und von der Schule vermittelten Aufklärung hin: Zunächst seine Orientierung auf die Gattung. Auch Robespierre sagte, dass die Jakobiner für die ganze Menschheit kämpfen würden, und die Betonung, dass diese einen Zustand der Vollkommenheit erreichen kann. Diese bereits von Giordano Bruno 1584 in London verkündete 'perfektibilité', einer von mehreren Gründen für seine vom Vatikan veranlasste öffentliche Verbrennung am 17. Februar 1600 auf dem Campo di Fiori in Rom, liegt in der inneren Logik von Aufklärung, die ohne sie nur halbe Sachen machen könnte. "Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muß, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigne Vollendung. Man wähne nicht, diese beiden Interessen könnten sich feindlich bekämpfen, das eine müsse das andre vernichten, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, daß er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die Vollendung, für das Wohl seiner Mitwelt wirkt". 30. Aufklärung, Humanismus, Glück der Gattung ja - aber kein Kommunismus. Das ist vom Jüngling zu viel verlangt, dessen Vater 1824 vom jüdischen Glauben zum protestantischen Christentum übergetreten und ein gemäßigter Aufklärer war, wie Holbach, wie Hegel erwartete der Vater von Marx Besserungen von einem durch Aufklärung gebildeten Monarchen. 1824 ist Marx sechs Jahre alt, er steht also nicht in einer langen protestantischen resp. jüdischen Familientradition und das hat der deutschen Geistesgeschichte und der internationalen Arbeiterbewegung nur gutgetan. Marx wittert den jüdischen Geist der bürgerlichen Gesellschaft, ihren Gott, das Geld, das ihn anekelt. Bis 1848 klärt Marx hier vieles. Er ist dann aber kein Weltverbesserer, sondern ein das Geldsystem zu überwinden trachtender Kommunist, der dem Juden seinen heiligsten Gegenstand, das Privateigentum und das Geld entreißen will. Es leuchtet ein, dass die Hetze gegen den Geldjuden sich nicht auf den jungen Marx beschränken lässt. Bis 1848 hatte er, teilweise zusammen mit Engels, die Theorie des Klassenkampfes derart entwickelt, dass als seine Folge das Proletariat die Macht ergreifen wird. Damit ging der junge Marx über bürgerliche Klassenkampftheoretiker hinaus. Die Theorie des Klassenkampfes ersetzte die Vernunft, den Leitbegriff der bürgerlichen Aufklärung, die nach diesem in der Theorie Urteile fällte und ihn in der gesellschaftlichen Praxis als Maßstab nahm, Abweichungen von der bürgerlichen Allgemeinheit festzustellen. Noch Feuerbach schrieb 1828 seine lateinisch abgefasste Doktorarbeit, die er Hegel widmete, im Fach Philosophie über die eine, allgemeine, unendliche Vernunft, lateinisch abgefasst. Nun konnte aber keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft eine reine Allgemeinheit mehr für sich beanspruchen. Die Lehre vom Klassenkampf, die dazu anhält, zweimal hinzuschauen, hatte die bürgerliche Allgemeinheitsanmaßung destruiert und gezeigt, dass das Bürgertum so vernünftig nun auch wieder nicht ist. Lösung gesellschaftlicher Widersprüche durch einen gebildeten Monarchen! Was selbst schon wieder ein Widerspruch ist. Erst 1848 kommt das Wort 'Menschheit' im kosmopolitischen Sinne in einem fundamentalen Werk nicht mehr vor, im Kommunistischen Manifest fehlt es! Es fehlt nicht nur im bürgerlich-kosmopolitischen Sinne, es fehlt überhaupt. Denn Marx und Engels unterscheiden bereits zwischen produktiven und unproduktiven Klassen. Mit Marx und Engels als 48ern heißt es also Abschied zu nehmen von Rousseaus ‚volonté generale‘. Ich hätte also diesen Abiturientenaufsatz, der erst Ende der 20er Jahre in Moskau veröffentlicht worden war, außen vorlassen können? Nein, ein Gedanke hat eine fundamentale Bedeutung für den reifen Marx und für den historischen Materialismus. „ … unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen imstande sind". 31. Somit deutet der Abiturient das menschliche Leben als ein sich gegen das Gesetztsein-setzen, was später als Negativität menschlicher Arbeit gefasst werden wird. Das menschliche Leben ist die Negativität seines Arbeitsprozesses, es geht durch ihn als Lebensprozess hindurch. In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens sind die Menschen gezwungen gewisse notwendige, von ihrem Willen unabhängige Produktionsprozesse einzugehen, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen, wird es im Januar 1859 im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie heißen. Und schon im Vorwort zur dritten Auflage des ‚Achtzehnten Brumaire‘, veröffentlicht im Mai 1852, lesen wir: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“. 32. ‚Die Verhältnisse haben einigermaßen schon begonnen …‘. Dieser Gedanke wartet auf Tage der Entfaltung: „ … machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken … von ihrem Willen unabhängige Produktionsprozesse … der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse … diese Aussagen sind unbedingt zu berücksichtigen, wenn man den Marxschen Freiheitsbegriff entwickelt, der aber hier und heute nicht unser Thema ist. Nur so viel kann hier angedeutet werden: Der Sohn der Zeit kann nicht über Rhodos hinausspringen, Marx und Hegel stimmen laut Engels darin überein, dass Freiheit die Wahrheit der Notwendigkeit sei.

1.2. Wann war der junge Marx nicht mehr jung?

Das Thema 'Der junge Karl Marx und seine kritische Auseinandersetzung mit der Hegelschen Rechtsphilosophie' bedarf zunächst rein formal einer Eingrenzung: Wann hört der junge Marx auf, jung zu sein? Und wann fing er an, als Marx für die Weltgeschichte oder als Marx vor dem Marxismus aufzutreten? Legen wir die Bemerkung Lenins zugrunde, dass die ersten ausgereiften Werke des Marxismus die Schriften 'Das Elend der Philosophie' von 1844, eine Schrift, in der durch die historisch-materialistische Methode der Gleichklang der Produktion von Reichtum und der Produktion von Elend nachgewiesen wird, und das weltberühmte Manifest von 1848, dem Höhepunkt des Schaffens von Marx und Engels vor der Revolution 1848, waren, so kann man sich auf eine ungefähre Grenze einigen. 33. Auf eine ungefähre Grenze, denn abstrakte strenge Grenzlinien gibt es in den Gesellschaftswissenschaften nicht. Man hört damit weniger auf eine Autorität, als im Manifest Marx ja die theoretischen Sätze der Kommunisten als „allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes“ 34. aufgenommen wissen wollte. Vier Jahre vor dem Ausbruch der 48er Revolution in Frankreich, Marx war gerade 26 Jahre alt, tritt der Revolutionär, der bis zum Ausbruch der Revolution ein mit sich unzufriedener Mensch bleiben muss, Jung schreibt am 18. Oktober 1841 an Ruge, Marx sei ein „ganz verzweifelter Revolutionär“ 35., tritt also dieser verzweifelte Revolutionär und Gesellschaftswissenschaftler in die Welt der erwachsenen Intellektuellen Europas ein: sowohl in politischer als auch in philosophischer Hinsicht. Bis zu dieser Schwelle enthält der Entwicklungsweg des jungen Marx u. a. folgende Schwerpunkte geistigen Ringens: Hegel und die Junghegelianer, Französische Revolution, ökonomische Studien, politische Redaktionstätigkeiten ('Rheinische Zeitung', einem am 1. Januar 1842 gegründeten ‚Organ der Demokratie‘, in der Marx ab dem 5. Mai 1842, also ab seinem 24. Geburtstag, immer mehr zum Chefredakteur avanciert) und last not least die Religionskritik Feuerbachs. Das sind die fundamentalen Wegsteine der Entstehungsgeschichte des Marxismus. Noch hatte die Religion ein großes Gewicht im Leben der Menschen. Marx kritisierte in einem Brief an Ruge vom 30. November 1842 die Junghegelianer, sie sollten die Religion mehr in der Kritik der politischen Zustände angreifen, als diese Zustände in der Religion zu kritisieren. Die Ursache einer jenseitigen Wahrheit liege im irdischen Diesseits, man dürfe nicht weltliche Fragen in religiöse auflösen, sondern umgekehrt: religiöse in weltliche. Aus der Kritik der Wahrheit im Himmel geht Marx über zur "Kritik der Erde", die die Götter stürzen wird, zur sozial elenden Lage der Moselbauern und zu den schlesischen Webern. Im Laufe dieser Sukzession wandelt sich Marx vom Idealisten, für den die belgische Revolution noch ein Produkt des Geistes war, zum Materialisten, für den sich eine Theorie immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. Im Laufe dieser Sukzession wandelt sich Marx durch Feuerbach zum Atheisten, nachdem er sich während des Jurastudiums einen ganz anderen Schwerpunkt gesetzt hatte, das Studium der Philosophie, ein Fach, das in Frankreich geholfen hatte, eine große Revolution, eine "ohnegleichen" (Lenin) vorzubereiten. 36. Das Ringen mit der Philosophie wird in eine Dissertation einmünden, die die ‚Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie‘ zum Thema haben wird. Zugleich thematisiert Marx in den Anmerkungen zur Doktordissertation das Weltlichwerden der Philosophie und damit ihre Aufhebung. Nachdem ich eine Bemerkung von Lenin zum jungen Marx vorgebracht habe, dürfte klar sein: Im 'Elend der Philosophie' muss dieser Schwanengesang der Philosophie mehr als nur anklingen. Diesen hat Hegel mit seiner Klage über die Dekadenz der Philosophie und der Verachtung der wirklichen Philosophie durch die Zeitgenossen mit angestimmt. Freilich arbeitet Hegel dagegen, fast möchte man den abgewetzten Ausdruck als ‚Retter des Abendlandes‘ anbieten. Diese sind sehr im Irrtum, wenn sie glauben, als Philosophen geboren zu sein. Keiner anderen wissenschaftlichen Disziplin wird nach Hegel diese Verachtung entgegengebracht. Aber darf Hegel überhaupt Klage führen, wenn sich doch die sinnliche Gewissheit und das absolute Wissen bei ihm als Kreis schließen? Seine Rechtsphilosophie wird getragen von der Idee, dass die Philosophie und unbefangenes Bewusstsein dem Gesetz den gleichen Respekt entgegenbringen. Aber Hegel wettert sofort drauflos, wenn dieses anfängt, sich in seiner Unmittelbarkeit inphilosophischerManier zu Staatsangelegenheiten zu äußern. Hier liegt Distanz zur Majestät der wissenschaftlichen Disziplinen vor. Der Bruch mit der Philosophie ist radikal. Daran ändern auch nichts die ‚Ökonomisch-philosophischen Manuskripte‘ etwas, durch die man, wie gesagt, per Aufwertung des philosophischen Gehalts revisionistisches Kapital schlagen wollte. Bis 1932 war man auf die weniger ausführliche Mehringsche Nachlass-Ausgabe der Schriften von Marx und Engels aus dem Jahr 1902 angewiesen. Zwar hatte der junge Marx die Arbeiterklasse darauf hingewiesen, dass sie ihre geistigen Waffen in der Philosophie finde, aber dadurch, dass Hegel diese bereits als staatsdienlich in Beschlag genommen hatte und die geistige Auseinandersetzung mit diesem Philosophen dies ergab und zugleich, dass seine idealistische Methode für den proletarischen Klassenkampf unbrauchbar war,so musste Marx zusammen mit Engels die proletarische Wissenschaft auf einer ganz neuen, staatsfeindlichen Grundlage errichten.Das Ende der Jugend von Karl Marx und das Ende der fundamentalen Bedeutung der Philosophie fallen bei ihm zusammen. Schrieb der junge Marx 1844 in Paris noch'Ökonomisch-philosophische Manuskripte' (man beachte eventuell die Reihenfolge der Adjektive ?!) mit einem frischen und grandiosen Finale 'Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt', die wichtigste Auseinandersetzung auf dem Weg, seine Dialektik der Hegelschen direkt entgegenzusetzen, so wendet er sich als 'Erwachsener' ganz ökonomischen Studien zu bzw. fast ganz, ein markantes Relikt der Philosophie blieb, aber nicht in ihrer traditionellen Gestalt. Das war die materialistisch umgedrehte philosophische Methode Hegels, dessen Stärke ja das Gespür für Widersprüche und ihre inneren Zusammenhänge war. Die Philosophie ist für den reifen Marx nur noch von Belang bezüglich der Dialektik als Prozesswissenschaft und den Gesetzen der formalen Logik. Bildete also die Überwindung der idealistischen Dialektik den Abschluss des Reifeprozesses von Marx? Er hatte sich durchgesetzt und eigenständige Positionen gewonnen, und zwar so, dass einem Zweifel befallen bei der Frage, ob der Name ‚Marx‘ in ein Philosophenlexikon gehöre oder nicht? Suchte man nach einem Textdokument für den reifen Marx, so müsste man auf das Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie verweisen, in ihm hat Marx seine Position bzw. Gegenposition ganz deutlich, ganz fassbar markiert. Ein Text zum Auswendiglernen, wie in Stein gemeißelt; während dem Studenten im ersten Jahr in Berlin noch „alles aus dem Mond konstruiert“ schien. Eindeutig ist schon jetzt festzuhalten, dass der Name 'Hegel' im Manifest nicht (mehr) fällt. Sechs Jahre zuvor hatte Feuerbach noch geschrieben, dass alles in der Philosophie Hegels stecke 37., und zwar so, dass die Korrektion der Spekulation nur in ihrer Negation liege. Der Weg der Wissenschaft sei die Philosophie Hegels zugleich mit ihrer Negation. Damit bleibt Hegels Denken aber elementar in der Geschichte der Philosophie, seine Negation ist das Wahre. Ganz freigeschwommen hatte sich also Feuerbach nie aus dem spekulativen Kreisen Hegels. Es war Marx, der die philosophische Diktatur Hegels, die immer mit der der Theologie und der des preußischen Staates verschwistert war,zertrümmerte, um der Diktatur des Proletariats Platz zu machen. Marx war also Kommunist? Darf man also die Frage stellen, ab wann Marx Kommunist war? Diese Frage dürfte schief gestellt sein. Marx war zeit seines Lebens auf dem Weg zum Kommunisten und auf dem Weg zum Kommunismus. Marx war kein Revolutionsmacher.Für ihn war der Kommunismus einewirklicheBewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. 38. 1842, also mit 24 Jahren, also als Redakteur der ‚Rheinischen Zeitung‘, begann, wie man zu sagen pflegt, seine Beschäftigung mit dem Kommunismus. Er erkannte die Notwendigkeit, ihn „zu studieren“, was vornehmlich in der Stadt geschah, die die Revolutionäre ganz Europas anzog, in Paris. Marx traf am 11. oder 12. Oktober 1843 zusammen mit seiner Frau in diese Stadt ein, deren Himmel voller sozialistischer und kommunistischer Theorien hing. Der junge Marx, für den Paris die alte Hochschule der Philosophie darstellte, hatte Deutschland tief enttäuscht hinter sich gelassen. „Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde … In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen. Man verfälscht sich hier selbst“. 39. In keiner Stadt Europas gab es eine stärkere, radikalere proletarische Bewegung und der junge Marx begann aktiv an ihr teilzunehmen, studierte aber auch an diesem idealen Ort die Geschichte der bürgerlichen Revolution von 1789. In dieser Stadt findet vom 28. August bis zum 6. September 1844 auch das historische Treffen zwischen Marx und Engels statt, mit dem ihre lebenslange Zusammenarbeit beginnt. Die erste Schrift, in der man das Studium des Kommunismus mit Händen greifen kann, ist die Schrift ‚Zur Judenfrage‘, in der er mit Bauers spekulativ-hegelianischer ‚kritischen Philosophie‘ offen bricht. Marx wollte auf keinen Fall die Welt dogmatisch antizipieren, sondern „aus der Kritik der alten Welt die neue finden“. 40. Man kann nicht den Kommunismus als abstrakten Begriff zum Maßstab nehmen, denn er ist eine Konsequenz der Geschichte, er ist kein Ideal, er ist ein Entwicklungsprozess in und zu sich selbst. „Das Finden der neuen Welt durch Kritik der alten Welt– das ist die methodologische Grundposition …“. 41. Dass alle Menschen Brüder werden ist lapidar, aberwiegestaltet sich die Entwicklungsbahn dahin? Und da ist hervorzuheben, dass die Qualität des Sozialismus bedingt ist durch die Qualität des vorhergehenden Kapitalismus. Die Bedingungen der kommunistischen Bewegung ergeben sich aus der jetzigen bestehenden Voraussetzung. Ein abstrakter Maßstab verwirft durch totale Kritik, aus der sich der Kommunismus automatisch ergäbe, während die spezifischen Übergangsformen zu ihm studiert werden müssen. Die Frage, wann, wo und wie der Marxismus Marxens beginnt, ist schwierig zu beantworten. Allgemein haben sich die Marxisten auf das ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘ geeinigt, das er aber nicht alleine verfasst hat. So ist strenggenommen ‚Das Elend der Philosophie‘ das erste Werk, in dem die Marxsche Lehre in ihrer Urform vorliegt. Es wurde im ersten Viertel des Jahres 1847 geschrieben, erschien aber erst 1885, zwei Jahre nach seinem Tod.

