Die sprachliche Gleichstellung von Männern und Frauen durch gendergerechte Sprache

Legitimierte Positive Diskriminierung in der Sprache


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,3
Hermann Fuchs (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Positive Diskriminierung?
2.1 Zum Begriff Diskriminierung
2.2 Definition Positive Diskriminierung
2.3 Synonyme Begrifflichkeiten und Kritik

3. Diskriminierung und Sprache
3.1 Diskriminierung als sprachliches Grundprinzip
3.2 Wie Sprache diskriminierende Handlungen beeinflusst
3.3 Die deutsche Sprache ist männlich

4. Gendern als Positive Diskriminierung in der Sprache
4.1 Stärken gendergerechter Sprache
Der Weg zur Gleichberechtigung
Gedanklicher Einbezug der Frauen durch Vermeidung des generischen
Maskulinums
4.2 Schwächen gendergerechter Sprache
Leserlichkeit
Zwanghafte Umschreibungen
4.3 Maßnahmen zur Implementierung gendergerechter Sprache
4.4 Fazit: Sinnvolle Maßnahmen Positiver Diskriminierung in der Sprache

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wie kommt die ‚Welt‘ in das Individuum?“ (Niederbacher/Zimmermann, 2011, S.13) ist wohl die bedeutsamste Fragestellung der Sozialisationsforschung und es wurden schon unzählige Versuche unternommen, diese zu beantworten. Doch um nur eine wichtige Komponente zu nennen: die Sprache ist ein fundamentaler Schlüssel dazu.

Basil Bernstein formulierte die Hypothese, dass der Sprachgebrauch die gesellschaftliche Herkunft widerspiegele und in der Folge die spätere gesellschaftliche Stellung beeinflusse. (vgl. Sertl/Leufer, 2012, S. 19ff.)

Sprache scheint also ein äußerst mächtiger Baustein zu sein, um sich die Welt anzueignen und sie zu verändern.

Kann also auch die gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau durch einen bewussteren Sprachgebrauch verbessert werden? Und ist dieser Eingriff in die Alltagssprache eine Form der Diskriminierung, weil er manchmal zu Las- ten der Männer geht? Ist Positive Diskriminierung von Frauen in der Sprache dennoch ein legitimes Mittel, um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Ver- hältnisse herbeizuführen?

Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit behandelt werden. Ausgehend von einer Definition der Begriffe „Diskriminierung“ und „Positive Diskriminierung“ soll auf die Wichtigkeit dieser Begrifflichkeiten hingewiesen werden. Im nächsten Schritt wird allgemein Diskriminierung in der Sprache sowie die sprachliche Stellung von Frauen im Deutschen beleuchtet.

Anschließend werden Stärken und Schwächen dargestellt, die in einem Fazit gegeneinander abgewogen werden.

2. Was ist Positive Diskriminierung?

2.1 Zum Begriff Diskriminierung

Um sich dem Konzept der Positiven Diskriminierung zu nähern, muss zunächst der übergeordnete Begriff der Diskriminierung betrachtet werden. Das zugrundeliegende lateinische Verb discriminare wird in seiner ur- sprünglichen Bedeutung nur mit „trennen“ oder „unterscheiden“ übersetzt. Der Sinn des Begriffs hat sich im Sprachgebrauch allerdings gewandelt, von einer neutralen Distinktion zu einer herabwürdigenden Bewertung. Diese Arbeit beschäftigt sich mit Positiver Diskriminierung. Wenn im Folgen- den die gebräuchliche Form ohne Adjektiv verwendet wird, ist von negativer Diskriminierung die Rede.

Im Fachlexikon der Sozialen Arbeit (Mulot et al. 2017, S. 196) wird Diskriminierung folgendermaßen definiert:

Diskriminierung bezeichnet im rechtlichen Sinne eine Ungleichbehandlung einer Person aufgrund einer oder mehrerer rechtlich gesch ü tzter D.merkmale ohne einen sachlichen Rechtfertigungsgrund.

Die wichtigste Komponente des Diskriminierungsbegriffs scheinen also Handlungen zu sein, die auf ungerechtfertigten Unterscheidungen fußen. Diese Unterscheidungen werden aufgrund von Kriterien getroffen, die Schlotböller (2008, S. 24) als „niedere Motive“ bezeichnet und damit auf das Fehlen vernünftiger, plausibler oder gesellschaftsfähiger Gründe Bezug nimmt. Mit einem Kriterium sind oft bestimmte Vorurteile verknüpft, die der Person zugeschrieben werden. Eine Liste der sieben in Deutschland geschützten Diskriminierungsmerkmale findet sich im §1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG): Rasse, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Identität.

