Peer-to-Peer Lending. Eine empirische Analyse von Kreditplattformen


Bachelorarbeit, 2011
68 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einführung
1.1 Ausgangssituation
1.2 Zielsetzung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Das Geschäftsmodell von Kreditmarktplätzen
2.1 Definition und Entwicklung von P2P-Plattformen
2.1.1 Historische Entwicklung
2.1.2 P2P-Lending als Ausprägung des Crowdsourcing
2.1.3 Zielmärkte von Peer-to-Peer-Plattformen
2.2 Funktionsweise von Kreditmarktplätzen
2.2.1 Aufgaben und Funktionen von originären Finanzintermediären - die traditionelle Kreditvergabe durch Banken
2.2.2 Kreditvergabeprozess von Peer-to-Peer Plattformen
2.2.3 Bankaufsichtsrechtliche Hintergründe für Plattformen in Deutschland

3 Nutzwertanalyse von Peer-to-Peer Kreditplattformen
3.1 Grundlagen der Nutzwertanalyse
3.2 Aufbau des Analysemodells zur Bewertung von Peer-to-Peer Kreditplattformen
3.2.1 Auswahl der Analyse-Alternativen
3.2.2 Festlegung der zu analysierenden Merkmale
3.2.3 Aufbau des Gewichtungs- und Bewertungsmodells
3.3 Portraits der analysierten Peer-to-Peer-Plattformen
3.3.1 Smava
3.3.2 Auxmoney
3.3.3 Zopa
3.3.4 Prosper
3.3.5 Money4Friends
3.3.6 Direct-Lending
3.3.7 Kiva
3.4 Zusammenfassung der Datenerhebung
3.5 Ergebnisse der Nutzwertanalyse
3.5.1 Kredit- und Anlageprodukte
3.5.2 Anforderungen an die Teilnehmer der Plattformen
3.5.3 Rahmendaten der Plattformen und Prozessablauf
3.5.4 Gesamtbetrachtung

4 Fazit und Ausblick
4.1 Kritik an den Peer-to-Peer Plattformen
4.2 Zukunft des Social Lending

Literaturverzeichnis

Kurzfassung

In der folgenden Arbeit wird die Thematik von sog. privaten Kreditmarktplätzen, die ver- mehrt im Internet auftreten und derzeit das Interesse der Fachliteratur auf sich ziehen, vertieft dargestellt und behandelt. Auf diesen Plattformen können - ohne die Einschaltung eines klas- sischen Kreditinstitutes - Kredite unter Privatpersonen vermittelt und ausgereicht werden.

Die Arbeit verfolgt das Ziel, nach einer Einführung in die grundlegenden Funktionsweisen dieser Plattformen und der Darstellung der regulären Kreditvergabe durch Banken, repräsen- tativ gewählte Kreditmarktplätze aus Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika näher zu betrachten und wissenschaftlich zu analysieren. Zentrale Themen sind hier- bei die Art und Weise der Kreditvergabe sowie Rahmendaten zu den angebotenen Krediten, die Hintergründe der Plattformen, Anforderungen an die Teilnehmer sowie zusätzliche Ange- bote der Plattformbetreiber. Als Analysemodell wird die Nutzwertanalyse angewendet, die seit den 1970er Jahren in Deutschland zunehmend als Entscheidungshilfe im Rahmen einer Auswahlproblematik herangezogen wird.

Damit diese Nutzwertanalyse entsprechend durchgeführt werden kann, bedarf es zunächst der Entwicklung eines entsprechenden Analyserasters, anhand dessen die gewählten Plattformen systematisch und kategorisch eingeordnet werden können. Durch ein vorher festgelegtes und aufgestelltes Bewertungsmodell werden Nutzenwerte, die diese Plattformen gegenüber poten- ziellen Kunden aufweisen, ermittelt. Durch die Ergebnisse der Analyse kann eine Entschei- dungsproblematik eines Interessenten in Bezug auf die jeweiligen Kreditplattformen gelöst und die Alternativen in Hinblick auf qualitative und quantitative Faktoren bewertet werden.

Nach der Darstellung der Analyseergebnisse und einer Erörterung möglicher Gründe werden die Kreditplattformen kritisch hinterfragt und eine mögliche Zukunftsperspektive - auch in Hinblick auf die Konkurrenzsituation mit klassischen Banken - dargestellt.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ablauf der Nutzwertanalyse

Abbildung 2: Kreditausfallwahrscheinlichkeiten auf Prosper

Abbildung 3: Darstellung der Gesamtnutzenwerte der Analysealternativen

Abbildung 4: Ergebnisranking

Abbildung 5: Nutzenwerte Kreditprodukte

Abbildung 6: Nutzenwerte Anlageprodukte

Abbildung 7: Nutzenwerte der Teilnehmeranforderungen

Abbildung 8: Gesamtergebnis nach Oberklassen aufgeteilt

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Transformationsskala

Tabelle 2: Sonstige Nutzungsentgelte Auxmoney

Tabelle 3: Datenerfassungstabelle

Tabelle 4: Auswertungstabelle

1 Einführung

1.1 Ausgangssituation

Die zuletzt beobachtbaren Entwicklungen im sog. „Web 2.0“, wie die zunehmende Bedeutung der sozialen Vernetzung im Internet oder die marketingtechnische Ausrichtung von Produkt- bewertungen, lassen deutlich erkennen, dass unsere Welt ein großes Stück kleiner geworden ist. Räumliche Hürden werden durch diese Social-Media Anwendungen überwunden. Dieses Web 2.0 bezeichnet eine neue Form des Handelns im Internet, bei der der „User Generated Content“, also der durch die Internetnutzer selbst geschaffene Inhalt der Webseiten im Mittel- punkt steht. Die jeweiligen Nutzer gestalten und entwickeln so das Internet also stetig weiter.1 Durch die wachsenden Möglichkeiten konnte in den vergangenen Jahren neben der Entste- hung von Social-Networks, wie „Facebook“ oder „LinkedIn“ auch eine Entwicklung im Fi- nanzsektor beobachtet werden. So entstanden diverse Plattformen, die privaten Geldgebern die Möglichkeit geben, bestimmte Projekte im Internet finanziell zu unterstützen. Durch diese sog. Kreditplattformen werden Banken als Finanzintermediäre am Markt überflüssig - die Kreditvergabe erfolgt direkt zwischen Anleger und Nachfrager.2

Der Trend ist hier klar erkennbar: die Anzahl der Kreditantragsteller nimmt auf diesen Platt- formen stetig zu. Kreditmarktplätze im Netz werden zu einer bedeutenden Alternative, was vor allem das Privatkreditgeschäft betrifft.3 Gerade auch die in den Medien derzeit diskutierte Skepsis und der Unmut gegenüber Banken und Finanzdienstleistern, die hauptsächlich aus Erfahrungen der letzten Finanzmarktkrise resultieren, sind hier treibende Kräfte der Entwick- lung.