2.1. Epigramme des jungen Marx zu Hegel

In den Jahren 1836 und 1837 schreibt der junge Marx auch Gedichte. Diese können nicht umgangen werden. Einige Epigramme setzen sich mit Hegel auseinander und sind auch unter dem Namen 'Hegel' zusammengefasst. "Lange forscht' ich", lässt der 18jährige Hegel sagen, "und trieb auf dem wogenden Meer der Gedanken ... Worte lehr' ich, gemischt in dämonisch verwirrtem Getriebe, Jeder denke sich dann, was ihm zu denken beliebt". 42. Schon in diesen Epigrammen zeigt sich die tiefe Verachtung des rückständigen Deutschlands, das nur in philosophischer Hinsicht auf der Höhe der Zeit ist. Für die kritische Auseinandersetzung mit Hegel ist ein Epigramm besonders aufschlussreich: "Kant und Fichte gern zum Äther schweifen, Suchten dort ein fernes Land, Doch ich such' nur tüchtig zu begreifen, Was ich - auf der Straße fand". 43. Hier hat sich Marx natürlich dichterische Freiheiten herausgenommen, es ist ein schiefes Bild, dass der Agnostiker Kant gern zum Äther schweifte und dass der Idealist Hegel Philosophie auf der Straße suchte. Das aber ist wahr an Hegel, dass er im Gegensatz zur sterilen und starren kantischen Subjekt-Objekt-Konstellation des Erkenntnisprozesses in der 'Kritik der reinen Vernunft', die für die Kantianer grenzziehend untersucht, was der Mensch überhaupt in Raum und Zeit wissen kann, diese in der 'Phänomenologie des Geistes' nicht nur dynamisiert, sondern in den menschlich-gattungsmäßigen Erkenntnisprozess tatsächlich fast alles hereinholt, was in der Weltphilosophie und in der Weltgeschichte an Essentiellem sich vorfand. Gerade der Idealist Hegel, der den Geist in einer geistfeindlichen Zeit retten und auslegen wollte und dem sich die Idee als das materielle, bewegende Prinzip erwies, der gegen den Geist der Zeit ein System konstruierte, verarbeitet auf dem Weg zum absoluten Wissen, auf einem Weg der Verzweiflung die ganze Weltfülle und sprengt die traditionelle Subjekt-Objektkonstellation der traditionellen Erkenntnistheorie. Der Geist entwickelt sich für ihn sowohl logisch als auch historisch in einem. Somit liegt ein historisch entwickelter Panlogismus vor. Hegels Philosophie hat so zwei Konsequenzen, die gegeneinandergehalten merkwürdig erscheinen: eine Historisierung des Denkens und ein Philosophieren, das über die Gegenwart nicht hinauszugehen hat, da das Logische und das Historische final und identisch ausgedacht worden sind. Das Logische hat sich selbst erreicht. Trotz der eindeutigen idealistischen Festlegung Hegels: Der Satz, dass das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus, scheuen sich Marxisten nicht, und Feuerbach und Lenin betonen es eigens, die Philosophie Hegels als einen umgekehrten Materialismus zu deuten. Wir brauchen nach Feuerbach nur die spekulative Philosophie, die für ihn eine theologisch verunreinigte, sich von der Wirklichkeit distanziert habende war, umzukehren, um die pure blanke Wahrheit zu haben. Sie sei die vernünftige Theologie. Er hat im Paragraphen vierzehn der ‚Grundsätze der Philosophie der Zukunft‘ feinsinnig bemerkt, dass Hegels spekulative Denken theistisch-atheistisch ist. 44. Gerade der Idealist Hegel hat in seiner Philosophie mehr Materialismus als Kant und Fichte in ihren Philosophien. Rüdiger Thomas deutet das Epigramm nun so, dass er die „Straße“ als Synonym für Trivialitäten deutet, die Hegel mit einem philosophischen Gewicht ausstatte, das ihnen nicht zukomme. 45., während ich die Straße im Sinne einer Weltstraße der Philosophie deute. Die Natur, die für Hegel nur der sich entfremdete Geist war, rächt sich an Hegel wegen der ihr bewiesenen Verachtung. Die in sein Denken aufgesogene Weltkomplexität steht unter dem Stern der Philosophie, das Denken von Marx steht primär in sozialökonomischen Komplexfeldern der Großen Industrie und ihrer Vorgeschichte, ein Denken, durch das primär untersucht wird,wiedie Menschen ihren Lebensunterhalt produziert haben, denn was sie sind hängt von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion ab.

2.2. Brief des Studenten Karl Marx an seinen Vater vom 10. November 1837

Wenn wir uns jetzt dem ersten erhalten gebliebenen schriftlichen Dokument des Jurastudenten zuwenden, dem erschütternden Brief an seinen Vater vom zehnten November 1837 aus dem nachhegelschen Berlin nach Trier, wo auch die Braut wohnt, ein Brief, nach den Worten Ernst Blochs eine „Gewitterlandschaft eines jungen Philosophen“, so bleiben wir im Kontext der (hegelschen) Philosophie, auch wenn in diesem Brief erste Zweifel am Idealismus auftauchen. „Von dem Idealismus … geriet ich dazu, im Wirklichen selbst die Idee zu suchen. Hatten die Götter früher über der Erde gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben geworden“. 46. Aufschlussreich ist eine Passage, in der der Sohn mitteilt, dass er gedenkt, an eine philosophisch-dialektische Entwicklung der Gottheit, wie sie als Natur sich manifestiert, ans Werk zu gehen. Dieser Brief steht insgesamt einem nach einem Jahr über sein Studium Rückschau haltenden Jurastudenten schlecht zu Gesicht. Dem 19jährigen schwimmt bei seiner Bilanz der intellektuelle Boden unter den Füßen weg, er spürt den inneren Drang, mit der Philosophie ringen zu müssen. Alles andere scheint für ihn sekundär zu werden. Der junge Student flüchtet sich in die Wissenschaften, vergräbt sich unter Büchern, wirft sich hin- und her zu verschiedensten Wissensdisziplinen, und wieder zurück und ohne Satisfaktion; ihn zieht es übermächtig und übernächtigt zur Philosophie hin. Ihm wird klar, ohne sie "sei nicht durchzudringen". Ohne Philosophie geht es nicht! Ich werfe mich wieder in ihre Arme. Dieser aus der Tiefe der Seele kommende Ruf des Suchenden wird später merklich differenzierter: Ohne auf die Füße gestellte Dialektik Hegels geht es nicht. Das bleibt von der ganzen Herrlichkeit der bürgerlichen Philosophie im Marxismus schließlichübrig. Die Entwicklung des Marxismus geht analog mit einer Depotenzierung der Philosophie. "Ich hatte Fragmente der Hegelschen Philosophie gelesen, deren groteske Felsenmelodie mir nicht behagte. Noch einmal wollte ich hinabtauchen in das Meer, aber mit der bestimmten Absicht, die geistige Natur ebenso notwendig, konkret und festgerundet zu finden wie die körperliche, nicht mehr Fechterkünste zu üben, sondern diese reine Perle ans Sonnenlicht zu halten". 47. Es werden mehrere reine Perlen werden, zum Beispiel die Lehre vom Mehrwert, die den kategorischen Imperativ von Kant zerstäubte, die Lehre von der Diktatur des Proletariats, die von den zwei Phasen zum Kommunismus, die Gesellschaftswissenschaften als Naturwissenschaften und: "Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil ...“. 48. Dreißig Jahre dauerte das Hinabtauchen, dann erschien 1867 der erste Band des Kapitals, der einzige, der zu seinen Lebzeiten erschien.Zur Erforschung des inneren Gemütes des jungen Marx liegt uns hier eine einmalig aufschlussreiche Quelle vor, obzwar der Brief nur für den engen Kreis einer Familie, ja einer Vater-Sohn-Beziehung verfasst worden ist. Wir dringen tief ein in das Erdbeben, das der Dialektiker Hegel in der Geschichte der Philosophie verursacht hatte, als er den 'Bildersturm' gegen die mechanische Glorifizierung der Mathematik als Vorbild zuverlässiger Wissenschaft gegen Kant eröffnete, die mit Descartes Meditationen anhob und in der kantischen 'Reinen Vernunft' ihr Glanzstück fand. Dieser Bekenntnisbrief des Sohnes an den Vater ist ein notwendiges Kettenglied in der geistigen Entwicklung des Studenten, ohne dessen Kenntnisnahme es zu Missverständnissen des Marxismus kommen kann. 49.

Von der Philosophie ausgehend bewegt sich der Brief schwerpunktmäßig um die Dialektik und den Idealismus, Marx in seinem Reifeprozess ringt mit sich bis zur Erschöpfung und wir können erste kritische Untertöne gegen die Strömung des Idealismus vernehmen. Am Idealismus störe ihn nach der Lektüre von Kant und Fichte der Gegensatz des Wirklichen und Sollenden. Hier liegt eine der ersten wirklich beachtenswerten kritischen Bemerkungen zum Idealismus vor. Marx verschlang nächtelang ein Buch nach dem anderen, exzerpierte und merkte, dass er sichdurch das Studium auf eine Materie eingelassen hatte,die ihm noch entwich, die er noch nicht beherrschen konnte. Was verbirgt die Jurisprudenz in ihrem innersten Wesen? Wir werden Zeuge, wie auch für Marx aller Anfang schwer war, auch in der Wissenschaft. Im Brief steht, er sei in einer nebelhaft-verschwommenen Scheinwelt versunken gewesen. Er versucht sich an einer 'Neuen Logik', will sich von Hegel absetzen und schafft es noch nicht und kettete sich selbst an die momentane Weltphilosophie, der er zu entrinnen gedachte. Den Dogmatikern, den Orthodoxen, die die Ernte einfahren, sollte man diesen Brief eines Jünglings, der auf dramatische Weise die richtige Stelle zur Ausbringung des Samens sucht, vor die Augen binden. Nicht umsonst spricht Eleanor Marx-Aveling von der fast übermenschlichen Arbeitskraft ihres Vaters, die in diesem Brief zum Vorschein kommt. Das ist richtig, bedenklich aber ist ihre Schlussbemerkung in ihrer Vorbemerkung in der 'Neuen Zeit' von 1897, dieser Brief ihres Vaters an ihren Großvater zeige uns "eine Seite von Marx, von der die Welt wenig oder gar nichts wußte - seine leidenschaftliche Zärtlichkeit für alle, die ihm nahestanden, sein Wesen voll Liebe und Hingebung". 50. Das ist zwar sehr lieb von der Tochter, aber dieses document humain zeigt uns vielmehr eine Seite von Marx, die das Klischee des souveränen Denkers, des kühl rationalen Wissenschaftlers zerbricht. Eines der faszinierenden Dokumente des jungen Marx, nicht des Marxismus, den es 1837 noch nicht geben konnte (vielleicht deshalb?), ist fast unbeachtet geblieben.

Man könnte von einer dunklen Seite im Marxismus sprechen, die den Bogen schlägt von Rousseau über Lenin zu Trotzki. Es geht um die Erschütterung der von Descartes begründeten, mittlerweile ungenügend gewordenen rationalistischen Weltanschauung, und an dieser negativen Arbeit wirkten ausnahmslos Dialektiker mit. Immer mehr musste die Welt nicht als ein Komplex fertiger Dinge, sondern als ein Komplex von Prozessen begriffen werden. Harveys Blutkreislauftheorie war schwerer durchzusetzen als Quesnays Deutung der Volkswirtschaft als einen Zirkulationsprozess im Jahr 1758. Vier Jahre später veröffentlicht Rousseau seine beiden Hauptwerke, in denen er uns als Dialektiker begegnet. Rousseau steht chronologisch in der Mitte zwischen Quesnay und Adam Smith, der 1766 in seinen ‚Wealth of Nations‘ richtig darlegt, dass die Interessen der Arbeiter und der Unternehmer auf keinen Fall dieselben sind. 51. Einerseits war die Dialektik in ihrer Gesetzmäßigkeit auch die Bewahrerin der rationalistischen Philosophie und ihrer Tradition, zugleich wütete sie gegen sie. Der junge Marx entwickelte sich in diesem Spannungsfeld, in dem Brief an den Vater, von Profession Rechtsanwalt, ist alles angelegt: "Dabei war die unwissenschaftliche Form des mathematischen Dogmatismus, wo das Subjekt an der Sache umherläuft, hin und her räsoniert, ohne dass die Sache selbst als reich Entfaltetes, Lebendiges sich gestaltete, von vornherein Hindernis, das Wahre zu begreifen. Das Dreieck lässt den Mathematiker konstruieren und beweisen, es bleibt bloße Vorstellung im Raume, es entwickelt sich zu nichts Weiterem, man muss es neben anderes bringen, dann nimmt es andere Stellungen ein, und dieses verschieden an dasselbe Gebrachte gibt ihm verschiedene Verhältnisse und Wahrheiten. Dagegen im konkreten Ausdruck lebendiger Gedankenwelt, wie es das Recht, der Staat, die Natur, die ganze Philosophie ist, hier muss das Objekt selbst in seiner Entwicklung belauscht, willkürliche Einteilungen dürfen nicht hineingetragen, die Vernunft des Dinges selbst muss als in sich Widerstreitendes fortrollen und in sich seine Einheit finden". 52. Diese so prall gefüllte Passage ist im Gesamtzusammenhang des Marxismus vernachlässigt worden, hier liegt ein wahres Frühbeet vor, das auch eine bizarre Blume beherbergt. Ihre Blätter sind sich ungefähr so zu vergegenwärtigen:Die Gedankenblitze Rousseaus auf dem Weg von Paris nach Vincennes, wo Diderot im Gefängnis sitzt, die Blitze der Dialektik und Lenins Zickzackwege der Geschichte. Das Verb am Ende des Zitates ist vom jungen Marx merkwürdig und pointiert gewählt, 'fortrollen', wie ein Donner, der den dialektischen Blitz ankündigt, und dass das in sich Widerstreitende in sich seine Einheit zu finden hat, das ist bereits eine reife Blume dialektischer Bestimmung, die zum Pflücken winkt. Zu dieser Passage wachsen mühelos Flügel der Assoziation zum Blitz, der „in einemmahle das Gebilde der neuen Welt hinstellt“ 53. und zum Schmetterling unterm Glas. 54. Wie schon die Forschungen Galileis den Vatikan erschütterten, so erschütterte das Aufkommen dialektischen Denkens die intellektuelle Tradition ganz Europas. In dieser galt noch die Formel 'von Ewigkeit zu Ewigkeit' schwergewichtig, in reaktionären Kreisen als fundamental, und ewige Wahrheiten versprach damals noch die Mathematik, die beste Stütze einer metaphysischen Weltsicht. Eine Konsequenz dialektischen Denkens bestand darin, das Wort 'Ewigkeit' vom Sockel der Heiligkeit zu stürzen und als ein Unwort zu denunzieren. Nach der Niederlage im ersten Opiumkrieg musste 1842 China zum Beispiel Honkong ‚auf ewige Zeit‘ an England abtreten, aber diese Formel verblasste mehr und mehr und ist heute tot. Gleichmäßige rurale Bewegung war sprunghafte urbane Selbstbewegung geworden, eine historisch notwendige Schwerpunktverlagerung im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Je mehr die Wissenschaften in die Tiefen des Universums vordrangen, desto mehr hatten sie sich gegenläufig auf die Erforschung des Widerspruchs im Inneren der Dinge zu konzentrieren. Der Makrokosmos und der Mikrokosmos befruchteten sich gegenseitig in ihrer Durchdringung. Dialektik beinhaltet im Zuge der bürgerlichen Emanzipation auch den Kotau des Dorfes vor der Stadt. Der kritische Denker geht heute sehr vorsichtig mit dem Wort 'ewig' um. Wer schwört heute noch wie im 20. Jahrhundert Martin Heidegger auf die ruralen ewigen Kreisläufe der Natur?