2.2 Definition Positive Diskriminierung

Die Paarung von „Diskriminierung“ mit dem Adjektiv „positiv“ wirkt zunächst kontradiktorisch. Doch soll damit ausgedrückt werden, dass die Absicht dahin- ter auf breite gesellschaftliche Zustimmung trifft. Es ist auch die einzige, legit- imierte Form der Diskriminierung. Das gilt im Besonderen für Geschlechter- diskriminierung. Das UN-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau von 1979, auch Frauenrechtskonvention genannt, er- laubt „zeitweilige Sondermaßnahmen“ (UN-Frauenrechtskonvention, Inter- netquelle), um die determinierten Ziele schneller zu erreichen.

Die Zielsetzung ist, durch den Abbau von diskriminierenden Strukturen die „vollständige und effektive Chancengleichheit für alle Mitglieder der Gesellschaft zu gewährleisten“. (Klose/Merx, 2010, S. 5)

Dies kann auf zwei Arten geschehen.

Bei der Quotierung wird ein Mindestanteil festgesetzt, der erreicht werden muss. Ein Beispiel hierfür ist die Frauenquote (Gesetz für die gleichberechtigte Teil- habe von Frauen und Män- nern in Führungspositionen), die seit 2015 einen weib- lichen Anteil von 30 Prozent in Aufsichtsgremien festlegt. (vgl. LTO 2017, Inter- netquelle) Die Privilegierung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Karikatur zur Frauenquote (Wiedenroth, 2013)

von Frauen wird als einzige Option für mehr Chancengleichheit gesehen. (vgl. Klose/Merx 2010, S. 8)

Quoten schaffen aber keine Anreize, sie bestrafen nur - sowohl die Unternehmen, die sie nicht einhalten als auch die nicht geförderte Bevölkerungsgruppe (Männer), manchmal sogar die Bevorzugten selbst. So können Frauen das Gefühl bekommen, die Führungsposition nur der Quote und nicht ihren Kompetenzen zu verdanken (siehe Abb.1).

Eine alternative Maßnahme für Positive Diskriminierung ist die Subvention- ierung von Schlechtergestellten. In Australien gibt es beispielsweise finanzielle Zuschüsse für Unternehmen, die Frauen in frauenuntypischen Berufen ausbilden. (vgl. Schlotböller 2008, S. 372)

Positive Diskriminierung findet zwar gesellschaftlichen Zuspruch, die Akzeptanz geht aber nicht über staatliches Handeln hinaus. Ob Privatpersonen autorisiert sind, positiv zu diskriminieren, ist umstritten. (vgl. ebd. S. 52)

In Anlehnung an 2.1 soll der Versuch unternommen werden, auch für Positive Diskriminierung eine möglichst allgemeingültige Kurzdefinition zu formu- lieren.

Positive Diskriminierung beschreibt politische Ma ß nahmen, die versuchen, beste- hende Benachteiligungen durch Quotierung oder Subventionierung auszugleichen, um Chancengleichheit und Gleichbehandlung in der Gesellschaft herzustellen.

2.3 Synonyme Begrifflichkeiten und Kritik

Die Positive Diskriminierung des einen ist die negative Diskriminierung eines anderen. (vgl. Schlotböller 2008, S. 29) In vielen Fällen scheint sie völlig einleuchtend, z.B. wenn man Gehbehinderten und Schwangeren einen Sitzplatz freimacht. In anderen Fällen ist sie umstritten. Sollen etwa Leistungsansprüche vernachlässigt werden und weniger qualifizierte Bewerberinnen eingestellt werden, nur um eine Frauenquote zu erfüllen?

Die Verwendung des Begriffs „Diskriminierung“ transportiert weiterhin diesen Zwiespalt.

Im Amerikanischen wird der Begriff „Affirmative Action“ gebraucht. Damit soll betont werden, dass die Programme, die vor allem auf Gleichbehandlung in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt abzielen, keinen Nachteil für eine andere Gruppe bringen. Dies ist aber praktisch unmöglich. (vgl. ebd. S. 361f.) Im Deutschen gibt es den Alternativausdruck „Positive Maßnahmen“, oder in seiner ausführlichen Form „Positive Maßnahmen zur Verhinderung oder zum

Ausgleich bestehender Nachteile“. Dies ist lediglich eine beschönigende Um- schreibung unter Vermeidung des negativ konnotierten Diskriminierungsbegriffs. Weder die Kurzform noch die extensive Bezeichnung sind eine adäquate Lösung, denn die Tatsache, dass Positive Diskriminierung immer noch Diskriminierung ist, wird nicht mehr betont. Dabei werden durch Positive Diskriminierung Entscheidungen aufgrund von Merkmalen gefällt, die eigentlich als geschützte Diskriminierungsmerkmale (§1 AGG) keine Entscheidungskriterien mehr sein dürften. (vgl. Doverspike/Taylor/Arthur 2000, S. 4ff.)