1.2 Zielsetzung

Werden Banken also zukünftig durch die soziale Vernetzung im Web 2.0 nicht mehr benötigt? Welche Zielgruppe wird durch diese Plattformen angesprochen und was steckt hinter den Unternehmen der Plattformbetreiber? Wie funktionieren P2P-Kreditmärkte und wie sieht die Zukunft des Finanzsektors in Hinblick auf die Entwicklung im Internet aus?

Mit all diesen Fragen soll sich im Folgenden näher beschäftigt werden. Die wichtigsten Kre- ditplattformen in Deutschland, Europa und den USA sollen daher im Rahmen einer Nutz- wertanalyse analysiert und bewertet werden. Hierzu wird ein entsprechendes Analysemodell entwickelt, welches verschiedene Kriterien dieser Kreditmarktplätze abbilden und quantifizie- ren kann. Nach der Analyse soll abschließend erläutert werden, welche Vorteile die jeweili- gen Plattformen zum einen gegenüber den anderen Plattformen, zum anderen aber auch ge- genüber einer herkömmlichen Bank bieten können. Anschließend wird betrachtet, welche Nachteile aus der jeweiligen Geschäftspraxis her resultieren und wo die Schwachpunkte für die Nutzer dieser Plattformen liegen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Nach einer Einführung in die Grundlagen des Geschäftsmodells von P2P-Plattformen in Hin- blick auf die historische Entwicklung und der Abgrenzung zum sog. Crowdsourcing sowie die Definition der Zielmärkte erfolgt die Darstellung des Kreditvergabeprozesses auf den jeweili- gen Plattformen. Hier wird auch auf die Thematik der bankaufsichtsrechtlichen Anforderun- gen eingegangen.

Im Anschluss erfolgt der Aufbau des Analysemodells. Nachdem eingangs die Nutzwertanaly- se als Analyse- und Bewertungsmodell im Allgemeinen vorgestellt wird, schließt sich die Darstellung des Aufbaus des Analysemodells an. Hier wird zunächst auf die Festlegung der Analysealternativen, der Auswahl der zu analysierenden Kriterien sowie der Bewertungs- und Gewichtungsmethodik im Rahmen der Nutzwertanalyse eingegangen. Der eigentliche Kern der Arbeit folgt im Anschluss. Hier werden die einzelnen Plattformen der Nutzwertanalyse hinsichtlich der vorher definierten Merkmale und Kriterien unterzogen und näher betrachtet. Im Rahmen von Kurzportraits werden diese eingehend beschrieben und deren Aufbau sowie eventuell bestehende Besonderheiten erläutert.

Anschließend erfolgt die Bewertung der Ergebnisse nach ausgewählten Kriterien. Den Abschluss der Arbeit bilden eine kritische Hinterfragung der Geschäftspraxis von Kreditplattformen sowie ein kurzer Ausblick in die Zukunft.

2 Das Geschäftsmodell von Kreditmarktplätzen

2.1 Definition und Entwicklung von P2P-Plattformen

Wie eingangs bereits erwähnt, sind in den vergangenen Jahren im Internet vermehrt Plattfor- men entstanden, die es Privatpersonen ermöglicht haben, ohne den Einsatz einer Bank Kredite zu erhalten. Dieses Prinzip wird als Peer-to-Peer-Lending (kurz P2P-Lending) bezeichnet.4 Zunächst bedeutet P2P übersetzt „gleichrangig zu gleichrangig“ - es bezeichnet demnach eine entstehende Gemeinschaft mit gleichen Interessen oder Informationen. Gerade das von Tim O’Reilly bezeichnete Web 2.0 macht diese Entwicklung von P2P-Märkten erst möglich: Men- schen, Inhalte, Bewertungen und Meinungen können miteinander vernetzt und neue Potenzia- le gemeinsam erschlossen werden.5 P2P-Plattformen für Finanzdienstleistungen nehmen hier eine besondere Rolle ein. Durch die neuen Möglichkeiten im Netz und die innovativen Lö- sungen können Kreditmarktplätze enorme Auswirkungen auf das klassische Aktiv- und Pas- sivgeschäft von Kreditinstituten haben.6

2.1.1 Historische Entwicklung

Die Grundidee, dass Privatpersonen Geld direkt von anderen Privatpersonen leihen, ist keine Erfindung der Neuzeit. Im Gegenteil: die Grundform des Social Lending geht bis in das Jahr 300 vor Christus zurück. Private Kreditvereine, sog. Iun hui haben in China bereits zu dieser Zeit existiert. In Deutschland wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts Darlehenskassenverei- ne der Landbevölkerung gegründet, die nach der Idee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch die Bevölkerung mit günstigeren Krediten versorgt haben. Ziel war es, eine Alternative zu den damals am Markt bestehenden Wucherzinsen zu bieten.7

Die zunehmende Verbreitung des Internets und der entsprechenden Potenziale im Web 2.0 hat in den vergangenen Jahren zu einem Wiederaufleben des P2P-Gedanken geführt. Als weltweit erstes Unternehmen im Bereich des Social Lendings hat die englische Plattform Zopa im Jahr 2005 den Markt für privatvermittelte Kredite betreten. Kurz darauf folgte in den USA die Plattform Prosper im Februar 2006. Als erstes deutsches Web-Unternehmen im Bereich der P2P-Kredite wurde Smava im Februar 2007 implementiert.8

In der Zwischenzeit ist eine Fülle weiterer Plattformen und Marktplätze mit unterschiedlichen

Ausrichtungen und Zielsetzungen entstanden. So richtet beispielsweise die Plattform Kiva sein Geschäftsmodell komplett auf die Unterstützung von Unternehmen in Schwellen- und Entwicklungsländern aus, um diese aus ihrer Armut zu befreien. Der soziale Gedanke rückt somit immer stärker in den Fokus - der Aspekt des Social Lendings wird zunehmend priori- siert.9

2.1.2 P2P-Lending als Ausprägung des Crowdsourcing

In der Öffentlichkeit und in den Medien wird dem Bereich des sog. Crowdsourcings in letzter Zeit zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Im Folgenden Abschnitt sollen die Bereiche des Social Lending in das Teilgebiet des Crowdsourcing eingeordnet werden.