Im Einzelnen: Es ist bekannt, dass und wie Rousseau Philosoph und Anarchist wurde. Als er auf dem Weg von Paris nach Vincennes im 'Mercure de France' 1749 die diesjährige Preisfrage der Akademie zu Dijon las: Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen?, geriet er in eine folgenschwere Metanoia und erkannte plötzlich, dass der Mensch von Natur aus gut sei und dass es nur die Institutionen seien, die ihn verdorben hätten. Rousseau sah ein anderes Universum und wurde ein anderer Mensch. Und dass diese Natur rein blieb, darauf achtete Maximilien Robespierre. Marx hat am eigenen Geist und am eigenen Leib die Verdorbenheit der Institutionen gespürt, an denen die meisten Intellektuellen vorbeiglitten. Marx hatte erkannt, dass die Institutionen mächtiger sind als die Menschen. Es ist bekannt, dass der an Depressionen leidende Hegel die 'Phänomenologie des Geistes' am Rande des Wahnsinns geschrieben hat, sein Jugendfreund Hölderlin ist wahnsinnig geworden. Hegel sieht die Heraufkunft der Neuen Welt unter dem Signum des Blitzes. Schon vor der 'Phänomenologie' hatte Hegel in der Differenzschrift den markanten Satz geprägt: ‚Je besser die Methode, destogrellerdie Resultate‘. Die Dialektik ist tief innerlich, vor allem ruhelos. Zum Vermächtnis des deutschen Idealismus gehört, dass Wissenschaft nicht der Erbauung dient, sondern unter Geduld, Ernst und Schmerz der „Arbeit des Negativen“ (Hegel) als bewegendes Motiv. Hegel nennt Goethes Mephisto eine „gute Autorität“. Mephisto verkörpert das Negative als das Fruchtbare. Feuerbach spricht sogar von einer „Tortur“ des spekulativen Idealismus, um nicht länger subjektiv denken zu können. 55. Des Weiteren spricht er vom Schmerz des Widerspruchs und der Höllenpein der Widersprüche.Auch Marx hat in seinem ersten Semester in Berlin eine seelische Erschütterung, er schildert sie unverkennbar. Nach dem gescheiterten Projekt 'Kleanthes oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie", mit dem er Hegel überwinden wollte, die Arbeit ist nicht erhalten geblieben, gesteht er: "Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, "das Seelen wäscht und Tee verdünnt", umher ... und wollte jeden Eckensteher umarmen". 56. Ich bitte Sie, der größte Sohn des deutschen Volkes 57. konnte einige Tage gar nichts denken, liefwie tollim Garten umher, konnte Hegel nicht überwinden, schrieb dem Vater, dass alles Wirkliche für ihn verschwimme. Das sind Geständnisse aus erster Hand, keine Augenzeugenberichte, die ja auch gar nicht berichten könnten, Marx habe einige Tage gar nichts gedacht. „Reformprogramme werden in dichter Folge entworfen und verworfen“. 58. Marx hat den Zweck antiken Philosophierens, das Finden der Seelenruhe, das Finden zu sich selbst verfehlt. Der Vater beklagt sich, dass mühsam erwirkte Arbeiten zerrissen werden. Der Vater musste bremsen: ‚Übertreibe das Studieren nicht!‘ Er spricht von einer Tollheit des Studierens. ‚Schmutziges Spreewasser, das Seelen wäscht und Tee verdünnt‘, ‚lief wie toll im Garten umher‘, Hegels tiefe Lehre über den Widerspruch, der die Welt bewegt, innerste Triebkraft des Weltgeschehens, konnte natürlich zur Ataraxie nicht beitragen. War nicht alles ein ‚Quidproquo‘?, auf dem Kopf wandelnd? Da schlummert etwas, was immer begleitet: Stellten sich nicht ordinäre sinnliche Dinge anderen ordinären sinnlichen Dingen gegenüber auf dem Kopf? Entwickelten Grillen, viel wunderlicher, als wenn sie aus freien Stücken zu tanzen begännen? 59. Marx erkennt, dass das Menschliche das Tierische, das Tierische das Menschliche ist. Das, was dem auch bereits in den Werken Hegels vorliegenden faustischen Grundzug entspringt, wäre damals für so manchen Irrenarzt ein gefundenes Fressen gewesen. Marx wurde krank. Er stürzt aus geistigen Höhenflügen in kränkelnde Empfindlichkeit und phantastisch schwarze Gedanken, man spürt die Depression förmlich. (An der auch Engels in späten Jahren leiden wird). Ein Arzt riet ihm, aufs Land nach Stralow zu ziehen. "Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich könne ganz davon ablassen ...". 60. Und dann in dem Brief die folgenschwere Mitteilung: "Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler kennengelernt". 61. Gegen Ende des Briefes hebt Marx noch einmal die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung seines Gemütes 62. hervor, so dass davon auszugehen ist, dass er nicht ganz gesund aus Stralow zurückgekommen ist, jedenfalls nach seinem Selbstverständnis. Kein Wunder auch, wenn Hegel im Kopf herumspukt: ‚Was die Welt bewegt, das ist der Widerspruch‘. Wer diesen Satz Hegels vertiefen will, schläft nachts nicht unbedingt ruhiger. Aber bewirkt nicht der Kommunismus, auf den alles hinausläuft, die totale Ataraxie für die ganze Menschheit? Das sind die inneren und äußeren, leider wenig bekannten Umstände, in denen Marx Hegelianer wurde. Gedanken werden aber bald bei ihm unter dem Einfluss Feuerbachs rege, ob nicht der Idealismus, ob nicht insbesondere dieSymbiose des Idealismus mit dem Christentum und seiner unbefleckten Empfängnis der Wahn schlechthin sei. Es kehrt sich für Marx alles um und die Denkgestik des Umkehrens, des ‚Vom Kopf auf die Füße Stellens‘, schon bei Feuerbach vorhanden, wird symptomatisch für Marx, das geht bis in den Sprachstil hinein. Wörter werden vertauscht, zum Beispiel in der ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ der wohl bekannteste, gegen den Idealismus gerichtete Austausch von Bewusstsein und Sein. Es wird dann immer die Wortkombination ‚sondern umgekehrt‘ in Anspruch genommen 63., werkimmanent folgerichtig am meisten in der ‚Heiligen Familie‘ und in der ‚Deutschen Ideologie‘. Der Mensch ist nicht des Gesetzes willen da, sondern umgekehrt, das Gesetz ist des Menschen willen da. Uns steht heute der Gärungsprozess vor der 48er Revolution zeitlich und gefühlsmäßig fern, wir lesen die Werke des jungen Marx einfach runter, ohne die Qual zu empfinden, aus der die welterschütternden Schriften quollen. Für Lukacs kommt der wissenschaftliche Sozialismus 1843 aus einer theoretischen Krise, „aus der dann in verblüffend kurzer Zeit der wissenschaftliche Sozialismus samt seiner weltanschaulichen Grundlage, dem dialektischen und historischen Materialismus, entspringt“. 64. Da Hegel einen enormen historischen Sinn besaß und die Bourgeoisie sich vor 1848 noch nicht auf dem absteigenden Ast befand, musste die Marxsche Hegelkritik den Akzent stark auf die bei dem Altmeister bereits von Feuerbach festgestellten Subjekt-Objekt-Vertauschungen legen als auf den Nachweis, Hegel denke nicht konsequent historisch. Das tat er, aber es zeichnet sich in seiner auch christlich fundierten Rechtsphilosophie, eine Parenthese seiner Logik, die in der spätbürgerlichen Rechtsphilosophie vorhandene Dekadenz bereits ab. Immer mehr ist die gesättigte, nicht mehr emanzipationshungrige, vor dem wachsenden Proletariat Angst habende und faulende Bourgeoisie ideologisch gezwungen, das historisch Bedingte starr zu stellen. Ohnehin fehlt Hegels Berufung auf die Vernunft, für Feuerbach eine farblose, und Staatsvernunft im Gegensatz zur französischen Aufklärung der Schneid des Angriffs auf klerikale Staatsbegründungen. Hegels Philosophie ist eine Religion des Absoluten. Jung schreibt am 18. Oktober 1841 an Ruge: „Marx wenigstens nennt die christliche Religion eine der unsittlichsten“. Für den philosophischen Kommunisten Moses Heß war Marx der Mann, „der der mittelalterlichen Religion und Politik den letzten Stoß versetzen wird“. 65. Das nimmt den noch nicht festgeformten Marx, den die Propaganda nicht weitergibt, mit. Propaganda sieht alles positiv, kontinuierlich. Im Leben und Werk von Karl Marx gilt es trotz aller von der Propaganda geglätteten Irrungen und Wirrungen den mitunter verschlungenen kommunistischen Faden herauszufischen. „Darauf kommt es dann an, in dem Scheine des Zeitlichen und Vorübergehenden die Substanz, die immanent, und das Ewige, das gegenwärtig ist, zu erkennen“. 66. Irrungen und Wirrungen gab es allemal, es gibt diese in den Gesellschaftswissenschaften wahrscheinlich mehr als in den Naturwissenschaften. Es darf nicht beschönigt werden, dass Marx sich in der inhaltlichen Prognose der kommenden deutschen Revolution, die dann 1848 kam, 1844 gründlich geirrt hatte. Er sagte eine radikal-menschliche voraus, weil es in Deutschland keine teilweise-politische, die die Pfeiler des Hauses stehen lässt, mehr geben könne. Und nun blicke man auf die 48er Revolution und auf die Frankfurter Paulskirche! Zeitzeugen, seine Tochter, Köppen und Ruge, teilen uns übereinstimmend mit, dass Marx ein besessen lesendes Arbeitstier war. Er wird den Linkshegelianern vorwerfen, den Kommunismus nicht studiert, nicht genug Sachkenntnis zu haben, er wird ihnen vorwerfen, nicht genug in die konkreten Zustände einzugehen, sondern „literarische Klatschgeschichten“ zu erzählen, namentlich Bruno Bauer mit seiner ‚Geschichte des 18. Jahrhunderts‘. Es ist aufschlussreich, was Ruge Feuerbach in einem Brief mitteilte: "Marx ... liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensität ..., aber er vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer … Marx ist womöglich noch gereizter und heftiger, am meisten, wenn er sich krank gearbeitet und drei, ja vier Nächte hinter einander nicht ins Bett gekommen ist“. 67. Diese Bemerkungen von Ruge treffen auch zu auf die geniale Kritik des Hegelschen Staatsrecht, auch sie bleibt unvollendet. 68. 1867 musste man ihm die ‚Heilige Familie‘, die in der zweiten Hälfte des Jahres 1844 erschienen war, zuschicken, weil sie ihm abhandengekommen war. Ist die Hektik ein Preis subjektiver Genialität oder Ausdruck des objektiven Zwanges der bürgerlichen Produktionsweise, sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse im Zuge der technisch-industriellen Revolution fortwährend zu revolutionieren, ohne den Menschen selbst als frei gestalten zu können? Ich tendiere zum letzteren. Durch Hegel erlas er sich, wie schwer, wie gewaltsam und unentrinnbar die Kette gesellschaftlicher Objektivität ist, ein Gewaltzusammenhang, der da die Menschen einrahmt und auf sie einschlägt, so dass sich ihnen die Möglichkeit gar nicht eröffnen kann, andere Menschen zu werden und andere Universen zu sehen. Im Gegenteil: Der Arbeiter ist eine Ware und die Arbeiter stellen die Mehrheit des Volkes, das verstümmelte Milieu, in dem wir alle leben. Die Rechnung der reichen Kapitalisten, die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, zu schinden, um in Saus und Braus zu leben, geht nicht auf. Statt ein anderer Mensch wird der Arbeiter ein „bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird … Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die andern Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.“. 69. Es sieht also zunächst nicht so aus, als sei hier eine emanzipative Kehrtwendung zu erwarten. Dass sie historisch notwendig sei, dieser Nachweis wird zur Lebensaufgabe von Marx. Nicht nur haben die technisch-industrielle Revolution und die klassische deutsche Philosophie die menschliche Arbeit in den Mittelpunkt gestellt, sondern aus diesem ergibt sich ja das Phänomen der modernen Zeit – die Überarbeitung. Der Produktionsprozess beherrscht den Produzenten. Dieser ist mit dem ersten Handschlag bereits überarbeitet, denn die Arbeitenden können ihr Leben durch den Arbeitsprozess nur erhalten, indem sie in ihm verkümmern. Angesichts der Übermacht immer drückender objektiver Zusammenhänge sind wir alle überarbeitet. Je heller alles im Licht der Technik erstrahlt, desto kälter und belastender wird sich ihr nächtlicher Schatten auf das Haupt der Erschöpften legen. Mit der technisch-industriellen Revolution änderte sich der Gegenstand der Intellektuellen Europas. Im rückständigen Deutschland konnte der geläuterte Metaphysiker Hegel noch einmal den Schwerpunkt auf die Philosophie legen, während in Frankreich die Lehrstühle für Metaphysik eingegangen waren. Das ganze intellektuelle Deutschland ging mit der Philosophie schwanger und befasste sich nach Hegels Geschichte der Philosophie mit der Galerie der großen Geister und mit den Heroen der denkenden Vernunft. Nur mit seiner Philosophie war Deutschland auf der Höhe der Zeit. Aber die objektive Entwicklung zwang ein anderes Thema auf: Die Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung mit Millionen in der Agrikultur und mit Millionen, die in der sich rasch entwickelnden, mehr und mehr die Nationalökonomie beherrschendenIndustrie tätig waren. 1844 versuchte Marx in Paris noch einen Spagat zwischen Philosophie und Ökonomie, den er abbrach. Das Kulturelle ist heute auf der Höhe der Zeit als Ausdruck des Objektiven, nicht des Subjektiven. Das Subjekt muss sich heute zurücknehmen und Kant hat das in seiner asketisch-berechneten Lebensweise prototypisch vorgemacht. Sigmund Freud hat diesen Zusammenhang aufgezeigt. Hohes kulturelles Wirken ist bedingt durch die Disziplinierung der Neigungen. Aussteiger wie Gauguin trieb es in die Naivität der Südsee mit der Hoffnung, dort zu sich selbst zu finden und sich dann so ausdrücken zu können. Er sah, dass Authentizität und Originalität im Milieu gigantischer Strukturen ersticken, van Gogh ist an der Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen im Zeitalter der Maschinen und Wölfe irregeworden. Das Subjektive behauptet sich weitgehend im Personenkult, vor dessen Repräsentanten millimetergenau dressierte und gleich aussehende Soldatenblöcke im Stechschritt paradieren, während die letzten Ureinwohner im Urwald Amazoniens zur Trommel noch tanzen.

Die gigantische Objektivität, die im Vollzug der technisch-industriellen Revolution liegt, enthält in sich zugleich die Potenz, aus Objekten Subjekte zu machen. Die Ketten der Sklaverei von 1789 hatte Marat in der französischen Revolution deutlich genug gesehen und noch einen subjektiven Ansatz zur Befreiungslösung angeboten, Fourier sah das Allheilmittel in der Auflösung der bürgerlichen Familie; die industrielle Großraumproduktion, das Gegenteil des Idiotismus des Landlebens, entwertet alle subjektiven Ansätze in der Emanzipationstheorie und lehrt dem genauen Prozessbeobachter die Macht des Kollektiven, in ihm liege nun der Zauberschlüssel, der das Tor zu subjektiven Freiheit des je Einzelnen aufschließt. Die Menschen können ohne kollektive Befreiung nicht freie Subjekte werden, erst in der Gemeinschaft ist persönliche Freiheit überhaupt möglich. In der bürgerlichen Freiheitsideologie werden die Subjekte dagegen frei nur gegen das Kollektiv, als einzelne, als bezugslose Monaden, in der Familie. Das ist auch ganz stimmig und trifft zu auf die Eigner von Produktions- und Lebensmitteln, für die die Masse nur ein Ausbeutungsobjekt ist. Gleichwohl müssen die Monaden in der Fieberhast der Maschinerie zusammenarbeiten, ohne das große Dach, das das mittelalterliche Reich gewährte. Schon für Feuerbach war das Ergebnis der Reformation und der Französischen Revolution die pure nackte Person, die nackt und bar bezahlt. Alle bürgerlichen Befreiungstheorien sind Ideologie, blind vor der Bedeutung des Allgemeinen und Kollektiven, in der Humanismus nur auf dem Papier bleiben kann. Die bürgerliche Familie muss zerstört werden. So steht es in den Feuerbachthesen und so steht es in der ‚Deutschen Ideologie‘, während es 1842 in den Zeitungsartikeln über die Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz noch heißt, dass ein Familienvater ein geheiligtes Dasein hätte. Ernst Bloch meint, der berühmte Brief des Neunzehnjährigen sei nicht nur an den Vater gerichtet, dem ist wohl kaum zu folgen. Marx ist in dieser Phase noch ein nichts vollendender Idealist mit ersten leichten Zweifeln, aber nicht auf dem Gebiet der Geschichte,der historische Materialismus ist auf diesem Gebiet, das bald so wichtig wird, noch in weiter Ferne, die Geschichte werfe sich gern in den Lehnstuhl, schreibt er an seinen Vater, "um sich zu begreifen, ihre eigne, des Geistes Tat geistig zu durchdringen". 70. Das ist noch weder eine materialistische noch eine Dialektik enthaltende Aussage. In Stralow, wo er zur Genesung weilte, geriet er in einen sogenannten Doktorclub, einen Kreis von Hegelschülern unter 30 Jahren, die sich nicht gegen die Methode des Meisters wandten, sondern gegen sein System und die sich 'Die Freien' nannten. Und mit den Freien fing es an mit dem Einüben erst im Ansatz idealistischer, dann im Ansatz materialistischer dialektischer Denkfiguren. 71. Der Club konnte nur befruchtend auf das Schaffen von Marx wirken, aber keiner hatte einen größeren Einfluss auf Marx als Friedrich Engels. Marx brach mit den ‚Freien‘ Ende 1842, am 12. Dezember 1842 teilte Ruge, der sie zur Teilnehme an einem Zeitschriftenprojekt gewinnen sollte, Fleischer in einem Brief mit, dass aus den ‚Freien‘ eine ‚frivole und blasierte Clique‘ sei. Hier ist vor allem die um den Jahreswechsel 1843/44geschriebene Skizze "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" hervorzuheben, die nach landläufiger Auffassung Marx überhaupt erst auf die zentrale Bedeutung der Ökonomie für die Gesellschaftswissenschaften aufmerksam gemacht haben soll. Dem ist zu widersprechen.

3.1. Die Dissertation 1840/41

‚Mit einem Wort, ich hasse alle Götter‘ (Prometheus).

