Analyse der Rezeptionen des Cheruskerfürsten Hermann in Kleists "Hermannsschlacht"


Hausarbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Darstellung verschiedener Hermanns-Rezeptionen
2.1. Hermann von „Hass und Rache“ getriebener Tyrann
2.1.1. Menschenbild
2.1.2. Freiheitsbild
2.2. Hermann als aufklärerischer Erzieher

3. Analyse und These zur Hermanns-Figur

4. Erklärungsansätze für die Vielzahl der Interpretationen

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das dramatische Werk Heinrich von Kleists weist anerkanntermaßen eine sehr hohe ästhetische Qualität auf, besitzt jedoch einigen Kritikern zufolge ein „unwürdiges Erzeugnis“ – Die Hermannschlacht.[1]

Sehr häufig kontrovers diskutiert und größtenteils den Erwartungen der Zuschauer bei den ersten Aufführungen nicht entsprechend[2] spaltete dieses Stück seit jeher die Meinungen von Forschern, Kritikern und Lesern.

So kann man heutzutage beispielsweise Aussagen lesen, wie: „Das Drama ‚Die Hermannsschlacht’ ist in seiner dichterischen Bedeutung begrenzt. Niemand wird das leugnen.“[3] Der amerikanische Literaturwissenschaftler Lawrence Ryan versuchte dahingegen dieses Stück in das Gesamtwerk Kleists zu integrieren und kam zu folgender Schlussfolgerung: „Die auf Tagespolitik berechnete Wirkungsabsicht bestimmt das Werk nur oberflächlich. Im Kontext des Gesamtwerks hat dieses Stück vielmehr seine Bedeutung als Fortsetzung wie als Abwandlung einer sich bei Kleist durchgehend ausprägenden Thematik.“[4]

Diese sehr kontrastreichen Sichtweisen stehen und fallen mit der Sichtweise auf die Titelfigur des Dramas: dem Cheruskerfürsten Hermann. Aus diesem Grund widmet sich diese Arbeit insbesondere der Rezeption dieser Figur. Da es wie bei der Hermannschlacht im Allgemeinen auch hier verschiedene Ansichten gibt ist es außerordentlich interessant diese zu analysieren, zu vergleichen und eine Schlussfolgerung zu ziehen.

Die Vorgehensweise dieser Arbeit soll nun im Folgenden weiter erläutert werden. Zu Beginn werden zwei sehr verbreitete, jedoch vollkommen gegensätzliche Hermann-Rezeptionen vorgestellt und analysiert. Die eine zeichnet Hermann insbesondere als einen demagogischen Tyrannen wohingegen die andere dargestellte Rezeption in ihm eine sehr positive Erscheinung sieht, die den anderen Figuren als aufklärerischer Erzieher dient. Diese beiden Rezeptionen dienen als Hinführung zur zentralen These, die besagt, dass Hermann ein sehr gut intentionierter Machthaber ist, der aus menschlich nachvollziehbaren Gründen handelt und das Wohl seines Volkes und seiner Familie an die erste Stelle setzt. Jedoch wird die Art und Weise wie er seine Ziele zu erreichen gedenkt kritisch betrachtet und festgestellt, dass er auch dadurch in seinem Vorhaben scheitert beziehungsweise daran scheitern musste.

2. Darstellung verschiedener Hermanns-Rezeptionen

2.1. Hermann von „Hass und Rache“ getriebener Tyrann

Das erste sehr häufig rezitierte Bild Hermanns in Kleists Hermannsschlacht gründet auf seinem Ausspruch:

„Ich will die höhnische Dämonenbrut nicht lieben!

So lang sie in Germanien trotzt,Ist Haß mein Amt und meine Tugend Rache!“

(4.9.)

Dieses Bild gründet sich weiterhin in der betriebenen Demagogie Hermanns, in der ein imaginäres Feindbild der Römer, aufgebaut wird. Mit dieser Manipulation macht Hermann nicht einmal Halt vor dem privatesten Bereich seines Lebens – seiner Ehe. Des Weiteren wird sein Tyrannenbild durch seine Konzeption von Freiheit und dem Einsatz von Brutalität verstärkt. Diese Punkte werden in den nächsten Absätzen weiter begründet und durch entsprechende Textstellen aus Kleists Werk belegt.

2.1.1. Menschenbild

Hermanns im Alleingang vorbereitete politische Verschwörung ist geprägt vom Hass gegen Römer und Verachtung gegenüber den eigenen Landsleuten[5]. Dies zeigt sich zum einen darin wie er mit seiner Familie umgeht – und insbesondere mit seiner Frau Thusnelda.