Crowdsourcing bezeichnet insgesamt die Auslagerung von Wertschöpfungsaktivitäten an eine unbestimmte Menge an Menschen.10 Der Begriff setzt sich aus den beiden Wörtern „Crowd“, eine Menschenmasse, und „Outsourcing“, dem Auslagern von Prozessen und Institutionen, zusammen.11

Das Ziel von Crowdsourcing ist im Allgemeinen, das Prinzip der Weisheit der Massen und die damit verbundenen Vorteile zu nutzen. Die Weisheit der Massen (Wisdom of Crowds) beschreibt den Gedanken, dass mehrere Menschen gemeinsam zu besseren Ergebnissen kommen können, als Einzelne.12

Crowdsourcing erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Im Wesentlichen umfasst es drei Aus- prägungsformen. Beim sog. Crowdvoting ist die Crowd dazu aufgerufen, Bewertungen, Mei- nungen oder Erfahrungsberichte weiterzugeben. Durch die Erfahrungswerte und die abgege- benen Ratings sollen die Kunden zum Kauf eines bestimmten Produktes animiert werden. Im Rahmen der Crowdcreation werden die Menschen dazu aufgerufen, gemeinsam produktiv zu sein und beispielsweise Produktinnovationen oder Marketingmaßnahmen zu entwickeln. Die- ser Bereich des Crowdsourcings ist sehr umfangreich angelegt und erfordert zudem ein hohes Engagement der jeweiligen Nutzer. Diese stehen in einer jeweiligen Verantwortung dem Pro- dukt gegenüber. Es müssen hier konkrete Aufgaben bearbeitet oder bestimmte - auch monetär - Investitionen getätigt werden.13

Eine wesentliche Ausprägungsform des Crowdsourcings stellt das so genannte Crowdfunding dar. Beim Crowdfunding wird die Crowd unmittelbar zur Finanzierung eines Projektes heran- gezogen. Das jeweilige Projekt soll so durch mehrere kleine Einzelbeträge vollständig finan- ziert werden können. Crowdfunding umfasst die Bereiche des Crowdsponsoring, bei dem Pro- jekte in der Regel durch nicht-monetäre Gegenleistungen, wie Produktplatzierungen oder der Namensnennung, unterstützt werden. Als Untergruppe des Crowdfundings lässt sich ferner das Crowdlending definieren, welches das Verleihen von Kapital an Personen bezeichnet, das im Anschluss wieder zurückbezahlt werden muss. Für die Überlassung des Kapitals wird ein Ausgleich in Form eines zu zahlenden Zinses vereinbart.14 Demgegenüber bezeichnet das Crowdinvesting das Überlassen von Kapital an Unternehmen und Startups.15 Beim sog. Crowddonating liegt der Fokus vor allem auf dem sozialen Aspekt. Hier können Geldbeträge gespendet werden, ohne dass eine bestimmte Gegenleistung erwartet wird.16

Die im Folgenden weiter vertieften P2P-Plattformen werden nach den o.g. Definitionen und Begriffsbestimmungen dem Bereich des Crowdlending und damit dem weiten Feld des Crowdsourcing zugeordnet.

2.1.3 Zielmärkte von Peer-to-Peer-Plattformen

Das Hauptaugenmerk von elektronischen Kreditmarktplätzen liegt derzeit, sowohl auf der Anleger- als auch auf der Nachfragerseite noch auf dem Privatkundengeschäft. Betrachtet man sich die Aufgaben und Ziele der Plattformen, spielt die Konsumkreditvergabe demnach eine zentrale Rolle. Dies liegt v.a. in der geringen Informationsnotwendigkeit von Konsumfinanzierungen begründet - eine Prüfung der Kreditnachfragen von Privatpersonen kann relativ leicht durchgeführt werden; große Informationsasymmetrien bestehen nicht.17

Ein weiterer Grund für die Spezialisierung auf den Privatkundenmarkt ist die, im Vergleich zu potenziellen Unternehmensfinanzierungen, im Durchschnitt geringere nachgefragte Kredithö- he. Für diese hohen Volumina konnten bis jetzt nicht die entsprechenden Anlagebeträge über Kreditplattformen aufgebracht werden, weshalb die Unternehmensfinanzierung in den Hinter- grund getreten ist. Ein weiterer Grund, weshalb die Investitionsfinanzierung für Unternehmen nicht im großen Ausmaß angeboten werden kann, stellt die Bonitätsprüfung von Gewerbeund Firmenkunden dar. Diese erfolgt traditionell durch die Analyse wirtschaftlicher Unterlagen und der Auswertung bestimmter Bilanz- und Erfolgskennzahlen, was über die Plattformen nicht abzudecken ist.18

Eine umfassende Bonitätsbeurteilung ist auch bei komplexeren Privatvorhaben, wie z.B. Bau- finanzierungen, notwendig. Wohnungsbaufinanzierungen können zwar vereinzelt durch Kre- ditmarktplätze abgewickelt werden, jedoch ist der Aufwand im Hintergrund erheblich größer: gerade im Bereich der Sicherheitenverwaltung müssen die Plattformen auf externe Dienstleis- ter zugreifen, wodurch die Kosten je Finanzierungsvorhaben deutlich ansteigen.19

2.2 Funktionsweise von Kreditmarktplätzen

Wie bereits erwähnt, haben hauptsächlich Privatpersonen die Möglichkeit, sich durch die Ein- bindung von Kreditplattformen Kapital für bestimmte Projekte zu beschaffen. Im Folgenden soll nun, nach einer Einführung in die bekannte Kreditvergabepraxis von Finanzintermediä- ren, auf die Funktionsweise und den aktuellen Entwicklungsstand dieser Plattformen näher eingegangen werden.