Karl Marx hat seine Dissertation „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ vorwiegend im Jahr 1840 geschrieben und sie im März 1841 beendet. Er reichte sie am sechsten April 1841 bei der Philosophischen Fakultät der Universität Jena in ein und wurde am 15. April 1841 in absentia zum Doktor der Philosophie promoviert. Das eigenhändig geschriebene Manuskript blieb bis heute verschollen. Als Textvorlage gibt es eine von einem unbekannten Kopisten angefertigte, unvollständig gebliebene Abschrift, an die Marx nach Fertigstellung selbst noch Korrektur- und Zusatzhand angelegt hatte. Marx betont in der Vorrede, dass es für sein Dissertationsprojekt keine irgendwie brauchbaren Vorarbeiten gegeben habe. Eine Äußerung über Hegel in dieser Vorrede wie „riesenhafter Denker“ 72., der später für ihn zu einem gewöhnlichen Denker zusammenschrumpfen wird, lässt deutlich erkennen, dass er noch von dessen philosophischer Sonne angestrahlt wird. Von einer Aufhebung der Hegelschen Philosophie kann keine Rede sein, nur erst Kritik an der Hegelschen Geschichtskonzeption wird laut. Auch schlägt Marx den Bogen zu einem anderen Titanen der Weltphilosophie, zu Aristoteles, den er zu Hegels Vollendungsgigantomanie als Vollender der antiken Philosophie komparativ heranzieht. Für Hegel, dem beigemessen wurde, die Welt zu Ende gedacht zu haben, bedeutete das Werk von Aristoteles das Ende der Polis, der Beginn privaten Lebens und privater Borniertheit. Aristoteles und Hegel waren polyhistorisch hochgezüchtet, ihr Leben und Werk auf eine totale Welterfassung ausgerichtet. Wie dachten und verhielten sich die philosophischen Nachkommen von Aristoteles? Assoziationen zu den Junghegelianern drängen sich für Marx auf. Aristoteles und Hegel markieren für den jungen Marx Knotenpunkte in der Geschichte der Weltphilosophie. Erst Hegel, dem die Wissenschaft eine werdende, keine empfangende wie für seine Epigonen war, habe mit seinem bewunderungswürdigen großen und kühnen Plan seiner Geschichte der Philosophie, über die er im Wintersemester 1825/26 in Berlin Vorlesungen vor Studenten hielt, unter denen Ludwig Feuerbach befand, der Menschheit eine Geschichte der Philosophie geschenkt. Wenn Marx in der Vorrede etwa das Mittelalter als „Zeit der realisierten Unvernunft“ bestimmt, so ist die Prägung durch Hegels idealistische Geschichtsauffassung gewiss noch deutlich und der Kreis schließt sich am Ende der Anmerkungen zur Doktordissertation, die mit dem Hinweis auf ein „Land der Vernunft“ enden, in dem die Existenz Gottes aufhöre. 73. Wie schon Prometheus bekannte: ‚Ganz lass‘ ich all‘ und jeden Gott‘. Da Hegel in seiner Geschichte der Philosophie das von ihm richtig bestimmte Allgemeine der Systeme Epikurs und Demokrits zu behandeln hatte, konnte er nicht ins Detail gehen, seine spekulative Grundhaltung ließ ihn nicht die hohe Bedeutung erkennen, die beide Philosophen nicht nur speziell für die Geschichte der griechischen Philosophie, sondern auch ganz allgemein für den griechischen Geist hatten. Gerade die Schlüsselstellungen Demokrits und Epikurs zur wahren Geschichte der griechischen Philosophie wurden von dem ‚riesenhaften Denker‘ nicht erfasst. Marx beendet seine Vorrede mit einem Hohelied auf den Atheismus und speziell auf Prometheus, den vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender.

Auch wird in den Anmerkungen zur Doktordissertation Hegel vor seinen Schülern in Schutz genommen, die in der kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Lehrer aus ‚bloßer Ignoranz‘ gerade nicht die Methode der immanenten Kritik in Anwendung bringen und denen daher die Verweltlichung der Philosophie misslingt. Die Schüler erklären diese oder jene Bestimmung des Hegelschen Systems aus Akkomodation und vergessen, dass sie noch vor kurzem all seinen Einseitigkeiten begeistert anhingen. Sie werfen Hegel gewissenlos eine versteckte Absicht hinter seiner Einsicht vor und wollen nicht bemerken, dass sie sich damit selbst belasten, als sei es ihnen vor kurzem nicht ernst gewesen. Die Hegelschüler erfassen nicht, dass der Meister nicht davon ausgehen konnte, dass die Anpassung in seinem innersten Prinzip, in seiner innersten Wurzel liege, dass die Akkomodation, wie es in den ‚Pariser Manuskripten‘ heißen wird, „die Lüge seines Prinzips ist“. 74. Also hätten seine Schüler „aus seinem innern wesentlichen Bewußtseindas zu erklären, wasfür ihn selbstdie Formeines exoterischen Bewußtseinshatte. Auf diese Weise ist, was als Fortschritt des Gewissens erscheint, zugleich ein Fortschritt des Wissens“. 75. Und nur aus dem inneren wesentlichen Bewusstsein, aus dem Prinzipiellen, nicht aus dem partikularen Gewissen des Philosophen, kann man über die Philosophie des Meisters, über dessen Versöhnung mit der Wirklichkeit auch hinausgehen. Der theoretische Geistwillaus dem Schattenreich des Amenthes, aus dem der Theorie in die noch ohne ihn existierende Wirklichkeit hinaus, sich gegen die erscheinende Welt herauskehrend. „Allein diePraxisder Philosophie ist selbsttheoretisch.Es ist dieKritik, die die einzelne Existenz am Wesen, die besondere Wirklichkeit an der Idee mißt“. 76. Und diese unmittelbare Realisierung der Philosophie ist ihrem innersten Wesen nach mit Widersprüchen behaftet, die Marx nun sowohl nach objektiver und subjektiver Seite hin aufzeigt. In objektiver Hinsicht setzt der Wille zur Realisierung das philosophische System zu einer abstrakten Totalität herab, die „innere Selbstgenügsamkeit und Abrundung ist gebrochen. Was innerliches Licht war, wird zur verzehrenden Flamme, die sich nach außen wendet“. 77. So stehen sich zwei Welten gegenüber mit der Konsequenz, „daß das Philosophisch-Werden der Welt zugleich ein Weltlich-Werden der Philosophie, daß ihre Verwirklichung zugleich ihr Verlust, daß, was sie nach außen bekämpft, ihr eigener innerer Mangel ist, daß gerade im Kampfe sie selbst in die Schäden verfällt, die sie am Gegenteil als Schäden bekämpft, und daß sie diese Schäden erst aufhebt, indem sie in dieselben verfällt. Was ihr entgegentritt und was sie bekämpft, ist immer dasselbe, was sie ist, nur mit umgekehrten Faktoren“. 78. Es verschränken sich die Befreiung der Menschheit von der Philosophie, die Hegels Staatsphilosophie unter Friedrich Wilhelm III. zur Hure der Herrschenden degradiert hatte und zugleich eine Befreiung von ihrem Gegenteil, eine Befreiung der Menschheit vom Klassenkampf. Die Verwirklichung der Philosophie ist die Entwertung ihrer und ihres Verwirklichungsprozesses, ist Verwirklichung als Selbstaufhebung. Sie befreit die Welt von der Unphilosophie und befreit sich dadurch von sich selbst, vom System Hegels, das sie in Fesseln schlug.

Zur unmittelbaren Realisierung der Philosophie gehört aber auch noch eine subjektive Seite. Das Verhältnis der Philosophie zur Welt, was als ein verkehrtes Verhältnis erscheint, wird zu einem Verhältnis des philosophischen Selbstbewusstseins in sich selbst, sich spaltend, und erscheint als eine äußere Trennung und Gedoppeltheit der Philosophie, als zwei entgegengesetzte philosophische Richtungen. Die subjektive Seite bildet sich aus dem Verhältnis des zu realisierenden Systems zu den einzelnen Selbstbewusstseinen, an denen der Fortschritt erscheint. Aus dem Verhältnis der Philosophie zur Welt ergibt sicheinezweischneidige Forderungauf der subjektiven Seite, sich sowohl gegen die Welt als auch gegen die Philosophie kehrend. „Denn, was als ein sich selbst verkehrtes Verhältnis an der Sache, erscheint an ihnen als eine doppelte, sich selbst widersprechende Forderung und Handlung“. 79. Indem diese einzelnen philosophischen Selbstbewusstseine die Welt von der Unphilosophie freimachen, befreien sie sich zugleich von der Philosophie Hegels. Die sich gegen sich selbst richtenden, noch in der Weltphilosophie des Weltphilosophen Hegels steckenden Weltphilosophieakteure bemerken nach Marx nicht, dass sie in ihrer Wendung gegen die Sich-selbst-Gleichheit des Systems dessen einzelne Momente realisieren. Aus dieser Gedoppeltheit des philosophischen Selbstbewusstseins ergeben sich zwei sich aufs extremste gegenüberstehende Parteien, Marx bezeichnet sie allgemein als liberale Partei, die Partei des Begriffes, und als die Richtung der positiven Philosophie. Die liberale Bewegung auf der einen Seite, die Junghegelianer Bruno Bauer, Ludwig Feuerbach, Arnold Ruge u. a. haltenden Begriff und das Prinzip der Philosophiefest; die positiven Philosophen (Christian Hermann Weisse, Hermann Ulrici, Immanuel Hermann von Fichte, Anton Günther, Franz Xaver von Baader, später auch Schelling u. a.) halten denNichtbegriffder Philosophie, das Moment der Realität fest. Betrachten wir die philosophischen Physiognomien dieser beiden sich feindlich gegenüberstehenden Richtungen. Die Liberalen verhalten sich kritisch zur Gegenwart, Marx sieht ihr Verhalten als ein Wenden, und zwar als ein „Sich-nach-außen-Wenden der Philosophie“, während die anderen versuchen, zu philosophieren, Marx sieht ihr Verhalten als ein „In-sich-Wenden der Philosophie“. Während diese zweite Partei den Mangel als der Philosophie immanent weiß, weiß die erste ihn als Mangel der philosophisch zu machenden Welt. Beide Parteien tun jetzt nach Marx das Verkehrte. „Jede dieser Parteien tut gerade das, was die andere tun will, und was sie selbst nicht tun will“. 80. Die philosophiekritischen Linkshegelianer sind die wahren Philosophen und die philosophiefolgsamen Rechtshegelianer verhalten sich unwahr, sprich unphilosophisch. Die Liberalen aber sind sich bei ihrem inneren Widerspruch des Prinzips im Allgemeinen bewusst und ihrer Zwecke, in der Gegenrichtung erscheint die Verkehrtheit, sozusagen die Verrücktheit, als solche. Nur die Partei des Begriffes bringt es nach Marx zu realen Fortschritten, die Richtung der positiven Philosophie dagegen bringt es nur „zu Forderungen und Tendenzen, deren Form ihrer Bedeutung widerspricht“. Dieser Widerspruch zwischen Form und Forderung, zwischen Form und Tendenz, letztlich zwischen Form und Inhalt lässt es für Immanuel Hermann von Fichte, dem Sohn Fichtes, und für Schelling zu keinem Fortschritt kommen. So ist der Stand der Dinge, der Stand der Links-, der Stand der Rechtshegelianer und ihr Verhältnis zu- und gegen einander und die kritische Position von Marx zu ihnen ist in den Anmerkungen zur Doktordissertation zu finden, an der Marx bereits ab Anfang 1839 arbeitete. Die bürgerliche Gesellschaft polarisiert sich in einen fortschrittlichen und reaktionären Haufen, und zu dieser Konstellation tauchen untergeordnete, quengelnde und individualitätslose Gestaltungen auf, die sich hinter der philosophischen Riesengestalt Hegel stellen, „aber bald bemerkt man den Esel unter der Löwenhaut, die weinerliche Stimme eines Mannequin von heute und gestern greint komisch kontrastierend hervor … es ist, als wenn ein Stummer sich durch ein Sprachrohr von enormer Größe zu Stimme verhelfen wollte – oder aber mit doppelter Brille bewaffnet, steht irgendein Liliputaner auf einem Minimum vom posterius des Riesen, verkündet der Welt nun ganz verwundert, welche überraschend neue Aussicht von seinem punctum visus aus sich darbiete … So entstehen Haar-, Nägel-, Zehen-, Exkrementenphilosophen und andere, die einen noch schlimmern Posten im mythischen Weltmenschen des Swedenborg zu repräsentieren haben“. 81. Am Ende müssen sich diese „Schleimtierchen“ in die eine oder andere Seite als ihrem Element zuordnen und dort einnisten. In diesen Anmerkungen zur Doktordissertation finden wir, man wird mir nach dem soeben Gelesenen zustimmen, einige der bizarrsten und unbekanntesten Sätze von Marx; diese Anmerkungen zur Doktordissertation mit der Verächtlichmachung des Fußvolkes der Philosophie, der Verächtlichmachung der ‚Exkrementenphilosophen‘, enden, kontrastreich genug, mit Marxens Kritik der traditionellen, philosophisch dargelegten Beweise vom Dasein Gottes, in denen sich sein Bemühen um eine materialistische Fassung des Themas abzeichnet, er sich aber, wie gesagt, mehr als nur einer idealistischen Terminologie verpflichtet fühlt. ImLand der Vernunfthöre die Existenz Gottes auf. Während die Formulierung ‚Land der Vernunft‘ auch in einem der Bücher Hegels stehen könnte, ist der ganze Satz inhaltlich natürlich schon Hegel diametral entgegengesetzt, für den Gott gerade in diesem Land seine Wurzeln hat. Hegels geistiges Trachten war die gegenseitige Bestätigung von Glauben und Vernunft, Religion und Philosophie, Christentum und preußischem Staat, dem er dreizehn Jahre diente. Der hier zu Tage tretende Atheismus von Marx darf aber nicht dazu verleiten, die Dissertation bereits in einen materialistischen Kontext hineinzuziehen, sie trägt durchaus noch einen idealistisch-hegelianischen Grundzug. Lukacs spricht von einem radikalisierten atheistischen Pantheismus, mit unvermeidlich objektiv-idealistischen Zügen. Politisch sei Marx beim Abfassen seiner Dissertation noch ein Liberaler gewesen und versuche, die Philosophie mit der liberalen Bewegung zu verbinden. Der schlechten Wirklichkeit fehle der in der Theorie bereits aufgeladene, gegen sie gerichtete Geist der Philosophie. Der Welt fehle Philosophie. Marx bemüht sich 1840 noch ganz auf einer hegelschen, sprich junghegelschen Linie um ein ‚Begeisten‘ der Welt. Die Schranke des Idealismus ist noch nicht erkannt, die das Wirklichwerden seiner rationellen Keime verhindert. Das Analysieren des „mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins“, von dem Marx am Ende seines Briefes an Ruge im September 1843 aus Kreuznach spricht, hält noch notwendig an und gipfelt in den Analysen der ‚Deutschen Ideologie‘, einem Gemeinschaftswerk mit Engels, das die junghegelsche Mystifikation auflöst.