3. Diskriminierung und Sprache

Kann Sprache allein schon diskriminieren und wie wirkt sie sich auf diskrimi- nierende Taten aus? Kann Diskriminierung durch korrekten und bewussten Sprachgebrauch verhindert werden? Und wie werden Frauen in der deutschen Sprache benachteiligt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das nächste Kapitel.

3.1 Diskriminierung als sprachliches Grundprinzip

In der kognitiven Linguistik wird davon ausgegangen, dass Unterscheidung „sowohl Kernfunktion als auch grundlegendes Strukturprinzip von Sprache“ ist. (bpb 2012, Internetquelle)

Danach trennt jedes Wort die Welt in zwei Rubriken: alles, was durch das Wort bezeichnet wird, und alles, was durch das Wort nicht bezeichnet wird. Es gibt also immer ein Gegenteil, eine Ausschlussmenge. Das Wort „Mann“ beispiels- weise definiert einen Menschen als „männlich“, gleichzeitig aber auch als „nicht weiblich“. In einem weiteren Schritt kann die Rubrik „Mann“ noch diff- erenzierter betrachtet werden: Ein „Mann“ ist erwachsen, ein nicht erwachsen- er, männlicher Mensch ist kein „Mann“, sondern ein „Junge“. So wird das Wort durch verschiedene Merkmale präzisiert und immer mehr Menschen werden aus dem Begriff ausgeschlossen: weibliche Personen, junge Personen, usw.

Somit ist Diskriminierung in seiner Urbedeutung als Trennung oder Unter- scheidung ein grundlegendes Prinzip von Sprache.

Doch Ungleichbehandlung wird vor allem im Transport von Zuschreibungen und Vorurteilen durch die Sprache bedingt. Der nächste Absatz soll diesen Einfluss näher erläutern.

3.2 Wie Sprache diskriminierende Handlungen beeinflusst

In der Definition von Diskriminierung wurde bereits angesprochen, dass es dabei vor allem um Handlungen geht. Ungleichbehandlungen aufgrund be- stimmter Kriterien sind Ausdruck eines gewissen Werteschemas, in dem diese Kriterien eingeordnet werden. Anders ausgedrückt beginnt das Handeln im Denken.

Nach verschiedenen linguistischen und philosophischen Theorien liegt in der Sprache die Quelle des Denkens.

Bereits der Politiker, Philosoph und Sprachforscher Wilhelm von Humboldt (1767-1835) stellte folgende Hypothese auf: „Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken“. (Humboldt 1949, S. 6)

Der Hauptvertreter der als Neohumboldtianismus bezeichneten sprachwissen- schaftlichen Richtung Benjamin Lee Whorf erstellte daraus das „Linguistische Relativitätsprinzip“. Hauptaussage seiner Theorie ist, dass Unterschiede in Struktur und Grammatik zur Veränderung von Wahrnehmung und Weltan- schauung führen (vgl. Stolze 2005, S. 30) oder dass sich - anders gewendet - „die unbekannte größere Welt - […] zu der wir gehören - in der Sprache vor- ankündigt.“ (Whorf 1969, S. 48)

Wie in 3.1 dargestellt trifft Sprache grundsätzlich Unterscheidungen, mit der Folge, dass diese Differenzierung auch im Denken stattfindet. Zusätzlich wer- den die Begriffe aber noch mit Eigenschaften assoziiert, die durch kulturelle Sozialisation geprägt sind. Frauen wird beispielsweise das Merkmal zugeschrieben, sie könnten nicht einparken. (vgl. bpb 2012, Internetquelle) Diese Merkmale und Kriterien bilden die Grundlage für Diskriminierung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die sprachliche Gleichstellung von Männern und Frauen durch gendergerechte Sprache
Untertitel
Legitimierte Positive Diskriminierung in der Sprache
Hochschule
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V418510
ISBN (eBook)
9783668674530
ISBN (Buch)
9783668674547
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gleichstellung, männern, frauen, sprache, legitimierte, positive, diskriminierung
Arbeit zitieren
Hermann Fuchs (Autor), 2018, Die sprachliche Gleichstellung von Männern und Frauen durch gendergerechte Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418510

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