2.2.1 Aufgaben und Funktionen von originären Finanzintermediären - die tradi- tionelle Kreditvergabe durch Banken

Die Finanzintermediation ist die Kerntätigkeit eines jeden Kreditinstitutes. Eine Bank bekommt von ihren Kunden, gegen Zahlung eines Zinsausgleiches, Kapital überlassen, welches sie im Anschluss an andere Teilnehmer im Wirtschaftskreislauf weitergibt. Für die Kapitalüberlassung erhält in diesem Fall die Bank einen Zinsausgleich. Dies stellt die originäre Aufgabe eines Finanzintermediärs dar - die Annahme und Weitergabe von Kapital. Da in der Regel die Vorstellung der Kapitalnehmer und -geber in Hinblick auf die Volumina, dem Risikogehalt und der Fristigkeit des definierten Betrages nicht immer übereinstimmen, übernehmen Banken bestimmte Transformationsfunktionen am Markt.20

Für gewöhnlich wünschen Anleger eine relativ kurze Laufzeit für ihre Einlagen, die zudem noch ein geringes Volumen aufweisen. Diese vielen kleinen Einzelbeträge transformiert die Bank in einen Kredit mit größerem Volumen. Man spricht hier von der sog. Losgrößentransformation eines Finanzintermediärs. Kreditnachfrager hingegen präferieren meist längere Fristigkeiten für Ihre Finanzierungen. Die kurzfristigen Einlagen werden demnach in langfristige Kredite umgewandelt, was man als Fristentransformation bezeichnet. Die Bank betreibt ebenfalls Risikotransformation, indem sie aufgrund von Diversifikationseffekten stärker risikobehaftete Kredite durch risikoärmere Einlagen refinanziert.21

Die traditionelle Kreditvergabe durch Banken ist dadurch gekennzeichnet, dass Kunden auf der einen Seite als Anleger gegenüber dem Kreditinstitut auftreten. In diesem Fall erhält der jeweilige Anleger je nach Fristigkeit und Höhe der Einlage eine bestimmte Verzinsung für sein Guthaben. Auf der anderen Seite kann der Kunde auch als Kreditnachfrager auftreten: er beantragt einen Kredit zu bestimmten Konditionen, die wiederum von der jeweiligen Laufzeit des Kredites und dem Kreditvolumen, aber auch von der Bonität des Kunden abhängen. Es ergibt sich für die Bank eine Zinsspanne zwischen Einlage- und Kreditzins. Diese Marge verbleibt beim Kreditinstitut als Ertrag aus dem jeweiligen Geschäft.22 Nimmt die Bank beispielsweise 10.000,00 Euro zu 1,00 % p.a. herein und verleiht diese 10.000 EUR zu 4,00 % p.a. weiter, so verbleibt eine Marge von 3,00 % p.a. - nach Abzug von Risikokosten und Standardkosten ergibt sich eine Gewinnmarge für die Bank.

2.2.2 Kreditvergabeprozess von Peer-to-Peer Plattformen

Mit Hilfe von P2P-Plattformen werden Banken als Kreditgeber überflüssig - Kredite können direkt von anderen Privatpersonen nachgefragt werden. Originäre Finanzintermediäre werden im Prozessablauf nicht benötigt. Personen, die Kredite nachfragen, legen auf den jeweiligen Plattformen ein bestimmtes Projekt an, das mit Hilfe von Kapital der Anleger finanziert wer- den soll.23

Kreditgeber und Kreditnehmer müssen sich zunächst auf den Plattformen registrieren. Bei der Registrierung werden die personenbezogenen Daten des jeweiligen Interessenten abgefragt. Diese personenbezogenen Daten werden nicht veröffentlich - gerade die Anonymität wird von vielen Kunden geschätzt.24 Nach außen treten die Marktteilnehmer bei bestimmten Platt- formen unter Pseudonymen auf, der tatsächliche Name des Users wird nicht kommuniziert.25

Die Offenlegung der eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse bei einem Bankberater durch Einkommensbescheinigungen, Steuererklärungen usw. wird von vielen Kunden als unangenehm empfunden. Auch die Tatsache, dass der finanzielle Engpass bei einer Bank entsprechend gut begründet sein muss, stellt eine weitere Hemmschwelle dar. All dies ist bei den P2P- Marktplätzen nicht zwangsläufig notwendig.26

Im weiteren Verlauf kann bei Anlage des zu finanzierenden Projektes bereits die Höhe des gewünschten Kredites sowie die jeweiligen Rahmenbedingen, wie beispielsweise die ge- wünschte Laufzeit, den Zinssatz, den der Kunde bereit ist zu zahlen, sowie möglicherweise die Annuität des Kredites festgelegt werden. Im Anschluss erfolgt i.d.R. eine Bonitätsein- schätzung des Kunden durch die Plattform, anhand derer der Anleger das jeweilige Risiko aus der Investition abschätzen kann.27 Die Anleger können im Anschluss Gebote für das jeweilige Projekt abgeben. In einer Art Auktionsprozess, wie er bei der Auktionsplattform „eBay“ zu finden ist, erfolgt die Zuordnung der Anlagebeträge zu den jeweiligen Kreditprojekten.28

Unter Umständen können bestimmte Gruppen von Anlegern, sog. Anleger-Pools gebildet werden, die sich bei einem drohenden Ausfall gegenseitig finanziell unterstützen. So wird das Risiko aus einer einzelnen Anlage weiter diversifiziert und für einen einzelnen Anleger redu- ziert. 29 Die gegründeten Gruppen können die Bonität der Marktteilnehmer weiter untersuchen und bewerten - sie übernehmen damit, zumindest teilweise, eine Aufgabe der Finanzinterme- diation. Durch veröffentlichte Informationen über einzelne Kreditnehmer kann so der Rest der Anlegergruppe von der abgebauten Informationsasymmetrie profitieren. Die Informationen werden innerhalb der Gruppe durch einen sog. Gruppenleiter, beispielsweise durch persönli- che Gespräche mit dem Kreditnehmer oder der Vorlage von Bonitätsunterlagen eingeholt und veröffentlicht. Durch diese internen Informationen sinkt für die Anleger das Risiko aus einer potenziellen Investition; gleichzeitig steigt für den Kreditnehmer die Möglichkeit, sein Pro- jekt zu günstigeren Zinsen zu finanzieren.30