3.2. Wirkliche Taler haben dieselbe Existenz, die eingebildete Götter haben

Die Beweise für das Dasein Gottes, ihn als notwendiges Wesen zu konstruieren, bezeichnet Marx als ein ‚fast berüchtigt gewordenes Thema‘. Hegel zum Beispiel habe alle Gottesbeweise durch Umdrehung, d. h. durch Verwerfung wieder restauriert, wie er alles Verworfene wieder restauriert habe. „Was müssen das für Klienten sein, die der Advokat nicht anders der Verurteilung entziehn kann, als indem er selbst sie totschlägt?“ 82. Hegel hatte im Sommersemester 1829 in Berlin in seinen Vorlesungen über die Beweise vom Dasein Gottes die Kategorie des Zufalls eingefügt. Der Schluss von der Welt auf Gott lautet dann: ‚Weil das Zufällige nicht ist, ist Gott oder das Absolute‘. Man kann das Ganze aber auch umdrehen, und mit den Theologen sagen: ‚Weil das Zufällige wahres Sein hat, ist Gott“. Gott ist dann die Garantie für die zufällige Welt. Es ist gehüpft wie gesprungen und für Marx bewegen sich die Beweise vom Dasein Gottes als hohle Tautologien. Der ontologische Gottesbeweis zum Beispiel bewegt sich einfach lapidar: Auch eine bloße Vorstellung wirkt auf mich und insofern hätten alle Götter der Welt zu allen Zeiten eine reelle Existenz gehabt. Auch die drei kantischen Widerlegungen des ontologischen, kosmologischen und physikotheologischen Beweises, die er in der ‚Kritik der reinen Vernunft’ mit dem berühmten Beispiel der ‚Hundert Taler‘ (Hundert wirkliche Taler sind immer mehr als hundert mögliche) ausbreitet, können nach Marx ins Gegenteil umgedreht werden. „Wenn jemand sich vorstellt, hundert Taler zu besitzen, wenn diese Vorstellung ihm keine beliebige, subjektive ist, wenn er an sie glaubt, so haben ihm die hundert eingebildeten Taler denselben Wert wie hundert wirkliche“. 83. Das ist direkt gegen Kant gerichtet, man kann seine ganze Argumentation ebenso gut umkehren zur Stichhaltigkeit des ontologischen Gottesbeweises. Man sieht, die dialektische Kehre hat sich in die obersten Etagen der Theologie eingenistet. Aus der Nüchternheit der Alltagspraxis trägt Marx vor, dass der Mensch Schulden auf seine Einbildung macht und hat nicht die ganze Menschheit immer Schulden auf ihre eingebildeten Götter gemacht? „Wirkliche Taler haben dieselbe Existenz, die eingebildete Götter haben“. 84. Marx fragt, wo denn ein wirklicher Taler Existenz habe? Natürlich als existierender, handgreiflicher, aber auch in der kollektiven Vorstellung der Menschen. „Bringe Papiergeld in ein Land, wo man diesen Gebrauch des Papiers nicht kennt, und jeder wird lachen über Deine subjektive Vorstellung“. Und was für das Papiergeld gilt, gilt auch für Gott. Komme mit Gott in ein Land, in dem ein anderer Gott herrscht, und man wird dir deinen Gott als nur in deiner Einbildung existierend nachweisen wollen. „Was ein bestimmtes Land für bestimmte Götter aus der Fremde, das ist das Land der Vernunft für Gott überhaupt, eine Gegend, in der seine Existenz aufhört“.85. Oder, fährt Marx fort, Gottesbeweise sind Beweise für das Dasein des wesentlichen menschlichen Selbstbewusstseins, logische Explikationen desselben. Der ontologische Beweis ist ein unmittelbarer Beweis des Selbstbewusstseins: „Welches Sein ist unmittelbar, indem es gedacht wird? Das Selbstbewußtsein“. 86. In der Religion bestätigt sich ein Bewusstsein qua Gott als Selbstbewusstsein, als wertvolles Wesen. Alle bisher in der Geschichte der Philosophie vorgebrachten Beweise für das Dasein Gottes sind für Marx ebenso Beweise für sein Nichtdasein. Eine nach Marx typische Perversion. Die Beweise widerlegen sich selbst, sie müssten, und hier belegt bereits der junge Marx seine in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht tiefe Einsicht in den Zusammenhang zwischen einer total verkehrten Welt, einer verkehrt eingerichteten Welt und einer religiösen Verkehrung, (sprich: Perversion), umgekehrt lauten. Die Religion ist der himmlische Widerschein, Reflex einer verkehrten Welt, keine Erfindung von Priestern. Vielmehr gilt es, von der Erde, der Welt und von der Natur ausgehend, den Zusammenhang aufzuzeigen zwischen einer unvernünftigen Welt und damit unvernünftigen Menschen und der unvernünftigen Religion, der weltlichen Perversion und der religiösen Perversion. „Weil eine unvernünftige Welt ist, ist Gott“. 87. Die Existenz der Religion verweist auf eine gedoppelte Perversion. Das Verkehrte ergänzt sich verkehrt. Die Religion ist Ausdruck des Perversen schlechthin, der verkehrten Welt des Geldes, auch Ausdruck einer perversen Weltverdopplung. Für Hegel lag der Inhalt der Philosophie in der begreifenden Erkenntnis Gottes und der physischen und der geistigen Natur. Feuerbach beendete diesen Spuk. Die Hammerschläge von Marx gegen die Bourgeoisie sind vorgetragen aus dem von Feuerbach bewirkten Einssein mit der Natur. Wenn Hegel den Reichtum der Natur von sich gibt als geoffenbarten Reichtum der Idee, so kennt Marx nur den Reichtum der Natur. Die Argumentation gegen die Spekulation ist mit Erde behaftet. Die Spekulation hat immer einfache oder komplexe Konstellationen der Wirklichkeit zu aufhebbaren Gliedern ihrer Ideenkette vergeistigt, das Wesen der Erde in den Himmel gelegt. Die materialistische Kritik an der Spekulation ist eine umgekehrte kopernikanische Wende, also jetzt wurde die Erde zum Mittelpunkt bestimmt. 88. Marx skizzierte in den Pariser Manuskripten das Ideal dieser Wende: den wirklichen, leiblichen, auf der festen, wohlgerundeten Erde stehenden, alle Naturkräfte aus- und einatmenden Menschen. Die materialistische Kritik bewegt sich in ihrer rudimentären Form in der Umkehrung des Wesensgehaltes von Erde und Himmel. Der Mensch auf Erden kann nur frei sein, wenn der Himmel leer, gottlos ist. Die Philosophen haben sich verrannt und müssen vom Himmel zur Erde herabsteigen. Und hier hatte Moses Heß mit seiner Erkenntnis, dass die Wurzel allen Übels nicht in der Religion, sondern im sozialen Bereich liege, eine Brücke von Feuerbach zu Marx und Engels geschlagen. Das Fundament der Ideologiekritik von Marx und Engels bilden „die wirklichen Individuen, ihre Aktion“ – ein Schlüsselsatz des historischen Materialismus, nüchternen Auges geschrieben. Die perverse Religion ist Ausdruck und Protestation gegen eine perverse Welt des Elends, die Anerkennung des Menschen auf einem Umweg. „Nur im Elend des Menschen hat Gott seine Geburtsstätte“. 89. Feuerbach will die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewussten Bürgern der Erde machen. Feuerbachs Philosophieren, die Menschwerdung des Hegelschen Absolutismus, Feuerbach sagt selbst, der absolute Philosoph dachte sich als absoluter Monarch, ist ein Suchen. Und zwar sucht Feuerbach die mit dem menschlichen Leben identische Philosophie, das ‚Ich und Du‘, den Dialog zwischen beiden als „wahre Dialektik“, d.h. er sucht eine Fata Morgana, wenn er auch meint, das höchste und letzte Prinzip der Philosophie gefunden zu haben: „die Einheit des Menschen mit dem Menschen, die auf dem realen Unterschied der Menschen begründet ist“. Aber immerhin ist Feuerbach so weit: er sieht also durchaus schon den Zusammenhang von himmlischer, in Wahrheit irdischer Religion und irdischer Herrschaftsakzeptanz, von Verinnerlichung von Unterdrückungsstrukturen, den Zusammenhang von innerer und äußerer Nichtbeherrschung der Natur. „Wer sich in sich selbst von dunklen, fremden Wesen beherrschen läßt, der bleibt, auch äußerlich im Dunkel der Abhängigkeit von fremden Mächten sitzen“. 90. Alle Gottesbeweise stellen für Marx in seinen Anmerkungen zur Doktordissertation die Richtigkeit des Atheismus heraus. Alle Beweise enthalten den Verweis auf den wechselseitigen Verweis einer verdoppelten, beidseitig perversen Welt und einer perversen Verdopplung. Das Perverse liegt schon darin, dass Gottesbeweise die Welt in Himmel und Erde spalten. 91. Ob Marx beim Schreiben seiner Dissertation wohl schon geahnt haben mag, dass er der Titan sein wird, der die Linkshegelianer und ihre Schleimtierchen zwischen Hegel und ihm zerreiben wird? Friedrich Förster hatte mit seiner Rede am Grabe Hegels recht behalten, dass den Thron Alexanders kein Nachfolger besteigen wird, Satrapen werden sich in die verwaisten Provinzen teilen. Es wurden zwei Provinzen, eine linke, eine rechte. Und Marx war ein Alexander ganz anderer Art. In seiner Dissertation, seinem Schwiegervater gewidmet, ist Marx noch Idealist mit antispekulativer Tendenz, und zwar objektiver Idealist, wie aus den Vorarbeiten zur Dissertation ersichtlich. Auch für Georg Lukacs ist Marx 1840/41 noch kein Materialist, er bezeichnet ihn etwas schief als ‚atheistischen Pantheisten‘ 92., dessen Dissertation den ersten Keim der Feuerbachthesen enthält. In den Vorarbeiten zur Dissertation äußert sich Marx über die philosophische Geschichtsschreibung dergestalt, dass sie nicht psychologisierend vom Denker auszugehen, sondern den objektiven Gehalt, seine Substanz in kategorialer Form zutage zu fördern habe. Und gerade als Idealist will er die Entfremdung unter den Menschen aufheben: die Menschen sind zueinander entfremdet und sie verhalten sich auch zu sich selbst wie zu Fremden, sind nach den Worten Rousseaus Andere als sie selbst. Überhaupt ist Marx einer der ganz wenigen, die die Bedeutung Rousseaus für Hegel und für eine Kritik an ihm erkannt haben. Wie Feuerbach als Philosoph gegen den Hegelianismus auf den französischen Materialismus zurückgeworfen worden ist, auch auf Pierre Bayle, über den er 1838 eine aufklärerische Monografie veröffentlich hatte und in der er zum ersten Mal offen gegen Hegel mit einem Konservatismusvorwurf auftrat, so Marx als Sozialrevolutionär auf Rousseau, den Nietzsche als ersten Menschen, Idealisten und Canaille in einer Person aussortierte. Wir dürfen nicht übersehen, dass im Tübinger Stift am Abend des Geburtstages von Rousseau (am 28. Juni) 1789 in einem Zimmer noch Licht brannte und ein 19jähriger Stipendiat in sein Tagebuch die Notiz unterbrachte: ‚Weiß denn niemand, was morgen für ein Tag ist? Selbst Hölderlin schläft‘. Auch Engels versteht sich im Sommer 1842 noch als Idealist. „In Wahrheit aber ist der Gedanke in seiner Entwicklung das allein Ewige und Positive, während die Faktizität, die Äußerlichkeit des Geschehens eben das Negative, Verschwindende und der Kritik Anheimfallende ist“. 93. Auch Engels wird im Laufe seiner Entwicklung eine Kehrtwendung um 180 Grad vollziehen. 94. Es liegt von ihm eine handschriftliche Skizze aus dem Jahr 1876 vor, in der er den Irrtum der idealistischen Denkweise aufdeckt. Durch die Arbeitsteilung gingen planender Kopf und ausführende Hand auseinander und dem ersteren und seiner Gehirnentwicklung wurde aller Fortschritt zugeschrieben. Die Menschen gewöhnten sich daran, „ihr Tun aus ihrem Denken zu erklären, statt aus ihren Bedürfnissen“. 95. In seiner Dissertation ringt Marx mit dieser Thematik in Form einer Hinterfragung des Verhältnisses von vollendeter Philosophie in ihrer geschlossenen Totalität als vollendete Theorie und defizitärer, in sich zerrissener Wirklichkeit als unvollkommene Praxis. Eine Theorie kann trotz innerer Abgeschlossenheit nicht folgenlos bleiben. Wer diese geschichtliche Notwendigkeit nicht einsieht, heißt es in der Dissertation, der muss konsequenterweise leugnen, dass nach einer totalen Philosophie noch Menschen leben können. Gegen den Idealismus gerichtet muss sich ein Praxisbezug einstellen, durch den allein man über die Theorie Hegels hinauskommen kann. Man muss auch darüber hinauskommen, die Welt (nur) nach Hegels System auszurichten. Aber der Grundtenor der Linkshegelianer war doch, durch ein Weltlichwerden des Hegelianismus diesen im Sinne Hegels aufzuheben, die groteske Felsenmelodie zum Verstummen zu bringen. Vielleicht waren sie Totengräber auch wider Willen. Im linken Hegelianismus wird ausgedrückt, was Hegel zum Russlandfeldzug Napoleons kommentierte: wie ein Genie sich selbst zerstört.

4.1. Marx als Journalist der 'Rheinischen Zeitung'

Marx hat seine Dissertation im April 1841 abgeschlossen. Er hilft Bruno Bauer bei der Herausgabe der ‚Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel den Atheisten und Antichristen‘, ein Buch, das Feuerbach, dessen Bruch mit dem Idealismus Bauer nicht bemerkt hatte, ein herrlich erquickendes nannte. Bis zum Oktober 1842, dem Beginn seiner Redaktionstätigkeit bei der ‚Rheinischen Zeitung‘, einem Oppositionsblatt des Fortschritts gegen die preußische Reaktion, sprich: zur Überwindung des Feudalabsolutismus in Deutschland, widmet er sich philosophischen Studien, primär Feuerbachs ‚Wesen des Christentums‘ und gelangt zu der Aussage, dass Feuerbach das ‚Purgatorium der Gegenwart‘ sei. Denn wenn es sich auch um ein rein theoretisches Thema handelt, so soll doch das im Leben der Völker so unheilvolle theologische Prinzip bis in seine letzte Faser verfolgt werden. Hatte sich Feuerbach in seiner Religionskritik dem französischen Materialismus zugewandt, so die deutschen Republikaner der neuesten französischen Geschichte. Marx, der seine progressiven Landsleute auffordert, die Blicke nicht nur nach Frankreich, sondern auch auf Deutschland zu richten, um hier eine liberale Bewegung aufzubauen, schreibt hin und wieder Artikel, zum Beispiel über die neueste preußische Zensurinstruktion Friedrich Wilhelms IV., erlassen im Dezember 1841, die sich gegen alle fortschrittlichen Publikationen richtet und gegen die sich besonders die ‚Rheinische Zeitung‘ zur Wehr setzen muss. “Zehn Zeitungen, die denselben Mut hatten wie die ‚Rheinische‘, und die Zensur war schon 1843 in Deutschland unmöglich gemacht. Aber die deutschen Zeitungsbesitzer waren kleinliche, ängstliche Spießbürger, und die ‚Rheinische Zeitung führte den Kampf allein“. 96. Und so leider auch die Aktionäre der ‚Rheinischen‘, die sich opportunistisch anzupassen pflegten und sich ebenfalls als revolutionsscheu zeigten. Konnte eine liberale Revolution in Deutschland kaum auf bourgeoise Kräfte bauen, obwohl diese doch antifeudal eingestellt waren, so bewirkte eine ökonomische Thematik bei dem jungen Marx eine weitere Vertiefung seiner Einsicht in die revolutionären Kraftpotenzen fortschrittlicher Klassen, als da für den jungen Marx die Volksmassen waren und revolutionär gesinnte Intellektuelle, aber noch nicht das Proletariat. Es gelte, denkende Intellektuelle und leidende Volksmassen zusammen zu bringen, ein Vorhaben, das Georg Lukacs als äußerstes Maximum an Radikalität bezeichnet, „dessen der jakobinische Demokratismus überhaupt fähig ist“. 97. Die Intellektuellen sollen nach den Überlegungen des jungen Marx den Volksmassen die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Sie hätten dafür Sorge zu tragen, dass der Welt ihr Bewusstsein innewerde. Ökonomisch interessante Überlegungen über die negativen Auswirkungen des Privateigentums auf die Gesellschaft findet man bei Marx als Redakteur der 'Rheinischen Zeitung' schon 1842 in seinen Artikeln anlässlich der Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz im sechsten Rheinischen Landtag. Er verteidigte in ihnen die materiellen Interessen der Volksmassen, wobei ihm die Notwendigkeit, sich über ökonomische Probleme Klarheit zu verschaffen, immer deutlicher wurde. "Rien n' est plus terrible que la logique dans l' absurdité ... Nichts ist schrecklicher als die Logik im Widersinnigen" d. h. u. a. auch, „nichts ist schrecklicher als die Logik des Eigennutzes. Diese Logik, die den Bedienten des Waldeigentümers in eine Staatsautorität verwandelt,verwandelt die Staatsautorität in Bediente des Waldeigentümers". 98. Was aber ist hier das Widersinnige, das erregt? Dass das Privateigentum die Menschheit vergiftet, lag seit Rousseaus zweitem Diskurs auf der Hand der Intellektuellen Europas, war bereits oberflächliches Wissen, aber Marx vertieft hier bereits die Thematik auf dem Hintergrund dialektischer Entfremdung, Entmenschlichung und Verkehrung. Zwar ist Holz Holz, aber Holz, das einem Holzbesitzer gehört, ist kein bloßes Stück Holz mehr, sondern nimmt Menschen zu sich in Bezug. Es besteht eine Nichtidentität zwischen einem Holzbesitzer und einem Nichtholzbesitzer, der durch Entwendung eine, seine Identität sucht. Der eine weiß sich als Besitzer, borniert auf „sein“ Holz, der andere wird bestraft, gilt ebenfalls nicht als Mensch. Beide werden durch etwas Unmenschliches (Holz) bestimmt. Die hölzernen Götzen siegen und die Menschenopfer fallen 99., das Menschenrecht fällt nieder vor dem Recht junger Bäume. Wenig später, aber bereits 1843, in einem anderen Zusammenhang, kommt Marx im Januar zu einer Einsicht, die ohne Zweifel einen Keim des historischen Materialismus enthält: "Bei der UntersuchungstaatlicherZustände ist man allzu leicht versucht, diesachliche Natur der Verhältnissezu übersehen und alles aus demWillender handelnden Personen zu erklären". 100. Diese Überlegungen von Marx zeigen an, wie fruchtbar das Verlassen des Schreibtisches des Philosophen war, um sich der Politik zuzuwenden. Im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie weist uns Marx dann auch darauf hin, dass seine Beiträge für die ‚Rheinische‘ ihm nicht nur die Notwendigkeit aufzeigten, soziale Probleme noch theoretisch durchdringen zu müssen, sondern auch den ersten Anstoß zu seiner Wendung zum Sozialismus gegeben hätten. Hatte nicht Marx in seiner Dissertation den Gedanken verfolgt, dass es Momente in der Geschichte der Philosophie gibt, in denen sie die Augen in die Außenwelt kehrt und als eine Person der Praxis „gleichsam Intrigen mit der Welt spinnt“? Philosophisch hat er im Hinterkopf Feuerbachs Schrift über das Wesen des Christentums, je mehr er sich in die Redaktionstätigkeit hineinkniet, desto mehr erkennt er, dass es sich für die Bewegung des Fortschritts auch um das Wesen der Politik handeln muss. Jetzt war es soweit, er übersetzte die Sprache der Götter in die Sprache der sogenannten einfachen Menschen, damit sie ihre sozialen Interessen verfolgen können. Marx ist als revolutionär-demokratischer Journalist parteiisch, was besonders in seinen Artikeln über die Debatten zum Holzdiebstahlgesetz im Rheinland und in denen über die Moselbauern deutlich wird. In ihnen überführt er die Justiz als Handlangerin der Wohlhabenden, wie es im reaktionären Deutschland gute Tradition ist. 101. Der Journalist Marx gerät auch in eine Polemik mit der konservativen ‚Augsburger Allgemeinen Zeitung‘ und in ihr gesteht der Jakobiner, mit der Materie des Kommunismus noch nicht allzu sehr vertraut zu sein. Für Lukacs ist der Marxsche plebejische Jakobinismus hier allerdings bereits so weit entwickelt, dass er kurz vor dem Umschlagen in den bewussten Sozialismus stehe. „Im Laufe seiner kurzen Tätigkeit als Redakteur der „Rh. Z“ durchläuft Marx 1842/43theoretischalso jene Entwicklung, die fünfzig Jahre vorher der französische Jakobinismuspraktischvon Marat bis Babeuf durchlief“. 102. Als revolutionärer Demokrat bekämpft Marx eine spezifische Staatsform, die konstitutionelle Monarchie Preußens, als Sozialist wird er den bürgerlich-demokratischen Staat schlechthin bekämpfen, den er gegen Preußen durchsetzen wollte. Die Entwicklung vom revolutionären Demokraten, vom Vernichter des Königtums, zum Sozialisten geht Hand in Hand mit der Entwicklung vom linken Hegelianer zum Materialisten. Sowohl politisch als auch weltanschaulich muss sich Marx also genuin mit Hegels Idealismus und seiner Dialektik auseinandersetzen. Der junge Marx hat als Redakteur zwar Sympathien für die Unterdrückten, er geht aber noch von der idealistischen Philosophie aus, nach Lukacs von einem radikalen Hegelianismus, dessen Methode aber noch eine revolutionär-demokratisch weitergebildete idealistische Dialektik ist. Denn noch liegt keine Wissenschaft der proletarischen Revolution vor, die allein ein sicheres Fundament für den Klassenkampf legen könnte. Noch will Marx die besondere Wirklichkeitan der Ideemessen, trotz Feuerbachs ‚Wesen des Christentums‘, ein Buch mit einem bereits überwiegend materialistischen Gehalt. Die Philosophie Hegels war ins Wanken gebracht, die christliche Religion als illusorische Weltanschauung entlarvt, „ … als phantastisches Trostmittel inmitten irdischen Übels, als Selbstbetrug des Menschen und als Mittel des politischen Betrugs“. 103. Ohne wissenschaftlichen Sozialismus ist aber der Sieg des Proletariats nicht möglich. Die Hegelsche Dialektik war für diesen Sozialismus unbrauchbar, nicht auf deren Weiterbildung kam es an, sondern auf deren revolutionären materialistischen Umkehrung.