Die von Kleist als sehr naiv dargestellte Fürstin wird von Hermann lediglich als Köder für Ventidius benutzt. Dies wird von Thusnelda auch erkannt und sie bittet ihren Ehemann daher auch inständig Sie aus diesem Spiel herauszuhalten:

„Ich bitte dich, verschone fürderMit den Besuchen dieses Römers mich.Du wirfst dem Walfisch, wie das Sprichwort sagt,Zum Spielen eine Tonne vor;Doch wenn du irgend dich auf offnem Meere nochErhalten kannst, so bitt ich dich,Laß es was anders, als Thusnelden, sein.“(2.8.)

In diesem Zuge bittet sie Hermann diese listigen Täuschungen aus dem privaten Leben zu bannen und wenn nötig diese nur im politischen/öffentlichen Bereich zu verwenden. Dies verdeutlicht sie semantisch eindeutig, indem sie sich metaphorisch mit einem Spielzeug gleichsetzt, das einem großen gefährlichen Tier vorgeworfen wird.

Hermann jedoch verfolgt weiter seine Pläne ohne auf diese Bitte seiner Frau einzugehen. Seinem eigenen Credo „dem Weib, das mir vermählt, der Gatte, ein Vater meinen süßen Kindern, Und meinem Volk ein guter Fürst zu sein“ (2.1.) kann er dadurch in dieser Sichtweise nicht gerecht werden. Die Menschenverachtung Hermanns äußert sich hierbei insbesondere darin, dass er die Abhängigkeit seiner Frau ihm gegenüber in vollstem Maße ausnutzt.

Sein tyrannisches Ich kommt aber vor allem im ungebremsten Römerhass zum Ausdruck. Dieser ist das Hauptmotiv seiner Handlung und in diesem Zusammenhang missachtet er die durch Gesetz, Recht und Humanität festgelegten Gesetze[6]. Dass die Römer nicht so hassenswert sind wird damit begründet, dass Kleist die Römer in den hohen Positionen wie Quintilius Varus oder Septimius als verantwortungsbewusst handelnde Personen darstellt. Zwar haben auch diese Fehler, werden jedoch als human handelnde Individuen dargestellt: Varus ordnet an alle Übergriffe der Soldaten rigoros zu bestrafen, Septimius entschädigt einen Germanen dessen Hütte durch einen Brand zerstört wurde durch „zwei volle Säckel Geldes“.*5.12[7]

Sein Hass äußert sich sowohl in der Erschaffung eines künstlichen Feindbildes gegen die Römer, zum anderen in der Brutalität seiner Handlungen. Er verfälscht das Römerbild, indem er die guten Taten der römischen Besatzungsmacht verschweigt, die schlechten Taten in übertriebener Form darstellt und vollkommene Falschmeldungen verbreiten lässt. Dies soll im Folgenden exemplarisch an einer ausgewählten Textstelle des Dramas demonstriert werden. Nachdem das Römerheer in Germanien einzieht melden drei germanische Hauptmänner dem Hermann von den Römern begangene Verbrechen, woraus sich folgender Dialog ergibt:

Der erste Hauptmann (indem er auftritt).Mein Fürst, die ungeheuerenUnordnungen, die sich dies Römerheer erlaubt,Beim Himmel! übersteigen allen Glauben.Drei deiner blühndsten Plätze sind geplündert,Entflohn die Horden, alle Hütten und Gezelte –Die unerhörte Tat! – den Flammen preisgegeben!

Hermann (heimlich und freudig).Geh, geh, Siegrest! Spreng aus, es wären sieben!

(3. 2.)

Vor allem die Regieanweisung lässt das Wesen Herrmanns deutlich erkennen. Statt erschüttert durch diese tragische Nachricht zu sein, gelten seine Gedanken nicht den Opfern dieser Tat – seinen Untertanen – sondern er ist „freudig“ über das Geschehene und denkt sofort daran, wie er es für seine Zwecke verwenden kann. Durch die augenscheinliche Verwendung einer Hyperbel lässt er daraufhin eine übertrieben römerschädigende Meldung verbreiten, die zur Erschaffung des künstlichen Feindbildes beiträgt.

Eine in diesem Zusammenhang fundamentale Stelle im Drama ist die sehr oft diskutierte sogenannte ‚Hally-Szene‘. Angelehnt an eine Szene aus dem biblischen Buch Richter wird eine geschändete germanische Jungfrau getötet, zerstückelt und als Zeichen der germanischen Verbundenheit und des Widerstandes an alle germanischen Stämme geschickt. Es ist jedoch nicht eindeutig ersichtlich, ob die Jungfrau Hally tatsächlich von römischen Soldaten vergewaltigt wurde oder ob es als Römer verkleidete Germanen gewesen sind, die Hermann zum „sengen, brennen und plündern“ *(3.2.) dem römischen Heer nachsandte. Geistesgegenwärtig und ohne die Umstände zu klären machte Hermann daraus ein Verbrechen der Römer.[8] Betrachtet in der Gesamtheit der Ereignisse ist Hermann nicht unerheblich daran beteiligt die Römer schlechter darzustellen, als sie sich in der Realität verhalten.