Ein Kreditprojekt kann sowohl komplett finanziert, als auch teilfinanziert werden. Der Kre- ditnehmer hat bei einer angebotenen Voll- bzw. Teilfinanzierung die Möglichkeit, die Finan- zierungskonditionen abzulehnen - in diesem Fall ist die Finanzierung des Projektes nicht zu- stande gekommen; das Finanzierungsvorhaben wird beendet. Der Kreditnehmer kann i.d.R. einsehen, wie viel Geld die einzelnen Investoren in das jeweilige Kreditprojekt eingelegt ha- ben. Die Anzahl der Anleger und ggf. der gebotene Zinssatz sind so transparent - die Namen der Investoren werden hingegen nicht veröffentlicht, um einen Interessenskonflikt zu vermei- den.31

Werden die Konditionen des Kredites akzeptiert, wird die Nettodarlehenssumme an den Kre- ditnehmer ausgezahlt und die Tilgungsphase des Kredites beginnt. Das Einziehen der fälligen Darlehensraten wird oft durch einen externen Dienstleister übernommen. Dies können bei- spielsweise Internetzahlungsverkehrs-Dienstleister, wie „Paypal“, oder Inkassounternehmen sein. Auch das Mahnwesen bei nicht fristgerechter Leistung der Darlehensraten bzw. bei Ver- zügen wird i.d.R. über Inkassodienstleister abgewickelt. Werden alle Raten fristgereicht ge- leistet und kommt es zu keiner weiteren Vertragsstörung ist der Kreditvertrag gegenüber den Investoren ordnungsgemäß erfüllt und das Kreditverhältnis wird beendet.32

2.2.3 Bankaufsichtsrechtliche Hintergründe für Plattformen in Deutschland

Im Folgenden Absatz soll die Frage geklärt werden, inwieweit auf den Plattformen Finanzdienstleistungen bzw. Bankgeschäfte betrieben werden und welche bankaufsichtsrechtlichen Konsequenzen sich hieraus ergeben können.

In erster Linie bieten die P2P-Plattformen, wie bereits näher erläutert, nur die Vermittlung von Krediten - nicht etwa die Kreditvergabe selbst. Grundsätzlich ist für die reine Vermitt- lung keine Bankerlaubnis notwendig. Die Plattformen unterliegen also auch nicht der Auf- sichtspflicht des Bundesamtes für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im eigentlichen Sinn. Die BaFin prüft jedoch im Einzelfall, ob die Nutzer der Plattformen hier Finanzdienstleistun- gen, die der bankaufsichtsrechtlichen Genehmigung bedürfen, anbieten: die Darlehensgeber reichen Kredite an die Kreditnachfrager aus, die Darlehensnehmer nehmen fremde Einlagen gegen Zahlung eines Zinsausgleiches an. Auf den Plattformen werden also Kredit- und Einla- gengeschäfte getätigt.33

Dem Grundsatz nach betreiben die Nutzer erlaubnispflichtige Bankgeschäfte, sofern diese Geschäfte nach § 32 Abs. 1 Satz 1 KWG „gewerbsmäßig oder in einem Umfang betrieben werden, der einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert“34. Dies trifft i.d.R. dann zu, wenn eine Gewinnerzielungsabsicht hinter dem Vorhaben steckt, bzw. wenn der Geschäftsbetrieb auf eine bestimmte Dauer angelegt ist. Sofern also eine Wiederholungsabsicht erkennbar ist, handelt es sich um erlaubnispflichtige Bankgeschäfte, die unter die Aufsicht der BaFin fallen.35

Die Betreiber der Plattformen fallen unter deutsches Aufsichtsrecht, wenn diese sich im Vor- feld von Darlehensverträgen bereits Geldbeträge einzahlen lassen, die dann über die Plattform als Kredite ausgereicht werden. Des Weiteren sind die Betreiber einbezogene Unternehmen nach § 31 Abs. 1 Satz 4 KWG, wenn Nutzer erlaubnispflichtige Bankgeschäfte betreiben, bzw. betreiben wollen.36

Um die aufsichtsrechtlichen Vorgaben nicht zu verletzen, hat sich in Deutschland das Kon- zept entwickelt, Transaktionsbanken, die im Hintergrund agieren, mit den Plattformen zu ver- binden. Die Transaktionsbanken führen die Bankgeschäfte durch und benötigen demnach eine Bankerlaubnis - die Nutzer der Plattformen fallen nicht unter die Aufsicht der BaFin.37

Insgesamt ist die Situation für die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht nicht einfach zu beurteilen. Ob und inwieweit die BaFin den Prüfungsaufwand im Falle von Markteintritten nicht konformer Plattformen abdecken kann, bleibt abzuwarten.38

3 Nutzwertanalyse von Peer-to-Peer Kreditplattformen

Bevor nun die einzelnen Plattformen und Institute näher beleuchtet und analysiert werden, befasst sich der folgende Abschnitt zunächst mit den Grundlagen der Nutzwertanalyse. Im weiteren Verlauf erfolgt die Erläuterung des Aufbaus der Analysematrix und der jeweiligen Bewertung und Gewichtung. Abschließend erfolgt die Analyse der Plattformen in Hinblick auf die gewählten Merkmalskriterien.

3.1 Grundlagen der Nutzwertanalyse

Die Nutzwertanalyse ist ein Planungs- und Entscheidungsinstrument, welche in den 1970er Jahren in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Die Nutzwertanalyse (kurz NWA), auch als Scoring-Modell bezeichnet, geht in der Grundform auf einen Ansatz von Christof Zangemeister zurück, der sog. Nutzwertanalyse der 1. Generation.39

Zangemeister bezeichnet die NWA als „[...] Analyse einer Menge komplexer Handlungsalter- nativen mit dem Zweck, die Elemente dieser Menge entsprechend den Präferenzen des Ent- scheidungsträgers bezüglich eines multidimensionalem Zielsystems zu ordnen. Die Abbil- dung dieser Ordnung erfolgt durch die Angabe der Nutzwerte (Gesamtwerte) der Alternati- ve“.40

Die Nutzwertanalyse ermöglicht es demnach, mehrere Alternativen in Abhängigkeit eines bestimmten Zielsystems zu bewerten und einzuordnen. Die Bewertung erfolgt durch den Vergleich der Nutzenwerte der jeweiligen Alternativen, also des gemessenen Nutzens einer Handlungsoption für den Entscheidungsträger.41