In der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ist auf die bemerkenswerte Forderung hinzuweisen, dass ausgerechnet die Kritik der Theologie dazu führen soll, dass der Mensch sich um sich selbst bewege, sich in eine der Politik zu verwandeln habe. Die Politik, wird es im Feuerbachkapitel der um 1845/46 geschriebenen ‚Deutschen Ideologie‘ heißen, stehe von allen sogenannten Geisteswissenschaften der Ökonomie noch am nächsten. Zugleichsind diese Überlegungen in einem Kontext zu deuten, den man als Versuche der Linkshegelianer bezeichnen könnte, das 'Weltlichwerden der Philosophie', sprich des Hegelianismus zu bewerkstelligen. Noch sind die Keime des Materialismus in einer idealistischen Gesamtsicht eingehüllt. Die weltgeschichtliche Mission des Proletariats als des Schöpfers einer sozialistischen Gesellschaft, die zentrale Bedeutung der Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln und die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats schlummern noch. Täter ist immer noch der Geist, „doch die Reife meldet sich vorbewußt“. 104. Aufschlussreich sind die Bemerkungen von Marx,dass die armen Klassen einen instinktmäßigen Rechtsinn hätten, vor allem aber, dass dasDasein der armen Klassen selbstbisher einebloße Gewohnheit(kursiv von Marx) der bürgerlichen Gesellschaft sei, "die in dem Kreis der bewußten Staatsgliederung noch keine angemessene Stelle gefunden hat". 105. In diesen Bemerkungen läuft vieles zusammen. Man beachte die Formulierung 'die arme Klasse', Marx spricht noch nicht von der proletarischen Klasse. Man beachte das 'bisher', dass es 'arm und reich' in der bürgerlichen Gesellschaft gibt, könnte eventuell der Vergangenheit angehören. Wo gehört in dieser gespaltenen Gesellschaft die arme Klasse hin? Hier kann die Bemerkung noch so ausgelegt werden, als ließe sichinder bürgerlichen Gesellschaft ein Platz für die Armen finden. Hier lernt Marx sehr schnell von seinen Ausgangspunkten aus: Die Spaltung der bürgerlichen Gesellschaft in eine arme und in eine reiche Klasse galtbisheraus Gewohnheit als ausgemacht - aber muss das so bleiben? Und es wird aufzuzeigen sein, wann und in welchem Zusammenhang Marx in dieser Frage der Durchbruch gelingt. Eine programmatische Forderung des wissenschaftlichen Sozialismus liegtAnfang 1843 allerdings bereits vor: "Sobald nachgewiesen ist, daß eine Sache durch die Verhältnisse notwendig gemacht wird, wird es nicht mehr schwierig sein, auszumitteln, unter welchenäußernUmständen sie nunwirklichins Leben treten mußte und unter welchen sie nicht ins Leben treten konnte, obgleich ihr Bedürfnis schon vorhanden war. Man wird dies ungefähr mit derselben Sicherheit bestimmen können, mit welcher der Chemiker bestimmt, unter welchenäußernUmständen verwandte Körperstoffe eine Verbindung eingehen müssen". 106. Marx ist vorsichtig, er setzt Gesellschafts- und Naturwissenschaften nicht völlig gleich, was sie auch niemals waren, nicht sind und niemals sein werden. Das Wertgesetz ist kein Naturgesetz wie für Ricardo. In einem Brief von Marx an Ferdinand Lasalle, der in Marx einen „Ökonom gewordenen Hegel“ sah, vom 16. Januar 1861 ist zu lesen: “Sehr bedeutend ist Darwins Schrift und paßt mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes“. 107. Die Naturwissenschaften werden immer ein fundamentaler Bestandteil der menschheitlichen Entwicklung sein, der Marxismus-Leninismus hingegen als Anleitung zum revolutionären Handeln wird sich im Kommunismus, einer Gesellschaft ohne Klassenkampf, erübrigen.

Es gleicht einem Puzzlespiel, im Frühwerk von Marx Steine herauszunehmen, die insgesamt zusammengesetzt bereits die Umrisse einer kommunistischen Weltanschauung markieren. So ein Puzzlestein findet man zum Beispiel in der Dissertation, wenn Marx schreibt, dass der in sich frei gewordene theoretische Geist sich gegen die weltliche, ohne ihn vorhandene Wirklichkeit kehrt. Der Geist kann hier nicht a priori sein. Im Oktober 1842 teilt Marx jedenfalls der deutschen Bourgeoisie und den Feudalen schon deutlich kräftige Schläge in ihre fiesen Visagen aus, ich verweise auf den Schlussgedanken seiner Artikelserie über das Holzdiebstahlsgesetz. Die von ihm verfolgten Debatten über dieses Gesetz im Landtag verdeutlichen ihm, dass der bürgerliche Vernunftbegriff nur eine Hülle ist, um das Privateigentum mit seinen asozialen Auswirkungen zu verbergen und zu schützen. Der Vernunftstaat korrigiert hier nicht, ordnet nicht das Private dem Allgemeinen unter. Es hat sich gezeigt, „daß das Privatinteresse den Staat zu den Mitteln des Privatinteresses … degradieren will und muß“. 108. Bürgerliche Vernunft und bürgerliches Privatinteresse beißen sich in den bürgerlichen Verfassungskonzeptionen. Das hat Marx erkannt, bleibt aber in der Staatsfrage noch idealistisch befangen. Den für die Zeitung verfassten Artikeln merkt man das Jurastudium an. Noch doziert Marx, dass in einem wahren Staat nicht das Materielle zähle, sondern geistige Mächte. 109. Gleichwohl war der Redakteur Karl Marx durch seinen jakobinischen Radikalismus zum roten Tuch für die Machthaber geworden, Mitte März 1843 zieht er sich aus der Redaktion zurück, ohne aber, wie er es hat kommen sehen, ein endgültiges Verbot der Zeitung zu verhindern. Jetzt war die Bahn frei für die finstere Macht der Reaktion mit ihrer historischen Rechtsschule, eine Reaktion, die sich einen Mantel der Romantik umgelegt hatte. Die bürgerlichen und feudalen Kreaturen hatten in den sechsten rheinischen Landtag tatsächlich einen Gesetzentwurf eingebracht, der den Bauern das Recht nahm, Hasen auf ihrem eigenen Grundstück zu jagen. Doch lesen wir Marx selbst: "DieWilden von Kubahielten das Gold für denFetisch der Spanier. Sie feierten ihm ein Fest und sangen um ihn und warfen es dann ins Meer. Die Wilden von Kuba, wenn sie der Sitzung der rheinischen Landstände beigewohnt, würden sie nicht dasHolzfür denFetisch der Rheinländergehalten haben? Aber eine folgende Sitzung hätte sie belehrt, daß man mit dem Fetischismus den Tierdienst verbindet, und die Wilden von Kuba hätten dieHasenins Meer geworfen, um dieMenschenzu retten". 110. In Deutschland leben heute noch sieben Millionen Analphabeten, Kuba hat keine mehr. In dem Augenblick, in dem es in Deutschland keine Analphabeten mehr gibt, kann dieses Land endlich die Stufe der Zivilisation erreichen und sich auf das Niveau der Wilden von Kuba emanzipieren.

5.1. Höhepunkt und Ende der Linkshegelianer

Es war die „Rotte“ der linken Hegelianer, die nach Bauers Worten „frech und frei“ hervortritt, die ‚Hegelinge‘, wie ihr Gegner Leo sie polemisch nannte, die getrieben von den Forderungen der Zeit auf das 'Weltlichwerden der Philosophie' drängten, die sich dem Materialismus öffneten, während die Rechten Schelling als Antipoden Hegels hochhoben und vordergründig Philosophie um ihrer selbst willen betrieben, dazu im politisch-theosophischen Verfolg aus dem Bestreben, die Einheit von Staat und Kirche zu festigen, einem Staats- und Systemfetisch huldigten. Sie klebten an den Buchstaben Hegels und an denen der Bibel und ihre Betrachtungen zur Zeit wurden immer unzeitgemäßer. Für Hegel verbot sich nach Anlage und System eine Einlassung der Philosophie auf die politische Tagesgeschäftigkeit der Zeit, was der ehemalige Rechtshegelianer Bruno Bauer, den Nietzsche einen seiner aufmerksamsten Leser nannte, bis an sein Lebensende beibehalten wird, sie, die Philosophie, stand, worauf schon hingewiesen wurde, dem wirklichen Leben noch ferner als die Politik. Die Philosophie Hegels fiel in die Zeit zwischen 1789 und 1848, die ersten Publikationen erfolgten, nachdem Napoleon 1799 die Französische Revolution für beendet erklärt hatte. Das philosophische System der Vernunft Hegels, das für ihn nicht in der Demokratie, sondern in der Monarchie gipfelt, wurde entwickelt unter dem politischen System Metternichs und seinem ideologischen Agenten Schlegel, der mit dem Angriff auf die Vernunftphilosophie begann, von Schelling in München die philosophischen Weihen erhielt und in Friedrich Julius Stahl mit dessen Rechtsphilosophie von 1830 seinen politischen Fortsetzer in Preußen fand. Ich führe dies hier nur an, um zu verhindern, dass durch die schwergewichtige und zentrale linke Kritik von Marx an Hegels Rechtsphilosophie das Periphere nicht aus dem Blick gerät. Die Restauration konnte sich nicht abfinden mit der philosophischen Aufhebung der Religion im System Hegels, denn dieses Aufheben war ja kein Höherheben, sondern ein degradierendes. Erst 1830, kurz vor seinem Tod, wird Hegel Zeitzeuge der Juli-Revolution in Frankreich, die Unruhe und Sorge in sein Alter bringt, während sein Schüler Eduard Gans sie begeistert begrüßt. Wäre Hegel zu dieser Zeit noch ein Jüngling gewesen, vielleicht wäre die Aufnahme der Julirevolution eine andere, seinem Leben einen Schwung gebende gewesen. Es ist an dieser Stelle aber noch zu bemerken, dass Gans schon die Arbeiterfrage der Juli-Revolution vertieft und in seinen ‚Rückblicken auf Personen und Zustände‘ auch auf den Saint-Simonismus eingeht, ja als Begründer des linken Hegelianismus zu gelten hat. Zu seinen Studenten zählte auch Karl Marx, der der ganzen Hegelschen Bewegung eine weltrevolutionäre Wendung geben sollte 111., gleichwohl er zunächst wie alle dem Hegelschen Denken verfallen war. Was machte und macht Hegels Denken so anziehend? Im Hintergrund der philosophischen Auseinandersetzungen mit der Philosophie Hegels steht die Feststellung des alten Engels, dass der menschliche Geist ein unvergängliches Bedürfnis habe, das „der Überwindung aller Widersprüche“. 112. Bisher hatten die Philosophen die Auflösung aller Rätsel im Pulte liegen, schreibt Marx im September 1843 an Ruge. Und: Das Fertigwerden für alle Zeiten ist nicht unsere Sache. 113. Marx richtet sich hier gegen den Hegelianismus, begreift er sich zu diesem Zeitpunkt noch als Philosoph? Fest steht, dass er zum Philosophen des absoluten Wissens, der mit allem für alle Zeiten fertiggeworden war, auf Distanz steht, und diese wird sich vergrößern. Marx wird mehr Gesellschaftswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Ökonomie als Philosoph; Marx wird vor allem ein Revolutionär. Und das deutet sich in diesem Brief auch an. Er weiß, dass seine rücksichtslose Kritik alles Bestehenden zum Konflikt mit den vorhandenen Mächten führen muss. Als Konsequenz einer fundamentalen Hegelkritik ergibt sich die Hinwendung zur politisch-gesellschaftlichen Praxis, zentral zur politisch-proletarischen Kampfpartei, die mit Waffen kritisiert. Kein Hegelianer hat jemals eine politische Partei gegründet oder ihr Manifest betrieben, noch eine Waffe gegen die Herrschenden in die Hand genommen. Der Hegelianismus entwickelte sich am weitesten nach links in die Strömung eines philosophischen Kommunismus, für den der Name Moses Heß stehen mag. Der Marxismus hat sich also keineswegs dadurch herausgebildet, dass Marx den Linkshegelianismus einfach zusammenschrieb, seine Methode war nicht summativ, sondern kritisch und revolutionär. Drei Werke Hegels waren ihm bei seinen wissenschaftlichen Studien besonders präsent: Die ‚Phänomenologie‘, die ‚Logik‘ und die ‚Rechtsphilosophie‘. Fruchtbare Ansätze nahm er durchaus auf, von Feuerbach in philosophischer, von Moses Heß in sozialer Hinsicht. Auf Heß geht die fundamentale Einsicht zurück, dass der Mensch nur durch seine Tätigkeit zu seinem Selbstbewusstsein gelangen und sich als Mensch bewähren kann. Aber Marx prüfte alles linke Gedankengut kritisch und durchleuchtete es mehrmals. Das ‚Kapital‘ hatte einen langen Reifeprozess hinter sich.

Hegels Hauptschaffen fällt in der Gesamtübersicht in eine Periode zunehmender Konsolidierung der Konterrevolution nach dem Wiener Kongress und Hegel heulte mit den Wölfen, wie er selbst in einem Brief an Schelling bekannte. Unter dem Bann seiner Philosophie standen nach seinem Tod, als die Hauptwirkung seiner Philosophie erst wirklich einsetzte, sowohl die Rechts- als auch die Linkshegelianer, die sich ja auch nicht primär wegen philosophischer, sondern hauptsächlich religiöser Differenzen und sich aus diesen sich ergebenden politischen Konsequenzen gespalten hatten. Der Streit begann zu eskalieren, nachdem Konrad Philipp Marheineke 1832 begonnen hatte, die religionsphilosophischen Vorlesungen Hegels herauszugeben. Es stellte sich heraus, dass Hegel Religionsphilosophie sowohl einen persönlichen Gott als auch die Unsterblichkeit der Seele nicht zum Thema hatte. Auf die Unsterblichkeitsthese konnte Hegel schon deshalb nicht eingehen, weil sie ja für ihn nur Ausdruck einer schlechten Unendlichkeit gewesen wäre und nicht dem Anspruch einer sich als Kreis erreicht habenden Linie genügt hätte. Dialektik, dass alles vorübergeht, denunziert und degradiert die Ewigkeit zu einer Nichtigkeit und so ist es dann auch aus mit einer Unsterblichkeit der Seele, gleichwohl sich die Hegelsche Philosophie, die grau in grau malt, im Kreis bewegt. Sie ist misslungen, weil sich die Symbiose von Blitz als Zeichen urbaner Moderne, und Kreis als Zeichen ruraler Wiederholungen der Jahreszeiten, als der aus jahrhundertelangen Erfahrungen gespeiste Bauernkalender neben der Bibel das wichtigste Buch war, beides eintönige Lektüre, nicht unter einen Hut bringen lassen. Der Name ‚Marheineke‘ war schon gefallen, nun muss der Name David Friedrich Strauß genannt werden. Dieser hatte das Leben Jesu kritisch bearbeitet und 1835/36 die Ergebnisse seiner Denkanstrengungen veröffentlicht, die darauf hinausliefen, das historische Fundament der christlichen Religion zu zertrümmern und es durch ein philosophisches zu ersetzen. Das Christentum flüchtet in den Begriff. 114. Durch Straußens Wirken wird die Spaltung der Schule evident und es kommt auch zu einer Politisierung des Streites, denn Strauß stellt die Einzigartigkeit Gottes in Frage, was als Plädoyer gegen eine Königsherrschaft und für die Demokratie aufgefasst wurde. Der simplen Restauration galt nämlich in der Religion ein Gott und in der Politik ein Monarch. 115. Bruno Bauer setzte 1838 mit seiner ‚Kritik der Geschichte der Offenbarung‘ noch einen drauf.