Der zweite Punkt durch den er seinen Hass gegen die Römer ausdrückt ist Brutalität. Unter anderem bei der völkerrechtlich nicht einwandfreien Hinrichtung des entwaffneten Römers durch „eine Keule doppelten Gewichts“*5.13 wird die von Seiten Hermanns ausgeübte Brutalität eindeutig erkennbar. Der Tod des Septimius ist nicht nur brutal sondern auch in extremer Weise unwürdig.[9] Dies ist ein weiterer Punkt der zum Tyrannenbild Hermanns beiträgt.

Der Einzug einer Besatzungsmacht ist ohne Zweifel eine besondere Situation in der besondere Maßnahmen zu ergreifen sind, jedoch überschreitet Hermann „das Maß der für die politische Verschwörung notwendigen Verstellungen um ein Weites.“[10]

2.1.2. Freiheitsbild

Ein entscheidender Punkt, der zu Hermanns Bild des Tyrannen/Diktators beiträgt ist sein Verständnis von Freiheit. Sein oberstes Ziel ist und bleibt die Ausrottung der Römer. Die unter ihm gewonnene Freiheit wäre jedoch lediglich ein abstraktes Ideal, da er jegliche Form der Selbstbestimmung nicht duldet. Belegt wird dies in der Behandlung des Ubierfürstes Aristan an der man sieht, dass die Mitglieder einer Gemeinschaft unter Hermann nicht frei wären eigene Entscheidungen zu treffen. „Das Prinzip einer Freiheit, deren Wahrung sich darin erweist, dass man die des anderen achte, ist offenbar nicht das Freiheitsprinzip Hermanns“ – Worte die man in der Forschungsliteratur zu Hermann lesen kann.[11]

Basierend auf all diesen genannten Merkmalen bezüglich Hermanns Menschen- und Freiheitsbild wird in der Sekundärliteratur sehr oft das Bild des erbarmungslosen Tyrannen gezeichnet, das sehr gut von diesem Satz zusammengefasst wird: „Welteroberungspläne und Alleinherrschaft verfolgt er, absolutistische Unfreiheit und diktatorische Gewaltherrschaft gehen von ihm aus; internationale Abmachungen und elementare Prinzipien der Humanität missachtet er, falsch und verlogen ist er, voller Verachtung seiner Mitmenschen ist er.“[12]

2.2. Hermann als aufklärerischer Erzieher

Es ist erstaunlich, dass trotz überzeugender Textbelege im Abschnitt 2.1. auch eine völlig andere Rezeption bezüglich Hermann in der Sekundärliteratur vorherrscht – diese werden im Folgenden beruhend auf ausgewählten Prosatexten Kleists, seinem Frankreichbild und seinem Ideal der perfekten Gesellschaftsform skizziert.

[...]


[1] Hans-Dieter Loose: Kleists „Hermannsschlacht“: kein Krieg für Hermann und seine Cherusker: e. paradoxer Feldzug aus d. Geist d. Utopie gegen d. Geist besitzbürgerl. u. feudaler Herrschaft. Karlsruhe: von Loeper 1984, S.1

[2] Gesa von Essen: Hermannsschlachten: Germanen- und Römerbilder in der Literatur des 18. Und 19. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein-Verl. 1998, S.194

[3] Loose, Kleists „Hermannsschlacht“, S.2

[4] ebd.

[5] Gerhard Kluge: Hermann und Fiesko – Kleists Auseinandersetzung mit Schillers Drama. in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 37. (1993). S.252

[6] Kluge, Hermann und Fiesko, S.260

[7] Peter Michelsen: „Wehe, mein Vaterland, dir!“.Heinrichs von Kleist ‚Die Hermannsschlacht‘. in: Hans Joachim Kreuzer (Hg.): Kleist-Jahrbuch 1987. Regensburg: Erich Schmidt Verlag 1987, S.125

[8] Eva Horn: Herrmanns Lektionen. Strategische Führung in Kleists Hermannsschlacht. in: Günter Blamberger/Ingo Breuer/Klaus Müller-Salget (Hg.): Kleist Jahrbuch 2011. Stuttgart: J.B. Metzler 2011, S.79

[9] Michelsen, Vaterland, S.128

[10] Kluge, Hermann und Fiesko, S.255

[11] Michelsen, Vaterland, S.136

[12] Kluge, Hermann und Fiesko, S.261

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Analyse der Rezeptionen des Cheruskerfürsten Hermann in Kleists "Hermannsschlacht"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Revolutionäre, Rebellen, Verschwörer. Figuren des Politischen um 1800
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V418691
ISBN (eBook)
9783668676633
ISBN (Buch)
9783668676640
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Cheruskerfürst, Hermann, Kleist, Hermannsschlacht, Rezeption
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Analyse der Rezeptionen des Cheruskerfürsten Hermann in Kleists "Hermannsschlacht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418691

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