Nach Auswahl der zu betrachtenden Alternativen muss zunächst ein bereits definiertes Ziel- system als Grundlage für die Bewertung und Gewichtung bestehen.42 Nach Zangemeister sol- len bei der Aufstellung dieses Zielsystems alle handlungsbestimmenden Ziele umfassend Be- rücksichtigung finden, um eine rationale Entscheidung hinsichtlich der Alternativen treffen zu können.43

Anschließend werden Bewertungskriterien festgelegt, die die jeweiligen Alternativen entspre- chend beschreiben können. Diese Bewertungskriterien werden unterschiedlich gewichtet. Die festgelegte Gewichtung ist Ausdruck der relativen Bedeutung der einzelnen Kriterien und erfolgt durch die Zuordnung eines bestimmten Zahlenwertes, des sog. Gewichtsfaktors. Hier wird häufig die 100-Punkte-Regel angewendet, bei der 100 Punkte so auf die verschiedenen Kriterien verteilt werden, dass die entsprechenden Teilbeträge der relativen Wichtigkeit des Kriteriums im Verhältnis zu den anderen Bewertungskriterien entsprechen.44

Nach der Gewichtung der unterschiedlichen Kriterien müssen nun die Erfüllungsgrade der jeweiligen Kriterien ermittelt werden. Dies erfolgt durch die Bestimmung von Zielerträgen, die, um allgemein gültige Nutzenwerte zu erhalten, in gemeinsame Dimensionen übergeleitet

werden müssen. Diese Transformation geschieht durch die Zuordnung eines Zielerfüllungs- grades zu jedem Zielertrag. Zielerfüllungsgrade werden i.d.R. durch Punktwerte einer vorde- finierten Skala (z.B. 10-Punkte-Skala) beschrieben und drücken aus, inwieweit ein vorher definiertes Ziel - subjektiv betrachtet - erfüllt ist. Sie stellen demnach den zugeordneten Nut- zen dar.45

Multipliziert man nun den Zielerfüllungsgrad mit dem zugeordneten Gewicht des Analysekri- teriums erhält man quantitative Teilnutzenwerte. Die Summe aller Teilnutzenwerte einer Ana- lysealternative ergibt abschließend den Gesamtnutzen der jeweiligen Alternative. Aus den Alternativen kann anschließend gemäß ihrer erreichten Nutzenwerte eine Rangfolge gebildet werden. Die Alternative mit dem höchsten Nutzenwert ist gleichsam die zu wählende Ent- scheidungsalternative.46

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ablauf der Nutzwertanalyse47

Die Nutzwertanalyse zeigt als alleiniges Entscheidungskriterium allerdings diverse Schwä-

chen und Probleme auf. So besteht eine hohe formale Strenge bei der Aufstellung des Analyseschemas, obwohl für die Nutzwertanalyse keine empirischen Theorien bestehen, die diese fundieren und stützen. Weiterhin wird der Entscheider bei der Aufstellung von Zielerträgen und Zielerfüllungsgraden möglicherweise überfordert - die Aussagen des Entscheiders sind immer subjektiv abhängig und nicht objektiv gültig, d.h. eine andere Person kommt unter Umständen aufgrund anderer Ansichten und Prioritäten bei den gleichen Untersuchungsgegenständen zu anderen Analyseergebnissen.48

Gleichwohl führt die Aufgliederung der einzelnen Teilkriterien dazu, einen besseren Gesamtüberblick über das zu analysierende Problem zu erhalten. Die Bewertung wird transparent und schematisiert durchgeführt, wodurch sie auch für Außenstehende leicht nachzuvollziehen ist. Insgesamt bietet die NWA eine einfache Möglichkeit, komplexe Sachverhalte zu bewerten und Entscheidungen zu vereinfachen.49

3.2 Aufbau des Analysemodells zur Bewertung von Peer-to-Peer Kredit- plattformen

Das Ziel der folgenden Nutzwertanalyse ist es, darzustellen, welche P2P-Plattform für den Kunden den höchsten Nutzen aufweist - ob Vorteile gegenüber klassischen Kreditinstituten bestehen und inwieweit mögliche Nachteile für die Kunden dieser Plattformen liegen.

3.2.1 Auswahl der Analyse-Alternativen

Zu Beginn müssen zunächst die zu analysierenden und zu bewertenden Alternativen festge- legt werden. Im konkreten Fall handelt es sich hierbei um die Kreditplattformen, die im Mit- telpunkt der Betrachtung stehen sollen. Insgesamt wurden für die Analyse sieben Plattformen ausgewählt.

Als erster Vertreter der P2P-Plattformen wurde der Kreditmarktplatz Smava als Gegenstand der Untersuchung aufgenommen. Bei Smava handelt es sich um die erste und populärste deut- sche Kreditplattform im Internet, die sowohl durch Fachzeitschriften, wie der Finanzzeit- schrift EURO, als auch durch Stiftung Warentest bisher stets positive Kritiken erhalten hat.50

Als weiterer Vertreter deutscher Plattformen wird das Unternehmen Auxmoney näher beleuch- tet. Auxmoney, die sich selbst als größten deutschen Kreditmarktplatz bezeichnen, wurde im Jahr 2007 gegründet und verfolgt ein ähnliches Geschäftsmodell wie Smava.51

Als kleinere Plattform der deutschen Vertreter wird ferner die Plattform M oney4Friends in die Analyse aufgenommen. Money4Friends wirbt damit, dass diejenigen Kreditanfragen, die von Banken oftmals ohne entsprechende Begründung abgelehnt werden, auf der noch relativ jungen Plattform in Deutschland Berücksichtigung finden können.52

Die Entwicklung der Plattformen ist allerdings nicht in Deutschland begründet. Der weltweit erste Kreditmarktplatz, der im Jahr 2005 entstanden ist, ist das Unternehmen Zopa aus Großbritannien, welches ebenfalls Gegenstand der vorliegenden Analyse ist.53

Eine weitere Analysealternative stellt die Plattform Prosper dar. Bei Prosper handelt es sich um die erste US-amerikanische P2P-Plattform mit mittlerweile insgesamt 1,9 Millionen Mit- gliedern und einer Gesamtkreditsumme in Höhe von 650 Milliarden US-Dollar.54 Das Unter- nehmen wurde im Februar 2006 gegründet zählt derzeit zu den größten Plattformen welt- weit.55

Der soziale Aspekt der gegenseitigen Unterstützung und Hilfe steht bei Kiva im Mittelpunkt des Geschäftsmodells. Kiva ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das sich auf die Unterstützung von Bedürftigen und Armen spezialisiert hat.56 Das Institut wird in der folgenden Analyse ebenfalls näher beleuchtet.