Die Atmosphäre war in der damaligen Zeit in Deutschland philosophisch gefärbt und aufmerksame Leser können sowohl in den Schriften von Marx als auch in denen von Engels und in ihren Gemeinschaftsarbeiten vor 1844 noch einen philosophischen Kommunismus nachweisen, so nachhaltig war die Wirkung von Hegel und seinen Schülern. Für diese steht zum Beispiel Arnold Ruge. Ein Volk ist für ihn erst frei, nachdem es die Philosophie zum Prinzip seiner Entwicklung erklärt hat und es sei die Aufgabe der Philosophie, „das Volk zu dieser Bildung zu erheben“. 116. Ruges Plan hatte zwei Hauptpunkte: Die Philosophie ins Leben umsetzen, und zwar durch eine freie Presse. Das war sein Horizont, aber immerhin ersetzte er die Philosophie Hegels durch den Humanismus Feuerbachs. Dieser Humanismus sollte durch das geschriebene und gelesene Wort Allgemeingut der menschlichen Gattung werden. 117. In seiner Dissertation hebt Marx den antiken Aufklärer und Atheisten Epikur als Theoretiker des menschlichen Selbstbewusstseins ohne Gottesbezug positiv von Demokrit ab, weil jener der Natur philosophisch, dieser ihr aber bloß wie ein materialistischer Naturforscher ohne philosophische Fragestellungen begegnet. Der Philosoph und Materialist Epikur, der nach Lenin von Hegel verdreht und verleumdet wurde, stellte die Seelenruhe in den Mittelpunkt, damit die Menschen ohne Verwirrung leben können. Die Naturphilosophie Epikurs gründet in einer Philosophie des abstrakt einzelnen Selbstbewusstseins. 118. Durch die von Epikur behauptete Repulsion der Atome sah Marx eine Verbindung von Materie und Bewegung in den Raum gestellt, auch Ansätze dialektischen Denkens. Diese Bewertung wird sich nach 1844 umdrehen: Naturphilosophie wird obsolet. Im Denken Heraklits findet Marx interessante Überlegungen zur philosophischen Bedeutung des Zufalls und der Zeit. Ohne Zufall, den Demokrit leugnet, gibt es für Heraklit keine menschliche Freiheit. Und ohne Zeit, die Demokrit ebenfalls leugnet, gibt es für Epikur keine existierende Reflexion der Sinnlichkeit in sich. Die Schüler wollten Hegels mit einem universellen Blick gestaltetes System weiterbilden und Walter Jaeschke spricht von einer Realitätsferne der Schüler, von ihrem übersteigerten Selbstverständnis, „daß sie ihre Arbeiten den Hegelschen als gleichwertig zur Seite stellen oder diesen gar wegen der größeren ‚systematischen‘ oder ‚dialektischen‘ Ausführung überordnen – obgleich sie doch im Wesentlichen von der ihnen überkommenen geistigen Substanz zehren“. 119. Umso tiefer ihr Fall! Engels berichtet selbst, dass er 1843 in London deutschen Arbeitern, Handwerkerkommunisten (Heinrich Bauer, Karl Schapper und Joseph Moll) und ihrem bornierten Gleichheitskommunismus „noch ein gut Stück ebenso bornierten philosophischen Hochmuts“ 120. entgegensetzte. Sprach Hegel von der Identität von Vernunft und Wirklichkeit in der Gegenwart, so sprach Marx vom morgigen Kommunismus als dem aufgelösten Rätsel der Geschichte, der sich als diese Lösung weiß. 121. Noch vertrat Marx die Auffassung, der deutsche status quo werde an der Philosophie scheitern. Also muss doch die Philosophie noch eine tragende Säulenebender Ökonomie bilden. Das Primat der Ökonomie stand noch nicht fest und der Sozialismus-Kommunismus konnte noch nicht streng nur ökonomisch begründet werden. Nach der Flucht in die Philosophie im ersten Semester wandte sich Marx mehr und mehr leitmotivisch der Geschichte zu. Für ihn ist die Geschichte vor eine Aufgabe gestellt, die sie zu lösen hat. „Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst Aufgabe der Philosophie, die im Dienst der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihrer unheiligen Gestalt zu entlarven“. 122. Der Student hätte es nicht zugelassen, dass die Geschichte die Philosophie zu ihrer Magd degradiert. Am Ende, auch nach dem „Verfaulungsprozess des absoluten Geistes“, wie es Marx und Engels in der ‚Deutschen Ideologie‘ formulieren, wird sie im Dienst der Ökonomie stehen und das auch nur, wie bereits gesagt, mit der dialektischen Methode. In der ‚Deutschen Ideologie‘ feiert die Geschichte als Leitwissenschaft Höhepunkt und Abgesang zugleich. „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte“. 123. Die Geschichte gibt die Staffel an die erst in der Periode der Manufaktur wichtig gewordenen politischen Ökonomie weiter, die dann im ‚Elend der Philosophie‘ bereits Regie führt. Die umgearbeitete Dialektik Hegels und die Klassenkampftheorie französischer Historiker der Restaurationszeit zusammen mit der grundlegenden Bedeutung ökonomischer Sachbezüge und Sachzwänge für die Entschlüsselung gesellschaftlicher Phänomene schließen den Reifeprozess des jungen Marx ab und begründen den Marxismus, der drei Quellen hat: die klassische deutsche Philosophie, den französischen Sozialismus und die englische Ökonomie.

1841, im Jahr, in dem Marx seine Dissertation beendete, konnte Bruno Bauer noch formulieren: " ... immer nur ist von Hegel und den Hegelingen die Rede". 124. Und dieses Hegelgerede hielt ungefähr zehn Jahre an, dann verstummte es rasch. Die Rechten dachten epochenverfehlt, denn durch die technisch-industrielle Revolution und durch die Französische Revolution, fast möchte man von einer Doppelrevolution sprechen, wurde die revolutionär demokratische Kritik feudal-absolutistischer Zustände weitergetrieben zum proletarisch-kommunistischen Infragestellen jeglicher Unterdrückungsstruktur unter Menschen. Der junge Marx entwickelt sich in dieser Spirale. Auch in der Geschichte des Linkshegelianismus in Deutschland wurde Hegels markante Aussage in seiner Logik bestätigt, dass in der höchsten zu erreichenden Stufe bereits der Untergang beginne. Hand in Hand mit dem Zerfall des Linkshegelianismus ging die Dezentralisierung der Philosophie aus dem System der Wissenschaften einher, so rein er die Kritik auch entwickelte, bis sie reiner Selbstzweck, ein transzendentes Wesen wurde. Das Band zur gesellschaftlich-politischen Entwicklung war zerrissen, der reine Idealismus kreiste nur noch in sich und verfiel dem Irrglauben, gegen die geistlose Trägheit der Volksmassen das einzig aktive, geistreiche Element der Geschichte zu sein, was zur Folge hatte, dass Bruno Bauer und Consorten der bewusstseinslosen Menschheit doktrinär gegenübertraten und sich begnügten, Widersprüche allein im Bewusstsein aufzuzeigen. So nahm der Linkshegelianismus in der Form der Kritik als Karikatur der Spekulation, nachdem er wieder das Selbstbewusstsein an die Stelle des Menschen gesetzt hatte, Abschied von der Bühne der Weltphilosophie. In der gnadenlosen materialistischen Abrechnung mit diesem letzten Ausläufer der Spekulation in der ‚Heiligen Familie‘ ging es vor allem gegen den gefährlichen politisch-reaktionären Einfluss der Spekulation, die von Marx und Engels als der vollendetste Ausdruck des christlich-germanischen Prinzips bezeichnet wurde. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, das Goethe als ein mittelmäßiges kommen sah, wurde Hegel nicht ohne Zutun Feuerbachs wie ein toter Hund behandelt, obwohl die Entwicklung nach seinem Tod ihn bestätigte. Als Philosophie galt ihre Geschichte, als die sie noch heute ihr Überleben arrangiert. In der Philosophie wird nicht mehr gedacht, sondern nur noch nach-gedacht. Löwith spricht von einer „auf ihre Geschichte reduzierten Philosophie“. 125. Weiter war die Philosophie nach Hegel nicht gekommen. Es ist die Gebrechlichkeit, der Verlust an Originalität, man geht an einem Stock. Die Zeit der klassischen Philosophie ist vorbei, insbesondere wenn man den vom englischen Dichter Edward Young geprägten Geniebegriff der Klassik: „Regeln sind wie Krücken, eine notwendige Hilfe für den Lahmen, aber ein Hindernis für den Gesunden. Ein Homer wirft sie von sich“ berücksichtigt. 126. Wir wissen, wie gnadenlos Dühring abstürzte. Die Philosophie ist also doppelt aufgehoben, negiert als System, aufbewahrt als ihre „Er-Innerung“. Nicht im Wort ‚aufheben‘ allein, aber in seiner Doppeldeutigkeit, mit der Hegel permanent jongliert, keimt ein linker und ein rechter Hegelnachwuchs. Die einen wollen negieren, was die anderen aufbewahren wollen. Der Marxismus ist kein philosophisches System, das immer den Anspruch einer totalen, widerspruchsfreien, unüberbietbaren und also ewig währenden Welterklärung hat. Mit der Abschaffung der Klassen wird auch er negiert. So besteht zwischen Marx und Hegel die Einheit der Gegensätze. Hätte Hegel die aus Marxens Feder stammenden Texte gegen ihn noch lesen können, sie wären ihm wie das Verkehrte der Wahrheit vorgekommen. Im Verhältnis beider liegen Ausgang und Trennung dicht beieinander. Beide denken final, aber diametral entgegengesetzt. Aber auch der revolutionären Endkampfbesessenheit der Unruhestifter eignet eine tiefe Sehnsucht einer ruhiggestellten Weltgeschichte. 127. Das Privateigentum weiß das Ruhebedürfnis nicht zum menschlichen Bedürfnis zu machen, das Hegel nachdrücklich thematisiert hatte. Seiner Philosophie eignet eine spezifische Schwere, eine Sättigung, dass der Weltgeist zur Ruhe gekommen sei. Wo anders zu thematisieren und zu konstatieren als in der Geschichte der Philosophie? Die Erlösung seiner Philosophie ist eine Erinnerung, eine Erfüllung. Er, Gott, ist sich innegeworden, ist, wie in der ‚Phänomenologie‘ geschrieben „Er-Innerung. Dem war nicht so, die Schüler wurden flügge.

Die Linkshegelianer waren auf Grund der Schlussfolgerungen, die sie aus dem Denken Hegels zogen, für damalige Verhältnisse äußerst gesellschaftskritisch gegenüber dem christlichen Staat. Der Zugang zu öffentlichen Ämtern und zu Lehrstühlen wurde ihnen verwehrt. Das schließt auch Marx noch mit ein. Im Jahr 1841 beendet Marx seine Universitätsstudien mit einer Dissertation über die Philosophie Demokrits und Epikurs, im gleichen Jahr wird Bruno Bauer das Vorlesungsrecht an der Universität Bonn entzogen. Im Oktober 1835 hatte Marx sein Jurastudium an dieser Universität begonnen, wechselte aber nach einem Semester nach Berlin, an die Universität, an der Hegel bis zu seinem Tod gelehrt hatte. Das war nun fünf Jahre her. Die Linkshegelianer intern - das war ein Hauen und ein Stechen, wie es in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts unter den K-Gruppen der Fall war. 128. Ohne Zweifel hatten sich in den Kreisen der Linkshegelianer aber auch kurz- oder langfristige Freundschaften gebildet, Marx und Ruge, Marx und Feuerbach, Feuerbach und Ruge, alle gingen aber zu Bruch, die Trennung Marx von Ruge ergab sich im März 1844, also vor dem Weberaufstand im Juni, der für Ruge, der die Klassenantagonismen nicht wahrnahm, nur eine lokale Bedeutung hatte, auch hier sei eine nicht ganz stimmige Assoziation zu den 70ern erlaubt, die keinen Marx hervorbrachten, aber welche Assoziation ist schon ganz stimmig? Ich will kein hartes Urteil über beide aussprechen. Die Linkshegelianer hatten Giganten wie Kant, Fichte, Schelling und Hegel im Nacken. Zumal man bedenken muss, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht. 129. In seinem Werk „Von Kant bis Hegel“ betont Richard Kroner die Unmöglichkeit, philosophisch über Hegel hinausgehen zu können. „Hegel verstehen heißt einzusehen, daß über ihn schlechterdings nicht mehr hinausgegangen werden kann“. 130. Marx und Engels denunzierten das schriftstellerische Treiben der Linkshegelianer am Anfang der ‚Deutschen Ideologie‘ bissig als bloßes „Gerede“, und doch waren diese Theoretiker nicht unnütze Glieder in der Kette der Geschichte der Philosophie, die für Feuerbach eine der Emanzipation von der Theologie und ein Verlust der anthropologischen Weltsicht war, zwischen dem geschichtlichen Geist Hegels und dem historischen Materialismus, der sich für einen Materialisten und Atheisten haltende Ludwig Feuerbach war sogar ein äußerst wichtiges Glied. Endet die Geschichte der Philosophie Hegels mit seinem System, so sieht Feuerbach im Ende den Grund einer neuen Entwicklung. Und er hatte Recht. Wissenschaftsgeschichtlich ist es imposant, welche großen wissenschaftlichen Leistungen Marx auf einem Terrain erbrachte, das von der klassischen deutschen Philosophie abgegrast zu sein schien. Äußerst befruchtend wirkte auf ihn die Hegelsche Verdrehung von Realität und Spekulation, also der mit seinem reinen Wesen sich beschäftigende Geist, Hegels Restauration der Metaphysik (gegen Kant) und der Einfluss der technisch-industriellen Revolution, ohne die es kein Proletariat und keine Lehre von der proletarischen Befreiung gegeben hätte. Marx war siebzehn Jahre alt, als sich in Deutschland die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth in Bewegung setzte. Hegels Philosophie steht in Relation zur Entwertung des Menschen im sich in Europa ausbreitenden Manchesterkapitalismus. Der Mensch in Europa wird durch ihn zum Pauper, der sich nicht mehr als Mensch erfährt. Diese Entwicklung lässt es als richtige Widerspiegelung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zur Subordination des Subjektiven unter das Objektive kommen. Hegel drückt einen damals (und auch heute noch) aktuellen Umstand richtig aus, dass im Kapitalismus das Produkt den Produzenten beherrscht. Aber dass es diese Relation ist, das ist das Bemerkenswerte, denn in ihr ist die entscheidende Umkehr der Weltgeschichte angelegt. Aber Hegel, Interpret des modernen Staates, kennt nur die abstrakt-geistige Arbeit, er ergibt sich der Macht des Objektiven, gegen die der auf Kierkegaard und seinem christlich begründeten Individualismus zurückgehende Existentialismus das Subjektive retten wollte, das die Hegelsche Metaphysik von der Essenz hatte verschlucken lassen. Die Umkehr ist eine ganz primär praktische Aufgabe und ihr Arbeitsergebnis ist gemäß dem wissenschaftlichen Sozialismus die Beherrschung des Produktionsprozesses durch kollektivistisch organisierte Produzenten. So sehr eingespannt ist der Produzent in den kapitalistischen Produktionsablauf, so sehr ist sein ganzes Leben zu einem entfremdeten Produktionsleben, zu einem Gehetze geworden, dass er nichts mehr in Bezug auf sich selbst denkt. 131. Die Arbeiterklasse bejaht sich nicht in der Arbeit, sie verneint sich, ist außer sich. Ihre Arbeit ist keine Lebensäußerung, sondern eine Lebensentäußerung. Die entseelten Produktionsmaschinen denken gegen sich selbst – das wird vom regierenden Klassenfeind täglich, stündlich über Massenmedien eingeprügelt -, so dass eine Revolution als äußere objektive Umkehr auch immer eine innere subjektive voraussetzt, die Anhängsel von Maschinen in Menschen mit Selbstbewusstsein verwandelnd, kurz: den Arbeitsmenschen in einen Menschen. Auf dass sie sich nicht mit dem gegen sie gerichteten grauen, abschleifenden, stählenden Alltag der kapitalistischen Produktion zufriedengeben. Am Anfang eines Klassenkampfes steht ein tiefsitzender Klassenhass, soll der Kampf denn effektiv sein.