Abschließend wird das schweizer Unternehmen Direct-Lending.net näher betrachtet. Die Plattform ermöglicht Darlehensgebern die direkte Unterstützung einzelner Unternehmen und findet hauptsächlich deshalb Berücksichtigung in der NWA der P2P-Plattformen.57

3.2.2 Festlegung der zu analysierenden Merkmale

Nachdem die sieben Analyseobjekte bzw. Plattformen ausgewählt wurden, besteht der nächste Schritt darin, entsprechende Analysemerkmale festzulegen. Die Merkmale lassen sich insgesamt zu fünf Oberklassen gruppieren.

Die erste Oberklasse umfasst die möglichen Kreditprodukte „Privatkredit“, „Baufinanzie- rung“ und „gewerbliche Investitionsfinanzierung“ als jeweilige Unterklasse innerhalb der Kreditprodukte. Die Unterklassen beinhalten wiederum Merkmale, die ausschließlich mit den angebotenen Kreditprodukten zusammenhängen. Zu spezifizierende Kriterien in der folgen- den Analyse sind der minimale bzw. maximal abrufbare Kreditbetrag, der minimale bzw. ma- ximale Kreditzinssatz, den der Kreditnehmer zu zahlen hat, sowie die minimale bzw. maxima- le Kreditlaufzeit. Weiterhin ist zu definieren, ob die Unterlegung des Kredites durch Sicher- heiten erfolgen kann, ob Sondertilgungsmöglichkeiten für den Kreditnehmer bestehen und inwiefern bei einer vorzeitigen vollständigen oder teilweisen Kreditrückzahlung ein Vorfäl- ligkeitsentgelt in Rechnung gestellt wird. Abschließend ist zu bestimmen, ob für den Kredit- nehmer weitere Bearbeitungsgebühren anfallen und wie diese ggf. erhoben werden.

Das Pendant zu den Kreditprodukten bilden die Anlageprodukte in der zweiten Oberklasse. Diese lässt sich ebenfalls in Unterklassen unterteilen, bei denen zwischen der automatisierten Anlage und der individuellen Anlagemöglichkeit in bestimmte Kreditprojekte differenziert wird. Zu unterscheidende Merkmale sind in diesen Klassen der minimale und maximale Anlagebetrag für den Anleger sowie der minimale und maximale Anlagezinssatz, den der Anleger erwarten kann. Neben der minimalen und maximalen Anlagedauer ist ferner das Merkmal einer möglichen Bearbeitungsgebühr für den Anleger zu definieren.

Die dritte Oberklasse bilden die Anforderungen an die Teilnehmer der Plattformen. Diese lässt sich in Bonitätskriterien für die Kreditnehmer auf der einen Seite mit den Merkmalen der grundsätzlichen Bonitätsprüfung der Kreditnehmer, der Notwendigkeit und dem Einfluss der Schufa-Auskunft bzw. der Auskunft einer anderen Auskunftei, den benötigten Bonitätsunter- lagen des Kreditnehmers, dem Bestehen eines internen Kundenscorings und der durchschnitt- lichen Ausfallwahrscheinlichkeit der Kreditnehmer und der Unterklasse der Identifikation der Teilnehmer auf der anderen Seite untergliedern. Merkmale, die hier im Fokus stehen, sind die Notwendigkeit der Registrierung der Teilnehmer, die Anonymität auf den Plattformen sowie das Mindest- und Maximalalter des Kreditnehmers. Weiterhin ist zu analysieren, ob und in- wieweit eine Identifikation der Teilnehmer erfolgt und ob die Beziehung zwischen Investor und Kreditnehmer offen bekannt ist.

Die Rahmendaten der P2P-Plattformen werden in der dritten Oberklasse näher analysiert. Zunächst werden in der ersten Unterklasse die rechtlichen Rahmenbedingungen näher analy- siert. Ist der Plattformbetreiber eindeutig identifizierbar? Welche Rechtsform wurde gewählt? Wo ist der Hauptsitz des Plattformbetreibers? Besteht eine Zusammenarbeit mit einer Trans- aktionsbank und wie hoch ist die Anzahl der beteiligten Unternehmen? Weiterhin werden die Merkmale der eigentlichen Funktion der Plattform, der Finanzierung der Plattformen, die Notwendigkeit einer Bankerlaubnis, eine eventuelle Einlagensicherung, die Risikovermei- dungsstrategie der Plattformbetreiber sowie die Definition des Trägers des Kreditausfallrisi- kos integriert. Die zweite Unterklasse bilden die möglichen Zielsegmente, also den Anteil der Privatkunden, der Geschäftskunden sowie der Freiberufler. Ferner wird auf die Anlegerziel- gruppe sowie den Zielmarkt bzw. die räumliche Ausrichtung eingegangen. Die dritte Unter- klasse innerhalb der Rahmendaten bilden betriebswirtschaftliche Kennzahlen der Unterneh- men. Hauptaugenmerk liegt hierbei auf dem Jahresüberschuss, der Eigenkapitalquote, der Höhe des Stamm- bzw. Grundkapitals, der Anzahl der Mitarbeiter und der Bilanzsumme. Weiterhin ist noch das evtl. Bestehen eines externen Ratings einer Ratingagentur zu berück- sichtigen.

Die letzte Oberklasse bezieht sich auf den Prozessablauf der Kreditvergabe auf den Plattfor- men. Die Durchschnittliche Anzahl der Anleger je Kreditprojekt, das Vorhandensein einer bonitätsabhängigen Kreditbepreisung, die Möglichkeit von Teilfinanzierungen bei Projekten sowie die Vorgehensweise beim Rateneinzug bilden zusammen mit den Merkmalen der mög- lichen Mahngebühren bei Zahlungsverzug, der Zusammenarbeit mit einem Inkassounterneh- men sowie der Vorgabe der projektbezogenen Mittelverwendung und der Vorlage von Ver- wendungsnachweisen die Unterklasse des Kreditprojektes. Daneben sind mögliche Mehrwerte in der zweiten Unterklasse zu definieren. Werden auf den Plattformen Zusatzleistungen ange- boten? Werden die Anleger zu möglichen Anleger-Pools zusammengefasst? Besteht die Mög- lichkeit, sich gegen einen potenziellen Kreditausfall abzusichern? Neben diesen Merkmalen spielen hier auch mögliche Konditionsvorteile gegenüber einer klassischen Bank eine wesent- liche Rolle.