Hegel selbst war auf Grund seines widersprüchlichen Systems und seines Widerspruchs zwischen Methode und System, das Engels eine ‚kolossale Fehlgeburt‘ nannte, nicht ganz unschuldig am Zerfall der junghegelianischen Gruppe, wie er umgekehrt großen Anteil hatte an ihren Früchten. Die zerrissene bürgerliche Gesellschaft hatte dem metaphysischen Denken Hegels ein die Zerrissenheit überhebendes System der Harmonie, Versöhnung und Einebnung angelegen sein lassen. Einem System ist Ausgleich inhärent, dem nivellierenden Funktionszusammenhang geschuldet, aber so, dass der Schwerpunkt der einzelnen Systemteile durch das Ganze aus ihrem Mittelpunkt bewegt worden ist. Ein philosophisches System überbaut die Widersprüche, ohne sie vernichten zu können, es wackelt. Hegel will die bürgerliche Gesellschaft, den bürgerlichen Staat und das Christentum unter eine Haube bringen. Aber es kann nicht zu dem verlangten ‚Staat an und für sich‘ kommen, auch der Hegelsche ist ein spezifischer, ja ein unmöglicher, ein christlicher Staat. Alles arbeitet im jungen Marx darauf hin, was uns heute als lapidar vorkommt, dass die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik ist. 132. In der Tat, Hegel will uns ja nicht nur beweisen, dass das Dasein eines Staates logisch sei, er verdoppelt seinen Fehler, indem er beweisen will, dass sogar das Dasein eines christlichen Staates logisch sei. Mit der Versöhnung von Wissen und Glauben konnten die Rechtshegelianer gut leben, auf der anderen Seite ist ein Projekt von Marx leider nicht mehr zur Ausführung gekommen: Eine Kritik der Großen Hegelschen Logik, also ein Angriff auf die Spinne, die die Netze des Systems zieht.

Wie es in der Mathematik 'plus und minus' gibt, in den Gesellschaftswissenschaften den Klassenkampf, so gibt es auch in der Geschichte der Philosophie positiv und negativ, die Rechtshegelianer wurden die Positiven genannt, die Linkshegelianer die Negativen und in dieser mit dem Revolutionären so eng verbundenen negativen Beziehung ging Bakunin am weitesten, ob auch am revolutionärsten, ist eine andere Frage. Die radikale Negativität Bakunins dichtete Sombart dem jungen Marx an, der sich doch der Notwendigkeit der Selbstkritik bewusst war. Sombart bohrte auch auf antisemitische Art gegen Marx. 1842 erschien in den seit Juli 1841 publizierten ‚Deutschen Jahrbüchern‘ eine kleine Schrift ‚Die Reaktion in Deutschland‘, als Verfasser wurde Jules Elysard angegeben. Das war ein Pseudonym, hinter dem sich der Russe Michail Bakunin mit seinem auflösenden „Gift des Negativen“ verbarg. Für diesen Bakunin waren das Negative, das Progressive, und das Positive, das Reaktionäre, natürlich nicht gleichberechtigt, sondern das Negative war das beide Seiten Übergreifende und endlich die Furie des rast- und rücksichtslosen Vernichtens alles positiv Bestehenden. 133. Nicht erst bei Adorno, schon in Bauers 'Posaune' fallen die Wörter 'negative Dialektik' und es war Schelling, der in Hegels Schriften nicht ganz zu Unrecht einen „verneinenden Geist“ ausgemacht hatte. „Stets verneint“, sagt Goethes Mephisto. Mit dieser negativen Dialektik führt Bauer den Nachweis, dass Hegel ein Atheist war, dass die Religion für Hegel nur eine objektivierte Innerlichkeit des Menschen, ein 'Ich-Ich'sei. Das 'Ich-Ich' als unendliches Selbstbewusstsein ist das einzig bleibende. "Das ist der entsetzliche, schaudererregende, alle Frömmigkeit und Religiosität ertötende Kern des Systems". 134. Weltphilosophische Bedeutung hatte die Bauersche Posaune nicht bekommen. Einen Bruch mit dem Übervater hat sie gerade nicht erbracht, er wird vorgeführt - als Atheist und als Revolutionär. Bauer wollte die Linkshegelianer aufklären, dass bereits ihr Vater Atheist war. Dennoch gingen sie zu Grunde. Ende 1844 ist dann nach der Auffassung desMarxforschers David McLellan der Linkshegelianismus in Deutschland eingegangen. 135. Sie gingen zu Grunde, weil ihnen nicht der Tabu- und der Milieubruch aus überkommener idealistischer Befangenheit, mit der Philosophie Hegels gelang, nur Feuerbach hatte hier vor Marx und Engels Bahnbrechendes geleistet, u. a. mit der Denunzierung der Philosophie Hegels als ‚vernünftige Theologie‘. Sie gingen zu Grunde an der dem Selbstbewusstsein anhaftenden Negativität, das sich bis zum Hochmut gegenüber den objektiven Entwicklungsformen der Gesellschaft steigerte. Ein Geniekult grassierte und so wurde mit dem Kommunismus leichtfertig umgegangen, nicht auf konkrete Zustände eingegangen, Marx sprach von einem „Kokettieren“ mit ihm. Die Linkshegelianer hielten die Atheismusfrage für zentraler als die Unterstützung sozialer Bewegungen und die der politischen Kämpfe gegen das preußische Königtum. Darin liegt eben die entscheidende Differenz zwischen Marx und den Linkshegelianern, letztendlich ging es ihm nicht primär um eine subjektive Weltanschauung, sondern um den revolutionären Klassenkampf. Am Ende konnten sie sich in den politisch-revolutionären Aktionskontext, der immer ein objektiver ist, im Vorfeld der 48er Revolution nicht einbringen und verfeinerten sich weltgeschichtlich nutzlos im intellektuellen Elfenbeinturm. Sie konnten das Ansinnen des Abiturienten Marx nicht mehr erfüllen: Für die Menschheit zu wirken, die Marx mittlerweile immer mehr zu einerarbeitendenverkürzt bzw. erweitert hatte. Im Marxismus liegt ja gerade eine Erkenntnisvertiefung und Horizonterweiterung in einer zunehmenden Fokussierung auf die weltgeschichtliche Rolle der Arbeiterklasse, auf einen Emanzipationsprozess mit ihrer führenden Rolle. Nur die revolutionäre Arbeiterklasse repräsentiert nachhaltig die fortschrittliche Menschheit. Diese Entwicklung verfolgten die linken Intellektuellen als Konkurrenten. Der Kreis schloss sich wieder. Trotz aller Kritik an Hegel blieben sie im Bering der Philosophie, bildeten einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht mehr zusammengehen konnte. Und die sich vom Linkshegelianismus, der sich unter dem Firmennamen ‚kritische Kritik‘ immer mehr von politischer Praxis entfernte und immer mehr zum isolierten Priesterstand tendierte, emanzipierten Ideologen hatten mit der 'Heiligen Familie', den 'Thesen über Feuerbach' und der 'Deutschen Ideologie', in der als Geburtsstätte der materialistischen Geschichtsauffassung trotz unvollständiger Kenntnis der ökonomischen Geschichte erstmals eine historisch-materialistische, in sich geschlossene wissenschaftliche Darstellung der menschlichen Geschichte ausgearbeitet worden ist, Meilensteine auf dem Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus gelegt, dadurch dass sie sich in diesen Schriften vehement gegen den Linkshegelianismus wandten, sich der Welt öffneten und die Linkshegelianer in den Tiefen ihres Insichseins ließen, das Stirner bis zum in sich selbst entzückten Egoismus trieb. Alle Schriften der Linkshegelianer, so bereits eine Feststellung in den ‚Ökonomisch-philosophischen Manuskripten‘, begnügten sich nur mit einer Modifikation der idealistischen Grundposition Hegels, deshalb spiegeln ihre literarischen Ergüsse nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen Zustände wider, kein Ausweg aus ihnen, keine Klasse mit revolutionären Potenzen für sie erkennbar, kein revolutionärer Paukenschlag, der die ganze Welt erschüttert, keine Weltveränderung im emanzipativen Sinne für die arbeitende Menschheit anvisierend. Alle oben genannten Schriften von Marx und Engels stellen einen Tabubruch, eine Emanzipation aus dem spezifisch preußischen Milieu dar. Die Religion deutet Bauer noch traditionell philosophisch als Produkt des menschlichen Selbstbewusstseins in sich selbst. Für seine damaligen Zeitgenossen war das unerhört, aber gerade diese Totalfixierung auf das Selbstbewusstsein, auf eine Seite des Hegelschen Systems, das religiöse Verhältnis auszulegen als „ein inneres Verhältnis des Selbstbewußtseins zu sich selber“, das war ja gerade der wunde, tödliche Punkt. Bauer konnte so die Religion nicht sozial begreifen als Ausdruck der Warenproduktion. Er konnte Überbauphänomene nicht mit ihrer Basis zusammenbringen, jene auf diese zurückführen. Es zeigte sich, dass die linkshegelianische Kritik am (Hegelschen) Idealismus am Ende unzulänglich war. Der Zusammenhang zwischen Warenproduktion und Religion ist besonders in der lutherischen und calvinistischen Ideologie nachzuweisen. Kein Wunder, dass Marx und Engels die Linkshegelianer als die größten Konservativen ihrer Zeit verunglimpften. Zum Tabu- und Milieubruch gehört, dass man gegen den Strom schwimmt, das aber können die wenigsten. Neun Zehntel der gebildeten Jugend, so Marx, betteln den Staat um Brot für ihre Zukunft an. Ohne diese Brüche wäre Marx nicht ein welthistorischer Marx geworden.

6.1. Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

„Der Staat existiertnuralspolitischer Staat“. 136.

Aus den Diskussionsnächten der ‚Freien‘, in denen einem Kommunismus auf philosophischer Grundlage gehuldigt wurde, stiegen nur drei Werke mit weltphilosophischer Bedeutung hervor: Feuerbachs ‚Wesen des Christentums‘ im Kontext der Religionskritik, von Engels die ‚Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie‘ in ökonomischer Hinsicht und in philosophisch-staatsrechtlicher Marxens ‚Kritik des hegelschen Staatsrechts‘. Der letzteren haben wir uns nun zuzuwenden, der Autor begreift sie als „eine kritische Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Hegel entwickelt in seiner Rechtsphilosophie das Prinzip des konstitutionellen Königtums. Ihren Zweck sieht er darin, den „Staat als ein in sich Vernünftiges zu begreifen und darzustellen“. 137. Die Hegelsche Rechtsphilosophie ist also nur ein Spezialfall. Die Kritik an dieser spezifischen Philosophie, in der die Monarchie einen höheren Stellenwert hat als die Demokratie, erfolgte zu einer Zeit, in der es in Deutschland noch keine politischen Parteien gab; der Links- und Rechtshegelianismus begriffen sich als philosophische Strömungen und waren es auch. Feuerbach und Marx sahen die Notwendigkeit einer elementaren Hegelkritik, aber ihre Motive waren nicht die gleichen. Feuerbach konzentrierte sich auf die Natur- und Religionsphilosophie; Marx auf Hegels Rechtslehre. Fast ist man geneigt, von einer Art Arbeitsteilung zwischen Feuerbach und Marx zu sprechen, grob formuliert, der eine durchleuchtet kritisch die spekulative Naturauffassung, arbeitet damit vor, der andere das spekulative Gesellschaftsbild. Das ist, wie gesagt, zu grob, schauen wir zunächst genauer hin, mit welcher Passage der Hegelschen Rechtsphilosophie sich Marx genau einlässt. Es muss vorher aber noch erwähnt werden, dass in diese Auseinandersetzung zwischen Marx und Hegel der Feuerbachsche Materialismus insofern hineinwirkt, als es bereits Feuerbach gelungen war, die spezifische Vertauschung von Denken und Sein im Denken Hegels aufzudecken. Festzustellen ist an dieser Stelle, dass alle drei noch keinen Begriff von einem Klassenkampf als einen politischen Kampf haben, für Feuerbach wird er nie zu einer zentralen Kategorie werden und Marxens Kritik an Hegels Staatslehre trägt 1843 zwar einen „stark materialistischen Akzent“, ist aber, es muss so deutlich gesagt werden, noch keine proletarische, sondern eine revolutionär-demokratische, die also noch nicht auf die Aufhebung der Demokratie, des Staates überhaupt gerichtet ist, sondern auf die feudal-ständischer Einrichtungen. Mit dem Übergang zum revolutionären Demokraten vollzieht Marx den zum philosophischen Materialisten. Die Trennung der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates kommt in Hegels Rechtsphilosophie deutlich zum Vorschein, sie wird von ihm nicht behoben, sondern, wie wir sehen werden, durch die Ausgabe bürgerlicher Stände als politische mit dem Schein einer Aufhebung bedacht. Die Stände nehmen für Hegel eine Zwitterstellung ein, sie sollen Repräsentanten der Trennung und der Identität zugleich sein. Um den ganzen Zwittercharakter herauszuarbeiten, der sich daraus ergibt, dass Hegel der alten ständischen Monarchie als inhaltliche Grundlage der Staatskonstruktion eine neue demokratische Form überstülpen möchte, sind Detailstudien unerlässlich. Um den Zwittercharakter des auf idealistischer Grundlage konstruierten Staats bloß zu stellen, der sich dadurch ergibt, dass Hegel die Stände als künstliche Synthese zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem politischen Staat nehmen muss, arbeitet Marx, für den die Stände gerade den Widerspruch zwischen Gesellschaft und Staat zum Vorschein bringen, in dieser Kritik auf den Spuren Feuerbachs heraus, dass das Sein bei Hegel immer eine Frucht des Denkens ist und dass die ständische Monarchie von dem Philosophen im Zuge einer großen Idealisierung durch eine Art dialektischer Konstruktion von oben, von der ‚Idee‘ herab begründet und gerechtfertigt wird. Fortgesetzt werden die Prädikate verselbständigt. Fortgesetzt lässt Hegel sie dann unwissenschaftlich (in einer mystischen Weise) in ihre Subjekte sich verwandeln. Statt zu sagen, der subjektive Wille des Monarchen ist die letzte Entscheidung, sagt Hegel: die letzte Entscheidung des Willens ist der Monarch. Damit ist wieder ein objektiver Wille vorhanden, der in der Monarchie gerade nicht gegeben ist. Der erste Satz ist empirisch, der zweite verdreht die empirische Tatsache in ein metaphysisches Axiom. Hegel verschränkt die beiden Subjekte, die Souveränität, ‚als die ihrer selbst gewisse Subjektivität‘, und die Souveränität ‚als die grundlose Selbstbestimmung des Willens, als den individuellen Willen‘ durcheinander, um die Idee als Ein Individuum heraus zu konstruieren. Der destruktive Zug der Hegelkritik wird darin bestehen, dass Marx den Zwangscharakter idealistischer Dialektik aufzeigen und die verfehlte Legitimation der ständischen Monarchie bloßlegen wird. Man muss den künstlichen Idealismus widerlegen, um die politische Reaktion zu stürzen, denn Hegel hatte diesen in den Dienst der Reaktion gestellt. Aus dem berühmten ‚Auf-die-Füße-Stellen Hegels‘ muss schon hervorgehen, dass auch die Hegelsche Dialektikim Gegensatzzu der von Marx stehen wird. Das Rechtswerk Hegels besteht aus drei Teilen, dem ‚abstrakten Recht‘, der ‚Moralität‘ und der ‚Sittlichkeit‘. Marx verlegt seinen Schwerpunkt auf die dreigeteilte Sittlichkeit und hier nach der ‚Familie‘ und der ‚bürgerlichen Gesellschaft‘ auf den ‚Staat‘, ganz konkret auf das innere Staatsrecht, dem noch das äußere Staatsrecht folgt und am Ende gipfelt die ganze Rechtsphilosophie nicht etwa in einem Weltrecht und einem ‚Ewigen Frieden‘, sondern in der Weltgeschichte. Werner Schuffenhauer bezeichnet das innere Staatsrecht als das „Herzstück“ der Hegelschen Staats- und Rechtsphilosophie. Das ist ein Bemerkenswertes an der Rechtsphilosophie Hegels. Primär geht es Marx im ‚inneren Staatsrecht‘ um die Beziehung zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem bürgerlichen Staat, seine Kritik an Hegel ist zugleich eine Kritik des modernen Staates, auch aus der Lebendigkeit konkreter, gegen den Formalismus gerichteter Geschichte heraus. Der Lebendigkeit konkreter Geschichte begegnen Hegel und Marx different: staatlich und anarchistisch.

[...]

Ende der Leseprobe aus 208 Seiten

Details

Titel
Der junge Marx. Seine kritische Auseinandersetzung mit der Dialektik und Philosophie Hegels
Autor
Jahr
2018
Seiten
208
Katalognummer
V418489
ISBN (eBook)
9783668677371
ISBN (Buch)
9783668677388
Dateigröße
1690 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
marx, seine, auseinandersetzung, dialektik, philosophie, hegels
Arbeit zitieren
Magister artium Heinz Ahlreip (Autor), 2018, Der junge Marx. Seine kritische Auseinandersetzung mit der Dialektik und Philosophie Hegels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418489

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