Nach der Festlegung der Analysealternativen sowie der Analysekriterien und -klassen werden diese in Form einer Tabelle erfasst und geordnet. In den jeweiligen Spalten der Tabelle finden sich die einzelnen Institute wieder, wobei deren Reihenfolge hier allerdings keine Wertung darstellt. In den jeweiligen Zeilen werden die Merkmale und Kriterien definiert. So erhält jedes Institut in jedem Feld der Tabelle eine eindeutige Definition zugewiesen. Die so erhal- tene Datenerfassungstabelle stellt im Anschluss die Ausgangsbasis für die Nutzwertanalyse dar.

3.2.3 Aufbau des Gewichtungs- und Bewertungsmodells

Nachdem im vorangegangenen Kapiteln erläutert wurde, welche Alternativen zur Auswahl stehen und welche Merkmale der P2P-Plattformen analysiert werden sollen, folgt nun der Aufbau des Bewertungsmodells der jeweiligen Kriterien und Ausprägungen.

Für jedes Analysekriterium wird in der Datenerfassungstabelle eine Bewertung nach dem Schulnotensystem eingeführt. Die Noten von 1 bis 6 entsprechen den allgemein geltenden Bedeutungen „sehr gut“, „gut“, „befriedigend“, „ausreichend“, „mangelhaft“ und „ungenü- gend“. Die Noten bringen zum Ausdruck, inwiefern eine bestimmte Merkmalsausprägung als „sehr gut“ oder aber als „sehr schlecht“ zu beurteilen ist. Durch die Bewertung der Merkmals- ausprägungen mittels Schulnoten, also einer zahlenmäßigen Einschätzung, können sowohl quantitative als auch qualitative Kriterien vergleichbar auf einen Nenner gebracht werden.

Als Ergebnis ergeben sich in der Datenerfassungstabelle innerhalb eines Analyseobjektes für jedes Merkmal je ein Feld mit der jeweiligen Merkmalsausprägung und ein Feld für die zugewiesene Schulnote als Bewertungsmaßstab.

Im nächsten Schritt sind die Schulnoten in ein entsprechendes Punktesystem zu transformie- ren. Hierzu wird eine neue Tabelle entwickelt, die vom Aufbau her der Datenerfassungs- matrix entspricht, jedoch nicht die Ausprägungen der Merkmale und die zugehörigen Noten- werte enthält. Die Noten werden in der sog. Auswertungstabelle in ein Punktesystem über- setzt. Die Folgende Tabelle zeigt die Umsetzung der Notenskala in ein entsprechendes Punk- tesystem:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Transformationsskala

[...]


1 Vgl. O'Reilly (2005) S. 1

2 Vgl. smava GmbH (2013a), S. 2

3 Vgl. Barasinska, Jentzsch, & Schäfer (2011), S. 3

4 vgl. Mitschke (2007), S. 3 f.

5 vgl. Lange (2007), S. 64

6 Vgl. Berger & Skiera (2012), S. 289

7 Vgl. Schulz (2007), S. 76

8 Vgl. Bachmann, et al. (2011), S. 1 ff.

9 Vgl. Liebetrau (2012), S. 32

10 Vgl. Leimeister (2012), S. 388

11 Vgl. Howe (2006), S. 1

12 Vgl. Leimeister (2010), S. 245

13 Vgl. Leimeister (2012), S. 388 ff.

14 Vgl. Leimeister (2012), S. 389

15 Vgl. Schwienbacher & Larralde (2012), S. 7 f.

16 Vgl. Leimeister (2012), S. 389

17 Vgl. Heintze (2010), S. 32 f.

18 Vgl. Berger & Skiera (2012), S. 296

19 Vgl. Berger & Skiera (2012), S. 297

20 Vgl. Gischer & Stiele (2007), S. 1330

21 Vgl. Gischer & Stiele (2007), S. 1330

22 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 7 f.

23 Vgl. Liebetrau (2008), S. 1

24 Vgl. Liebetrau (2006), S. 54

25 Vgl. smava GmbH (2013h), S. 1

26 Vgl. Liebetrau (2006), S. 54

27 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 8 f.

28 Vgl. Liebetrau (2006), S. 54

29 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 8

30 Vgl. Berger & Skiera (2012), S. 295

31 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 9

32 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 9

33 Vgl. Mitschke (2007), S. 4

34 KWG (2011), S. 216

35 Vgl. Mitschke (2007), S. 4

36 Vgl. Mitschke (2007), S. 4 f.

37 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 55 ff.

38 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 56

39 Vgl. Bechmann (1978), S. 20

40 Zangemeister (1971), S. 45

41 Vgl. Bechmann (1978), S. 20 f.

42 Vgl. Bechmann (1978), S. 26 f.

43 Vgl. Zangemeister (1971), S. 89

44 Vgl. Bechmann (1978), S. 27

45 Vgl. Bechmann (1978), S. 28

46 Vgl. Bechmann (1978), S. 28

47 Vgl. Bechmann (1978), S. 29

48 Vgl. Landauer (1996), S. 336

49 Vgl. Bechmann (1978), S. 34 f.

50 Vgl. smava GmbH (2013b), S. 1

51 Vgl. auxmoney GmbH (2013a), S. 1

52 Vgl. SIA United Bytes (2013b), S. 3

53 Vgl. Zopa Ltd. (2013b), S. 1

54 Vgl. Prosper Funding LLC. (2013c), S. 1

55 Vgl. Frerichs & Schumann (2008), S. 17

56 Vgl. Kiva (2013a), S. 1 ff.

57 Vgl. Direct-Lending.net GmbH (2013e), S. 1

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Peer-to-Peer Lending. Eine empirische Analyse von Kreditplattformen
Hochschule
Hochschule der Sparkassen-Finanzgruppe Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
68
Katalognummer
V418530
ISBN (eBook)
9783668676343
ISBN (Buch)
9783668676350
Dateigröße
1066 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
peer-to-peer, lending, eine, analyse, kreditplattformen
Arbeit zitieren
Bachelor of Science (B.Sc.) Tobias Bergner (Autor), 2011, Peer-to-Peer Lending. Eine empirische Analyse von Kreditplattformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418530

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